Andreas Jordan | 27. Oktober 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Seit über 30 Jahren widmet sich der in Berlin geborene Bildhauer Gunter Demnig der Erinnerung an jene, die einmal einfach Nachbar*innen waren und eines Tages verschwanden – vertrieben, verschleppt, ermordet von den Nazis.
Am 16. Dezember 1992 legte Demnig in Köln seinen ersten "Stolperstein". Inzwischen liegen in Deutschland und vielen anderen Ländern rund 104.000 dieser kleinen, mit Metall beschlagenen Quader vor Häusern, wo die Opfer einst wohnten. Heute hat Bildhauer Gunter Demnig Geburtstag. Wir gratulieren herzlich!
Gedenkveranstaltung im Herzen der Stadt: Kinder waren die wehrlosesten Opfer
Online-Redaktion | 26. September 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Am Samstag (23.9.) fand auf dem Rosa-Böhmer-Platz in Gelsenkirchen eine städtische Gedenkveranstaltung anlässlich des 80. Jahrestages der Deportation Gelsenkirchener Sinti in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau statt. Der Rosa-Böhmer-Platz im Herzen der Stadt Gelsenkirchen wurde auf eine Anregung aus der Bürgerschaft 2020 nach dem Sinti-Mädchen Rosa Böhmer benannt und erinnert damit stellvertretend an die Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma in der Nazi-Zeit.
Der Musiker Karl Böhmer und seine Frau Anna, in Gelsenkirchen ansässige deutsche Sinti, lebten seit 1930 in einer Wohnung an der Bergmannstraße in Ückendorf. 1930 wurde Sonia Böhmer, 1931 ihre Schwester Elisabeth geboren. Am 21. November 1931 heirateten Karl und Anna in Gelsenkirchen. Anna Böhmer brachte sieben weitere Kinder zur Welt, 1933 werden Rosa, 1935 Willy, 1937 Karl, 1938 Marie, 1939 Sophie, 1940 Albert und 1942 Werner geboren. Niemand aus der Familie Böhmer hat in der Folge Rassenwahn und Vernichtungswille der Nazis überlebt.
Seit 2014 erinnern am letzten, selbstgewählten Wohnort der Familie Böhmer elf von Gelsenkirchener:Innen gespendete Stolpersteine an Familie Böhmer - so wird in Gelsenkirchen vor dem Haus Bergmannstr. 34 die Verfolgung und Ermordung deutscher Sinti sichtbar.
Bürgerantrag: Tafel soll exemplarisch an Ghettohaus Augustastr. 7 erinnern
Online-Redaktion | 16. August 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
In den Ghettohäusern, so genannte ‚Judenhäuser‘ mussten Jüdinnen*Juden auf engstem Raum mit anderen Menschen zusammenleben. Sie wurden entweder gezwungen, von ihrem eigenen Haus aus in ein ‚Judenhaus‘ umzuziehen, oder sie mussten in ihrem eigenen Haus andere jüdische Familien aufnehmen. Ihr Haus wurde somit zu einem ‚Judenhaus‘ umfunktioniert. Am damaligen Standort eines der Gelsenkirchener Ghettohäuser an der Augustastr. 7 soll exemplarisch eine Erinnerungstafel errichtet werden. Eine dahingehende Anregung (§ 24 GO NRW) haben wir heute der Gelsenkirchener Oberbürgermeisterin übermittelt:
Sehr geehrte Frau Welge,
im Rahmen eines Bürgerantrags rege ich an, in Höhe der Kreuzung Weber-/Augustastr. eine Erinnerungstafel
„Ghettohäuser Gelsenkirchen 1939-1945“ zu errichten.
Begründung:
Auch Gelsenkirchen war unter der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus ab dem Jahr 1939 von einem Netz von innerstädtischen Ghettohäusern - so genannter 'Judenhäuser' - überzogen. Auf dem heute als „Parkplatz WEKA-Karee“ genutzen Grundstück stand das Haus Augustastrasse 7, von der damaligen NS-Stadtverwaltung zu einem der Gelsenkirchener Ghettohäuser erklärt.
In das Haus Augustastrasse 7 wurden seit 1939 mehr und mehr Menschen zwangseingewiesen, die unter stetig steigenden antisemitsichen Verfolgungsdruck ihre Wohnungen haben verlassen müssen. Ihres früheren sozialen Umfeldes beraubt, mussten die Jüdinnen und Juden einen Großteil ihrer Habe und ihres Mobiliars veräußern und fortan auf sehr beengtem Raum leben, teilweise mit mehreren Familien in einer Wohnung. Die Konzentrierung der Jüdinnen und Juden in diesen Zwangsunterkünften wurde von der Gestapo angeordnet, in enger Kooperation mit der städtischen Verwaltung, die sich auch um die Neuvermietung der frei gewordenen Wohnungen an nichtjüdische Deutsche kümmerte.
Als eines der Gelsenkirchener Ghettohäuser wurde es zu ihrem völlig überbelegten, letzten Wohnort vor den Deportationen von
Gelsenkirchen nach Riga, Warschau, Theresienstadt und in das Zwangsarbeitslager Elben bei Kassel – von den aus diesem Haus deportierten Menschen hat kaum jemand den unbedingten Vernichtungswillen des NS-Terrorregimes überlebt.
Mit der Erinnerungstafel soll exemplarisch am damaligen Unrechtsort Augustastr. 7 für alle Bürger*Innen zugänglich an geschehenes Unrecht und die Schicksale der dort im NS aus rassistischen Gründen zwangsweise untergebrachten Menschen erinnert werden. Dies kann nur in der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart geschehen, indem wir nachfolgenden Generationen vor Augen führen, welch
wertvolles und unersetzliches Gut ein freies und selbstbestimmtes Leben ist.
+ + + UPDATE 9/2023: Zwischenzeitlich hat die Stadtverwaltung Gelsenkirchen den Eingang der Anregung bestätigt und zuständigkeitshalber an das hiesige Institut für Stadtgeschichte zur weiteren Bearbeitung weitergeleitet.
+ + + UPDATE 4/2024: Der Anregung wurde von Seiten der politischen Gremien nicht gefolgt. Eine (exemplarische) Erinnerungsortetafel „Ghettohäuser in Gelsenkirchen 1939-1945“ an der Augustastraße 7 wird als nicht notwendig errachtet.
Neue Wanderausstellung: „Rosa Winkel. Als homosexuell verfolgte Häftlinge in den Konzentrationslagern Buchenwald und Mittelbau-Dora“
Andreas Jordan | 30. Juli 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Ausstellung „Rosa Winkel. Als homosexuell verfolgte Häftlinge in den Konzentrationslagern Buchenwald und Mittelbau-Dora“ erzählt erstmalig, unter welchen Bedingungen queere Menschen im Konzentrationslager litten und welche Erfahrungen der Diskriminierung und Kriminalisierung sie auch nach der Befreiung machten. Im Mittelpunkt der Präsentation stehen die Lebens- und Arbeitsbedingungen der als homosexuell verfolgten Häftlinge in den Konzentrationslagern Buchenwald und Mittelbau-Dora. Die Ausstellung zeigt, dass die mit einem rosa Winkel gekennzeichneten Häftlinge zeitweise auf der niedrigsten Stufe der sozialrassistisch bedingten Häftlingshierarchie standen und daher unter einem hohen Vernichtungsdruck litten. Erarbeitet wurde die Ausstellung 2022 durch Studierende der Friedrich-Schiller-Universität Jena in Kooperation mit der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora.
Im Focus der Ausstellung steht auch der der Gelsenkirchener Ernst Papies
Der homosexuelle Ernst Papies wurde in der NS-Zeit mehrfach nach § 175 verurteilt und eingesperrt, überlebte die Konzentrationslager Buchenwald, Mauthausen und Auschwitz und brachte danach noch die Kraft auf, in der jungen Bundesrepublik Anträge auf Wiedergutmachung und Entschädigung zu stellen - jedoch vergeblich. Die Streichung des Paragraphen 175 im Jahr 1994 hat Ernst Papies noch erlebt, doch das im Sommer 2017 verabschiedete Gesetz zur Rehabilitierung der nach § 175 verurteilten homosexuellen Männer kam für Ernst Papies zu spät - da war er bereits seit zehn Jahren tot.
Jürgen Wenke: "Ernst Papies war ein Verfolgter, kein Opfer"
Nach Papies soll eine Straße in Gelsenkirchen benannt werden - das hiesige Institut für Stadtgeschichte (ISG) hat ein Geschichtsbild zu Ernst Paies erstellt und kam zu dem Ergebnis, das "es bedenkenswert ist, stellvertretend für andere oder auch eingebunden in die Geschichte anderer verfolgter homosexueller Bürger der Stadt angemessen an Ernst Papies zu erinnern." Vorausgegangen war die Anregung nach § 24 GO NRW, eine Straße in Gelsenkirchen nach Ernst Papies zu benennen, die der Bochumer Dipl.-Psychologe Jürgen Wenke und Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) gemeinsam an die Stadt gerichtet hatten. Jürgen Wenke hatte zuvor umfassende Forschungen zu den Lebens- und Leidenswegen von Ernst Papies durchgeführt: Dokumentation Ernst Papies.. Wie die Stadtverwaltung bereits 2022 mitteilte, steht aktuell in Gelsenkirchen keine Straße für eine Neubenennung zur Verfügung, sobald jedoch eine Straße zur Benennung ansteht, wird die Verwaltung eine Bennung nach Ernst Papies vorschlagen und den entsprechenden Gremien zur Beschlussfassung vorlegen. Bundesweit erste Kommune, die eine Straße nach einem im NS verfolgten Homosexuellen benannte, war 2016 Dortmund mit der Otto-Meinecke-Straße, es folgte 2019 Bochum mit der Hermann-Hussmann-Straße. Wird Gelsenkirchen die dritte Stadt in Deutschland, die mit einer Straßenbenennung an einen NS-verfolgten schwulen Mann erinnert?
Gelsenkirchen: Fortsetzung der Putzaktion - Viele Stolpersteine glänzen wieder
Online-Redaktion | 29. Juni 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
In den letzten Tagen hat das Team von Liberating Gelsenkirchen (Digitales Museum) in Gelsenkirchen weitere der in unserer Stadt verlegten Stolpersteine auf Hochglanz poliert. Dieses Mal waren es Stolpersteine vor diesen Häusern: Grillostr. 57; Schalker Straße 160, 174, 184; Gewerkenstr. 2, 68; Bismarckstr.152 / 205 / 227; Hohenzollernstr.272; Wittekindstr. 21; Zeppelinallee 55; Feldmarkstr. 119; Kurfürstenstr. 8; Kurt-Schumacher-Str. 10; Schalker Str. 75; Küppersbuschstraße 25; Florastraße MIR/ÖVP-Haltestelle Höhe Kennedyplatz und Liebfrauenstraße 38. Wer eigeninitiatv Stolpersteine pflegen und polieren möchte, findet auf unserer Webseite entsprechende Informationen. Gerne beantworten wir Fragen per Email.
Gelsenkirchen: Die vergessenen Kinder von Zwangsarbeiterinnen
Andreas Jordan | 21. Juni 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
„Die Würde kommt mit dem Namen des Menschen zurück. Ich finde, wir haben also die Verantwortung, dass wir die Namen den Menschen zurückgeben. Diese Kinder, die wirklich gelitten haben, bis sie zu Tode kamen, dass sie ihren Namen zurückbekommen und ihre Würde damit. (Margot Löhr)
Abb.: Stolpersteine erinnern in Hamburg an ermordete Kinder von Zwangsarbeiterinnen. (Foto: Gesche-M. Cordes)
Unter den Millionen Zwangsarbeitern, die im Zweiten Weltkrieg ins Deutsche Reich verschleppt wurden, waren auch viele junge Frauen. Für die Nazis waren sie Menschenmaterial: Verschleppte Frauen aus Polen und der Sowjetunion, die in deutschen Privathaushalten, Firmen und Fabriken zwangsarbeiten mussten. Manche von ihnen waren schon bei der Verschleppung schwanger, andere wurden es in Deutschland. Aus deutscher Sicht zählte nur die Arbeitskraft der Frauen; Kinder waren weder vorgesehen noch erwünscht.
Abb.: Lili starb einige Tage vor ihrem ersten Geburtstag. (Sterbeurkunde Lili Beresa, Arolsen Archives)
Also wurden solche "Fälle" systematisch geregelt. In speziellen Lagern wie beispielsweise das Entbindungs- und Abtreibungslager Waltrop-Holthausen (Westfalen) wurden die Frauen zur Abtreibung gezwungen oder mussten unter primitivsten Bedingungen ihre Kinder zur Welt bringen. Die Bedingungen für die dort geborenen Kinder wurden so gestaltet, dass ein großer Teil der Säuglinge vor Vollendung des ersten Lebensjahres starb. Andere wurden anhand "rassischer" Kriterien überprüft und dann entsprechend ihrer Qualifizierung als "gut-" oder "schlechtrassisch" eingeteilt und ihren Müttern weggenommen - die "gutrassigen" sollten in besonderen Heimen als Deutsche erzogen werden.
Die meisten der in Waltrop-Holthausen geborenen Kinder erlitten ein anderes Schicksal, sie starben schon bald nach der Geburt an
Krankheiten oder an bewusst herbeigeführter Unterernährung. Auch in Gelsenkirchener Lagern wurden Kinder geboren, exemplarisch sei hier die Zememtfabrik Ostermann genannt.
Die lästigen Schwangeren und ihre "schlechtrassischen" Säuglinge
Auf kaum einem Gebiet zeigte sich die rassischtische Perversität der Nationalsozialisten und ihrer zahlreichen Helfershelfer derart, wie in der Behandlung der schwangeren Zwangsarbeiterinnen und ihrer Säuglinge. Die Schwächung der "biologischen Volkskraft der slawischen Völker im Osten" war ein wesentliches Ziel Hitlers und seiner SS-Schergen, dokumentiert in Reden und Programmen. "Das, was in den Völkern an gutem Blut unserer Art vorhanden ist, werden wir uns holen, indem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und sie bei uns großziehen",- hatte Himmler am 4.10.1943 verkündet, begleitet von zahlreichen Erlassen zur Behandlung schwangerer Polinnen und Ostarbeiterinnen und ihrer Kinder. Unfd als beim vormarsch in die Sowjetunion nicht alles so lief, wie Hitler sich das in seinem wahn gedacht hatte, ließ er über Bormann wissen; das er sofort Maßnahmen wünschte:
"1: um zu verhüten, daß von deutschen Militär- und Zivilangehörigen mit fremdvölkischen Frauen Kinder gezeugt werden.
2. um weiteren Verbreitung der Geschlechtskrankheiten zu begegnen und
3. um die Kinderzahl der einheimischen Bevölkerung selbst herabzudrücken."
Da der Gummimangel eine großzügige Verteilung von Kondomen verhinderte, blieb alles, wie es war.
Keine Deutsche und kein Deutscher konnte vor dem Elend der Zwangsarbeiter die Augen verschließen, doch nach 1945 wollte auch davon niemand "etwas gewusst" haben. Umso wichtiger ist heute, diese lange verschwiegenen Schicksale wieder zu vergegenwärtigen. Rund dreißig dieser vergessenen Kinder lassen sich derzeit in Gelsenkirchen nachweisen, die Recherchen sind jedoch noch nicht abgeschlossen. Wir wollen schon bald mit Stolpersteinen an diese Opfer in unserer Stadt erinnern. Es werden noch weitere Stolpersteinpat*Innen gesucht.
Grimme Online Award 2023: Stolpersteine NRW
Online-Redaktion | 16. Juni 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Herzlichen Glückwunsch, liebes Team von „Stolpersteine NRW – Gegen das Vergessen”! Das multimediale WDR-Projekt gewinnt in der Kategorie „Wissen und Bildung“ den Grimme Online Award. Der Preis wurde verliehen für Konzept und Realisierung der App Stolpersteine NRW.
Begründung der Jury: Das Projekt "Stolpersteine NRW" verzeichnet auf einer interaktiven Karte alle rund 16.000 Stolpersteine in Nordrhein-Westfalen und beleuchtet die Hintergründe zu den Steinen. Das Angebot macht die Lebensgeschichten der Opfer in verschiedenen Formaten verfügbar. Während automatisierte Foto-Text-Strecken die Biografien in den historischen Kontext einbetten, visualisieren Infografiken verstörende Fakten und Zahlen zum Holocaust. Trotz der sachlichen Tonlage vermögen die Beiträge zu berühren. Die Inhalte sind hervorragend recherchiert und geben einen umfassenden Einblick in das Leben und Schicksal der Deportierten. Die Navigation in jeweils komplementär wirkender App und Website ermöglicht eine unkomplizierte Nutzung, ob zu Hause am Laptop oder vor Ort auf einer der vorgeschlagenen Routen mit dem Smartphone.
Dabei hilft besonders die Möglichkeit, Stolpersteine nach Kriterien wie Geburtsjahr, Opfergruppen, Deportationsort oder Art der inhaltlichen Aufbereitung zu filtern. Lehrer*innen finden auf der Website gut aufbereitete Unterrichtsmaterialien – und Schüler*innen die Option, weitere Informationen einzupflegen. Das Projekt zeichnet sich insgesamt durch eine hohe gestalterische Qualität, gutes Storytelling und eine einwandfreie technische Umsetzung aus. Mit rund 230 Graphic Storys, rund 80 Audio Storys und über 1.000 Text Storys, die für das Projekt neu produziert wurden, ist es ein herausragendes digitales Angebot, das einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur leistet und das Potenzial hat, auf andere Regionen ausgedehnt zu werden.
Beschreibung: Mit „Stolpersteinen“ erinnert der Künstler Gunter Demnig an Menschen, die während des Nationalsozialismus verfolgt wurden. In der App und auf der Website „Stolpersteine NRW“ des WDR sind sie erfasst. Die Lebensgeschichten vieler Opfer sind als Graphic-Storys, Text, Audio und in einer AR-Umgebung verfügbar, in der sich virtuelle Kerzen platzieren lassen. In Zusammenarbeit mit Initiativen vor Ort macht die Anwendung Geschichte vor der Haustür erlebbar und arbeitet gegen das Vergessen an. Ein Vorbild auch für andere Regionen.(Quelle Begründung u. Beschreibung: Grimme-Institut)
Bauarbeiten: Stolpersteine gesichert und eingelagert
Online-Redaktion | 15. Juni 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Vor dem Haus Poststraße 20 in Gelsenkirchen-Horst erinnerten Stolpersteine an Josef Günsberg und seine Kinder Fanny und Lothar. Die Familie wurde im Holocaust von den Nazis ermordet. Ihnen war zuvor noch die Flucht nach Holland gelungen, doch dort wurden sie vom Mordapparat der Nazis eingeholt. Über das Durchgangslager Westerbork wurde Josef Günsberg nach Auschitz, die Kinder in das Vernichtungslager Sobibor verschleppt und ermordet. Die genaue Lage und Anordnung der Steine wurden vor Beginn dort aktuell stattfindender Erdarbeiten fotografiert, die kleinen Denkmale ausgebaut und eingelagert. Wie die bauausführende Firma heute versicherte, werden die Stolpersteine nach Abschluss der Arbeiten wieder an Ort und Stelle in den Gehweg eingelassen.
Gelsenkirchen: Viele Stolpersteine glänzen wieder
Online-Redaktion | 12. Juni 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Am vergangenen Wochende hat das Team von Liberating Gelsenkirchen (Digitales Museum) in Gelsenkirchen in einer zweitägigen Putzaktion viele der in unserer Stadt verlegten Stolpersteine auf Hochglanz poliert. Am ersten Tag der Putzaktion nahm sich das Team alle Stolpersteine südlich des Hauptbahnhofes vor, an Tag zwei setzten Melanie, Philipp und Jonas die Putzaktion im Gelsenkirchener Norden fort. Stolpersteine an folgenden Lern- und Erinnerungsorten glänzen wieder: Steinfurthstr. 26
Karl-Meyer-Str. 2,10 und 29; Schwanenstr. 6; Josefstr. 32; Neustadtplatz 6; Bochumer Str. 45 und 92; Knappschaftshof 1; Bergmannstr. 34,37 und 43; Dessauerstr. 72 sowie Im Quartiermeister 18; Freiheit 5; Buer-Gladbecker-Str. 12; Königgrätzerstr. 20; Urbanusstr. 1; Horster Str. 17;
Breddestr. 21; Rathausplatz 4; Cranger Str. 265,398; Mittelstr. 36. Wer eigeninitiatv Stolpersteine pflegen und polieren möchte, findet auf unserer Webseite entsprechende Informationen. Gerne beantworten wir Fragen per Email.
Der 100.000ste Stolperstein
Online-Redaktion | 22. Mai 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
100.000 mal einem Menschen gedacht
– eine Biografie erforscht
– eine Inschrift in Messing geschlagen
– einen Gehweg geöffnet
– einen Namen zurück in unsere Straßen geholt
– ein Schicksal öffentlich sichtbar gemacht
– einen Ort für Gedenken und Trauer geschaffen
– die Verbrechen angeklagt
– Menschen zusammengebracht
– die Vergangenheit mit dem Heute verbunden
– uns zum Nachdenken animiert
– und uns in die Verantwortung gezogen.
Als Gunter Demnig 1992 das KunstDenkmal STOLPERSTEINE entwickelte, ging es ihm um individuelles Gedenken. Die Nationalsozialisten wollten die verfolgten Menschen zu Nummern machen und ihre Identität auslöschen. Mit den STOLPERSTEINE wollte er diesen Prozess rückgängig machen und ihre Namen wieder in die Straßen und Städte zurückholen. In diesem Sinne ist es wichtig zu betonen, dass der 100.000ste Stein am 26. Mai 2023 für Johann Wild, der aktiv im sozialistischen Widerstand tätig war, verlegt wird. Johann Wild, der am 24. Mai 1892 in Nürnberg geboren wurde, war gelernter Mechaniker und arbeitete nach dem Ersten Weltkrieg bei der Nürnberger Feuerwehr. Er wohnte zusammen mit seiner Frau Emma und der gemeinsamen Tochter Elvira in der Bartholomäusstraße 29a.
Der Stolperstein wird in Nürnberg verlegt. Einer Stadt, in welchen die Verbrechen gegen die Menschheit erstmalig geahndet wurden. In einer Stadt also, die bis heute für die Achtung und Wahrung der Menschenrechte steht. Der 100.000ste Stolperstein soll uns daher daran erinnern,
– dass hinter jedem Stein ein Menschenleben steht.
– dass es 100.000 Steine von nötigen 12 Millionen sind.
– dass wir auch heute – im Zweifel auch gegen Widerstand – für Menschenrechte eintreten müssen.
Ellen Marcus besucht letzten selbstgewählten Wohnort von Angehörigen in Gelsenkirchen
Andreas Jordan | 11. Mai 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Aus Texas angereist nahm Ellen Marcus gestern in Bochum an der Stolpersteinverlegung für ihren Vater Hans-Werner und seine beiden Schwestern in Bochum teil. Heute stand dann u.a. ihr Besuch in Gelsenkirchen auf dem Pogramm. Wir trafen uns mit Ellen Marcus am letzten, selbstgewählten Wohnort der Familie Alfred Heyman an der Gelsenkirchener Liboriusstr. 100, dort werden wir im nächsten Jahr im Rahmen einer Gemeinschaftsverlegung Stolpersteine im Gedenken an Alfred, seine Frau Grete, geborene Marcus und deren Tochter Hannelore Heymann verlegen. Gemeinsam besprachen wir auch den Verlegeort im Gehwegpflaster. Die Stolperstein-Patenschaften und damit die Finanzierung der kleinen Denkmale für Familie Heymann haben Bundesjustizminister Marco Buschmann und die Bundestagsabgordneten Marcus Töns und Irene Mihalic übernommen.
8. Mai: Der Tod kam am Tag der Befreiung
Online-Redaktion | 8. Mai 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Robert Mäusert erlebte die Befreiung des KZ Ravensbrück und machte sich am 6. Mai 1945 auf den Heimweg nach Gelsenkirchen. Wie überlebende Zeugen Jehovas später Frieda Mäusert berichteten, war ihr Mann zu diesem Zeitpunkt völlig erschöpft, so dass er mit einer Transportkarre befördert werden musste. Doch seine Kräfte reichen nicht aus, auf dem Weg über die Elbe in Richtung Westen verstarb Robert Mäusert am 8. Mai 1945 im Alter von 53 Jahren. Seine Glaubensbrüder beerdigten ihn in Wittenberge an der Elbe auf dem Ehrenfriedhof. Am letzten, selbstgewählten Wohnort in Gelsenkirchen, Im Bahnwinkel 10 erinnert ein Stolperstein an Robert Mäusert
Enkelin stellt Dokumente aus der Familie zur Verfügung
Andreas Jordan | 4. Mai 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Im April 2023 stellte uns eine Enkelin von David Rabinowitsch eine Auswahl von Dokumenten und Fotos aus der Familie zur Verfügung.
In die bereits vorliegende Dokumentation zu Lebens- und Leidenswegen der Familie David Rabinowitsch konnten wir nun die teilweise bisher nicht bekannten Details des Lebens- und Verfolgungsweges von Berthold Ranbinowitsch in unsere Online-Dokumentation eingepflegen.
Verlegt am 8. Mai 2020 - 75. Jahrestag der Befreiung und dem Ende des zweiten Weltkrieges in Europa: Stolpersteine für David und Johanna Rabinowitsch sowie Johannas Sohn aus erster Ehe, Arthur Lewin.
2024 soll nun auf Wunsch seiner Tochter an gleicher Stelle im Zuge einer symbolischen Familienzusammenführung ein Stolperstein für Berthold Rabinowitsch verlegt werden.
Historischer Rückblick: Die Bahnhofstraße in Gelsenkirchen
Andreas Jordan | 2. Mai 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Zu den Gewerbebetrieben an der Gelsenkirchener Bahnhofstraße in den 1930er Jahren (im Volksmund seinerzeit auch abschätzig "Jerusalemer Straße" genannt) zählten die nachfolgend genannten Geschäfte und Praxen, deren Inhaber Juden waren. Zumeist waren diese Geschäftsleute auch Eigentümer der jeweiligen Immobilien. Das weckte nicht zuletzt bei den konkurierenden "arischen" Gewerbetreibenden oftmals Begehrlichkeiten, nicht wenige Angehörige der NS-Beutegemeinschaft konnten im Zuge des staatlich legitimierten Raubes - von den Nazis "Arisierungen" genannt - "günstig" Geschäfte und Immobilien jüdischer Alteigentümer zu Spottpreisen "übernehmen" - neben Parteigenossen auch Stadtverwaltung und Geldinstitute wie die Sparkasse. Die vormaligen jüdischen Inhaber nebst ihrer Familien wurden zur Flucht gedrängt bzw. gezwungen. Nicht allen gelang es jedoch, Nazi-Deutschland rechtzeitig zu verlassen, diese Menschen wurden deportiert und zumeist in Ghettos oder Konzentrationslagern ermordet.
Jüdische Inhaber - Geschäfte an der Gelsenkirchener Bahnhofstraße:
Moritz Groß, Schuhe. Bahnhofstrasse Nr. 13
Erich Neuwald, Konfitüren. Bahnhofstrasse Nr. 14
Markus Cohen, Konfektion. Bahnhofstrasse Nr. 19
Salomon Großmann, Hüte. Bahnhofstrasse Nr. 20
Gompertz GmbH, Pelz u. Mode. Bahnhofstrasse Nr. 22
B. Windmüller, Feinkost. Bahnhofstrasse Nr. 23
Ella Wimpfheimer, Textilwaren. Bahnhofstrasse Nr. 33
Theodor Löwenstein & Co, Putz u. Modewaren. Bahnhofstrasse Nr. 33
Bamberger, Manufakturwaren- und Konfektionshandlung. Bahnhofstrasse Nr. 35
Isidor Wollenberg, Konfektion. Bahnhofstrasse Nr. 36
Josef Stamm, Putz u. Modewaren. Bahnhofstrasse Nr. 38
Hugo Broch, Möbel. Bahnhofstrasse Nr. 40a
Eisig Halpern, Wäsche. Bahnhofstrasse Nr. 42
Dr. Hugo Alexander, Hautarzt. Bahnhofstrasse Nr. 42
Gustav Carsch & Co GmbH, Damen u. Herren Konfektion. Bahnhofstrasse Nr. 48-52
Appelrath & Cüpper GmbH, Damenkonfektion. Bahnhofstrasse Nr. 49
Friedrich Winter, Weißware. Bahnhofstrasse Nr. 54
Gebr. Alsberg, Kaufhaus. Bahnhofstrasse Nr. 55-65
Gebrüder Goldblum, Herren Konfektion. Bahnhofstrasse Nr. 62
Fritz Goldschmidt, Tabakwaren. Bahnhofstrasse Nr. 71
Hermann Oppenheimer, Konfektion. Bahnhofstrasse Nr. 76
Otto Samson, Schuhhaus. Bahnhofstrasse Nr. 78
Leopold Mosbach, Manufakturwaren. Bahnhofstrasse Nr. 80
Leo Toppermann, Schneider. Bahnhofstrasse Nr. 80
Jenny Boley, Herrenartikel. Bahnhofstrasse Nr. 85
Eintrag in der Gelsenkirchener Stadtchronik, 18. Oktober 1936: [... Wie die National-Zeitung mitteilt, sind in letzter Zeit wieder zwei grosse jüdische Geschäfte an der Bahnhofstrasse in arischen Besitz übergegangen. Die National-Zeitung schreibt: "Die repräsentativen Geschäftsräume des Schuhjuden Gross hat das Porzellanhaus Kettgen übernommen, während der Möbeljude Broch in der Glaspassage dem arischen Möbelhändler Heiland gewichen ist. Damit ist ein weiterer erfolgreicher Schritt zur "Entjudung" der Bahnhofstrasse getan worden, der um so mehr zu bergrüßen ist, als diese größte Geschäftsstraße unserer Vaterstadt nicht zu Unrecht als ihr Aushängeschild angesehen werden kann". ...]
Zum Tod von Herman D. Neudorf
Andreas Jordan | 1. Mai 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Im Alter von 97 Jahren verstarb Herman D. Neudorf am 26. April 2023 in seiner Wahlheimat Hallandale Beach (Florida).
Herman Neudorf wurde 1925 in Gelsenkirchen (Horst-Emscher) geboren. Seine Eltern Simon und Frieda wurden im Holocaust von den Nazis ermordet, er überlebte eine siebenjährige Odysee durch Unrechtsorte und Lager der Nazis. Im April 1945 gelang ihm auf einem Todesmarsch aus dem KZ Buchenwald die Flucht.
Vorrübergehend kehrte er dann in sein Geburtstadt Gelsenkirchen zurück. Nach einem folgenden zweijährigen Aufenthalt in Bolivien emigrierte er in die USA und fand dort eine neue Heimat. Er heiratete Bella Neudorf (Verstorben 2005) und hatte mit ihr drei Söhne, Dr. Steven, Dr. Howard und Leslie Neudorf. Die letzten rund dreißig Jahre lebte Herman in Hallandale Beach, Florida. Er stand unserem Verein Gelsenzentrum e.V. viele Jahre beratend und unterstützend zur Seite. Persönlich verband uns eine langjährige Freundschaft. Herman wird einen festen Platz in unseren Herzen haben. Spurensuche in Gelsenkirchen-Horst: Lebensstationen: Anfang und Ende einer Odysee
NS-Zeit: Deportation der in "Mischehe" lebenden Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger
Andreas Jordan | 13. April 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
In "Mischehen" zwischen Juden und "Ariern" galt in der NS-Zeit für jüdische Ehepartner und Kinder längere Zeit ein spezieller "Schutz". Aufgrund ihrer Verbindung zur "Volksgemeinschaft" nahm das NS-Regime sie bis Herbst 1944 von zentralen Verfolgungsmaßnahmen, Deportation und Vernichtung aus. Im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten galten sie daher als "privilegiert". Dennoch war die sogenannte Mischehe keine Garantie für ein Überleben.
Besonders auf "arische" Frauen aus "Mischehen" wurde sehr großer Druck ausgeübt sich scheiden zu lassen.Vor allem lokale Behörden gingen immer radikaler gegen diese Verbindungen vor. Viele Betroffene - wie auch deren ebenfalls ausgegrenzte und kriminalisierte Kinder - verloren dadurch nicht nur ihre Existenzgrundlage, sondern auch ihre Freiheit. Da die Regelungen zu den "Mischehefamilien" jedoch als "Geheime Reichssache" eingestuft waren, konnten deren Mitglieder nie wissen, durch welche Faktoren ihr Leben tatsächlich geschützt wurde. Weil die meisten Menschen dieser Verfolgtengruppe ihrer Ermordung im Holocaust entkamen, wurden sie viele Jahrzehnte nicht als rassisch Verfolgte wahrgenommen. Sie haben überlebt, waren jedoch traumatisiert.
Unser digitales Gedenkbuch Teil VII verzeichnet nun auch die Namen der Menschen, die im September 1944 nach Zeitz (Sammellager), Oberloquitz (Arbeitslager) bzw. Elben (Zwangsarbeitslager) u. andere Orte deportiert wurden - weil sie in sogenannter 'Mischehe' lebten.
Abb.: Der in "nichtprivilegierter Mischehe" lebende Moses Kuschner wurde am 19. September 1944 in Gelsenkirchen verhaftet und in das Arbeitslager Oberloquitz deportiert, am 2. Februar 1945 wird er weiter nach Theresienstadt verschleppt. Seine Befreiung aus dem KZ Theresienstadt erlebte Moses Kuschner 1945. (Foto: Digital Collection, Arolsen Archives, DocID: 12662805)
Ghettohäuser: Mythos von der ahnungslosen Ausgrenzungsgesellschaft
Andreas Jordan | 31. März 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Abb.: Interaktive Stadtkarte: Verortung Gelsenkirchener Ghettohäuser, mit einem KLICK auf die Grafik gelangen Sie zur Karte.
Nachweisen lassen sich in Gelsenkirchen rund 40 dieser kleinräumigen, innerstädtischen Gettos, davon 6 mit einer Belegungsstärke von mehr als zwanzig Menschen. Ghettohäuser ("Judenhäuser") befanden sich in Gelsenkirchen an verschiedenen Orten. Die Zwangsumzüge fanden vor aller Augen statt, ebenso der Abtransport der von Deportationen betroffenen Menschen zum temporären "Judensammellager" in der damaligen Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz. Die so genannten "Judenhäuser" waren die letzte Stufe nationalsozialistischer Ausgrenzung und Entrechtung jüdischer Mitbürger u.a. auch in Gelsenkirchen vor der Deportation in Ghettos und Vernichtungslager.
Stolpersteine: Familienzusammenführung der besonderen Art
Online-Redaktion | 13. März 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Rund 20 Mitglieder der Familie Matuszak waren eigens nach Gelsenkirchen gereist, um hier an der Stolpersteinverlegung für die von den Nazis ermordeten Familienangehörigen teilzunehmen.
Vor dem Haus Bismarckstraße 56 wurden sieben Stolpersteine im Rahmen einer Gruppenverlegung von Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) in das vom Bauhof vorbereitete Gehwegpflaster eingesetzt. Die Initiative für die Verlegung dieser Stolpersteine war von Berta Levie-Jungman ausgegangen, sie ist die Tochter von Adele Matuszak. Zunächst im Januar 1942 von Gelsenkirchen nach Riga deportiert, erlebte Adele 1945 ihre Befreiung. Viele Jahrzehnte waren die Schicksale von Hermann, seiner Frau Irmgard und deren beiden gemeinsamen Kindern Chana und Berl ungeklärt, für die Familie eine große Belastung.
Bereits 1956 hatte der Holocaust-Überlebende Abraham Matuszak nach seinen Angehörigen geforscht, doch seine Fragen konnten nicht beantwortet werden. Abraham konnte überleben, weil er auf Schindlers Liste stand. Auch das war der Familie bisher nicht bekannt, erst unsere Recherchen zu den Stolpersteinen für die ermordeten Familienmitglieder brachte 78 Jahre nach Kriegsende mehr Licht ins Dunkel. Am Sonntag wurde Familie Matuszak im Gedenken symbolisch wieder vereint, genau vor dem Haus, das den Mittelpunkt der damaligen Lebenswelt von Familie Matuszak in Gelsenkirchen abbildet, bevor der Rassenwahn der Nazis auch diese Lebenswelt zerstörte.
Ein Familienmitglied sprach die Verlegezeremonie der Stolpersteine abschließend Kaddish, das universelle jüdische Heiligungsgebet. Dennoch handelt dieses Gebet nicht von Trauer, die gewaltsam Verstorbenen werden in diesem Gebet nicht erwähnt. Es gibt keinen Hinweis auf Kummer oder Traurigkeit oder Tod. Das Kaddisch ehrt Gott und dankt Gott für die Erschaffung der Welt. Daran anschließend wurde mit dem Gebet "El male Rachamim" der Ermordeten gedacht.
Ein Tisch für Levie
Berta Levie-Jungmann ließ es sich nicht nehmen, alle an der Verlegung der Stolpersteine teilnehmenden noch zu Kaffee und Kuchen in das Cafe Extrablatt an der Arminstr. einzuladen. In großer Runde reflektierten wir gemeinsam mit der Familie und weiteren Gästen das soeben Erlebte, alte Familienfotos machten die Runde. Langsam lösten sich bei allen die Anspannungen, wir hatten das Gefühl, an diesem besonderen Tag eine Art Teil der Familie geworden zu sein.
Abb.: Stolpersteine vor dem Haus Bismarckstr. 56 in Gelsenkirchen erinnern nun an von den Nazis ermordeten Mitglieder der Familie Matuszak.
Stolperstein erinnert an belgischen Zwangsarbeiter
Zuvor hatten wir an diesem Sonntag bereits im Ortsteil Horst einen Stolperstein für einen belgischen Zwangsarbeiter verlegt. Nach einem Bombenangriff wurde der Belgier in das St. Josef-Hospital eingeliefert, wo er einige Tage später an den Folgen der erlittenen schweren Verletzungen starb. Ihm war der Zutritt zu Bunkern bzw. Luftschutzräumen verboten. Über die nachfolgenden internen Verlinkungen gelangen sie zu biografische Skizzen der Menschen, für die am Sonntag (12.3.) Stolpersteine verlegt wurden: Ein Stolperstein für Petrus Gustav Droessaert, Rudolf-Bertram-Platz 1;
Sieben Stolpersteine für Familie Matuszak, Bismarckstr. 56.
Der Gelsenkirchener Verein Gelsenzentrum e.V. setzt seit 14 Jahren mit einer Projektgruppe das Kunstprojekt Stolpersteine von Gunter Demnig in Gelsenkirchen um. Bisher wurden so eine Stolperschwelle und 319 Stolpersteine an verschiedenen Stellen in Gelsenkirchen verlegt.
Stolpersteine sollen an Familie Hugo Gross erinnern
Andreas Jordan | 9. März 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Familie Gross betrieb ein von Moritz Gross gegründetes Schuhgeschäft an der Bahnhofstraße in Gelsenkirchen. Moritz Groß starb am 28. Oktober 1933 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Gelsenkirchen-Ückendorf bestattet. Das Geschäft wurde von seinem Sohn Hugo übernommen. Hugo Groß war am 9. Mai 1892 in Gelsenkirchen geboren worden. Er hatte Grete Camnitzer geheiratet. Sie stammte aus Hagen, wo Sie am 19. März 1899 das Licht der Welt erblickt hatte. Diese Generation der Familie Groß hatte zwei Töchter, Ursula, geboren am 11. Februar 1924 in Gelsenkirchen, und Lieselotte, am 27. Juni 1927 gleichfalls in Gelsenkirchen geboren. Vier Stolpersteine sollen auf Wunsch von Nachfahren schon bald in Gelsenkirchen an die Familie erinnern. Lebensgeschichtliche Skizzen der → Familie Hugo Gross. Info per Mail: a.jordan(ätt)gelsenzentrum.de
30 neue Stolpersteine für Gelsenkirchen
Andreas Jordan | 7. März 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Um die Erinnerung an die Opfer des NS-Regime wachzuhalten, haben wir gemeinsam mit Bildhauer Gunter Demnig am Montag 30 weitere Stolpersteine an zehn Orten im Gelsenkirchener Stadtgebiet verlegt.
Zahlreiche Menschen, darunter auch die vier Stolperstein-Paten, hatten sich an diesem Morgen trotz wiedriger Witterungsverhältnisse an der ersten Verlegestelle des Tages vor dem Haus Polsumer Str. 170 in Hassel versammelt, um der Verlegezeremonie für Familie Henze beizuwohnen. Eine Schülergruppe und auch die Bundestagsabgeordnete Irene Mihalic haben jüngst Patenschaften übernommen, die jedoch erst im nächsten Jahr realisiert werden - sie wollten sich jedoch schon jetzt vor Ort einen Eindruck von einer Stolpersteinverlegung verschaffen. Weiter ging es an der Mittelstr. 36, hier erinnern nun vier Stolpersteine an Familie Fritz Rosenbaum. Auch die Bismarckstraße bekam weitere Stolpersteine, vor Nr. 227 und Nr. 205 ermöglichten die Stolperstein-Paten Melanie und Philipp die Verlegung von sechs Stolpersteinen. Vor dem Haus Auf dem Graskamp 49 erinnern nun zwei Stolpersteine an Mutter und Tocher Lilienthal. Es folgten vier Stolpersteine für die Familie Siegfried Homberg an der Florastr. 114, Stolpersteinpate Ingo Schmack ließ es sich nicht nehmen, an der Verlegung persönlich teilzunehmen. An der Weberstr. 32 erinnern nun sieben Stolpersteine an Familie Markus Häusler, finanziert von der ver.di Jugend NRW.
Abb.: Diese Stolpersteine in der Gelsenkirchener Altstadt erinnern nun an Familie Markus Häusler.
Vor dem Bahnhofscenter erinnert seit gestern ein Stolperstein an Lehrerin Erna Goldbach. Bis zu dieser Verlegestelle begleitete uns der jüdische Kantor Juri Zemski, der zuvor an jedem Verlegeort für die NS-Opfer betete - terminlich gebunden musste er seinen Zug bekommen. Der erste Stolperstein in Gelsenkirchen für einen als "Asozial" stigmatisierten Menschen ist Walter Klüter an der Kurfürstenstr. 8 gewidmet. Letzte Station an diesem Tag war die Fischerstr. 173 in Horst, dort wurde ein Stolperstein für Emma Mayersohn in das Gehwegpflaster eingesetzt. Über die nachfolgenden internen Verlinkungen gelangen sie zu biografische Skizzen der Menschen, für die Stolpersteine verlegt wurden:
Stolpersteine in Gelsenkirchen: Vorbereitungen laufen auf Hochtouren
Andreas Jordan | 27. Februar 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Hinter den Kulissen laufen unsere organisatorischen Vorbereitungen für die anstehenden Stolpersteinverlegungen am 6. und 12. März 2023 auf Hochtouren. Vor dem Haus Bismarckstr. 56 haben wir die beantragte Sondernutzungserlaubnis für den dortigen Parkstreifen von der Stadt Gelsenkirchen erhalten - schnell und unbürokratisch. Die Hundertmark Verkehrssicherungsanlagen GmbH mit Sitz in Gelsenkirchen unterstützt das Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen und stellt entsprechend die Halteverbotsschilder auf - kostenfrei im Rahmen einer Spende.
Andreas Jordan | 26. Februar 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Eine Nachfahrin der jüdischen Familie Alfred Heymann wünscht die Verlegung von drei Stolpersteinen für ihre NS-verfolgten Angehörigen in Gelsenkirchen. Die Dame regte an, zwecks Finanzierung dieser drei Stolpersteine bei Gelsenkirchener Politiker:Innen nachzufragen, ob diese bereit sind, die entsprechenden Kosten in Form einer Stolpersteinpatenschaft zu übernehmen.
Wir haben diesen Vorschlag entsprechend weitergetragen. Nachdem Bundesjustizminister Dr. Marco Buschmann und auch der Gelsenkirchener SPD-Bundestagsabgeordnete Markus Töns eine der Stolperstein-Patenschaften übernommen haben, folgte nun Dr. Irene Mihalic MdB (Bündnis 90 / Die Grünen) sie hat ebenfalls eine Patenschaft für einen dieser drei Stolpersteine übernommen. Somit ist die Finanzierung dieser Stolpersteine gesichert.
Die kleinen Denkmale für Alfred, Grete, geb. Marcus und Tochter Hannelore Heymann sollen im nächsten Jahr vor dem letzten, selbst gewählten Wohnort in Gelsenkirchen verlegt werden - vor dem Haus Liboriusstr. 100.
Wir erinnern an Wolfgang Maas und Thea Windmüller
Andreas Jordan | 20. Februar 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Wolfgang Maas wurde am 20. Februar 1920 in Buer / Westfalen geboren. Der jüdische Gelsenkirchener Wolfgang Maas ist 16 Jahre alt, als er 1936 aus Nazi-Deutschland flüchtet. Er landet in den Niederlanden, in Winterswijk, wo er durch die Jüdische Gemeinde aufgefangen wird und eine Ausbildung machen kann. Wolfgang verliebt sich heftig in Thea Windmuller. Inzwischen ist der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Jetzt brechen auch in den Niederlanden schwere Zeiten für die Juden an. Wolfgang und Thea tauchen unter, fern voneinander. Von diesem Zeitpunkt an besteht ihr Leben nur noch aus Flucht vor den Nazis.
78 Briefe von Wolfgang an Thea sind erhalten geblieben. In fünf Tagebüchern folgen wir Thea von 1939 an, beginnend mit einer fröhlichen, sorgenfreien Jugend, immer besorgter wegen der Transporte nach Polen werdend, durch ihre Zeit als Untergetauchte hindurch bis zum Ende, als Wolfgang und sie verhaftet und auf Transport nach Auschwitz gestellt werden.
Theas Tagebuch endet am 10. Dezember 1943. Vier Tage später, am 14. Dezember, werden alle acht Untergetauchten an der Adresse Bestevaerstraat 185 in Amsterdam verhaftet und zum Sicherheitsdienst am Scheltemaplein gebracht. Zwei Tage später kommen Wolfgang und Thea in Westerbork an, und am 25. Januar gehen sie auf Transport nach Auschwitz. Thea wird am 28. Januar vergast. Wolfgang ist in das Arbeitslager Monowitz Buna geschickt worden. Bei Ankunft am 3. März 1944 gelangt er in die Krankenbaracke. Am 8. März wird er dort wieder entlassen. Weitere Spuren fehlen. In einem so genannten "Wiedergutmachungsverfahren", das Wolfgangs Mutter nach dem Krieg angestrengt hat, wird als Wolfgang Maas Todesdatum der 21. Januar 1944 genannt. Ein Stolperstein erinnert vor dem Leibnitz-Gymnasium Gelsenkirchen, Breddestr. 21 an den von dieser Schule vertriebenen Schüler Wolfgang Maas.
Sehen Sie die Geschichte von Wolfgang Maas und Thea Windmuller in 8 Minuten: Video
Internationaler Holocaust-Gedenktag und Jahrestag der Deportation Gelsenkirchen - Riga
Andreas Jordan | 27. Januar 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Heute, am 27. Januar, wird an die Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Der Tag wurde anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die sowjetische Armee am 27. Januar 1945 gewählt. In Deutschland wird seit 1996 an diesem Tag an die Opfer der NS-Herrschaft erinnert. 2005 erklärten die Vereinten Nationen ihn zum Internationalen Holocaust-Gedenktag.
In Gelsenkirchen ist der 27. Januar ein zweifacher Gedenktag: Es wird der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz 1945 gedacht, zudem der Deportation jüdischer Menschen von Gelsenkirchen nach Riga, die drei Jahre zuvor am 27. Januar 1942 vom NS-Terrorregime nicht zuletzt mit Hilfe der örtlichen Stadtverwaltung durchgeführt wurde.
Dieses Jahr wird beim offiziellen Gedenken des Bundestags erstmals auch an die queeren Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Die Aufarbeitung der Verfolgung von Menschen aufgrund ihrer (vermeintlichen) sexuellen oder geschlechtlichen Identität hat erst spät begonnen. Etwa der Paragraf, auf dessen Grundlage Homosexuelle Männer verfolgt und ermordet wurden, wurde erst 1994 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.
KZ Auschwitz-Birkenau
Vor 78 Jahren wurde das KZ von der Roten Armee befreit. Es war das größte deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager während des Nationalsozialismus und lag im heutigen Polen. Dort wurden mehr als eine Million Menschen in Gaskammern, bei grausamen medizinischen Experimenten und durch unmenschliche Zwangsarbeit ermordet.
Die Befreiung
Kurz vor der Befreiung und der erwartbaren Niederlage gegen die Sowjetunion versuchten die Nazis ihre grausamen Taten zu vertuschen, zerstörten Gaskammern und weitere Beweise. In einer einzigen Nacht ermordeten sie 10.000 Menschen und zwangen Zehntausende zu „Todesmärschen“ nach Westen zu anderen KZs. Die schwächsten Gefangenen wurden zurückgelassen. Die Soldaten der Roten Armee fanden etwa 7.5000 Menschen in einem lebensbedrohlichen Zustand vor.
Verfolgte und Opfer des Nationalsozialismus
Etwa 17 Millionen Menschen wurden Opfer der wahnhaften NS-Ideologie. Antisemitismus war ein grundlegendes Element davon, Jüdinnen und Juden wurden zum Feindbild schlechthin erklärt. Rund sechs Millionen Jüdinnen_Juden wurden im Nationalsozialismus ermordet. Aufgrund der NS-Rassentheorie wurden auch Sinti und Roma, Slawen, Schwarze Menschen vertrieben, ermordet und deportiert, ebenso wurden Homosexuelle, psychisch Kranke, Menschen mit Behinderung, arme Menschen, straffällige Personen, politische Gegner, sowie religiöse Gemeinschaften, wie die Zeugen Jehovas, im NS-Regime verfolgt, inhaftiert und ermordet.
Gelsenkirchen: MdB Markus Töns (SPD) übernimmt Patenschaft für Stolperstein
Andreas Jordan | 26. Januar 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Eine Nachfahrin der jüdischen Familie Heymann wünscht die Verlegung von drei Stolpersteinen für ihre NS-verfolgten Angehörigen in Gelsenkirchen. Die Dame regte an, zwecks Finanzierung dieser drei Stolpersteine bei Gelsenkirchener Politiker:Innen nachzufragen, ob diese bereit sind, die entsprechenden Kosten in Form einer Spende/Patenschaft zu übernehmen.
Wir haben diesen Vorschlag entsprechend weitergetragen, nach Bundesjustizminister Dr. Marco Buschmann hat jetzt auch der Gelsenkirchener SPD-Bundestagsabgeordnete Markus Töns eine der Stolperstein-Patenschaften übernommen - damit ist die Finanzierung von zwei Steinen gesichert.
Bei der ebenfalls angefragten Politikerin mit Bezug zu Gelsenkirchen Irene Mihalic MdB (Bündnis 90 / Die Grünen) steht eine Antwort auf unsere Anfrage bisher noch aus.
Holocaust: Abraham Matuszak stand auf Schindlers Liste
Andreas Jordan | 25. Januar 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Abraham Matuszak stand als KZ-Gefangener in seinem Leben auf vielen Listen, eine hat ihm das Leben gerettet: Schindlers Liste. Der gebürtig aus Kalisz/Polen stammende und in Gelsenkirchen lebende Abraham Matuszak hatte das Glück, einer der so genannten "Schindler-Juden" zu sein.
Matuszak wollte sich im Juli 1939 im neu gegründete, so genannte Hachschara-Kibbuz Paderborn, Grüner Weg auf ein Leben in Palästina vorbereiten. Doch die Nazis waren schneller. Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurde Abraham Matuszak am 10. September 1939 als "feindlicher Ausländer" in Paderborn verhaftet, zunächst im dortigen Gerichtsgefängnis, dann im Polizeigefängnis Hamm inhaftiert und im Februar 1940 nach Sachsenhausen deportiert, wo er als Zugang am 3. Februar 1940 registriert wird.
Er wird dann in das KZ Groß-Rosen überstellt, kommt in das Aussenlager Geppersdorf. Bei einer Selektion von arbeitsunfähigen Häftlingen, die zur "Sonderbehandlung 14f13" in die Heil- und Plegeanstalt Bernburg a. d. Saale überstellt wurden, gilt er als "voll arbeitsfähig" und entkommt so der geplanten Ermordung in der Tötungsanstalt Bernburg. Am 16. Oktober 1942 wird Abraham Matuszak in das KZ Auschwitz überstellt. Am 11. April 1945 wird er als Zugang im Kdo. Brünnlitz (Oskar Schindlers Fabrik) registriert, wird auf der geschlechtergetrennten Version der Häftlingsliste des KZ Groß-Rosen / Kdo. Brünnlitz v. 18. April 1945 geführt. Am 8. Mai 1945 wird Abraham Matuszak im Arbeitslager Brünnlitz (Das Lager stand unter Kontrolle des KZ Groß-Rosen) befreit. 1946 kehrte er nach Gelsenkirchen zurück, hier starb Abraham "Abbi" Matuszak am 6. Juni 1996.
Stolpersteine: Nach Bauarbeiten liegen sie wieder an ihrem Platz
Online-Redaktion | 12. Januar 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Während der Bauarbeiten an der Wanner Straße in Gelsenkirchen wurden die dort verlegten Stolpersteine ausgebaut und eingelagert. Nun wurden sie im Zuge der Neupflasterung des Gehweges neu verlegt und erinnern vor Haus Nr. 119 wieder an die Familie Schönenberg.
Diese drei Stolpersteine erinnern vor dem Haus Wanner Str. 119 an Selma, ihren Sohn Günter Schönenberg sowie an Tochter Erna Gradewitz, geb. Schönenberg. Günter gelang rechtzeitig die Flucht nach Holland, er überlebte den Holocaust in Frankreich. Begleitet von einer bewegenden Zeremonie haben wir diese Stolpersteine im Beisein von Günter Schönenbergs Tochter Jackie, die eigens zur Stolpersteinverlegung aus San Francisco angereist war, im April 2013 verlegt.
Danke an den Städtischen Bauhof und das Referat Verkehr/Straßenneubau für die gute Arbeit und die damit im Vorfeld einhergehende Kommunikation mit uns.
Gastspiel: Theaterpädagogisches Projekt "stolpern" lenkt Blick auf Stolpersteine
Online-Redaktion | 4. Januar 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Was passiert nach dem Stolpern? Entweder man fängt sich wieder – oder fällt hin .... Vor vielen Häusern in deutschen Städten sind «Stolpersteine» eingelassen. Sie verweisen auf unzählige, tragische Schicksale von während der NS-Unrechtsherrschaft deportierten Menschen – und fordern ein Erinnern ein an jenes Kapitel deutscher Geschichte, das trotz einer doch angeblich so vorbildlichen «Erinnerungskultur» mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten scheint.
Eine Gruppe junger Menschen aus Berlin und Cottbus setzt sich mit einer Gegenwart auseinander, in der rechtsnationale Parteien erstarkt, die Gesellschaft so fragmentiert erscheint wie schon lange nicht mehr und sogenannte Protestbewegungen völkisches Gedankengut skandierend durch die Innenstädte ziehen – und fragt sich: Wie mit dem Wissen um Verfolgung, Deportation und Ermordung verschiedener, bis heute marginalisierter Gruppen umgehen? Wie dieses Wissen erhalten? Was dem gesellschaftlichen Rechtsruck entgegensetzen? Und vor allem: Wie sich – heute und in Zukunft – entschieden gegen Rassismus und Diskriminierung stellen?
Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Projektes »Stolpersteine« wird ausgehend von Stolpersteinen in Berlin und Cottbus – und in Auseinandersetzung mit den Biografien, auf die sie verweisen – nicht nur die gemeinsame Geschichte, sondern auch die gemeinsame Verantwortung junger Menschen in beiden Städten verhandelt. - Das Stück „stolpern“ ist am Samstag, 14. Januar, 19 Uhr, im Consol-Theater zu sehen. Karten gibt es unter 0209 988 2282.
In der Lokalausgabe Gelsenkirchen der WAZ erschien dazu ein ausführlicher Artikel, der hier in Auszügen zitiert wird:
Leibniz-Direktor holt Cottbusser Theater nach Gelsenkirchen
Am 14. Januar 2023 gibt das Jugendtheater „Piccolo“ Cottbus ein Gastspiel in Gelsenkirchen. In dem Stück geht es um das Thema „Stolpersteine“.
Seit dem Jahr 1908 steht an der Breddestraße in Gelsenkirchen-Buer das altehrwürdige Schulgebäude, in dem heute das Leibniz-Gymnasium untergebracht ist. Seitdem sind Tausende Schülerinnen und Schüler durch das Eingangsportal hindurchgegangen. Unter ihnen auch Wolfgang Maas. Doch Maas, Jahrgang 1920, ist in keiner Abiturliste vermerkt. Nach nur drei Jahren musste der Schüler jüdischen Glaubens 1934 die Schule verlassen, sein Weg führte ihn in den folgenden Jahren von Buer über Holland nach Auschwitz, wo er 1945 von den Nazis umgebracht wurde. Heute erinnert ein Stolperstein an sein kurzes Leben: Er ist vor dem Eingangsportal der Schule in das Pflaster eingebettet.
Abb.: Michael Scharnowski, Schulleiter des Leibniz-Gymnasiums, vor dem Stolperstein, der an Wolfgang Maas erinnert. Foto: Matthias Heselmann
Scharnowski, Schulleiter des Leibniz-Gymnasiums, hockt vor dem Stolperstein. Im Juni 2020 wurde der Stein dort verlegt, nur wenige Wochen vor Scharnowskis Amtsantritt. „Das war zu Hochzeiten von Corona und ist im Schulleben leider ein wenig untergegangen“, bedauert Scharnowski. Der Pädagoge weist auch noch auf zwei weitere Stolpersteine hin, die ebenfalls an zwei Schüler des heutigen Leibniz-Gymnasiums erinnern, das damals noch „Hindenburg-Gymnasium“ hieß: Kurt und Werner Löwenstein, deren Eltern an der heutigen Horster Straße ein Modegeschäft betrieben. Anders als Wolfgang Maas gelang es der Familie Löwenstein aber, der Mordmaschinerie der Nazis zu entkommen, sie emigrierte in die USA.
Für Michael Scharnowski ist es eine Selbstverständlichkeit, die Erinnerung an NS-Zeit und Holocaust innerhalb der Schulgemeinschaft lebendig zu halten. „Ich habe leider das Gefühl, als sei das Thema in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler nicht mehr so verankert, wie es sein sollte“, sagt der Schulleiter. Eine Aktion, um dem entgegenzuwirken, ist der Besuch einer Theatertruppe aus einer Partnerstadt von Gelsenkirchen: Am Samstag, 14. Januar, ist das Jugendtheater „Piccolo“ aus Cottbus zu Gast und führt im Consol-Theater das Stück „stolpern“ auf. (...) Artikel Weiterlesen.
Wegen Corona: Stolpersteininitiative Gelsenkirchen verlegte Stolpersteine in Eigenregie
Abb.: Andreas Jordan, Projektleiter der Stolpersteininitiative Gelsenkirchen, verlegt den Stolperstein für Wolfgang Maas. Die ursprünglich für März 2020 geplante Verlegung war vor dem Hintergrund der Corona-Beschränkungen abgesagt worden. Foto: Gelsenzentrum e.V.
Da Bildhauer Gunter Demnig die wegen der durch die Coronapandemie geltenden Beschränkungen abgesagten Verlegungen nicht nachholt, haben wir nach Absprache mit Demnig am 25. Juni 2020 in Eigenregie auch die letzten der bisher eingelagerten Stolpersteine verlegt.
An der Ewaldstraße 42 erinnern jetzt Stolpersteine an die jüdische Familie Hess, in Buer verweist ein Stolperstein vor dem Leibniz-Gymnasium an der Breddestr. 21 auf den Lebens- und Leidensweg von Wolfgang Maas. Diese Schule, das frühere Gymnasium Buer, hat Wolfgang Maas 1934 verlassen, weil die ständigen antisemitischen Pöbeleien und Beschimpfungen seitens der Lehrkräfte und Mitschüler für den Jungen unerträglich wurden. Wolfgang Maas wurde in Auschwitz ermordet.
Das Stück „stolpern“ ist am Samstag, 14. Januar, 19 Uhr, im Consol-Theater zu sehen. Karten gibt es unter 0209 988 2282.
Stolpersteine: Sohn bringt Licht ins Dunkel
Online-Redaktion | 3. Januar 2023 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Acht Jahre nach der Stolpersteinverlegung meldete sich jetzt bei uns ein Sohn von Hans-Heinrich Ullendorff, der mehr zufällig im Internet den Hinweis auf die in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine für seinen Vater und dessen Eltern fand. Seinerzeit war es uns nicht gelungen, vor dem Hintergrund der deutschen Datenschutzgesetze Nachfahren bzw. Angehörige zu ermitteln.
Den Rotkreuz-Brief hat uns Hans-Heinrichs Sohn David Ullendorff jüngst übersandt: Ernst Ullendorf informiert 1942 per Telegramm seinen nach dessen geglückter Flucht aus Europa auf der Insel Guadeloupe lebenden Sohn Hans-Heinrich über den Tod seiner Schwester Marga. Hans-Heinrich antwortete: "Allerliebste Eltern, Hoffe, dass heutiges Telegramm erhaltet. Bin wohlauf und unverzagt. Haltet aus bis Kriegsende. Komme heim mit erstem Schiff. Herzinnige Grüesse und Kuesse Heinerle".
Die Hoffnung Hans-Heinrichs, seine Eltern "nach dem Krieg" wiederzusehen, sollte sich nicht erfüllen, Mutter und Vater wurden im Vernichtungslager Sobibor ermordet.
Duisburg: Stolpersteinverlegung zur Würdigung von Wilhelm Kühlen
Andreas Jordan | 29. Dezember 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Stolpersteinverlegung zur Würdigung von Wilhelm Kühlen, der als Homosexueller mehrfach nach §175 verurteilt wurde, fand am 9 Dezember 2022 in Duisburg statt.
Der Duisburger Oberbürgermeisters Sören Link, der auch die Patenschaft für den Stolperstein übernommen hat, erinnerte an die Verfolgung und Ermordung von Menschen, die im Nationalsozialismus nicht in das rassistische Weltbild der Nazi passten und machte deutlich, wie wichtig es ist, sich für die Gleichheit von Menschen einzusetzen, unabhängig von deren Religionszugehörigkeit, sexueller Orientierung, Geschlecht, Hautfarbe, usw. Insbesondere betonte er auch, dass in vielen Ländern Menschen aufgrund Ihrer sexuellen Orientierung immer noch und zunehmend wieder verfolgt und unterdrückt werden. Im wörtlichen Sinne "Ich werde auch in Zukunft das Stolpersteinprojekt unterstützen. Es ist ein wichtiges Projekt, denn es macht deutlich: Hier, wo wir heute in Duisburg leben, sind Menschen verschwunden, die der Willkür ausgesetzt waren. Es ist auch für unsere Zukunft wichtig, daran zu erinnern und sich für Integration und gegen Ausgrenzung einzusetzen."
Stolperstein für Wilhelm Kühlen in Duisburg. Foto: J. Wenke.
Einen weiteren Redebeitrag zum Leben von Wilhelm Kühlen hielt Jürgen Wenke, der die Forschung zum Lebens- und Verfolgungsweg von Wilhelm Kühlen durchgeführt hatte und die Initiative zur Verlegung des Stolpersteins ergriffen hatte.
Der Jugendring Duisburg hatte daraufhin die Verlegung geplant und mit dem örtlichen Tiefbauamt organisiert und gestern durchgeführt.
Die Mitarbeiterin des Jugendringes, Laura Steyer, hatte zur Verlegung Rosen mitgebracht, die die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Veranstaltung am Stolperstein niederlegten, Herr Wenke hatte das vermutlich letzte Foto von Wilhelm Kühlen mitgebracht und bebilderte damit den Stolperstein Anwesend waren auch Verwandte von Wilhelm Kühlen: die Nichte von Wilhelm Kühlen und deren Tochter aus Mönchen-Gladbach sowie der Neffe von Wilhelm Kühlen mit Ehefrau, die aus der Nähe von Koblenz in Rheinland-Pfalz zum Verlegetermin nach Duisburg angereist waren. Die Verwandten hatten die Würdigung begrüßt und durch Bilder, Briefe und andere historische Dokumente die Forschung maßgeblich unterstützt.
Biografische Skizze
Wilhelm (Willi) Kühlen, geboren am 12. Juni 1912 in Mönchengladbach, evangelisch, ausgeübte Tätigkeiten: Verkäufer, später als Artist, dann als Magazinverwalter im Baugeschäft bezeichnet. Zweimal in Duisburg verurteilt wg. homosexueller Kontakte: Zunächst im Mai 1938 (6 Wochen Gefängnis). Der Mitangeklagte August Zgorzelski wurde zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Z. wurde am 8.1.1944 im KZ Buchenwald ermordet. Ein Stolperstein in Duisburg wurde bereits 2018 für Z. verlegt. Die zweite Verurteilung von Kühlen nach §175 erfolgte am 5. Oktober 1939 (2 Jahre Gefängnis!). Diese Haftstrafe verbüßte er im Moorlager Neusustrum/Papenburg (Emsland-Lager) und im Zuchthaus Celle. Bei Strafende am 5.10.1941 Entlassung. Er entging, obwohl "Wiederholungstäter" aus unbekanntem Grund einer Deportation in ein Konzentrationslager. Der bis dahin Ledige kehrte nach Duisburg zurück, heiratete am 8.9.1942 die Kontoristin Elisabeth Susanna Mohr. Zum Zeitpunkt der Heirat war er „Soldat im Felde“. Scheidung der Ehe am 5.6.1944 in Berlin. Kühlen gilt als Wehrmachtsvermisster, genauer Todeszeitpunkt und Ort des Todes unbekannt, letzte Nachricht im März 1945. Er wurde mit großer Wahrscheinlichkeit nur 32 Jahren alt. Mehr erfahren
Wir trauern um Karin Richert
Andreas Jordan | 20. Dezember 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Heute morgen erhielt ich die bestürzende und traurige Nachricht, das Karin Richert gestern verstorben ist. Noch am Freitag haben wir gemeinsam unsere Inschriftenvorschläge für die im März nächsten Jahres anstehende Verlegung in Gelsenkirchen besprochen. Über mehr als zehn Jahre ist aus unserer Zusammenarbeit eine freundschaftliche Verbindung enstanden.Ihr Tod macht mich und unser Team fassungslos.
Das Team der STOLPERSTEINE trauert um Karin Richert
Liebe Freunde der STOLPERSTEINE, sehr geehrte Damen und Herren,
leider ist unsere »Hüterin der Inschriften« Karin Richert plötzlich und unerwartet verstorben. Wir trauern um eine unermüdliche Kämpferin gegen rechtes Gedankengut, eine höchst gewissenhafte Kollegin, eine der frühesten Stützen der STOLPERSTEINE... vor allem aber um eine liebe Freundin.
Karin Richert wurde 1950 in Kirchheim/Teck geboren. Von 1976 bis 1979 studierte sie Malerei und Graphik in Mannheim. Zwischen 1977 und 2000 war sie mit ihren Bildern (Malerei) in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten. Ab 1996 wandte sie sich der der Photographie zu; auch ihre photographischen Werke waren seit 2001 mit stetig wachsendem Erfolg in diversen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen.
Ihre Arbeiten, wie auch ihr Leben, waren und sind geprägt vom Suchen und Finden der Kunst im Alltag, dem Streben nach einer menschenwürdigen Gesellschaft und dem furchtlosen Agieren gegen Rassismus und Unterdrückung. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass sich ihre Wege mit denen Gunter Demnigs kreuzten und die beiden eine bald 30jährige Freundschaft verband.
Für die 2005 angelegte STOLPERSTEIN-Datenbank des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln fotografierte Karin die in Köln verlegten STOLPERSTEINE und bearbeitete die zugehörigen Datensätze. Seit 2011 war sie direkt für Gunter Demnig und das STOLPERSTEIN-Team tätig und verantwortete die Prüfung und Korrektur der STOLPERSTEIN-Inschriften.
Ein Kern unseres Projektes als »soziale Skulptur« ist es, dass die Recherche für die Inschriften der STOLPERSTEINE durch die Engagierten vor Ort erfolgt; die Erinnerung wird durch die Beschäftigung mit den Einzelschicksalen lebendig. Wenn jedoch Viele – Tausende – an einem Projekt mitarbeiten, entstehen unweigerlich auch Fehler und Ungenauigkeiten. Karin hat jede Inschrift stets mit größter Genauigkeit, Beharrlichkeit und ohne Scheu vor Konflikten geprüft und gegebenenfalls Korrekturen verlangt.
Wir werden Karin, ihre oft doch sehr hilfreiche Sturköpfigkeit und ihren unbedingten Idealismus vermissen. Ihr trockener Humor wird uns fehlen, mehr als ihr trockener Husten – jedoch tröstet uns, dass sie genau darüber auf ihrer Wolke gerade herzlich lacht.
Wie Reinhard Mey einst sang:
Falls Du heute den noch siehst, der unsere Wege lenkt – frag ihn unverbindlich mal, was er sich dabei denkt.
Wir hätten Dich gerne noch eine Weile bei uns gehabt.
Maach et joot, Karin! Und danke – für Alles.
Katja & Gunter Demnig und das STOLPERSTEIN-Team
16. Dezember 1992 - Der erste Stolperstein wird in Köln verlegt
Online-Redaktion | 19. Dezember 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Kleine Messing-Gedenktafeln auf Gehwegen: Der Künstler Gunter Demnig verlegt seine Stolpersteine vor früheren Wohnungen von NS-Opfern. 1992 setzt er den ersten Erinnerungsstein in Köln - für verfolgte Sinti und Roma.
Am 16. Dezember 1942 ordnet SS-Reichsführer Heinrich Himmler an, alle im Deutschen Reich noch verbliebenen Sinti und Roma zu deportieren. Es seien "Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft" auszuwählen "und in einer Aktion von wenigen Wochen" einzuweisen. Das Ziel ist die Vernichtung dieser Menschen: "Die Einweisung erfolgt ohne Rücksicht auf den Mischlingsgrad familienweise in das Konzentrationslager (Zigeunerlager) Auschwitz", heißt es in Himmlers sogenanntem Auschwitz-Erlass. Insgesamt werden während des Zweiten Weltkrieges rund 23.000 Sinti und Roma im "Zigeunerlager" in Auschwitz eingesperrt. Fast 90 Prozent von ihnen sterben - durch Giftgas, Folter, Hunger und Krankheiten.
Illegal vor dem Kölner Rathaus platziert
50 Jahre später: Der Künstler Gunter Demnig verlegt am 16. Dezember 1992 vor dem Historischen Rathaus in Köln einen Stein im Straßenpflaster. Darauf ist ein Messingplatte angebracht, die mit dem Text des Auschwitz-Erlasses beschriftet ist. Demnig will damit einen Beitrag zur Diskussion um das Bleiberecht jener Roma leisten, die vor dem Jugoslawienkrieg geflohen sind.
"Diese Verlegung war etwas illegal, aber anders hätten wir es wahrscheinlich überhaupt nicht durchgesetzt", sagt Demnig. Es habe etwas Ärger gegeben, der Stein sei aber im Boden verblieben. "Man hat sich nicht getraut, den einfach wieder rauszureißen."
Stolpersteine bringen "Namen zurück vor die Häuser"
In den folgenden Jahren entwickelt Demnig aus dieser Aktion das Projekt Stolpersteine: "Danach kam eigentlich erst die Idee, wirklich den Namen, den Menschen zurückzubringen vor die Häuser." 1995 verlegt er erneut in Köln erstmals Stolpersteine im noch heute gebräuchlichen Format von zehn mal zehn Zentimetern.
Sie erinnern an alle Opfergruppen des Nationalsozialismus. Auf den Messingtafeln stehen seither neben den Namen der Verfolgten auch Kurz-Angaben zu deren Schicksal. Der 1947 in Berlin geborene Bildhauer lässt sich dabei von einem Wort aus dem Talmud leiten: "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist."
Erweitert durch App und Website
Bislang sind mehr als 96.000 Stolpersteine europaweit verlegt worden. "Etwa 95 Prozent habe ich selber verlegt", sagt Demnig. "Aber es gibt jetzt immer mehr Initiativen, die das auch selber machen können." Demnig will mit seinem Projekt vor allem Jugendliche erreichen und ihnen einen anschaulichen Zugang zur jüngeren deutschen Geschichte eröffnen.
Das größte dezentrale Mahnmal der Welt wächst immer weiter. Es kommen nicht nur laufend weitere Steine dazu. Seit Januar 2022 macht der WDR die rund 16.000 Stolpersteine in Nordrhein-Westfalen auch digital zugänglich: mit Graphic Storys, kleinen Hörspielen, Texten und Augmented-Reality-Elementen. Das WDR-Angebot "Stolpersteine in NRW - Gegen das Vergessen" gibt es als App und Website.
Gelsenkirchen: Bundesjustizminister Buschmann übernimmt Patenschaft für Stolperstein
Andreas Jordan | 17. Dezember 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Eine Nachfahrin der jüdischen Familie Heymann wünscht die Verlegung von drei Stolpersteinen für ihre NS-verfolgten Angehörigen in Gelsenkirchen. Die Dame regte an, zwecks Finanzierung dieser drei Stolpersteine bei Gelsenkirchener Politiker:Innen nachzufragen, ob diese bereit sind, die entsprechenden Kosten in Form einer Spende/Patenschaft zu übernehmen.
Wir haben diesen Vorschlag entsprechend weitergetragen, Bundesjustizminister Dr. Marco Buschmann hat reagiert und heute eine der Patenschaften übernommen - damit ist die Finanzierung eines Steines gesichert.
Bei den ebenfalls angefragten Politiker:Innen mit Bezug zu Gelsenkirchen Markus Töns MdB (SPD) und Irene Mihalic MdB (Bündnis 90/ Die Grünen) steht eine Antwort noch aus.
Sein Name kehrt zurück: Fritz Stein ist nicht länger nur der Rosa-Winkel Häftling mit Nr. 25182
Andreas Jordan | 16. November 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Am 9. November 2022 wurde in Wismar ein Stolperstein zur Würdigung von Fritz Stein verlegt, der als Homosexueller verfolgt und verurteilt wurde und im KZ Auschwitz ermordet wurde.
Fritz Stein wurde im Siegerland im südlichen Westfalen (NRW) geboren, sein letzter freiwilliger Wohnort war in Wismar an der Ostsee. Dort wurde der Stolperstein verlegt. Anwesend waren bei der Verlegung auch Verwandte von Fritz Stein: der Neffe und die Großnichte Dorothee Stähler. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Frau Manuela Schwesig, hat die Patenschaft für den Stolperstein übernommen. Mit der Würdigung durch Bericht und Stolperstein erhält Fritz Stein seinen Namen zurück, ist nicht länger nur der Rosa-Winkel Häftling mit Nr. 25182. Der Bochumer Diplom-Psychologe Jürgen Wenke hat zu den Lebens- und Leidenswegen von Kurt Koch recherchiert, ein ausführlicher Forschungsbericht (PDF) steht auf Jürgen Wenkes Webseite zum Download bereit.
Opfer des Pogroms 1938: Karl Schöneberg
Andreas Jordan | 9. November 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
In der Pogromwoche im November 1938 wurde auch das Geschäft von Karl Schöneberg in Gelsenkirchen verwüstet und geplündert. Karl Schöneberg wurde dabei schwerst misshandelt. Ein Zeitzeuge erinnerte sich: "In dieser Nacht kam ich mit 4 Arbeitskollegen von der Nachtschicht. Auf dem Heimweg kamen wir an dem Lebensmittelgeschäft Schöneberg vorbei. Dort sahen wir 3 Männer, mit langen grauen Kitteln bekleidet, die mit Stangen die Schaufenster einschlugen. Anschließend warfen sie die Ladeneinrichtung auf die Straße. Der hinzukommende Ladeninhaber wurde als "Judensau" beschimpft und fürchterlich verprügelt." Von den erlittenen Misshandlungen erholte sich Karl Schöneberg nicht mehr.
Karl Schöneberg floh aus Gelsenkirchen in die Geburtstadt seiner Ehefrau, erkrankte chronisch, wurde arbeitsunfähig. Ende 1940 wurde er in das Israelitische Asyl für Kranke und Altersschwache (Jüdisches Krankenhaus) in Köln-Ehrenfeld eingeliefert. Er starb am 4. April 1941 in Gelsenkirchen. Für Karl Schöneberg soll schon bald ein Stolperstein in Gelsenkirchen verlegt werden.
Opfer des Pogroms 1938: Rudolf Neuwald
Andreas Jordan | 28. Oktober 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Der am 13. September 1902 geborene Rudolf Neuwald war eines der Kinder von Leopold und Marta Neuwald, geborene Heimann. Die jüdische Familie Neuwald betrieb in Gelsenkirchen ein von Isaak Neuwald bereits 1880 an der Arminstr. 15 gegründetes Bettenfachgeschäft. Leopold Neuwald übernahm das Geschäft in den 1920er Jahren von Vater Isaak. Rudolf galt als das so genannte "schwarze Schaf" in der Familie Neuwald, er selbst bezeichnete sich als Dissident. Rudolf Neuwald, der nicht der Synagogen-Gemeinde Gelsenkirchen angehörte, war mit der nicht-jüdischen Anna Littek, geboren am 4. Januar 1907 verheiratet.
Im April 1933 veranstalteten SA-Männer einen Prangermarsch mit Rudolf Neuwald und führten ihn zwangsweise durch die Innenstadt von Gelsenkirchen - nicht ohne Rudolf Neuwald dabei vor vielen zuschauenden Augen der Stadtgesellschaft zu demütigen und zu misshandeln. Das Ehepaar Rudolf und Anna Neuwald lebte 1937 in der Bismarckstr. 38.
In der Pogromwoche im November 1938 wurde Rudolf Neuwald verhaftet und erneut schwer misshandelt. Weil er nicht haftfähig war, entließ man ihn. Am 13. November 1938 wurde er erneut verhaftet. Die Nazis forderten seine Ehefrau mehrfach auf, sich von "dem Juden" scheiden zu lassen, diese kam den Forderungen jedoch nicht nach und verweigerte eine Scheidung. Das Ehepaar wurde zum Umzug in das ab 1939 als Ghettohaus ("Judenhaus") genutzte Haus Augustastr. 7 gezwungen.
Rudolf Neuwald wurde zunächst nicht deportiert, da ihn seine so genannte "Mischehe" schützte, jedoch musste er ab Oktober 1939 als Tiefbauarbeiter in Gelsenkirchen Zwangsarbeit leisten. In Folge der in der Pogromwoche erlittenen Misshandlungen, von der er sich nicht mehr richtig erholen konnte und dem anhaltenden schweren Zwangsarbeitseinsatz starb Rudolf Neuwald am 22. Dezember 1942 in Gelsenkirchen. An das Ehepaar Rudolf und Anna Neuwald sollen bald in Gelsenkirchen Gunter Demnigs Stolpersteine erinnern.
Projekt Stolpersteine: Bildhauer Gunter Demnig wird heute 75
Redaktion | 27. Oktober 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Gunter Demnig hat die Stolpersteine erdacht, das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Es ist nicht sein einzigstes Werk, jedoch das bekannteste. Seit fast 30 Jahren verlegt der Bildhauer die von ihm ersonnenen Stolpersteine zu Ehren der von den Nazis in Europa verfolgten, verschleppten, in den Suizid getriebenen und ermordeten Menschen - zumeist vor deren ehemaligen Wohnhäusern. Menschen, denen eine rechtzeitige Flucht aus Nazi-Deutschland gelungen ist, werden dabei ebenso wenig ausgeschlossen wie verfolgte Menschen, die den NS-Terror überleben konnten. Heute wird Gunter Demnig 75 Jahre alt. An Aufhören denkt Bildhauer und Spurenleger Demnig jedoch nicht: im Juni 2023 will er den 100.000 Stolperstein verlegen. Wir danken dir für die Schöpfung der Stolpersteine und für die lange gute Zusammenarbeit. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, lieber Gunter!
Halle (Saale): Ein Stolperstein für Kurt Koch - Anerkennung als NS-Verfolgter verweigert
Andreas Jordan | 10. Oktober 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Am 25. September 2022 wurde erstmals auch in Halle (Saale) ein Stolperstein verlegt, der an einen Mann erinnert, der in der NS-Zeit als Homosexueller verfolgt wurde: Kurt Koch. Der Stolperstein befindet sich vor seinem ehemaligen Wohnhaus in der Uhlandstraße 7 und wurde vom Bildhauer Gunter Demnig in das Gehwegpflaster eingesetzt.
Der Bochumer Diplom-Psychologe Jürgen Wenke hat zu den Lebens- und Leidenswegen von Kurt Koch recherchiert, hier die Kurzfassung der Rechercheergebnisse:
Kurt Koch, Jahrgang 1905, geboren in Halle an der Saale, dort auch Lebensmittelpunkt, Arbeiter, Verfolgung und Verurteilung 1939 wegen homosexueller Kontakte zu Gefängnisstrafe von 15 Monaten, nach Verbüßung von der Kripo Halle in Vorbeugehaft genommen am Heiligabend 1940; Anfang 1941 Deportation in das KZ Buchenwald, dort schwerste Zwangsarbeit im Steinbruch; September 1942 Deportation in das KZ Groß Rosen, dort Zwangsarbeit in Chemiewaffenfabrik zur Herstellung der Nervengase Sarin und Gabun; Anfang 1945 Weitertransport in das KZ Mittelbau bei Nordhausen, Verlegung in das Kranken- und Sterbelager Boelcke-Kaserne, „befreit“, überlebte; Rückkehr nach Halle, keine Anerkennung als Opfer des Faschismus, Heirat 1951, ein Stiefsohn, Scheidung 1953, keine Kinder aus der Ehe, gestorben am 12. Januar 1976 in seiner Wohnung in Halle.
Andreas Jordan | 9. Oktober 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Uns erreichte die traurige Nachricht, dass Fred Alexander am 1. August 2022 93jährig in New York gestorben ist. Der 1928 in Gelsenkirchen geborene Fritz Alexander konnte mit einem der Kindertransporte aus Nazi-Deutschland gerettet werden, seinen Eltern wie auch seiner Schwester gelang ebenfalls die rettende Flucht - zunächst nach England.
Fritz, der sich seither Fred nannte, wurde nach dem Schul- und Universitätsabschluss Ingenieur. Mit seiner zwischenzeitlich verstorbenen Frau und zwei Söhnen lebte er in New York. Im Ruhestand betätigte sich Fred Alexander noch längere Zeit ehrenamtlich als "Big Apple Greeter". Die Big Apple Greeter in New York sind eine Non-Profit Organisation, freiwillige New Yorker bieten Stadtführungen für Touristen an. Dabei handelt es sich nicht um professionelle Tourguides, sondern um Menschen 'wie du und ich', die einfach gerne ihr New York und ihre Nachbarschaft zeigen möchten. Die Touren bot Fred in letzter Zeit mehr an, seiner Wahlheimat New York City ist er jedoch bis zu seinem Tod treu geblieben.
Im Sommer letzten Jahres haben wir in Gelsenkirchen - nicht zuletzt auf Fred Alexanders Wunsch hin - Stolpersteine für ihn und seine Familie verlegt. Wir standen noch im regen Dialog, Fred Alexander wird uns fehlen und unvergessen bleiben.
Polizei feiert in Recklinghausen ihr „100-Jähriges“
Redaktion | 3. Oktober 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Heute findet anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Polizeipräsidium Recklinghausen“ im Recklinghäuser Polizeipräsidium ein "Tag der offenen Tür" statt. Eine neue Dauerausstellung beleuchtet auch die Rolle der Polizei in der NS-Zeit.
Vor dem Recklinghäuser Polizeipräsidium am Westerholter Weg sind zwei Stolpersteine in den Boden eingelassen. Sie erinnern an Albert Funk und Heinrich Vörding. Sie starben 1933 nach Stürzen aus dem dritten Stock des Gebäudes – nachdem sie zuvor gefoltert worden waren. Politisch Verfolgte wie Funk und Vörding hätten das Präsidium damals „die Hölle von Recklinghausen“ genannt, sagte Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen – wegen der brutalen Verhörmethoden der Gestapo.
Die Polizei Recklinghausen schreibt auf ihrer Facebook-Seite: "Im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte war auch die Recklinghäuser Polizei Teil des nationalsozialistischen Machtapparats. Recklinghäuser Polizisten waren beteiligt am Völkermord an Juden sowie Roma und Sinti und begingen Kriegsverbrechen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde das Recklinghäuser Polizeipräsidium zur Leitstelle der Gestapo. „Die Hölle von Recklinghausen“ nannten politisch Verfolgte das Präsidium wegen der brutalen Verhörmethoden der Gestapo, die mit schwersten Misshandlungen Geständnisse erzwingen wollte.
Hunderte Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten sowie Roma und Sinti wurden verhaftet und gefoltert. Die „Stolpersteine“ vor dem Haupteingang unseres Polizeipräsidiums erinnern an Albert Funk und Heinrich Vörding. Der Bergarbeiter-Gewerkschafter und der KPD-Funktionär stürzten nach wiederholten Folterungen durch Gestapo-Schergen aus einem Fenster im 3. Stock in den Tod.
Die Auseinandersetzung mit Werten hat in der Aus- und Fortbildung der Polizei einen hohen Stellenwert. So besuchen beispielsweise jedes Jahr junge Polizistinnen und Polizisten des Polizeipräsidiums Recklinghausen gemeinsam mit unserer Polizeipräsidentin Friederike Zurhausen die Ausstellung „Geschichte – Gewalt – Gewissen“ in der Villa ten Hompel in Münster. Die Ausstellung dokumentiert Verbrechen der Ordnungspolizei im Zweiten Weltkrieg. Dialogveranstaltungen wie diese sollen Polizistinnen und Polizisten darin bestärken, die Werte unserer demokratischen Verfassung nie aus dem Blick zu verlieren. Zu unserem Jubiläum haben Kolleginnen und Kollegen eine Dauerausstellung zur Geschichte des Recklinghäuser Polizeipräsidiums neu konzipiert und erweitert. Die Exponate sind als historischer Pfad in mehreren Räumen sowie in Fluren des Präsidiums am Westerholter Weg ausgestellt. Sie sind herzlich eingeladen, sich die Ausstellung an unserem Tag der offenen Tür am 3. Oktober anzuschauen."
Gelsenkirchen: Weitere Stolpersteine für NS-Opfer geplant
Redaktion | 26. September 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Stolpersteine sind kleine Denkmale für Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus aus unterschiedlichen Gründen verfolgt wurden. Sie werden vor den ehemaligen Wohnhäusern verlegt, in denen die Menschen vor ihrer Flucht oder Verhaftung lebten. Damit erinnern sie individuell an das Schicksal der Verfolgten und werfen gleichzeitig Fragen nach Täter- und Mittäterschaft auf.
Auch wenn es in jüngerer Zeit in der Außenwirkung etwas ruhiger um das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen war - hinter den Kulissen haben wir fleißig gearbeitet: Die nächste Verlegung der kleinen Denkmale in Gelsenkirchen findet am Montag, den 6. März 2023 statt. An diesem Tag kommt Bildhauer Gunter Demnig einmal mehr nach Gelsenkirchen, gemeinsam wollen wir dann auf Wunsch von Stolperstein-Pat:innen an 10 Verlegeorten 32 neue Stolpersteine in das Pflaster Gelsenkirchener Gehwege einlassen.
+ + + Update 28.9.2022: Desweiteren wird er acht weitere Stolpersteine mitbringen, die wir dann im März selber an zwei Orten in Gelsenkirchen verlegen werden - an dem Tag wird Gunter Demnig dann nicht persönlich vor Ort sein.
Das Projekt der Stolpersteine beruht auf bürgerschaftlichem Engagement. Ein Stolperstein kann dann verlegt werden, wenn Einzelne oder Gruppen eine kostenpflichtige Patenschaft übernehmen. Neben Einzelpersonen, Firmen und Vereinen übernehmen auch Gelsenkirchener Schulen regelmäßig Patenschaften für neue Stolpersteine. Die Initiative, einen Stolperstein verlegen zu lassen, geht jedoch auch häufig von Angehörigen und Nachfahren der ehemaligen Gelsenkirchener Bürger:innen aus.
September 1944: Von Gelsenkirchen nach Elben verschleppt
Andreas Jordan | 19. September 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
In "Mischehen" zwischen Juden und "Ariern" galt in der NS-Zeit für jüdische Ehepartner und Kinder längere Zeit ein spezieller "Schutz". Weil die meisten von ihnen dem Holocaust entkamen, wurden sie lange nicht als verfolgte Gruppe wahrgenommen. So wurde auch Margarethe Meyer 1944 von der Gestapo verhaftet, weil sie als Jüdin in so genannter "Mischehe" lebte.
Wie 35 weitere jüdische oder wie die Nazis es nannten "jüdisch versippte" Menschen in Gelsenkirchen wurde sie im Rahmen im Rahmen einer von Himmler angeordneten "Sonderaktion J" am 19. September 1944 in den frühen Morgenstunden von der Gestapo in ihrer Wohnung verhaftet, zunächst in das Gelsenkirchener Polizeigefängnis gebracht und dann von dort nach Kassel deportiert. Endgültiger Zielort des Transportes war das Frauenlager Elben der 'Organisation Todt' (OT) im Landkreis Wolfhagen bei Kassel, Deckname "Saphir".
Margarethe Meyers nichtjüdischer Ehemann Heinrich blieb allein zurück, er wurde im April 1945 vom "Volkssturm" auf der Straße in Gelsenkirchen erschossen. Für das Ehepaar Meyer haben wir in 2022 Stolpersteine in Gelsenkirchen verlegt.
Stolpersteine suchen Pat:innen: Familien sollen im Gedenken wieder vereint werden
Andreas Jordan | 13. September 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Derzeit bereiten wir die Stolpersteinverlegung Gelsenkirchen 2023 vor. Für zwei weitere Familien suchen wir aktuell noch Spender:Innen, die zur Finanzierung der kleinen Denkmale Patenschaften übernehmen wollen, sodass auch diese Stolpersteine im nächsten Jahr in Gelsenkirchen verlegt werden können. Es handelt sich dabei um die Familien Moritz Wikinski und Ignaz Wieselmann, die im Gedenken wieder vereint werden sollen. Bisher ist jeweils für je ein Familienmitglied eine Patenschaft übernommen worden.
"In Deutschland haben die Juden sehr früh gemerkt, dass es gefährlich wird. Sie haben versucht, ihre Kinder zu retten. Aber wer schickt seine Kinder freiwillig in die Wüste nach Palästina oder zu den Kindertransporten? Ich denke, das Bewusstsein oder die Ahnung war da, dass die Familien sich nicht wiedersehen. Das heißt, sie gehören in der Erinnerung einfach zusammen – das ist mir sehr wichtig." sagte Bildhauer Gunter Demnig vor einiger Zeit in einem Interview.
Das symbolische zusammenführen von Familien im Gedenken ist wesentlicher Bestandteil im Gesamtkonzept des Kunstdenkmals Stolpersteine. Fragen zum Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen beantworten wir gerne per Mail: a.jordan (ätt) gelsenzentrum.de.
2. August: Europäischer Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma
Andreas Jordan | 2. August 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurde zum "entsetzlichen Höhepunkt" der rassistischen Verfolgung von Sinti und Roma. Die SS löst das so ganannte "Familienlager" im deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau auf und trieb 4300 schreiende und weinende Menschen in den Tod, ein Schreckenstag des Völkermords an Sinti und Roma, dem Porajmos. Seit 2015 wird am 2. August der rund 500.000 Sinti und Roma gedacht, die dem Völkermord in der NS-Zeit zum Opfer fielen. Zugleich sind diese unfassbaren Verbrechen eine Mahnung, sich dem heute wieder verstärkt um sich greifenden Antiziganismus entschlossen entgegenzustellen.
Den unter nationalsozialistischer Terrorherrschaft aus Gelsenkirchen deportierten und in den Vernichtungslagern ermordeten Sinti, Lovara und Roma gewidmet: Digitales Gedenkbuch Gelsenkirchen, Teil II
80. Jahrestag der Deportation von Gelsenkirchen nach KZ Theresienstadt
Andreas Jordan | 28. Juli 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Deportationsliste nennt 44 Namen von überwiegend alten bzw. kriegsversehrten jüdischen Menschen mit Lebensmittelpunkt in Gelsenkirchen, die am 31. Juli 1942 von Gelsenkirchen über Münster in das KZ Theresienstadt deportiert wurden. Von den aus Gelsenkirchen mit diesem Transport deportierten Menschen erlebten nur vier Personen ihre Befreiung.
Ein Deportationszug der Reichsbahn fuhr am 31. Juli 1942 ab Gelsenkirchen, Ziel: das KZ Theresienstadt. An den Haltepunkten in verschiedenen Städten wurden auf dem Weg weitere Menschen in den Zug gezwungen. Insgesamt befanden sich schließlich 901 Menschen jüdischer Herkunft in dem Transportzug XI/1, der am 1. August 1942 das KZ Theresienstadt erreichte. Von diesen 901 Menschen sind 835 umgekommen, viele starben bereits im KZ Theresienstadt in Folge der unmenschlichen Haftbedingungen. Die verbliebenen wurden mit Folgetransporten in die Vernichtungslager Treblinka, Auschwitz und Malý Trostinec verschleppt und dort ermordet. Mehr erfahren.
Bauarbeiten: Stadt Gelsenkirchen lagert Stolpersteine vorrübergehend ein
Andreas Jordan | 18. Juli 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Stolpersteine vor dem Haus Wanner Str. 119 werden in dieser Woche im Zuge der dort anstehenden Bauarbeiten ausgebaut und vorrübergehend beim Städtischen Bauhof eingelagert, teilte uns das Referat Verkehr/Straßenneubau mit.
Die genaue Lage der kleinen Denkmale wurde bereits eingemessen und dokumentiert. Nach Abschluss der Arbeiten - voraussichtlich um den Jahreswechsel 2022/23 - sollen sie an gleicher Stelle wieder eingebaut werden.
Diese drei Stolpersteine erinnern vor dem Haus Wanner Str. 119 an Selma, ihren Sohn Günter Schönenberg sowie an Tochter Erna Gradewitz, geb. Schönenberg. Günter gelang rechtzeitig die Flucht nach Holland, er überlebte den Holocaust in Frankreich. Begleitet von einer bewegenden Zeremonie haben wir diese Stolpersteine im Beisein von Günter Schönenbergs Tochter Jackie, die eigens zur Stolpersteinverlegung aus San Francisco angereist war, im April 2013 verlegt.
Gelsenkirchen-Erle: Patenschaften übernommen - Stolpersteine für Familie Rosenbaum
Andreas Jordan | 13. Juli 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist" - Ruth Matthey hat den Namen Rosenbaum nicht vergessen. Als kleines Mädchen war sie oftmals Freitags mit ihrem Opa im Tabakgeschäft der Rosenbaumes in Erle. "Opa rauchte dann jedesmal mit Herrn Rosenbaum eine Zigarre, ich bekam von Herrn Rosenbaum jedesmal ein Bonbon geschenkt." erinnert sie sich noch heute.
Als Schülerin sah Ruth dann in der Pogromwoche 1938 den zerstörten Tabakladen der Rosenbaums in der Wilhelmstr. 47 in Gelsenkirchen-Erle. Die Familie Rosenbaum hat sie danach nie wiedergesehen. Heute wissen wir, das Fritz Rosenbaum Jude war, verheiratet mit der nichtjüdischen Helene. Das Eheaar zwei in Gelsenkirchen-Buer geborene Söhne, Hans-Günter und Wolfgang. Fritz Rosenbaum, im September 1944 aus Gelsenkirchen deportiert, erlebte seine Befreiung aus dem KZ Theresienstadt im Mai 1945, starb jedoch wenige Wochen danach an den Folgen der erlittenen Qualen. Ruth Matthey hat nun die Patenschaften für vier Stolpersteine übernommen, die im nächsten Jahr am letzten (im NS) selbstgewählten Wohnort der Familie Rosenbaum an der Mittelstr. 36 in Erle verlegt werden.
Stolpersteine sollen in Gelsenkirchen bald an Familie Matuszak erinnern
Andreas Jordan | 12. Juli 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Schon bald sollen Stolpersteine am letzten selbstgewählten Wohnort der Familie Matuszak (Bismarckstr. 56) an Ausgrenzung, Vertreibung und Mord an den Mitgliedern der ursprünglich aus Polen stammenden Familie Matuszak erinnern - das wünscht sich Berta Levie-Jungmann, sie ist die Tochter von Adele Matuszak. Berta Levie-Jungmann besuchte Gelsenkirchen anlässlich der Stolpersteinverlegungen 2022, nahm an Verlegezeremonien teil und recherchierte auch nach den Lebens- und Leidenswegen ihrer Angehörigen.
Berta Levie-Jungmanns Mutter Adele, zunächst von Gelsenkirchen in das Ghetto Riga deportiert, dann in das KZ Kaiserwald, anschließend in das KZ Stutthof bei Danzig überstellt, erlebte 1945 ihre Befreiung. Adeles Schwestern Frieda und Fanny gelang Ende der 1930er Jahre die Flucht nach England, die weiteren Geschwister Abraham, David und Cäcilie, (verh. Rosenheim) überlebten Ausgrenzung, Verfolgung, Deportation und Holocaust. Ein weiteres Geschwisterkind von Adele namens Hermann, ein begeisterter Schachspieler (Turn- und Sportklub Hakoah im RjF Gelsenkirchen, später Schild Gelsenkirchen) wie auch die Eltern Heinrich und Berta Matuszak wurden von den Nazis deportiert und ermordet.
NS-Zeit: Folterstätte im Rathaus Buer
Andreas Jordan | 7. Juli 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Nach der Machtübertragung an Adolf Hitler und der Machtergreifung der Nazis entstanden in Deutschland frühe Folterstätten und Konzentrationslager. Eine solche Folterstätte wurde 1933 im Rathaus Gelsenkirchen-Buer eingerichtet.
Im Rathaus Buer war es das berüchtigte Zimmer 71, von SS und SA zur Folterung und Erpressung von Geständnissen politischer Gegner genutzt. Ein kahles Zimmer mit einem Tisch, darauf eine Schreibmaschine, vor dem Tisch ein Prügelbock, und an der Wand hängend Gummischläuche aller Größen waren der Schauplatz unzähliger Quälereien. Ein nach dem Krieg angeklagter Täter sagte im gegen ihn 1947 geführten Strafprozess aus: "Die Prügelei ging am laufenden Band" und "es wurde ziemlich fest geschlagen".
Die Anklage legte ihm zur Last, im Jahre 1933 in mindestens 11 Fällen politische Gegner unmenschlich misshandelt und geschlagen zu haben. 11 Zeugen, die noch 1947 an den Folgen dieser Mißhandlungen litten, belasteten den Angeklagten erheblich. Der ehemalige SS-Mann Hugo König wurde schließlich wegen schwerer Körperverletzung in 6 Fällen; §§ 223 und 223a StGB, in Verbindung mit Gesetz Nr. 10 des Alliierten Kontrollrates in Deutschland (Verbrechen gegen den Frieden oder die Menschlichkeit) zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.
Abb.: Das Rathaus in Gelsenkirchen-Buer, um 1944. Im Gebäude befand sich eine NS-Folterstätte.
Folterstätte der Nazis nicht erinnerungswürdig?
Der Turm des Buerer Rathauses wird seit mehr als 15 Jahren alljährlich am 30. November anlässlich des Aktionstages „Cities for Life” in grünes Licht getaucht, ein weithin sichtbares Zeichen für den Respekt des Lebens und der Menschenwürde - gegen Todesstrafe und Folter. Die am Rathaus im Rahmen des Projektes "Erinnerungsorte" angebrachte Tafel hingegen thematisiert die Existenz der Folterstätte nicht, lediglich ein Satz streift die 12 Jahre währende Zeit des NS-Terrorregimes: "1933 zerstörten hier die Nationalsozialisten die kommunale Stadtverwaltung." Es ist höchste Zeit, an diesen Gelsenkirchener Tatort von Naziverbrechen beispielsweise mit einer passend gestalteten Infotafel zu erinnern.
Gelsenkirchen: Andreas Jordan - Botschafter Stolpersteine NRW
Redaktion | 22. Juni 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Etwa 15.000 Stolpersteine gibt es in NRW. Einer davon liegt in Gelsenkirchen und erinnert an das 1933 geborene Sinti-Mädchen Rosa Böhmer. Rosa ist 1942 von den Nazis ermordet worden. Die WDR-App "Stolpersteine NRW" hilft, die Erinnerung an sie und ihre Familie aufrecht zu erhalten. Unterstützt wird die Botschafter*innen-Kampagne des WDR auch von Andreas Jordan, langjähriger Projektleiter der Stolperstein-Initiative in Gelsenkirchen.
Die neue, innovative App „Stolpersteine NRW – Gegen das Vergessen“ des WDR macht auch die derzeit mehr als 280 Schicksale hinter den Gelsenkirchener Stolpersteinen digital erlebbar. Die App ist für die beiden Plattformen iOS und Android kostenlos verfügbar und kann dann auf dem üblichen Weg über die so genannten “Stores” heruntergeladen werden. Eine Version für den Desktop-Browser ist ebenfalls nutzbar. Mehr über Rosa Böhmer und ihre Familie erfahren.
2. Weltkrieg in Gelsenkirchen-Buer: Absturz überlebt und dann getötet
Andreas Jordan | 20. Juni 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
An den englischen Piloten Norman C. Cowley, der den Abschuss seines Flugzeuges überlebte und dann am Boden von Nazischergen zu Tode geprügelt wurde, erinnert seit Samstag (11.6.) ein Stolperstein vor dem Marienhospital in Gelsenkirchen-Buer. Ein weiterer, ähnlich gelagerter Fall ist der gewaltsame Tod des amerikanischen Piloten John "Jack" Friedhaber. Auch an Friedhaber soll in Gelsenkirchen ein Stolperstein erinnern. Für diesen Stolperstein suchen wir Pat*innen.
Leutnant John "Jack" Friedhaber, amerikanischer Bomberpilot, starb im November 1944 in Gelsenkirchen. Von der Flak getroffen stürzte seine B-24 Liberator mit dem Spitznamen "Never Mrs" in Gelsenkirchen-Buer (Heege) auf einen Acker. Friedhaber konnte sich zunächst mit dem Fallschirm aus dem brennenden Flugzeug retten, wurde jedoch am Boden umweit der Absturzstelle von Gelsenkirchenern totgeprügelt.
Über 300 Deutsche wurden nach 1945 von den Alliierten wegen der sogenannten Fliegermorde vor Gericht gestellt, davon wurden über 150 der Angeklagten hingerichtet. Die weitaus größere Zahl der Verbrechen blieb jedoch ungesühnt oder gar unentdeckt. Mancher alliierte Flieger, der offiziell beim Absturz seiner Maschine oder beim Absprung tödlich verletzt worden sein soll, ist womöglich von fanatisierten Männern umgebracht worden. Es ist nach Auswertung des Quellenmaterials davon auszugehen, das es sich auch im Falle des Piloten John "Jack" Friedhaber um einen Fliegermord handelt. Mehr erfahren: → Erst überlebt und dann getötet
Novum im Stolpersteinprojekt: Vier Stolpersteine für schwule Männer vor Bochumer Haus
Andreas Jordan | 15. Juni 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Wir kennen die kleinen Messingplatten im Gehweg - wo mehr als eine von ihnen liegt, dort handelt es sich oftmals um die Würdigung mehrerer Angehörige jüdischer Familien. Für jede Person ein Stolperstein. Dagegen sind Stolpersteine für Homosexuelle selten und liegen in der Regel vereinzelt, denn kaum jemand von ihnen wagte wegen des Verfolgungsdrucks in der NS-Zeit, mit einem anderen Mann im selben Haus oder sogar der selben Wohnung zu leben. Vereinzelung und Isolierung waren Auswirkungen der staatlichen Repression. - In vielen Städten liegen bisher überhaupt keine oder nur wenige Stolpersteine für schwule Männer.
Abb.: Die vier Stolpersteine vor dem Haus Kronenstraße 41 in Bochum (Foto: Jürgen Wenke)
Unter den mehr als 90.000 Steinen ist nun durch Hinzufügung zweier neuer Stolpersteine erstmals gelungen, vier Steine vor einem Wohnhaus in Bochum zu verlegen für vier Männer, die von den Nationalsozialisten als Homosexuelle verfolgt bzw. nach § 175 wegen gleichgeschlechtlicher sexueller Kontakte verurteilt wurden.
Am 14. Juni 2022 wurden in der Bochumer Kronenstraße in Höhe der Hausnummer 41 in Höhe des Cafés Mascha zwei neue Stolpersteine für Fritz Goltermann und Willi Schlüter hinzugefügt zu den zwei bereits dort verlegten Steinen aus dem Jahr 2021 für Gerhard Krebs und Theodor Brockmann. Während Fritz Goltermann und Willi Schlüter die NS-Verfolgung überlebten, starb Gerhard Krebs im Gefängnis während der Haftverbüßung, die Akten sprechen von Selbstmord. Das weitere Schicksal nach der Gefängnishaft von Theodor Brockmann ist bisher unbekannt.
Die Patenschaften für die beiden neuen Steine haben die BOGESTRA AG (Bochum-Gelsenkirchener-Straßenbahnen AG) für Willi Schlüter und der Bundestagsabgeordnete Max Lucks (Bündnis 90/Die Grünen) für Fritz Goltermann übernommen.
Forschung und Initative stammen von Jürgen Wenke, Dipl.-Psych., Bochum.
Nazis wollten auch schwule Männer ausrotten
Zur „Ausrottung“ von Goltermann und Schlüter kam es nicht - der Ältere wurde zwar nach der vollen Haftverbüßung weiter von der Gestapo überwacht, überlebte aber den Krieg und die NS-Verfolgung in Österreich in Zell am Ziller. Die mehr als 10jährige Odyssee nach der Haftentlassung kam erst 1948 in Pfullingen bei Reutlingen in Baden-Württemberg zu einem Ende, Goltermann wurde hier bis zu seinem Tod ansässig. Er starb 1985. Der Jüngere, Willi Schlüter, verpflichtete sich zum „Reichsarbeitsdienst“ und zwölf Jahren (!) bei der Wehrmacht, überlebte als Soldat 6 Jahre Kriegshandlungen.
Wie Goltermann heiratete auch Schlüter in der Nachkriegszeit. Er starb im hohen Alter von 91 Jahren im Jahr 2008 in Münster/Westf.. Nach Bochum kehrten beide Männer nicht zurück. Große Teile der Innenstadt und die Wohnung in der Kronenstraße, in der beide kurzzeitig 1936 gemeinsam gewohnt hatten, wurden 1944 durch Bomben völlig zerstört.
Die Lebens- und Verfolgungswege von Goltermann und Schlüter sind ausführlich beschrieben auf Jürgen Wenkes Website stolpersteine-homosexuelle.de. Dort findet sich auch einen ausführlichen Bericht als PDF-Dokument zum Download.
Gelsenkirchen: Stolpersteine - Denkmale für Nachbarn
Redaktion | 15. Juni 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Letzte Station der Stolpersteinverlegungen am Samstag (11.6.) war die Husemannstr. 39. Bildhauer Gunter Demnig ließ vor dem Haus insgesamt sechs Stolpersteine ins Gehwegpflaster ein. Eine achte Klasse der Gesamtschule Berger Feld hatte die Patenschaft für das kleine Denkmal übernommen, das nun an Hella Grün erinnert. Auch für ihre Geschwister und die Eltern konnten an diesem Tag an gleicher Stelle fünf weitere Stolpersteine verlegt werden. Ermöglicht durch das Engagement der vielfältig erinnerungskulturell aktiven Gesamtschule Berger Feld und von Menschen aus dem Schulumfeld. Die Schüler*innen hatten sich im Vorfeld mit den Lebens- und Leidenswegen der Familie Grün beschäftigt und so die kleine Verlegezeremonie mit eigenen Beiträgen aktiv mitgestaltet.
Begonnen hatte die diesjährige Verlegeaktion vor dem Marienhospital Buer, dort wurde der Stolperstein verlegt, der an Norman C. Cowley erinnert - der zweite britische Staatsbürger, für den auf deutschem Boden ein Stolperstein liegt. Der Pilot der Royal Air Force wurde Opfer eines Lynchmords durch Nazi-Schergen, nachdem sein Flugzeug über Gelsenkirchen von der Flak abgeschossen worden war. Die Patenschaft für das Denkmal hat Bezirksbürgermeister Dominic Schneider übernommen. Auch Michal Zambra war als Vetreter der Royal Britisch Legion anwesend, er sprach ein Gebet für den Soldaten Cowley. Vor dem Sozialwerk St. Georg erinnert nun ein Stolperstein an ein erst zweieinhalb Jahre altes Opfer der so genannten "Kindereuthanasie". (Siehe Bericht v. 13.6.).
An der Hauptstraße 16 wurden die dort für Familie Grüneberg verlegten Stolpersteine im ein weiteres Denkmal erweitert, dieser Stein erinnert nun an die 2017 gestorbene Lore Grüneberg. Stolpersteinpate Matthias Heitbrink konnte nicht persönlich vor Ort sein, dafür nahm sein Vater teil. Weiter ging es an der Gildenstr. 7, vor dem Eckhaus gegenüber der neuen Synagoge erinnern jetzt zwei Stolpersteine an das Ehepaar Josef und Ida Schlossstein. Leider waren beide Stolpersteinpaten an diesem Tag terminlich verhindert. Inmitten des festlichen Trubels des City-Festes "GEspaña" verlegten wir auf der Bahnhofstr. vor dem ehemaligen Kaufhaus Alsberg (Heute WEKA) einen Stolperstein, der an den enteigneten, später im Ghetto Lodz (Litzmannstadt) ermordeten jüdischen Vorbesitzer Dr. jur. Alfred Alsberg erinnert. Leider verpassten wir uns, Stolpersteinpatin Annette Fiering und Barbara Walker, eine Enkelin von Alfred Alsberg waren eigens zur Verlegung nach Gelsenkirchen gekommen. Beide konnten jedoch den verlegten Stolperstein in Augenschein nehmen.
Witwe Ida Reifenberg so nur einen Ausweg, dem Naziterror zu entkommen. Als sie im November 1941 die erste Aufforderung bekam, sich auf die "Evakuierung in den Osten" vorzubereiten, wählte sie die Flucht in den Tod. Diesen Stolperstein verlegten wir gemeinsam mit Gunter Demnig und Stolpersteinpate Knut Maßmann vor dem Haus Von-Der-Recke-Str. 11.
Die diesjährigen Verlegungen von Stolpersteinen in Gelsenkirchen haben wir im Rahmen einer Gemeinschaftsverlegung am Dienstag fortgesetzt. Eine Verlegung fand gemeinsam mit Stolpersteinpatin Doris Stöcker an der Dessauerstr. 72 statt, dort erinnert jetzt ein Stolperstein an Vera Polyakova. Gemeinsam mit Stolpersteinpate Ingo Schmack haben wir zwei kleinen Denkmale, die nun an das Ehepaar Margarethe und Heinrich Meyer erinnern, vor dem Haus Florastr. 166 in das Gehwegpflaster eingelassen. An dieser Zeremonie nahm auch die aus Holland angereiste Berta Levie-Jungmann teil. Sie will bei der nächsten Verlegung Stolpersteine für Angehörige in Gelsenkirchen verlegen lassen.
Mitunter braucht es viele Jahre, bis sich die Recherchen zu Lebens- und Leidenswegen NS-verfolgter Menschen mosaikartig zu einem individuellen Bild zusammenfügen. So auch im Fall des Ingenieurs Heinrich Meyer, der am 1. April 1945 in Gelsenkirchen von einem Volkssturmmann aus politischen Gründen erschossen wurde. Hier lesen sie die exemplarische Schilderung einer Stolperstein-Recherche: Befreiung und finaler Terror
Kommentar: Stolpersteine in Gelsenkirchen
Neuakzenturierung erinnerungskultureller Arbeit
Von Andreas Jordan
Erinnerungskultur ist eine zivilgesellschaftliche Angelegenheit, deren Bezugspunkt die Gegenwart und nicht die Vergangenheit ist. In diesem Sinne kommt es darauf an, sich den Potentialen, Handlungen und Orientierungen zu widmen, die Ausgrenzungsgesellschaften enststehen und Genozide möglich werden lassen. Die Beteiligung von Schüler*innen am Kunstprojekt Stolpersteine für Europa von Gunter Demnig kann nicht zuletzt die Enstehung eines emanzipatorischen Geschichtsbewußtseins des Individiums fördern und verweist gleichwohl auf die Anschlussfähigkeit des größten dezentralen Denkmals der Welt. Das gilt auch für kommendene Generationen von Schüler*innen, besonders aus nichtdeutschen Herkunftsgesellschaften.
Stolperstein und Stele: Ehrendes Gedenken für Jürgen Sommerfeld
Andreas Jordan | 13. Juni 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Jürgen Sommerfeld durfte nicht leben, ohne jeden moralischen Skrupel wurde der kleine Junge im Rahmen der so genannten "Kindereuthanasie" vom NS-Gewaltregime 'gestorben'. Er war gerade zweieinhalb Jahre alt, als er als Kind mit Behinderung am 20. Juli 1943 in die so genannte "Kinderfachabteilung" der Provinzialheilanstalt Aplerbeck in Dortmund aufgenommen wurde. Am 9. August 1943 ist das Kind tot, gestorben angeblich an "Kreislaufschwäche", so steht es auf dem Totenschein.
Jetzt erinnert in Gelsenkirchen ein Stolperstein an Jürgen Sommerfeld. Gemeinsam mit Bildhauer Demnig, Angehörigen und Vertreter*innen des Sozialwerks St. Georg verlegten wir am Samstag (11.6.) in einer kleinen Zeremonie an der Emscherstr. 41 den Stolperstein, Christa Sommerfeld enthüllte daran anschließend sichtlich berührt die Gedenkstele.
Gleichwohl hatten wir uns im Vorfeld in Absprache mit Angehörigen auf den Verlegort Emscherstr. 41 vor dem Sozialwerk St. Georg verständigt, das Jürgen Sommerfeld neben einem Stolperstein eine weitere ehrende Erinnerung erfahren sollte: Schon länger plante das Sozialwerk, ein Gebäude stellvertretend nach einem Menschen zu benennen, der während des Nationalsozialismus der so genannten 'Euthanasie' zum Opfer gefallen ist. So konnten wir im Frühjahr diesen Jahres auf Nachfrage Jürgen Sommerfeld als Namensgeber vorschlagen und den Kontakt zu Angehörigen herstellen. Die offizielle Benennung des Gebäudes findet Ende Juni statt.
Andreas Jordan | 3. Juni 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Auch weiterhin freut sich die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen über Menschen, die bei der Bekanntmachung und Durchführung des Projektes in Gelsenkirchen helfen: Spenden sammeln, Flyer auslegen, Rundgänge erlernen und durchführen, Informationen zu Nazi-Opfern sammeln und auswerten, Patenschaften übernehmen, Benefizveranstaltungen organisieren, Putzaktionen - um nur einige Beispiele zu nennen. Gerade auch jüngere Generationen finden durch die Stolpersteine einen ganz direkten Zugang zur NS-Geschichte im lokalen Kontext, hilfreich ist dabei nicht zuletzt auch unsere Homepage. Fragen zum Projekt beantworten wir gerne.
Die neue, innovative App „Stolpersteine NRW – Gegen das Vergessen“ des WDR macht auch die derzeit mehr als 260 Schicksale hinter den Gelsenkirchener Stolpersteinen digital erlebbar. Die App ist für die beiden Plattformen iOS und Android kostenlos verfügbar und kann dann auf dem üblichen Weg über die so genannten “Stores” heruntergeladen werden. Eine Version für den Desktop-Browser ist ebenfalls nutzbar.
Die Stolpersteine führen uns auf Schritt und Tritt vor Augen, zu welcher Grausamkeit Menschen fähig sind, auch gegenüber ihren direkten Nachbarn. Sie verweisen somit ebenfalls auf die Entstehung einer Ausgrenzungsgesellschaft, die zwischen 1933-1945 von allzu vielen Deutschen mitgetragen worden ist. Unser neuer Flyer informiert in kompakter Weise über Hintergründe des Kunstprojekts für Europa von Bildhauer Gunter Demnig. Die gedruckten Flyer können kostenlos bspw. für Schulen, Vereine, Nachbarschaftsgruppen etc. per Email angefordert werden: einfach Anschrift mitteilen und gewünschte Stückzahl angeben.
Erinnerungskultur: 16 weitere Stolpersteine werden in Gelsenkirchen verlegt
Pressemitteilung | 29. Mai 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Bildhauer Gunter Demnig kommt am Samstag, 11. Juni 2022 nach Gelsenkirchen, um hier gemeinsam mit Gästen, einer Schüler*:innengruppe der Gesamtschule Berger Feld sowie weiteren Stolpersteinpat *innen ab 14.30 Uhr an mehreren Orten im Stadtgebiet weitere Stolpersteine zu verlegen. Damit werden Lebens- und Leidenswege von Menschen greifbar, die zwischen 1933-1945 aus rassistischen Motiven ermordet, ausgegrenzt oder vertrieben wurden. Sie können ebenso an überlebende Verfolgte erinnern. Demnigs Stolpersteine machen uns bewusst, wohin jede menschenverachtende rassistische Ideologie und Ausgrenzung führen kann. Inzwischen gibt es Stolpersteine in mehr als 25 europäischen Ländern. Allein in Deutschland wurden nach Angaben des Initiators Demnig etwa 90.000 dieser Gedenksteine im Boden verlegt. Im Gelsenkirchener Stadtgebiet wurden seit 2009 zufolge der hiesigen Projektgruppe Stolpersteine (Gelsenzentrum e.V.) bisher 265 Stolpersteine verlegt, insgesamt 18 neue kommen nun Dank des Engagements vieler Menschen hinzu.
Bei dem Projekt „Stolpersteine“ handelt es sich um ein Kunstprojekt für Europa von Bildhauer Gunter Demnig, das die Erinnerung an Opfer der Nationalsozialisten lebendig erhält. Dazu gehören Menschen, die in der NS-Zeit stigmatisiert, verfolgt, deportiert, ermordet oder in die Flucht bzw. den Suizid getrieben wurden. Stolpersteine sind 10 x 10 x 10 cm große Betonquader, in deren Oberläche eine Messingplatte verankert ist. Auf diese Oberfläche werden mit Schlagbuchstaben die Namen und Daten von Menschen eingeprägt, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und zumeist ermordet wurden. Das Besondere an diesem Projekt ist, dass diese kleinen Erinnerungsmale genau an den Orten verlegt werden, an denen die Menschen vor ihrer Flucht oder Verhaftung freiwillig lebten. Damit wird individuell an Verfolgte erinnert, doch es werden gleichwohl auch Fragen nach der Täter- und Mittäterschaft aufgeworfen, indem der Ausgangspunkt der nationalsozialistischen Verfolgung an den ehemaligen Wohnorten deutlich markiert wird.
"Bei den Patinnen und Paten der einzelnen Stolpersteine möchten wir uns herzlich dafür bedanken, dass sie mit ihren Spenden einen mutigen Beitrag zur Sichtbarmachung des düstersten Kapitel unserer Stadtgeschichte geleistet haben". sagt Andreas Jordan, der mit seinem Team die Recherchen und Verlegungen von Stolpersteinen in Gelsenkirchen koordiniert. Wer künftige Stolperstein-Verlegungen finanziell unterstützen möchte, kann an das Konto „Stolpersteine Gelsenkirchen“ bei der Sparkasse Gelsenkirchen mit der IBAN DE79 4205 0001 0132 0159 27 spenden. Der Verwendungszweck ist „Spende Stolpersteine“. Informationen über das Projekt und biografische Skizzen über die Menschen, an die in Gelsenkirchen Stolpersteine erinnern per Mail über a.jordan@gelsenzentrum.de oder im Internet auf www.stolpersteine-gelsenkirchen.de. Interessierte sind herzlich zur Teilnahme an den Stolpersteinverlegungen eingeladen.
(Wir bitten Interessierte, ein Zeitfenster von +/- 20 Minuten zu den genannten Uhrzeiten einzuplanen. Es gelten bei den kleinen Verlegezeremonien die jeweils aktuellen Corona-Richtlinien.)
Die Rahmenveranstaltungen der diesjährigen Stolpersteinverlegungen in Gelsenkirchen werden von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen aus dem Förderpogramm "2000 x 1000 € für das Engagement" gefördert.
Stadtumbau: An der Bochumer Straße sollen auch Fußwege verbreitert werden
Andreas Jordan | 15. Mai 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Der Umbau der Bochumer Straße zwischen Justizzentrum und Virchowstraße soll im Herbst diesen Jahres starten. Geplant sind auf dem Teilstück u.a. die deutliche Verbreiterung der Fußwege. Damit sind auch die vor dem Haus Bochumer Straße Nr. 92 verlegten Stolpersteine 'gefährdet'. Im Mai 2019 von Bildhauer Demnig dort ins Gehwegpflaster eingelassen, erinnern diese drei Stolpersteine an die Ermordung der jüdischen Kaufmannsfamilie Julius Buchthal. Ob die Verantwortlichen bei der Stadt- verwaltung auch diese drei Stolpersteine auf dem Radar haben? Wir werden nachfragen - bevor die kleinen Mahnmale übersehen und wohlmöglich mit Aushub entsorgt werden.
Update 18.5.2022: Martin Schulmann, Pressesprecher der Stadt Gelsenkirchen teilt uns per Mail mit, dass die Stolpersteine zu Beginn der Bauarbeiten an der Bochumer Straße ausgebaut, eingelagert und nach Abschluss der Arbeiten an gleicher Stelle wieder eingebaut werden. Das treffe grundsätzlich auch in Zukunft auf alle betroffenen Stellen zu. So weit, so gut.
Wem gehören die bereits verlegten Stolpersteine?
In diesem Kontext hatten wir noch eine weitere Frage an die Stadtverwaltung Gelsenkirchen gestellt: "Wie beurteilt die Stadtverwaltung einen möglichen Übergang der bereits verlegten Stolpersteine in städtisches Eigentum, wie er in anderen deutschen Städten längst üblich ist?". Anstelle einer klaren Antwort auf eine klare Frage verweist die Verwaltung auf eine Beschlussvorlage (Projekt Erinnerungsorte, 04-09/ 1765) für den Rat der Stadt aus dem Jahre 2005. In der Vorlage werden dem Projekt Stolpersteine - teilweise basierend auf sachlich falsche Angaben - eine Reihe vorgeblicher Schwächen zuge- schrieben, das stadteigene Gedenkprojekt "Erinnerungsorte" wird hingegen favorisiert. Wer bisher gedacht hatte, die Verwaltung habe ihre Haltung zwischenzeitlich überdacht, sieht sich somit getäuscht.
NS-Verbrechen: Gebot der Gerechtigkeit erforderte Verurteilung
Redaktion | 12. Mai 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Seit 2011 erinnern in Gelsenkirchen zwei Stolpersteine an den Widerständler Erich Lange - der eine am letzten selbstgewählten Wohnort in der Schwanenstraße, ein weiterer am Rundhöfchen, dem Ort seines gewaltsamen Todes in der Gelsenkirchener Altstadt.
Erich Lange war zunächst Mitglied der so genannten Schutzstaffel der NSDAP. Er stellte sich jedoch noch vor der Machtübergabe gegen die Nationalsozialisten, wurde Mitglied der KPD und des "Kampfbundes gegen den Faschismus". In den Augen der Nazis war Erich Lange somit ein "Verräter an der nationalen Sache".
Am 23. März 1933 titelte die Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung "Kommunistischer Funktionär erschossen" - das Opfer war Erich Lange. Der Schütze, ein SS-Mann, will in Notwehr geschossen haben. Mehr war bisher über das Verbrechen bisher nicht bekannt, beim Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen (ISG) fanden sich keine Archivalien zur Person oder dem Schicksal von Erich Lange.
Jüngst stieß Historiker Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) bei Recherchen zur Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit in NRW zwischen 1946-1949 jedoch auf eine Archivsignatur, die auf ein Strafverfahren vor dem Schwurgericht Essen gegen zwei SS-Angehörige hinwies, die einen ehemaligen Kameraden auf offener Straße in Gelsenkirchen erschossen hatten. Schnell stand fest, das es sich bei den Angeklagten um die Personen handelt, die 1933 Erich Lange getötet hatten. Die nun erfolgte Auswertung der Akte aus dem Bundesarchiv bringt mehr Licht in eines der Verbechen in der frühen Phase der NS-Gewaltherrschaft in Gelsenkirchen.
Während ihrer Zugehörigkeit zur SS hatten die beiden Angeklagten Erich Schneider und Wilhelm Dudek im Sommer 1932 Erich Lange kennengelernt. Lange war ebenfalls Mitglied der SS und gehörte wie die Angeklagten dem selben SS-Sturm an. Lange trat jedoch im November 1932 wieder aus der SS aus und wurde Mitglied der KPD. Das war den Angeklagten bekannt.
In der Nacht vom 21. auf den 22. März 1933 suchten die Angeklagten in SS-Uniform gemeinsam mit anderen SS-Männern die Wirtschaft "Stadtkeller" in der Gelsenkirchener Altstadt auf. Beide trugen eine Pistole. Kurze Zeit später betrat auch Erich Lange das Lokal. Es dauerte nicht lange, da kam es zu einem Wortwechsel zwischen den Angeklagten und Erich Lange, der in eine Schlägerei mündete. Die Angeklagten Schneider und Dudek schlugen mit ihren Koppeln auf Erich Lange ein, bis dieser aus dem Lokal floh. Der Angeklagte Dudek verfolgte ihm mit zwei weiteren uniformierten Männern. Sie holten Erich Lange in Höhe des Hotels "Monopol" in der Nähe der "Hubertusbar" ein und schlugen erneut massiv auf ihn ein, sodass er laut um Hilfe schrie. Als Lange dann loslief, um den Schlägen zu entgehen, gab Dudek aus einer Entfernung von etwa 2-3 Metern drei Schüsse aus der Dienstpistole auf ihn ab. Von Kugeln getroffen fiel Erich Lange zu Boden. Das geschah gegen 5.10 Uhr. Die Verfolger suchten das Weite, ohne sich weiter um Lange zu kümmern.
Als sich kurz nach dem Vorfall der Zeuge Funke dem Tatort näherte, traf er mit mehreren SA-Männern zusammen. Diesen teilte er seine soeben gemachte Beobachtung mit, Lange sei von einem SS oder SA-Mann erschossen worden. Diese entgegneten, das seien keine Uniformierten gewesen. Funke musste mit zur Polizeiwache, dort wurde er von Kriminalkommisar Tenholt vernommen. Funke konnte gegen 8 Uhr gehen, er ist in dieser Angelenheit nicht wieder verhört worden.
Nach dem letzten Schuss erschien der sich auf dem Weg zur Arbeit befindliche Zeuge Pruschinski am Tatort und konnte nur noch - wie zuvor Funke - den Tod des Erich Lange feststellen. Ein auftauchender SS-Mann mit gezogener Pistole forderte den Zeugen mit den Worten "Was ist den hier los, mach das du wegkommst, lass das Schwein liegen" auf, zu verschwinden.
Am nächsten Morgen mussten die beiden Angeklagten zur Sturmbann-Dienststelle kommen. Dudek schilderte den Sachverhalt. Daraufhin ordnete der Leiter der Dienststelle Schulz mit den Worten "Wir müssen die Sache drehen" an, das der Angeklagte Schneider als Hilfsbeamter der Polizei Lange erschossen habe, weil dieser sich seiner Festnahme durch Flucht habe entziehen wollen. Schneider sollte die Tat auf sich nehmen, hatte dann jedoch zunächst Bedenken, das Vernehmungsprotokoll zu unterschreiben, da er sich einer Tötung bezichtigte. Doch ihm wurde sofort versichert, das es bei dieser einen Vernehmung bleiben werde und er nichts zu befürchten habe.
Vater des Opfers brachte Nachkriegsprozess ins Rollen
Tatsächlich sind dann keine weiteren Ermittlungen getätigt worden, der nun Mitangeklagte Dudek ist seinerzeit nicht verhört worden. Nach dem Krieg wurde auf die Anzeige des Vaters von Erich Lange am 19. Juni 1948 ein Verfahren gegen die mutmaßlichen Täter Dudek und Schneider eingeleitet.
In der Verhandlung stellte das Schwurgericht fest, das sich der Angeklagte Schneider der gefährlichen Körperverletzung, der Angeklagte Dudek der vorsätzlichen Tötung sowie der ge- fährlichen Körperverletzung schuldig gemacht haben. Obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits verjährt, war zu prüfen, ob auf Grund der Verordnung zur Beseitigung nationalsozialisticher Eingriffe in die Strafrechtspflege vom 23. Mai 1947 noch eine Betrafung möglich war. Diese Frage hat das Schwurgericht Essen in der Verhandlung vom 21. September 1949 bejaht, denn dass das Verbrechen der Tötung auch nach 16 Jahren eine Sühne verlangt, erfordere das Gebot der Gerechtigkeit. Schneider wurde erstinstanzlich zu zwei Monaten Gefängnis, Dudek zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.
Gegen das Urteil legte Schneiders Rechtsanwalt wie auch die Staatsanwaltschaft Revision ein. Im Januar 1950 ergeht ein Beschluss des I. Strafsenats des Obersten Gerichtshofes für die britische Zone, das Verfahren - soweit es Erich Schneider betrifft - einzustellen. Der Revision Dudeks wird stattgegeben und das Verfahren an das Schwurgericht Essen zurückverwiesen. Im April 1950 wird Wilhelm Dudek erneut vom Schwurgericht des Landgerichts Essen wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit in Tateinheit mit Totschlag und gefährlicher Körperverletzung zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren verurteilt.
8. Mai: Virtuelle Kerzen für NS-Opfer entzünden
Andreas Jordan | 2. Mai 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Eine neue WDR-App macht die rund 15.000 Schicksale hinter Stolpersteinen in Nordrhein-Westfalen erlebbar. Gezielt können Nutzer:Innen etwa nach Stadt oder Opfergruppe suchen. Zudem kann jedem einzelnen der Opfer durch das virtuelle Anzünden von Kerzen gedacht werden. Eine interaktive Karte zeigt alle derzeitig verlegten Stolpersteine in NRW.
Bei den Stolpersteinen handelt es sich um ein Projekt des Bildhauers Gunter Demnig. Jeder Stein erinnert an einen Menschen, der von der NS-Diktatur verfolgt, ermordet oder in den Suizid getrieben wurde. Dazu werden auch in Gelsenkirchen seit 2009 kleine Messingtafeln in den Boden eingelassen, zu finden sind sie etwa vor früheren Wohnhäusern oder Geschäften von NS-Verfolgten Menschen aller Opfergruppen. Das WDR-Projekt soll nach Angaben des Senders alle rund 15.000 Stolpersteine in NRW auffindbar und digital zugänglich machen, die es mittlerweile gibt. Es richtet sich auch stark an jüngeres Publikum. Mit „Stolpersteine NRW“ macht der Westdeutsche Rundfunk die Lebensgeschichten dieser Menschen digital zugänglich – Die App ist für die beiden Plattformen iOS und Android kostenlos verfügbar und kann dann auf dem üblichen Weg über die so genannten “Stores” heruntergeladen werden, für daheim über den Desktop-Browser
8. Mai 1945: Tag des Kriegsendes - Gelsenzentrum e.V. sucht putzbereite Unterstützer:Innen
Andreas Jordan | 2. Mai 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
In den Tagen nach dem 28. März 1945 überschritten US-Truppen die nördliche Stadtgrenze von Gelsen- kirchen und rückten auf das Stadtzentrum zu. Am Karfreitag 1945 ging in Buer und Horst der 2. Welt- krieg zu Ende, amerikanische Truppen besetzten den Stadtnorden. Am 10. April 1945 hatten sie die ge- samte Stadt befreit, in Gelsenkirchen ruhten die Waffen. Am 8. Mai 1945 endete mit der bedingslosen deutschen Kapitulation der zweite Weltkrieg in Europa.
Erinnerungsaktion am Jahrestag des Kriegsendes in Gelsenkirchen
Auch in diesem Jahr ruft der Gelsenzentrum e.V. auf, am Sonntag den 8. Mai die bisher in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine zu putzen. Seit mehr als zehn Jahren beteiligt sich der gemeinnützige Verein Gelsenzentrum e.V.mit seiner Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen an dem Kunstprojekt des Bildhauers Gunter Demnig. Seine kleinen Gedenktafeln, die sogenannten Stolpersteine, in den Gehweg eingelassen, erinnern an Lebens- und Leidenswege der Menschen, die dort in den Häusern gelebt haben und in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, geflohen, deportiert, ermordet, oder in den Suizid getrieben wurden. Inzwischen sind von Gelsenzentrum gemeinsam mit Bildhauer Demnig mehr als 260 Stolpersteine sowie eine Stolperschwelle in Gelsenkirchen verlegt worden. Der Verein betreut und organisiert nicht nur die Verlegung der Steine, sondern kümmert sich auch um Pflege und Erhalt. Wer sich an der Stolperstein-Putzaktion am Sonntag, 8. Mai, beteiligen möchte, kann sich per E-Mail unter a.jordan (ätt)gelsenzentrum.de melden, dort gibt es dann nähere Informationen.
Abb.: Am Tag des Kriegsendes hörte das Sterben jedoch noch nicht auf. Vor dem Haus Im Bahnwinkel 10 im Gelsenkirchener Norden erinnert ein Stolperstein an Robert Mäusert.
Redaktion | 29. April 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die einzelnen Verlegungen von Stolpersteinen schaffen Gedenk- und Erinnerungsorte im urbanen Raum. Sie werden dort realisiert, wo die Menschen, die Opfer des NS-Gewaltregimes wurden, einst ihren Lebensmittelpunkt hatten - zumeist vor den Türen ihrer Häuser, inmitten des damaligen nachbarschaftlichen Umfeldes.
Die zeitliche und räumliche Abstufung von Diskriminierung, Entfernung und Tötung durch das NS-Gewaltregime erleichterte es der Mehrheitsgesellschaft (im NS: 'Volksgemeinschaft'), sich an die Verfolgung, Entrechtung und Dehumanisierung ihrer in unmittelbaren Nachbarschaft lebenden Mitbürger:Innen gedanklich zu gewöhnen oder sie zu ignorieren. Hinter jedem Stolperstein steht eine zumeist gewaltsam beendete Lebenswelt, jeder Stolperstein verweist gleichwohl auch auf die Täter des Holocaust.
Die Pat:Innen der Stolpersteine setzen Zeichen - für sich und für andere. Gemeinsam tragen wir die Vergangenheit in die Gegenwart und lassen die Stadtgesellschaft ihrer Verantwortung vor der Geschichte bewusst werden. Die Stolpersteine werden ausschliesslich über Patenschaften finanziert, jedem einzelnen NS-Opfer soll dabei ein eigener Stolperstein gewidmet werden. Um das Projekt in Gelsenkirchen kontinuierlich fortzuführen, ist daher auch weiterhin die Mithilfe vieler Menschen notwendig. So konnten für die diesjährige Verlegeaktion in Gelsenkirchen 16 weitere Stolpersteine durch Patenschaften finanziert werden. Damit wächst die Gesamtzahl der von der Projektgruppe Stolpersteine des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum e.V. in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine beständig auf 281 der kleinen Denkmale an.
Die Rahmenveranstaltungen der diesjährigen Stolpersteinverlegungen in Gelsenkirchen werden von der Landesregierung Nordrhein-West- falen aus dem Förderpogramm "2000 x 1000 € für das Engagement" gefördert.
Wir erinnern an die Deportation von Gelsenkirchen nach Warschau vor 80 Jahren
Redaktion | 25. März 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Am 31. März 1942 rollte ein weiterer "Sammeltransport" mit jüdischen Kindern, Frauen und Männern ab Gelsenkirchen "in den Osten". Bestimmungsort der Menschenfracht war zunächst das Ghetto Warschau im deutsch besetzten Polen. Planmäßig um 12:12 Uhr verließ der ab Gelsenkirchen eingesetzte Transportzug der Deutschen Reichsbahn mit dem Kürzel "Da 6" am 31. März 1942 mit 52 Gelsenkirchener Juden die Stadt. Ein Waggon war für das Begleitkommando der Schutzpolizei bestimmt. In Bielefeld wurden weitere 326, in Hannover 500 und in Braunschweig 116 jüdische Menschen in den Zug gezwun- gen. Am Morgen des 2. April 1942 erreichte der Zug das Warschauer Ghetto im deutsch besetzten Polen. Von den aus Gelsenkirchen mit diesem Menschentransport deportierten Juden hat niemand seine Befreiung erlebt. Die Namen sind überliefert, so wird beispielsweise mit Gunter Demnigs Stolpersteinen in Gelsenkirchen auch an von den Nazis zumeist im Warschauer Ghetto ermordeten Menschen erinnert.
Unter den im März 1942 nach Warschau deportierten Menschen befanden sich auch Angehörige der Familie Rosenbaum. Vor dem Haus Heinrichplatz 1 in Gelsenkirchen - dem letzten selbst gewählten Wohnort - erinnern seit einigen Jahren Stolpersteine an Familie Siegfried Rosenbaum sowie dessen Schwiegermutter Esther Lippers - sie wurde in Theresienstadt ermordet.
Gedenken: 16 weitere Stolpersteine werden in Gelsenkirchen verlegt
Andreas Jordan | 9. März 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
"Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden." *
Die Stolperstein-Verlegung 2022 haben wir bereits lange vor Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine geplant, nun sollen am Samstag, den 11. Juni von Bildhauer Gunter Demnig weitere Stolpersteine in Gelsenkirchen verlegt werden.
Am Dienstag, 14. Juni folgen dann an zwei Orten in Gelsenkirchen so genannte Gemeinschaftsverlegungen, die wir in Absprache mit Gunter Demnig selbst ausführen. Die Terminangabe muss zum jetzigen Zeitpunkt unter dem Vorbehalt der aktuellen Entwicklungen in der Ukraine genannt werden.
* Ztat: Fritz Bauer (1903-1968), Generalstaatsanwalt, Ankläger im Auschwitz-Prozess.
(Wir bitten Interessierte, ein Zeitfenster von +/- 20 Minuten zu den genannten Uhrzeiten einzuplanen. Es gelten bei den kleinen Verlege- zeremonien die jeweils aktuellen Corona-Richtlinien.)
Erinnerungskultur: Gesamtschule Berger Feld erhält weitere Auszeichnung
Andreas Jordan | 7. Februar 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Mit der "Ernst-Alexander-Auszeichnung" wurde jüngst die Gelsenkirchener Gesamtschule Berger Feld geehrt. Mit herausragenden und nachhaltigen Projekten hat sich die Schule für die Erinnerungskultur und gegen das Vergessen eingesetzt. Mit dem Projektkurs „Geschichte“ erinnert die Gesamtschule Berger Feld zum einen fortlaufend an das Leid der jüdischen Bevölkerung in Gelsenkirchen nach der Machtübergabe an die Nazis 1933 und die späteren Deportationen durch das NS-Regime. Seit 2017 reist die Gruppe deshalb jährlich nach Riga, um die traurige Verbindung zwischen Gelsenkirchen und der lettischen Hauptstadt zu erinnern und diese aufzuarbeiten. Nicht zuletzt hat auch das aktive Engagement der Gesamtschule Berger Feld für das Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen zur Verleihung der Auszeichnung geführt.
So haben die Schüler:Innen gemeinsam mit ihren Lehrer:innen in den letzten Jahren Patenschaften für mehrere Stolpersteine übernommen und so die Verlegungen der kleinen Mahnmale für Walter Hes, Ernst Levie und dessen Eltern Walter und Malke Levie erst möglich gemacht: "Wir, die Klasse 8.2 der Gesamtschule Berger Feld, haben gemeinsam mit unseren Klassenlehrerinnen Frau Mau und Frau Krause die Patenschaft für den Stolperstein von Walter Hes übernommen, weil uns sein Schicksal sehr berührt hat. Walter war so alt wie wir es jetzt sind, als er von den Nazis ermordet wurde. Mit unserem Engagement wollen wir dazu beitragen, dass Walter Hes und die vielen anderen Opfer des Holocausts nicht vergessen werden und so etwas niemals wieder geschieht." schrieben uns die Schüler:Innen. Für dieses Engagement waren die Schülerinnen und Schüler vom Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten bereits mit dem Margot-Spielmann-Preis geehrt und ausgezeichnet worden.
Zahlreich waren Lehrer:Innen, Schüler:Innen (Klasse 8.1) und Ehemalige der Gesamtschule Berger Feld vor Ort erschienen, als im Juni letzten Jahres am Knappschaftshof in Gelsenkirchen-Ückendorf die Stolpersteine für Familie Walter Levie ins Pflaster eingelassen wurden - hatten sie doch die Patenschaften und damit die Finanzierung für diese drei Erinnerungszeichen übernommen. Die Jugendlichen gestalteten mit ihren Wortbeiträgen die kleine Zeremonie aktiv mit. Vor allem für die jüngere Generation, für die der Holocaust immer weiter wegrückt, bieten Stolpersteine einen besonderen Zugang zur Geschichte. Abstrakte Opferzahlen in Millionenhöhe werden auf diese Weise individualisiert und in einen lokalen, zeithistorischen Kontext gerückt. Mit der erschütternden und aufklärenden Wirkung der Stolpersteine kehren Namen zurück und gewaltsam genommene Lebenswelten werden sichtbar gemacht. Auch in diesem Jahr beteiligt sich die Gesamtschule Berger Feld mit der Übernahme der Stolpersteinpatenschaften für die Familie Leibisch Grün am Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen.
27. Januar: Internationaler Holocaust-Gedenktag
Redaktion | 26. Januar 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Auschwitz ist das Synonym für den Massenmord der Nazis an Juden, Sinti und Roma und anderen Verfolgten. Auschwitz ist Ausdruck des Rassenwahns und das Kainsmal der deutschen Geschichte. Der 27. Januar, der Tag der Befreiung von Auschwitz, ist daher kein Feiertag im üblichen Sinn. Er ist ein "DenkTag": Gedenken und Nachdenken über die Vergangenheit schaffen Orientierung für die Zukunft. Die beste Versicherung gegen Völkerhass, Totalitarismus, Faschismus und Nationalsozialismus ist und bleibt die Erinnerung an und die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte. In Gelsenkirchen ist der 27. Januar ein zweifacher Gedenktag: Es wird der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz 1945 gedacht, außerdem der Deportation jüdischer Menschen von Gelsenkirchen nach Riga, die drei Jahre zuvor am 27. Januar 1942 vom NS-Terrorregime mit Hilfe der örtlichen Stadtverwaltung durchgeführt wurde.
„Stolpersteine NRW“: Neues digitales WDR-Angebot gegen das Vergessen
Redaktion | 22. Januar 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die rund 15 000 Stolpersteine in Nordrhein-Westfalen stehen im Mittelpunkt des innovativen digitalen WDR-Angebots „Stolpersteine NRW – Gegen das Vergessen“. Der WDR macht die Geschichte der Menschen hinter den Steinen des Künstlers Gunter Demnig jetzt auch digital zugänglich: mit Texten, Fotos, Audios, Illustrationen und Augmented-Reality-Elementen. „Stolpersteine NRW” ist ab sofort als App auf dem Smartphone und am PC/Laptop im Desktop-Browser (stolpersteine.wdr.de) nutzbar.
WDR-Intendant Tom Buhrow: „Wir dürfen die Menschen, an deren furchtbares Leid mit den Stolpersteinen erinnert wird, niemals vergessen. ,Stolpersteine NRW‘ regt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Opfern des Nationalsozialismus vor der eigenen Haustür und im ganzen Land an. Mit unserem einzigartigen Angebot ist es erstmals digital möglich, jeden einzelnen Stein in Nordrhein-Westfalen anzusteuern und mehr über die Menschen dahinter zu erfahren. Damit wollen wir vor allem Jüngeren auf ganz neue Art ermöglichen, sich mit dem Lebens- und Leidensweg dieser Menschen auseinanderzusetzen.“ Mit der App erfahren Smartphone-Nutzer:innen zu jedem Stein, vor dem sie stehen, welcher Mensch sich dahinter verbirgt. Auf Basis von Namen oder Adressen lassen sich die Stolpersteine gezielt finden. Auf der Internetseite kann man auch zuhause am PC auf einem größeren Bildschirm ortsunabhängig in der Datenbank recherchieren. Interaktiv nutzbare Filter machen es möglich, die mehr als 15.000 Biografien komfortabel zu durchsuchen.
Umfangreiches Unterrichtsmaterial für Lehrer:innen
Anfang 2020 hatte der WDR alle Städte und Gemeinden, in denen seit den 1990er Jahren die Messingtafeln in den Bürgersteigen verlegt worden sind, kontaktiert und um Kooperation gebeten. Gemeinsam mit Expert:innen aus mehr als 200 nordrhein-westfälischen Kommunen, Initiativen und Aktionsbündnissen wurden Archive durchforstet, historische Dokumente gesichtet, Berichte von Überlebenden ausgewertet und Quellen abgeglichen. Der WDR hat alle Informationen gesammelt und multimedial aufbereitet. Zudem gibt es umfangreiches Unterrichtsmaterial für Lehrkräfte, das zusammen mit den Kolleg: innen von „Planet Schule“ erarbeitet wurde.
Stolpersteine-Initiator und Künstler Gunter Demnig unterstützt das Projekt von Anfang an. Zum neuen WDR-Angebot sagt er: „Ich bin fasziniert von dem, was da entstanden ist. Besonders gelungen finde ich, dass ein pädagogisches Konzept mit eingebaut wurde mit der Absicht, sich an junge Menschen, an Schülerinnen und Schüler zu wenden. Das wird ein ganz anderer, neuer Geschichtsunterricht. Die App und die Website werden es leichter machen, in dieses Thema einzusteigen. Ich bin dem WDR sehr dankbar für das Engagement und für das gelungene Projekt.“
Projekt nur möglich durch Unterstützung vor Ort
Demnig ist es wichtig, auf die Hilfe vor Ort, etwa durch Einzelpersonen oder Initiativen, hinzuweisen. Ohne sie gäbe es die Stolpersteine in der Form nicht. Das gilt auch für das WDR-Projekt: Mit Expert:innen aus mehr als 200 nordrhein-westfälischen Kommunen, Initiativen und Aktionsbündnissen wurden Archive durchforstet, historische Dokumente gesichtet, Berichte von Überlebenden ausgewertet und Quellen abgeglichen. All das floss in eine Datenbank ein. Die ist seit Projektbeginn stark gewachsen – und wird das weiter tun. Denn der WDR wird Stolpersteine NRW auch künftig pflegen und erweitern.
Neben biografischen Texten, die teilweise auch als Audios zur Verfügung stehen, dienen historische Fotos, Mini-Hörspiele und Videos aus dem WDR-Archiv dazu, die Geschichte der Opfer, ihrer Wohnorte und ihrer Zeit so gut wie möglich nachvollziehbar zu machen. An ausgewählten Orten werden mit Hilfe von „Augmented Reality“ alte Aufnahmen in die heutige Umgebung eingebettet. Zudem lassen sich zum Gedenken virtuelle Kerzen an den Steinen entzünden. Das digitale WDR-Angebot enthält auch mehr als 200 gezeichnete Kurzgeschichten, die sich mit den Biografien der Menschen auseinandersetzen. Diese wurden in Zusammenarbeit mit jungen Illustrator:innen der Kunsthochschule Kassel produziert.
Großfamilie Schopper: Nachfahren wünschen Stolpersteine in Gelsenkirchen
Andreas Jordan | 13. Januar 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die weitverzweigte Großfamilie Schopper um Adolf und Patzura Schopper lebte zu großen Teilen in Gelsenkirchen. Als Angehörige der Minderheit deutscher Sinti geriet auch diese Familie alsbald nach der Machtübergabe an die Nazis ins Visier der Verfolgungsbehörden. Die einzelnen Mitglieder der Familie lebten mit ihren Frauen und Kindern vorwiegend in verschiedenen Wohnungen im Stadtgebiet und nur kurzeitig auf den Zwangs-Lagerplätzen der Stadtverwaltung. Bis auf wenige Überlebende bzw. Befreite wurden alle Familienmitglieder von den Nazis ermordet. Nun wünschen Nachfahren die Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen.
Die familiären Beziehungen lassen sich anhand der Publikation "Mit einer Rückkehr nach hier ist nicht mehr zu rechnen" von Stefan Goch aus dem Jahre 1999 größtenteils abbilden, wobei noch ergänzende, aktuelle Recherchen unsererseits durchgeführt werden müssen. Das Ehepaar Adolf und Patzura Schopper hatte sechs Kinder: Josef (Jg. 1900), Maria (Jg. 1902), Anna (Jg. 1904), Mimi (Jg. 1908), Janosch (Jg. 1909), und Klara (Jg. 1918) - die wiederum verheiratet waren und teilweise selbst Kinder hatten.
Der Konzeption von Bildhauer Demnig folgend, müssen wir für die Famile Schopper insgesamt 20 Stolpersteine in Gelsenkirchen verlegt werden, da Familien im Gedenken symbolisch möglichst wieder zusammengeführt werden sollten. Ein Teil der Summe wird auf ausdrücklichen Wunsch von Nachfahren aufgebracht, jedoch müssen wir auch in diesem Fall um Spenden bzw. die Übernahme von Patenschaften bitten. Erfahrungsgemäß wird einige Zeit vergehen, bis ausreichend Patenschaften übernommen werden, so werden wir zunächst Stolpersteine für Adolf und Patzura Schopper, deren Sohn Janosch Schopper und dessen zweiter Frau Gertrud Goman und den gemeinsamen Sohn Harald Anton verlegen. Spendenkonto: Stolpersteine Gelsenkirchen, IBAN: DE 79 4205 0001 0132 0159 27, BIC: WELADED1GEK, Verwendungszweck: "Stolpersteine Familie Schopper". Auf Wunsch können wir entsprechende Spendenquittungen ausstellen.
Gelsenkirchen: Stolperschwelle für Opfer von Zwangssterilisation und Krankenmord
Andreas Jordan | 8. Januar 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Januarausgabe des Stadtmagazins 'isso' ist erschienen, darin auch zwei Beiträge mit Bezug zu unserer Gedenk- und Erinnerungsarbeit. Die Artikel thematisieren die NS-Krankemorde (NS-Tarnbezeichnung T4, euphemistisch Euthanasie" genannte Mordaktion an Patienten in "Heil- und Pflegeanstalten"). Zum einen wird exemplarisch an Astrid "Iri" Steiner aus Gelsenkirchen erinnert. Für Astrid haben wir bereits einen Stolperstein an der Polsumerstraße verlegt. Der andere Beitrag thematisiert die Schaffung eines Erinnerungsortes an einem der Täterorte Gelsenkirchens in Form einer Stolperschwelle für Opfer von Zwangssterilisation und Krankenmord, verbunden mit einem Spendenaufruf.
'Leider muss ich Ihnen mitteilen, das ihre Tochter Astrid heute plötzlich verstorben ist'. Über das Schicksal des Mädchens Astrid "Iri" Steiner: Jetzt online lesen.
Eine Stolperschwelle für Opfer von Zwangssterilisation und Krankenmord - Schaffung eines Erinnerungsortes im öffentlichen Raum der Stadt Gelsenkirchen:
Jetzt online lesen.
Abb.: Das Plakat wirbt für die vom Rassenpolitischen Amt der NSDAP herausgegebenen Monatshefte 'Neues Volk'. Es zeigt einen sitzenden, offenbar bewegungsunfähigen körperbehinderten Mann und einen hinter ihm stehenden Pfleger. Die bildliche Aussage wird durch den Satz '60.000 RM kostet dieser Erbkranke die Volksgemeinschaft auf Lebenszeit' und den Hinweis 'Volksgenosse, das ist auch Dein Geld' verdeutlicht: Behinderte und unheilbar Kranke sollten aus der 'Volksgemeinschaft' - ähnlich den Juden, Sinti und Roma und anderen Gruppen - ausgegrenzt werden, ihr Tod sei eine Einsparung für jeden gesunden 'Volksgenossen'. (Deutsches Historisches Museum, Berlin Inv.-Nr.: 1988/1284)
Zum Tod von Rolf Abrahamsohn - Gerettet, aber nicht befreit
Andreas Jordan | 27. Dezember 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Wir sind traurig, unser Freund Rolf Abrahamsohn ist am 23. Dezember 2021 gestorben. Baruch Dayan HaEmet - Möge die Erinnerung an ihn ein Segen sein.
Auch Rolf Abrahamsohn war unter den jüdischen Menschen, die am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen in das Ghetto Riga deportiert wurde. Mit viel Glück überlebte Rolf als einziger seiner Familie den Holocaust.
Eigentlich wollte Rolf Abrahamsohn nach seiner Befreiung nach Palästina gehen. Als er jedoch erfuhr, dass er unter Umständen von den Engländern auf Zypern interniert werden könnte, entschied er sich, doch in Deutschland zu bleiben: „Die Jahre im KZ und im Arbeitslager waren doch genug, nie wieder wollte ich eingesperrt sein, und so blieb ich in Marl“. Zunächst nach seiner Befreiung in Recklinghausen lebend, kehrte Rolf Abrahamsohn Ende der 1940er Jahre in das zuvor von den Nazis geraubte Elternhaus in Marl zurück. Dem tüchtigen Kaufmann gelang der Aufbau einer neuen Existenz, auch gründete er eine Familie. Jedoch bekam nur allzuoft zu spüren, dass es vielen Menschen lieber gewesen wäre, wenn die Nazis ihr Mordwerk vollendet hätten.
Er setzte sich im Nachkriegsdeutschland auf vielfältige Weise für das Judentum ein. So hat er maßgeblich am Aufbau der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Recklinghausen gearbeitet, dessen Vorsitzender er lange Zeit war. Abrahamsohn kümmerte sich auch um Waisenkinder in Recklinghausens Partnerstadt Akko in Israel. Zeit seines Lebens lag es Rolf Abrahmsohn besonders am Herzen, junge Menschen von dem Schrecklichen zu berichten, was er während der Nazidiktatur am eigenen Leib erleben musste - nur weil er Jude war. Mit seiner Befreiung gehörte Rolf Abrahamsohn zu den Geretteten, eine Befreiung war es für ihn nicht, denn die Gespenster seiner Vergangenheit ließen ihn niemals mehr los. Nacht für Nacht kehrten sie zurück, ließen ihn nicht schlafen. Seine Augen sind nun für immer geschlossen, möge Rolf Abrahamsohn endlich seine friedvolle Ruhe finden.
Stolpersteine: Wie geht es in Gelsenkirchen weiter?
Andreas Jordan | 7. Dezember 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Gunter Demnigs Stolpersteine liegen in 27 Ländern, im Dezember 2021 wird der 90.000 Stein verlegt werden. Die Stolpersteine gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Seit Beginn der 1990er Jahre arbeitet Demnig an dem Projekt "Stolpersteine", das die Erinnerung an die während der NS-Diktatur verfolgten, vertriebenen und zumeist ermordeten Juden, Sinti und Roma, politischen Widerständler, Homosexuellen, Zeugen Jehovas, Zwangsarbeitenden, Euthanasieopfer und den als vorgebliche "Asoziale" stigmatisierten lebendig erhalten soll.
Im Jahre 2009 konnten wir nach Überwindung von Vorbehalten seitens Politik und Stadtverwaltung erste Stolpersteine auch in Gelsenkirchen verlegen, mittlerweile haben wir 265 Stolpersteine sowie eine Stolperschwelle in das Gehwegpflaster unserer Stadt eingelassen.
Wenn auch durch die Coronapandemie unter erschwerten Bedingungen haben wir im Hintergrund die Recherchen für die nächste Verlegeaktion in Gelsenkirchen im Sommer 2022 abgeschlossen. Derzeit wird ein Termin mit dem Büro des Bildhauers Demnig vorbereitet. Damit ist jedoch keinesfalls das Ende der Stolperstein-Aktion in Gelsenkirchen erreicht, denn es gibt noch viele weitere Namen von ermordeten, zur Flucht gezwungenen bzw. befreiten Menschen. Eine weitere Stolperschwelle für Opfer von Zwangssterilisation und Krankenmord ist in Vorbereitung.
Das von Bildhauer Gunter Demnig ersonnene Projekt Stolpersteine bietet auch für Geschichtskurse oder Schulklassen eine ganz besondere Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit der NS-Gewaltherrschaft und der Erinnerung an Opfer der nationalsozialistischer Verfolgung. Beteiligte Schülerinnen und Schüler finden einen ganz direkten Zugang zur lokalen NS-Geschichte. Die Stolpersteine werden über Patenschaften finanziert, jedem einzelnen NS-Opfer soll dabei ein eigener Stolperstein gewidmet werden. Die Paten der Stolpersteine setzen Zeichen - für sich und für andere, sie tragen gemeinsam die Vergangenheit in die Gegenwart und lassen uns alle unserer Verantwortung vor der Geschichte bewusst werden. Um das Projekt in Gelsenkirchen kontinuierlich fortzuführen, ist daher Mithilfe in Form finanzieller Unterstützung durch viele Menschen notwendig.
Die Projektgruppe Stolpersteine in Gelsenkirchen ist kein städtisches Projekt, sondern wird von zivilgesellschaftlichen Engagement einiger Gelsenkirchener BürgerInnen unter dem Dach des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum e.V. umgesetzt. Die Finanzierung der Stolpersteine sowie die der Arbeit der Projektgruppe erfolgt nicht über Steuergelder, sondern ausschließlich durch Spenden. Wir bitten darum, unsere Arbeit weiterhin durch Spenden zu unterstützen.
Andreas Jordan | 6. Dezember 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
2022 jährt sich die Deportation jüdischer Menschen von Gelsenkirchen nach Riga in Lettland, damals ein Teil des "Reichskommissariats Ostland", zum 80. Mal. Am 27. Januar 1942 rollte der erste "Sammeltransport" mit jüdischen Kindern, Frauen und Männern von Gelsenkirchen Richtung Osten. Bestimmungsort der Menschenfracht war das Ghetto Riga. Etwa 420 jüdische Menschen - davon rund 340 aus Gelsenkirchen - wurden zunächst in die zum temporären "Sammellager" umfunktionierten Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz unter unmenschlichen Bedingungen eingepfercht. Auch Juden aus umliegenden Revierstädten wie bspw. Recklinghausen wurden eigens für die Deportation nach Gelsenkirchen transportiert.
Auf dem Weg nach Riga wurden weitere Menschen an verschiedenen Haltepunkten - u.a. in Dortmund und Hannover - in den Zug gezwungen. Der Deportationszug der Deutschen Reichsbahn erreichte schließlich mit etwa 1000 Menschen am 1. Februar 1942 Riga in Lettland. Der überwiegende Teil der aus Gelsenkirchen und anderen Städten am 27. Januar verschleppten Juden wurden in der Folgezeit im Ghetto Riga oder in Konzentrationslagern ermordet. Zu den wenigen, die oftmals als Einzige ihrer Familien den Holocaust überlebt haben, gehört auch der im damaligen Horst-Emscher geborene Herman Neudorf. An Herman und seine Familie erinnern die ersten in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine.
Der 96jährige Herman Neudorf, heute in den USA lebend, erinnert sich:
"Am 20. Dezember 1941 erhielten wir von der Gestapo, Staatspolizeistelle Gelsenkirchen, die erste Aufforderung: "Sie haben sich auf einen Transport zum Arbeitseinsatz nach dem Osten vorzubereiten. An Gepäck darf 10 Reichsmark mitgenommen werden. Die Fahrtkosten sind selbst zu entrichten" - natürlich einfache Fahrt, eine Rückfahrt war ja nicht vorgesehen. Vorbereitungen wurden von Seiten der zur Deportation bestimmten jüdischen Einwohnern Gelsenkirchens getroffen. Medikamente, Winterkleidung, warme Decken und so weiter beschafft. Am 20. Januar 1942 kommt wieder ein Schreiben: "Sie haben sich zum Transport nach dem Osten in den nächsten drei Tagen bereitzuhalten." Nun war es also soweit.
An einem Januarmorgen um 10 Uhr morgens wurden wir dann von der Gestapo aus dem sogenannten "Judenhaus" an der Markenstraße 28 in Horst abgeholt und in einen Autobus verfrachtet, mit je einem Koffer. In Handumdrehen sammelte sich um den Bus eine Anzahl Schulkinder. Auf ihre neugierige Frage, wohin wir fahren, antwortete der Gestapo-Chauffeur: "Zur Erholung in ein Sanatorium." Am Wildenbruchplatz schliefen wir eine Nacht wie Tiere in Stroh am Boden. Frühmorgens am folgenden Tag wurden wir verladen. Es war der 27. Januar 1942. Aber diese Mörder wussten zu gut, wohin unsere Fahrt führen sollte. Hoher Schnee mit ca. 25 Grad Kälte. Ein Personenzug stand am Güterbahnhof Gelsenkirchen für uns bereit. Ungeheizt. Am Ende des Zuges wurden drei Wagen mit unseren Koffern, Verpflegung und Küchengeräten angehängt. Dann fuhren wir ab. Türen natürlich abgeschlossen. Vor Hannover erfuhren wir, daß die letzten Wagen angeblich "heißgelaufen" waren und abgehängt werden mussten. Nun besaßen wir nur noch das, was wir am Leibe trugen. Es war eine lange Fahrt durch Ostpreußen, Litauen, Lettland. Aborte völlig verstopft und eingefroren, die Abteilwände mit einer Eisschicht überzogen.
Am 1. Februar erreichten wir unsere neue "Heimat", der Transport hielt am Bahnhof Skirotava im südlichen Teil der Stadt Riga. Auf uns warteten schon SS-Leute in dicken Pelzmänteln. Sie trieben uns mit Schlägen, Beschimpfungen und Gebrüll aus dem Zug. Die Glieder waren noch starr vor Kälte. Zum Teil mit LKW oder zu Fuß ging es ab. Ungefähr drei Stunden Marsch. Lettische Wachen hüteten uns sorgfältig und rissen einigen gute Kleidungsstücke vom Leibe herunter. Ein mit Stacheldraht umgebener Stadtteil tauchte auf. Personen mit gelben "Judensternen" konnte ich erkennen. Das war also das Rigaer Ghetto, das uns allen ewig in Erinnerung bleiben sollte. Oft wundert man sich selbst, dass man diese schrecklichen Jahre, die noch folgen sollten, überhaupt überleben konnte." Hermann Neudorf erlebte seine Befreiung im April 1945 auf einem Todesmarsch aus dem KZ Buchenwald in Richtung KZ Dachau. Lebensgeschichtlichen Erinnerungen von Herman Neudorf: Das war Riga...
Stolpersteine Bochum: Dr. Hans Buxbaum. Sozialdemokrat - Schwul - Jüdisch
Redaktion | 24. November 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Wer in einer dieser drei Kategorien verortet wurde, war in der NS-Zeit unmittelbar ab Anfang 1933 in vielfältiger Weise bedroht. Von Betätigungsverbot, Berufsverbot über strafrechtliche Verfolgung bis zu völliger sozialer und gesellschaftlicher Ausgrenzung reichten die sich steigernden Willkür-Maßnahmen, die die Nationalsozialisten und ihre willigen Helfer praktizierten. Am Ende gingen viele Menschen in den Konzentrationslagern "durch den Kamin", wie es die Häftlinge selbst formulierten. Ermordung von SozialdemokratInnen, Homosexuellen und Juden und Jüdinnen war Teil des Staatshandelns. Weitere Gruppen seien benannt: Bibelforscher, Behinderte, Sinti und Roma, Frauen und Männer, die Abtreibungen befürworteten und den in Not befindlichen Frauen halfen, Obdachlose, Arbeitslose, Kommunisten, Wehr- und Kriegsdienstverweigerer, usw. Engagement, sei es sozial, sei es politisch, sei es durch besondere Leistungen, sei es als Mensch, zählten wenig bis gar nichts - in der NS-Zeit wurden Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu ideologischen und rassistisch formulierten Kategorien der Maßstab, ob ein Mensch Chancen auf Fortkommen, Leben und Unversehrheit hatte oder nicht. Worte wie "Volksfeinde, Volksschädlinge, Rasseschänder, usw." waren das sprachliche Abbild von Hitlers Gauland. Was mit Hetze und Jubel begann, endete ... Für Homosexuelle endete die Verfolgung nach NS-Gesetzen erst 1969! Dr. Hans Buxbaum, stellvertretender Theaterleiter, Regisseur und Oberspielleiter von 1926 bis 1933 am Bochumer Theater - und aufgrund der damaligen Theaterehe mit Duisburg auch am dortigen Theater wirkend - fiel in alle drei Ausgrenzungskategorien: Sozialdemokrat, schwul, jüdisch. Bis heute ist der engagierte Theatermann weitestgehend vergessen.
Erstmals wird nun an ihn erinnert. Wesentliche Teile des Lebens- und Verfolgungsweges von Hans Buxbaum und seines Widerstandes gegen Hitler-Deutschland lesen sie in der ersten, schriftlichen Publikation und Würdigung von Jürgen Wenke, die Hans Buxbaum in den Mittelpunkt stellt: "Was bleibt, wenn der Vorhang fällt?"
Zweiter Teil der Würdigung: Stolpersteinverlegung für Hans Buxbaum in Bochum
In Bochum, Theatervorplatz Schauspielhaus Bochum, Königsallee 15, 44789 Bochum am Dienstag, den 14. Dezember 2021, ca. 12 Uhr (aufgrund der Tatsache, dass der Künstler Gunter Demnig nur einen ungefähren Zeitplan der Verlegung benennen kann und manchmal schon vor der geplanten Zeit erscheint, wird vom Veranstalter ca. 11.30 Uhr als Zeitpunkt einer Teilnahme empfohlen) Die Veranstaltung findet im Freien statt, bitte halten Sie die notwendigen Schutzmaßnahmen wg. der Corona-Pandemie eigenverantwortlich ein. Rückmeldungen an Veranstalter und Initiator Jürgen Wenke per Email sind erwünscht.
Jahrestag: Gedenken und Erinnern an Opfer der Pogromwoche 1938
Andreas Jordan | 4. November 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Auch in diesem Jahr finden an vielen Orten in Deutschland Veranstaltungen zum Gedenken an jüdische Bürgerinnen und Bürger statt, die in den Tagen und Nächten vom 7. bis 16. November 1938 Opfer rassistisch motivierter Gewalttaten gegen Leib, Leben und Eigentum wurden.
Der Höhepunkt der vom NS-Gewaltregime initiierten Ausschreitungen fand in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 statt, im kollektiven Gedächnis als so genannte "Reichskristallnacht" oder auch im neueren Sprachgebrauch als "Reichspogromnacht" verankert. Der Begriff "Reichspogromnacht" wiederum ist eine nach 1945 konstruierte Bezeichnung im Nazi-Jargon, und deshalb vollkommen unmöglich: Bei den Nazis wurde alles, was erhöht sein sollte, mit dem Zusatz "Reich" versehen. Pogromwoche bzw. Novemberpogrome sind daher die geeigneteren Bezeichnungen.
Der als gemeinnützig anerkannte Verein Gelsenzentrum e.V. ruft Bürgerinnen und Bürger zur Teilnahme an den Kundgebungen und Veranstaltungen demokratischer Organisation und Gruppierungen zur Erinnerung und zum Gedenken an Menschen auf, die 1938 Opfer der Novemberpogrome wurden. Jeder von uns ist gefordert, sich entschlossen gegen jede Form von Rassismus, Hetze, Gewalt, Ausgrenzung und Diskriminierung stellen. Die Pogromwoche im November 1938 erinnert gleichwohl auch an die NS-Verbrechen, die vorausgingen und an die, die diesem Datum folgten. Weitere Informationen bietet nachfolgend verlinkte Dokumentation auf der Internetpräsenz des Gelsenzentrum e.V.: Die Novemberpogrome 1938 in Gelsenkirchen
"Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren."
(Richard von Weizsäcker)
83. Jahrestag der so genannten "Polenaktion" - Auftakt zur Vernichtung
Andreas Jordan | 27. Oktober 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Im Rahmen der im Nazi-Jargon als "Polenaktion" bezeichneten Abschiebeaktion zwischen dem 28. und 29. Oktober 1938 wurden rund 18.000 jüdische Menschen mit polnischer Staatsangehörigkeit, pejorativ als "Ostjuden" bezeichnet, aus dem "Dritten Reich" abgeschoben. Bei im ganzen Reichsgebiet durchgeführten Razzien brutal festgenommen, meist nur mit dem versehen, was die Betroffen auf dem Leib trugen, wurden die Menschen in Sammeltransporten mit der Reichsbahn an die polnischen Grenze verschleppt und dort ins Niemandsland getrieben. In Gelsenkirchen waren etwa 80 jüdische Menschen jeden Alters von der Massenabschiebung betroffen. Einigen wenigen wurde anschließend die Rückreise nach Gelsenkirchen gestattet - sie wurden dann gezwungen, vor Ort bei der "Arisierung" ihres Besitzes "mitzuwirken" - um danach erneut ausgewiesen bzw. später deportiert zu werden. Diese Abschiebeaktion, die im Zusammenspiel von Polizei, Reichsbahn, Finanzbehörden und Diplomatie ablief, stellte einen ersten Höhepunkt der physischen Verfolgung jüdischer Menschen dar und war der eigentliche Auftakt zur geplanten Vernichtung der europäischen Juden.
Es gab mehrere Zielorte für die Abschiebungstransporte – einer der Orte war die polnische Grenzstation Zbaszyn (Bentschen) in der Provinz Posen. Dorthin wurden auch die Betroffenen aus Gelsenkirchen verschleppt. Die meisten der Deportierten (in Zbaszyn zwischen 5.000 und 10.000) mussten monatelang in Ungewissheit ihrer Zukunft unter katastrophalen Bedingungen in Militär-Pferdeställen und einer ehemaligen Mühle hausen. Jüdische Hilfsorganisationen, wie z. B. das American Joint Distribution Com- mittee, unterstützten sie. Manchen der Internierten gestatteten die polnischen Behörden die Weiterreise ins Landesinnere Polens, sofern sie dort Verwandte hatten. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 fielen diese Jüdinnen*Juden jedoch erneut unter deutsche Gewaltherrschaft. Die Mehrzahl der nach Polen ausgewiesenen Menschen wurde später in deutschen Vernichtungslagern ermordet.
Abb.: Ein letztes Lebenszeichen von Isidor Jeckel aus Gelsenkirchen ist dieser Brief, gerichtet an seinen ebenfalls aus Gelsenkirchen stammenden Freund Ernst Alexander. Dieser konnte bereits im Januar 1938 in die USA in Sicherheit gebracht werden. In diesem Brief aus Zbaszyn, datiert auf den 9. Januar 1939, beschreibt der damals 16jährige Isidor Jeckel auch die Verhaftung in Gelsenkirchen und die unmenschlichen Zustände im Internierungslager Zbaszyn. So schildert er, wie er und sein Vater von der Arbeitstelle in Gelsenkirchen direkt in das Gefängnis gebracht wurden, ohne sich vorher entsprechende Bekleidung aus ihrer Wohnung holen zu dürfen. Weiter schreibt er: "(...) wünsche ich alles Gute, vor allem wünsche ich keinem jüdischen Jungen in eine solche Lage zu kommen, wie ich es bin (...)."
Zu den Ausgewiesenen zählte auch die Familie Grynszpan aus Hannover, die ihrem Sohn Herschel in Paris daraufhin eine Nachricht schickte. Aus Protest gegen die "Polenaktion" verübte der 17-Jährige Herschel daraufhin am 7. November 1938 in der deutschen Botschaft in Paris ein Attentat auf den Diplomaten Ernst vom Rath, das die Nazis wiederum als Vorwand für die zwischen dem 7. und dem 16. November gegen jüdische Menschen gerichtete Gewalt- und Terrorwelle (Novemberpogrome) nutzten.
Spendenaufruf: Spenden sollen Verlegung von Stolpersteinen finanzieren
Redaktion | 9. Oktober 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Neben vielen weiteren Stolpersteinen sollen auch für die jüdische Familie Grün in Gelsenkirchen Stolpersteine verlegt werden. Eine achte Klasse hat nun die Patenschaft und damit auch die Finanzierung für den Stolperstein übernommen, der Hella Grün gewidmet wird. Finanziert werden Stolpersteine durch private Spenden, ein Stein kostet derzeit einschließlich seiner Verlegung 120 Euro. Im Gedenken soll die Familie Grün symbolisch wieder zusammengeführt werden, dafür werden weitere Paten gesucht. Jeder Euro zählt - auch Teilbeträge sind willkommen.
Verzweifelt haben die Gelsenkirchener Eva und Leibisch Grün versucht, ihre Leben und das ihrer Kinder zu retten. Sie schickten Hella (Jg. 1930 und Herbert (Jg. 1931) nach der Pogromwoche vom November 1938 in das vermeintlich sichere Holland, in der Hoffnung die beiden von dort aus mit einem der Kindertransporte nach Übersee zu retten. Die Eltern blieben mit zwei weiteren Kindern, Esther (Jg.1929) und Samuel (Jg. 1937) in Gelsenkirchen zurück, von hier werden die drei im 1942 nach Riga deportiert und ermordet. Ihre Kinder Hella und Herbert werden von der NS-Mordmaschinerie in Holland eingeholt, auch sie gehören nicht zu den Überlebenden. Hella wird in Sobibor, Herbert in Auschwitz ermordet.
Mit dem Projekt "Stolpersteine" erinnert der Bildhauer Gunter Demnig an Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden, unter den Bedingungen der Deportation oder der Haft zu Tode kamen oder unter dem Druck der damaligen Umstände Selbstmord begangen. Ein Stolperstein wird dort verlegt, wo diese Männer, Frauen und Kinder ihren letzten freiwillig gewählten Wohnort hatten. Zu den Opfergruppen zählen Juden, Sinti, Euthanasieopfer, Deserteure, Homosexuelle, Zwangsarbeiter, ethisch, religiös oder politisch Verfolgte.
In Gelsenkirchen wird die Verlegung von Stolpersteinen durch den als gemeinnützig anerkannten Verein Gelsenzentrum koordiniert, um die Archiv-Recherche und Erstellung einer Dokumentation kümmert sich die unter dem Dach des Gelsenzentrum e.V. organisierte Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen. Auf Wunsch können Spenden auch vertraulich behandelt werden. Bei Beträgen von 25 bis 200 Euro reicht der Einzahlungsbeleg zur Ausweisung als Spende für gemeinnützige Zwecke. Für Spenden von mehr als 200 Euro stellen wir eine Spendenquittung aus. Anfragen richten Sie bitte direkt an den Gelsenzentrum e.V., Mail: a.jordan(ätt)gelsenzentrum.de.
Weitere Infos zu Patenschaften und Spenden für das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen sowie die IBAN unseres Spendenkontos finden sie → hier.
Stolpersteine Gelsenkirchen: Kunst im öffentlichen Raum
Andreas Jordan | 3. Oktober 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Stolpersteine - Hier wohnte 1933-1945. Ein Kunstprojekt für Europa von Gunter Demnig.
Kunst im öffentlichen Raum, erlebbar rund um die Uhr, jeden Tag, ohne Einschränkung: Das Kunstprojekt "Stolpersteine für Europa" nimmt dabei alle NS-Verfolgtengruppen gleichermaßen in den Blick. Die Kulturwissenschaftlerin Dora Osborne über Gunter Demnigs Kunstprojekt gegen das Vergessen: "Die Verlegung der Stolpersteine ist ein Akt des Archivierens, des Archivierens der Geschichte, die zumeist nur noch aus Asche und Staub besteht. Die Biografien der Menschen wären niemals recherchiert worden und somit für immer verloren gewesen." So geschehen in Gelsenkirchen an bisher 265 Orten im öffentlichen Raum - 265 Lern- und Erinnerungsorte, verortet durch einen Stolperstein. Weitere werden folgen - jeder kann mit der Übernahme einer Patenschaft dazu beitragen, denn über diese Patenschaften werden die Stolpersteine finanziert.
80. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar: Massenmord nach Dienstplan
Andreas Jordan | 29. September 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
In dieser Phase des Eroberungs- und Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion und des Holocaust brachten die mobilen Mordkommandos die Menschen noch auf kurzer Distanz mit ihren Schusswaffen um, der fabrikmäßige Massenmord durch Gaseinsatz begann erst ab Anfang 1942. In Babyn Jar wurden auch nach den Massenerschießungen am 29. und 30. September 1941 weiterhin Zehntausende ermordet – Jüdinnen und Juden, Roma, Kriegsgefangene, Kranke, KommunistInnen und viele andere.
"Sie mussten sich bäuchlings auf die Leichen der Ermordeten legen und auf die Schüsse warten. Dann kam die nächste Gruppe. 36 Stunden lang kamen Menschen in Babyn Jar an und wurden ermordet." - Vor 80 Jahren erschoss ein deutsches "Sonderkommando 4a" der Einsatzgruppe C bestehend aus Waffen-SS, Wehrmacht und verschiedenen deutschen Polizeieinheiten sowie ukrainischer Hilfspolizei innerhalb von 36 Stunden in der Schlucht Babyn Jar (Kiew) fast 34.000 Männer, Frauen und Kinder. Akribisch gezählt - und in Berichten festgehalten. Ein Holocaust durch Kugeln, perfide getarnt als "Umsiedlungsaktion": ein monströs-effizient geplantes Massenverbrechen. 36 Stunden lang, rund 1000 Menschen pro Stunde, 17 in einer Minute. Im Schichtbetrieb wurden die hilflosen Opfer erschossen und anschließend im Massengrab verscharrt. Für das leibliche Wohl der Mörder in Form warmer Mahlzeiten sorgte ein eigens herbeigeschaffter Küchenwagen, laut durch die Schlucht schallende Opernmusik sollte die Todesschreie der Menschen übertönen.
Abb.: Nach ihren Mordaktionen feierten die selbsternannten Herrenmenschen und Rassekrieger sich und ihre "Erfolge" bei sogenannten "Kameradschaftsabenden" - Nach einem Massenmord gab es zumeist eine Extra-Ration Alkohol. Das Foto zeigt einen dieser "Kameradschaftsabende" des aktiv an Holocaust und Massenverbrechen von Babyn Jar beteiligten Bremer Polizeibataillons 303, aufgenommen vermutlich in Kiew 1941. (Foto: Staatsarchiv Bremen)
Zwar wurden in den Nürnberger Nachfolgeprozessen 1947/48 drei hochrangige NS-Verbrecher (Paul Blobel, Otto Rasch und Waldemar von Radetzky) wegen ihrer Verantwortung für das Massaker zur Rechenschaft gezogen; SS-Offizier Blobel wurde am 7. Juni 1951 hingerichtet. 1968 werden einige der Täter vom Landgericht Darmstadt wegen Beihilfe zum Mord verurteilt, andere freigesprochen. "Die Angeklagten saßen wie versteinert da, so als ob sie das nichts anginge", erinnert sich Peter Gehrisch, einer der Geschworenen. Trotzdem ist noch heute, 80 Jahre später, Babyn Jar nur wenigen ein Begriff.
Aus den Reihen der ebenfalls am Massaker beteiligten Wehrmacht jedoch wurde niemand juristisch belangt, wie die Historikerin Franziska Davies betont. Straffrei blieben auch die meisten Angehörigen der Sonderkommandos und der laut Davies mindestens 700 Männer in der Einsatzgruppe C, die an dem Massenmord beteiligt waren. Erst 1967/68 standen im sogenannten Callsen-Prozess in Darmstadt zehn Mitglieder des Sonderkommandos 4a vor Gericht. Drei Angeklagte wurden freigesprochen, die anderen wegen Beihilfe zum Mord – nicht aber wegen Mordes – zu Gefängnisstrafen zwischen 4 und 15 Jahren verurteilt. August Hafner, Obersturmführer und Kriminalkommissar im Sonderkommando 4a, der Mann, der die Erschießungen in Babyn Jar koordinierte, wurde 87 Jahre alt und starb 1999 in Deutschland eines natürlichen Todes. Heinrich Hannibal, SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei sowie Kommandeur des Bremer Polizeibataillons 303 wurde nie für seine Kriegsverbrechen belangt, er starb 1971 im Alter von 81 Jahren ebenfalls eines natürlichen Todes.
Andreas Jordan | 15. September 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Schon bald kommt die WDR-Stolperstein App für NRW. Mehr als 260 Datensätze inclusive entsprechender Fotos für die in Gelsenkirchen bisher verlegten Stolpersteine haben wir im Rahmen eines unterstützenden Faktenchecks in innerhalb der letzten drei Wochen in die WDR-Datenbank eingepflegt. Gestern haben wir noch einige neue Fotos für die App gemacht und natürlich zuvor die jeweiligen Stolpersteine geputzt.
Beim putzen der Stolpersteine ergeben sich oftmals interessante und durchweg positive Gespräche mit Passanten, das war auch gestern im Gelsenkirchener Stadtgebiet nicht anders. Besonders motivierend für unsere weitere Arbeit am Gedenk- und Kunstprojekt Stolpersteine sind dabei auch der große Zuspruch und die Zustimmung, die wir erhalten.
Bundestagsabgeordnete Ingrid Remmers ist tot
Andreas Jordan | 11. August 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Bundestagsabgeordnete Ingrid Remmers (DIE LINKE) ist im Alter von 56 Jahren verstorben. Die Verkehrsexpertin saß für den nord- rhein-westfälischen Wahlkreis Gelsenkirchen im Bundestag, zuletzt übernahm die gelernte Bürokauffrau und Sozialwissenschaftlerin für ihre Fraktion die Funktion als verkehrspolitische Sprecherin. Trotz wiederholter Schicksalsschläge durch schwere Erkrankungen hat sie sich stets zurück ins Leben gekämpft. Sie hinterlässt eine Tochter und zwei Enkelkinder.
Die engagierte Ingrid Remmers, die eigentlich aus Ibbenbüren im Tecklenburger Land stammte, hatte ihr Wahlkreisbüro in Gelsenkirchen. Remmers war die bisher erste und einzige Gelsenkirchener Landes- bzw. Bundespolitikerin, die sich in den vergangenen zwölf Jahren der Umsetzung des Projektes Stolpersteine in Gelsenkirchen stets sehr zugewandt gezeigt hatte. Vor zwei Jahren übernahm sie die Patenschaft und damit die Finanzierung für einen der Stolpersteine an der Bochumer Straße in Ückendorf, die dort an Familie Buchthal erinnern. Sie ließ es sich seinerzeit nicht nehmen, trotz gesundheitlicher Einschränkungen an der Verlegung "ihrer" Stolpersteine teilzunehmen. In ihrem Redebeitrag betonte Remmers, wie wichtig der dauerhafte Einsatz für unsere Demokratie ist und weiter: "Diese Steine sollen Erinnerung und Mahnung zugleich sein. Lasst uns zukünftig Menschen in ihrem Anderssein akzeptieren, lasst uns widerstehen bei Menschenrechtsverletzungen. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ unterstrich Ingrid Remmers ihr Engagement und bedankte sich persönlich bei Bildhauer Gunter Demnig für dessen ausdauernde und hervor-ragende Erinnerungsarbeit.
2. August: Europäischer Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma
Andreas Jordan | 2. August 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurde zum "entsetzlichen Höhepunkt" der rassistischen Verfolgung von Sinti und Roma. Die SS löst das so ganannte "Familienlager" im deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau auf und trieb 4300 schreiende und weinende Menschen in den Tod, ein Schreckenstag des Völkermords an Sinti und Roma, dem Porajmos. Seit 2015 wird am 2. August der rund 500.000 Sinti und Roma gedacht, die dem Völkermord in der NS-Zeit zum Opfer fielen. Zugleich sind diese unfassbaren Verbrechen eine Mahnung, sich gegen den noch heute verbreiteten Antiziganismus zu stellen.
Stolpersteine NRW – eine WDR-App gegen das Vergessen
Redaktion | 29. Juli 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Sie sind Teil des größten dezentralen Denkmals der Welt: Die rund 14.000 Stolpersteine in Nordrhein-Westfalen stehen im Mittelpunkt einer neuen multimedialen WDR-App, die im Herbst veröffentlicht werden soll. Hinter jedem einzelnen dieser Steine des Künstlers Gunter Demnig verbirgt sich ein Leben, ein Schicksal. Mit Hilfe der App sollen der Lebens- und der Leidensweg dieser Menschen erlebbar gemacht werden.
Tom Buhrow, WDR-Intendant: „Wir dürfen die Menschen, an deren furchtbares Schicksal mit den Stolpersteinen erinnert wird, niemals vergessen. Das Projekt ist einzigartig. Es wird zum ersten Mal möglich sein, zu jedem in NRW verlegten Stolperstein Informationen abzurufen. Auch jüngere Menschen, vor allem Schüler:innen, werden sich mit der WDR-App auf ganz neue Weise mit den Opfern des Nationalsozialismus beschäftigen können.“
Über 150 nordrhein-westfälische Städte und Gemeinden unterstützen mittlerweile das Projekt. Anfang 2020 hatte der WDR zu allen NRW-Kommunen, in denen seit 1992 die Messingtafeln in den Bürgersteigen verlegt worden sind, Kontakt aufgenommen und zur Kooperation aufgerufen. Nun soll historisches Datenmaterial zu den Themen „Deportation und Verfolgung“ das Projekt ergänzen. Der WDR startete jetzt eine entsprechende Abfrage bei den Städten und Gemeinden.
Bereits seit Monaten stehen auch wir mit dem Projekt-Team des WDR im Dialog, denn auch in Gelsenkirchen verlegte Stolpersteine und die damit untrennbar verbundenen Lebens- und Leidenswege NS-verfolgter Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger werden in das Angebot der WDR-App aufgenommen und entsprechend dargestellt.
Stefan Domke, Projektleiter im WDR: „Ohne das vielfältige Wissen und die jahrelange Vorrecherche der Expert:innen vor Ort, wäre ein Projekt dieser Größenordnung gar nicht möglich. Zusammen mit Initiativen, Archiven und Aktionsbündnissen sammeln wir erstmals das Material an einem Ort und bereiten es multimedial auf.“ Das Angebot soll ab Herbst unterschiedlich genutzt werden können: Mit der App sollen Smartphone-Nutzer:innen direkt zu jedem Stein, vor dem sie stehen, erfahren können, welche Geschichte sich dahinter verbirgt. Zum Anderen lassen sich Stolpersteine gezielt finden – auf der Basis von Namen oder Adressen. Außerdem soll es eine Internetseite mit einer umfangreichen Datenbank und verschiedenen Filtereinstellungen möglich machen, sich die Geschichte der Opfer des National- sozialismus auch am PC zu erschließen.
Neben biographischen Texten, die teilweise auch als Audio zur Verfügung stehen, dienen historische Fotos, Tonaufnahmen und Videos dazu, die Geschichten der Opfer, ihrer Wohnorte und ihrer Zeit, so gut wie möglich nachvollziehbar zu machen. An ausgewählten Orten werden, mit Hilfe von Augmented Reality, alte Aufnahmen in die heutige Umgebung eingebettet. Darüber hinaus enthält die WDR-App rund 200 gezeichnete Kurzgeschichten, die sich mit dem Schicksal der Menschen auseinandersetzen. Diese werden in Zusammenarbeit mit jungen Illustrator:innen der Kunsthochschule Kassel produziert. Dieses Teilprojekt wird durch eine Förderung der Stiftung EVZ (Erinnerung/Verantwortung/Zukunft) ermöglicht. Das WDR-Projekt „Stolpersteine NRW“ soll fortlaufend aktualisiert werden – in Zusammenarbeit mit den beteiligten Kommunen, Initiativen und Archiven vor Ort.
Esther Bejarano ist tot
Andreas Jordan | 10. Juli 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Esther Bejarano ist im Alter von 96 Jahren in der Nacht auf Samstag (10. Juli 2021) in ihrer Wahlheimat Hamburg verstorben.
Unser Beileid geht an ihre Familie und ihre Freunde; möge das Gedenken an sie ein Segen für uns alle sein. Baruch Dayan Ha‘Emet.
„Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah.“ Esther Bejarano
Die Tochter eines jüdischen Kantors wurde 1943 in das deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. "Ich bekam die Nummer 41948. Namen wurden abgeschafft, wir waren nur noch Nummern", schreibt Bejarano in ihrer Autobiografie 'Erinnerungen'. Darin schildert sie die Schrecken des Alltags im Lager und wie sie durch das Frauenorchester eine Chance zum Überleben bekam. Am schlimmsten war für sie, dass das Orchester auch spielen musste, wenn neue Transporte ankamen, die direkt für die Gaskammern bestimmt waren. "Als die Menchen in den Zügen an uns vorbeifuhren und die Musik hörten, dachten sie sicher, wo Musik spielt, kann es ja so schlimm nicht sein", erinnerte sie sich. Weil ihre Großmutter Christin war, wurde sie in das KZ Ravensbrück verlegt, überlebte dort einen so genannten Todesmarsch.
Nach der Befreiung widmete die engagierte Mahnerin ihr Leben der Musik, dem Kampf gegen den Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Sie sei am frühen Samstagmorgen ganz friedlich eingeschlafen und habe nicht gelitten, sagte ihre enge Freundin Helga Obens, Vorstandsmitglied vom internationalen Auschwitz-Komitee. Schon am Abend habe sich abgezeichnet, dass es ihre letzten Stunden sein werden. Sie sei im Israelitischen Krankenhaus von Freunden umgeben gewesen, in den frühen Morgenstunden verstummte ihre Stimme für immer.
Gemeinsam erinnern: Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen
Redaktion | 20. Juni 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Bildhauer Gunter Deming, der die Idee der Stolpersteine in den frühen 1990er Jahren erdachte, hat seither zumeist mit eigenen Händen annähernd 90.000 Stolpersteine in 26 Ländern Europas in das Pflaster von Gehwegen eingelassen. Demnigs Stolpersteine erinnern an alle Verfolgtengruppen gleichermaßen. Am Freitagvormittag traf der Bildhauer in Ückendorf ein, an Bord seines roten Lieferwagens hatte Demnig auch die 25 neuen Stolpersteine für Gelsenkirchen. Am Knappschaftshof begann die Verlegetour durch das Stadtgebiet.
Zahlreich waren LehrerInnen, SchülerInnen (Klasse 8.1) und Ehemalige der Gesamtschule Berger Feld vor Ort erschienen, als am Knappschaftshof die Stolpersteine für Familie Walter Levie ins Pflaster eingelassen wurden. Hatten sie doch die Patenschaften und damit die Finanzierung für dieser drei Erinnerungszeichen übernommen. Die Jugendlichen gestalteten mit ihren Beiträgen die kleine Zeremonie aktiv mit. Vor allem für die jüngere Generation, für die der Holocaust immer weiter wegrückt, bieten Stolpersteine einen besonderen Zugang zur Geschichte. Abstrakte Opferzahlen in Millionenhöhe werden auf diese Weise individualisiert und in einen lokalen, zeithistorischen Kontext gerückt. Mit der erschütternden und aufklärenden Wirkung der Stolpersteine kehren Namen zurück und gewaltsam genommene Lebenswelten werden sichtbar gemacht.
Arisierungsgewinnler in der eigenen Familie
In der Stadtchronik Gelsenkirchen ist unter dem 3. Februar 1939 nachzulesen: "Das frühere jüdische Kaufhaus Heymann & Co. in Rotthausen ist in die Hände des Kaufmanns Bernhard Strickling übergegangen." Mit dem Verlust ihrer Existenzgrundlage durch staatlich legitimierten Raub, von den Nazis "Arisierung" genannt, floh Familie Heymann im April 1939 in vermeintliche Sicherheit nach Holland. Ihr Lebensweg fand jedoch 1944 im Vernichtungslager Auschwitz ein gewaltsames Ende.
Jeder entscheidet für sich selbst, wie er mit der Geschichte und der Vergangenheit der eigenen Familie umgeht. Was wusste der Kaufmann Bernhard Strickling seinerzeit über den Verbleib des Vorbesitzers des Kaufhauses Heymann & Co., was hat er möglicherweise später erfahren? Vielleicht hat es ihn auch nicht interessiert, vielleicht wollte er es gar nicht wissen. In der Unternehmensgeschichte der Stricklings wurde der Zugewinn durch "Arisierung" bisher nicht thematisiert. Cornelia Schwander hingegen, eine Enkelin von Bernhard Strickling, hat sich entschieden - sie hat die Patenschaft für die drei Stolpersteine übernommen, die nun an Hermann, Erna und Ellen Margrit Heymann erinnern. Vom Niederrhein, aus Karlsruhe und Freiburg waren Cornelia Schwander und weitere Nachfahren Bernhard Stricklings eigens angereist, um an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen und auf diese Weise den Ermordeten einen Teil ihrer menschlichen Würde zurückzugeben.
Auch die Familien Goldblum (Zeppelinallee 55) und Katzenstein (Schalker Strasse 174) wurden Opfer der vornehmlich gegen jüdische Menschen gerichten NS-Ausplünderungspolitik. Fast allen Familienmitgieder konnten jedoch ihr Leben durch Flucht aus Nazi-Deutschland retten und in den USA neue Leben beginnen. An der Bahnhofstrasse 62 und der Schalker Straße 160 erinnern zwei weitere Stolpersteine an den jeweiligen Geschäftssitz der Firma Gbr. Goldblum.
Leider verhinderte die Pandemie die Anreise von Nachfahren, so wurden diese 14 Stolpersteine im kleinen Kreis verlegt. Kantor Juri Zemski, der seit mehr als zehn Jahren die Stolpersteinverlegungen in Gelsenkirchen unterstützt und begleitet, trug auf virtuose Weise auch an diesem Verlegeort das Gebet El male rachamim vor.
Die Patenschaft für den Stolperstein, der nun im Lörenkamp in der Gelsenkirchener Altstadt an Elias Finger erinnert, hat der Förderverein des Schalker Gymnasiums übernommen. Leider war einer Lehrerin im Vorfeld ein bedauerlicher Fehler unterlaufen, sie hatte das Datum der Verlegung schulintern irrtümlich für Juli kommuniziert. Und so wurde auch dieser Stolperstein im kleinen Kreis verlegt.
Fred Alexander hatte der Verlegung der Stolpersteine, die nun an der Von-Der-Recke-Straße an ihn und seine Eltern erinnen, ausdrücklich zugestimmt. Die Spendengemeinschaft Flöz Dicke- bank, die zur Finanzierung dieser Stolpersteine beigetragen hat, war es sehr wichtig anwesend zu sein. In Wortbeiträgen aus diesem Kreis wurde deutlich gemacht, das grade angesichts der stetigen Zunahme von rassistischen und neonazistischen Äußerungen und Aktivitäten die Erinnerung an die unfassbaren NS-Verbrechen immens wichtig ist.
Weiße Rose gilt als Zeichen des Widerstandes
Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung St. Josef hat die Patenschaft für den Stolperstein übernommen, der nun im unteren Teil der Ahstraße an Vikar Heinrich König erinnert. Vielleicht wäre König nicht im KZ Dachau ermordet worden, wenn er eben nicht aus seinem nachbarschaftlichen Umfeld bei der Gelsenkirchener Gestapo denunziert worden wäre. König hatte sich in seiner Dienstwohnung an der Ahstraße gegenüber dem Wehrmachtssoldaten Waßmann junior über die "Vergasung Geisteskranker" und die "Affäre Heß" geäußert. Für Waßmann Grund genug, König bei der Gestapo zu denunzieren. Ein Pädagoge der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung verteilte am Verlegeort weiße Rosen, die zum Abschluß der Verlegung von den Teilnehmenden als Geste des Gedenkens in eine Vase gestellt wurden.
"Uns ist es ein großes Anliegen, mit der Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen nicht zuletzt auch ein Zeichen gegen jedwede Form von Rassismus und Menschenhass zu setzen und die Erinnerung an die Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung unschuldigen menschlichen Lebens wachzuhalten" so Andreas Jordan, Initiator der Stolpersteininitiative Gelsenkirchen, und weiter: "An dieser Stelle sei den Patinnen und Paten dieser Stolpersteine gedankt, die mit ihrem Engagement die kleinen Denkmale finanziert haben. Unser Dank geht auch an Gunter Demnig und sein Team, an alle Menschen, die am Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen direkt oder indirekt mitarbeiten oder es unterstützen. Wir alle tragen gemeinsam die Botschaft des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer weiter, der einmal gesagt hat: "Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon."
Gelsenkirchen: Weitere Stolpersteine sollen an Opfer der NS-Diktatur erinnern
Andreas Jordan | 11. Juni 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Seit 2009 verlegen wir gemeinsam mit Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig die kleinen Denkmale in Gelsenkirchen als fester Bestandteil einer nachhaltigen Erinnerungs- und Gedenkkultur. Finanziert wird das Projekt über Spenden, getragen von zivilgesellschaftlichem Engagement. Gunter Demnigs Kunstprojekt "Stolpersteine für Europa" nimmt alle NS-Verfolgtengruppen gleichermaßen in den Blick.
Am 18. Juni diesen Jahres ist es soweit, dann kommt Bildhauer Gunter Demnig einmal mehr nach Gelsenkirchen. An diesem Tag werden Stolpersteine verlegt für die Familien Walter Levie (11.30, Knappschaftshof 1), Hermann Heymann (12.15, Karl-Meyer-Str. 29), Isidor Goldblum (13.00, Zeppelinallee 55), Siegmund Katzenstein (13.45, Schalker Str.174), Elias Finger (14.30, Im Lörenkamp 2), Dr. Hugo Alexander (15.00, Von-Der-Recke-Str. 15), Vikar Heinrich König (15.30, Husemannstr. Ecke Ahstr.). Zu beachten ist, das sich die angegebenen Uhrzeiten +/-20 Minuten verschieben können. Bei den einzelnen Verlegungen sind die gültigen Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten.
Zwei weitere Stolpersteine wird Gunter Demnig an diesem Tag im Gepäck haben. Wir werden diese beiden kleinen Denkmale in Eigenregie zeitnah auf Wunsch von Angehörigen an der Bahnhofstrasse sowie an der Schalker Straße/- Ecke Grillostrass in das Gehwegpflaster einsetzen. Die jeweiligen Inschriften verweisen auf den staatlich legitimierten Raub im Fall Isidor Goldblum, auf die wirtschaftliche Ausplünderung jüdischer Menschen, im Nazi-Jargon 'Arisierung' genannt.
Gelsenkirchen-Resse: Erneuerter Stolperstein erinnert wieder an jüdischen Arzt
Andreas Jordan | 2. Juni 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Heute morgen haben wir in Absprache mit Bildhauer Gunter Demnig den von einem privaten Winterdienst zerstörten Stolperstein für Dr. Samuel Hocs vor dem Emmaus-Hospiz an der Hedwigstrasse in Gelsenkirchen-Resse durch ein nagelneues Exemplar ersetzt. Metallplastiker und Bildhauer Michael Friedrichs-Friedländer aus Demnigs Team hatte trotz vollem Terminkalender schnellstmöglich für den Ersatzstein gesorgt.
Winterdienst: Stolperstein in Gelsenkirchen-Resse zerstört
Andreas Jordan | 29. März 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Knapp zwei Jahre erinnerte ein Stolperstein an der Hedwigstrasse in Resse an den vom NS-Terrorregime vertriebenen jüdischen Arzt Dr. Samuel Hocs. Nun wurde die Zerstörung der Messingkappe des Erinnerungszeichen festgestellt - augenscheinlich nach dem jüngsten Wintereinbruch von einem falsch eingestellten Schild eines Schneeräumers.
Am Freitag Morgen nahmen wir nach einem Hinweis aus der Stadtgesellschaft den zerstörten Stolperstein vor Ort in Augenschein. Zunächst waren wir von einer gewaltsamen Beschädigung durch Vandalen ausgegangen, auch der Verdacht einer politisch motivierten Tat stand zu- nächst im Raum.
Doch auch im weiteren Bereich um das kleine Bodendenkmal wies das Gehwegpflaster gleichartige Schleifspuren und Beschädigungen auf. In der Summe deuteten die Spuren dann doch eher auf die unglückliche Handhabung eines Schneeräumgerätes hin. Die hinzugerufene Polizei sah nach telefonischer Rücksprache mit dem polizeilichen Staatsschutz aufgrund der Spurenlage ebenfalls keine Anhaltspunkte für einen mutwilligen Angriff auf das Gedenkprojekt Stolpersteine. Wir haben bereits einen Ersatzstein zur Verlegung an gleicher Stelle in Auftrag gegeben, wer jedoch letztlich die Kosten für den neuen Stolperstein übernehmen wird, ist derzeit noch unklar.
Die Zeit heilt nicht alle Wunden: Deportation der Gelsenkirchener Sinti und Roma
Andreas Jordan | 4. März 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Vor 78 Jahren, am 9. März 1943, veranlasste die Gelsenkirchener Polizei auf der Basis des sogenannten "Auschwitz-Erlass" von Heinrich Himmler die Deportation der sich noch im kommunalen Zwangslager an der damaligen Reginenstrasse befindlichen Gelsenkirchener Sinti in das deutsche Vernichtungs- lager Auschwitz-Birkenau. Die allermeisten der verschleppten Menschen fielen dem unbedingten Vernichtungswillen der Nazi-Barbaren zum Opfer, nur einige wenige erlebten 1945 ihre Befreiung.
Abb.: Im Mai 1939 wurde von der Stadt Gelsenkirchen ein neuer Zwangslagerplatz für die Gelsenkirchener Sinti bestimmt: Das neu errichtete Internierungslager an der Reginenstraße, gelegen auf unbebautem Gelände zwischen den Deutschen Eisenwerken (Schalker Verein) und der Gelsenkirchener Bergwerk-AG (GBAG) mit ihrer Zeche und Kokerei Rheinelbe/Alma. Der "Umzug" fand am 9. Juni 1939 statt. Die Wohnwagen, dreißig an der Zahl, zogen vor den Augen der Stadtgesellschaft unter behördlicher Bewachung in einer Kolonne vom vorherigen Lagerplatz an der Cranger Straße (Höhe Freibad Grimberg) quer durch die Stadt zum Lagerplatz Reginenstraße in Gelsenkirchen-Hüllen (Luthenburg). (Repro: Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1939)
Bis heute ist die Gesamtzahl der ermordeten Kinder, Frauen und Männer der Minderheit nicht exakt zu bestimmen; der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma geht von etwa 500 000 Menschen aus, die den Mordaktionen und den grausamen Bedingungen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern zum Opfer fielen. Doch auch nach Kriegsende setzten sich die Diskriminierung und Kriminalisierung der Angehörigen dieser Minderheit in Behörden, Schulen und Institutionen fort. Die wenigen überlebenden Sinti und Roma erfuhren weder eine Anerkennung als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung noch erhielten sie Entschädigungsleistungen. Die Täter hingegen konnten in den allermeisten Fällen ihre Karrieren ungebrochen weiterführen - so auch in Gelsenkirchen. Auch heute noch sehen sich Sinti und Roma mit zahlreichen Vorurteilen konfrontiert.
Gedenken: Blick auf alle Opfergruppen
Redaktion | 28. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Ein lesenswerter Artikel, hier in leicht gekürzter Fassung, der u.a. auch und grade in Gelsenkirchen wahrgenommen werden sollte.
Von Andreas Froese, zuerst erschienen in Volksstimme am 27. Januar 2021:
Gedenken aller Opfer der Nationalsozialisten
"[...] Wem ist der 27. Januar – der Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen – eigentlich gewidmet? Oft wird dieser Tag vorschnell zum „Holocaust-Gedenktag“ verkürzt. Doch diese Bezeichnung ist nur zum Teil zutreffend. Denn im Gegensatz zum internationalen „Holocaust Remembrance Day“, den die Vereinten Nationen seit 2005 alljährlich am 27. Januar begehen, ist dieser Gedenktag in Deutschland nicht nur den Ermordeten des Holocausts, sondern darüber hinaus allen Opfern und Verbrechenskomplexen des Nationalsozialismus gewidmet.
Dazu gehören neben Jüdinnen und Juden auch Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeuginnen und Zeugen Jehovas, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Opfer von NS-Justizverbrechen, Widerstandskämpfende, Opfer des Vernichtungskrieges der deutschen Wehrmacht in den besetzten Ländern, Ermordete der nationalsozialistischen „Euthanasie“, Opfer von Todesmarsch- und Endphaseverbrechen und viele mehr.
Fragen nach Täterschaft und Mitläufertum
Mit diesem ganzheitlichen Blick auf alle Opfergruppen und Verbrechenskomplexe erweitern sich auch die räumliche und die zeitliche Dimension dieses Gedenktages. Im Mittelpunkt stehen nicht nur die nationalsozialistischen Verbrechen weit entfernt irgendwo „im Osten“, sondern eben auch die damaligen Gewalt-, Verfolgungs-, Entrechtungs- und Mordpraktiken an unseren Nachbarinnen und Nachbarn, vor unseren Haustüren, in unserer Stadt, vor aller Augen.
Menschenfeindliche Praktiken, die zudem nicht erst mit „Auschwitz“ begannen, sondern bereits unmittelbar nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten ab Januar 1933 zum Alltag in Deutschland gehörten.
Zudem sind mit den vielen Millionen Opfern des Nationalsozialismus auch Fragen nach Täterschaft und Mitläufertum, nach Profiteurinnen und Profiteuren, nach Mitbeteiligten und Unterstützenden der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen verbunden. Es waren eben nicht nur einige wenige Haupttäterinnen und -täter, sondern unzählige Menschen aus der gesamten damaligen Ausgrenzungsgesellschaft, deren bereitwilliges Mitwirken die Durchführung all dieser Verbrechen erst ermöglichte. Ein Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, das die Fragen nach konkreten Täter- und Mittäterschaften ausklammert, würde sich auf ein ohnmächtiges und hilfloses Betrauern beschränken.
Mit Geschichte kritisch auseinandersetzen
Deshalb ist eine fundierte Auseinandersetzung mit der Funktionsweise der damaligen NS-Gesellschaft unverzichtbar. Kränze und Blumen zum Gedenken niederzulegen, ermöglicht es uns alleine noch nicht, ein solches kritisches Geschichtsbewusstsein zu entwickeln. Dafür müssen wir einen Schritt weitergehen, indem wir uns mit Fragen nach Gewalt im sozialen Alltag der damals propagierten „Volksgemeinschaft“ beschäftigen und dabei die Mechanismen von sozialer Ausgrenzung und Verfolgung, von Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus und anderen Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit hinterfragen. Eine große Aufgabe, die sich nicht allein auf den 27. Januar beschränkt, sondern auch an allen übrigen Tagen im Jahr erfolgen sollte.
Schließlich ist unser Gedenken immer auf unsere eigene jeweilige Gegenwart bezogen. Welche Bedeutung messen wir heute den Ereignissen zwischen 1933 und 1945 bei? Und welche Formen des mangelnden Geschichtsbewusstseins oder des absichtlichen Geschichtsrevisionismus erleben wir heute?
Öffentliche Beispiele hierfür finden sich jede Menge: etwa Gedenksteine an öffentlichen Straßen und Plätzen, die geschändet werden. Etwa Menschen der sogenannten „Querdenkenden“, die sich auf Demonstrationen in anmaßender Weise in eine gemeinsame Reihe mit Verfolgten und Widerstandkämpfenden aus der NS-Zeit stellen, sich in einer „Corona-Diktatur“ wähnen und von einem „neuen Ermächtigungsgesetz“ sprechen. Etwa Menschen, die bis heute die Verbrechen der deutschen Wehrmacht verharmlosen, indem sie zum „Heldengedenken“ aufrufen. Oder etwa Menschen, die alliierte Luftangriffe während des Zweiten Weltkriegs beklagen, ohne aber den deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg als deren Vorgeschichte und Ursache zu benennen.
Über eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte den Blick schärfen für unsere eigene Gegenwart und Zukunft: In einem solchen umfassenden Sinne können wir uns trotz der coronabedingten Einschränkungen auch in diesem Jahr von zu Hause aus mit dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus auseinandersetzen. [...]"
Zahl der Lernorte wächst: Projekt Stolpersteine wird in Gelsenkirchen auch 2021 fortgesetzt
Andreas Jordan | 27. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Seit 2009 verlegen wir in Gelsenkirchen gemeinsam mit Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig seine Stolpersteine als festen Bestandteil einer nachhaltigen Erinnerungs- und Gedenkkultur - getragen von zivilgesellschaftlichem Engagement. Bildhauer Gunter Demnig sieht sein Stolperstein-Projekt als "Soziale Skulptur", in Anlehnung an den von Joseph Beuys geprägten Begriff der "sozialen Plastik".
Das Projekt Stolpersteine nimmt alle Verfolgtengruppen gleichermaßen in den Blick. Am Projekt beteiligen kann sich praktisch jeder. Das Geld für die Gedenksteine kommt allein durch Spenden zusammen. Wer für einen solchen Stolperstein die Patenschaft übernehmen will (pro Stein 120 Euro), bekommt die nötigen Informationen hier auf unserer Website. Wer das Projekt ohne Geld unterstützen möchte, kann sich beispielsweise daran beteiligen, die Stolpersteine zu reinigen und zu pflegen. Seit 2009 konnten wir so mit Unterstützung von Patinnen und Paten 238 Stolpersteine sowie eine Stolperschwelle (Sonderform der Stolpersteine) in Gelsenkirchen verlegen. Schon bald kommen in unserer Stadt weitere 25 der kleinen Erinnerungszeichen hinzu.
Das komplexe und abstrakte Wissen um die Geschichte des Holocaust wird in den Stolpersteinen sehr konkret. Die Erinnerung an jedes einzelne NS-Opfer wirkt so intensiv und nachhaltig, weil die Wahrnehmung an seinem früheren Lebensmittelpunkt – der Straße, dem Eingang zur Wohnung, dem sozialen Umfeld – erfolgt. Jeder einzelne Stolperstein steht dabei für ein Leben und symbolisiert einen Erinnerungsort, der gleichzeitig zum Lernort wird. Diese Orte bieten ohne Einschränkungen an jedem Tag rund um die Uhr die Möglichkeit, Gedenken sehr individuell und privat zum Ausdruck zu bringen. Frei verfügbare biografische Skizzen, die in unserem digitalen Lesesaal zum Abruf bereit stehen, ergänzen die Inschriften auf den jeweiligen Stolpersteinen.
Die extremste Form der Flucht
Andreas Jordan | 23. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
"Denn die Steigerung des Leides ist keineswegs der Tod, sondern das einem lebenden Menschen
angetane Maß an Erniedrigung und Beleidigung."
(Zitat nach H.G. Adler*)
Die Gelsenkirchenerin Helene Lewek (Jg. 1881) wählte am 25. Januar 1942 in der zum "Judensammellager" umfunktionierten Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz angesichts der ihr bevorstehenden Deportation die Flucht in den Tod. Bereits kurz zuvor gab es weitere Suizide innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in unserer Stadt. Mit dem Erhalt der schriftlichen Ankündigungen der "Evakuierung in den Osten" entschieden sich weitere Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener, darunter Ida Reifenberg (Jg. 1878) und Hulda Silberberg (Jg. 1883) diesen Weg zu gehen. Entrechtung, Resignation, Angst, Verzweiflung und Einsamkeit hatten die Menschen zu diesem letzten, selbstbestimmten Schritt gebracht. Um sich dem physischen und psychischen Terror der NS-Machthaber, der gesellschaftlichen und der persönlichen Ächtung in Deutschland zu entziehen, gaben sie sich selbst den Tod. Wenigstens die Entscheidung über ihren Tod wollten diese Menschen nicht den Nazis überlassen. Nur auf diesem Wege wussten sie sich ihrer Würde bewahrt.
An Helene Lewek erinnert ein Stolperstein an ihrem letzten Wohnort, ein weiterer an ihrem Todesort, dem temporären "Judensammellager" in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz. Heute steht dort die Polizeiwache Gelsenkirchen-Süd und ein Gebäude von Straßen.NRW. An der Bochumer Straße 45, ihrem letzten Wohnort, erinnert ein Stolperstein an Hulda Silberberg. Auch an Ida Reifenberg soll ein Stolperstein erinnern, hier wird zur Finanzierung noch ein Stolperstein-Pate gesucht.
*Zitat von H.G. Adler in: Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Tübingen 1955, 2. Aufl. 1960, S. 109)
Homosexuelle Nazi-Opfer: Ihr Leid blieb bisher weitgehend unbeachtet
Andreas Jordan | 22. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Dem Holocaust der deutschen Nazis fielen vor allem Menschen jüdischen Glaubens zum Opfer. Unter den Millionen Verfolgten, Gequälten und Ermordeten waren neben Sinti und Roma, Slawen, Zeugen Jehovas oder politischen Regimegegner auch viele Homosexuelle. Auch die zeitgeschichtliche Forschung hat sich über Jahrzehnte hinweg nicht mit Schwulen, Lesben oder anderen aus sexuellen Gründen im Nationalsozialismus bedrängten Menschen befasst.
Der Bochumer Diplom-Psychologe und Mitbegründer der Schwulenberatung Rosa Strippe, Jürgen Wenke, hat es sich zur Aufgabe gemacht, in den Archiven nach Dokumenten zur Verfolgung bzw. Ermordung schwuler Männer zu recherchieren und diese aufzuarbeiten. Die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit veröffentlicht er anlässlich von daraus resultierenden Stolpersteinverlegungen. In gedeihlicher, kontinuierlicher Zusammenarbeit haben wir so in den letzten Jahren gemeinsam vier Stolpersteine für homosexuelle Männer in Gelsenkirchen realisieren können, Bildhauer Gunter Demnig verlegte in unserer Stadt Stolpersteine für Arthur Hermann, Ernst Papies, Lothar Keiner und Josef Wesener.
(Foto: cc Ingolf / flickr)
Mehr als beschämend, dass Nachkriegsdeutschland nahtlos an die Nazi-Verfolgung von sexuellen Minderheiten anknüpfte. Homosexuelle sind noch lange nach Kriegsende weiter diskriminiert, isoliert und auch strafrechtlich verfolgt worden. Erst am 11. Juni 1994 verschwand der §175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte und viele Leben zerstörte, endgültig aus dem deutschen Strafrecht. Rehabilitation und Entschädigung haben viele der Opfer nicht mehr erlebt. Schwulenfeindlichkeit und Vorurteile gegen Homosexuelle sind weitverbreitet. Wir mögen zwar vereinzelt homosexuelle Minister und Bürgermeister haben, aber in weiten Teilen der Gesellschaft sieht das noch völlig anders aus. Eines der bekanntesten Beispiele ist der Fußball, dort sind homophobe und sexistische Diskriminierungen fest verankert - bei vielen Zuschauern, Spielern und Funktionären gleichermaßen.
Andreas Jordan | 15. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Der 27. Januar ist für Gelsenkirchen ein Gedenktag mit doppelter Bedeutung. An diesem Tag im Jahr 1942 verließ ein Deportationszug Gelsenkirchen Richtung Riga in Lettland, drei Jahre später wurde am 27. Januar das deutsche Vernichtungslager Auschwitz von der Roten Armee befreit.
Auch in Gelsenkirchen wird anlässlich dieses Tages an die Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnert und aller Opfer des Terrorregimes gedacht. Die Erinnerung an die Deportation Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger, die Befreiung von Auschwitz und alle Opfer des deutschen Faschismus halten wir lebendig, auch und grade in der Coronapandemie. Wir müssen heute mehr denn je aufzeigen, warum das Gedenken an historisches Unrecht eine Relevanz für unser Zusammenleben hier und heute hat, ob das vor dem Hintergrund der aktuellen pandemiebedingten Einschränkungen in Präsenzveranstaltungen, individuellem Gedenken oder digital geschieht, ist dabei eher zweitrangig.
Abb.: Deportation jüdischer Deutscher nach Riga. Das Foto wurde 1941 auf dem Güterbahnhof Bielefeld aufgenommen. (Foto: Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 4., S. 332)
Die auf dem Foto gezeigte Szenerie ist vergleichbar mit dem Gelsenkirchener Deportationstransport vom 27. Januar 1942. Die im temporären "Judensammellager" am Wildenbruchplatz einige Tage zuvor eingepferchten Menschen mussten am nahegelegenen Güterbahnhof in einen Personenzug der Reichsbahn einsteigen, der sie nach Riga transportieren sollte. Deutsche Juden wurden nicht mit Güterzügen aus ihren Heimatorten, sondern durchweg mit Personenzügen deportiert — nicht zuletzt, um die Opfer zu täuschen und ihnen einen "Arbeitseinsatz im Osten" vorzugaukeln. Die Fahrtkosten hatten die zur Deportation bestimmten Menschen selbst zu entrichten. Einfache Fahrt, 3. Klasse. Eine Rückfahrt war nicht vorgesehen. - 27. Januar 1942 - ein Deportationszug mit Ziel Riga verlässt Gelsenkirchen: Lebens- geschichtliche Erinnerungen von Zeitzeugen
Spendenaufruf
Redaktion | 26. November 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Kein Abstand zur Geschichte! - Manche reden heute fälschlicherweise vom "Widerstand" und nehmen den Widerstandsbegriff völlig unberechtigt für sich in Anspruch. Um Verfälschungen, Missinterpretationen und ein Vereinnahmen von NS-Opfern von Rechten zu verhindern ist auch die Arbeit des Gelsenzentrum e.V. unerlässlich. Unter dem Dach des Gelsenzentrum e.V. ist auch die Gelsenkirchener Projektgruppe Stolpersteine beheimatet.
In einer Zeit, in der dir Rechten auf dem Vormarsch sind und die Demokratie in Gefahr gerät, gewinnen die Aufgaben und Arbeitsfelder des Gelsenzentrum e.V. weiter an Bedeutung. Wir erinnern an die Opfer politischer Gewaltherrschaft während der nationalsozialistischen Diktatur, regen zur aktiven individuellen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit an, fördern so das zivilgesellschaftliche Engagement für Menschenrechte und Demokratie und schlagen damit die Brücke in die Gegenwart.
Mit tausenden Stunden ehremtlicher Arbeit konnten wir bisher zwar viel bewegen, dennoch brauchen wir weiterhin Ihre / Eure ideelle und finanzielle Hilfe.
Greifswald: Stolperstein soll an Kurt Brüssow erinnern
Redaktion | 18. November 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Kurt Brüssow, geboren im Jahr 1910 am 9. Dezember in Stettin, Konditor, Schauspieler am Theater Greifswald. Dort denunziert als Homosexueller und in der NS-Zeit verfolgt, zu Gefängnis und mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. Brüssow überlebte Moorlager im Emsland und die deutschen Konzentrationslager Auschwitz und Flossenbürg. Er zahlte für dieses Überleben lebenslang einen sehr hohen Preis: Nur eine gegen seinen erklärten Willen zwangsweise im KZ Auschwitz vorgenommene Kastration ermöglichte die Entlassung aus Auschwitz und damit das Überleben.
Nach dem derzeitigen Stand der Planung ist die Stolpersteinverlegung anvisiert für Mittwoch, den 9. Dezember 2020 vor dem Theater in Greifswald, der ehemaligen Wirkungsstätte des Schauspielers Kurt Brüssow. Dieser Tag ist bewußt gewählt: Es ist der 110te Geburtstag von Kurt Brüssow. Der Lebensweg des Schauspielers Kurt Brüssow „§175-Häftling“ und Auschwitz-Überlebender von Jürgen Wenke, Oktober 2020: Was bleibt, wenn der Vorhang fällt? (PDF)
Ein Stolperstein für Lore Grüneberg
Andreas Jordan | 13. November 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Als 15jähriger Schüler eines Gelsenkirchener Gymnasiums hat Matthias Heitbrink 1997 im Rahmen eines Schülerwettbewerbs Lore Grüneberg sel. A. interviewt. Nach dem Interview entwickelte sich ein freundschaftlicher, über viele Jahre anhaltender Kontakt zwischem dem Schüler und der Holocaust-Überlebenden. Jetzt übernimmt er die Patenschaft und damit auch die Finanzierung für den Stolperstein, der in Gelsenkirchen an Lore Grüneberg, verheiratete Buchheim erinnern soll.
Im Jahr 2010 haben wir in Gelsenkirchen bereits Stolpersteine für die Familie Grüneberg an der Hauptstraße 16 verlegt, nun soll ein weiterer Stolperstein hinzukommen. Lore war seinerzeit der Meinung, sie lebe ja noch, zunächst sollten ihren ermordeten Angehörigen Stolpersteine gewidmet werden. Nach ihrem Tod im Jahr 2017 haben wir bisher vergeblich nach einem Stolperstein-Paten gesucht, im Gedenken sollte Familie Grüneberg symbolisch wieder vereint werden. Jüngst schrieb uns Herr Heitbrink: "Gunter Demnigs großartiges Stolperstein-Projekt soll ja nicht nur an die Ermordung von Jüdinnen und Juden während der NS-Diktatur erinnern, sondern auch an ihre Vertreibung. (...) Ich fände es wunderbar, wenn auch an die Vertreibung von Lore Buchheim, geborene Grüneberg durch einen Stolperstein erinnert würde. Ich würde sehr gern die Patenschaft für diesen Stolperstein und somit die Kosten für die Installation des Steines übernehmen. Lore hat mir als Schüler die Tür geöffnet, eine Art Freundschaft zu mir zugelassen. Ich würde mich so sehr freuen, wenn ich hier und heute etwas zurückgeben könnte - all die vielen Jahre später."
Stolpersteine poliert: „Danke, dass ihr das gemacht habt“
Andreas Jordan | 13. November 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Auch in Gelsenkirchen wurden anlässlich der Pogromwoche vom November 1938 in diesen Tagen Stolpersteine poliert. Die Projektgruppe Stolpersteine dankt allen, die in unserer Stadt auf diese Weise gegen das Vergessen angegangen sind und damit auch zeigten, dass es für Ausgrenzung und Gewalt gegen Menschen egal welcher Herkunft und Religion in unserer Gesellschaft keinen Platz gibt. Ein großes Engagement, das uns sehr freut. Das wird sicher nicht die letzte Aktion dieser Art sein. Denn generell sind alle Gelsenkirchener*Innen herzlich aufgerufen, das ganze Jahr über mal einen Blick auf die Stolpersteine in eurer Nähe zu werfen und zu schauen, ob sie wieder neuen Glanz gebrauchen können. In einem Online-Stadtplan sind alle bisher in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine ver- zeichnet. Die Anwendung ermöglicht es euch mit einem Klick auf den jeweiligen Stolperstein einem Link zu folgen und so auf unserer Webseite hinterlegte Informationen über die Biografien und Schicksale der verfolgten Menschen zu erhalten.
Stolpersteine polieren: Zeichen des Gedenkens
Redaktion | 8. November 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus putzen in diesen Tagen Menschen in ganz Deutschland Stolpersteine. Der Gelsenkirchener Fraktionsvorsitzende Martin Gatzemeier (DIE LINKE) und Stolpersteininitiator Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) waren heute morgen in Gelsenkirchen-Horst unterwegs, um gemeinsam Stolpersteine zu polieren. Durch das gemeinsame Putzen lenkt man nicht zuletzt auch die Aufmerksamkeit vorbeigehender Menschen auf die Stolpersteine – damit wird doppelt dazu beigetragen, dass die Erinnerung an Verfolgte des nationalsozialistischen deutschen Terrorstaates wachgehalten wird.
Gedenken anlässlich der Pogromwoche vom November 1938: Stolpersteine polieren
Andreas Jordan | 4. November 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Corona-Pandemie hat Auswirkungen auf fast alle unserer Lebensbereiche - so auch auf die Erinnerungskultur. Angesichts der aktuellen Entwicklung wird es daher in Gelsenkirchen in diesem Jahr keine Gedenkveranstaltung im Zusammenhang mit der Pogromwoche vom November 1938 geben.
Doch möchten wir allen Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürgern eine etwas andere Form des Erinnerns ans Herz legen, die diesem wichtigen Datum trotzdem ein Stück weit gerecht werden kann. Nehmen Sie sich in den kommenden Tagen ein paar Minuten Zeit und suchen Sie über unsere Webseite die Stolpersteine, der ihrem Wohnort oder Arbeitsplatz geographisch am nächsten liegen. Nutzen Sie digital die Möglichkeit, sich mit der Geschichte hinter diesen Steinen vertraut zu machen. Wer waren die Menschen, an die erinnert wird, was ist ihnen geschehen? Die Informationen hierzu finden Sie hier auf unserer Webseite.
Wir würden uns freuen, wenn Sie dann den bzw. die jeweiligen Steine zum glänzen bringen würden. Dabei sind ein paar Dinge zu beachten: Die Oberflächen der Stolpersteine sind aus Messing, also bitte auf keinen Fall Stahlbürsten, Metallkissen oder kratzige Materialien verwenden. Für die Reinigung eignen sich die handelsüblichen Poliermittel für Messing, diese finden sie in Drogerie-, in Baumärkten oder im Kfz-Zubehörhandel. Am besten zwei Lappen mitnehmen: Einen zum Auftragen der Politur und einen sehr weichen Lappen zwecks Nachpolitur. Besonders stark angelaufene Stolpersteine kann man vorab mit Wasser säubern und mit einem Spezialschwamm für Edelstahl reinigen.
Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen und der Gelsenzentrum e.V. hoffen auf zahlreiche Menschen, die sich an der Aktion beteiligen. Gedenken Sie mit uns und bleiben Sie gesund!
Novemberpogrome 1938: Die Ihrer Würde Beraubten
Andreas Jordan | 4. November 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Vor 82 Jahren begann am 7. November die Pogromwoche des NS-Regimes, welche in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ihren Höhepunkt fand. In diesen sieben Tagen brannten mit staatspolizeilicher Absicherung Synagogen. Wohnungen, Geschäfte und Betriebe jüdischer Mieter bzw. Inhaber wurden verwüstet und geplündert. Eine Welle von Verhaftungen und Einweisungen in Konzentrationslager folgte. Zeitgleich spitzte sich die Lage mit dem forcierten Ausschluss von jüdischen Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen immer weiter zu. Als perfide Krönung des konzertierten Terrors drückten die deutschen Faschisten den zu Feinden des deutschen Volkes Erklärten eine Kollektivstrafe ("Sühneleistung") in Höhe von einer Milliarde Reichsmark auf. Die ihrer Würde und ihrer Rückzugsorte Beraubten sollten den angerichteten Schaden auch noch selbst bezahlen.
Allzulange hat man vielerorts die Morde und Misshandlungen in der Pogromwoche nach dem Weltkrieg bagatellisiert, indem die heutige Mehrheitsgesellschaft vor allem auf die materiellen Schäden geschaut hat. Dass viele Menschen ermordet wurden oder starben, ist bis heute kaum bekannt. Mindestens 127 Menschen kamen im Zuge der Novemberpogrome von 1938 auf dem Gebiet des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen ums Leben – das ist das Ergebnis landesweiten Forschungsprojekts der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf.
Die bisherige Recherche benennt auf dem Gebiet des heutigen Landes Nordrhein-Westfalen zehn Menschen, die in der Pogromnacht erschossen, erstochen oder ertränkt wurden, weitere 44 Menschen, die an den Folgen und Spätfolgen der Misshandlungen, die sie in der Pogromnacht erlitten haben, starben und 42 Männer und Frauen, die angesichts der offenen Gewalt und der Erfahrung ihrer Schutzlosigkeit in und nach der Pogromnacht aus Verzweiflung Suizid begingen. Hinzu kommen – als unmittelbare Folge der Ereignisse – Opfer unter den jüdischen Männern, die während der Pogromnacht verhaftet und in den darauf folgenden Tagen als damals sogenannte "Aktionsjuden" in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt wurden und dort oder nach ihrer Entlassung an den Folgen der Haft starben; die Studie benennt hierzu aus NRW 31 Männer.
82 Jahre nach der Pogromwoche vom November 1938 nehmen antisemitische Übergriffe auch in Deutschland weiter zu. Umso wichtiger ist es, über die Verbrechen des NS-Terrorregimes aufzuklären und die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten. Blick auf die Geschehnisse in Gelsenkirchen während der Pogromwoche im November 1938: Die Synagoge brennt - Warum löscht denn keiner?
Wir sollten leben - Am 1. Mai 1945 von Kiel mit Weißen Bussen nach Schweden in die Freiheit
Redaktion | 6. Oktober 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Am Morgen des 1. Mai 1945 rollten weiß gestrichene und mit dem Rot-Kreuz-Emblem versehene Busse und Krankenwagen durch das Tor des 'Arbeitserziehungslagers' Kiel-Hassee. Sie gehörten zum Kontingent der von dem schwedischen Grafen Folke Bernadotte initiierten Rettungsmission, um in der Endphase des Zweiten Weltkrieges möglichst viele KZ-Häftlinge aus den Händen der SS zu befreien und nach Schweden in Sicherheit zu bringen.
Die Rettungsfahrzeuge nahmen in dem Kieler Lager 153 jüdische Häftlinge auf, Menschen, von denen die meisten eine mehrjährige Odyssee durch Ghettos und Lager durchlitten hatten. Diesem Transport und – vor allem – den damals ausgezehrten und verzweifelten Menschen widmet sich dieses Buch. Es spürt an Hand von Dokumenten und Zeitzeugenberichten den Lebensläufen der nach Schweden geretteten Holocaust-Überlebenden nach und schildert ihr Leben nach dem Überleben.
Es sind individuelle Überlebensgeschichten von Menschen, die die Hoffnung auf ihre Befreiung vom Nazi-Joch bereits aufgegeben hatten und ungläubig in die Rettungsfahrzeuge eingestiegen waren. Einer der 'Weißen Busse' steht heute in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem, wo all jene geehrt werden, die unter Lebensgefahr Juden vor dem Naziterror retteten. → Leseprobe
Bernd Philipsen und Fred Zimmak - sein Vater Leonhard war unter den mit Weißen Bussen geretteten jüdischen Menschen - haben mit ihrem 282 Seiten starken Buch eine bemerkenswerte Dokumentation einer der größten und spektakulärsten Rettungsaktionen im Europa der 1940er Jahre vorgelegt. Unter den an diesem 1. Mai Geretteten befanden sich auch die Gelsenkirchener Hermann und Flora Voosen sowie Irene Buchheim. Der zum Autorenteam gehörende Historiker Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) hat die Lebens- und Leidenswege des Ehepaars Voosen und deren in Riga ermordeten Tochter Matel recherchiert, die daraus entstandene Ausarbeitung ist unter dem Titel "Hermann und Flora Voosen: Der Tod war kein Unbekannter mehr" integraler Bestandteil des Buches.
An Familie Hermann Voosen sollen schon bald am letzten selbstgewählten Wohnort in Gelsenkirchen Gunter Demnigs Stolpersteine erinnern, dafür suchen wir zur Finanzierung der kleinen Denkmale Stolperstein-Paten. Info per: Email.
+ + + Update 24. Oktober 2020: Das Unvorstellbare bekommt Namen und Gesichter. Rezension zum Buch von Bernd Philipsen/Fred Zimak (Hrsg): Wir sollten leben.
Zwangsarbeiter*Innen: Dem Bombenhagel schutzlos ausgeliefert
Andreas Jordan | 11. August 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Ein dichtes Netz von Zwangsarbeiterlagern überzog zwischen 1940-1945 auch die Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen. Zumeist bestanden diese Lager aus geometrisch angeordneten, dürftig ausgestatteten einfachen Holzbaracken, in denen Zwangsarbeiter*innen, geordnet nach Nationalität und Herkunftsland, interniert waren.
Abb.: Zwangsarbeiterlager Brink- u. Bruchstraße in Gelsenkirchen, 1944. Getrennt wurden die Lager durch den Rhein-Herne-Kanal. In der oberen Bildmitte das Werksgelände der Gelsenberg Benzin AG
Großunternehmen unterhielten eigene Lager, teilweise auch mit eigenen Wachpersonal. Die gesamte Industrie, die Zechen, die Landwirtschaft, Kommunalverwaltung und auch Privathaushalte waren am System der Zwangsarbeit und der damit verbundenen Ausbeutung beteiligt. Die Belegungszahlen je Lager reichten von 20 bis zu über 2000 Personen. Untergliedert waren die Lager in ZAL – Zivil- oder Zwangsarbeiterlager, KGF – Kriegsgefangenenlager, AEL – Arbeitserziehungslager und OT – Lager der Organisation Todt. In Gelsenkirchen kam ein Außenlager des KZ Buchenwald, NS-Bezeichnung "SS Arb. Kdo. K.L. Buchenwald, Gelsenberg Benzin AG, Gelsenkirchen-Horst" hinzu, indem von Anfang Juli bis September 1944 rund 2000 ungarische jüdische Zwangsarbeiterinnen gefangen waren. Diese waren zuvor in Auschwitz-Birkenau für den Zwangsarbeitseinsatz in Gelsenkirchen selektiert worden.
Von der Benutzung öffentlicher Luftschutzräume ausgeschlossen
Unzureichend wie Versorgung und Unterbringung war auch der Schutz der Zwangsarbeitenden bei Bombenangriffen. Die am 18. September 1942 erlassene Luftschutzraum-Ordnung untersagte auch Zwangsarbeitenden den Zugang zu Luftschutzbunkern. Dies führte zu einer überproportional großen Zahl von Luftkriegstoten unter diesen Menschen. So finden sich beispielsweise auch auf dem Westfriedhof in Gelsenkirchen-Heßler mehrere so genannter Kriegsgräberstätten, eine davon ist das Gräberfeld 25. Auf diesem Feld sind vorwiegend belgische Zwangsarbeiter verscharrt worden, die meisten davon kamen bei einem Luftangriff am 1. Mai 1943 in einem Zwangsarbeiterlager der Gelsenberg Benzin AG an der Bruchstraße durch Bombeneinwirkung ums Leben.
Eines der Opfer des Luftangriffs vom 1. Mai 1943 war der belgische Zwangsarbeiter Petrus-Gustaaf Droessaert. Mit Verbrennungen dritten Grades wurde Droessaert nach dem Luftangriff in das Horster St.-Josef-Hospital eingeliefert, wo er am 5. Juni 1943 an den Folgen der erlittenen Verletzungen starb. Eine letzte Ruhestätte fand Petrus Droessaert auf dem bereits erwähnten Gräberfeld 25, in einem Doppelgrab mit dem ebenfalls aus Belgien stammenden Frans Nimmegeers. Dieser wurde am 1. Mai 1943 tot aufgefunden, ausweislich der Sterbeurkunde war die Todesursache: "Getötet durch Fliegerbombe". Ein Fundort wird nicht genannt. Auch Nimmegeers war als Zwangsarbeiter bei der Gelsenberg Benzin AG eingesetzt.
Stolperstein soll an belgischen Zwangsarbeiter erinnern
Jüngst schrieb uns ein Mann aus Lovendegem in Belgien: "Meine Stiefmutter ist die leibliche Tochter von Petrus Droessaert, da Petrus am 30. Januar 1941 noch nicht geschieden war. Sie trägt den Namen ihrer Mutter Alice Leux. Alice Leux, wurde am 3. April 1910 in Gent geboren und starb dort 1972. In dem in Gent verfassten Nachruf wird Alice als Ehefrau von Petrus Droessaert erwähnt." Der Mann war im Internet auf eine Veröffentlichung des Gelsenzentrum e.V. aus 2009 gestoßen, die an den belgischen Zwangsarbeiter Petrus Droessaert erinnert. Für Petrus Droessaert soll schon bald ein Stolperstein vor dem Horster St.-Josef-Hospital verlegt werden.
Gelsenkirchen: Gedenken am Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma
Andreas Jordan | 2. August 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Anlässlich des Europäischen Holocaust-Gedenktages für Sinti und Roma am heutigen Sonntag putzten Vetreter des Gelsenzentrum e.V. und der Stolperstein-Initiative Gelsenkirchen heute die an der Bergmannstraße im Jahr 2014 verlegten Stolpersteine für die Sinti-Familie Böhmer, legten dort und am neugeschaffenen Rosa-Böhmer-Platz Rosen nieder. Wir gedenken den unter der NS-Tyrannei Ermordeten, Gequälten, Verfolgten und Entrechteten!
Am heutigen Sonntag (2. August) wird weltweit der Opfer der Sinti und Roma unter dem NS-Regime in Deutschland (1933-1945) gedacht. Bis zu 500.000 Angehörige der Minderheit sollen laut Schätzungen während des Holocaust ermordet worden sein. Dieser Tag erinnert auch an die letzten 4300 im deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gefangenen Sinti und Roma, die in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in den Gaskammern des Lagers Auschwitz-Birkenau ermordet wurden.
Gelsenkirchener Initiative verlegte Stolpersteine in der Corona-Krise ohne Publikum
Redaktion | 24. Juli 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
"Vielen Dank an die WAZ GE für die Artikelserie in der Dienstags-Ausgabe, danke Bastian Rosenkranz. Danke an all die Menschen, die dem Pro- jekt Stolpersteine Gelsenkirchen seit mehr als zehn Jahren unterstützend zur Seite stehen. Danke an die Patinnen und Paten, die Stolper- steinverlegungen in Gelsenkirchen durch ihre Spenden erst möglich machen. Das Projekt Stolpersteine wird in Gelsenkirchen konsequent fortgesetzt." Andres Jordan, Projektleiter GE.
23 Stolpersteine an acht Orten in Gelsenkirchen
Von Bastian Rosenkranz (WAZ Gelsenkirchen)
In Gelsenkirchen erinnern 23 neue Stolpersteine an die Verfolgten und Ermordeten des Naziterrors. Das sind ihre Geschichten. Still war es 2020 um Andreas Jordan, Projektleiter der „Stolpersteine Gelsenkirchen“. Begleiteten ihn in den vergangenen Jahren Schulklassen, Angehörige und Paten beim Verlegen der steingewordenen Erinnerungen an die Verfolgten und Ermordeten des Naziterrors, verhinderte das Coronavirus zuletzt eine feierliche Zeremonie. Dennoch liegen in Gelsenkirchen inzwischen 23 neue Stolpersteine – auf vielfache Bitte.
Die geplante Verlegung im März, zu der auch Stolpersteine-Künstler Gunter Demnig ins Revier kommen wollte, fegte das Coronavirus hinfort. Demnig setzt seine Arbeit an dem größten dezentralen Mahnmal der Welt, das ebenso an die jüdischen Opfer wie an die von politisch Andersdenkenden, Homosexuellen oder Sinti und Roma erinnert, inzwischen wieder fort. Und auch bei Andreas Jordan standen Mörtel und Kelle nicht still. „Eine Patin und Angehörige wollten Gewissheit, dass ihr Beitrag verlegt wird. Also bin ich in Eigenregie tätig geworden“, erzählt der Projektleiter und fügte dem Stadtbild am 18. April, am 8. Mai (1945 Ende des zweiten Weltkriegs in Europa) sowie am 25. Juni 23 neue Quader hinzu – an acht Orten von Buer bis Bulmke-Hüllen.
Möglich machten dies unter anderem die Schülerinnen und Schüler der Klasse 8/2 von der Gesamtschule Berger Feld unter Leitung der Lehrerinnen Mau und Krause, die die Patenschaft für den Stein von Walter Hes übernahmen. „Sein Schicksal hat uns sehr berührt. Walter war so alt wie wir, als er von den Nazis ermordet wurde. Mit unserem Engagement wollen wir dazu beitragen, dass Walter Hes und die vielen anderen Opfer des Holocausts nicht vergessen werden und so etwas niemals wieder geschieht“, schreiben die Jugendlichen.
Andreas Jordan hofft auf mehr Initiative
Andreas Jordan zeigt sich hocherfreut – und hofft auf weitere Initiative. „Ich würde mir wünschen, dass die Gelsenkirchener das Projekt mehr in den Fokus nehmen. Außerhalb der Stadt ist die Bereitschaft – auch zum Spenden – groß, hier ist sie eher gering“, sagt Jordan.
Das Stolperstein-Projekt ist multimedial
Das Projekt „Stolpersteine Gelsenkirchen“ als Teil des Gelsenzentrums, dem Portal für Stadt- und Zeitgeschichte, informiert im Internet ausführlich. Auf der Homepage www.stolpersteine-gelsenkirchen.de finden sich etwa die Geschichten aller bisher verewigten Menschen. Auch auf Facebook ist das Projekt zu finden, die App „Stolperstein-Guide“ führt virtuell durch Gelsenkirchen.
Wer künftige Stolperstein-Verlegungen finanziell unterstützen möchte, kann an das Konto „Stolpersteine Gelsenkirchen“ bei der Sparkasse Gelsenkirchen mit der IBAN DE79 4205 0001 0132 0159 27 spenden. Der Verwendungszweck ist „Spende Stolpersteine“.
Eine offizielle Zeremonie möchte der Gelsenkirchener noch in diesem Herbst nachholen, wenn das Coronavirus es zulässt. Für 2021 warten dann 30 weitere Stolpersteine auf ihren neuen Platz – Schluss sein soll damit nicht. Andreas Jordan: „Ich habe mit vielen Überlebenden des Holocaust gesprochen. Das hat mich geprägt und tief berührt. Ich habe versprochen, ihr Anliegen wenn gewünscht weiter zu tragen.“ Weiterlesen: Stolpersteine Gelsenkirchen Pressespiegel
Engagement für die Erinnerung: Gelsenkirchener Paar spendete neuen Stolperstein
Andreas Jordan | 14. Juli 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Mit tatkräftiger Unterstützung des städtischen Bauhofs haben wir heute morgen an der Ahstraße einen beschädigten Stolperstein ausgetauscht. Was war zuvor geschehen? Einen beschädigten Stolperstein hatte Daria Krolevec vor einiger Zeit in der Gelsenkirchener Ahstraße entdeckt: "Oftmals bleibe ich an diesen Steinen stehen und gehe kurz in mich. Nun entdeckte ich die Beschädigung und mir war sofort klar, dass ich helfen möchte, diesen Stolperstein zu ersetzen." Mit ihrem Anliegen wandte sich die Gelsenkirchenerin an uns.
"Ich bin der Meinung, so kann es nicht bleiben, nicht wo jetzt der rechtsradikale, antisemitische Hass immer mehr zu nimmt" sagt Daria Krolevec. Gemeinsam mit ihrem Verlobten Tobias Büteröwe übernahm sie die Kosten, um einen neuen Stolperstein für Selma Müller anfertigen zu lassen. "Lassen Sie uns gemeinsam das Andenken an diese Frau aufrechterhalten und für die kommenden Generationen unbeschädigt hinterlassen." so Daria Krolevec. Bei dieser Gelegenheit haben wir auch den Stolperstein aufpoliert, der an gleicher Stelle an Selmas Sohn Walter erinnert.
Bochum: Nichte begrüßt Gedenken an Hermann Hußmann ausdrücklich
Andreas Jordan | 1. Juli 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Stolpersteine werden am "letzten selbstgewählten Wohnort" verlegt, das sieht das Konzept des Bildhauers Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine so vor. Das es auch begründete Ausnahmen geben kann, hat jüngst die Verlegung eines Stolpersteins für Hermann Hußmann in Bochum gezeigt. Hußmanns letzter Wohnort im Mühlental 11 ist heute eine Privatstraße, die Besitzer sprachen sich jedoch gegen einen Stolperstein in ihrer Straße aus. So musste eine Lösung her, der Stolperstein erinnert nun an der Grummer Straße, Einmündung Mühlental an den wegen seiner Homosexualität von den Nazis verfolgten Hermann Hußmann, der sich nach den NS-Dokumenten im damaligen Untersuchungsgefängnis an der ABC-Straße im Mai 1943 in der Zelle "an seinen Hosenträgern" aufgehängt haben soll.
An der Grummer Straße wird Hermann Hußmann wohl des öfteren vorbeigekommen sein, war er doch als Bergmann auf der Zeche Constantin der Große, Schachtanlage II, damals gelegen zwischen Herner Straße, Post- und Verkehrsstraße in Bochum-Hofstede beschäftigt, fußläufig von seinen damaligen Wohnort Mühlental nur einige wenige hundert Meter entfernt.
Der Bochumer Dipl.-Psychologe Jürgen Wenke, der seit Jahren Lebens- und Leidenswege NS-Verfolgter schwuler Männer erforscht und deren Lebensgeschichten abbildet, hatte die Stolpersteinverlegung in die Wege geleitet. Auch in Gelsenkirchen konnten wir durch Jürgen Wenkes Forschungen und seinen unermüdlichen Einsatz für das Erinnern bereits drei Stolpersteine im Gedenken an NS-Verfolgte schwule Männer verlegen.
Eine Besonderheit war auch die Teilnahme einer Nichte Hermann Hußmanns an dieser Verlegung. Die heute 74jährige Monika Hußmann hat den Onkel ihres Mannes nicht mehr persönlich kennenlernen können, kann sich aber noch gut an spätere Besuche im ehemaligen Wohnhaus des Onkels im Mühlental erinnern. "In der Familie wurde alles totgeschwiegen", sagte sie, umso mehr begrüßt Monika Hußmann die Verlegung des Stolpersteins, der nun an Hermann Hußmann erinnert. Im letzten Jahr wurde am neuen Justizzentrum in der Bochumer Innenstadt eine Straße nach Hermann Hußmann be- nannt. Eine ausführliche Dokumentation zu Hermann Hußmann von Jürgen Wenke steht online bereit: → Wir erinnern an Hermann Hußmann.
Fotos: Jürgen Wenke
Gelsenkirchen: Alte Wandreklame ist Fenster in die Vergangenheit
Andreas Jordan | 30. Juni 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Der englischsprachige Artikel der Jewish Telegraphic Agency (JTA) von Toby Axelrod sorgt weltweit für Aufmerksamkeit. Ganz so wie Gunter Demnigs Stolperstein-Projekt, jedoch mit dem Unterschied, das die bei Abruchrissarbeiten in Gelsenkirchen aufgetauchte rund 110 Jahre alte Wandreklame den Focus auf eine Zeit vor der Verdrängung und Vernichtung jüdischen Lebens unter der NS-Diktatur lenkt.
Abb.: Alte Wandreklame der Firma Alexander ist Fenster in die Vergangenheit
Die Zeit des Kaiserreichs war – trotz immer noch vorhandener Vorbehalte und des seit den 1870er Jahren aufkommenden Antisemitismus – für die jüdischen Menschen ein „goldenes Zeitalter“, vor allem was ihren Aufstieg aus der sozialen Marginalität in das Klein-, Mittel- oder Großbürgertum betraf. Wenn es auch kaum noch jüdische Arme gab, so war doch durchaus auch weiterhin eine unterbürgerliche Schicht im Judentum vorhanden, die sich aus jüdischen Kleinstunternehmern am Rande des Existenzminimums oder aus Zuwanderern aus dem Osten (so genannte "Ostjuden) zusammensetzte. Auch aus den Kleinstädten und Dörfern in Deutschland zog es jüdische Menschen in das aufstrebende Ruhrgebiet. So kamen auch die Geschwister Alexander, die ursprünglich aus Werther (Westfalen) stammten, nach Gelsenkirchen. Die Brüder Friederich und Jakob Alexander etablierten sich in der Herrenkonfektionsbranche, von den Anfängen zeugt die Wandreklame, die auf das erste Gelsenkirchener Bekleidungsgeschäft der Brüder Alexander an der Bahnhofstraße 83 verweist.
Waren es um 1900 knapp unter 100, lebten 1915 rund 1350 jüdische Menschen in Gelsenkirchen. Zu dieser Zeit gab es ein sehr aktives liberales Gemeindeleben in Gelsenkirchen: zwei Synagogen - eine in der Altstadt, eine in Buer, einen Betsaal der Horster Gemeinde und diverse Räumlichkeiten der orthodoxen Gruppierungen. Es gab neben Frauen- und einen Männerverein, den Synagogenchor sowie einen Unterstützungs- und einen Literaturverein. Zudem gab es eine jüdische Schule an der Ringstraße sowie einen jüdischen Friedhof an der Wanner Straße. Auch gab es den jüdischen Turnverein "Hakoa" und die Ortsgruppe Gelsenkirchen des "Reichsbund jüdischer Frontsoldaten". Die jüdische Tradition pflegten vornehmlich die Frauen, so etwa in der familiären Gestaltung der Feiertage oder aber in der Vermittlung der Grundanschauungen des Judentums. Die Männer gingen dagegen - auch am Sabbat - vielfach ihren beruflichen Verpflichtungen nach wie die Kinder ihrem Schulbesuch. Geschlossen blieben allerdings die Heiratskreise, das heißt Ehepartner wurden fast ausschließlich im jüdischen Milieu gesucht.
Die Zeit der Weimarer Republik ist für die Geschichte der Juden äußerst ambivalent. Auf der einen Seite waren praktische alle Beschränkungen, die es zur Kaiserzeit noch gab, gefallen, und für Juden standen nun alle Positionen offen; auf der anderen Seite aber werden aus heutiger Sicht Zeichen eines Niedergangs und einer Krise deutlich, die mit der Machtübergabe an die Nazis 1933 aus Deutschland eine Diktatur machte, in der für jüdische Menschen kein Platz mehr vorgesehen war.
Erinnerungsorte: 23 neue Stolpersteine in Gelsenkirchen
Andreas Jordan | 27. Juni 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Da Bildhauer Gunter Demnig die wegen der Coronapandemie abgesagten Verlegungen nicht nachholt, haben wir am Donnerstag in Eigenregie an zwei weiteren Verlegeorten in Gelsenkirchen die übrigen der bisher eingelagerten Stolpersteine verlegt. An der Ewaldstraße 42 erinnern jetzt Stolpersteine an die jüdische Familie Hess, in Buer verweist ein Stolperstein vor dem Leibniz-Gymnasium an der Breddestr. 21 auf den Lebens- und Leidensweg von Wolfgang Maas. Diese Schule, das frühere Gymnasium Buer, hat Wolfgang Maas 1934 verlassen, weil die ständigen antisemitischen Pöbeleien und Beschimpfungen seitens der Lehrkräfte und Mitschüler für den Jungen unerträglich wurden. Wolfgang Maas wurde in Auschwitz ermordet.
In diesem Jahr haben wir mit 23 Stolpersteinen acht neue Erinnerungsorte in Gelsenkirchen realisiert. Für den Herbst planen wir Enthüllungs-Zeremonien an den in diesem Jahr in Gelsenkirchen neu verlegten Stolpersteinen, vorausgesetzt, das Corona-Beschränkungen u.a. auch das Anreisen von Angehörigen zulassen.
Stolpersteine für Püppi und ihre Familie
Andreas Jordan | 16. Juni 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Püppi - so nannten die Eltern liebevoll ihre kleine Tochter Mathel. Im Erler Krankenhaus erblickte das Mädchen am 14. Mai 1939 das Licht der Welt. Hermann und Flora Voosen waren gewiss stolze Eltern, auch Hermanns Mutter, die Witwe Rosalia Voosen wird sich über ihr Enkelkind gefreut haben.
Gleichwohl werden jüdische Menschen sorgenvoll in eine ungewisse Zukunft geblickt haben. Erst im Januar 1939 hatte Hitler eine Rede gehalten, in dem er erstmals öffentlich den Juden mit Auslöschung gedroht hatte.
Im gleichen Jahr wird Rosalia Voosen enteignet, die Nazis nannten den staatlich legitimierten Raub "Arisierung". Familie Voosens wird aus ihrer Wohnung an der Klosterstraße 13 vetrieben und in eines der so genannten Gelsenkirchener "Judenhäuser" an der Augustastraße 7 eingewiesen. Hermann Voosen wird in der Folgezeit zur Ableistung von Zwangsarbeit im Straßenbau eingeteilt.
Abb.: Das Foto zeigt Maurice Dresner, das Kind wurde wie auch Mathel Voosen im Vernichtungslager Auschitz ermordet.
Als am 27. Januar 1942 der erste Deportationszug Gelsenkirchen mit Ziel Ghetto Riga verläßt, sind auch Herrmann und Flora Voosen mit der kleine Mathel im Zug. Rosalia Voosen bleibt zunächst in Gelsenkirchen zurück, sie wird am 31. März 1942 in das Ghetto von Warschau verschleppt, seither fehlt von ihr jedes Lebenszeichen.
Auch die jüdischen Menschen im Ghetto Riga müssen Zwangsarbeit leisten. Als die Menschen am 2. November 1943 von den Arbeitskommandos zurückkehren, finden sie ein fast leeres Ghetto vor. Im Zuge der Auflösung des Ghettos hatte die SS die in ihren Augen nicht arbeitsfähigen Menschen (Kinder unter zehn Jahren, Alte und Kranke) in Waggons verladen und zur Ermordung nach Auschitz verschleppt - darunter auch die vierjährige Püppi. Hermann und Flora Voosen erleben ihre Befreiung im Frühjahr 1945 in Norddeutschland und werden mit den "Weißen Bussen" nach Schweden gerettet, im November 1945 emigrieren sie in die USA.
Symbolisch soll die Familie im Gedenken wieder vereint werden, vier Stolpersteine werden bald an der Klosterstraße 13 an Rosalia, Hermann, Flora und Püppi Voosen erinnern. Zur Finanzierung von vier Erinnerungszeichen für Familie Voosen werden Stolperstein-Paten gesucht, Spendenkonto: Stolpersteine Gelsenkirchen, IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27, Stichwort: Familie Voosen. Info-Email: a.jordan(ätt)gelsenzentrum.de
Stolperstein-Patenschaften für Familie Dr. Hugo Alexander zu vergeben
Andreas Jordan | 30. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die kürzlich bei Abbrucharbeiten in Gelsenkirchen freigelegte alte Wandreklame wirkt fort. Heute jedoch ganz anders, als bei der Anbringung vor rund 100 Jahren geplant war: Sie rückt eine Gelsenkirchener Kaufmannsfamilie in den Focus der Öffentlichkeit, die in den Dreißiger Jahren unter der NS-Diktatur aus Gelsenkirchen vertrieben wurde - nur weil sie Juden waren.
Schon länger planen wir, für Mitglieder der Familie Alexander in Gelsenkirchen Stolpersteine zu verlegen. Bisher haben sich jedoch keine Paten gefunden, die bereit waren, mit ihrer Spende die kleinen Erinnerungszeichen zu finanzieren.
Seit den ersten Veröffentlichungen, die vom Zufallsfund der Wandreklame berichtet haben, ist jedoch bereits eine Patenschaft für einen Stolperstein übernommen worden. Wir glauben fest daran, das weitere Spenden folgen werden, dann können der Familie Dr. Hugo Alexander in Gelsenkirchen Stolpersteine gewidmet werden.
Dr. Alexander, einer der Brüder Alexander, war ein angesehener Hautarzt, der in der Gelsenkirchener Innenstadt (damalige Glaspassage) eine dermatologische Praxis betrieb. Mit Boykotten und Berufsverbot belegt, staatlich legitimiert ausgeplündert und diskriminiert blieb der Arztfamilie gegen Ende der Dreißiger Jahre nur die Flucht ins rettende Ausland. Die beiden Kinder des Ehepaars, Charlotte-Stefanie und Fritz-Bernd wurden zuerst mit Kindertransporten nach England gerettet, kurze Zeit später gelangten auch Dr. Hugo Alexander und seine Ehefrau Helene "Leni" nach England. Von dort wanderte die Familie schließlich - mit Ausnahme von Charlotte, sie blieb in England - gemeinsam in die USA aus und baute sich dort ein neues Leben auf.
Vier Stolpersteine am letzten selbstgewählten Wohnort sowie ein weiterer Stolperstein am ehemaligen Standort der Praxis von Dr. Hugo Alexander sollen bald an Flucht und Vertreibung erinnern - Hugo Alexanders Sohn Fred, der heute in New York lebt, hat uns bereits sein Einverständnis erklärt. Die Finanzierung von zwei der kleinen Mahnmale ist gesichert, für drei weitere Erinnerungszeichen für Familie Hugo Alexander werden noch Stolperstein-Paten gesucht, Spendenkonto: Stolpersteine Gelsenkirchen,
IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27, Stichwort: HugoAlexander. Info-Email: a.jordan(ätt) gelsenzentrum.de
Exemplarische Schilderung einer Stolperstein-Recherche: Befreiung und finaler Terror
Andreas Jordan | 27. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Mitunter braucht es viele Jahre, bis sich meine Recherchen zu Lebens- und Leidenswegen NS-verfolgter Menschen mosaikartig zu einem individuellen Bild zusammenfügen. So auch im Fall eines Ingenieurs, der am 1. April 1945 in Gelsenkirchen von einem Volkssturmmann aus poli- tischen Gründen erschossen wurde.
Über dieses Endphaseverbrechen in Gelsenkirchen hatte ich bereits vor einigen Jahren Kenntnis erhalten. Nur war mir die genaue Identität des Opfers nicht bekannt. Meyer ist ein weit verbreiteter Name, wo also mit den Recherchen beginnen? Auch in den zwischenzeitlich ausfindig gemachten Ermittlungsakten und im Urteil gegen den damaligegen Täter Johann Mehrholz fanden sich keine weiteren Hinweise auf Lebensdaten des Opfers bzw. einer ggf. vorhandenen Familie.
Jüngst veröffentlichte dann das hieige Institut für Stadtgeschichte (ISG) die Gelsenkirchener Stadtchronik Band 1945 im Internet. Darin fand ich zufällig auch ein Hinweis auf einen Ingenieur Meyer, der im April 1945 durch Granatsplitter zu Tode gekommen sei. Eine Adresse wurde auch genannt: Franz-Seldte-Straße 166. Sollte das der gesuchte Ingenieur sein? Schnell stellte sich in der Folge heraus, das es sich tatsächlich um den gesuchten Ingenieur Meyer handelte, jedoch die in der Stadtchronik genannte Todesursache nicht stimmte.
Mit Namen und der Straßenangabe konnte ich in einer Internet-Datenbank das Ehepaar Meyer identifizieren und hatte nun auch die Geburtsdaten von beiden - der Schlüssel zu weiteren Recherchen. In der Datenbank, die auf den Ergebnissen der Volkszählung des Jahres 1939 basiert, war auch verzeichnet, das Heinrich Meyer christlich getauft war. Nun war auch klar, das die Eheleute Meyer in einer so genannten "Mischehe" gelebt haben. Bekannt war mir bereits, das Meyer eine jüdische Ehefrau hatte, die zum Zeitpunkt seines gewaltsamen Todes im KZ gewesen sein soll. Die Deportation dieses Personenkreises aus Gelsenkirchen fand im September 1944 statt, eine Deportationsliste ist nicht erhalten. Bekannt war mir der Zielort dieser Deportation, ein Lager Elben bei Kassel. Die Rechercheergebnisse in der Summe boten neue Rechercheansätze u.a. in der digitalen Sammlung der Arolsen Archives, die jedoch nicht den erwarteten Durchbruch brachten, jedoch bestätigte ein gefundenes Schriftstück die Existenz eines Lagers Elben.
Der nun bekannte Name der Ehefrau fand sich dann auch in zwei weiteren Auflistungen, einmal einer Liste mit den Namen jüdischer Menschen, die nach der Befreiung nach Gelsenkirchen zurückgekehrt sind und in einer Aufstellung von NS-Verfolgten, die in Gelsenkirchen Anträge auf so genannte "Wiedergutmachung" gestellt hatten. Mit diesen Angaben konnte ich nun beim Institut für Stadtgeschichte die entsprecheden Akten anfragen. Zwei so genannte WGM-Akten konnte ich so gestern beim ISG einsehen und damit letzte punktuelle Unsicherheiten in der biografischen Skizzierung der Lebenswege des Ehepaars Meyer ausräumen, die NS-Verfolgung verifizieren, abbilden und die entsprechende Dokumentation endlich fertigstellen. Demnach wurde die Ehefrau am 31. März in Elben von US-Soldaten befreit, ihr Mann hingegen einen Tag später aus politischen Gründen in Gelsenkirchen auf offener Straße erschossen. Dem Ehepaar Meyer sollen nun am letzten, selbstgewählten Wohnort in Gelsenkirchen, der heutigen Florastraße 166, Stolpersteine gewidmet werden. Zur Finanzierung der kleinen Erinnerungszeichen werden Stolperstein-Paten gesucht. Email: a.jordan(ätt)gelsenzentrum.de
Gemeinschaftsprojekt: Schülerinnen und Schüler als Stolperstein-Paten
Andreas Jordan | 22. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Der Stolperstein, der nun in Gelsenkirchen an Walter Hes erinnert, konnte durch eine großartige Geste junger Menschen realisiert werden:
"Wir, die Klasse 8/2 der Gesamtschule Berger Feld, haben gemeinsam mit unseren Klassenlehrerinnen Frau Mau und Frau Krause die Patenschaft für den Stolperstein von Walter Hes übernommen, weil uns sein Schicksal sehr berührt hat: Walter war so alt wie wir es jetzt sind, als er von den Nazis ermordet wurde. Mit unserem Engagement wollen wir dazu beitragen, dass Walter Hes und die vielen anderen Opfer des Holocausts nicht vergessen werden und so etwas niemals wieder geschieht." - Wir danken euch für euer beispielhaftes und richtungsweisendes Engagement!
Zufallsfund in Gelsenkirchen: Alte Wandreklame zeigt Spuren einer jüdischen Familie
Andreas Jordan | 18. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Bei dem Abriss eines Hauses an der Bochumer Straße kam jüngst am Giebel des Nachbarhauses eine alte Werbebeschriftung ans Licht. Dem potentiellen Kunden werden 'Gutsitzende Anzüge & Überzieher angeboten, zu kaufen bei Fa. Alexander an der Gelsenkirchener Bahnhofstraße 83.
Baujahr des Abrisshauses und Typografie lassen auf eine Anbringung der Werbeschrift um ca. 1910 schließen.
Abb.: Familie Alexander im Gelsenkirchener Stadtgarten, 1936
Vermutlich handelt es sich um die Werbung der Brüder Alexander, die sich um diese Zeit aus Werther kommend in Gelsenkirchen niederließen und hier ihre geschäftlichen Aktivitäten aufnahmen. Die Brüder Friederich und Jakob Alexander betrieben zusammen mit weiteren Geschwistern später u.a. auch das Kaufhaus Carsch an der Bahnhofstraße/Ecke heutige Kolpingstraße, bevor sie gemeinsam mit ihren Familien und ihrer alleinstehenden Schwester Johanna - allesamt von den Nazis enteignet und ihres Eigentums und prsönlichen Besitzes beraubt - ihr Leben 1939 durch Flucht nach Brasilien retten konnten. Dr. Hugo und Alex Alexander gelang mit ihren Familien die Flucht nach Großbritannien, Arnold Alexander, der zunächst nach Belgien fliehen konnte, wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und wurde kurze Zeit später in einem Außenlager von Auschwitz ermordet. ("Organisation Schmelt" in Cosel, später "Blechhammer" genannt). Schwester Julie Alexander starb bereits in Kindertagen, eine weitere Schwester namens Lina Alexander starb im März 1939 noch in Gelsenkirchen.
Abb.: Die jüngst zufällig bei Abrissarbeiten an der Bochumer Straße in Gelsenkirchen-Ückendorf freigelegte alte Wandreklame erinnert an die jüdische Familie Alexander. Wie weiter mit diesem historisch wertvollen Fund umgegangen werden soll, ist derzeit noch völlig offen.
16. Mai 1940: Gedenken an die Deportation von Sinti und Lovara
Andreas Jordan | 13. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Deportationen im Mai 1940 waren die erste Verschleppungsaktion der deutschen Faschisten, bei der systematisch und familienweise Sinti und Roma aus Deutschland in das deutsch besetzte Polen deportiert wurden. Aus den Kriminalpolizeileitstellen-Bezirken in Hamburg, Bremen, Köln, Düsseldorf, Hannover, Stuttgart und Frankfurt am Main sollten insgesamt 2.500 Sinti und Roma zwangsweise "umgesiedelt" werden. Dazu wurden in Hamburg, Köln und Asperg so genannte "Sammellager" eingerichtet. Für Köln war die "in Deutz am Rheinufer gelegene Messe als Sammelplatz gewählt worden, weil sie genügend Platz für Hunderte von Menschen bot, leicht zu bewachen war und verkehrsgünstig lag: Nur wenige Meter entfernt befand sich der Bahnhof Deutz-Tief, von dem die Deportationszüge abfuhren."
Die Nazis in Köln wollten alle Siniti und Lovara aus dem Regierungsbezirk Köln "entfernen", hierzu wurden die Angehörigen der Minderheit bereits ab 1935 in Internierungslagern zusammengetrieben. Am 16. Mai 1940 wurden die Kölner Internierungsager von Polizei, Wehrmacht, SS und lokalen Hilfskräften, darunter auch städtische Mitarbeiter, aufgelöst und alle dort lebenden Menschen in die Messehallen nach Köln-Deutz gebracht. Im Laufe der folgenden Tage trafen hier weitere, zuvor noch "frei" in Köln lebende, nach der NS-Rassenideologie als "Zigeuner" definierte Menschen sowie Transporte aus Herne, Düsseldorf, Wuppertal, Wanne-Eickel, Aachen, Koblenz, Gelsenkirchen, Krefeld und Duisburg in Deutz ein. Am 21. Mai 1940 wurden dann etwa 1000 Menschen mit der Reichsbahn zumeist in KZ im östlichen Polen deportiert, wo die meisten der Verschleppten von den Nazis ermordet wurden.
Unter den Menschen, die im Rahmen der so genannten "Maideportation" im Mai 1940 aus dem Sammellager auf dem Gelände der Kölner Messe nach Polen verschleppt wurden, befanden sich auch die Familien Rosina Lehmann, die Familie Rosenberg, das Paar Malla Müller und Josef Wernicke, die Familien Michael Wernicke und Johann Wernicke. Sie alle hatten zuvor längere Zeit in Gelsenkirchen gelebt und die Stadt wegen der Drangsalierungen durch die hiesigen Behörden verlassen.
Gelsenkirchen: Stolperstein für Heinrich König
Andreas Jordan | 12. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Der Priester und Theologe Heinrich König bekommt in Gelsenkirchen einen Stolperstein - das wünschen die Paten, die jüngst die Kosten für das kleine Denkmal übernommen haben.
König, seit 1935 Vikar an der Propsteikirche St. Augustinus in Gelsenkirchen, wurde von dem Wehrmachtsangehörigen Waßmann jun. aus der Nachbarschaft bei der Gelsenkirchener Gestapo denunziert, König habe sich im Gespräch mit ihm über die "Vergasung von Geisteskranken" und die "Affäre Rudolf Hess" geäußert. Das diese Äußerungen nicht im Sinne des Terror-Regimes war, zeigt die schnelle Reaktion der Gestapo auf die Denunziation. Die Verhaftung Königs erfolgte umgehend, am 30. September 1941 wurde er in das Polizeigefängnis in der Gelsenkirchener Altstadt eingeliefert.
Theologe Heinrich König bieb in den nachfolgenden Verhören bei seiner ablehnenden Haltung gegen die Nazis, die Gestapo ordnete daraufhin die so genannte "Schutzhaft" gegen den zum "Staatsfeind" erklärten Heinrich König an. Das bereits Ende Februar 1933 wesentlich verschärfte Instrument der "Schutzhaft" ermöglichte es der Gestapo, Gegner der NS-Diktatur unbegrenzt ohne eine Gerichtsverhandlung in Schutzhaftlager und Konzentrationslager einzuweisen. Die "Schutzhaftbefehle" zu zeitlich unbefristeter Polizeihaft in KZs trugen den Briefkopf der Politischen Polizei. Ohne irgendeine Aktion getätigt zu haben, konnten Menschen so zu "objektiven" Gegnern bzw. Staatsfeinden erklärt werden.
Am 2. Dezember 1941 wurde König in das KZ Dachau überstellt und unter der Gefangenennummer 28794 registriert. Überlebende Mitgefangene berichteten später, König habe sich ohne stichhaltigen Grund einer "Gallenblasenoperation" unterziehen müssen. Hinter solchen "Operationen" verbargen sich jedoch medizinische Versuche an Menschen. Die Sterbeurkunde Königs nennt als Todesursache verschleiernd "Versagen von Herz und Kreislauf bei Bauchfellentzündung" am 24. Juni 1942, angegeben von der Staatspolizeileitstelle München. Das Heinrich König an seinem 42. Geburtstag starb, war wohl kein Zufall. Der Leichnam Heinrich Königs wurde vor Ort kremiert, eine Urne mit Asche an seine Mutter nach Gelsenkirchen übersandt. Die Beisetzung der Urne erfolgte am 2. Juli 1942 im engsten Kreis auf dem Gelsenkirchener Altstadtfriedhof.
8. Mai: Am Tag der Befreiung bekommt Gelsenkirchen weitere Stolpersteine
Andreas Jordan | 8. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
8. Mai - 75. Jahrestag der Befreiung und Ende des Zweiten Weltkriegs. Stilles Gedenken an Opfer der NS-Diktatur auf den Straßen in Gelsenkirchen. An diesem Gedenktag haben wir am frühen Morgen ohne Publikum einen Großteil der Stolpersteine verlegt, die am ursprünglich geplanten Verlegetag 20. März Coronabedingt nicht verlegt werden konnten. Die Übergabe an die Öffentlichkeit mit entsprechenden Zeremonien und Gästen aus dem In- und Ausland wird vorraussichtlich im September stattfinden.
8. Mai 1945: Tag der totalen militärischen Niederlage – Tag der Befreiung von der NS-Diktatur
Andreas Jordan | 4. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
8. Mai 1945, der Krieg ist zumindest in Europa zu Ende. Dieses Datum markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa und den Zusammenbruch des Terror-Regimes, das diesen Krieg entfesselt hatte.
In der Corona-Krise sind nur eingeschränkt öffentlichen Veranstaltungen mit Publikum möglich, europaweit finden so an diesem Tag stille oder digitale Veranstaltungen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und dem Ende des 2. Weltkriegs statt. In Gelsenkirchen ha- ben wir als Projektgruppe Stolpersteine die digitale Form gewählt - mit einer Ausanhme: am 8. Mai, dem Tag der Befreiung verlegen wir einen Großteil der Stolpersteine im Stadtgebiet, deren Verlegung ursprünglich für den 20. März geplant war, jedoch Corona-bedingt abgesagt werden musste. An welchen Orten in Gelsenkirchen Opfern des deutschen Faschismus in der Erinnerungsform von Stolpersteinen gedacht wird, kann auf dieser interaktiven Karte erkundet werden:
Seit 1992 hält das Projekt Stolpersteine des Bildhauers Gunter Demnig die Erinnerung an NS-Opfer wach. Es sind die Namen und Lebensdaten von Juden, Sinti und Roma, Opfern der „Euthanasie“-Morde, Homosexuellen, politisch und religiös Verfolgten und sogenannten „Asozialen“, die er in Gehwegen vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der Betroffenen einsetzt. Am 29. Dezember 2019 verlegte Demnig in Memmingen den 75.000. Stolperstein.
In Gelsenkirchen sind es seit 2009 bis heute 230 Steine, dezentral im öffentlichen Raum verlegt, die der Verein Gelsenzentrum e.V. gemeinsam mit vielen Menschen aus dem In- und Ausland realisiert hat. Darunter auch Überlebende oder Angehörige von NS-Opfern, die selbst Stolperstein-Verlegungen angeregt oder diese gestiftet haben, damit sie einen Ort zum Erinnern haben. Hinzu kommt eine Sonderform der Stolpersteine, vor dem Polizeipräsidium in Buer wurde jüngst eine Stolperschwelle erlegt. Zudem existieren in der Stadt zahlreiche weitere Erinnerungsorte in Form von Informationstafeln im Rahmen des Projektes "Erinnerungsorte" der Stadt Gelsenkirchen, im Stadtgebiet finden sich weitere verschiedene Denkmäler, welche an die Folgen der NS-Diktatur mit ihren Terror erinnern.
Es wird nie eine Art des Gedenkens geben, die dem größten Menschheitsverbrechen auch nur annähernd gerecht wird. Dafür sind die Unfassbarkeit, die Grausamkeit der Ereignisse, die monströsen Ausmaße zu groß. Doch viel gefährlicher als die Fallstricke des gesellschaftlichen Ringens um Gedenkformen ist, wenn das Vergessen um sich greift. Deswegen dürfen Stolpersteine auch keine Schlusspunkte hinter die Auseinandersetzung der NS-Mordmaschinerie setzen. Vielmehr sind sie eine Aufforderung für die tagtägliche Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Ursachen des Naziterrors und ihren Konsequenzen für unser heutiges Zusammenleben. Nicht nur in Gelsenkirchen. Sondern jeden Tag an vielen Orten.
75. Jahrestag der "Cap Arcona"-Katastrophe: Schuld ohne Sühne
Andreas Jordan | 3. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Am 3. Mai 1945 waren bei einem britischen Luftangriff auf mehrere Schiffe in der Lübecker Bucht fast 7000 KZ-Häftlinge gestorben. Die überwiegende Zahl der Menschen war zuvor im KZ Neuengamme gefangen gehalten worden. Die SS hatte die Gefangenen bei Auflösung des KZ Neuengamme an Bord der Schiffe "Cap Arcona", "Thielbeck", "Elmenhorst" und die "Athen" gebracht, diese fungierten zu dieser Zeit als schwimmende KZ, die weiter entfernt liegende Dampfer "Deutschland" sollte als Lazarettschiff genutzt werden. Die SS legte es vermutlich darauf an, dass die KZ-Schiffe als vermeintliche Truppentransporter Ziele britischer Bomber werden könnten.
Es ist das wohl stärkste Trauma rund um die Lübecker Bucht: die Bombardierung der "Cap Arcona", die noch fünf Jahre gekippt vor Neustadt lag, bis man sie 1950 auseinanderschweißte. Das allerdings, ohne die Toten zu bergen. Was die Schweißer unter Wasser vorfanden, ist nicht überliefert. Sicher ist, dass noch lange tote Körper gefunden wurden – sogar an Dänemarks Küsten. Denn jene Anwohner, die 1945 die Toten mit Traktoren von den Stränden holten, um sie würdig zu bestatten, fanden längst nicht alle. Auch die meisten Namen der Opfer kennt man nicht. Die Namen von zwei Opfern aus Gelsenkirchen sind jedoch bekannt: Die der Widerständler Johann Eichenauer und Rudolf Littek, den beiden mutigen Männern haben wir in Gelsenkirchen bereits Stolpersteine gewidmet.
Von den Tätern wurde niemand juristisch belangt. Denn da waren eben auch jene Anwohner, die Fliehende jagten, jene Kriegsmarine-Boote, deren Besatzungen ausschließlich SS-Leute aus dem Wasser zogen, es gab jene, die auf die um ihr Leben kämpfenden Häftlinge im Wasser geschossen haben. Und da gab es die SS-Wachmänner, die einen Transport von Häftlingen aus dem KZ Stutthof begleitet hatten. Die Häftlinge strandeten vor Neustadt und wurden erschossen, einige dieser SS-Leute fingen 1945 bei der Neustädter Polizei an.
Andreas Jordan | 1. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
In Zeiten der Corona-Pandemie können Stolpersteine nicht wie in Jahren zuvor verlegt werden. So musste bekanntlich die in Gelsenkirchen ursprünglich für den 20. März geplante Verlegeaktion abgesagt werden. Die dafür vorgesehenen Stolpersteine wird unsere Projektgruppe nun suksessive in Eigenregie verlegen. Entsprechende Zeremonien werden nachgeholt, wenn Ansteckungsrisiko und Beschränkungen wieder Publikum zulassen.
Die ersten der kleinen Mahnmale haben wir jüngst im Ortsteil Schalke für das Ehepaar Kahn verlegt. Metzgermeister August Kahn war mit Rosa, geb. Weber verheiratet, seit 1925 betrieb er seine Metzgerei an der Gewerkenstraße 68. Fußballfan August Kahn war dem FC Schalke 04 auf vielfältige Weise verbunden, viele Spieler unterhielten persönliche Kontakte zu ihm. Bei ihm in der Wurstküche stärkten sich die Spieler nach dem Training. 1933 wurde August Kahn aus dem Verein Schalke 04 ausgeschlossen, weil er Jude war.
Auch das Ehepaar Kahn war in der Folgezeit von den Boykottmaßnahmen und Repressionen der neuen Machthaber betroffen. Unter den jüdischen Menschen erkannten einige in diesen Maßnahmen ein Signal, dass die Nazis nicht bei ihrem bisher verbal zum Ausdruck gebrachten Antisemitismus stehen bleiben würden und bereiteten ihre Flucht aus Deutschland vor. August Kahn hingegen war wie viele andere seiner Glaubensbrüder zunächst noch davon überzeugt, dass der "Keilov" (Jiddisches Wort für Hund, damit gemeint war Hitler) ihm nicht viel anhaben könne. Noch bis 1938 hing in seinem Schaufenster ein Plakat "Ich bin Frontkämpfer des Weltkrieges und Träger des EK I". Möglicherweise hoffte er, mit der offensiven Demonstration seiner nationalen Gesinnung noch Einfluß auf drohendes Unheil nehmen zu können.
Doch wie viele andere jüdische Handel- und Gewerbetreibende verlor auch das Ehepaar Kahn in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre Betrieb und persönlichen Besitz durch die staatlich legitimierte Ausplünderung ("Arisierung"). Bis zur Zwangseinweisung in eines der Gelsenkirchener "Judenhäuser" (Innerstädtische Ghettohäuser) an der Klosterstr. 21 lebte das Ehepaar Kahn an der Gewerkenstraße 68, das Haus steht heute nicht mehr. August und Rosa Kahn wurden am 27. Juli 1942 von Gelsenkirchen über Münster mit einem so genannten "Alterstransport" in das Ghetto Theresienstadt verschleppt. Dort wird Rosa wenige Wochen nach Ankunft, ihr Mann August am 11. Oktober 1944 ermordet. An diesem letzten, selbst gewählten Wohnort erinnern jetzt zwei Stolpersteine an diese beiden Menschen, die dort einmal gelebt haben und unter der Naziherrschaft ermordet wurden.
Gelsenkirchener Stolpersteine: Neuer Termin noch unklar
Andreas Jordan | 20. März 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die 23 neuen Stolpersteine für die ursprünglich heute geplanten Verlegungen haben dank Gunter Demnig ihren Weg nach Gelsenkirchen gefunden. Verlegt werden können sie bekanntlich derzeit nicht, gut eingelagert warten sie nun auf die Zeit nach der Corona-Pandemie. An dieser Stelle sei den Patinnen und Paten dieser Stolpersteine gedankt, die mit Ihrem Engagement die kleinen Denkmale finanziert haben. Unser Dank geht auch an das Team von Gunter Demnig und an alle Menschen, die am Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen direkt oder indirekt mitarbeiten oder es unterstützen.
Abb.: Diese 23 neuen Stolpersteine sollten eigentlich am heutigen Freitag in Gelsenkirchen verlegt werden, der städtische Bauhof hatte im Vorfeld die Verlegestellen schon entsprechend vorbereitet. Foto: Gelsenzentrum e.V.
Gelsenkirchen: Stolperstein-Verlegungen abgesagt
Andreas Jordan | 16. März 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die ursprünglich für Freitag, 20. März 2020 in Gelsenkirchen geplanten Stolperstein-Veranstaltungen finden nicht statt. Die Stadtverwaltung hat alle Veranstaltungen in Gelsenkirchen bis auf weiteres untersagt, um so eine schnelle Ausbreitung des Corana-Virus entgegenzuwirken. Die Verlegeaktion werden wir zu einem späteren Zeitpunkt nachholen.
Weitere Stolpersteine in Gelsenkirchen: "Menschen - Menschen haben das getan"
Andreas Jordan | 3. März 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Unter dem Motto "Menschen - Menschen haben das getan" nach einem Zitat von Margot Friedländer findet in diesem Jahr die Stolpersteinverlegung in Gelsenkirchen statt. Mehrere Gelsenkirchener Schul- klassen sind an der diesjährigen Verlegeaktion beteiligt und so lag es für uns auf der Hand, dieses Mot- to zu wählen. Margot Friedländer ist Zeitzeugin des Holocaust und besucht regelmäßig Schulen in ganz Deutschland, um über Ihr Leben zu berichten und junge Menschen zu Zivilcourage zu ermutigen. Am 20. März 2020 wird Bildhauer Gunter Demnig weitere 23 Stolpersteine an acht Stellen in das Pflaster Gelsenkirchener Gehwege einlassen.
Gunter Demnigs Stolpersteine, ein Kunstprojekt und nicht zuletzt auch eine soziale Skulptur für Europa, bietet für Geschichtskurse oder Schulklassen eine ganz besondere Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit der NS-Gewaltherrschaft und der Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, beteiligte Schülerinnen und Schüler finden einen ganz direkten Zugang zur NS-Geschichte im lokalen Kontext. Gleichwohl sind die Stolpersteine ein starkes Zeichen gegen Menschenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Diskriminierung in jedweder Form.
Zeugnis abzulegen über das, was Menschen angetan wurde, ist für Margot Friedländer Pflicht. Bei Ihren Vorträgen vor jüngeren Menschen ist es ihr besonders wichtig zu betonen:
"Ich spreche nicht nur für die sechs Millionen Juden. Ich spreche für alle, die man unschuldig umgebracht hat, politisch Verfolgte, Homosexuelle, kleine Kinder, Roma, Sinti... Menschen haben es getan, die Menschen nicht anerkannt haben als Menschen. Und das ist etwas, was ich euch predige und sage: 'Seid Menschen'.
An Schülerinnen und Schüler, denen die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer begegnet, richtet sie unter Hinblick auf zunehmenden Antisemitismus, Hass und Menschenfeindlichkeit oftmals die Warnung: "So hat es damals auch angefangen. Seid vorsichtig!"
Margot Friedlander wurde am 5. November 1921 in Berlin geboren. Nach Machtübernahme der Nazis versuchte ihre Familie mehrmals vergeblich auszuwandern. 1942 wurde Margots Vater in einem Vernichtungslager ermordet. Die Mutter plante im Januar 1943 mit Margot und ihrem
jüngeren Bruder Ralph die Flucht aus Deutschland. Dazu kam es nicht, denn Ralph wurde von der Gestapo verhaftet. Die Mutter stellte sich der Polizei, um bei ihm zu sein. Später wurden beide im KZ Auschwitz ermordet. Margot gelang es mit Unterstützung von 16 Helfern, einige
Monate in Verstecken unterzukommen. Doch im Frühjahr 1944 wurde sie von so genannten Greifern verraten und verhaftet und in das Ghetto Theresienstadt gebracht.
Sie und ihr zukünftiger Mann Adolf Friedlander, ein Berliner Bekannter, den sie im Ghetto wiedertraf, überlebten den Holocaust, heirateten und wanderten 1946 in die USA aus. 2010 entschied sich Margot Friedlander nach mehreren vorangegangenen Besuchen dauerhaft in ihre Geburtsstadt zurückzukehren. Sie spricht regelmäßig mit jungen Menschen über ihre Erfahrungen. Dies ist ihr ein Herzensanliegen, denn „niemals darf so etwas wieder geschehen. Als Überlebende sehe ich das als meine Aufgabe.“ Für ihr Engagement wurde ihr 2011 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Mit dem Margot-Friedländer-Preis der Schwarzkopf Stiftung Junges Europa werden seit 2014 Jugendliche und Auszubildende dazu aufgerufen, sich mit dem Holocaust, seiner Überlieferung und Zeugenschaft in interaktiven Projekten auseinanderzusetzen und sich gegen heutige Formen von Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung einzusetzen.
„Asoziale“ und „Berufsverbrecher“: Bundestag für Anerkennung weiterer NS-Opfergruppen
Andreas Jordan | 14. Februar 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Nach über sieben Jahrzehnten hat der Deutsche Bundestag nun die formale Rehabilitierung der beiden lange als "vergessen" geltenden Verfolgtengruppen nachgeholt. Menschen, die während der nationalsozialistischen Diktatur als sogenannte "Asoziale" und "Berufsverbrecher" verfolgt beziehungsweise in Konzentrationslagern inhaftiert wurden, sollen als NS-Opfer anerkannt werden. Das Parlament stimmte am Donnerstagabend für einen Antrag, nach dem "auch die als 'Asoziale' und 'Berufsverbrecher' Verfolgten (…) Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" waren.
„Lebenslange Scham und sozialer Ausschluss“ bestimmten vermutlich das Dasein der betroffenen Überlebenden nach 1945, sagt Frank Nonnenmacher, Neffe des NS-Verfogten Ernst Nonnenmacher. Dieser wurde zu den von den Nazis zuznächst als "Asozialer" später als "Berufsverbrecher" gebrandmarkt, verfolgt und gequält. Nur mit viel Glück überlebte er die KZ-Gefangenschaft. Nach Kriegsende scheiterte Ernst Nonnenmacher mit einem Antrag auf materielle Entschädigung: Die KZ-Haft von "Asozialen" und "Berufsverbrechern" begriff man damals nicht als Unrecht. Viele der Betroffenen nahmen wohl die erfahrenen stigmatisierenden Zuschreibungen in sich auf, schwiegen selbst in ihren Familien über ihre Zeit im KZ. So genau weiß das aber niemand: Sie selber machten nicht auf sich aufmerksam, aber es interessierte sich auch niemand für sie. Selbst Wissenschaftler machten bis vor einigen Jahren einen Bogen um sie.
An die bisher wenigen namentlich bekannten, als vorgeblich "Asozial" verfolgten Menschen aus Gelsenkirchen sollen bald Stolpersteine im Stadtgebiet verlegt werden. Recherchen unserer Projektgruppe u.a. in den Akten des KZ Dachau führten auf die Spuren der Leidenswege der Gelsenkirchener Josef Kendzierski aus Rotthausen, Walter Klüter aus der Feldmark, Erich Mosdzinski aus Buer und Heinrich Roth aus der Altstadt, die von den Nazis als "Asozial" gebrandmarkt in Konzentrationslagern ermordet wurden. Das diesen Menschen geschehene Unrecht soll nicht vergessen werden. Zur Finanzierung dieser Stolpersteine werden noch Stolperstein-Paten gesucht, Info per: Email. Stolpersteine Gelsen- kirchen: → Stigma "Asozial" - Erinnerung an Ausgegrenzte
Schalker Fan-Initiative poliert Stolpersteine
Andreas Jordan | 3. Februar 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Schalker Fan-Ini hat sich am Sonntag auf den Weg gemacht um die Stolpersteine im Ortsteil Schalke zu polieren. Darunter auch die abgebildeten Stolpersteine, die an der Gewerkenstraße/Schalker Markt an Julie Lichtmann, Berta Moss (geb. Lichtmann) und das Ehepaar Sally und Henriette Meyer erinnern. Die Fan-Ini hatte 2013 mit der Übernahme einer Patenschaft für den Stolperstein, der an Sally Meyer erinnert, auch die Finanzierung dieses Steines übernommen. Unter der damaligen Adresse Schalker Markt 9 betrieb Sally Meyer zusammen mit seiner Schwägerin Julie Lichtmann in den 1930er Jahren das Textilkaufhaus "Julius Rode & Co" (Vormals Kaufhaus Gebrüder Hochheimer).
Der Fußballer Fritz Szepan, Spieler des FC Schalke 04, "erwarb" das Kaufhaus 1938 zusammen mit seiner Frau Elise im Zuge der staatlich legitimierten Enteigung und "Arisierung" jüdischen Eigentums mit Hilfe aus dem Umfeld des Schalke 04 - hier sind im besonderen die Thiemeyer-Erben zu nennen - zu einem Spottpreis in Höhe von nur 7.000 RM, den er angeblich bar gezahlt haben wollte. Einen Nachweis dafür konnte Szepan jedoch nach 1945 nicht beibringen. Das Ehepaar Szepan führte das Geschäft dann unter dem Namen "Kaufhaus Szepan am Schalker Markt" weiter. Während Fritz Szepan als Arisierungsgewinnler im Rahmen der so genannten "Entjudung" ein gutes Geschäft gemacht hatte, wurden die ehemaligen jüdischen Eigentümer des 'Kaufhaus Szepan' von den NS-Behörden ständig weiter ausgeplündert und drangsaliert. Verzweifelt versuchten sie Deutschland zu verlassen. Noch 1939/40 hatten Julie Lichtmann und auch das Ehepaar Meyer versucht, aus Deutschland nach Chile zu fliehen.
Es gelang ihnen jedoch nicht mehr, Deutschland zu verlassen. Im Januar 1942 wurde das Ehepaar Meyer zusammen mit 357 Gelsenkirchener Juden, darunter auch Julie Lichtmann und weitere 147 Juden aus umliegenden Städten, zunächst in das eigens für die anstehende Deportation eingerichtete temporäre "Judensammellager" in der Ausstellungshalle an der Wildenbruchstraße unter unmenschlichen Bedingungen zusammengepfercht. Der Deportationstransport verließ schließlich in den frühen Morgenstunden des 27. Januar 1942 Gelsenkirchen mit dem Ziel Riga - auch für Julie Lichtmann und das Ehepaar Meyer eine Reise in einen gewaltsamen Tod.
Nachfahren der Familie Ramer besuchen Stolpersteine ihrer Familie
Andreas Jordan | 30. Januar 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Im Dezember 2014 verlegten wir gemeinsam mit Bildhauer Gunter Demnig und Nachfahren die Stolpersteine, die in Gelsenkirchen an Jakob, Lisa und Hannah Ramer erinnern. Heute besuchte Chava Moskowitz, die Tochter der 1939 mit einem Kindertransport geretteten Hanna Ramer ein weiteres Mal Gelsenkirchen, die Heimatstadt ihrer Mutter Hannah
Eigentlich waren die beiden Frauen aus New York auf dem Weg zu einer Austellungseröffnung über die Kindertransporte in Köln, be- schlossen jedoch dann, einen Abstecher nach Gelsenkirchen zu machen. Chava Moskowitz wollte ihrer Nichte Tziril Yurman unbedingt die Stolpersteine vor dem Musiktheater in Gelsen kirchen zeigen, die an Tzirils Urgroßeltern erinnern. Im Anschluß daran begaben wir uns gemeinsam in Schalke und der Altstadt auf die Spuren jüdischen Lebens vor 1945, das zumeist nur noch in Form von Stolpersteinen sichtbar ist. Eine Ausnahme: an der Husemannstraße 75, am ehemaligen Haus des jüdischen Kinderarztes Dr. Max Meyer, der 1939 rechtzeitig aus Nazi-Deutschland fliehen konnte, ist noch heute die Stelle zu sehen, wo einst die Mesusa befestigt war. Dann suchten wir den Standort der ehemaligen Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz auf, in der sich 1942 das temporäre "Judensammellager" befand - für rund 500 deportierte Menschen eine Zwischenstation auf den Weg in ihren gewaltsamen Tod. Auch Lisa Ramer war zur Deportation bestimmt, sie entzog sich der Deportation durch Flucht, seither gab es jedoch kein Lebenszeichen mehr von ihr.
Auch der Besuch des Standortes der alten, von den Nazis zerstörten Synagoge durfte nicht fehlen. Sichtlich irritiert über den modernen Zweckbau der neuen Synagoge kam die Frage auf, warum man denn nicht im Stil der alten Syngoge neu gebaut hat oder zumindest die Frontseite dem Orginal nachempfunden habe. "Das hätte man bei uns in New York so nicht gemacht. Das ist eine durch und durch moderne Stadt, aber wir hätten das Gotteshaus orginalgetreu wiederaufgebaut", da ist Tziril Yurman sicher. Mit einem Moment des Innehaltens am Stolperstein vor der neuen Synagoge, der an den damaligen Rabbiner Dr. Siegfried Galliner erinnert, endete unsere gemeinsame Spurensuche.
Stolpersteine sollen an die Familien Goldblum und Katzenstein erinnern
Andreas Jordan | 26. Januar 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Kaufmannsfamilien Goldblum und Katzenstein mussten in den späten 1930er Jahren aus ihrer Heimatstadt Gelsenkirchen fliehen, nur weil sie Juden waren. Auf Wunsch von Nachfahren sollen schon bald Stolpersteine für die Familien verlegt werden - sowohl an den Arbeitsstätten als auch vor den Wohnhäusern.
Für eine Stolpersteinverlegungen braucht es eine gewisse Vorlaufzeit - unter anderem für unsere Recherchen - so werden diese Stolpersteine in Absprache mit Bildhauer Gunter Demnig im nächsten Jahr verlegt. Im Ortsteil Gelsenkirchen-Schalke betrieben die Gebr. Goldblum wie auch Siegmund Katzenstein Geschäfte an der Schalker Straße. Die Brüder Goldblum waren auch Inhaber eines Geschäftes an der Gelsenkirchener Bahnhofsstraße und darüber hinaus von weiteren Filialen in Essen-Borbeck, Herne und Recklinghausen. Adolf Goldblum war nicht wie seine Brüder in der Textil- und Schuhbranche tätig, er führte gemeinsam mit seiner Frau ein Delikatessengeschäft in Witten.
Bereits im Frühjahr diesen Jahres werden wir mit Nachfahren aus den USA, die sich im Zuge einer Reise u.a. in Gelsenkirchen auf die Suche nach Lebenspuren ihrer Vorfahren begeben wollen, die früheren Lebensmittelpunkte der beiden Familien aufsuchen und auch die Verlegeorte für die Stolpersteine festlegen. Dabei werden wir auch den Aspekt der symbolischen Familienzusammenführung im Gedenken - sowie es Gunter Demnigs Stolperstein-Konzept vorsieht, entsprechend berücksichtigen.
Stolperstein-Verlegung 2020: "Menschen - Menschen haben das getan"
Andreas Jordan | 22. Januar 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Am Freitag, 20. März 2020 wird Bildhauer Gunter Demnig im Stadtgebiet neue Stolpersteine für Opfer des NS-Regimes in das Gehwegpflaster einlassen. Damit werden weitere Lebens- und Leidenswege von Menschen greifbar, die zwischen 1933-1945 aus rassistischen Motiven ermordet, ausgegrenzt oder vertrieben wurden. Demnigs Stolpersteine machen uns bewusst, wohin jede menschenverachtende rassistische Ideologie und Ausgrenzung führen kann.
Mehrere Gelsenkirchener Schulen sind an der diesjährigen Stolperstein-Verlegeaktion beteiligt, und so stehen die Verlegungen unter dem Motto "Menschen - Menschen haben das getan" - nach einem Zitat von Margot Friedländer. Zeugnis abzulegen über das, was Menschen angetan wurde, ist für die Holocaust-Überlebende Pflicht. Bei Ihren Vorträgen vor jüngeren Menschen ist es ihr besonders wichtig zu betonen: "Ich spreche nicht nur für die sechs Millionen Juden. Ich spreche für alle, die man unschuldig umgebracht hat, politisch Verfolgte, Homosexuelle, kleine Kinder, Roma, Sinti... Menschen haben es getan, die Menschen nicht anerkannt haben als Menschen. Und das ist etwas, was ich euch predige und sage: 'Seid Menschen'. An Schülerinnen und Schüler, denen sie begegnet, richtet sie unter Hinblick auf zunehmenden Antisemitismus, Hass und Menschenfeindlichkeit oftmals die Warnung: "So hat es damals angefangen. Seid vorsichtig!"
"Insgesamt 215 Stolpersteine sowie eine Stolperschwelle wurden seit 2009 von Bildhauer Gunter Demnig gemeinsam mit unserer Projektgruppe in Gelsenkirchen verlegt, nun kommen an acht Orten im Stadtgebiet weitere 23 Stolpersteine hinzu. Diese wurden von verschiedenen Vereinen, Institutionen und Privatpersonen gestiftet. Wir arbeiten bereits an den nachfolgenden Verlegeaktionen, es werden weiterhin Pat*innen gesucht, die mit ihrer Spende Stolpersteine in Gelsenkirchen finanzieren. Gemeinsam setzen wir so ein starkes Zeichen für Respekt, Vielfalt und Demokratie" sagt Projektleiter Andreas Jordan, der Gunter Demnigs Stolperstein-Projekt 2005 in unsere Stadt gebracht hat. Im Sommer 2009 bekam Gelsenkirchen dann erste Stolpersteine. Sie wollen eine Stolperstein-Patenschaft übernehmen? Infos zum Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen per E-Mail: a. jordan(ätt)gelsenzentrum.de
Diesen Menschen werden am 20. März 2020 in Gelsenkirchen Stolpersteine gewidmet:
(Planen sie für ihre Teilnahme an den Verlegungen +/- 25 Minuten zu den genannten Uhrzeiten ein.)
Gelsenkirchen: Aktionen zum Holocaust-Gedenktag 2020
"Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.*"
Andreas Jordan | 21. Januar 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Am Holocaust-Gedenktag (27. Januar) erinnern sich Menschen an das Leiden und gewaltsame Sterben von Menschen jüdischer Herkunft, von Sinti und Roma, von Homosexuellen, Zwangsarbeitern, Zeugen Jehovas, von Menschen mit Behinderung und denjenigen, die aufgrund ihrer politischen Haltung zu Opfern des nationalsozialistischen Terrorregimes wurden.
In Gelsenkirchen will ein Aktionsbündnis (Die Partei, DKP, VVN-BdA, Jusos, DGB-Jugend, Falken und die DIE LINKE) an Tagen rund um den Holocaust-Gedenktag mit unterschiedlichen Aktivitäten Menschen sensibilisieren und auf die gesamtgesellschaftliche historische Verantwortung aufmerksam machen. Im Focus stehen dabei vornehmlich Gunter Demnigs Stolpersteine: Poliert werden sollen u.a. Stolpersteine in Buer, Horst und Schalke, die Veranstaltungsreihe der "Stolpersteingeschichten" wird fortgesetzt und eine antifaschistische Stadtrundfahrt organisiert. Am Abend des 27. Januar findet in der Synagoge eine Gedenkfeier mit Podiumsdiskussion für die Opfer des Nationalsozialismus anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz statt.
Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen ruft alle Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt auf, Stolpersteine in der näheren Umgebung des jeweiligen Wohnortes wieder zum Glänzen zu bringen. Eine Übersicht verlegter Stolpersteine nach Stadtbezirken, Stadtteilen und Straßen finden sie HIER.
*Zitat von Max Mannheimer, Holocaust-Überlebender über „Schuld und Verantwortung“
Im Gedenken an die Pogromnacht von 1938
Andreas Jordan | 9. November 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Pogromwoche im November 1938 war ein öffentliches Verbrechen. Eine staatlich inszenierte, bis dato singuläre Gewalt- und Terrorwelle überzog in den Tagen zwischen dem 7. und dem 16. November Deutschland, Österreich und die Tschechoslowakei. Die gegen jüdische Menschen und deren Eigentum gerichtete Gewalt fand in den meisten Orten bis auf einige wenige Ausnahmen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ihren schrecklichen Höhepunkt.
Nachdem ich bereits am Morgen in Horst einige Stolpersteine geputzt hatte, traf ich mich Mittags mit Ron Gompertz in der Gelsenkirchener City, um gemeinsam die für seine Familienangehöri- gen verlegten Stolpersteine zu polieren. Auch Rons Großeltern Leo und Betty Gompertz, gebo- rene Isacson, sein Vater Fritz und dessen Brüder Albert und Rolf erlebten die Pogromnacht in ihrem Haus an der Bahnhofstraße 22. Auf dem Weg zum Grillo-Gymnasium, vor dem Stolper- steine an von dort vertriebene jüdische Schüler erinnern, darunter Rons Vater und dessen Bru- der, polierten wir weitere Stolpersteine in der Nachbarschaft. Ein kleiner Akt von gemeinsa- mer Erinnerungsarbeit, der zum Gedenken an die Pogromnacht vom November 1938 in Gel- senkirchen stattfand. Nicht allein stilles Geden- ken, Andacht oder Schweigezug, sondern hand- feste Arbeit im Kleinen, konkretes Einschreiten gegen das Vergessen, kniend mit Messingpolitur und Lappen.
Pogromwoche November 1938: Antijüdischer Terror
Andreas Jordan | 5. November 2019 (Erstveröffentlichung 2018) | Stolpersteine Gelsenkirchen
Einige Tage nach der Ausweisung seiner Eltern im Rahmen der so genannten "Polenaktion" erschoß der erst 17jährige polnische Jude Herschel Feibel Grynszpan aus Verzweiflung darüber am 7. November 1938 einen Nazi-Diplomaten der deutschen Botschaft in Paris. Diese Tat nahmen die deutschen Faschisten bekanntermaßen zum Anlass, um die Pogrome 7. bis 16. November 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu initiieren.
Abb.: Ein Stapel hebräischer Gebetbücher und anderer jüdischer religiöser Texte, die in der Synagoge in Bobenhausen (Vogelsbergkreis) während der Pogromwoche im November 1938 durch Feuer beschädigt wurden. Foto: USHMM, Photograph Number: N00445
Vor 81 Jahren sind in fast allen Städten im Deutschen Reich Synagogen und jüdische Einrichtungen durch Inbrandsetzungen in Flammen aufgegangen. In arbeitsteiliger Zusammenarbeit zwischen Ordnungs-, Sicherheits- und Kriminalpolizei, SS, Organisationen der NSDAP sowie der Feuerwehr wurde ein „kontrolliertes“ Abbrennen der Synagogen sichergestellt und gewährleistet, dass die Flammen nicht auf „arisches“ Eigentum übergriffen. Hinzu kommen unzählige verwüstete Wohnungen jüdischer Mitbürger, zerstörte Altersheime und Friedhöfe. Nach bisherigen Schätzungen wurden durch die Pogromwoche zwischen 400 und 1.300 jüdische Menschen getötet oder in den Suizid getrieben.
Wer bisher geglaubt hat, das Pogrom habe erst in den späten Abendstunden des 9. November 1938 begonnen, hat Grund zur Änderung dieser Auffassung. Erste gegen jüdische Deutsche gerichtete Ausschreitungen gab es bereits am Abend des 7. November mit Bekanntwerden des Attentats von Paris beispielsweise in Kassel. Am 8. November wurde die Synagogen in Bad Hersfeld und Gelsenkirchen (Altstadt) in Brand gesetzt, am Abend des 8. November starb das erste jüdische Pogromopfer: In Felsberg südlich von Kassel starb Robert Weinstein an den Folgen der Misshandlung. Auch ließen sich die einmal entfesselte Gewalt und der landesweit agierende Mob nur mit Mühe wieder bändigen: Trotz des offiziellen Stopps, der am Nachmittag des 10. November per Rundfunkappellen verbreitet und am 11. November in Zeitungen erneut veröffentlicht wurde, gingen die Angriffe, Plünderungen und Verhaftungen teilweise noch tagelang weiter. Keine Frage, für die meisten Juden war der Einbruch der brachialen Gewalt kurz vor Mitternacht des 9., meist aber erst im Laufe des 10. November, die zentrale Erfahrung.
Doch von einer Pogromnacht zu sprechen, ist eine offenkundige Bagatellisierung der tatsächlichen Entwicklung – hätte es nur die Nacht vom 9. auf den 10. November gegeben, hätten viele Juden jedenfalls diese Tage und Wochen überlebt. Deshalb sollte diese Bezeichnung, die das ganze Pogrom von seinen Anfängen am 7. November bis zu seinen Ausläufern um den 16. November (Ende der Verhaftungswelle) narrativ-dramaturgisch wirksam auf eine Nacht gleichsam miniaturisiert, tunlichst ins gut gefüllte, aber leider noch nicht geschriebene "Wörterbuch der Verharmlosung des Nationalsozialismus" einsortiert werden. Die Pogromwoche war ein öffentliches Verbrechen, in juristischen Begriffen ausgedrückt: Mord und Totschlag, Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Diebstahl, Erpressung und Nötigung, Sachbeschädigung, Vergewaltigung. Noch nicht geplanter Völkermord, aber weit mehr als bloß lokaler Pogrom, war es eine staatlich inszenierte, reichsweite, bis dato singuläre Gewalt- und Terrorwelle, der über tausend Menschen zum Opfer fielen und in der ein Großteil der soziokulturellen Infrastruktur jüdischen Lebens zerstört wurde.
Bezüglich der Inbrandsetzung der Gelsenkirchener Synagoge in der Altstadt gab es nach 1945 ein Strafverfahren gegen den mutmaßlichen Brandstifter der hiesigen Synagoge in der Altstadt, Werner Montel.
Das Jüdische Hilfskomitee Gelsenkirchen hatte mit Datum 3. Oktober 1946 die Staatsanwaltschaft Essen schriftlich um die Einleitung eines Verfahrens " (...) wegen der in der Nacht vom 8. zum 9. November 1938 erfolgten Niederbrennung der Synagoge in Gelsenkirchen, Neustrasse." gebeten. Liest man sich die Strafprozeßakte durch, lässt sich feststellen, dass auch in den verschiedenen Zeugenaussagen durchweg von einer Inbrandsetzung der Gelsenkirchener Synagoge gegen 22.30 Uhr am 8. November 1938 gesprochen wird, ebenso in der Anklageschrift und im Urteil. Auch in so genannten "Wiedergutmachungsakten" findet sich dieses Datum. Es darf folglich davon ausgegangen werden, das auch in Gelsenkirchen bereits am Abend des 8. November in vorauseilendem Gehorsam die Synagoge in der Altstadt in Brand gesetzt worden ist.
Fotoalbum: Pogromwoche im November 1938
Diese Fotos dokumentieren Zerstörung und Gewalt, gerichtet gegen Leib und Leben jüdischer Menschen in der Pogromwoche im November 1938 in Fürth. In einzeln Sequenzen auch ist die Inbrandsetzung der Fürther Synagoge festgehalten, andere Aufnahmen zeigen misshandelte und verletzte Menschen, die ihren Peinigern völlig schutzlos ausgeliefert sind. Die bisher unveröffentlichen Fotografien zeigen exemplarisch mit großer Eindringlichkeit, mit welcher menschenverachtender Bestialität die Nazi-Schergen ihre Schandtaten begehen. Schockierend, das so oft Gehörte und Gelesene auf diesen Fotos zu sehen: → Fotoalbum
Irrtümlich entsorgter Stolperstein wurde ersetzt
Pressemitteilung | 22. Oktober 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
In der Steinfurthstraße in Rotthausen war der vor Hausnummer 26 verlegte Stolperstein irrtümlich im Zuge der Gehwegerneuerung mit dem Aushub entsorgt worden. Die Stadtverwaltung hatte sich für das Versehen entschuldigt und versprochen, den neuen Stolperstein durch eigene Mitarbeiter verlegen zu lassen, verbunden mit einer Kostenübernahmeerklärung für den Ersatzstein.
Zum verabredeten Zeitpunkt trafen sich heute Morgen vor dem Haus Steinfurthstraße 26 der Initiator der Gelsenkirchener Stolpersteininitiative Andreas Jordan, im Gepäck den neuen Stolperstein und Mitarbeiter des städtischen Bauhofs. Mit geübten Handgriffen öffneten die städtischen Mitarbeiter den Gehweg und verlegten den Stolperstein, der nun im neuen Glanz wieder an den vom NS-Gewaltregime ermordeten Schuhmacher Michael Hojnacki erinnert. Der polnischstämmige Hojnacki hatte auf seine Weise Widerstand gegen den Naziterror geleistet, einige Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 spielte er auf seiner Geige im Hof des Hauses an der Steinfurthstraße die polnische Nationalhymne Mazurek Dąbrowskiego (Noch ist Polen nicht verloren). Von einem Nachbarn denunziert, wurde Michael Hojnacki verhaftet und schließlich im KZ Dachau ermordet.
Stolperstein beschädigt - Gelsenkirchener Paar spendet für Ersatz
Andreas Jordan | 19. Okt. 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Einen beschädigten Stolperstein hat Daria Krolevec jüngst in der Gelsenkirchener Ahstraße entdeckt: "Oftmals bleibe ich an diesen Steinen stehen und gehe kurz in mich. Nun entdeckte ich die Beschädigung und mir war sofort klar, dass ich helfen möchte, diesen Stolperstein zu ersetzen." Mit ihrem Anliegen wandte sich die Gelsenkirchenerin an uns.
Wie die Beschädigung an dem kleinen Mahnmal letztendlich entstanden ist, lässt sich nicht feststellen. "Ich bin der Meinung, so kann es nicht bleiben, nicht wo jetzt der rechtsradikale, antisemitische Hass immer mehr zunimmt" sagt Daria Krolevec. Gemeinsam mit ihrem Verlobten Tobias Büteröwe übernimmt sie die Kosten, um von Bildhauer Gunter Demnig einen neuen Stolperstein für Selma Müller anfertigen zu lassen. Der direkt daneben liegende Stolperstein, der an Selma Müllers Sohn Walter erinnert, blieb unbeschädigt. "Lassen Sie uns gemeinsam das Andenken an diese Frau aufrechterhalten und für die kommenden Generationen unbeschädigt hinterlassen." so Daria Krolevec. Wir haben den neuen Stolperstein jetzt in Auftrag gegeben und werden den beschädigten Stein schon bald austauschen können.
Stolperstein-Verlegung 2020: "Menschen - Menschen haben das getan"
Andreas Jordan | 16. Oktober 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Am Freitag, 20. März 2020 wird Bildhauer Gunter Demnig im Stadtgebiet neue Stolpersteine für Opfer des NS-Regimes in das Gehwegpflaster einlassen. Damit werden weitere Lebens- und Leidenswege von Menschen greifbar, die zwischen 1933-1945 aus rassistischen Motiven ermordet, ausgegrenzt oder vertrieben wurden. Demnigs Stolpersteine machen uns bewusst, wohin jede menschenverachtende rassistische Ideologie und Ausgrenzung führen kann.
Mehrere Gelsenkirchener Schulen sind an dieser Verlegeaktion beteiligt, und so stehen die Verlegungen unter dem Motto "Menschen - Menschen haben das getan" - nach einem Zitat von Margot Friedländer. Zeugnis abzulegen über das, was Menschen angetan wurde, ist für die Holocaust-Überlebende Pflicht. Bei Ihren Vorträgen vor jüngeren Menschen betont sie: "Ich spreche nicht nur für die sechs Millionen Juden. Ich spreche für alle, die man unschuldig umgebracht hat, politisch Verfolgte, Homosexuelle, kleine Kinder, Roma, Sinti... Menschen haben es getan, die Menschen nicht anerkannt haben als Menschen. Und das ist etwas, was ich euch predige und sage: 'Seid Menschen'. An Schülerinnen und Schüler, denen sie begegnet, richtet sie unter Hinblick auf zunehmenden Antisemitismus, Hass und Menschenfeindlichkeit oftmals die Warnung: "So hat es damals angefangen. Seid vorsichtig!"
Stolperstein in Rotthausen nach Bauarbeiten verschwunden
Pressemitteilung | 27. August 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Bei der Erneuerung des Gehwegpflasters in der Steinfurthstraße wurde der vor Haus Nr. 26 im Gedenken an das NS-Opfer Michael Hojnacki verlegte Stolperstein mit dem Aushub entsorgt. Das teilte uns ein Angehöriger der Familie jetzt mit. Eine vorherige Sicherstellung, Einlagerung und Neuverlegung des Stolpersteins durch die Ausführenden sei augenscheinlich bei dieser Baumaßnahme nicht erfolgt.
Stadtverwaltung Gelsenkirchen reagiert schnell und unbürokratisch
Die Stadtverwaltung bestätigte auf unsere Nachfrage "mit Bedauern die versehentliche Entsorgung des Solpersteins bei Bauarbeiten auf der Steinfurthstraße zusammen mit den Altbaustoffen. Das Referat Verkehr entschuldige sich für das Versehen, selbstverständlich stehe die Stadt Gelsenkirchen für eine Neuverlegung des Stolpersteins zur Verfügung" teilte uns Stadtsprecher Martin Schulmann heute mit. "Somit kann - nicht zuletzt durch das schnelle und professionelle Handeln der Gelsenkirchener Stadtverwaltung - der verloren gegangene Stolperstein ersetzt werden und schon bald wieder vor dem Haus an Michael Hojnacki erinnern" so Andreas Jordan, Projektleiter und Initiator der Gelsenkirchener Stol- persteininitiative, und weiter: "Wir konnten so den neuen Stolperstein bereits bei Bildhauer Gunter Demnig in Auftrag geben".
Schuhmacher Michael Hojnacki senior, geboren 1881 in Trebisheim (Trzebislawki) sorgte mit einem kleinen Geschäft in der Steinfurthstraße 26 in Rotthausen für den Lebensunterhalt seiner Frau Agnes und dem der gemeinsamen sieben Kinder. Wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 stellte sich Michael Hojnacki mit einer Geige auf den Hof des Hauses an der Steinfurthstraße, spielte und sang die polnische Nationalhymne "Noch ist Polen nicht verloren (Mazurek Dabrowskiego)" - seine Form von Protest gegen den deutschen Überfall auf sein geliebtes Heimatland. Hojnacki mag geahnt haben, dass diese Handlung für ihn nicht ohne Folgen bleibt, denn die polnische Minderheit in Deutschland war bereits seit der Machtübergabe im Januar 1933 an die Nazis vielfältigen Diskriminierungen und Schikanen seitens des NS-Terrorregimes und auch durch die deutsche Ausgrenzungsgesellschaft ausgesetzt. Prompt wurde Michael Hojnacki von einem Nachbarn bei den NS-Behörden denunziert, verhaftet und zunächst in das Gefängnis Gelsenkirchen gebracht. Der Name des Denunzianten war bekannt, ihm geschah jedoch nach dem Krieg bis auf eine Tracht Prügel nichts. Vom Gelsenkirchener Gefängnis wurde Michael Hojnacki am 22. November 1939 in das KZ Sachsenhausen verbracht, dann weiter in das KZ Neuengamme verschleppt und am 22. Juni 1940 in das KZ Dachau verlegt. Dort starb Michael Hojnacki am 15. Juli 1940 unter nicht mehr feststellbaren Umständen.(aj)
Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen für Gunter Demnig
Andreas Jordan | 24. August 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Der Schöpfer der "Stolpersteine" für Opfer des Nationalsozialismus Gunter Demnig ist am Freitag Nachmittag mit dem Verdienstorden des Landes NRW geehrt worden.
Die «Stolpersteine» des 71-jährigen Bildhauers Gunter Demnig sind Millionen Menschen in aller Welt ein Begriff. Seinen ersten Stolperstein hat Demnig 1992 vor dem Kölner Rathaus verlegt. Inzwischen erinnern in ganz Europa über 70.000 von Gunter Demnig in den Boden eingelassene Stolpersteine an Opfer des Nationalsozialismus - mehrere Tausend Stolpersteine in ganz Nordrhein-Westfalen. Von uns herzlichen Dank an Gunter Demnig, der unermüdlich europaweit die Erinnerung vor Ort mit seinen Stolpersteinen dezentral sichtbar macht. Sein Wirken ist vorbildlich für uns alle.
Abb.: Ministerpräsident Armin Laschet bei der Verleihung des Landesverdienstordens an Gunter Demnig. Die Verleihung fand am 73. Geburtstag des Landes NRW im festlichen Rahmen auf Schloss Nordkirchen im südlichen Münsterland statt. Foto: Katja Demnig
2. August: Jahrestag der Auflösung des sogenannten „Zigeunerlagers“ in Auschwitz-Birkenau
Andreas Jordan | 17. Juli 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
(Zitat in der Grafik: Primo Levi (1919 - 1987), italienischer Chemiker und Schriftsteller; vor allem bekannt für sein Werk als Zeuge und Überlebender des Holocaust in: I sommersi e i salvati, 1986 (dt. Die Untergegangenen und die Geretteten, übers. v. Moshe Kahn, Hanser, München 1990)
Der 2. August 1944 ging als Datum der Vernichtungsaktion anlässlich der Lagerauflösung des sogenannten „Zigeunerlagers" Auschwitz-Birkenau in die Geschichte ein. In jener Nacht vom 2. auf den 3. August wurden rund 3000 Sinti und Roma in den Gaskammern ermordet. Das Europäische Parlament hat 2015 den 2. August zum europäischen Holocaust-Gedenktag für die Roma und Sinti erklärt. Gleichzeitig verurteilte das Europäische Parlament „bedingungslos und unmissverständlich jede Form von Rassismus und Diskriminierung gegenüber den Roma“.
Die Nationalsozialisten verschleppten von März 1943 bis Juli 1944 23.000 Sinti und Roma aus elf Ländern Europas nach Auschwitz. Nahezu alle fanden dort den Tod. Am 2. August 1944 wurden die im Lagerabschnitt B II e des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau verbliebenen 2.900 Sinti und Roma auf Befehl des Reichssicherheitshauptamtes ermordet. Ein vorangegangener Versuch, 6.000 Sinti und Roma in die Gaskammern zu bringen, scheiterte am 16. Mai 1944 an dem Widerstand der Häftlinge. In den darauf folgenden Wochen wurden 3.000 der an dem Aufstand beteiligten Häftlinge bei Selektionen von den SS-Ärzten als „noch arbeitsfähig“ eingestuft und zur Sklavenarbeit in andere Konzentrationslager im Reichsgebiet verschleppt, nach Buchenwald, Mauthausen, Ravensbrück, Sachsenhausen und Dachau. Zurück in Auschwitz blieben 4.200-4.300 Sinti und Roma, überwiegend Kinder, deren Mütter und alte Menschen. Die SS brachte sie in der Nacht vom 2. auf den 3. August in die Gaskammern und verbrannte die Leichen in einer Grube neben dem Krematorium V.
Ernst Papies war ein Verfolgter, kein Opfer
Andreas Jordan | 27. Juni 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Auf dem Cover der Zeitschrift des Jugendnetzwerks Lambda e.V. ist der Stolperstein abgebildet, der in Gelsenkirchen an den NS-Verfolgten Ernst Papies erinnert.
Im Juni 1969 veränderte sich die Welt für alle Homosexuellen und Transsexuellen. Mit einem Aufstand vor der New Yorker Bar "Stonewall Inn" begann der Kampf für Gleichberechtigung. Gekämpft wurde nicht erst vor dem "Stonewall Inn". Gekämpft hat auch Ernst Papies, dessen Stolperstein ihr auf dem Titel seht. Er wurde von den Nazis wegen des „Schwulenparagrafen“ 175 verhaftet, wurde in die KZ Buchenwald, Mauthausen und Auschwitz deportiert. Nach dem Krieg und seiner Befreiung kämpfte er um Wiedergutmachung – vergeblich. Die junge Bundesrepublik hat Schwule weiter verfolgt und als Opfergruppe nicht anerkannt.
Erst im Jahr 2002 wurden die Urteile der Nazis wegen § 175 für nichtig erklärt und die Verurteilten rehabilitiert. Für Ernst Papies kam die Rehabilitierung zu spät, er starb 1997 in Konstanz im Alter von 88 Jahren.
Rien Ditzel: Mit Fritz Rahkob in der Todeszelle
Andreas Jordan | 13. Juni 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die kommunistischen Widerstandskämpfer Rien Ditzel aus dem niederländischen Deventer und der Gelsenkirchener Fritz Rahkob haben 1944 in Stuttgart gemeinsam mehrere Wochen in einer Todeszelle gesessen.
Fritz Rahkob wurde am 24. August 1944 dort mit dem Fallbeil ermordet, Rien Ditzel gelang bei einem alliierten Luftangriff die Flucht. Ditzels Bericht über seine Zeit mit Fritz Rahkob in der Todeszelle wurde 1947 unter dem Titel 'Todeskandidat' in der Monatsschrift 'Politiek en Cultuur' veröffentlicht, hier als PDF-Datei in deutscher Übersetzung abrufbar. In Gelsenkirchen ist ein Platz nach Fritz Rahkob benannt, an der Schalker Liebfrauenstraße erinnert ein Stolperstein an den mutigen Widerstandskämpfer Fritz Rahkob.
Stolperschwelle für Opfer von Zwangsterilisation und Krankenmord
Andreas Jordan | 5. Juni 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" vom Juli 1933 beschreibt, wem das Recht Kinder zu bekommen, aberkannt werden sollte. Darin genannt wurden "Schwachsinnige", Schizophrene, Depressive, Epileptiker, Menschen mit angeborenen Mißbildungen und auch Menschen mit Einschränkungen wie Blind- oder Taubheit. Die Betroffenen wurden auf Antrag des Gelsenkirchener Gesundheitsamtes zumeist in Gelsenkirchener Krankenhäusern zwangssterilisiert. Auch diese Eingriffe führten vereinzelt zu Todesfällen.
Nur kurze Zeit später wurden dann auch Kinder und Erwachsene im Rahmen der NS-Krankenmorde als "lebensunwert" auf dem Weg zur angestrebten "arischen Herrenrasse" "aussortiert" und zumeist in Tötungsanstalten ermordet. Auch daran war das Gesundheitsamt Gelsenkirchen maßgeblich beteiligt. Die Unterschriften von Gesundheitsamtsleiter Dr. Heinrich Hübner oder der städtischen Medizinalrätin Dr. Maria Goetz kamen zumeist einem Todesurteil für die betroffenen Menschen gleich.
Nach 1945 wurde den von Zwangssterilisation Betroffenen als psychisch kranke, geistig behinderte oder sozial auffällige Menschen sowohl das moralische Recht und als auch die Fähigkeit abgesprochen, das erlittene Unrecht zu thematisieren. In nicht wenigen Institutionen trafen sie nach 1945 wieder auf die gleichen Gutachter, denen sie vor 1945 bereits einmal gegenüber gestanden hatten, andernorts auf die kritiklose Akzeptanz dessen, was die Akten aus der Zeit des NS-Regimes an persönlichen Angaben, "Diagnosen" und Prognosen enthielten.
Die Angehörigen von Opfern der NS-Krankenmorde hingegen glaubten zumeist den erhaltenen Bescheinigungen der NS-Verwaltung mit der Angabe eines natürlichen Todes. Unterstützt wurde das allgemeine Vertrauen in die betreffenden Urkunden. Anderen war es unangenehm, dass ein Mitglied der Familie in psychiatrischer Behandlung war, und sie versuchten, alles zu verdrängen. Die wenigen, die nach Antworten suchten, stießen in der Regel auf Unglauben und waren irgendwann entmutigt.
Schaffung eines Erinnerungsortes im öffentlichen Raum
Diesen Menschen, die auf diesem Weg dem mörderischen NS-Terrorregime zum Opfer gefallen sind, soll in Gelsenkirchen schon bald eine Stolperschwelle an einem der Täterorte in Gelsenkirchen gewidmet werden. Auch sollen dann dort einzelne Stolpersteine für Opfer der NS-Krankenmorde gleichzeitig verlegt werden. Diese Stolperschwelle wird als ein Zeichen gegen das Vergessen verlegt. Und auch, um uns als Stadtgesellschaft immer wieder kritische Fragen an die Gegenwart stellen zu lassen. Es geht nicht darum, von einer moralischen Anhöhe aus Urteile über die Vergangenheit zu fällen, sondern es geht um unser Handeln heute. Nur wenn wir wissen, wie die damalige Situation sich entwickelt hat und wir die Erinnerung bewahren an das, was Menschen anderen Menschen angetan haben, können wir dafür eintreten, dass unser Gegenüber auch dann ein Mensch bleibt, wenn er behindert, psychisch krank oder einfach nur anders ist. Angehörige bzw. Nachfahren von Betroffenen können per Mail Kontakt mit uns aufnehmen: a.jordan(ätt)gelsenzentrum.de
Da die Kosten für eine Stolperschwelle um ein vielfaches höher sind als für einen Stolperstein, bitten wir um Spenden. Bankverbindung: Stolpersteine Gelsenkirchen, IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27, Stichwort "Stolperschwelle". Eine entsprechende Spendenbestätigung zur Vorlage beim Finanzamt kann auf Wunsch von uns ausgestellt werden.
WDR 5 Neugier genügt - das Feature: Stolpersteine vor meinem Haus.
30. Mai 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Vier Steine, vier Namen. Eine Familie. Wie kann man Menschen gedenken, die man nie gekannt hat, an die man aber jeden Tag durch die Stolpersteine vor der Haustür erinnert wird.
Larissa Schmitz macht sich auf die Suche nach der Geschichte ihrer von den Nazis ermordeten Hausbewohner. Dabei lernt sie Kurt Marx kennen. Er wohnte damals im selben Viertel wie die Familie aus Schmitz Haus. Köln hat er mit 13 Jahren verlassen und lebt jetzt in London. Ihre Spurensuche interessiert ihn. An die Kinder aus ihrem Haus kann sich Kurt leider nicht erinnern. Den Todesort der Nachbarn kennt Kurt Marx – sie sind zusammen mit seinen Eltern deportiert worden. Vier Mal hat er den Ort des Massakers besucht.
In Weißrussland wird eine Gedenkstätte gebaut. Kurt lädt Larissa Schmitz ein, zur Eröffnung mitzukommen. Durch die Reise wird vieles real und begreifbar. Das Leid der Hinterbliebenen, das Fehlen der Ermordeten kann und darf nicht ignoriert werden. Autorin: Larissa Schmitz
Anm. AJ: Die Großeltern (mütterlicherseits) von Kurt Marx, Levi und Rosette Herz, geb. Rubens besaßen in Gelsenkirchen ein Kaufhaus an der Bahnhofstraße. Dem Ehepaar Herz sollen in Gelsenkirchen Stolpersteine gewidmet werden.
Das zivilgesellschaftliche Projekt Stolpersteine kann nur durch Unterstützung realisiert werden
Andreas Jordan | 29. Mai 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Jede einzelne Stolpersteinverlegung gestaltet sich anders, ist einzigartig. So wie die Lebens- und Leidenswege der Menschen, an die Gunter Demnigs kleine Denkmale erinnern. Die Stolpersteine halten uns an, sich gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit und Ausgrenzung zu stellen.
Die Projektgruppe "Stolpersteine Gelsenkirchen" bedankt sich auch auf diesem Wege bei all den Menschen, die auf vielfältige Art und Weise die Recherchen, Vorbereitung und Durchführung der diesjährigen Verlegung von Stolpersteinen und der ersten Stolperschwelle in Gelsenkirchen unterstützt, finanziert und damit die Fortführung in unserer Stadt ermöglicht haben. Ohne diese Unterstützung wäre das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen nicht umzusetzen.
Gelsenkirchen: Lebensspuren sichtbar machen - Stolperschwelle und 17 weitere Stolpersteine
Andreas Jordan | 24. Mai 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Aufmerksam verfolgten Schülerinnen und Schüler der Klasse 7.2. der Gesamtschule Berger Feld am Donnerstag die Arbeit von Bildhauer und Spurenleger Gunter Demnig. Dichtgedrängt umringten die jungen Menschen die Verlegestellen im Kreativquartier Ückendorf. Die Jugendlichen haben jüngst die Patenschaft für einen Stolperstein für einen 15jährigen Schüler übernommen, der 1942 im deutschen Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde. Dieser Stolperstein für Walter Hes wird im nächsten Jahr vor dem Grillo-Gymnasium verlegt.
Stolpersteinpatin Uta Meyhöfer ist eigens aus Norddeutschland nach Gelsenkirchen gekommen. Sie hat die mit der Übernahme von Patenschaften die zehn Stolpersteine finanziert, die nun an der Bergmannstraße an die Familien Heymann, Löwenstein und Windmann erinnern. Ihre eigene Familiengeschichte ist eng mit den ehemaligen jüdischen Bewohnern des Hauses verbunden: Ihre Mutter hat als Kind dort gewohnt, in einer der Wohnungen, aus dem zuvor die Juden vertreiben worden sind. Ihr Großvater hatte seinerzeit Möbel der jüdischen Menschen "übernommen", eine Vitrine steht noch heute bei einem Familienmitglied in Norddeutschland.
Stolpersteinpatin Ingrid Remmers (MdB DIE LINKE) ließ es sich nicht nehmen, an der Verlegung "ihrer" Stolpersteine in Erinnerung an Familie Buchthal an der Bochumer Straße teilzunehmen. In ihrem Redebeitrag betonte Remmers, wie wichtig der Einsatz für unsere Demokratie ist: "Auch diese drei Stolpersteine sollen Erinnerung und Mahnung zugleich sein. Lasst uns auch zukünftig Menschen in ihrem Anderssein akzeptieren, lasst uns widerstehen bei
Menschenrechtsverletzungen." Die Bundestagsabgeordnete bedankte sich persönlich bei Bildhauer Demnig für seine ausdauernde und hervorragende Erinnerungsarbeit.
Ihre Fortsetzung fand die Verlegung der kleinen Denkmale an der Hedwigstraße in Resse. Vor dem Emmaus-Hospiz erinnert nun ein Stolperstein an den jüdischen Arzt Dr. Samuel Hocs, der, bevor er von den Nazis vertreiben wurde, als Assistenzarzt am damaligen St. Hedwig-Hospital tätig war. Stolpersteinpatin Astrid Kramwinkel stellte mit bewegenden Worten die Fluchtgeschichte des jüdischen Arztes dar, die 1933 in Nazi-Deutschland ihren Anfang nahm. Sichtlich bewegt lauschten die Teilnehmenden der musikalischen Darstellung dieser Flucht, die junge Flötistin Maria Jarowaja improvisierte auf der Querflöte die Odysee von Dr. Hocs, die schließlich in Südamerika endete.
Die heutigen Bewohner des Hauses, in dem Dr. Caro mit Frau und Sohn vor der Flucht nach Holland lebte und praktizierte, erfuhren bisher ihnen unbekannte Details aus dem Leben der Arztfamilie. Die Caros konnten mit Hilfe der holländischen Widerstandsbewegung versteckt die Befreiung erleben. Dr. Caro kehrte nach Buer zurück und nahm seine Tätigkeit als Arzt in seinem Haus an der Buer-Gladbecker-Straße, das ihm die Nazis zuvor geraubt hatten, wieder auf.
Die Kreispolizeibehörde Gelsenkirchen entsandte eine offiziellle Vertreterin, die an der Verlegung der ersten Stolperschwelle Gelsenkirchens vor dem Polizeipräsidium Buer teilnahm. Der Text auf der Stolperschwelle erinnert an die mehr als 40.000 Menschen aus Ländern West- und Osteuropas, die zwischen 1940-1945 zur Ableistung von Zwangsarbeit nach Gelsenkirchen verschleppt worden sind.
Gleichwohl macht die Stolperschwelle einen der Gelsenkirchener NS-Unrechtsorte sichtbar, denn im Polizeipräsidium befand sich neben dem Dienstsitz der Gestapo und Kripo auch ein Polizeigefängnis, ein dunkler Ort. Waren im Polizeigefängnis in den ersten Jahren nach der Machtübergabe vornehmlich Regimegegner inhaftiert, stieg die Zahl der Gefangenen in den letzten beiden Kriegsjahren um ein Vielfaches an, zumeist waren es nun Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die dort eingesperrt und gequält wurden. Für alle dort inhaftierten waren die Zellen im Polizeigefängnis Buer ein Ort der Ungewissheit und Angst, des Hungers, der Folter und Schmerzen, von dort begann für viele Zwangsarbeitende der Weg in einen gewaltsamen Tod.
Auftakt für den Völkermord an Sinti, Lovara, Jenische und anderen Fahrenden
Andreas Jordan | 16. Mai 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Die Nazis in Köln wollten alle Sinti und Lovara auch aus dem Regierungsbezirk Köln "entfernen", hierzu wurden die Angehörigen der Minderheit bereits ab 1935 in Sammellagern zusammengetrieben. Am 16. Mai 1940 wurden dieses Lager von Polizei, Wehrmacht, SS und lokalen Hilfskräften, darunter auch städtische Mitarbeiter, aufgelöst und alle dort lebenden Menschen in die Messehallen nach Köln-Deutz gebracht.
Unter den Menschen, die im Rahmen der so genannten "Maideportation" im Mai 1940 aus dem Sammellager auf dem Gelände der Kölner Messe nach Polen verschleppt wurden, befanden sich auch die Familien Rosina Lehmann, die Familie Rosenberg, das Paar Malla Müller und Josef Wernicke, die Familien Michael Wernicke und Johann Wernicke. Sie alle haben zuvor längere Zeit in Gelsenkirchen gelebt.
Gunter Demnigs Stolpersteine: Ein Kunstprojekt für Europa
Andreas Jordan | 7. Mai 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Am 23. Mai kommt Spurenleger Gunter Demnig einmal mehr nach Gelsenkirchen. 17 Stolpersteine und eine Stolperschwelle wird der Bildhauer dann für Gelsenkirchen im Gepäck haben. Allein dreizehn der kleinen Denkmale werden an diesem Tag im Gelsenkirchener Kreativquartier Ückendorf in das Gehwegpflaster eingelassen. Ein Stolperstein wird in Resse vor dem damaligen St. Hedwig-Hospital im Gedenken an einen von dort vertriebenen jüdischen Arzt verlegt. Heute befindet sich in den Räumen des ehemaligen Krankenhauses ein Hospiz.
Ein in Gelsenkirchen-Buer praktizierender jüdischer Allgemeinmediziner konnte mit seiner Familie zunächst nach Holland fliehen. Dank Hilfe und Unterstützung aus der dortigen Widerstandsbewegung konnte die Familie in einem Versteck die NS-Zeit überleben.
Nach seiner Befreiung 1945 kehrte dieser Arzt nach Buer zurück und eröffnete seine Praxis an gleicher Stelle wieder. Die Stolperschwelle, die wir vor dem Polizeipräsidium Buer verlegen, erinnert auch an die Zwangsarbeitenden aus vielen Ländern Europas, die in der Gelsenkirchener Kriegswirtschaft unter unmenschlichen Bedingungen ausgebeutet und ihrer Menschlichkeit beraubt worden sind. In diesem Gebäude befanden sich auch Dienststellen von Gestapo und Kripo sowie das Polizeigefängnis Buer - von dort begann für viele zwangsarbeitenden Menschen der Weg in den Tod. Mit dem Einlassen der kleinen Denkmale in das Gehwegpflaster werden Unrechtsorte sichtbar, werden zu Gedenk- und Lernorten. Die Verlegung weiterer Stolpersteine und auch Stolperschwellen in Gelsenkirchen sind bereits in Planung.
Gertrud-Bäumer-Schule: Stolpersteine sollen an vertriebene jüdische Schülerinnen erinnern
Abb.: Die Gertrud-Bäumer-Realschule an der Rotthauser Straße. Sie erhielt 1938 den Namen "Kirdorf-Schule, Städtische Ober- schule für Mädchen", hier fanden nach 1945 unter Britischer Besatzung Entnazifizierungsprozesse statt.
Andreas Jordan | 29. April 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Vor dem Gelsenkirchener Grillo-Gymnasium erinnern bereits erste Stolpersteine an von dort vertriebene jüdische Schüler. Vom damaligen "Lyzeum für Mädchen" (Heute Gertrud-Bäumer-Realschule, GBS) an Rotthauser Straße wurden ab 1933 jüdische Schülerinnen vertrieben. Dort sollen schon bald Stolpersteine an die Schülerinnen erinnern. Drei Namen sind uns bisher bekannt, vor einiger Zeit haben wir die Schulleitung über unser Vorhaben informiert. Wer eine Patenschaft für einen (oder mehrere) Stolperstein übernehmen will, wendet sich an die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen: Email
Die Vertreibung jüdische Schülerinnen und Schüler wurden von Gelsenkirchener Schulen begann bereits kurz nach der Machtübergabe an die Nazis. Mit der "1. Verordnung zum Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen" vom 25. April 1933 begannen die anisemitischen Maßnahmen. Die Verodnung beschränkte die Zahl der Neuaufnahmen jüdischer Schüler an höheren Schulen und Hochschulen auf 1,5 %. Ausgenommen von dieser Regelung waren zunächst noch die Kinder von so genannten "Frontkämpfern" und ausländischen Staatsbürgern. Die NS-Behörden bzw. einzelne Schulleiter halfen der Verdrängung jüdischer Schüler*innen aus den öffentlichen Schulen nach, um ihre Schulen "judenfrei" zu bekommen. Besuchten 1933 noch 75 Prozent der jüdischen Kinder öffentliche Schulen, so waren es Ende 1937 nur noch knapp 40 Prozent.
Ewaldstraße: Hier lebte und arbeitete der Schuhmacher Naphtalie Heß
Abb.: Im Erdgeschoß des Hauses an der Ewaldstraße 42 im Ladenlokal links außen hatte Naphtalie Heß seine Schuhmacherei
Andreas Jordan | 24. März 2019 | Stolpersteine Gelsenkirchen
Ein Brand in diesem Haus in Gelsenkirchen-Resse an der Ewaldstraße 42/Ecke Middelicher Straße sorgte jüngst für Schlagzeilen. Kaum jemand weiß jedoch: Im Erdgeschoß hatte einst der Schuhmacher Naphtalie Heß seinen Betrieb. Auch Naphtalie Heß verlor die Existenzgrundlage der Famile im Zuge der "Arisierung" von Geschäften jüdischer Inhaber. Sein kleines Geschäft wurde von dem ebenfalls in dem Haus wohnenden Schuhmachermeister Hermann Schmies "übernommen". Naphtalie Heß und seine zweite Frau Recha wohnten auch an der Ewaldstraße 42, bis sie von den Nazis gezwungen wurden, in eines der so genannten "Judenhäuser" Gelsenkirchens an der damaligen Theresienstraße (heute Kolpingstraße) zu ziehen. Von dort erfolgte dann 1942 die Deportation in den Tod. Für Familie Heß sollen im nächsten Jahr Stolpersteine verlegt werden.
Stolpersteine auf der Galeriemeile Gelsenkirchen: Diese Steine sprechen mit uns
Abb.: Vor dem Haus Bergmannstraße 43 werden zehn Stolpersteine verlegt, li. die Nr. 41, ab 1939 eines der so genannten Gelsenkirchener "Judenhäuser"
Bildhauer Gunter Demnig wird im Mai allein 13 Stolpersteine im Kreativquartier Ückendorf verlegen, davon zehn vor dem Haus Bergmannstraße 43 für die jüdischen Familien Heymann und Löwenstein. Die Patenschaften für diese zehn Stolpersteine hat Uta Meyerhöfer übernommen und damit die kleinen Mahnmale auch finanziert. Sie hat eine besondere Beziehung zu den Familien: Ihre Mutter hat als Kind in einer der Wohnungen, aus denen die beiden Familien vertrieben wurden, gelebt. "Die Juden seien dann später einfach ausgereist", so habe es ihre Mutter immer erzählt, sagt Uta Meyhöfer. Daran habe sie jedoch nie glauben wollen, unsere Recherchen bestätigten ihren Verdacht.
198 Stolpersteine liegen bereits vor Häusern im Stadtgebiet Gelsenkirchens, in denen Menschen lebten, die der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zum Opfer gefallen sind. Am 23. Mai 2019 kommen insgesamt weitere 17 hinzu, erstmals werden wir gemeinsam mit Gunter Demnig dann auch eine Stolperschwelle in Gelsenkirchen verlegen.
Gelsenkirchen: Stolperstein für Norman Coatner Cowley
Abb.: Vor dem Marienhospital in Buer soll ein Stolperstein an Norman C. Cowley erinnern
Der britische Staatsbürger Norman Coatner Cowley aus Boston (Lincolnshire) an der Ostküste Englands wurde nur 22 Jahre alt. Er starb in Gelsenkirchen an den Folgen brutaler Misshandlungen durch NS-Schergen. Vor dem Eingang des Marienhospitals Buer, im 2. Weltkrieg in Teilen Reservelazarett, soll der Stolperstein für Norman C. Cowley ins Gehwegpflaster eingelassen werden.
Über Gelsenkirchen wird Cowleys viermotoriger Bomber vom Typ Lancaster im Februar 1945 abgeschossen, er kann sich mit dem Fallschirm retten. Cowley geht in Buer-Resse nieder, wird gefangen genommen und zum Wehrmeldeamt Buer-Resse gebracht. Von dort soll er zum Fliegerhorst Buer gebracht werden, "zu Fuß, damit er dort nicht lebend ankommt" lautet der Befehl. Der junge Engländer, es soll sich dabei um den Piloten gehandelt haben, wird auch auf dem Weg zum Flugplatz massiv geschlagen, ein NSKK-Mann namens Engel versucht ihn in einem Bombenkrater zu ertränken, NSKK-Scharführer Gustav Adler will den Engländer mit einem Motorrad überfahren. Der schwerstverletzte Engländer soll schließlich in das Reservelazarett Buer gebracht worden sein, wo er schließlich stirbt.
Fischhandlung Isacson: Alte Fotos gesucht
Fish wholesale Isacson: looking for old pictures
Abb.: Aus diesem Bereich werden Fotos/Ansichtskarten vor 1945 gesucht. (Zum Vergrößern anklicken)
Die Projektgruppe Stolpersteine sucht historische Ansichtskarten, Fotos und Dokumente mit Bezug/Blickrichtung zum Fisch-Fachgeschäft Isidor Isacson in Gelsenkirchen. Das Geschäft befand sich vor 1933 im Erdgeschoß des damaligen Gebäudes Ringstraße 4 im Bereich zwischen Einmündung Waldstrasse (heute: Im Kerkenbusch) und Bahnhofsunterführung. Auch Scans oder Kopien sind willkommen, übersandte Orginale werden von uns gescannt und zurückgesendet. Nach der so genannter "Arisierung" im Jahr 1933 firmierte das Geschäft als "Fischhage Gmbh". Mail: info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de , oder: Gelsenzentrum e.V., 45899 Gelsenkirchen, Devensstrasse 111
Fig. above: We are looking for pictures/postcards taken before 1945 showing street sceneries of this area (please click for magnification)
The project group „Stolpersteine“ (memorial stones for persecuted persons) is searching for historical postcards/pictures and documents in connection with the fish store of Isidor Isacson in Gelsenkirchen, possibly showing the front of the shop and its surrounding. Before 1933 the shop was located in the ground floor of the building in Ringstrasse 4, exactly between the junction of Waldstrasse (today: Im Kerkenbusch) and the railway underbridge of Gelsenkirchen Main Station. Scans or copies are welcome, original documents will be scanned by us and returned to sender.
After the so-called „Arisierung“ (aryanization / transfer of jewish property into „Aryan“ hands) in 1933 the company signed with the firm name „Fischhage GmbH“. Emails to info@stolpersteine-gelsenkirchen.de and/or letters to Gelsenzentrum e.V., Devensstrasse 111, D-45899 Gelsenkirchen are welcome and will be answered by return.
Die Bilder im Inneren wollten nie verblassen
Abb.: Max Schloss. Widmung auf der Foto-Rückseite: "Meinem lieben Hermann Neudorf, z.Zt. Essen. Juni 1946, Max Schloss
Max Schloss wurde 1889 in Ulrichstein in Hessen geboren, er wohnte mit seiner Frau Julia und den drei Kindern Ludwig, Hildgard und Susanne an der Markenstrasse 28 in Gelsenkirchen-Horst, dort betrieb er auch sein Ladengeschäft. Im Januar 1942 wurde Max Schloss zusammen mit seiner Frau Julia und dem gemeinsamen Sohn Ludwig Richard, genannt "Lutz", geboren 1921 in Gelsenkirchen (Horst-Emscher) aus seiner Heimatstadt in das Ghetto Riga deportiert.
Nach Auflösung des Ghettos wurde die Familie 1943 in das KZ Kaiserwald in Riga 'überstellt'. Von dort wurde Familie Schloss Anfang August 1944 in das KZ Stutthof bei Danzig transportiert. Als die Front näher rückte, wurde Julia Schloss in das Lager Bruss-Sophienwalde, ein Außenlager des KZ Stutthof, verschleppt. Kurz nach ihrer Befreiung durch die Rote Armee aus diesem Außenlager im März 1945 starb Julia Schloss im April in Godendorf/Pommern an den Folgen der erlittenen KZ-Haft. Max Schloss und sein Sohn Ludwig wurden von Stutthof weiter in das KZ Buchenwald verschleppt. Ihre Namen finden sich auf einer Liste der "Neuzugänge vom KL Stutthof vom 16. August 1944" des KZ Buchenwald. Von dort wurden sie weiter zum "Arbeitseinsatz" in ein Außenlager des KZ Buchenwald in Bochum (Bochumer Verein, Lager an der Brüllstr.) transportiert. Von dort gelang Vater und Sohn kurz vor Kriegsende am 16. März 1945 mit Hilfe des deutschen Vorarbeiters Heinrich Hoppe die Flucht. Max Schloss emigrierte 1947 in die USA.
Fünf Monate nach seiner Flucht aus dem Bochumer Lager schrieb Max Schloss im August 1945 einen Brief, gerichtet an den Vorstand des Bochumer Vereins. Dieser Brief von ist ein bewegendes Zeugnis der Erfahrungsgeschichte eines Menschen, den die entwürdigenden, erniedrigenden Umstände der Lagerhaft, der chronische Wasser- und Nahrungsmangel sowie die ständige Todesangst physisch und auch psychisch zerstört haben. Auf Antwort aus Bochum wartete er vergeblich. Die in der Lagerhaft erlittenen Qualen und deren Folgen für Körper und Geist haben ihn nicht wieder losgelassen, Max Schloss starb am 2. Januar 1955, einige Tage nach seinem 65. Geburtstag in den USA.
Bochum hat im September 2018 erstmals eine Stolperschwelle bekommen. Am Kreisverkehr Kohlenstraße / Obere Stahlindustrie hat Bildhauer Gunter Demnig die Gedenkschwelle in den Gehweg eingelassen. Sie trägt den Schriftzug: „Juni 1944 – März 1945: Bis zu 200 Häftlinge mussten hier im Außenlager des KZ Buchenwald Zwangsarbeit leisten. Sie arbeiteten in der Rüstungsproduktion des Bochumer Vereins. Durch unmenschliche Arbeits- und Lebensbedingungen, Misshandlungen und Bombenangriffe fanden viele den Tod“. Einer der Häftlinge im KZ-Außenlager Bochum war Max Schloss.
Eine Kopie des Briefes von Max Schloss zum Download im PDF-Format steht HIER bereit.
76. Jahrestag: Deportation der Gelsenkirchener Sinti nach Auschwitz-Birkenau
Abb: Deportation von Sinti in Asperg, Mai 1940
Am 9. März 1943 wurden die noch in Gelsenkirchen in einem Internierungslager an der damaligen Reginenstraße (Bulmke-Hüllen) lebenden deutschen Sinti und Lovara zusammengetrieben, festgenommen und in das so genannte "Zigeunerlager" Auschwitz-Birkenau deportiert. In den so genannten "Hauptbüchern" des "Zigeunerlagers" ist die Ankunft der aus Gelsenkirchen verschleppten Menschen am 13. März 1943 festgehalten. Die Lebenswege von 164 Kindern, Frauen und Männern endeten mit der Ermordung in Auschwitz-Birkenau und 48 mit unbekanntem Schicksal im Lagerkomplex Auschwitz. Bei 31 als „Zigeuner“ verfolgten Menschen mit Lebensmittelpunkt in Gelsenkirchen konnte eine Deportation nach Polen im Mai 1940 nachgewiesen werden, fünf weitere Menschen, ebenfalls Angehörige der Minderheit, wurden in anderen Lagern des so genannten "Dritten Reiches" ermordet. → Gedenkseite
Stolperstein-Verlegung 2019: Die Steine sprechen mit uns
Abb: Artwork "Separation" by Tomasz Alen Kopera
Zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus wurden vor deren früheren Wohnhäusern bislang 198 sogenannte Stolpersteine in ganz Gelsenkirchen verlegt. Am 23. Mai kommen insgesamt 17 weitere und eine Stolperschwelle hinzu. Bildhauer und Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig wird an fünf Stellen im Stadtgebiet tätig, gemeinsam mit unserer Initiative, Paten und Anwohnern.
Verlegt werden an diesem Tag zehn Stolpersteine an der Bergmannstr. 41 (Familien Heymann und Löwenstein), drei an der Bochumer Str. 92 (Familie Buchthal), einer an der Hedwigstr. 1 (Dr. Samuel Hocs), drei an der Buer-Gladbecker-Str. 12 (Familie Caro) und eine Stolperschwelle (NS-Unrechtsort Polizeigefängnis/Zwangsarbeitende) an der Ecke Kurt-Schumacher-Str./Hölscherstr..
Wir bitten Bürgerinnen und Bürger, die an den Verlegungen teilnehmen wollen, die Uhrzeiten bei uns zu erfragen. Mail: info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de
Holocaust-Gedenktag 2019: Erinnerung an Opfer von Mord, Verfolgung und Zwangsarbeit
Abb: Am 27. Januar 2019, dem Internationalen Holocaust-Gedenktag, wurden in Gelsenkirchen u.a. Stolpersteine auf Hochglanz poliert. Im Stadtteil Schalke übernahmen das die Schalker Fan-Initiative e.V. und der FC Schalke 04 Supporters Club e.V..
Vielfältig waren die Veranstaltungen zum Internationalen Holocaust-Gedenktag auch in Gelsenkirchen. Akteure des "Aktionsbündnis 16.09" polierten Stolpersteine in der City, unsere Projektgruppe Stolpersteine brachten die in Horst und Heßler verlegten Stolpersteine auf Hochglanz. Es gab einen antifaschistischen Stadtrundgang, eine Putzaktion, bei der Nazisticker, Schmierereien und andere unsägliche Propagandamittel von Rechts entfernt wurden, eine Ausstellung "Keine Alternative", die sich kritisch mit der in weiten Teilen rechtsextremen AfD auseinandersetz, "Stolperstein-Geschichten" in Anlehnung an unser Buchprojekt wurden an zwei Verlegeorten (Familie Kramer, Familie Nussbaum) vorgetragen, eine den Tag abschließende Gedenkverantstaltung fand in der Gelsenkirchener Synagoge statt.
Der 27. Januar ist der Internationale Holocaust-Gedenktag. An dem Tag wird der ermordeten europäischen Juden gedacht, der Sinti und Roma, der Zwangsarbeiter und der vielen anderen Opfer des Nationalsozialismus. Am 27. Januar 1945 hatten sowjetische Soldaten die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz befreit. Der Lagerkomplex Auschwitz steht symbolhaft für die NS-Verbrechen.
Porajmos: Der (fast) vergessene Holocaust an Sinti und Roma
Abb: Der Appolonia-Pfaus-Park erinnert in Bochum an die in Auschwitz-Birkenau ermordete Sintezza Appolonia Pfaus, stellvertretend für die ermordeten Bochumer Sinti und Roma. (Foto: Jürgen Wenke)
Das Romanes-Wort Porajmos (deutsch: "das Verschlingen") bezeichnet den Völkermord an den europäischen Roma in der Zeit des Nationalsozialismus. Der Völkermord an Sinti und Roma wurde von den Nationalsozialisten "aus dem gleichen Motiv des Rassenwahns, mit dem gleichen Vorsatz und dem gleichen Willen zur planmäßigen und endgültigen Vernichtung" durchgeführt wie der an Juden. Der Völkermord an Sinti und Roma wurde jahrzehntelang aus dem historischen Gedächtnis und der öffentlichen Erinnerung verdrängt. Dass sich die Erinnerung an den Porajmos heute grundlegend geändert hat, ist vor allem auf die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma zurückzuführen. Es ist mehr als bedauerlich, dass in Gelsenkirchen bis heute kein dauerhaftes, öffentliches Zeichen des Gedenkens realisiert wurde. Entsprechend Anläufe seit Mitte der 1990er Jahre wurden von Politik und Stadtverwaltung wiederholt mit unterschiedlichsten Begründungen abgelehnt.
Wo bleibt der Rosa-Böhmer-Platz?
Die Lokalpolitik hatte schon vor geraumer Zeit vor dem Hintergrund unserer Anregung das Institut für Stadtgeschichte mit der Suche nach einem geeigneten Platz beauftragt. Laut Prof. Dr. Stefan Goch, ehemaliger Leiter des ISG, scheint dieser Platz gefunden, so soll im Zuge der noch nicht abgeschlossenen Neu- bzw. Umgestaltung der Ebertstraße und den damit verbundenen innerstädtischen Plätzen - die bereits an NS-Verfolgte erinnern - vor dem ehemaligen Versorgungsamt ein Rosa-Böhmer-Platz geschaffen werden. "Das Verfolgungsschicksal des Sinti-Mädchens Rosa Böhmer" soll, wie schon lange von uns gefordert, stellvertretend an die aus Gelsenkirchen verschleppten und in Auschwitz-Birkenau ermordeten Sinti und Roma erinnern - Mitten im Herzen der Stadt." sagt Andreas Jordan, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum, "Bleibt zu hoffen, das unsere jahrelangen Bemühungen zur Schaffung eines Gedenkortes für die Gelsenkirchener Sinti und Roma tatsächlich schon bald zielführend waren."
Aktionstag in Gelsenkirchen: Stolpersteine polieren gegen das Vergessen
Abb: Auf Hochglanz polierte Stolpersteine in Gelsenkirchen-Buer
Auch in diesem Jahr setzen wir in Gelsenkirchen die Pflege der Stolpersteine fort. Anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages am 27. Januar rufen wir dazu auf, an diesem Tag alle bisher in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine zu polieren.
Unsere Aktion ist ein wichtiges Symbol zum Gedenken an Opfer des deutschen Faschismus 1933-1945. Bürgerinnen und Bürger sind aufgerufen, alleine oder in Gruppen, einen oder mehrere Stolpersteine wieder zum Glänzen zu bringen. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Rassismus in all seinen Auswüchsen, Nationalismus und Antisemitismus immer stärker werden, ist es wichtig, auch mit Aktionen wie dieser die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Stolpersteine auf Hochglanz bringen
Übersicht bisher verlegter Stolpersteine in Gelsenkirchen
Hinweise zum reinigen und polieren der Stolpersteine
Macht am 27. Januar Fotos von eurer persönlichen Stolperstein-Polier-Aktion gegen das Vergessen, schreibt ggf. einen kurzen Kommentar dazu und ladet eure Fotos auf unserer Seite @hierwohnte bei Facebook hoch. Oder schickt eure Fotos an: info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de. Gemeinsam Zeichen setzen! Unaghängig von unserer Stolperstein-Polier-Aktion finden an diesem Tag weitere Veranstaltungen gegen das Vergessen in Gelsenkirchen statt.
Ein doppelter Gedenktag in Gelsenkirchen: 27. Januar
Abb.: Das Ghetto Riga (Lettland)
Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz von der 322. Infanteriedivison der 60. Armee der 1. Ukrainischen Front unter dem Oberbefehl von Generaloberst Pawel Alexejewitsch Kurotschkin befreit. Bis zu diesem Zeitpunkt ermordeten die deutschen Faschisten und ihre Helfer*innen allein im Lagerkomplex Auschwitz über anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder. Auschwitz ist das Synonym für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und anderen Verfolgten.
Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar ist in Deutschland seit 1996 ein bundesweiter, gesetzlich verankerter Gedenktag. Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust und des Porajmos wurde der 27. Januar von den Vereinten Nationen im Jahr 2005 erklärt.
In Gelsenkirchen ist der 27. Januar ein doppelter Gedenktag: Am 27. Januar 1942 – drei Jahre vor der Befreiung des KZ Auschwitz – fand hier die erste und größte Deportation von jüdischen Mitbürgern und Mitbürgerinnen aus Gelsenkirchen statt. 359 jüdische Gelsenkirchener sowie weitere jüdische Menschen aus dem Großraum Recklinghausen wurden zunächst auf dem Gelsenkirchener Wildenbruchplatz in der dortigen Ausstellungshalle (die temporär als "Judensammellager" diente) eingepfercht. Von dort mussten die Menschen einige Tage später zum Güterbahnhof laufen und wurden mit der Reichsbahn zunächst in das Ghetto Riga deportiert, den darauf folgenden Leidensweg durch verschiedene Konzentrationslager überlebten nur einige Wenige.
"Riga war unser Auschwitz" - Dieser Ausspruch des Holocaust-Überlebenden Rolf Abrahamsohn aus Marl bezieht sich auf die Deportation jüdischer Menschen am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen und Westfalen nach Riga. Neben anderen überlebenden Augenzeugen hat auch der Gelsenkirchener Hermann Voosen einen Bericht seiner Erlebnisse niedergeschrieben: Drei Briefe von Deportierten
An diesem Tag, dem 27. Januar 2019 wird es unabhängig von verschiedenen Veranstaltungen anderer Akteure auch eine stadtweite Stolperstein-Putzaktion in Gelsenkirchen geben, um so die Erinnerung an Opfer des verbrecherischen NS-Regimes zu wahren.
Abschied vom Bergbau: Errichtung eines Denkmals für NS-Zwangsarbeitende gefordert
Zwangsarbeiter und Gefangene sicherten in den Kriegsjahren die Förderung auch auf den Gelsenkirchener Zechen. Die Geschundenen lebten unter unmenschlichen Bedingungen, ihre Arbeitskraft wurde ausgebeutet bis zuletzt. Viele starben, viele wurden gestorben. Auch das dun- kle Kapitel Zwangsarbeit gehört zur Geschichte des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet und hätte im Jahr des Abschieds vom Bergbau einen angemessenen Platz in den Veranstaltungen und Publikationen verdient. Dem war jdoch nicht so.
Kein Vergessen, sondern Erinnern
Unter dem Dach des Gelsenzentrum e.V. hat jüngst eine weitere Projektgruppe ihre Arbeit aufgenommen. Die Projektgruppe will NS-Zwangsarbeit in Gelsenkirchen digital dokumentieren, die Lebenswege von Opfer würdigen und die Erinnerung an Zwangsarbeitende in der stadtgesellschaftlichen Bewusstsein verankern. Damit soll die gesamte Geschichte eines lange verdrängten Verbrechens im lokalhistorischen Kontext abgebildet werden. Die Projektgruppe will sich auch für die Errichtung eines öffentlichen Erinnerungsortes an exponierter Stelle einsetzen, damit soll den Menschen symbolisch ein Teil ihrer Würde zurückgegeben werden.
76. Jahrestag Auschwitz-Erlass: "Vernichtung aller Sinti und Roma ohne jede Ausnahme"
Abb.: Himmlers so genannter "Auschwitz-Erlass" selbst ist nicht überliefert. Er wird jedoch im nebenstehenden "Schnellbrief" des Reichskriminalpolizeiamts (RKPA) vom 29. Januar 1943 als Bezug zitiert.
Seit 1994 wird am 16. Dezember der verfolgten und ermordeten Sinti und Roma gedacht. Der so genannte "Auschwitz-Erlass" leitete vor 76 Jahren den Völkermord an Sinti und Roma ein.
Sie kamen in Gaskammern ums Leben, verhungerten oder starben an Seuchen. Während der NS-Gewaltherrschaft wurden in Europa bis zu 500.000 Roma und Sinti ermordet. Am 16. Dezember 1942 besiegelte das NS-Regime den Völkermord formell: Im nicht erhalten gebliebenen "Auschwitz-Erlass" ordnete SS-Führer Heinrich Himmler die Deportation aller noch im "Reich" lebenden Sinti und Roma an. Der Erlass selbst ist nicht überliefert, er wird jedoch in den ihm folgenden Ausführungsbestimmungen ("Schnellbrief") des Reichskriminalpolizeiamts (RKPA) vom 29. Januar 1943 als Bezug zitiert:
„Auf Befehl des Reichsführers SS vom 16.12.42 – Tgb. Nr. I 2652/42 Ad./RF/V. – sind Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft nach bestimmten Richtlinien auszuwählen und in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen. Dieser Personenkreis wird im nachstehenden kurz als 'zigeunerische Personen' bezeichnet. Die Einweisung erfolgt ohne Rücksicht auf den Mischlingsgrad familienweise in das Konzentrationslager Auschwitz.“ (Auszug aus dem "Schnellbrief" vom 29. Januar 1943).
Himmlers "Auschwitz-Erlass" war der grausame Tiefpunkt einer über Jahre andauernden Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung. Schon Ende der 30er Jahre waren Sinti und Roma in Lagern interniert, ab 1940 in Konzentrationslager und Zwangsarbeiterlager deportiert worden. Zehntausende Roma wurden in den besetzten Gebieten in Polen, der Sowjetunion und in Südosteuropa systematisch ermordet. Bereits die "Nürnberger Rassegesetze" von 1935 stuften die Sinti und Roma zu Bürgern mit eingeschränkten Rechten herab.
Im November 1936 entstand im Reichsgesundheitsamt in Berlin ein sogenanntes "Rassenhygieneinstitut" unter der Leitung des Tübinger Kinder- und Nervenarztes Robert Ritter. Diese Behörde leistete die Vorarbeit zur Massentötung der Sinti und Roma. Die Mitarbeiter erstellten rund 24.000 "Rassengutachten" - Dossiers, die fast immer einem Todesurteil gleichkamen, denn auf ihrer Grundlage erfolgte die Deportation in die Konzentrationslager. Für Ritter waren "weit mehr als 90 Prozent aller als "Zigeuner" geltenden Menschen im NS-Jargon "Mischlinge", die ihre Partner unter Menschen "minderwertiger Herkunft" gefunden hätten".
Pogromwoche November 1938: Antijüdischer Terror
Abb.: Ein Stapel hebräischer Gebetbücher und anderer jüdischer religiöser Texte, die in der Synagoge in Bobenhausen (Vogelsbergkreis) während der Pogromwoche im November 1938 durch Feuer beschädigt wurden. Foto: USHMM, Photograph Number: N00445
Einige Tage nach der Ausweisung seiner Eltern im Rahmen der so genannten "Polenaktion" erschoß der erst 17jährige polnische Jude Herschel Feibel Grynszpan aus Verzweiflung darüber am 7. November 1938 einen Nazi-Diplomaten der deutschen Botschaft in Paris. Diese Tat nahmen die deutschen Faschisten bekanntermaßen zum Anlass, um die Pogrome 7. bis 16. November 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu initiieren.
Vor achtzig Jahren sind in fast allen deutschen Städten Synagogen und jüdische Einrichtungen durch Inbrandsetzungen in Flammen aufgegangen. In arbeitsteiliger Zusammenarbeit zwischen Ordnungs-, Sicherheits- und Kriminalpolizei, SS, Organisationen der NSDAP sowie der Feuerwehr wurde ein „kontrolliertes“ Abbrennen der Synagogen sichergestellt und gewährleistet, dass die Flammen nicht auf „arisches“ Eigentum übergriffen. Hinzu kommen unzählige verwüstete Wohnungen jüdischer Mitbürger, zerstörte Altersheime und Friedhöfe. Nach bisherigen Schätzungen wurden durch die Pogromwoche zwischen 400 und 1.300 jüdische Menschen getötet oder in den Suizid getrieben.
Wer bisher geglaubt hat, das Pogrom habe erst in den späten Abendstunden des 9. November 1938 begonnen, hat Grund zur Änderung dieser Auffassung. Erste gegen jüdische Deutsche gerichtete Ausschreitungen gab es bereits am Abend des 7. November mit Bekanntwerden des Attentats von Paris beispielsweise in Kassel. Am 8. November wurde die Synagogen in Bad Hersfeld und Gelsenkirchen (Altstadt) in Brand gesetzt, am Abend des 8. November starb das erste jüdische Pogromopfer: In Felsberg südlich von Kassel starb Robert Weinstein an den Folgen der Misshandlung. Auch ließen sich die einmal entfesselte Gewalt und der landesweit agierende Mob nur mit Mühe wieder bändigen: Trotz des offiziellen Stopps, der am Nachmittag des 10. November per Rundfunkappellen verbreitet und am 11. November in Zeitungen erneut veröffentlicht wurde, gingen die Angriffe, Plünderungen und Verhaftungen teilweise noch tagelang weiter. Keine Frage, für die meisten Juden war der Einbruch der brachialen Gewalt kurz vor Mitternacht des 9., meist aber erst im Laufe des 10. November, die zentrale Erfahrung.
Doch von einer Pogromnacht zu sprechen, ist eine offenkundige Bagatellisierung der tatsächlichen Entwicklung – hätte es nur die Nacht vom 9. auf den 10. November gegeben, hätten viele Juden jedenfalls diese Tage und Wochen überlebt. Deshalb sollte diese Bezeichnung, die das ganze Pogrom von seinen Anfängen am 7. November bis zu seinen Ausläufern um den 16. November (Ende der Verhaftungswelle) narrativ-dramaturgisch wirksam auf eine Nacht gleichsam miniaturisiert, tunlichst ins gut gefüllte, aber leider noch nicht geschriebene "Wörterbuch der Verharmlosung des Nationalsozialismus" einsortiert werden. Die Pogromwoche war ein öffentliches Verbrechen, in juristischen Begriffen ausgedrückt: Mord und Totschlag, Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Diebstahl, Erpressung und Nötigung, Sachbeschädigung, Vergewaltigung. Noch nicht geplanter Völkermord, aber weit mehr als bloß lokaler Pogrom, war es eine staatlich inszenierte, reichsweite, bis dato singuläre Gewalt- und Terrorwelle, der über tausend Menschen zum Opfer fielen und in der ein Großteil der soziokulturellen Infrastruktur jüdischen Lebens zerstört wurde.
Bezüglich der Inbrandsetzung der Gelsenkirchener Synagoge in der Altstadt gab es nach 1945 ein Strafverfahren gegen den mutmaßlichen Brandstifter der hiesigen Synagoge in der Altstadt, Werner Montel. Das Jüdische Hilfskomitee Gelsenkirchen hatte mit Datum 3. Oktober 1946 die Staatsanwaltschaft Essen schriftlich um die Einleitung eines Verfahrens " (...) wegen der in der Nacht vom 8. zum 9. November 1938 erfolgten Niederbrennung der Synagoge in Gelsenkirchen, Neustrasse." gebeten. Liest man sich die Strafprozeßakte durch, lässt sich feststellen, dass auch in den Zeugenaussagen durchweg von einer Inbrandsetzung der Gelsenkirchener Synagoge gegen 22.30 Uhr am 8. November 1938 gesprochen wird, ebenso in der Anklageschrift und im Urteil. Auch in so genannten "Wiedergutmachungsakten" findet sich dieses Datum. Es darf folglich davon ausgegangen werden, das auch in Gelsenkirchen bereits am Abend des 8. November in vorauseilendem Gehorsam die Synagoge in der Altstadt in Brand gesetzt worden ist.
Fotoalbum: Pogromwoche im November 1938
Diese Fotos dokumentieren Zerstörung und Gewalt, gerichtet gegen Leib und Leben jüdischer Menschen in der Pogromwoche im November 1938 in Fürth. In einzeln Sequenzen auch ist die Inbrandsetzung der Fürther Synagoge festgehalten, andere Aufnahmen zeigen misshandelte und verletzte Menschen, die ihren Peinigern völlig schutzlos ausgeliefert sind. Die bisher unveröffentlichen Fotografien zeigen exemplarisch mit großer Eindringlichkeit, mit welcher menschenverachtender Bestialität die Nazi-Schergen ihre Schandtaten begehen. Schockierend, das so oft Gehörte und Gelesene auf diesen Fotos zu sehen: → Fotoalbum
Gelsenkirchen: Stolperstein soll an jüdischen Arzt erinnern
Abb.: Reisebescheinigung (Brasilien) für Dr. Samuel Hocs, ausgestellt von der UNO. (Foto: Akten des UNHCR Hongkong, Teil- bestand 3.2.3.2 /81581423, ITS Digital Archive, Bad Arolsen)
Geboren 1905 in Riga, Lettland führte Samuel Hocs Lebensweg zum Medizinstudium nach Basel. Seine erste Anstellung fand er im Hedwig-Krankenhaus in Gelsenkirchen-Resse. Von den deutschen Faschisten rassistisch verfolgt, floh Dr. Hocs 1933 nach Italien, von dort 1939 weiter nach Shanghai. 1943 internierte die japanische Besatzungsmacht Samuel Hocs im Shanghaier Ghetto Hongkew.
Im August 1945 befreit, führte sein Lebensweg 1957 weiter über Hongkong, Singapur und Südafrika nach Sao Paulo, Brasilien, wo er seinen Lebensabend verbrachte. Nach derzeitigem Planungsstand wird im Mai 2019 ein Stolperstein für Samuel Hocs in Gelsenkirchen-Resse verlegt. Initiiert wurden unsere Recherchen nach den Lebens- und Leidenswegen von Astrid Kramwinkel, die auch die Patenschaft für den Stolperstein übernimmt.
80 Jahre nach der so genannten „Polenaktion“ - ein fast vergessener Jahrestag
Zwischen dem 28. und 29. Oktober 1938 wurden mehr als 17.000 Jüdinnen und Juden polnischer Staatsangehörigkeit aus dem
faschistischen Deutschland abgeschoben. Sie wurden an die polnische Grenze verschleppt und mussten dort zunächst monatelang unter katastrophalen Umständen in Flüchtlingslagern ausharren. Es war die erste von den faschistischen Reichsbehörden koordinierte Aktion, durch die Jüdinnen und Juden abgeschoben wurden. Unter den verschleppten Menschen befanden sich auch rund 80 Personen aus Gelsenkirchen.
Einigen wenigen wurde zunächst die Rückreise ins Reichsgebiet gestattet, um hier an der eigenen Enteignung mitzuwirken. Anderen gelang die rettende Flucht ins Ausland oder sie durften zu Verwandten ins Landesinnere Polens weiterreisen. Nach dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht gerieten sie hier in die Fänge der Besatzer. Viele von ihnen wurden in der Folgezeit in den Ghettos und Lagern ermordet. Die "Polenaktion" war die erste große und systematisch angelegte Massendeportation, sie kann daher auch als "Auftakt zur Vernichtung" angesehen werden.
Sammelgrab Schalke-Nord: Sie haben die Heimat nie wieder gesehen
In der unmittelbaren Nähe der "Glückauf-Kampfbahn" befand sich viele Jahre ein Massengrab, in dem 56 italienische Zwangsarbeiter verscharrt wurden. In den Kriegsgräberlisten ist für diese Menschen, die vermutlich im Zwangsarbeiter-Lager Hubertusstraße eingesperrt waren, der gleiche Todestag angegeben: der 4. November 1944. Laut der Antwort des Instituts für Stadtgeschichte Gelsenkirchen (ISG) wurden die sterblichen Überreste der Italiener aus dem Lager Hubertusstraße, die vermutlich bei einem Bombenangriff ums Leben kamen, 1958 exhumiert und auf die italienische Kriegsgräberstätte Hamburg-Öjendorf umgebettet. In den Kriegsgräberlisten der Stadt Gelsenkirchen sind ihre Namen festgehalten, durch einen weiteren Hinweis von Daniel Schmidt (ISG) konnten in der Stadtchronik GE für das Jahr 1944 auch die Namen von weiteren 21 italienischen Zwangsarbeitern festgestellt werden, die am 4. November 1944 im Lager Küppersbuschstraße 18 ebenfalls durch Bombeneinwirkung starben. Mehr als 73 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges gilt es, auch in Gelsenkirchen die hier zwangsarbeitenden Kriegsgefangenen und zivilen Zwangsarbeiter vor dem völligen Vergessen zu bewahren.
Der Eckhaus-Verlag hat jüngst seine Projektseite "Stolperstein-Geschichten" online gestellt. Auf der informativen Internetpräsenz heißt es u.a.: "Nachdem das Buch „Stolperstein-Geschichten Weimar“ im Herbst 2016 fertiggestellt war, begann gleich die Arbeit an den „Stolperstein-Geschichten Aurich“. Dieses Buch wurde im September 2018 der Öffentlichkeit präsentiert. Weitere Städte - darunter auch Gelsenkirchen - werden folgen, und hierfür brauchen wir weiterhin Ihre Unterstützung."
Die Stolpersteine erinnern an die Lebens- und Leidenswege von NS-Verfolg- ten Bürgerinnen und Bürger, die zwischen 1933-1945 in Gelsenkirchen gewohnt, bzw. hier ihren Lebensmittelpunkt hatten. Nur wenige von ihnen haben Verfolgung, Arbeits- und Konzentrationslager überlebt. 198 Stolpersteine haben wir gemeinsam mit Bildhauer Gunter Demnig in Gelsenkirchen bereits verlegt, im Frühsommer nächsten Jahres folgen weitere der kleinen Denkmale.
Ulrich Völkel, Eckhaus Verlag (Hrsg.): "Helfen Sie mit, diese Buchreihe zu verwirklichen. Über 25 deutsche Städte haben bereits Interesse bekundet, sich mit Lebensgeschichten zu den Stolpersteinen ihrer Stadt in unsere Buchreihe einzubringen. Der Eckhaus Verlag sieht sich also einer großen Aufgabe für die kommenden Jahre gegenüber. Unser Engagement bei der Herstellung der Bücher ist dabei ehrenamtlich. Deshalb sind wir jederzeit dankbar für Sponsoren, die sich mit der Finanzierung eines Klassensatzes für die Schüler ihrer oder einer anderen Stadt engagieren. Auch einzelne Bücherspenden sind willkommen, diese fassen wir jeweils zu Sammel-Klassensätzen zusammen."
Zur Finanzierung des Buchprojektes "Stolperstein Geschichten Gelsenkirchen" ruft die Initiative "Stolpersteine Gelsenkirchen" zu Spenden auf. Auf Wunsch kann eine Spendenbescheinigung ausgestellt werden. Die Bankverbindung lautet: Stolpersteine Gelsenkirchen, IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27. Verwendungszweck: "Buchprojekt"
Sammelgrab in Schalke-Nord
Bei Recherchen zu Opfern der Zwangsarbeit 1940-1945 in Gelsenkirchen stieß Lokalhistoriker Andreas Jordan (Gelsenzentrum,
Stolpersteine Gelsenkirchen) im Online-Archiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) auf einen Lageplan aus der direkten Nachkriegszeit. Darin verzeichnet: ein Sammelgrab für "56 Italiener" im Bereich der Hubertusstraße in Schalke-Nord.
Welches Ereignis dem Tod der in dem Sammelgrab verscharrten Toten vorausgegangen ist, direkte Kriegseinwirkung, ein
Unglück oder ein Gewaltereignis, liegt derzeit noch im Dunkeln. Ebenso ist bisher nicht bekannt, ob es nach dem Krieg Umbettungen gegeben hat. Sollte das der Fall sein, stellt sich die Frage: Wo haben diese Toten ihre letzte Ruhestätte gefunden? "Wir stehen mit unseren Recherchen zu diesem Sammelgrab am Anfang, entsprechende Anfragen an die Stadt haben wir gestellt, warten nun auf Antworten" sagt Jordan, und weiter "Sollte sich der Verdacht bestätigen, das sich an dieser Stelle ein "vergessenes" Sammelgrab befindet, muß alles getan werden, um die sterblichen Überreste der Menschen würdig zu behandeln und möglichst den Toten ihre Namen wiederzugeben."
In der Nähe des Sammelgrabes waren während des zweiten Weltkrieges hunderte Zwangsarbeiter verschiedener Nationalitäten, darunter auch italienische Kriegsgefangene, in Lagern interniert. Eines der Zwangsarbeiterlager (Mannesmann Röhrenwerke, Abt. Grillo-Funke) befand sich an der Hubertusstrasse. Auch in der damaligen Schule an der Caubstrasse 25 waren 164 Italiener "untergebracht" (Dortmunder Union Brückenbau), das Werk Orange unterhielt ein Barackenlager am Stadthafen 81, dort waren 68 kriegsgefangene Italiener "untergebracht". Ob die 56 Toten mit diesen oder anderen Zwangsarbeiterlagern in Verbindug stehen, muss jetzt geklärt werden.
Vor 74 Jahren: Der Tod fiel vom Himmel - Bomben auf Gelsenberg
Die damals 14-jährige Renee Klaristenfeld musste am 11. September 1944 einen der schwersten Bombenangriffe auf die Gelsenberg Benzin AG miterleben. In einem Transport von 2000 jüdischen Mädchen und Frauen, die in Auschwitz zur Zwangsarbeit bestimmt und in Gelsenkirchen eingesetzt werden sollten, wurde Renee Klaristenfeld Anfang Juli 1944 nach Gelsenkirchen-Horst in ein Außenlager des KZ Buchenwald verschleppt. In diesem Lager waren die weiblichen KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen in großen Zelten untergebracht. Das Lager, mit einem Stacheldrahtzaun und Wachtürmen umgeben, befand sich auf einem Feld östlich des Werksgeländes der Gelsenberg Benzin AG, umweit des Güterbahnhofs der Zeche Hugo. "Nach einem anstrengenden Arbeitstag kehrten wir in das Lager zurück" erinnert sich Renee Klaristenfeld, "Es war ein wunderschön sonniger, warmer Spätsommertag. Unsere tägliche Mahlzeit, eine dünne Wassersuppe, wurde verteilt. Plötzlich hörte ich ein lautes Brummen. Verwundert blickte ich zum Himmel und sah hoch oben einige silbern glänzender Flugzeuge ihre Bahn ziehen. Sie flogen geordnet in einer Formation, die mich an eine Triangel erinnerte. Schön sahen sie aus, wie kleine Spielzeuge. Ich wusste doch nicht, dass diese Flugzeuge uns den Tod bringen. Nur Sekunden später fielen die ersten Bomben."
Renee Klaristenfeld berichtet weiter: "Als die ersten Bomben detonierten, gerieten wir völlig in Panik. Niemand wusste wohin, alles rannte durcheinander. Zischend und pfeifend fielen die Bomben, krachende Explosionen um uns herum. Die Erde bebte, dicker undurchdringlicher Qualm und Feuer überall – ein unbeschreibliches Inferno. Wir waren dem fürchterlichen Bombenhagel völlig schutzlos ausgesetzt. Als Jüdinnen durften wir nicht in die Bunker. Ich zwängte ich mich durch den Stacheldrahtzaun, der unser Lager umgab und rannte zu einem dieser kleinen Bunker, die wie große Hühnereier aussahen. Natürlich ließen die Deutschen mich nicht rein.
In meiner Todesangst rannte ich weiter zu den Gleisen und kroch schutzsuchend unter einen dort abgestellten Zug. Von dort konnte ich über das freie Feld blicken und sah andere unschuldige Frauen um ihr Leben laufen. Eines der Mädchen kam angerannt und warf sich neben mich unter den Zug. Nach jeder Explosion war ich froh, noch am Leben zu sein. Als es dann endlich vorbei war, geschah etwas wirklich Außergewöhnliches. Es sah nach dem Angriff dort aus wie auf einem Schlachtfeld, schreckliche Bilder. Überall zerissene, zerfetzte Körper, abgetrennte Arme, Beine und Köpfe. Dazwischen schreiende, schwerverletzte oder sterbende Frauen. Man stelle sich vor, da kamen Kranken- und Lastwagen angefahren, auch junge Deutsche mit Bahren eilten herbei. Wir Frauen halfen mit, unsere verwundeten Schwestern aufzuladen. Sie wurden tatsächlich in Krankenhäuser gebracht und versorgt. Ich kann wirklich nicht viel Gutes aus der Zeit berichten, aber das war ein kleines Wunder."
Bei dem Bombenangriff am 11. September 1944 auf Gelsenberg kamen mehr als 150 der weiblichen KZ-Häftlinge ums Leben, mehr als 100 der Schwerverletzen wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht. Einige Tage nach dem Angriff wurde das Lager aufgelöst. Die noch im Lager verbleibenen Mädchen und Frauen wurden in das KZ-Außenlager Sömmerda verlegt. Halbwegs genesen, wurden die in Gelsenkirchener Krankenhäusern verbliebenden Frauen in den nachfolgenden Wochen ebenfalls nach Sömmerda verbracht. Einige der Frauen, die als nicht transportfähig galten, wurden von der Gelsenkirchener Gestapo abgeholt und an unbekannten Orten erschossen. Siebzehn der bei dem Bombenangriff verletzten Frauen konnten mit Hilfe des Chefarztes Dr. Rudolf Bertram bis Kriegsende im Rotthauser Marienhospital dem Zugriff der Gestapo entzogen und so gerettet werden.
In den Kriegstagebüchern des Allied Bomber Command der Royal Air Force ist minutiös festgehalten, wie die Bombardierung der Gelsenberg Benzin AG am 11. September 1944 abgelaufen ist. Die vorausfliegenden 13 Lancaster-Bomber, so genannnte "Pfadfinder", flogen in etwa 5-6000m Höhe an das Zielgebiet in Gelsenkirchen-Horst heran und warfen um 18.27 Uhr erste Markierungsbomben ab. Über dem Zielgebiet kreiste während des Bombenangriffs der so genannte "Master-Bomber" und gab über Sprechfunk den Besatzungen der nachfolgenden Hauptbomberflotte Anweisungen zum Abwurf ihrer Bombenlast. 154 Lancaster-Bomber warfen an diesem Tag innerhalb einer Stunde rund 900 Tonnen Bomben über Gelsenkirchen-Horst und die nähere Umgebung ab.
Stolpersteine sollen an Familie Sondermann erinnern
Ein glücklicher Umstand sicherte ihre Flucht in die USA und rettete ihr so das Leben. Aus den Erinnerungen von Liese Spiegl, geborene Sondermann: "Am 26. September 1941 schrieb mir meine Mutter einen Brief, in dem sie mitteilte, dass sie auf eine lange Reise gehen müssten. Alle Briefe wurden zensiert, so konnte sie nicht schreiben, was dort vor sich ging. Sie schrieb, dass sie wohl bald mit Hans zusammen sein würden. Hans war mein verstorbener Bruder. Dann schrieben auch noch andere Leute, meine Mutter und mein Vater schrieben, Freunde schrieben, dass sie alle bald auf eine große Reise gehen würden. Sie alle wurden deportiert."
Für die wenigsten der Deportierten gab es eine Wiederkehr. Ernst, Martha, Kurt und Frieda Sondermann wurden am 27. Januar 1942 aus Gelsenkirchen in das Ghetto Riga deportiert. Die kleine Frieda Sondermann verhungerte im Ghetto Riga. Auch die Eltern wurden in Riga ermordet. Ernst Sondermann wurde im KZ Kaiserwald bei einer der so genannten "Aktionen" des SS-Lagerarztes Dr. Krebsbach ermordet. Martha Sondermann wurde bei Auflösung des Ghettos Riga im November 1943 ermordet. Kurt Sondermann überstand den Leidensweg durch die Lager und Ghettos, er erlebte seine Befreiung am 8. Mai 1945.
Auch für Familie Sondermann werden Stolperstein-Paten gesucht, die mit ihren Spenden die Finanzierung der kleinen Mahnmale übernehmen. Mehr erfahren: Familie Ernst Sondermann
Abschied vom Bergbau: Am Schwarzen Gold klebt auch Blut
Die letzte Zeche im Ruhrgebiet schließt 2018, so wird in vielen Medien derzeit von der Geschichte des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet erzählt. Eines haben die Publikationen und Berichte gemeinsam, ein für manche unangenehmes, aber bedeutsames Kapitel wird zumeist kollektiv verschwiegen: die Zwangsarbeit im Ruhrbergbau in den Jahren 1940-1945.
Im Jahr 1944 haben in der Spitze allein rund 120.000 sowjetische Kriegsgefangene und so genannte "Ostarbeiter" im Ruhrbergbau teils unter schlimmsten Bedingungen für das Nazi-Regime schuften müssen.
Das blieb bis Kriegsende nahezu unverändert. Ohne das Heer der Zwangsarbeitenden wäre der Steinkohle-Bergbau an der Ruhr zwischen 1940-1945 wohl fast zum Erliegen gekommen. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der im Bergbau eingesetzten „Arbeitssklaven“ waren von Beginn an besonders schlecht. Die ideologische Verachtung der Faschisten gegenüber den in ihren Augen „slawischen Untermenschen“ zeigte sich u.a. auch in einer völlig unzureichenden Verpflegung, Unterbringung und oftmals fehlender medizinischen Versorgung der zwangsrekrutierten Menschen.
Diese barbarische Vorgehensweise brachte naturgemäß auch eine hohe Sterblichkeitsrate unter den Zwangsarbeitern mit sich, ein großer Teil der Menschen kam in den Unterkünften, Lagern und Schächten ums Leben. Wachmannschaften und Gestapo taten Ihr übriges, willkürliche Erschießungen sind überliefert. Auch Berichte über Misshandlungen mit Todesfolge an den sowjetischen Arbeitskräften finden sich im Ruhrbergbau für die Zeit zwischen 1940-1945 häufig. Vielfach nutzten deutsche Belegschaftsmitglieder ihre große Machtfülle zu willkürlichem Prügeln der Zwangsarbeitenden aus.
Darüber hinaus gab es vielfältige Formen von Schikanierungen und Diskriminierungen im Zechenbetrieb, von denen das "Nackt-Anfahren-Lassen" der "Russen" bei Minusgraden eine besonders ernierigende Form darstellte. Allein für den ehemaligen Zechenstandort Gelsenkirchen lassen sich mindestens 3.500 Tote Zwangsarbeitende und Kriegsgefangene im Steinkohlebergbau, in den Unterkünften und Lagern für die Zwangsarbeiter an den jeweiligen Schachtstandorten feststellen. Die wenigsten dieser entrechtenden Menschen haben dabei durch alliierte Bombenangriffe – denen sie schutzlos ausgeetzt waren – ihr Leben verloren, sondern durch Hunger, Gewalt, Krankheit und Entkräftung.
Auch das dunkle Kapitel der Zwangsarbeit gehört zur Geschichte des Bergbaus im Ruhrgebiet und hätte grade im Jahr des Abschieds vom Bergbau einen angemessenen Platz in den Veranstaltungen und Publikationen verdient. Selbstvergessenes Schweigen ist gänzlich fehl am Platz.
Abb.: Personalkarte des sowjetischen Kriegsgefangenen Nicholai Panfilow, geb. am 18.08.1920, Kursk, Erkennungsmarke 2012. Er muss- te im Arbeitskommando der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen-Horst Zwangsarbeit leisten, bei einem Bombenangriff am 23.November 1944 kam Panfilow zu Tode. Er wurden am 25. November 1944 auf dem Horster Südfried bestattet. Grablage Nicholai Panfilow lt. Belegungsplan: Feld 3, Reihe 11, Grab 689. Nicholai Panfilow wurde anonym begraben, sein Name verbirgt sich hinter der Zahl "884" - zu lesen auf einem Gedenkstein in kyrilischer Sprache. Das ist die Anzahl der an diesem Ort namenlos begrabenen russischen Zwangsarbeiter. (Quelle Personalkarte: OBD Memorial)
Endphasenverbrechen: Nur wenige Tage fehlten zur Freiheit
Auch in Gelsenkirchen gab es in den letzten Wochen und Monaten vor Kriegsende zahlreiche Endphasenverbrechen, die sich vornehmlich gegen Zwangsarbeitende richteten. An Endphasenverbrechen waren alle NS-Täterformationen beteiligt: NSDAP-Funktionäre, Wehrmacht, Volkssturm, SS, Hitlerjugend und auch Zivilisten. Geheime Staatspolizei und Kriminalpolizei traten dabei jedoch mit besonderer Brutalität und Vernichtungswillen in Erscheinung. Noch am 28. März 1945, zwei Tage bevor US-Soldaten im Norden das Stadtgebiet Gelsenkirchens erreichten, erschossen Beamte der Gestapo Buer elf Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Westerholter Wald.
Neben KZ-Gefangenen bildeten ausländische Zwangsarbeitende eine weitere große Gruppe, gegen die sich die Gewalt der letzten Kriegsmonate ungebremst entludt. Sie galten als besonders gefährlich, als "Feind im Innern". Schon allein ihre große Zahl schürt bei den Deutschen Sorge, dass sie beim Heranrücken der alliierten Truppen nicht mehr zu kontrollieren sein werden: Millionen "ausländische Arbeitskräfte", so die damalige NS-Bezeichnung, mussten auf dem Gebiet des "Deutschen Reichs" u.a. für die Kriegswirtschaft schuften. Alle ausländischen Arbeitskräfte wurden durch einen rassistisch-bürokratischen Repressions- und Kontrollapparat aus Wehrmacht, Arbeitsamt, Werkschutz, Polizei und SS streng überwacht. Kleinste "Vergehen" von Zwangsarbeitern hatten zumeist den Tod zur Folge.
Ausländische Zwangsarbeiter wurden grade in der Endphase des Krieges als Bedrohung angesehen, insbesondere von den Polizeibehörden. "Das Prinzip der Gefahrenabwehr durch Abschreckung mittels einer Verschärfung und Brutalisierung der Maßnahmen wurde in der Kriegsendphase zum handlungs- leitenden Standard der Polizeiarbeit gegenüber den Ausländern." Es kommt zu zahlreichen Gewaltex- zessen an KZ-Gefangenen und Zwangsarbeitern, aber auch an den eigenen "Volksgenossen", an deut- schen Soldaten und Zivilisten, die nicht mehr an den propagierten "Endsieg" glauben wollen.
Die Verbrechen "an Gefängnisinsassen und ausländischen Zwangsarbeitern durch die Gestapo replizierten die Mordmethoden der Einsatzgruppen und Polizeibataillone im Osten – nunmehr allerdings im Reich selbst". Sie spielt sich nicht mehr fernab des täglichen Lebens der meisten Deutschen ab - nicht an weit entfernten Frontlinien oder hinter den Zäunen und Mauern der Konzentrations- und Vernichtungslager -, sondern mitten im Kerngebiet des Deutschen Reiches, vor der "Haustür der Ausgrenzungsgesellschaft".
Gelsenkirchen: Stolperschwelle soll an vieltausendfach erlittenes Leid und Unrecht erinnern
In diesem Kontext steht die geplante Verlegung einer Stolperschwelle vor dem Polizeipräsidium Gelsenkirchen-Buer. Dort befand sich neben dem Dienstsitz von Gestapo (Außenstelle Buer) und der Kriminalpolizei auch das Polizeigefängnis Buer, von dort begann für zahlreiche Menschen der Weg in den Tod. Die Stolperschwelle wird symbolhaft im Gedenken an mehr als 40.000 Männer, Frauen und Kinder aus West- und Osteuropa verlegt, die in Gelsenkirchen zwischen 1940 und 1945 als Zivilisten oder Kriegsgefangene zur Ableistung von Zwangsarbeit in der Deutschen Kriegswirtschaft und Rüstungsproduktion ausgenutzt und als billige Arbeitskräfte ausgebeutet worden sind. Mehr als 3.500 Zwangsarbeitende starben in Gelsenkirchen zwischen 1940-1945 durch "Arbeitsunfälle", Mißhandlungen, gezielte Tötungen, hinzu kamen Sterbefälle durch Mangelernährung und unzureichende medizinische Versorgung.
Lynchjustiz an Bomberpilot: "Der soll nicht lebend ankommen"
Lynchjustiz durch NS-Funktionsträger oder einzelne Volksgenossen an abgestürzten bzw. abgeschossenen Besatzungen
alliierter Bomber war in Nazi-Deutschland in den letzten beiden Kriegsjahren weit verbreitet, so auch in Gelsenkirchen. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges überlebte ein Pilot den Abschuss seines Flugzeuges über Gelsenkirchen, wurde jedoch anschließend Opfer brutaler Misshandlungen durch NS-Schergen.
Am 27. Februar 1945 stürzte gegen 14:30 Uhr über Gelsenkirchen ein englischer Lancaster-Bomber nach Flakbeschuss ab.
Laut der Aussage des Zeugen Heinrich Langer im Jahr 1946: "(...) auf dem Zechengelände der Zeche Ewald 3/4 Buer Resse, Nord-Östlich der Bahngleise, nahe bei den beiden Wasserkühlern. (...)." Der Pilot, der mit dem Fallschirm abgesprungen war, wurde festgenommen und sollte dem Fliegerhorst Buer zugeführt werden. Laut der Aussage des Zeugen Albert Meier soll es sich um den Piloten gehandelt haben. Es wurde ganz im Sinne des so genannten "Fliegerbefehls" Albert Hoffmanns befohlen, den Festgenommenen nicht mit dem Auto, sondern zu Fuß zum Fliegerhorst Buer zu bringen, damit "er dort nicht lebend ankommt". So wurde der Flieger durch die Straßen Richtung Fliegerhorst Buer geprügelt, kurz darauf starb dieser an den Folgen der erlittenen brutalen Misshandlungen.
Die Indentität des Piloten konnte erst viele Jahrzehnte nach dem Prozess geklärt werden, es handelt sich um den 22jährigen Flight Lieutenant (F/L) Norman Coatner Cowley, Angehöriger der Royal Air Force (RAF), 186 Squadron. Cowley stammt aus Boston ( Lincolnshire) an der Ostküste Englands. Nun werden zunächst Angehörige gesucht, denn schon bald soll in Gelsenkirchen ein Stolperstein an Norman Coatner Cowley erinnern. Info: info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de
Bomber pilot victim of lynch law: „he will not arrive alive“
During the last two years of World War II lynch law practised by NS officials or some individual
„Volksgenossen“ (fellow citizens following the Nazi regime) against shot-down or crashed allied pilots was quite common in Nazi-Germany, also in Gelsenkirchen. Shortly before the end of World War II a pilot having survived the shooting down of his aircraft above the city of Gelsenkirchen, became a victim of lethal battering by NS henchmen.
On 27th February, 1945 against 2.30 h p.m. a British Lancaster bomberpilot got under heavy Flak fire and was finally shot down. According to Heinrich Langer who witnessed the scene on the premises of the coal pit EWALD 3/4 in Gelsenkirchen-Buer-Resse, north-easterly of the traintracks adjacent to the two water coolers gave evidence in 1946:“ The pilot who parachuted down was seized and was supposed to be delivered to the airbase of Buer. According to the witness Albert Meier it was the pilot himself who got caught. Strictly according to the command („Fliegerbefehl“) of Albert Hoffmann it was ordered NOT to take the arrestee to the airbase by car but he should walk on foot „so that he will not arrive there alive“. So the airman was chased and beaten through the streets in the direction of the airbase, and succumbed to his injuries shortly after.
LOOKING FOR NEXT OF KIN/RELATIVES
It took many decades following the process to find the final proof of identity of the victim: Mr. Flight Lieutenant (F/L) NORMAN COATNER COWLEY, member of the Royal Air Force (RAF), 186 Squadron. Cowley originates from Boston (Lincolnshire) at the East coast of England.
Now we are seeking relatives, as in due course a so-called „Stolperstein“ (stone of remembrance) will be installed in Gelsenkirchen in memory of Norman Coatner Cowley. Info: info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de
Nachruf auf Lore Buchheim
Hannelore 'Lore' Grünberg, verheiratete Buchheim, geboren am 9. März 1925 in Gelsenkirchen, war die ältere von zwei Töchtern des Ehepaars Grüneberg. Ihr Vater, der Metzgermeister Paul Grüneberg erkannte trotz antisemitischer Verfolgung in den 1930er Jahren kurz nach der Machtübergabe nicht die dringende Notwendigkeit, Deutschland möglichst bald zu verlassen. Auch eine Gelegenheit für eine Flucht der Töchter aus Nazi-Deutschland nutzte die Familie nicht. Paul Grüneberg kämpfte um seine Rechte, erlebte dabei jedoch die stetige Verschärfung der Diskriminierungen, Verfolgung und Ausgrenzung jüdischer Menschen. Der Familie Grüneberg wurde - staatlich legitimiert - das Geschäft geraubt ("Arisierung"), 1941 musste die Familie in ein so genanntes "Judenhaus" an der Schalker Strasse 49 ziehen.
Mit dem größeren Teil der Gelsenkirchener Juden wurde auch die vierköpfige Familie Grüneberg am 27. Januar 1942 in das Ghetto Riga deportiert. Die Familie überlebte das Ghetto, wurde vor der heranrückenden Roten Armee von den Nazis in das KZ Stutthof verschleppt. In Stutthof wurden Paul Grüneberg, seine Frau Helene und Tochter Hella ermordet. Als einzige ihrer Familie, die bereits beim Abtransport von Riga getrennt worden war, überlebte Hannelore Grüneberg auch das KZ Stutthof.
Hannelore Grüneberg wurde von der Roten Armee am 9. März 1945 bei einem der berüchtigten Todesmärsche befreit. Danach kehrte sie im Juli 1945 für einige Monate nach Gelsenkirchen zurück. Von dort zog sie im Dezember 1946 nach Hamburg, um eine Ausbildung als Krankenschwester zu absolvieren. Schließlich wollte sie aber doch nicht mehr in Deutschland bleiben, wo ihre Familie verfolgt worden war und wo sie keine Verwandten mehr hatte. 1948 wanderte sie zu Verwandten nach Bolivien aus. Nach einem Aufenthalt in Chile, der Rückkehr nach Bolivien und der Heirat mit Fred Buchheim in Bolivien ging sie 1953 in die USA, wo sie eine eigene Bäckerei mit zwei Geschäften aufbaute. Das Ehepaar Buchheim hatte zwei Töchter, Hella Buchheim-Block und Paulette Buchheim. Nach dem Tod ihres Mannes Fred lebte Lore Buchheim in Boca Raton, Florida/USA, wo sie am 20. April 2017 im Alter von 92 Jahren starb.
An Lore Buchheims Eltern Paul und Helene und ihre Schwester Hella erinnern seit 2010 vor dem Haus Hauptstraße 16 in Gelsenkirchen drei Stolpersteine. Nun soll im Rahmen einer Nachverlegung ein Stolperstein für Lore Buchheim hinzukommen - dafür wird zur Finanzierung ein(e) Pate/Patin gesucht. Info: info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de
Stolpersteine: Vergangenheit wird mit Gegenwart konfrontiert
An vier weiteren Orten wird in Gelsenkirchen seit gestern Vergangenheit mit Gegenwart konfrontiert. Bildhauer Gunter Demnig verlegte am Mittwoch (23.5.) im Rahmen seines europaweiten Erinnerungsprojektes Stolpersteine zwölf weitere der kleinen Denkmale im Stadtgebiet. Damit wächst die die Anzahl der im öffentlichen Raum Gelsenkirchens verlegten Stolpersteine auf 198 an. Weitere sollen nach den Plänen der Gelsenkirchener Stolpersteininitiative im nächsten Jahr folgen.
In der Regel werden die Stolpersteine vor dem letzten, selbstgewählten Wohnort der von den Nazis zwischen 1933-1945 verfolgten und in den allermeisten Fällen ermordeten Menschen verlegt. Das Haus an der Koststraße 13, in dem Lothar Keiner zuletzt wohnte, existiert jedoch nicht mehr. Einge Meter weiter, vor einem Verwaltungsgebäude der BP Gelsenkirchen GmbH (Im NS: Hydrierwerk der Gelsenberg Bezin AG) hat der Stolperstein für Lothar Keiner seinen Platz gefunden. Im Gelsenkirchen ist es nach den Stolpersteinen zur Würdigung und Erinnerung von Arthur Herrmann (Verlegung 2012) und Ernst Papies (2015) und Josef Wesener (2016) der vierte Stein für einen Menschen, der als homosexueller Mann stigmatisiert wurde. Lothar Keiner wurde am 27. November 1942 im KZ Neuengamme bei Hamburg ermordet.
Die zweite Station an diesem denkwürdigen Tag führte die Initiatoren zum Heinrichplatz 1. Hier lebte die Familie Siegfried Rosenbaum. Selma Rosenbaum starb nach langer schwerer Krankheit 1941 im Gelsenkirchener Marienhospital, ihre Mutter Esther Lippers, die ebenfalls in dem Haus wohnte, wurde im Ghetto Theresienstadt ermordet. Siegfried und seine beiden Kinder Ilse und Werner wurden in das Ghetto Warschau deportiert, danach verlieren sich ihre Lebensspuren.
Die Patenschaften für diese Stolpersteine hat Klaus Brandt übernommen. Er war es auch, der uns auf die Menschen aufmerksam gemacht hat, die aus dem Haus Heinrichplatz 1 in Bulmke von deutschen Faschisten in den Tod verschleppt wurden. Die Kulturwissenschaftlerin Dora Osborne über Gunter Demnigs Kunstprojekt gegen das Vergessen: "Die Verlegung der Stolpersteine ist ein Akt des Archivierens, des Archivierens der Geschichte, die zumeist nur noch aus Asche und Staub besteht. Die Biografien der Menschen wären niemals recherchiert worden und somit für immer verloren gewesen."
In Resse wurden an der Ewaldstraße 29 zwei Stolpersteine im Gedenken an das von dort vertreibene Ehepaar Otto und Paula Lieber verlegt. Das Ehepaar gehörte ebenfalls zu den "Verschwundenen" - Menschen, die während der Herrschaft des NS-Gewaltregimes plötzlich von einem auf dem anderen Tag aus dem nachbarschaftlichen Umfeld verschwanden. Liebers konnten ihr nacktes Leben retten, ihnen gelang die rechtzeitige Flucht nach England. Auch an diesem Ort sorgten die begleitenden Polizeibeamten für einen ungestörten Ablauf.
Gleich fünfzehn Nachfahren der Familie Löwenstein waren aus den USA, Niederlanden und München angereist, um in Gelsenkirchen-Buer an der Verlegung von Stolpersteinen für ihre Vorfahren teilzunehmen. Dichtgedrängt standen die Menschen auf dem Bürgersteig vor dem Haus Horster Straße 17, das einst dem Kaufmann David Löwenstein gehörte, bevor ein Arisierungsgewinnler 1939 neuer "Eigentümer" wurde. Am Seitenflügel des Hauses in der Maloestraße prangt an den Fenstern noch sein Nachnahme. Hatten die Eltern Löwenstein zunächst nur die beiden Söhne in das rettende Ausland schicken können, folgten sie jedoch 1941 - buchstäblich in allerletzter Minute.
Vor dem Eingang des Hauses erinnern nunmehr vier Stolpersteine an Verfolgung und Vertreibung der Familie Löwenstein. "Für uns hat dieser Tag eine große Bedeutung, wir feiern heute letztlich unser Leben." sagte Miriam Zimmermann, Tochter von Dr. Werner Löwenstein, und weiter: "Ge- meinsam mit meinem Vater habe ich Gelsenkirchen in der Vergangenheit besucht, Vater begab sich mit mir auf Spurensuche, zeigte mir Orte seiner Kindheit und Jugend. Wir standen ebenfalls vor diesem Haus, Vater hat sich jedoch geweigert, es jemals wieder zu betreten".
Ihren Abschluß fand die Verlegung auch in Buer an der Horster Straße mit jüdischen Gebeten. Der ausgebildete Opernsänger und freie Kantor Juri Zemski sang das El male Rachamim. Ein Kaddisch, das Gebet zum Totengedenken, wurde von den Nachfahren der Familie Löwenstein gesprochen.
Alle am Projekt "Stolpersteine" direkt oder indirekt Beteiligten tragen ihren Teil dazu bei, der Erinnerung an Menschen, die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung geworden sind, den Platz zu geben, der ihr zusteht: in der Mitte der heutigen Gesellschaft. Die Projektgruppe "Stolpersteine Gelsenkirchen" des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum bedankt sich auch auf diesem Wege bei diesen Menschen, die auf vielfältige Art und Weise die Recherchen, Vorbereitung und Durchführung der diesjährigen Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen unterstützt und damit erst möglich gemacht haben.
Todesmarsch von Gelsenkirchen-Buer - Initiative plant Stolperschwelle
Abb.: Blumen erinnern am damaligen Tatort an die vor 73 Jahren ermordeten Menschen. Am Sonntag fand ein Gedenkgang auf den Spuren ermordeter Zwangsarbeiter in Gelsenkirchen-Buer statt. Der Todesmarsch führte 1945 vom Polizeipräsidium Buer über die Goldbergstraße in den Westerholter Wald.
Die Gelsenkirchener Stolperstein-Initiative will die Verlegung einer Stolperschwelle vor dem Polizeipräsidium in Buer durch Bildhauer Gunter Demnig in die Wege leiten. Von dort wurden am Karfreitag 1945 wurden kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner in Gelsenkirchen-Buer 25 russische Mädchen und Männern im Alter von 19 bis 25 Jahren in den frühen Morgenstunden von Gestapo und Kripo aus dem Polizeigefängnis Buer geholt, barfuß über die Goldbergstraße in den Westerholter Wald getrieben und dort durch Genickschuß ermordet. Da die Kosten für eine Stolperschwelle um ein vielfaches höher sind als für einen Stolperstein, bitten wir um Spenden auf das Konto Stolpersteine Gelsenkirchen, IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27, Stichwort "Stolperschwelle".
Abb.: Ein erster Umschlagentwurf für das geplante Buch „Stolperstein-Geschichten Gelsenkirchen“.
Die Arbeit am Buchprojekt hat Fahrt aufgenommen. Der Weimarer Eckhaus-Verlag druckt in einer Editionsreihe regional Biografien von NS-Opfern vor allem für den Schulgebrauch. Das Gelsenkirchener Stolperstein-Buch soll im nächsten Jahr erscheinen. Zur Finanzierung des Pro- jektes rufen wir zu Spenden auf. Auf Wunsch kann eine Spendenbescheinigung ausgestellt werden. Die Bankverbindung lautet: Stolpersteine Gelsenkirchen, IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27. Als Verwendungszweck bitte angeben: "Buchprojekt". Mehr erfahren
Gastbeiträge willkommen
Das Buchprojekt bietet auch Stolperstein-Paten die Gelegenheit, einen Text bzw. Beitrag im Rahmen der übernommen Patenschaft zu verfassen. Senden sie ihren Beitrag per Mail bis zum 15. Juli 2018: Andreas Jordan (Projektleitung Stolpersteine Gelsenkirchen) (info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de) Aus den eingesandten Texten wird eine Auswahl von Beiträgen getroffen, die dann im Buch erscheinen.
Der Eckhaus-Verlag teilt uns jüngst mit: „Es ist vorgesehen“, schreibt der OB, der unser Vorhaben ausdrücklich begrüßt, „die Bücher in die Präsenzbibliothek der Dokumentationsstelle Gelsenkirchen im Nationalsozialismus aufzunehmen.“ Der Förderverein für Stadt- und Verwaltungsgeschichte hat bereits 90 Exemplare geordert, lässt uns Herr Baranowski wissen.
UPDATE: Was hat diese alte Vitrine mit Gelsenkirchen zu tun? (II)
Abb.: Heute steht diese Vitrine aus dem Besitz einer jüdischen Familie aus Gelsenkirchen in einer Wohnung in Braunschweig.
Anneliese Scheibner geb. Schott ist heute 91 Jahre alt. Als 14jähriges Mädchen lebte sie mit ihrem Vater, dem Gesenkschmiedemeister Emil Schott und ihrer Mutter 1939/40 rund ein Jahr an der Bergmannstraße 43. In dem Haus lebten zu dieser Zeit zwei jüdische Familien, beiden stand der Zwangsumzug in eines der so genannten "Judenhäuser" Gelsenkirchens bevor, in diesem Fall in das Nebenhaus Bergmannstr. 41. Eine dieser somit freiwerdenden Wohnungen bezog Emil Schott im März 1939 mit Frau und Tochter.
In der Familie Schott/Scheibner wurde jahrzehntelang folgende Schilderung überliefert: "Emil Schott war allein bei der Wohnungsübergabe und hatte dabei mit der jüdischen Familie gesprochen und dabei auch einige Möbelstücke der Familie 'abgekauft': einen großen Schrank, eine Vitrine und einen Tisch mit 6 Stühlen. Es gibt nur noch die Vitrine und die hat heute ein Familienmitglied in seinem Haus. Die Juden seien dann später einfach "ausgreist". So habe es ihre Mutter immer erzählt, schildert Uta Meyhöfer, die Tochter von Anneliese Scheibner.
Zunächst wollten sie anonym bleiben, nun haben sich Mutter und Tochter dazu entschlossen, dass ihre Familienamen veröffentlicht werden sollen. Auch ein → Brief, den Anneliese Scheibner im Februar diesen Jahres an uns gerichtet hat, soll nunmehr einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Nicht zuletzt deshalb, damit Licht in die dunkle Familienvergangenheit kommt und großes Unrecht nicht dem Vergessen anheim fällt.
Wie bereits im ersten → Artikel geschildert, sollen bald Stolpersteine für die beiden jüdischen Familien Moritz Heymann und Moritz Löwenstein vor dem Haus Bergmannstraße 43 verlegt werden. Die Patenschaft für vier Stolpersteine hat Uta Meyhöfer übernommen.
Stolpersteinverlegung 2018: Denkanstöße für den Alltag
Abb.: Diese Stolpersteine erinnern in Gelsenkirchen seit 2012 vor dem Haus Kirchstrasse 65 an Familie Benjamin Spiegel
Mit Gunter Demnigs Stolpersteinen, die am letzten frei gewählten Wohnort von Opfern der Nazidiktatur verlegt werden – und das sind bei weitem nicht nur jüdische Mitbürger, sondern auch Sinti und Roma, politisch Andersdenkende, Homosexuelle, kritische Christen, Zeugen Jeho- vas und Personen mit psychischen oder physischen Erkrankungen – gedenken wir dauerhaft Menschen, die früher hier gelebt haben und wegen ihren Auffassungen, ihren Neigungen, Veranlagungen und Erkrankungen verfolgt, gequält und getötet wurden. Einbezogen werden dabei auch Menschen, denen die Flucht gelang und jene, die als letzte autonome Handlung ihrem Leben selbst ein Ende setzten. Die kleinen Denkmale sollen nicht zuletzt auch darauf aufmerksam machen, wozu Ausgrenzung, Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit und Dehumanisierung letztendlich führen können.
Zur Teilnahme an den Verlegungen am 23. Mai 2018 sind alle Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich eingeladen. An 4 Orten in Gelsenkirchen wird Gunter Demnig 12 weitere Stolpersteine in das Pflaster Gelsenkirchener Gehwege einsetzen:
Wir weisen darauf hin, dass im zeitlichen Ablauf der Verlegeaktionen Verschiebungen möglich sind, planen Sie bitte jeweils ein Zeitfenster von +/- 15 Min. zu den genannten Uhrzeiten ein.
Kurt Rosendahl - Zeitzeugenbericht in der AHS
Der Zeitzeuge und Holocaustüberlebende aus Gelsenkirchen berichtet in einer Schulklasse* über seine Deportation ins Ghetto nach Riga. Kurt Rosendahl Jahrgang 1928 kam kurze Zeit später ins Lager Kaiserwald bei Riga. Nach dessen Schließung wurde der jüdische Teenager dann über Stutthof (Bei Danzig) in das KZ Buchenwald (bei Weimar) und dort in das berüchtigte "Kleine Lager" verbracht. Es war als der "Sterbeort" bekannt denn dort waren primär die Kranken und Sterbenden einquartiert. Bei der Befreiung durch die US Armee unter General George S. Patton war Rosendahl 16 Jahre alt. Heute lebt Kurt Rosendahl in Karlsruhe. * Der Zeitzeugenbericht wurde 03/2017 in der G9 der Aloys-Henhöfer-Schule in Pfinztal (Kleinsteinbach) aufgenommen.
"Ich lebe auf geborgte Zeit" - Zum Tod von Israel Yaoz
Abb.: Israel Yaoz (früher Häusler), 1928 in Gelsenkirchen geboren, starb am 16. März 2018 in seiner Wahlheimat Israel
Als Israel Häusler am 14. November 1928 in Gelsenkirchen geboren, war er der einzige Überlebende seiner Familie. Vater Markus, Mutter Sima und die Geschwister Recha, Esther, Meier und Mali und weitere Angehörige wurden von den Nazis ermordet. Am 15. April 1945 wurde er von britischen Soldaten aus dem KZ Bergen-Belsen befreit. In Israel baute er sich dann ein neues Leben auf, gründete eine Familie. 2001 besuchte er letztmals seine Geburtsstadt Gelsenkirchen. Gemeinsam mit ihm haben wir in den letzten zwei Jahren die Verlegung von Stolpersteinen für seine ermordeten Angehörigen in Gelsenkirchen geplant. Wir werden seine Botschaft weitertragen und ihre Namen dorthin zurückbringen, wo diese von den Nazis ermordeten Menschen einst gelebt haben - vor die Türen ihrer Häuser.
Für die Brüder Sacher und Markus Häusler und deren Familien sollen schon seit längerem insgesamt 14 Stolpersteine verlegt werden. Eine erste Patenschaft für Israel Yaoz (Früher Israel Häusler) ist jetzt übernommen worden. Zur Finanzierung der übrigen Stolpersteine rufen wir zu Spenden auf. (Verwendungszweck: Stolpersteine Häusler) Auf Wunsch stellen wir eine Spendenbescheinigung aus. Unsere Bankverbindung und weitere Infos zur Übernahme von Patenschaften finden sie → hier.
Vor 75 Jahren: Deportation Gelsenkirchener Sinti und Roma nach Auschwitz
Abb.: Virtuelle Gedenktafel erinnert an Gelsenkirchener Sinti und Roma
Porajmos, so wird der Völkermord der Nazis an Sinti und Roma genannt. Am 9. März jährt sich zum 75. Mal die Deportation der Gelsenkirchener Sinti und Roma 1943 in das Konzentrations- und Vernichtunglager Auschwitz.
83 Verfolgte jeden Alters wurden von Gelsenkirchen nach Auschwitz verschleppt, nur drei von ihnen erlebten ihre Befreiung. Ein öffentliches Erinnerungszeichen für deportierte und ermordete Sinti sucht man in Gelsenkirchen (noch immer) vergeblich. Anlässlich des 75. Jahrestages der Verschleppung Gelsenkirchener Sinti nach Auschwitz haben wir eine virtuelle Gedenktafel online gestellt. Nichts und niemand ist vergessen. Gedenktafel lesen: "Eure Leiden, Euer Schmerz sind die Narben im Fleisch der Welt"
Wanderausstellung: "Warum schreibst du mir nicht"
Abb.: Wolfgang und Thea
Die niederländisch-deutsche Wanderausstellung "Warum schreibst Du mir nicht" beschäftigt sich mit dem Leben von fünf Menschen in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs. Einer davon ist Wolfgang Maas aus Gelsenkirchen.
Der jüdische Junge Wolfgang Maas und seine Familie leben in Gelsenkirchen, Deutschland. Wolfgang ist 16 Jahre alt, als er 1936 aus Nazi-Deutschland flüchtet. Er landet in den Niederlanden, in Winterswijk, wo er durch die Jüdische Gemeinde aufgefangen wird und eine Ausbil- dung machen kann. Wolfgang verliebt sich heftig in Thea Windmuller. Inzwischen ist der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Jetzt brechen auch in den Niederlanden schwere Zeiten für die Juden an. Wolfgang und Thea tauchen unter, fern voneinander. Von diesem Zeitpunkt an besteht ihr Leben nur noch aus der letzlich erfolglosen Flucht vor den Nazis. Beide werden in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt. Thea wird am 28. Januar in Auschwitz 1944 vergast, Wolfgangs "Entlassung" aus der Krankenbaracke von Auschwitz-Monowitz/Buna, dokumentiert von der Bürokratie einer monströsen Mordmaschinerie ist seine letzte Lebensspur. Die Verlegung von Stolpersteinen im Gedenken an Wolfgang Maas und seine Familie am letzten selbstgewählten Wohnort in Gelsenkirchen ist in Planung. Mehr erfahren: Die Geschichte von Wolfgang Maas und Thea Windmuller
Was hat diese alte Vitrine mit Gelsenkirchen zu tun? (I)
Abb.: Heute steht diese Vitrine aus ehemals jüdischem Eigentum in einer Wohnung in Braunschweig.
Der Anruf aus Hamburg kam eines Morgens im Januar. Es gehe um eine sich noch heute im Familienbesitz befindliche alte Vitrine, die ursprünglich aus Gelsenkirchen stammt. Der Anruferin fiel es nicht leicht, den Einstieg in das Gespräch zu finden. Deutlich war aus ihrer Stimme herauszuhören, das sie emotional sehr aufgewühlt war.
Ihr Opa, von Beruf Gesenkschmiedemeister, sollte 1939 in Gelsenkirchen eine neue Arbeitsstelle antreten und war zunächst allein nach Gelsenkirchen gereist, um eine Wohnung für die Familie vorzubereiten. Die Wohnung, die er dann fand, wurde noch von einer jüdischen Familie bewohnt, die jedoch "im Auszug" begriffen war. So kaufte der Opa nach seiner Darstellung bei der Wohnungsübergabe der Familie einige Möbelstücke ab, darunter einen großen Schrank, ein Tisch mit sechs Stühlen und eben diese Vitrine. Den aus ihren Wohnungen vertriebenen Menschen war bekannt, das sie fortan unter beengten Verhältnissen leben müssen und das sie daher einen Teil ihrer Einrichtung nicht mitnehmen können.
In der Familie der Anruferin war bekannt, das diese Vitrine aus ehemals jüdischem Eigentum stammt. Die Anruferin beschrieb es so: "Nach den Erzählungen meiner Mutter hörte es sich über die Jahrzehnte immer so an, als ob die jüdische Familie einfach ausgereist sei und das bis zum heutigen Tag. Meine 91-jährige Mutter, deren Kopf sehr klar ist, sagte mir heute, dass sie die Hausnummer nicht mehr weiß, dass es aber wohl die Bergmannstrasse gewesen sei. Sie konnte ihr Zuhause leicht zu Fuß von der Rhein-Elbe-Schule aus, die sie zu dieser Zeit besuchte erreichen und man konnte von der Wohnung aus sehr schön auf den Fußballplatz des Vereins Gelsenguß schauen. Es war das Jahr, indem Schalke Meister oder so wurde und das Jahr des Anfang des Krieges."
Abb.: Bergmannstraße und Rhein-Elbe-Schule in Gelsenkirchen
Die Dame am Telefon sagte weiter, das sie seit ihrer Jugend nicht an die Geschichte der "einfachen Ausreise" geglaubt habe und nun endlich Klarheit über die Lebenswege dieser Familie haben will und Stolpersteine zur Erinnerung stiften möchte. Also begann ich zu recherchieren. Adressbücher, Datenbanken, altes Kartenmaterial wurden gesichtet, schon bald stand fest, es kann sich nur um die Häuser Bergmannstr. 41 u. 43 gehandelt haben. Dort haben um 1939 jüdische Familien gewohnt, von dort hatte man den beschriebenen Blick auf einen Sportplatz.
Das Haus Bergmannstr. 41 aus dem Eigentum des jüdischen Malermeisters Hartog Heymann wurde 1939 zum so genannten "Judenhaus" deklariert. In dieses "Judenhaus" wurden 1939 auch jüdische Bewohner des Hauses Bergmannstr. 43 zwangsweise einquartiert, die Familien Moritz Heymann und Moritz Löwenstein. Einige Tage später erhielt ich Antwort auf die zwischenzeitlich an das Institut für Stadtgeschichte gerichtete Frage, wo der Opa der Anruferin auf der Bergmannstraße gewohnt hat: Laut Einwohnermelderegister "vom 25.3.1939 bis zum 29.11.1939 an der Bergmannstraße 43" teilte Stefan Goch vom ISG mit. Somit war offensichtlich, das die Vitrine nur aus dem Besitz dieser beiden Familien stammen konnte. Von wem genau lässt sich wohl nicht mehr klären. Was mit den 1939 aus ihren Wohnungen an der Bergmannstr. 43 vertriebenen jüdischen Männern und Frauen weiter geschah, ist weithin aufgeklärt: Beide Familien wurden am 31. März 1942 in das Ghetto Warschau deportiert, seither fehlt jedes Lebenszeichen von ihnen. Von einer "einfachen Ausreise" kann nun nicht mehr die Rede sein. Im nächsten Jahr sollen Stolpersteine im Gedenken an die Familien Moritz Heymann und Moritz Löwenstein vor dem Haus an der Bergmannstraße 43 verlegt werden.
Familie Leopold Plaut: Flucht aus Nazi-Deutschland gelang mit falschen Papieren
Abb.: Ein altes Foto führte auf die Lebensspuren der Familie Leopold Plaut aus Gelsenkirchen
Ein altes Foto aus einem Nachlass, wie es unzählige gibt. Bekannt war uns bisher nur, das um 1925/35 in Gelsenkirchen aufgenommen worden ist. Bekannt war auch, das es aus dem Nachlass eines jüdischen Bürgers stammt, der rechtzeitg vor den Nazis aus Gelsenkirchen fliehen konnte: Heinz Katzenstein. Die Recherche in alten Gelsenkirchener Adressbüchern brachte des Rätsels Lösung, in der 1934er Ausgabe fand sich der entscheidene Hinweis auf Familie Plaut.
Leopold Plaut und seine Frau Helene (Beide Jahrgang 1887) hatten zwei Kinder, den am 14 April 1915 geborenen Hans (später Juan) und die am 15. Juni 1921 in Gelsenkirchen geborene Grete. Im so genannten "Dritten Reich" beteiligte sich Hans Plaut aktiv am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. In einem Verfahren des Oberlandesgerichts Hamm gegen die trotzkistische Widerstandsgruppe aus Gelsenkirchen wurde er wegen Vorbereitung zum Hochverrat am 24. Juli 1936 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Sein Kontakt zum Ausland wirkte strafverschärfend auf das Urteil der NS-Richter. Während seiner Haft bemühte sich die Familie um Ausreisepapiere, was aber offensichtlich auf Schwierigkeiten stieß.
Abb.: Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1934: Cleffmann, D. Nachf. Inh. Grete Plaut, Putz-, Mode-, u. Pelzwaren, Bochumer Straße 23
Nach der Haftverbüßung gelang Hans Plaut, seinen Eltern und seiner Schwester 1939 mit gefälschten Papieren die Flucht auf ein Emigrantenschiff mit dem Ziel Lateinamerika. Mit Hilfe des Kapitäns und der jüdischen Gemeinde Caracas konnte die Familie Plaut in Venezuela einreisen und sich hier eine neue Existenz aufbauen. Hans Juan Plaut starb am 22. Februar 1978 in New York, seine Schwester Grete Olschki, geborene Plaut, verheiratete Nussbaum starb am 7. Dezember 2002 in Caracas, Venezuela. An Familie Leopold Plaut sollen an der Bochumer Str. 23 schon bald Stolpersteine erinnern, hierfür suchen wir zur Finanzierung der kleinen Denkmale noch Stolpersteinpat*innen bzw. Spender*innen.
27. Januar: Internationaler Holocaust-Gedenktag
Auschwitz ist das Synonym für den Massenmord der Nazis an Juden, Sinti und Roma und anderen Verfolgten. Auschwitz ist Ausdruck des Rassenwahns und das Kainsmal der deutschen Geschichte. Der 27. Januar, der Tag der Befreiung von Auschwitz, ist daher kein Feiertag im üblichen Sinn. Er ist ein "DenkTag": Gedenken und Nachdenken über die Vergangenheit schaffen Orientierung für die Zukunft. Die beste Versicherung gegen Völkerhass, Totalitarismus, Faschismus und Nationalsozialismus ist und bleibt die Erinnerung an und die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte. In Gelsenkirchen ist der 27. Januar ein zweifacher Gedenktag: Es wird der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz 1945 gedacht, außerdem der Deportation jüdischer Menschen von Gelsenkirchen nach Riga, die am 27. Januar 1942 vom NS-Terrorregime mit Hilfe der örtlichen Stadtverwaltung durchgeführt wurde.
Paten gesucht für weitere Stolpersteine in Gelsenkirchen-Buer
Abb.: Grabstein der Brüder Alpern auf dem Friedhof in Gelsenkirchen-Ückendorf. (Foto: M. Golenser)
Die Brüder Max und Aaron Alpern kehrten nach ihrer Befreiung aus der Hölle der Lager 1945 zurück nach Gelsenkirchen-Buer und bauten ihr Wäsche- und Textilhaus an der Hochstraße 30 wieder auf. Stolpersteine sollen schon bald an die Brüder Alpern erinnern.
Zudem sollen weitere Stolpersteine in ehrendem Andenken an Menschen, die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung wurden, schon bald in Buer verlegt werden. Dafür werden Stolperstein-Paten gesucht, die bereit sind, die Kosten zu übernehmen. Das können beispielsweise Einzelpersonen, Schulklassen, Vereine oder ähnliche Einrichtungen sein. Ein Stolperstein kostet derzeit incl. Herstellung und Verlegung 120 Euro, auch Teilspenden sind willkommen.
Gelsenkirchen-Buer: Wer erinnert sich an Dr. Caro?
Abb.: Ausschnitt aus dem Reisepass von Dr. Erich Caro, ausgestellt am 8. Februar 1939 vom Polizeipräsidenten Recklinghausen, Polizeiamt Gelsenkirchen.
Auf Druck der Gestapo floh die Familie Caro schließlich am 9. Mai 1940 von Gelsenkirchen in die Niederlande, um sich von Rotterdam aus in die USA einzuschiffen. Die in Loosdrecht (NL) nur sporadisch durchgeführten Kontrollen haben eine Festnahme der Familie Caro bis 1945 verhindert, so dass Caros die Verfolgung, Deportation und Ermordung der Juden in Holland überlebten. Ende 1945 kehrte Dr. Caro nach Gelsenkirchen-Buer zurück und praktizierte hier auch wieder als Arzt. Seine Frau folgte im Januar 1946. Die Eheleute lebten bis in die 1970er Jahre in Buer, wie vor ihrer Flucht auf der Buer-Gladbecker Straße 12. Stolpersteine sollen an das Ehepaar und Sohn Klaus erinnern, es werden Stolperstein-Paten gesucht.
Stolpersteine öffnen Zugang zur Lokalgeschichte
Abb.: Bei der Stolperstein-Verlegung vor dem Grillo-Gymnasium im November 2017, v.l.: Der Gelsenkirchener Stolperstein-Initiator Andreas Jordan, Bildhauer Gunter Demnig, der Urheber des vielfach ausgezeichneten Projekts Stolpersteine gegen das Vergessen und Ron Gompertz, der eigens mit Familie zur Verlegung des Stolpersteins für seinen Vater Fritz Gompertz aus Frankreich anreiste.
Im Oktober letzen Jahres verlegte Bildhauer Gunter Demnig erstmals Stolpersteine vor dem Grillo-Gymnasium, die an von dieser Schule vertreibene jüdische Schüler erinnern. Jüngst kam ein weiterer Stolperstein hinzu, gewidmet ist dieser Stolperstein Fritz Gompertz. Die Stolpersteine genannten kleinen Denkmale des Bildhauers Gunter Demnig bieten Schüler*innen eine besondere Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit der Erinnerung an Opfer nationalsozialistischer Verfolgung, die Jugendlichen finden so einen ganz direkten Zugang zur lokalen NS-Geschichte. Auch am Grillo-Gymnasium führte die Verlegung von Stolpersteinen jetzt zu einer Kooperationsvereinbarung zwischen Schule und dem Institut für Stadtgeschichte. (Die WAZ berichtet.) Weitere 27 Stolpersteine sollen in naher Zukunft vor dieser Schule verlegt werden, hierfür werden zur Finanzierung der kleinen Denkmale noch Stolperstein-Paten gesucht. Interessierte wenden sich an: Gelsenzentrum e.V., Telefon: 0209-9994676 oder Email: info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de
Gegen das Vergessen: Vor 25 Jahren verlegte Gunter Demnig den ersten Stolperstein
Vor genau 25 Jahren verlegte Bildhauer Gunter Demnig seinen ersten Stolperstein in Köln. Mittlerweile sind es mehr als 63.000 Steine in 23 Ländern Europas, die an Menschen erinnern, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Die Menschen, deren Namen die Steine tragen, waren u.a. Juden, Sinti und Roma, hatten Behinderungen oder waren politische Gegner des Nazi-Regimes.
Am 16. Dezember 1992 stemmte Gunter Demnig zum allerersten Mal einen Gehweg auf, um einen mit einer beschrifteten Messingplatte versehenen Stein in das Pflaster einzulassen. Das Datum war kein Zufall: Genau 50 Jahre zuvor hatte der "Reichsführer SS" Heinrich Himmler im sogenannten "Auschwitz-Erlass" die Ermordung aller in Deutschland lebenden Sinti und Roma angeordnet. Auf Demnigs Stein vor dem Historischen Rathaus in Köln waren die Anfangszeilen von Himmlers Erlass zu lesen, im Hohlkörper des Steines war der gesamte Text enthalten.
Der Kölner Künstler, der im Oktober seinen 70. Geburtstag feierte, hat seitdem mehr als 63.000 Stolpersteine verlegt, bis zu 500 im Monat. Die "Steine" sind kleine Würfel aus Beton, zehn mal zehn Zentimeter groß, auf denen oben eine Messingtafel eingelassen ist. Auf diesen Tafeln erinnert Demnig an Menschen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen.
"In die Gemütlichkeit einbrechen"
"Mit der Verlegung bricht der Künstler geradezu anarchisch, man könnte nach über 20 Jahren sagen: noch immer, in die Gemütlichkeit und Ordnung eines Wohnviertels oder einer Geschäftsstraße ein", schreibt der Historiker Hans Hesse in seinem gerade erschienenen Buch über das Stolperstein-Projekt. Denn längst nicht alle Anwohner seien mit den Steinen einverstanden. Aber da die Gehwege Eigentum der Stadt sind, kann Demnig sie mit Genehmigung der Kommune trotzdem verlegen.
Seine prominenteste Kritikerin ist Charlotte Knobloch, Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Sie wirft ihm vor, dass damit das Andenken der Menschen sprichwörtlich mit Füßen getreten werde. Demnig findet ihre Kritik aberwitzig. "Die Begründung, die dann immer angeführt wird, dass eine Zerstörung durch Nazis droht, ist absurd. Neonazis können ebenso gut ein Schild von der Wand nehmen", sagt er. Außerdem sei es verharmlosend, zu argumentieren, durch die Verlegung der Tafeln in den Boden werde symbolisch auf den Opfern des Nationalsozialismus herumgetrampelt: "Die Nazis haben sich nicht damit begnügt, auf ihren Opfern herumzutrampeln."
Stolperstein-Verlegungen 2017: Dank an alle Beteiligten
Alle am Projekt "Stolpersteine" Beteiligten tragen das Ihre dazu bei, der Erinnerung an Menschen, die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung geworden sind, den Platz zu geben, der ihr zusteht: in der Mitte der demokratischen Gesellschaft. Die Projektgruppe "Stolpersteine Gelsenkirchen" des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum bedankt sich bei den Menschen, die auf vielfältige Art und Weise die Recherchen, Vorbereitung und Durchführung der diesjährigen Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen unterstützt und damit ermöglicht haben.
Ihr Andreas Jordan
Angehörige zu Tränen gerührt: Reise zu den Wurzeln ihrer Vorfahren
An der Schalker Straße 75 erklang das Schubert-Lied "Auf dem Wasser zu Singen", intoniert von den Nachfahren der Familie Block auf Deutsch, Englisch und Hebräisch. SAT1.NRW begleitete diese Stolperstein-Verlegung mit der Kamera.
Menschen aus den USA, Australien, Israel, England und Frankreich kamen am Freitag nach Gelsenkirchen. Etwas verbindet sie alle, das mit dieser Stadt zu tun hat und dem Wunsch, sich zu erinnern. Daran, das ihre Vorfahren einmal Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt waren, bis diese unter der Naziherrschaft enteignet und zur Flucht gezwungen wurden. Wenige haben so überleben können. An der Schalker Straße (Familie Block) und an der Bahnhofstraße (Familie Gompertz) konnten die Nachfahren die Häuser ihrer Vorfahren betreten, an der Wittekindstraße sogar die Wohnung ansehen, in der die Familie Cohn bis zu ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland gelebt hat. 25 neue Stolpersteine des Bildhauers Gunter Demnig markieren nun an sieben Orten im öffentlichen Raum weitere Erinnerungsorte.
Erste Station an diesem Tag war die Poststraße 20 in Horst, hier erwarteten bereits Schülerinnen und Schüler einer zehnten Klasse der Michael-Ende-Schule mit ihrer Lehrerin den Spurenleger Gunter Demnig. Schweigend verlegte der Mann mit dem breitkrempigen Hut im strömenden Regen drei Stolpersteine vor dem Haus, dem letzten selbst gewählten Wohnort der Familie Günsberg. Die Flucht in das vermeintlich sichere Holland konnte ihr Leben letztlich nicht retten, Vater Josef wurde in Auschwitz, seine beiden Kinder im Vernichtungslager Sobibor ermordet.
Weiter ging es zur Schalker Straße 75, dort waren es fünf Stolpersteine, die Gunter Demnig ins Pflaster einsetzte und die nun an Familie Block erinnern. Mutter Hedwig hatten die Nazis in Riga erschossen, ihr "Verbrechen": sie hatte versucht, Brot ins Lager zu geschmuggeln.
Klaus Brandt erinnert an der Florastraße an das Unrecht, das dem Liebespaar wiederfuhr
Elisbeth Makowiak wurde denunziert und ernied- rigt - weil sie eine Liebesbeziehung mit dem jüdischen Möbelhändler Juda Rosenberg hatte. Bei einem so genannten "Prangermarsch" wurden Elisabeth und Juda von einer johlenden Meute durch die Gelsenkirchener Straßen getrieben. Vor Elisabeth Makowiaks Elternhaus an der Florastraße 76 zeugt nun ein Stolperstein von der öffentlichen Demütigung, an der Gelsenkircher aller Altersstufen teilnahmen.
Knut Maßmann erinnerte in seinem Wortbeitrag an Lebens- und Leidenswege der Familie Nussbaum
Im Gedenken symbolisch wieder zusammenge- führt wurde auch die Familie Nussbaum vor dem Haus Hildegardstraße 21. Das Ehepaar David und Malka Nussbaum stammten aus Galzien, ihre drei Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam wurden in Gelsenkirchen geboren. David starb im Konzentrationslager Sachsenhausen - angeblich an einer Lungenentzündung, Malka und ihre Kinder wurden bei Auflösung des Ghettos Riga ermordet.
Ein weiterer Stolperstein wurde vor dem Grillo-Gymnasium (im NS Städt. Realgymnasium an der Adolf-Hitler-Strasse) an der heutigen Hauptstraße 60 verlegt, Fritz Gompertz war einer der von dieser Schule vertreibenen jüdischen Schülern. Sein Sohn Ron, der eigens zur Verlegung mit seiner Familie und Hund Floyd aus Frankreich anreiste, konnte nach der Verlegung das Abgangszeugnis seines Vaters im Schularchiv ansehen.
Nachfahren der Familie Cohn in Gelsenkirchen
Dichtgedrängt standen die Nachfahren auch auf dem Gehweg vor dem Haus an der Wittekindstraße 21. Hier verlegte Gunter Demnig weitere fünf Stolpersteine im Gedenken an Familie Cohn. Möglich gemacht hatte das ein ehemaliger Bewohner des Hauses, der eine Sammlung zur Finanzierung dieser Stolpersteine angestossen hatte. Spontan lud ein Mieter die Gruppe nach der Verlegung in seine Wohnung ein - darin hatten einst die Cohns gelebt.
Ron und Michelle Gompertz an der Bahnhofstraße 22
Deutliche Worte fand Ron Gompertz an der Bahnhofstraße 22: "Dieses Haus war unser Zuhause, es wurde uns geraubt." Hier lebten seine Großeltern Leo und Betty Gompertz, sein Vater Fritz und dessen beiden Brüder Albert und Rolf. Nach der Stolpersteinverlegung ging einer von Rons Wünschen in Erfüllung: Einen Blick aus der obersten Etage über die Dächer der Gelsenkirchener Altstadt zu werfen. Von dort hatte sein Vater Fritz als 14-jähriger im November 1938 die beiden Türme der in Brand gesetzten Synagoge gesehen. Es war ein denkwürdiger Tag, an dem ein weiteres Kapitel Gelsenkirchener Stadtgeschichte geschrieben wurde. Wer dabei war, erlebte bewegende Momente voller Emotionen. Die Gegner des Kunstprojektes Stolpersteine hingegen blamierten sich von allein, denn eine symbolische Umarmung sieht anders aus.
Gelsenkirchen: Die Geschichte hinter den Stolpersteinen
161 Stolpersteine gibt es schon in Gelsenkirchen, am 24. November 2017 sind 25 weitere dazu gekommen. Sie erinnern an Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Sie erinnern auch an die Menschen, die ihr Leben durch Flucht retten konnten, im Gedenken werden Familien symbolisch wieder zusammengeführt. So wie die jüdische Familie Block. Ihre Nachfahren sind heute aus aller Welt angereist und zum ersten Mal in Deutschland.
Stolperstein-Verlegung 2017: Diese Steine haben etwas zu erzählen
Einmal mehr kommt Bildhauer Gunter Demnig am 24. November 2017 nach Gelsenkirchen. 25 Stolpersteine wird er dabei haben und diese in das Gelsenkirchener Pflaster einlassen.
Mit der Verlegung der Stolpersteine wird die Erinnerung an das Leben und Leiden verfolgter Menschen im so genannten "Dritten Reich" lebendig. Stolpersteine erinnern auch an Wendepunkte in den individuellen Lebenswelten, an eine oftmals glückliche Zeit, bevor Angst, Aus- grenzung und Rassenwahn das Leben der Verfolgten bestimmten. Namen kehren mit der Verlegung von Stolpersteinen zurück in unseren Alltag. Und zwar genau dort, wo die verfolgten Menschen vor ihrer Verhaftung, Flucht, Verschleppung oder Ermordung ihre Lebensmittelpunkte hatten, inmitten der Stadtgesellschaft – Vor den Türen ihrer Häuser.
In die Messingoberfläche der Stolpersteine werden von Hand Inschriften eingeprägt, die meist mit den Worten "Hier wohnte" beginnen, darunter Name, Geburtsjahrgang, Eckdaten der Verfolgung und der Todesort. Derart unauslöschlich gemacht, erinnert die Inschrift dauerhaft an Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, Religion, sexuellen Orientierung oder politischen Gesinnung von den Nazis verfolgt be- ziehungsweise zumeist ermordet worden sind. Im Gedenken sollen Familien wieder symbolisch "zu- sammengeführt" werden, so werden auch Familienmitglieder einbezogen, die überleben konnten.
Zur Teilnahme an den Verlegungen am 24. November 2017 sind alle Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich eingeladen. An 7 Orten in Gelsenkirchen wird Gunter Demnig 25 weitere Stolpersteine in das Pflaster Gelsenkirchener Gehwege einsetzen:
Wir weisen darauf hin, dass im zeitlichen Ablauf Verschiebungen möglich sind, planen Sie bitte jeweils ein Zeitfenster von +/- 15 Min. zu den genannten Uhrzeiten ein.
Novemberpogrome: Die Nacht als die Synagoge brannte
Abb.: Das Jüdische Hilfskomite Gelsenkirchen bittet 1946 um Einleitung eines Verfahrens wegen der in der Nacht vom 8. zum 9. November 1938 erfolgten Niederbrennung der Synagoge in Gelsenkirchen.
Einige Tage nach der Ausweisung seiner Eltern im Rahmen der „Polen-Aktion“ erschoß der 17jährige Herschel Feibel Grynszpan aus Verzweiflung darüber am 7. November 1938 einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris. Das Attentat nahmen die Nationalsozialisten bekanntermaßen zum Anlaß, um die Pogrome vom 7. bis 13. November 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu initiieren.
Erste gegen die jüdische Minderheit gerichtete Ausschreitungen im Zuge der so genannten „Novemberpogrome“ gab es bereits am Abend des 7. November 1938 mit Bekanntwerden des Attentats. In Kassel konnte an diesem Abend letztlich nur durch das beherzte Vorgehen eines Feuerwehrmannes das vollständige Abbrennen der Synagoge verhindert werden. Bereits am 8. November wurde die Synagoge in Bad Hersfeld – als eine der ersten in Nazi-Deutschland – in Brand gesetzt. Am gleichen Abend brannte auch die Synagoge in der Gelsenkirchener Altstadt. 1949 fand ein Strafprozeß vor dem Essener Schwurgericht gegen den mutmaßlichen Brandstifter Werner Karl Montel statt. In der Strafprozeßakte wird in den Zeugenaussagen durchweg von einer Inbrandsetzung der Gelsenkirchener Synagoge am Abend des 8. November 1938 gesprochen, ebenso im Urteil. Auch in so genannten „Wiedergutmachungsakten“ aus der zweiten Hälfte der 1940er Jahre findet sich dieses Datum als Zeitpunkt der Inbrandsetzung der Gelsenkirchener Synagoge in der Altstadt.
Der Höhepunkt der reichsweiten Ausschreitungen fand in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 statt, im kollektiven Gedächnis auch „Reichskristallnacht“ oder „Reichspogromnacht“ genannt. In diese Nacht wurden Synagogen, Bet- und Versammlungsräume in ganzen Reichsgebiet in Brand gesetzt und Geschäfte jüdischer Eigentümer verwüstet. Die Zerstörungen wurden am 10. November in Gelsenkirchen teilweise noch fortgesetzt. ... Weiterlesen
Filmvorführung: "Das zweite Trauma – das ungesühnte Massaker von Sant’Anna di Stazzema"
Den Dokumentarfilm "Das zweite Trauma – das ungesühnte Massaker von Sant’Anna di Stazzema" zeigt der Gemeinnützige Verein Gelsen- zentrum e.V. in Kooperation mit der VVN-BdA Gelsenkirchen am Dienstag, 17. Oktober 2017 um 19.30 Uhr im Kulturraum "die flora", 45879 Gelsenkirchen, Florastr. 26. (Einlass ab 19.00 Uhr) Jürgen Weber, Autor des Films, wird zur Diskussion anwesend sein. Der Eintritt ist frei.
Im nordtoskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema töteten im Sommer 1944 Einheiten der Waffen-SS 400 bis 560 Zivilisten, darunter viele Frauen und etwa 130 Kinder. 2015 wurde das Verfahren gegen den letzten noch lebenden Teilnehmer dieses Massakers in Deutschland eingestellt. In seinem Film „Das zweite Trauma“ zeichnet der Journalist, Autor und Regisseur Jürgen Weber historische und juristische Sachverhalte nach. Der Film lässt aber auch den Erinnerungen und Emotionen der Überlebenden Raum. Jürgen Weber arbeitet seit mehr als 20 Jahren zum Thema deutsche Besatzung in Italien, Widerstand und Partisanenkampf. Die Vorführung im Kulturraum "die flora", Florastraße 26, beginnt um 19.30 Uhr (Einlass ab 19.00 Uhr).
Veranstaltungsfoto: Querwege, Konstanz.
Veranstalter: Gelsenzentrum e.V., Gemeinnütziger Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Gelsenkirchen in Kooperation mit der VVN-BdA Gelsenkirchen
Veranstaltungsort: Kulturraum "die flora", 45879 Gelsenkirchen, Florastraße 26.
Die Veranstaltung wird von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert.
Hier wohnte ...
Drei Stolpersteine erinnern in Buer an der Horster Straße/Ecke Urbanusstraße an Familie Zwecher. Die Familien Löwenstein und Zwecher waren verschwägert, David Löwensteins Sohn Kurt war mit Guste Zwecher verheiratet.
Das Projekt Stolpersteine soll auch in Gelsenkirchen kontinuierlich fortgeführt werden. Ab sofort können Patenschaften für die Verlegungen im nächsten Jahr übernommen werden. So sollen dann in Buer Stolpersteine in Erinnerung an die Familie Löwenstein verlegt werden. David Löwenstein betrieb an der damaligen Ludwig-Knickmann-Straße 17 - der heutigen Horster Straße - ein Konfektionsgeschäft, bis die Familie mit staatlicher Legitimation wirtschaftlich ausgeplündert und zur Flucht gezwungen wurde. Für diese vier und weitere Stolpersteine muss das Geld noch aufgebracht werden. Mit 120 Euro kann jeder eine Patenschaft für Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins übernehmen, Spendenquittungen können ausgestellt werden. Spendenkonto des Gelsenzentrum e.V. bei der Sparkasse Gelsenkirchen - Vermerk: "Spende Stolpersteine". IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27
Gunter Demnig berichtet über die "Stolpersteine"
Sicher sind die kleinen quadratischen Steine mit der goldenen Platte schon vielen ins Auge gefallen. Auf einem Gehweg, in einer Fußgängerzone oder auf einem Platz. Was es mit den Stolpersteinen auf sich hat, erzählt der Urheber der Aktion, der Künstler Gunter Demnig im WDR bei daheim + unterwegs.
Die Dabeigewesenen
Abb.: NSDAP und angeschlossene Verbände Gelsenkirchen im Adressbuch 1939. Namentlich aufgeführt sind Kreisamtsleiter, Ortsgruppenleiter usw. (Zum Vergrößern anklicken)
In Hamburg ging kürzlich eine Datenbank online, die analog und ergänzend zur bereits für die in der Hansestadt vorhanden Stolpersteindatenbank die Dabeigewesenen in Kurzbiografien skizziert. Mit dieser Datenbank möchte die Landeszentrale für politische Bildung den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System gestützt und mitgemacht haben. Die Datenbank enthält eine Sammlung von Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedliche Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, sei es als Karrieristen, Profiteur*innen, Befehlsempfänger*innen, Denunziant*innen, Täter*innen und auch so genannte sogenannte Mitläufer*innen.
"Verbrecherische Systeme funktionieren nur dann, wenn Menschen an ihnen mitwirken, wenn Menschen sich entscheiden dabei zu sein, nahe dran zu sein, davon zu profitieren oder gar mit zu gestalten. Die Durchsetzung von Gewaltherrschaft benötigt Handelnde: Täterinnen und Täter; und sie benötigt Wegsehende und dadurch stumm Zustimmende oder nicht Widersprechende, sagt Dr. Sabine Bamberger-Stemmann (Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg), und weiter sagt sie:" Dabeigewesenen waren Nachbarn, Arbeitskolleginnen und -kollegen, Bekannte, Freundinnen und Freunde der Kinder. Sie waren keine Fremden, sondern sie gehörten zum vertrauten Umfeld. Zumindest waren sie ebenso wie viele Opfer ihrer Taten Bürgerinnen und Bürger der Stadt. Oder sie maßten sich an, als Menschen dieser Stadt im sog. "Tausendjährigen Reich" hierher verschleppte Menschen auszubeuten, zu erniedrigen oder gar zu töten."
Es reicht nicht, mit Stolpersteinen der Opfer zu gedenken
Dr. Rita Bake, die für die Hamburger Datenbank verantortlich zeichnet, geht es mit der neuen Datenbank "nicht um eine Anklage, nicht darum, mit dem Finger auf diese Menschen zu zeigen.“ Sie sei vielmehr eine nötige Voraussetzung, um überhaupt aus der Geschichte lernen zu können. Das wiederum setzt ein umfassendes Verständnis für die historischen Zusammenhänge voraus. Bake: „Wir können die Geschichte in ihrer Komplexität nur verstehen, wenn wir nicht nur die Opfer betrachten, sondern auch die Dabeigewesenen. Denn ohne die Dabeigewesenen hätte es keine Opfer gegeben.“
Die Dabeigewesenen - Gelsenkirchen
Abb.: Aufmarsch von Dabeigewesenen in Gelsenkirchen. Ohne die Dabeigewesenen hätte es keine Opfer gegeben.
Vor diesem Hintergrund werden wir auf unserer Internetpräsenz eine Rubrik unter dem Titel "Die Dabeigewesenen - Gelsenkirchen" - ähnlich der Hamburger Datenbank - anlegen und damit den Blick auf Gelsenkirchener*innen lenken, die das NS-System stützten, sich bereicherten und mitmachten. Denn auch in Gelsenkirchen wohnten Nazis oftmals Tür an Tür mit jüdischen Nachbarn oder Menschen aus anderen Verfolgtengruppen, die denunziert, ausgeraubt, vertrieben, deportiert und in den Konzentrationslagern ermordet wurden. Vom Raubgut, zum Beispiel dem Mobiliar der verfolgten Menschen, profitierten nicht nur Parteigenossen und bspw. Mitglieder von SA, Polizei und SS, sondern auch "einfache Volksgenossen" fast jeden Alters. Grundlage für die Gelsenkirchen betreffende Datensammlung sind bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. vom Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen, ISG), verschiedene andere Veröffentlichungen zu Gelsenkirchen im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die in den Archiven zur Verfügung stehen. Nicht zuletzt greifen wir dabei auch auf Ergebnisse unserer bereits getätigten Recherchen zurück.
Bahnhofstraße: Über die Vergangenheit stolpern
Abb.: Betty (geb.Isacson) und Leo Gompertz mit Albert, Rolf und Fritz (später Fred) in Gelsenkirchen, 1930.
Noch in diesem Jahr wird Bildhauer Gunter Demnig erste Stolpersteine auf der Bahnhofstraße verlegen. Die beliebte Einkaufsmeile im Herzen der Gelsenkirchener Innenstadt wurde in den 1930er Jahren im Volksmund 'Jerusalemer Straße' genannt, weil sich dort auch viele Geschäfte jüdischer Inhaber befanden. An der Bahnhofstraße 22, Ecke Klosterstraße war das alteingessene und bekannte Pelzhaus Gompertz beheimatet. Dort werden fünf Stolpersteine in Erinnerung an die im so genannten "Dritten Reich" vetriebene jüdische Familie Gompertz verlegt.
An sechs weiteren Orten im Gelsenkirchener Stadtgebiet wird Gunter Demnig am diesjährigen Verlegetag weitere 22 Stolpersteine einsetzen, der Termin und die Uhrzeiten der einzelnen Verlegungen werden rechtzeitig bekannt gegeben.
Abb.: Ein erster Umschlagentwurf für das geplante Buch „Stolperstein-Geschichten Gelsenkirchen“.
In Gelsenkirchen erinnern bisher 161 Stolpersteine an Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Opfer von Verfolgung, Vertreibung und Mord in der Zeit des Nationalsozialismus geworden sind. Weitere 25 der kleinen Denkmale kommen noch in diesem Jahr hinzu. Die Lebens- und Leidenswege der in Gelsenkirchen mit Stolpersteinen geehrten Menschen sollen jetzt auch in einem Buch dokumentiert werden.
Dazu haben die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen und der Weimarer Eckhaus-Verlag eine Projektpartnerschaft vereinbart. Der Verlag hat dazu ein Finanzierungskonzept entwickelt: Sponsoren können die Druckkosten für Klassensätze von jeweils dreißig Büchern über- nehmen, die Bücher werden dann kostenlos an Schulen abgegeben. Die Sponsoren können sich auch mit einem Begleitwort am Buchtext beteiligen und werden im Buch auf Wunsch mit Firmenlogo im Anhang erwähnt. Interessierte können sich für weitere Informationen bzzgl. der Gelsenkirchener Ausgabe an Andreas Jordan wenden: (info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de)
Ulrich Völkel (Hrsg.): "Helfen Sie mit, diese Buchreihe zu verwirklichen. Über 25 deutsche Städte haben bereits Interesse bekundet, sich mit Lebensgeschichten zu den Stolpersteinen ihrer Stadt in unsere Buchreihe einzubringen. Der Eckhaus Verlag sieht sich also einer großen Aufgabe für die kommenden Jahre gegenüber. Unser Engagement bei der Herstellung der Bücher ist dabei ehrenamtlich. Deshalb sind wir jederzeit dankbar für Sponsoren, die sich mit der Finanzierung eines Klassensatzes für die Schüler ihrer oder einer anderen Stadt engagieren. Auch einzelne Bücherspenden sind willkommen, diese fassen wir jeweils zu Sammel-Klassensätzen zusammen."
Pressemitteilung des Eckhaus-Verlag vom 12. Juni 2017:
Stolpersteine und Gedenken in Gelsenkirchen
Der Eckhaus Verlag Weimar hat die Idee des Kölner Bildhauers Gunter Demnig aufgegriffen, Opfern nationalsozialistischen Terrors, die zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurückzugeben, indem ihre Lebens- und Leidensgeschichte erforscht und für die Nachwelt erhalten werden soll. In der Buchreihe „Stolperstein-Geschichten in …“ erzählen engagierte Bürger, was sie in mühseliger Forschungsarbeit über die Opfer des Holocausts ihrer Stadt herausgefunden und des Gedenkens für wert befunden haben. Es ist im Sinne des Wortes notwendig, Vergangenes und Bewältigtes ins heutige Bewusstsein zu heben, um einer Wiederholung des Grauens rechtzeitig zu begegnen, ehe die warnenden Spuren gänzlich im Orkus des Vergessens versinken.
Die Nazis haben nicht nur Menschenleben ausgelöscht, sie haben auch die Biografien ihrer Opfer auslöschen wollen. Gunter Demnigs weltweit verlegte Stolpersteine – es sind inzwischen knapp 60.000 – und die Buchreihe des Eckhaus Verlages Weimar sind dieser Erinnerung und diesem Gedenken nicht aus nostalgischen Gründen geschuldet. Es geht um die Spuren heutigen Lebens in die Vergangenheit und in die Zukunft gleichermaßen.
Im September 2016 ist der erste Band „Stolperstein-Geschichten in Weimar“ erschienen. Mitglieder regionaler Vereine und Forschungsgruppen in mehr als 25 Städten haben um Aufnahme in die Buchreihe nachgefragt. Unter ihnen befand sich auch die Projektgruppe Stolpersteine in Gelsenkirchen. Sie wurde 2005 gegründet und ist organisatorisch Teil des Gelsenzentrum e.V., eines als gemeinnützig anerkannten Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte in Gelsenkirchen. Alle Mitglieder dieser Gruppe arbeiten ehrenamtlich. Ihre oft nur einem kleinen Kreis bekannte Tätigkeit hat öffentliche Anerkennung verdient. Auch das ist eine Absicht dieser Buchreihe. Der Verlag verfolgt mit dieser Buchreihe keine wirtschaftlichen Absichten. Alle Leistungen wie z. B. Lektorat, Layout und Öffentlichkeitsarbeit erfolgen kostenfrei.
Ganz besonders wendet sich das Buchprojekt an die jüngere Generation. Zahlreiche Spenden von Firmen, Institutionen und Einzelpersonen machen es möglich, die Bücher in Klassensätzen (jeweils 30 Stück) kostenlos an die Schulen abzugeben, wo sie, wie die Erfahrungen aus Weimar inzwischen überzeugend belegen, als wichtige Ergänzung zum Geschichtsunterricht verwendet werden. Schon in die Vorbereitung auf das Buch, während der vom Ministerpräsidenten Thüringens erfolgten Buchpremiere, und mit der als Tradition begründeten jährlichen Reinigung der Stolpersteine am 9. November wurden Schüler einbezogen. Geschichte wurde für sie auf diese Weise Erleben.
Die Gelsenkirchener Projektgruppe und der Verlag haben die Arbeit an dem Buch aufgenommen. Es soll 2018 in einer festlichen Premiere vorgestellt und an die Schulen übergeben werden. Schon jetzt können sich potenzielle Sponsoren einbringen, um Klassensätze zu stiften und damit die Realisierung des Buchprojektes zu gewährleisten.
Völkermord: 74. Jahrestag der Deportation Gelsenkirchener Sinti und Roma
Abb.: Internierungslager Reginenstraße in Gelsenkirchen, ca. 1938/39. Das Foto stammt aus einer Serie der so genannten "Rassehygienischen Forschungstelle" (RHF) und zeigt eine vorgebliche Lebenssituation Sinti und Roma, in Szene gesetzt von den "Rassebiologen" der RHF. Das die Aufnahme in einem Internierungslager entstand, ist für den Betrachter nicht ersichtlich. Diese Art von Fotos sollte die menschenverachtende NS-Darstellung des "Zigeunerlebens" unterstreichen.
Am 9. März 1943 wurden die noch in Gelsenkirchen in einem Internierungslager an der damaligen Reginenstraße lebenden deutschen Sinti und Roma festgenommen und in das so genannte "Zigeunerfamilienlager" Auschwitz-Birkenau verschleppt. In den Lagerbüchern des KZ ist die Ankunft der aus Gelsenkirchen verschleppten Menschen am 13. März 1943 festgehalten. Die Lebenswege von 164 Menschen endeten mit der Ermordung im „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau und die von 48 mit einem unbekannten Schicksal in Auschwitz. 31 als "Zigeuner" verfolgte Menschen mit Lebensmittelpunkt in Gelsenkirchen konnte eine Deportation nach Polen im Mai 1940 nachgewiesen werden, fünf weitere Menschen, ebenfalls Angehörige dieser Minderheit, wurden in anderen Lagern des so genannten "Dritten Reiches" ermordet.
Im Schlußwort der bisher einzigen in Buchform erschienen Dokumentation zu den Lebens- und Leidensspuren Gelsenkirchener Sinti und Roma im so genannten "Dritten Reich" von Stefan Goch aus dem Jahr 1999 schreibt der Autor zusammenfassend:
"Die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma wurde bürokratisch korrekt überwiegend vom Verwaltungsapparat der Stadt Gelsenkirchen und einigen weiteren Verwaltungs- und Verfolgungsbehörden des "Dritten Reiches" abgewickelt. (...) Im Gesamtprozeß kann festgestellt werden, daß die Gelsenkirchener Akteure keineswegs nur übergreifende Regelungen anwendeten und gewissermaßen "von oben" geführt und angewiesen handelten, sondern ein beträchtliches Maß an Eigeninitiative bei der Verfolgung von Sinti und Roma entwickelten. An der Verfolgung und Ermordung dieser Menschen nahmen zahlreiche "ganz normale" Gelsenkirchener teil. Wie deren schriftliche Hinterlassenschaften widerspiegeln, wußten diese, was sie taten, und sie hatten keinerlei nachweisbare Gewissensbisse. Keiner der an der Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma im Raum Gelsenkirchen Beteiligten wurde für die Beteiligung an der Verfolgung der Sinti und Roma in Gelsenkirchen zur Rechenschaft gezogen.
Diejenigen, die sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg mit der "Bekämpfung der Zigeunerplage" in Gelsenkirchen mit den hier dargestellten Ergebnissen befaßten, kamen aus der Mitte der lokalen Gesellschaft Gelsenkirchens und Deutschlands und spiegelten in ihrem Verhalten, ihren Denk- und Verhaltensweisen die lokale und die deutsche Gesellschaft wider. Am Beispiel Gelsenkirchens zeigt sich auch die zentrale Rolle der Zweige des Polizeiapparates, die gewissermaßen "im Schatten der Gestapo" an den Verbrechen während des "Dritten Reichs" beteiligt waren. Auch wird die umfassende Beteiligung von Teilen der Stadtverwaltung an den Verbrechen während des "Dritten Reiches" sichtbar.
Terror und Mord waren nicht das Werk einiger weniger Unterdrücker, sondern an der Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma im Raum Gelsenkirchen waren viele Gelsenkirchener und vor allem Gelsenkirchener Beamte beteiligt, die keineswegs allesamt überzeugte Nationalsozialisten waren. Weiterhin ist für die ganze deutsche ebenso wie für die lokale Gesellschaft festzustellen: Die hier dargestellten Ereignisse fanden mitten in der Gesellschaft statt. Die Ausgrenzung, Diskriminierung und offensichtliche Verfolgung von Sinti und Roma in Deutschland und in den besetzten Gebieten rief keine Proteste hervor."
(Schlußwort in: Stefan Goch, „Mit einer Rückkehr nach hier ist nicht mehr zu rechnen“ – Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma während des "Dritten Reiches" im Raum Gelsenkirchen; 1. Auflage 1999, Klartext, Essen. ISBN: 3-88474-785-1.)
Sohn übernimmt Patenschaft für Stolperstein - Angehörige wollen selbst zahlen
Abb.: Grillo-Gymnasium Gelsenkirchen
Sein Vater Fritz Gompertz gehörte ebenso zu den vom heutigen Grillo-Gymnasium unter der NS-Gewaltherrschaft vertriebenen jüdischen Schülern wie sein Onkel Albert Gompertz. Am Freitag begab sich Ron Gompertz gemeinsam mit Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) auf Spurensuche zu seinen familiären Wurzeln in Gelsenkirchen. Einer der ersten Wege führte zum Grillo-Gymnasium, dem damaligen "Städt. Realgymnasium an der Adolf-Hitler-Straße". Vor dem Schulgebäude an der Hauptstraße erinnern seit Anfang Oktober letzten Jahres die ersten sechs von insgesamt vierunddreißig zu verlegenden Stolpersteinen an von dieser Schule vertriebene jüdischen Schüler. Eines der kleinen Mahnmale ist Albert Gompertz gewidmet, einer der drei Söhne von Leo und Betty Gompertz. Von den Nazis in die Flucht getrieben, gelangte Familie Gompertz Ende der 1930er Jahre über Holland in die rettende USA.
Aus einem Bericht von Leo Gompertz:
"Am Mittag des 10. November (1938) kam dann Herr Hohnroth, der einige Jahre vorher Lehrer meines Sohnes Albert gewesen war, mit einer Gruppe von Gymnasiasten in unser Geschäft und zerstörte die Inneneinrichtung vollständig und alles, was noch nicht in der vorherigen Nacht verwüstet worden war. Meine jüdischen Angestellten wurden gezwungen, alles zu reinigen und die Glassplitter mit bloßen Händen aufzuheben. Mein zweiter Sohn Fritz, der zu dieser Zeit 14 Jahre alt war und als Lehrling in unserer Werkstatt gearbeitet hatte, wurde ebenso gezwungen, beim Aufräumen zu helfen. Für diese Zeit muss ich unseren jüdischen Frauen, die in dieser Zeit, ohne eine Träne zu vergießen und sich durch die Männer, die ihre Männer blutig geschlagen hatten, einschüchtern zu lassen, Haltung bewiesen, großes Lob
aussprechen. Sie taten alles, um ihre Männer so schnell wie möglich zu befreien." Unvergessen - Leo Gompertz, jüdischer Aktivist
Im Spätsommer diesen Jahres sollen vor dem Grillo weitere Stolpersteine verlegt werden, darunter dann auch ein Stolperstein für Fritz Gompertz. "Der Stolperstein für meinen Vater Fred (der früher den Vornamen Fritz trug) soll neben dem seines Bruders Albert liegen." wünscht sich Ron Gompertz, und weiter: "Es tut gut zu wissen, dass die Namen meiner Vorfahren in Gelsenkirchen nicht vergessen sind." In Absprache mit den Nachfahren werden schon bald an der Bahnhofstraße22/Ecke Klosterstraße Stolpersteine für die damals dort lebende Familie Gompertz verlegt. Im Gedenken wird die Familie so symbolisch wieder zusammengeführt - genau dort, wo sie einst ihren Lebensmittelpunkt hatten, bevor sie dem NS-Rassenwahn nur knapp entrinnen konnten.
An diesem Ort betrieb die Familie auch ein alteingesessenes und weit über Gelsenkirchen hinaus bekanntes Pelzgeschäft - bis das Geschäft staatlich legitimiert enteignet wurde - bei den Nazis "Arisierung" genannt. Für Montag steht noch das Institut für Stadtgeschichte und der Besuch des Jüdischen Friedhofs an der Wanner Straße/Oskarstraße auf Ron Gompertz Agenda. "Zur Verlegung der Stolpersteine komme ich wieder nach Gelsenkirchen, wenn es mir zeitlich möglich ist." sagt Ron, der seit kurzem neben der amerikanischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft hat, die seinen Vorfahren während des "Dritten Reiches" entzogen worden war. "Ich habe meinen deutschen Reisepass erst vor zwei Wochen bekommen, damit hat sich jetzt für mich mit meinem dritten Besuch Gelsenkirchens ein Kreis geschlossen." so Ron Gompertz. Die Stolpersteine, die für Leo, Betty, Albert, Fritz (später Fred) und Rolf Gompertz an der Bahnhofstraße 22 verlegt werden, wollen die Nachfahren aus verschiedenen Gründen selbst bezahlen.
Holocaust-Gedenktag 2017: Jugendorganisationen putzen Stolpersteine vor dem MIR
Abb.: Von li. n. re.: Salomon Tepper, Hanna Ramer, Sara Tepper und Leib Steuer. Die kleine Hanna Ramer konnte mit einem Kindertransport nach England gerettet werden.
Am Freitag, den 27. Januar findet am Kennedyplatz/Florastraße (Bushaltestelle vor dem MIR) eine Gedenkveranstaltung statt. DGB-Jugend Emscher-Lippe, Jusos und Falken Gelsenkirchen wollen um 14.30 Uhr die dort verlegten Stolpersteine putzen, eine Schweigeminute ist geplant. Acht Stolpersteine erinnern an dieser Stelle an die Lebens- und Leidenswege der jüdischen Familien Ramer und Tepper. Hanna Ramer konnte mit einem Kindertransport nach England gerettet werden, ihr Vater Jakob Ramer wurde 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen, Mutter Lisa Ramer in Riga ermordet. Max Tepper überlebte versteckt in Holland, seine Schwester Anna wurde in Sobibor, Schwester Dora in Auschwitz ermordet. Die Spur seines Vaters Salomon verliert sich im so genannten " Durchgangsghetto" Izbica bei Lublin, Mutter Sara wurde in Riga ermordet.
Im Anschluss findet dann im Foyer des Großen Hauses im MIR ab 15.30 Uhr eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Institut für Stadtgeschichte (ISG) und der Jüdischen Gemeine Gelsenkirchen im Rahmen des Internationalen Gedenktages der Opfer des Holocaust statt. Der Einritt ist frei.
Briefe an einen geretteten Sohn
Abb.: Unter Mitwirkung der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland konnte Ernst Alexander nach Amerika in Sicherheit gebracht werden.
Der Gelsenkirchener Ernst Alexander konnte 1938 mit einem Kindertransport in die USA in Sicherheit gebracht werden. Eine jüdische Familie in Nebraska adoptierte den Jungen. Aus dieser Zeit ist ein Konvolut von Briefen und Postkarten erhalten, die Frieda Alexander zwischen September 1938 und November 1941 u.a. an ihren geliebten Sohn schrieb, darunter ist auch der Briefwechsel zwischen den Freunden Ernest Alexander (Er änderte in den USA seinen Vornamen "Ernst" in "Ernest") und Isidor Jeckel. Die in Israel lebenden Söhne von Ernest Alexander hatten uns diese Briefe als digitale Kopien nebst von Ernest Alexander gefertigten Abschriften vor geraumer Zeit zu lokalgeschichtlichen Forschungszwecken zur Verfügung gestellt. Es sind bewegende Zeugnisse, die tiefe Einblicke in das jüdische Leben unter der NS-Gewaltherrschaft in Gelsenkirchen geben.
Frieda Alexander beschreibt darin Warten und Bangen, ob eine Flucht aus Nazi-Deutschland doch noch gelingen kann. Sie beschreibt, wie sich Freude über Alltäglichkeiten und Hoffnungslosigkeit im Alltag der jüdischen Menschen gegen Ende der Dreißiger Jahre abwechseln. Sie berichtet in ihren Briefen auch von der Vertreibung aus ihrer der Wohnung an der Ringstraße und den zwangsweisen "Umzug" in eines der so genannten "Judenhäuser" Gelsenkirchens an der Wanner Str. 4. Im letzten Brief deutet Frieda Alexander an, dass sie von der anstehenden Deportation erfahren hat. Am 27. Januar 1942 wird sie von Gelsenkirchen in das Ghetto Riga deportiert. Bei einer der Mordaktionen im Ghetto, bei denen die als gesund und "arbeitsfähig" geltenden Menschen von der SS selektiert und zunächst weiterleben "durften", wurde Frieda Alexander am 26. März 1942 ermordet.
Unserer Anregung folgend, ist das Briefkonvolut zwischenzeitlich von der Familie an Yad Vashem übergeben worden. Aufgenommen in die digitale Kollektion der Gedenkstätte Yad Vashem sind diese Briefe jetzt online verfügbar. Auf der verlinkten Seite "2-Scanned File" anklicken, es öffnet sich ein Viewer, in dem die Briefe einzelnd in hoher Auslösung gelesen werden können.
Familiengeschichte: Tochter bringt Licht ins Dunkel
Abb.: Feiga Jeckel entkam den Nazis, ein evangelischer Pfarrer rettete ihr Leben
Am Samstag traf ich mich mit Cindy in Gelsenkirchen, die mit ihrem Mann David eigens aus England anreiste, um die für die Familie ihrer Mutter Feiga verlegten Stolpersteine zu besuchen. David hatte bei Recherchen im Internet mehr zufällig ein Foto von Cindys Großmutter entdeckt. Seine Verwunderung war groß, hing doch genau dieses Foto seit vielen Jahren zuhause an der Wand. Doch wie kam es ins Internet?
Die Auflösung des Rätsels war nur einige wenige Mausklicks entfernt. Stolpersteine für Markus, Cilla und Isidor Jeckel, verlegt an der Hauptstraße 63, dokomentiert im Web auf unserer Internetpräsenz. Dort fand David genau das Foto, dass die bereits verstorbene Rosa Jeckel 1977 als Abzug an Yad Vashem gegeben hatte - niemand in der Familie hatte davon gewusst.
Unsere Recherchen hatten zwar auf die Spuren der drei Schwestern Else, Rosa und Feiga Jeckel geführt, auch stand fest, das diese ihr nacktes Leben Ende der Dreißiger durch die Flucht nach England retten konnten. Doch die schlechte Quellenlage ließ bisher keine Stolpersteinverlegung für die Tanten und die Mutter von Cindy zu, zu vage waren unsere Rechercheergebnisse. Erst Cindy brachte durch mitgebrachte Dokumente und Fotos sowie weiteren biografischen Details aus der Familiengeschichte Licht ins Dunkel. Wir konnten so die Dokumentation der Lebens- und Leidenswege der Familie Jeckel auf unserer Internetpräsenz ergänzen. Die drei Stolpersteine sollen nachverlegt werden, so wird Familie Jeckel im Gedenken symbolisch wieder zusammengeführt. Nun ist die Bürgerschaft gefordert: Zur Finanzierung der Stolpersteine für Else, Rosa und Feiga Jeckel werden Stolperstein-Paten gesucht. Info: (0209) 9994676 oder per Email: Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen
Hans-Sachs-Haus im Dritten Reich: Hier regierten die Diener Hitlers
Abb.: Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen. Zwischen 1933-1945 Unrechtsort und Sitz der Stadtverwaltung. Foto:ISG, Fotosammlung, Bild-Nr. 409
Die Rolle der Kommunen bei der NS-Verfolgungspolitik werden noch immer unterschätzt. Dabei führten die Rathäuser nicht nur Weisungen aus, sondern gingen immer wieder über zentrale Vorgaben hinaus. Städte und Gemeinden spielten im Dritten Reich eine wichtige Rolle, hatten sie doch als untere Verwaltungsbehörden die NS-Politik auf kommunaler Ebene umzusetzen. Die Kommunalverwaltungen standen in engem Kontakt mit der Bevölkerung und erfuhren deren Reaktionen - zustimmender wie ablehnender Art - unmittelbarer als jede andere Behörde. Aus Sicht des Regimes erfüllten sie eine wichtige Funktion: Für den Durchhaltewillen und die Moral der Bevölkerung ist zum Beispiel die Bedeutung des kommunalen Krisenmanagements nach Bombenangriffen kaum zu überschätzen. Aufgrund ihrer integrativen Funktion waren die Kommunen auch in die NS-Verfolgungspolitik involviert - sonst wäre diese nicht so "effektiv" durchzusetzen gewesen. Es gibt wohl kaum eine Verfolgungsmaßnahme, bei der kommunale Stellen nicht einbezogen oder wenigstens darüber unterrichtet gewesen wären. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass die Mitwirkung der Kommunen an der NS-Verfolgungspolitik lange Zeit wenig beachtet wurde. Lokalgeschichtliche Abhandlungen beschränken sich häufig auf die "Gleichschaltung" der Rathäuser und brechen danach ab. Die NS-Verfolgungspolitik durch die Kommunen ist weithin noch immer nur unzureichend erforscht.
Die Städte und Gemeinden waren stärker in die NS-Verfolgungspolitik einbezogen als bislang angenommen. Sie entließen Mitarbeiter aus rassischen und politischen Gründen. Sie wirkten an der Judenverfolgung und an Deportationen mit, "arisierten" Kunstgegenstände, private Bibliotheken, Gold- und Silbergegenstände sowie Immobilien. Die kommunalen Gesundheitsämter sorgten für die massenhafte Sterilisierung von "Erbkranken". Die Stadtverwaltungen vertrieben Sinti und Roma aus ihren Wohnungen und verfolgten sie. Die städtischen Bauämter beschäftigten in großer Zahl Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Besonders bemerkenswert ist, dass die kommunalen Beamten und Angestellten ihre Handlungsspielräume häufig nicht im Sinne der Opfer nutzten, sondern immer wieder über Direktiven "von oben" hinausgingen bzw. sogar Verfolgungsmaßnahmen aus eigenem Antrieb ersannen. Auf dem Gebiet der Verfolgungspolitik lassen sich keine nennenswerten Gegensätze zwischen den Kommunen und den örtlichen Parteistellen ausmachen, die sich ansonsten heftige Konflikte lieferten. Daher muss das Bild von einem Gegensatz zwischen der "alten Bürokratie" und der neuen NSDAP-Bürokratie, wie es in der älteren Literatur entwickelt wurde, in Frage gestellt werden.
Für die Lokalgeschichtsschreibung tut sich hier ein weites Forschungsfeld auf, wie sich am Beispiel der Edelmetallabgabe zeigen lässt, die Juden 1939 aufgezwungen worden war. Binnen zweier Wochen hatten sie alle Gegenstände aus Silber und anderen Wertmetallen in den städtischen Pfandleihhäusern abzuliefern. Der Ankauf war ein verkappter Raub, denn gezahlt wurden lediglich zwei Pfennig pro Gramm Silber. Diese zentrale, organisatorisch aufwändige Verfolgungsmaßnahme wurde nicht von der Partei oder der Gestapo, sondern von den Kommunen ausgeführt. In rund 60 kommunalen Pfandleihanstalten im Reich wurden so genannte öffentliche Ankaufstellen eingerichtet, in denen Verwaltungsmitarbeiter die abgegebenen Gegenstände registrierten, ihren Wert abschätzten, den Juden eine geringe Entschädigung dafür auszahlten, die Gegenstände einschmelzen ließen, versteigerten oder an eine zentrale Stelle nach Berlin weiterleiteten. Die Leihämter schickten insgesamt 135 Tonnen Silber und 1,3 Tonnen Gold an die Schmelzanstalten. Die Gesamteinnahmen der öffentlichen Ankaufstellen für Wertsachen von Juden werden mit reichsweit mit rund 54 Millionen RM beziffert.
Andere Verfolgungsfelder in der lokalgeschichtlichen Darstellung
Auch andere Verfolgungsfelder fehlen in vielen lokalgeschichtlichen Darstellungen. Letztlich ließe sich über die erwähnten Beispiele hinaus anhand jedes beliebigen kommunalen Amtes die Mitwirkung der Städte an der NS-Verfolgungspolitik dokumentieren:
Die Personalämter entließen nach dem Berufsbeamtengesetz Mitarbeiter aus politischen und rassischen Gründen.
Die Sportämter beschlagnahmten die Sportanlagen von jüdischen Vereinen und der Arbeiterbewegung.
Die Gartenverwaltungen vertrieben Juden aus den öffentlichen Grünanlagen.
Die Statistischen Ämter ermittelten die Anzahl von Juden und "Mischlingen" im Stadtgebiet in Zusammenarbeit mit der Geheimen Staatspolizei.
Die Einwohnerämter führten Suchkarten des Gesundheitsamtes für Geschlechtskranke.
Die Wohlfahrtsämter lieferten Informationen in Sterilisations- sowie Ehegesetzgebungsverfahren und waren an der Verfolgung von "Asozialen" beteiligt.
Die Standesämter arbeiteten bei der Umsetzung der Ehegesetzgebung mit den Gesundheitsämtern Hand in Hand.
Die Stadtarchive lieferten Material zur "Sippenforschung".
Die Schulämter gaben Beurteilungen von Hilfsschülern zur Verwendung in Sterilisationsverfahren weiter und schlossen jüdische Kinder vom Unterricht aus.
Die Wohnungsämter vertrieben Juden, Sinti und Roma aus ihren Wohnungen und bereiteten Deportationen vor.
Die Fürsorgebehörden schlossen Juden von Sozialleistungen aus.
Die Oberbürgermeister genehmigten in vielen Kommunen die "Arisierungen" von Einzelhandelsgeschäften.
Die Grundstücksämter kauften Immobilien von jüdischen Eigentümern, die auswandern mussten oder deportiert wurden.
Die Kämmereien verbuchten das "arisierte" Vermögen in den städtischen Haushalten.
Die Bauämter organisierten die städtischen Kriegsgefangeneneinsätze.
Die Wirtschafts- und Ernährungsämter waren für die Lebensmittelrationierung für sämtliche Einwohner zuständig - inklusive der Juden sowie der Insassen in Gefängnissen, Gefangenen- und Konzentrationslagern. Kaum eine Behörde verfügte über einen solch umfassenden Überblick über das NS-Lagersystem.
Die Liste ließe sich fortsetzen. War es in Gelsenkirchen anders? Davon ist nicht auszugehen. Im Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1939 sind beispielsweise die jeweiligen Leiter der einzelnen Ämter innerhalb der Stadtverwaltung namentlich aufgeführt - Wer war wann in welche Entrechtungs- und Verfolgungsmaßnahme involviert? Den Kommunen bleibt viel Arbeit, wenn sie ihre Mitwirkung an der NS-Verfolgungspolitik aufarbeiten wollen. Dabei darf der Blick sich nicht nur auf das antidemokratische und rassistische Verwaltungshandeln vor 1945 beschränken, dazu gehören auch erste Formen des Umgangs mit der eigenen Vergangenheit, etwa Fragen der Entnazifizierung, die Entschädigung Betroffener oder auch die Wiedereingliederung "belasteter" Beamter.
Anregung findet keine Mehrheit - Gedenktafel abgelehnt
Die von Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) jüngst angeregte Errichtung einer Gedenktafel am Haupteingang des Hans-Sachs-Hauses, die expliziet auf die Beteiligung der Gelsenkirchener Stadtverwaltung an Verfolgungs- und Vernichtungspolitik im so genannten "Dritten Reich" verweisen sollte, wurde vom zuständigen Kulturausschuss in der Sitzung vom 1. Februar 2017 mehrheitlich abgelehnt. Begründet wurde die Ablehnung u.a. mit dem Hinweis auf eine im Foyer des HSH angebrachte Tafel, die jedoch lediglich die Baugeschichte des Hans-Sachs-Hauses beleuchtet und zudem "verdeckt" angebracht worden ist. Erinnerungs- und Geschichtspolitik erfordert auch Mut, mit der Ablehnung einer Gedenktafel wurde eine Chance vertan, jenseits von fragwürdigen Entlastungstrategien eine Deutung der Lokalgeschichte wach zu halten, die nichts abschwächt oder verharmlost. Das es auch anders geht, hat vor einiger Zeit das Polizeipräsidium in Gelsenkirchen-Buer gezeigt. Am Gebäude erinnert nun eine öffentlich zugängliche Erinnerungsorte-Tafel u.a. an die Beteiligung Gelsenkirchener Polizeibeamter während der NS-Gewaltherrschaft in den Polizeibataillonen 65 und 316 an Massenmord und Verbrechen hinter der Front.
Am 20. Januar jährt sich zum 75. Mal der Tag der so genannten Wannseekonferenz
Abb.: Gauleiter Meyer an erster Stelle auf der Teilnehmerliste der Wannseekonferenz. Alfred Meyer war von 1923 bis 1930 zunächst Zechenbeamter auf der Zeche Graf Bismarck in Gelsenkirchen. Am 1. April 1928 trat er der NSDAP bei und wurde sogleich Ortsgruppenleiter der Partei in Gelsenkirchen. 1929/30 stieg er zum Leiter des Bezirks Emscher-Lippe auf. Im November 1929 wurde er als einziges NSDAP-Mitglied in den Rat der Stadt Gelsenkirchen gewählt. Im September 1930 zog er als Abgeordneter in den Reichstag für den Wahlkreis Westfalen-Nord ein. Klick: Besprechungsprotokoll lesen.
Der Massenmord an Juden sowie an Sinti und Roma war längst beschlossene Sache und schon im Gange. Die ersten Züge mit ihrer Menschenfracht rollten bereits Richtung Osten, als die berüchtigte Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 in einer Villa am Großen Wannsee bei Berlin stattfand. Hauptzweck der Konferenz - in den Einladungen als "Besprechung mit Frühstück" bezeichnet - war die Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas zur Vernichtung in den Osten zu organisieren und zu koordinieren. Einziger Tagesordnungspunkt: "Die Endlösung der Judenfrage". Die Teilnehmer, 15 führende Nazis, darunter Vertreter der SS und aller betroffenen Staatsbehörden, legten den zeitlichen Ablauf für die weiteren Massentötungen fest, grenzten die dafür vorgesehenen Opfergruppen genauer ein und einigten sich auf eine Zusammenarbeit unter Leitung von Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes. Adolf Eichmann, der "Judenreferent" Heydrichs, war für das Protokoll zuständig.
Heydrichs Plan sah die systematische Vertreibung und Vernichtung von rund elf Millionen Menschen vor. Er nannte ihn "Endlösung der europäischen Judenfrage", das bedeutet nichts anderes als die Koordination des Massenmordes, geplant war die systematische Vertreibung und Vernichtung von rund elf Millionen jüdischer Menschen. Vorgesehen war der Einsatz der Verschleppten zum Straßenbau im Osten, "wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird". Der "verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden". Hunderttausende der deutschen "Volksgenossen" halfen dabei mit, allein 6 Millionen jüdische Menschen fielen der Massenvernichtung zum Opfer - eines der größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte. Weiterlesen: Koordination des Massenmordes
75. Jahrestag der Riga-Deportation: Ausstellungshalle in Gelsenkirchen war "Juden-Sammellager"
Abb.: Symbolfoto, Juden in Coesfeld werden am 10. Dezember 1941 für den Abtransport in das Ghetto Riga "gesammelt". Foto: YIVO Institute for Jewish Research, New York
Am 27. Januar 1942 vollzog sich mit der Deportation in das Ghetto Riga einer der letzte Schritte zur Vernichtung der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchens. Der 27. Januar sollte nach meinem Dafürhalten zum zentralen Gedenktag für die örtliche Geschichte des Holocaust werden. Nicht zuletzt symbolisiert dieser Tag exemplarisch auch die kommunale Mitwirkung an der NS-Politik, denn die Stadt Gelsenkirchen hatte als untere Verwaltungsbehörde die NS-Vernichtungspolitik auf kommunaler Ebene umzusetzen. Die Ausgrenzungsgesellschaft trug ebenso auch die gegen die jüdische Minderheit gerichteten Zwangsmaßnahmen mit. Zeitgleich wird am 27. Januar der Internationale Holocaust-Gedenktag begangen: Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die letzten Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Aus diesem Anlass wird inzwischen jedes Jahr am 27. Januar in vielen Städten Europas an den industriellen, millionenfachen Massenmord der Nazis erinnert.
Einige Tage vor dem Abtransport in das Ghetto Riga wurden die von der Deportation Betroffenen zur Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz verschleppt. In dieser Halle, von den Nazis zum temporären “Judensammellager“ umfunktioniert, wurden rund 360 jüdische Frauen, Männer und Kinder jeden Alters aus Gelsenkirchen eingepfercht, etwa 150 weitere jüdische Menschen wurden aus umliegenden Städten nach Gelsenkirchen transportiert. Die NS-Verfolgungsbehörden stellten in diesen Tagen ab Gelsenkirchen einen der so genannten „Judensammeltransport“ zusammen. Die Menschen wurden im Sammellager ihrer Wertsachen beraubt, Frauen und Mädchen wurden gynäkologisch untersucht, um so jedes mögliche Versteck für Schmuck oder Geld aufzuspüren.
Vor 75 Jahren sahen an diesem 27. Januar die in der Ausstellungshalle 506 eingesperrte Menschen einer schrecklichen, von den Nazis bereits vorbestimmten Zukunft entgegen. Die Menschen wussten nicht, was sie am Bestimmungsort erwarten sollte. Einige Wochen vor der Deportation hatten die Betroffenen bereits Briefe erhalten, darin wurde dem Empfänger mitgeteilt, dass er zur „Evakuierung in den Osten“ eingeteilt ist und sich an einem bestimmten Tag für den Transport bereit zu halten habe.
Die Menschen glaubten zu diesem Zeitpunkt noch an einen "Arbeitseinsatz" im Osten, wurde doch in dem Brief detailliert aufgelistet, welche Ausrüstungsgegenstände mitzunehmen sind: Schlafanzüge, Nachthemden, Socken, Pullover, Hosen, Hemden, Krawatten, warme Kleidung, Näh- und Rasierzeug, Bettzeug, Medikamente und Verpflegung. Arbeit im Osten, daran glaubte man. Denn Arbeit bedeutet Brot, und Brot bedeutet Leben, bedeutet Überleben, so dachte man. Niemand konnte sich vorstellen, dass das alles nur Lug und Trug war, perfider Teil eines Mordplans, den die Nazis „Endlösung“ nannten. In den frühen Morgenstunden des 27. Januar 1942 wurden die Menschen dann zum alten Güterbahnhof getrieben, ihr weniges Gepäck wurde verladen. Der Zug verließ schließlich Gelsenkirchen in Richtung Riga. Dieser Menschentransport war der erste aus Gelsenkirchen, weitere in das Ghetto Warschau, in das Ghetto und "Durchgangslager" Theresienstadt sowie dem Arbeitslager Elben sollten folgen.
Die von der Deportation betroffene jüdische Bevölkerung Gelsenkirchens musste den Transport in das Ghetto Riga, der für die meisten eine Reise in den Tod war, selbst bezahlen. Aus dem Nachlass von Lewis R. Schloss aus Gelsenkirchen-Horst sind Benachrichtigungen im Zusammenhang mit der Deportation erhalten. Die staatlich legalisierte Ausplünderung jüdischer Menschen setzte sich auch bei der Deportation fort: Für drei Familienmitglieder mussten 150,- RM als „Gebühr Evakuierung“ und 120,- RM „Transportkosten“ für die Mitnahme der beweglichen Habe gezahlt werden – gegen Quittung. Die Waggons mit den wenigen Habseligkeiten der Verschleppten wurden jedoch bereits in Hannover abgehängt, ihren Besitz haben die Menschen nie wiedergesehen. Diese Dokumente weisen wie kaum andere auf die perfide und zynische Handlungsweise der Nazis, mit der diese die Deportation vorbereiteten und organisierten. Die so genannte „Endlösung“ war zu diesem Zeitpunkt längst beschlossene Sache.
Die Deportationsrichtlinien erließ das so genannte "Judenreferat" des Reichssicherheitshauptamtes. Die örtlichen Stapoleitstellen fassten sie für den lokalen Bereich zusammen und organisierten für ihren Zuständigkeitsbereich den gesamten Abtransport. So waren der Dienstsitz der Stapoleitstellen das Zentrum, zu dem die Judentransporte der umliegenden Städte und Gemeinden zumeist zusammengeführt wurden, um dann den Transport gemäß den Absprachen mit der Deutschen Reichsbahn auf seinen verhängnisvollen Weg zu schicken. Die lokale Schutzpolizei begleitete die Transporte bis nach Riga. Diese Männer waren natürlich in Besitz einer Rückfahrkarte.
Die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ und die noch bestehenden jüdischen Gemeinden, die unter dem Kuratel der Gestapo standen, wurden gleichermaßen mit einbezogen. Sie waren gezwungen, die Deportationslisten nach den Richtlinien der Gestapo zusammenzustellen, die dann von der Staatspolizei überarbeitet und genehmigt wurden. Sie „betreuten“ die Menschen bis zum Abtransport. Auf dem Weg nach Riga wurden weitere Menschen an verschiedenen Haltepunkten – u.a. in Dortmund, Bielefeld und Hannover – in den Zug gezwungen. Der Deportationszug der Deutschen Reichsbahn erreichte schließlich mit etwa 1000 Menschen am 1. Februar 1942 das Ghetto Riga in Lettland.
Plan des Rigaer Ghettos mit den verschiedenen Zonen nach dem 8. Dezember 1941. (Erstellt von Peter Palm, Berlin.) Die Juden aus Gelsenkirchen und Umgebung, die so genannte "Dortmunder Gruppe" war in der Ludzas iela 36 (Nähe Prager Tor) untergebracht.
Die allermeisten der am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen nach Riga verschleppten jüdischen Menschen wurden von den Nazis ermordet. Die oftmals einzigen Spuren ihres Lebens finden sich heute meist nur noch in den alten Meldeunterlagen der Stadtverwaltung. Es sind verschleiernde bürokratischen Vermerke wie „amtlich abgemeldet“, „nach dem Osten abgeschoben“ oder „unbekannt verzogen“. Es blieben von den Verschleppten nur wenige Menschen am Leben, die zurückkehrten und Zeugnis ablegen konnten.
Heute erinnert an diesem Gelsenkirchener Tatort am Wildenbruchplatz (fast) nichts mehr an das „Judensammellager“ und die Deportation vom 27. Januar 1942. Im Gehweg vor der Polizeiwache liegt ein Stolperstein. Das kleine Denkmal erinnert an die Jüdin Helene Lewek, die sich in der Ausstellungshalle der bevorstehenden Deportation durch Flucht in den Tod entzog. Derzeit erinnert nur dieser Stolperstein symbolisch auch an die jüdischen Menschen aus Gelsenkirchen und Umgebung, die in der Ausstellungshalle "gesammelt" und am 27. Januar 1942 nach Riga in Lettland verschleppt worden sind. Die von mir im Frühjahr 2014 an den Rat der Stadt Gelsenkirchen gerichtete Anregung, am damaligen Standort des Sammellagers einen Gedenk- und Erinnerungsort zu errichten, ist bisher nicht realisiert worden. (aj)
Nachfahren aus Südafrika auf Spurensuche in Gelsenkirchen
Abb.: Siegfried Block und seine Ehefrau Hedwig, um 1919
Marion Block begab sich in an Heiligabend in Gelsenkirchen-Schalke auf Spurensuche zu ihren familiären, deutschen Wurzeln. Begleitet von Peter Joseph, auch aus seiner Familie sind Menschen von den Nazis ermordet worden, daran erinnern bereits Stolpersteine in Düssel- dorf und Berlin. "Wir stehen seit längerer Zeit im Dialog, die Familie wünscht sich Stolpersteine zur Erinnerung an ihrer unter der NS-Gewalt- herrschaft ermordeten Angehörigen" sagt Andreas Jordan, Projektleiter der Stolperstein-Initiative in Gelsenkirchen, "Heute haben wir uns endlich persönlich kennengelernt".
Nachdenklich steht Marion Block im Hof des Hauses an der Schalker Straße 75. "Ich war niemals vorher in Deutschand, spreche die Sprache nicht - obwohl ich einen deutschen Pass habe. Hier haben meine Großeltern gelebt, mein Vater Kurt und seine Geschwister wurden in dieser Stadt geboren, Vater hat hier seine Kindheit und Jugend verbracht. Es ist ein seltsames Gefühl, hier zu sein." sagt sie leise.
Bereits 1868 hatte Siegfried Blocks Vater Gumpel Block an der Liboriusstraße 37 das Möbelgeschäft der Familie gegründet. Nach dem Tod von Gumpel Block wurde der alteingesessene Familienbetrieb 1905 mit einem Neubau an der Schalker Strasse 75 erweitert. Mit der Machtübergabe 1933 an die Nazis und den in der Folgezeit ständig zunehmenden Repressionen gegen Juden verschlechterte sich die gesamte Lebenssituation der Familie Block zusehends. Das Möbelgeschäft Block nebst Immobilien wurde schließlich 1937 "arisiert" - wie die Nazis die Enteignung jüdischen Eigentums verschleiernd nannten. Neue Eigentümer der Möbelhandlung Block wurden die "arischen" Eheleute Theodor und Christine Ernsting, geborene Rosing, die das Geschäft - jetzt unter dem Namen "Rosing" - an gleicher Stelle fortführten. Unternehmen wie Rosing konnten mit der "Arisierung" ihren Profit enorm steigern und ihre wirtschaftliche Stellung so weiter ausbauen.
Die Kinder der Familie Block konnten 1936 Gelsenkirchen noch rechtzeitig verlassen. Siegfried Block starb 1937, seine Frau Hedwig wurde am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen in das Ghetto Riga verschleppt. Bei dem Versuch, Brot ins Ghetto zu schmuggeln, wurde Hedwig erwischt. Die SS bestrafte Schmuggel mit dem Tod, Hedwig Block wurde im Rigaer Zentralgefängnis ermordet. Im nächsten Jahr werden vor dem Haus an der Schalker Straße 75 fünf Stolpersteine zum Gedenken an Familie Block verlegt, die Finanzierung ist durch die Übernahme von Patenschaften bereits gesichert.
Grillo-Gymnasium: Weitere Stolpersteine sollen an jüdische Schüler erinnern
Abb.: Die ersten sechs von insgesamt vierundreißig Stolpersteine im Gedenken an ehemalige jüdische Schüler des Grillo-Gymnasiums hat Gunter Demnig Anfang Oktober 2016 vor dem Schuleingang an der Hauptsraße 60 verlegt.
Zwischen 1933 und 1938 lernten insgesamt 34 jüdische Schüler an damaligen Städtischen Realgymnasium, dem heutigen Grillo-Gymna- sium. Der sich ständig verschärfenden Antisemitismus im so genannten "Dritten Reich" bewegte viele Eltern zur Flucht ins Ausland. Zwischen Mai 1933 und Oktober 1934 waren 14, zwischen Januar 1935 und Oktober 1936 insgesamt 16 und 1938 die letzten 4 jüdischen Schüler gezwungen, das Realgymnasium zu verlassen. Wer von den Eltern zu lange mit der Flucht gezögert hatte, konnte oftmals nur noch das Leben der Kinder retten. Weitere Stolpersteine für von dieser Schule vertriebene Schüler sollen in nächster Zeit verlegt werden, jüdische Schüler in anderen Klassen waren: Walter Josef Hes, Fritz Gompertz, Fred, Leo, Saul und Diament, Max Rosenbaum, Herbert Werner Wolff, Leo Weißmann, Leo Flescher, Helmut Lieber, Jakob Winter, Josef und Manfred Kamiel, David Blitz, Peter Jakobsohn, Benno Sass, Willy Landsmann, Otto Plaat, Heinz vom Ments, Viktor Cohen, Erich Silberberg, Heinz Löwenthal, Hans Schul, Kurt und Werner Alexander, Hans Alexander, Hermann und Salo Jampel. Für diese jungen Menschen können ab sofort Stolperstein-Patenschaften zur Finanzierung der kleinen Denkmale übernommen werden.
74. Jahrestag des Auschwitz-Erlasses: "Ich habe Angst, Auschwitz könnte nur schlafen."
Vor 74 Jahren, am 16. Dezember 1942, ordnete Heinrich Himmler (Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei) die Deportation aller Sinti und Roma aus dem “Deutschen Reich” in das Konzentrationslager Auschwitz an. Mit diesem sogenannten “Auschwitz-Erlass” begann die Deportation von 23.000 Sinti und Roma aus elf Ländern Europas in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.
Der Völkermord an Sinti, Roma und anderen Fahrenden begann jedoch nicht erst mit den Deportationen nach Auschwitz. Bereits im Mai 1940 wurde eine große Zahl Sinti und Roma in das so genannte "Generalgouvernement" deportiert. Unter diesen Menschen befanden sich auch zahlreiche Familien, die zuvor lange in Gelsenkirchen gelebt hatten. Sie waren, um den Schikanen von Kriminalpolizei, städtischen Dienststellen und der SA in Gelsenkirchen zu ent- kommen, nach Köln gegangen und lebten dort in einem Lager in Köln-Bickendorf. Dieses Lager war bereits 1934 erbaut und im April 1935 fertiggestellt worden.
Zielsetzung des Terrorregimes war dabei - wie auch in Gelsenkirchen bei Einrichtung der (Zwangs)-Lager- plätze bzw. Internierungslager an der Cranger Straße und der Reginenstraße - die konzentrierte, systematische Unterbringung und Überwachung dieser Bevölkerungsgruppe fernab des Stadtzentrums. Damit wollte das NS-Gewaltregime auch die Stigmatisierung dieser Ethnie als "am äußersten Rand der Gesellschaft stehend" hervorheben. Unter den Menschen, die aus dem Sammellager auf dem Gelände der Kölner Messe bereits im Mai 1940 nach Polen verschleppten worden sind, waren auch die Familien Rosina Lehmann, die Familie Rosenberg, das Paar Malla Müller und Josef Wernicke, die Familie Michael Wernicke und die Familie Johann Wernicke. Sie alle haben zuvor längere Zeit in Gelsenkirchen gelebt.
März 1943 - Deportation der Gelsenkirchener Sinti und Lovara nach Auschwitz-Birkenau
Die Organisation und praktische Durchführung der Deportation der Gelsenkirchener "Zigeuner" nach Auschwitz-Birkenau oblag der staatlichen Kriminalpolizei, und hier dann der Kriminalpolizeistelle Recklinghausen mit ihrer Kriminal-Inspektion III Gelsenkirchen. Zur Aus- und Durchführung wurden weitere Dienststellen der verschiedenen Verfolgungsbehörden hinzugezogen. Aufgrund des "Auschwitz-Erlasses" wurden auch die noch in Gelsenkirchen lebenden deutschen Sinti und Lovara am 9. März 1943 auf dem Zwangs-Lagerplatz an der Reginenstraße im Zuge der anstehenden Deportation festgenommen und in das Polizeigefängnis Gelsenkirchen gebracht. In den Lagerbüchern von Auschwitz ist die Ankunft der aus Gelsenkirchen verschleppten Sinti am 13. März 1943 festgehalten. Die Menschen wurden fast alle in Auschwitz-Birkenau ermordet, nur wenige der Geschunden und Gequälten überlebten.
„Ich habe Angst, Auschwitz könnte nur schlafen.“ ist ein Zitat von Ceija Stojka, Künstlerin und Schriftstellerin (1933 – 2013).
Mitteilung der Kriminal-Inspektion III Gelsenkirchen der Staatlichen Kriminalpolizei an den Gelsenkirchener Oberbürgermeister über die Deportation der in Gelsenkirchen lebenden "Zigeuner" in das Konzentrationslager Auschwitz und Begleitschreiben zur Übersendung der eingezogenen Ausweispapiere vom 16. März 1943. (Dokument: Stadtarchiv/Institut für Stadtgeschichte, Gelsenkirchen)
Neue Stolpersteine für schwule NS-Opfer in NRW
Morde im KZ mit fingierter Todesursache "Kopfschuss bei Fluchtversuch"
"Die Erinnerung wachhalten und aus dem Gesehenen lernen" ist das Motto der Gedenkinstallation Stolpersteine vom Kölner Bildhauer Gunter Demnig. Die Initiative für die Verlegung von Stolpersteinen von verfolgten Schwulen in der NS-Zeit und die Recherchen für NRW gehen von Jürgen Wenke aus, einem ehrenamtlichen Mitarbeiter der Rosa Strippe. Der Verein, der auf seiner Homepage ausführlich über die Homosexuellen-Verfolgung im Nationalsozialismus und in der frühen Bundesrepublik informiert, sucht weitere Paten für zukünftige Stolpersteine. So wurden in Remscheid und Gelsenkirchen Mitte Oktober vier neue Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an Josef Wesener aus Gelsenkirchen sowie an die Remscheider Max Penz, Hans Hagen und Alfred Sigismund, die im Dritten Reich als Homosexuelle verfolgt wurden. Die drei Männer aus Remscheid starben in Konzentrationslagern, während Lokführer Josef Wesener (Jahrgang 1903) die Verfolgung und die KZ-Deportationen nach Neuengamme, Buchenwald und Mittelbau-Dora überlebte. Er konnte nach 1945 nicht in seinen Beruf zurückkehren, wurde Bergmann, erkrankte an den Folgen der KZ-Drangsalierung psychisch, wurde später unter Betreuung gestellt und starb dement 1987 in Düsseldorf. Der Eisenbahnschlosser Hans Hagen (Jahrgang 1904) war Jugendobmann und wurde als Vorsitzender des Fußballvereins Lüttringhausen verhaftet, er starb nach einer Haftstrafe wegen Verstoßes gegen die Nazifassung des Paragrafen 175 im KZ Sachsenhausen im Jahr 1941. Der Arbeiter Max Penz (Jahrgang 1899) starb bei einer zielgerichteten Mordaktion gegen Homosexuelle im Sommer 1942 im KZ Sachsenhausen, bei der allein im Juli und August fast 100 Homosexuelle ermordet wurden. In vielen Totenscheinen stand wie bei Max Penz die fingierte Todesursache: „Kopfschuss bei Fluchtversuch". Alfred Sigismund (Jahrgang 1902), verheiratet in Belgien, Vater eines Sohnes, von Beruf Dreher und Schiffskoch, wurde wegen gemeinsamer Onanie mit Auszubildenden im Betrieb verurteilt, nach Haft deportiert in das KZ Sachsenhausen, von dort in das KZ Neuengamme bei Hamburg, wo er zu einem unbekannten Zeitpunkt im Jahr 1943 starb.
Die Verwandten von Alfred Sigismund und Hans Hagen stellten nach 1945 in der Bundesrepublik Anträge auf Anerkennung der Ermordeten als NS-Verfolgte. Diese Anträge wurden von den Behörden abgelehnt. Zu verantworten hatte das die Adenauer-Regierung, die im Bundesentschädigungsgesetz ausdrücklich Homosexuelle nicht berücksichtigte. Schwule Männer wurden statt dessen erneut massiv diskriminiert. Die Nazifassung des Paragrafen 175 blieb bis 1969 unverändert in Kraft. Die Verfolgung ging nach 1945 unvermindert weiter, lediglich KZ-Deportationen entfielen. (Artikel erschienen in FRESH, Queer-Mag für NRW, Ausgabe November 2016, S.17)
Pogromnacht: 9. November 1938 - Es geschah vor aller Augen
Alljährlich finden an vielen Orten in ganz Deutschland Veranstaltungen zum Gedenken an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger statt, die in der so genannten "Reichskristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938 Opfer rassistisch motivierter Gewalttaten gegen Leben und Eigentum wurden, so auch in Gelsenkirchen. In dieser Nacht der Schande wurden hunderte Menschen von Nazis und ihren Helfershelfern vergewaltigt, zusammengeschlagen, beraubt, ermordet oder in den Suizid getrieben. Fast alle Synagogen, Betsäle und Geschäfte jüdischer Eigentümer, Wohnungen und viele jüdische Friedhöfe in Deutschland und Österreich wurden in der Pogromnacht zerstört. Ab dem 10. November wurden ca. 30.000 jüdische Menschen in Konzentrationslagern inhaftiert, wo viele ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben.
Für diese Gewalttaten seitens des Terrorregimes wurden den jüdischen Menschen deutscher Staatsangehörigkeit die Zahlung einer "Sühneleistung" in Höhe von einer Milliarde Reichsmark auferlegt. Außer dieser "Sühneleistung" wurde den Juden die "Wiederherstellung das Straßenbildes" auf eigene Kosten auferlegt, d.h. sie mussten den jeweiligen Abriss zerstörter Synagogen und anderer Gebäude und auch die Reinigung der Straßen von Glassplittern, zerstörten Mobilar und Geschäftsinventar bezahlen. Erstattungen von Versicherungen dagegen wurden zu Gunsten des "Reiches" eingezogen.
Einen Höhepunkt der gegen jüdische Menschen gerichtete Verfolgung und Gewalt erlebte bei- spielsweise die Gelsenkirchener Bahnhofstraße in der so genannten "Kristallnacht" am 9. November 1938 - in den 1930er Jahren wurde die Einkaufsmeile im Volksmund auch "Jerusa- lemer Straße" genannt, weil sich dort viele Kaufleute aus der jüdischen Minderheit angesiedelt hatten. Nazi-Schergen zertrümmerten Schaufensterscheiben der Geschäfte jüdischer Inhaber, demolierten und brandschatzten deren Geschäftseinrichtungen und Warenausstellungen, bereicherten sich an ihnen durch Plünderungen. Das jüdische Geschäftsleben an der Bahnhofstraße wurde vom NS-Gewaltregime vollständig beseitigt. Am 10. September 1941 schrieb die NS-Postille "Völkischer Beobachter": "Nun ist die Bahnhofstraße Judenrein." Auch auf der Bahnhofstraße sollen schon bald Gunter Demnigs Stolpersteine an Unrecht, Gewalt, Ausgrenzung und Mord unter dem NS-Terrorregime erinnern. Von dem, was in der Nacht der Schande in Gelsenkirchen geschah: Gedenken und Erinnern an die Opfer der so genannten "Reichskristallnacht"
Paten für neue Stolpersteine gesucht
Auch im nächsten Jahr werden sie wieder in Gelsenkirchen verlegt, die Stolpersteine des Bildhauers Gunter Demnig. Stolpersteine werden flächenbündig in das Pflaster der Gehwege eingelassen – sie verursachen natürlich kein tatsächliches Stolpern. Gunter Demnig drückt es so aus: “Man soll mit dem Herzen und dem Kopf darüber stolpern”. Doch wer finanziert sie eigentlich, die Stolpersteine?
"Es sind meist Einzelpersonen oder Gruppen, die mit der Übernahme einer Patenschaft oder einer zweckgebundenen Spende die Verlegung von Stolpersteinen ermöglichen. Hinter den Stolpersteinen, die verlegt werden, stehen auch Menschen, der sich entschieden haben, an andere Menschen zu erinnern, die zwischen 1933-1945 unter der NS-Gewaltherrschaft verfolgt und in den allermeisten Fällen ermordet wurden. Bildhauer Demnig berechnet derzeit 120 Euro für Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins, ein Betrag, den sich auch mehrere Personen oder eine Gruppe, etwa eine Schulklasse, teilen können. Wir suchen fortwährend Menschen, die Patenschaften übernehmen, auch für die in 2017 geplante Verlegung werden noch Paten gesucht. Selbstverständlich sind auch kleinere Beträge zur Unterstützung der Aktion willkommen” so Andreas Jordan, Initiator der Gelsenkirchener Stolperstein-Initiative, "Spenden können unter Angabe des Verwendungszwecks “Stolpersteine” auf das Konto des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum e. V. überwiesen werden. Auf Wunsch wird eine Spendenquittung ausgestellt." Info: (0209) 9994676 oder per Email:
Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen
Stolpersteine sind starke Erinnerungszeichen und gleichwohl auch kleine Fenster in die Vergangenheit. Sie zeugen von den Auswirkungen einer barbarischen Politik, von Rassenwahn und Herrenmenschenideologie. Wie weit diese Fenster aufgestoßen werden, muß jeder für sich selbst entscheiden. 22 der kleinen Mahnmale hat Bildhauer Gunter Demnig am 6. Oktober 2016 in Gelsenkirchen in den Boden eingelassen. Gleich zwei Gelsenkirchener Schulen haben sich in diesem Jahr am Erinnerungsprojekt Stolpersteine beteiligt.
An der Ahstraße/Ecke Husemannstraße erinnern jetzt zwei Stolpersteine an Selma Müller und ihren Sohn Walter, die dort gelebt haben, bevor beide vor den neuen braunen Machthabern 1933 nach Holland geflohen sind. Dort wurden sie jedoch von der NS-Mordmaschinerie eingeholt, Selma wurde in Sobibor, Walter in Auschwitz ermordet.
Hier waren es Schüler*innen der Gesamtschule Ückendorf (Jahrgangsstufe 13), die sich in einem Geschichtszusatzkurs mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte beschäftigt haben. Sven Sörensen, didaktischer Leiter der Gesamtschule Ückendorf und Kursleiterin Wahls nahmen ebenfalls an der Verlegung teil, die Jugendlichen verlasen Kurzbiografien von Selma und Walter Müller, Rabbiner Kornblum sprach auch an diesem Verlegort ein Gebet. Schülerin Salma Younis trug den Text des Dauchauliedes vor.
Das Ehepaar Hanna und Peter Schmitz, Nachfahren der Familie Müller, hatten den Kontakt zur Gesamtschule Ückendorf hergestellt. Ihr Wunsch war es, dass Schüler die Patenschaft für Mutter und Sohn Müller übernehmen.
Die Inschriften auf den Stolpersteinen vor dem Grillo-Gymnasium an der Hauptstraße 60, dem damaligen Städtischen Realgymnasium an der Adolf-Hitler-Straße verlegten sechs Stolpersteine beginnen mit "Hier lernte", sie sind ehemaligen jüdischen Schülern dieser Schule gewidmet. Erich Lilienthal wurde in Riga ermordet, Horst Karl Elias ist in Auschwitz umgekommen. Günter Schönberg, Hermann Cohn, Albert Gompertz und Ernst Back konnten aus Nazi-Deutschland fliehen und so ihr Leben retten.
Schüler*innen der Klassen 6a und 7a des Grillo-Gymnasiums hatten mit ihrer Lehrerin Susanne Knorth und Schulleiterin Christhilde Schwindt die Verlegezeremonie an der Hauptstraße gestaltet, die Schüler trugen erläuternde Texte zu den Lebens- und Leidenswegen der ehemaligen Schüler vor und legten weiße Rosen am Verlegeort nieder. Mitglieder der jüdischen Gemeinde, deren Vorsitzende Judith Neuwald-Tasbach und Rabbiner Kornblum nahmen trotz terminlicher Schwierigkeiten ebenfalls an dieser Verlegung teil. Der Förderverein des Grillo-Gymnasiums hat vier, Paten aus der Bürgerschaft zwei Stolpersteine finanziert.
34 jüdische Schüler wurden im so genannten "Dritten Reich" vom damaligen Städtischen Realgymnasium (heute Grillo-Gymnasium) zwischen 1933-1938 vertrieben. Einigen gelang eine Flucht ins rettende Ausland, andere wurden von den Nazis ermordet. Auch für diese jungen Menschen sollen in nächster Zeit Stolpersteine vor dem Grillo verlegt werden. Schon jetzt wurde daher der Verlegeort vom Bauhof für weitere Verlegungen entsprechend vorbereitet, Patenschaften für die noch zu verlegenden Stolpersteine werden ab sofort vergeben.
Auf privatem Grund verlegte Demnig am Morgen den ersten Stolperstein an diesem Tag. Vor dem Haus 'Im Quartiermeister', eine kleine, beschauliche Seitenstraße in Buer, gibt es keinen Gehweg. Hauseigentümer Kulick, der das Haus Nr. 18 im Jahr 1976 gekauft hat, war sofort damit einverstanden, als er im Januar von der Gelsenkirchener Stolperstein-Initiative um sein Einverständnis zur Verlegung eines Stolpersteines auf seinem Grundstück gebeten wurde. Der Stolperstein erinnert an Julius Less, der bis zu seiner Flucht nach Holland in diesem Haus gelebt hat. Julius Less konnte der Mordmaschinerie der Nazis dennoch nicht entkommen, er wurde 1944 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet.
In Horst erinnern jetzt an der Markenstraße/Ecke Schloss- u. Strundenstraße Stolpersteine an Familie Schloss. Am frühen Morgen nach der so genannten "Reichskristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938 hatte die SA Inventar aus Wohnung und Ladengeschäft von Familie Schloss an dieser Kreuzung aufgetürmt und in Brand gesteckt, wie sich eine an der Stolpersteinsetzung teilnehmende Zeitzeugin erinnerte. Max, seine Frau Julia und Sohn Ludwig Schloss wurden im Januar 1942 nach Riga deportiert, Max und Ludwig später weiter in ein Arbeitslager beim Bochumer Verein verschleppt. Aus diesem Lager in Bochum-Stahlhausen gelang Vater und Sohn mit Hilfe des deutschen Vorarbeiters Heinrich Hoppe die Flucht. Die Brüder Heinrich und Theo Wilmes versteckten die beiden Männer zunächst in Gelsenkirchen-Heßler, später in Essen. Hildegard Schloss wurde in Theresienstadt befreit, Susanne Schloss hat in den Niederlanden versteckt gelebt und konnte so ihre Befreiung erleben. Julia Schloss starb kurz nach der Befreiung aus Bruss-Sophienwalde, ein Außenlager des KZ Stutthof, an den Folgen der erlittenen KZ-Gefangenschaft.
Stolpersteine für die kommunistischen Widerstandskämpfer Johannes Eichenauer an der Schlangenwallstr. 9 und für Rudolf Littek vor dem Haus Liebfrauenstraße 38 erinnern an mutige Männer, die sich den Nazis nicht beugen wollten. Beide starben auf KZ-Schiffen in der Neustädter Bucht. An der Josefstraße/Ecke Knappen- straße wurde der Stolperstein eingesetzt, der an Josef Wesener erinnert. Der als schwuler Mann verfolgte Josef Wesener konnte mit viel Glück die Gefangenschaft den KZ Neuengamme, Mittelbau-Dora und Buchenwald überleben. Jürgen Wenke erforscht die Lebensgeschichten von schwulen Männern, die während der NS-Diktatur verfolgt und ermordet wurden. Seine Recherchen haben die Verlegung zahlreicher Stolpersteine durch den Künstler Gunter Demnig ermöglicht, darunter auch der Stolperstein, der jetzt an Josef Wesener erinnert. An der Munckelstraße 5 wurden zwei Stolpersteine für das Ehepaar Galliner verlegt. Rosalia Elise Galliner starb 1938 im Jüdischen Krankenhaus Köln an den Folgen einer Krebserkrankung. Nach dem Tod seiner Frau floh Gemeinderabbiner Siegfried Galliner 1939 buchstäblich in letzter Minute nach England.
An der Ringstraße 67 wurden drei Stolpersteine in Erinnerung an Familie Joseph in das Gehweg- pflaster eingelassen - ebenso wie ein Stein, den Angehörige eigens dafür aus Jerusalem geschickt hatten - es war ihnen nicht möglich, zu Verlegung aus Israel anzureisen. Der Schneider Hermann Joseph wurde in Riga ermordet, seine Frau Marianne im KZ Stutthof. Einzig Sohn Siegfried Joseph überlebte die Jahre der Gefangenschaft im Ghetto Riga, im KZ Stutthof und das KZ Buchenwald. 161 Stolpersteine wurden bisher in Gelsenkirchen verlegt. Im nächsten Jahr wird Gunter Demnig wieder nach Gelsenkirchen kommen. Mit neuen Stolpersteinen im Gepäck. "Im Namen der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen danke ich allen Menschen, die uns bei der Stolpersteinverlegung 2016 wohlwollend, hilfreich und unterstützend zur Seite gestanden haben. Ohne ihre Hilfe wäre diese Verlegung nicht möglich gewesen."
Andreas Jordan (Projektleitung Stolpersteine Gelsenkirchen)
Neubaugebiet Im Bahnwinkel: Stolperstein erinnert an Robert Mäusert
Als der Stolperstein für Robert Mäusert im August 2011 verlegt wurde, erinnerte nichts mehr an die ehemalige Bebauung auf dem Brachgelände in Höhe Im Bahnwinkel 10, dem letzten selbstgewählten Wohnort von Robert Mäusert, bevor er als Angehöriger der Glaubensgemeinschaft 'Zeugen Jehovas' in die Verfolgungs- und Mordmaschinerie der Nazis geriet. Mittlerweile sind dort Neubauten errichtet worden. Gestern haben wir Stolpersteine im Gelsenkirchener Norden geputzt - darunter auch der Stolperstein für Robert Mäusert Im Bahnwinkel.
Robert Mäusert erlebte seine Befreiung im KZ Ravensbrück und machte sich am 6. Mai 1945 auf den Heimweg nach Gelsenkirchen. Wie überlebende Mitgefangene später der Ehefrau Frieda Mäusert berichteten, war ihr Mann zu diesem Zeitpunkt bereits völlig erschöpft, so dass er mit einer Transportkarre befördert werden musste. Doch seine Kräfte reichen nicht aus. Auf dem Weg über die Elbe in Richtung Westen starb Robert Mäusert am 8. Mai 1945 im Alter von 53 Jahren an Folgen der erlittenen KZ-Haft. Seine Glaubensbrüder beerdigten ihn in Wittenberge an der Elbe auf dem Ehrenfriedhof.
Stolpersteinverlegung: Jeder Stein ein Leben
Mit der Verlegung der Stolpersteine wird die Erinnerung an das Leben und Leiden der verfolgten Menschen im so genannten “Dritten Reich” lebendig. Stolpersteine erinnern auch an Wendepunkte in den individuellen Lebenswelten, an eine oftmals glückliche Zeit, bevor Angst, Ausgrenzung und Rassenwahn das Sein der Verfolgten bestimmten. Namen kehren mit der Verlegung eines Stolpersteins zurück in unseren Alltag. Und zwar genau dort, wo die verfolgten Menschen vor ihrer Verhaftung, Flucht, Verschleppung oder Ermordung ihre Lebensmittelpunkte hatten, inmitten der Stadtgesellschaft – Vor den Türen ihrer Häuser.
In die Messingoberfläche der Stolpersteine werden Inschriften eingeprägt, die meist mit den Worten “Hier wohnte” beginnen, darunter Name, Geburtsjahrgang, Eckdaten der Verfolgung und der Todesort. Derart unauslöschlich gemacht, erinnert die Inschrift dauerhaft an Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, Religion, sexuellen Orientierung oder politischen Gesinnung von den Nazis verfolgt bzw. ermordet worden sind. Im Gedenken sollen Familien wieder symbolisch “zusammengeführt” werden, so werden auch Familienmitglieder einbezogen, die überleben konnten.
Zur Teilnahme an den Verlegungen am 6. Oktober sind alle Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich eingeladen. Wir weisen darauf hin, dass im zeitlichen Ablauf Verschiebungen möglich sind, planen Sie bitte jeweils ein Zeitfenster von +/- 15 Min. zu den angegebenen Uhrzeiten ein. Die Projektleitung ist am Verlegetag unter 0174-5463829 zu erreichen. Stolpersteine werden verlegt für:
Der Stolperstein, der "Am Rundhöfchen" in der Gelsenkirchener Altstadt an den von einem SS-Mann ermordeten Widerständler Erich Lange erinnert, ist nicht 'versehentlich verschwunden'. Beim Oberflächenrückbau im Zuge der Neugestaltung wurde der Stolperstein durch die Baufirma gesichert und eingelagert. In rund drei Wochen wird der Stein wieder an gleicher Stelle eingesetzt.
Erich Lange war zunächst bis zum Sommer 1932 Mitglied der so genannten "Schutzstaffel" der NSDAP. Lange stellte sich, als im klar wurde, wo der Weg hingehen sollte, noch vor der Machtübergabe gegen die Nationalsozialisten. Er wurde Mitglied der KPD und des 'Kampfbundes gegen den Faschismus". Die Nazis sahen darin einen "Verrat an der nationalen Sache". Erich Lange wurde 'Am Rundhöfchen' von einem SS-Mann in der Nacht vom 21. auf den 22.3.1933 erschossen. Der Mord an Erich Lange war ein Racheakt und auch Machtdemonstration, er geschah nach dem Fackelzug, der von der NSDAP als Siegeszug für den Wahlsieg bei den Stadtparlamentswahlen vom 12. März 1933 veranstaltet worden war.
Jüdische Schüler: Ihr Schulweg war ab 1933 oftmals auch ein Angstweg
Vor dem Grillo-Gymnasium in Gelsenkirchen werden noch in diesem Jahr Stolpersteine verlegt. Damit soll an Ausgrenzung, Verfolgung, Entrechtung, Demütigung, Flucht, Emigration und Ermordung ehemaliger jüdischer Schüler an dieser Schule erinnert werden.
Das Grillo-Gymnasium hat die Patenschaft für zunächst vier Stolpersteine übernommen, damit soll auch ein Stück Schulgeschichte aufgearbeitet werden. Für zwei weitere Stolpersteine, die ebenfalls im Oktober verlegt werden, können noch Patenschaften übernommen werden.
Verlegt werden die Stolpersteine für Günter Schönenberg, Hermann Cohn, Albert Gompertz, Horst Karl Elias, Erich Lilienthal und Ernst Back, deren Inschriften mit den Worten "HIER LERNTE" beginnen, von Gunter Demnig bei der nächsten Verlege-Aktion in Gelsenkirchen am 6. Oktober vor dem Schulgebäude an der Hauptstraße 60. Weitere Stolpersteine zur Erinnerung an jüdische Schüler dieser Schule sollen im nächsten Jahr folgen. Mehr erfahren: Dokumentation: HIER LERNTE...
Es können noch weitere Patenschaften übernommen werden. Info: (0209) 9994676 oder per Email an die:
Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen
Stolpersteine sollen an Familie eines jüdischen Schalke-Sponsors erinnern
Werner Sauer hat seine blau-weiß gestreifte KZ-Häftlingsmütze durch die Zeit gerettet. Sie befindet sich seit 1994 im United States Holocaust Memorial Museum
Kurz vor seiner Deportation, gegen Ende des Jahres 1941 arbeitete Werner Sauer als Maurer im Katholischen Krankenhaus in Gelsenkirchen. “Ich werde nicht mehr wiederkommen.” sagte er eines Tages zur Schwester Oberin. “Warum nicht?” fragte die Ordensschwester. “Ich bin Jude.” sagte Werner Sauer leise. Die Oberin antwortete traurig: “Wenn die jüdischen Menschen Deutschland verlassen müssen, wird es sehr dunkel. Denn sie nehmen die Sterne, den Mond und die Sonne mit”. – Sie konnte ja nicht wissen, wie recht sie damit hatte. An der Schalker Str. 184 sollen schon bald Stolpersteine an Leopold "Leo" Sauer, seine Frau Auguste und Sohn Werner erinnern. Dort betrieb der frühe Schalke-Sponsor Leopold Sauer seine gutgehende Metzgerei.
Leo, wie der allseits bekannte und beliebte Metzgermeister meist genannt wurde, unterstützte neben dem Verein auch viele Spieler des Schalke 04 privat. So bezahlte er dem Schalker Spieler Ernst Kuzorra den Führerschein und stellte ihn als Fahrer an. Anlässlich einer Meisterfeier des FC Schalke präsentierte Leopold Sauer ein Schwein, das er zuvor in den Vereinsfarben blauweiß angestrichen hatte und trieb es beim Triumphzug durch die Straßen. Von den Nazis enteignet und aus ihrem Haus vertrieben, wurde Familie Sauer im Januar 1942 zunächst in das Ghetto Riga deportiert. Das Ehepaar Sauer wurde im KZ Stutthof ermordet, Sohn Werner konnte mit viel Glück den Holocaust überleben. Nach seiner Befreiung lebte er in Berlin und emigrierte 1949 in die USA. Mehr erfahren: Dokumentation
Für die drei Stolpersteine, die Familie Sauer gewidmet werden, können Patenschaften übernommen werden. Info: (0209) 9994676 oder per Email:
Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen
Israel Yaoz: Warum habe ich überlebt?
Israel Yaoz spricht über seine Gefangenschaft im KZ Bergen-Belsen. Als Israel Häusler am 14. November 1928 in Gelsenkirchen geboren, ist der heute in Israel lebende Israel Yaoz der einzige Überlebende seiner Familie. Vater Mordechai, Mutter Sima und seine Geschwister Recha, Esther, Meier und Mali wurden von den Nazis ermordet. Am 15. April 1945 wurde Israel Yaoz (damals noch Israel Häusler) von britischen Soldaten aus dem KZ Bergen-Belsen befreit. Seither plagt ihn die Frage: Warum grade ich? Warum habe ich überlebt?
Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen wird 10 Jahre alt
Zahlreiche Lebens- und Leidenswege von Menschen, die der Rassenideologie der selbsternannten Herrenmenschen zwischen 1933-1945 zum Opfer gefallen sind, hat die Projektgruppe Stolpersteine des Gelsenkirchener Vereins Gelsenzentrum in den letzten 10 Jahren recherchiert und auf dieser Internetpräsenz dokumentiert. 2009 konnten dann erste Stolpersteine in Gelsenkirchen verlegt werden, mittlerweile sind bereits 139 Stolpersteine in das Gehwegpflaster eingelassen worden.
Weitere 19 Stolpersteine sollen im Herbst diesen Jahres hinzukommen. Das von bürgerschaftlichem Engagement und Spenden getragene Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen - Gemeinsam gegen das Vergessen wird laufend fortgesetzt.
Unterstützen sie mit einer Spende die Erinnerungsarbeit der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen. Helfen Sie mit, den Menschen Ihre Namen zurück zu geben, dort wo sie einmal gewohnt haben – vor den Türen der Häuser. Der Preis für einen Stolperstein einschließlich Installation beträgt € 120,-. Spenden unter Stichwort “Stolpersteine”, Konto: Gelsenzentrum e. V. bei der Sparkasse Gelsenkirchen, IBAN DE79 4205 0001 0132 0159 27, SWIFT-BIC: WELADED1GEK. Ihre Spenden sind steuerlich abzugsfähig, sie erhalten auf Wunsch eine Zuwendungsbestätigung.
Trauer um Herman Cohn: Überlebender und Befreier stirbt mit 94 Jahren
Herman Cohn starb am 21. März 2016 in Hyde Park, Chicago, USA.
Herman Cohn wurde am 8. September 1921 in Essen geboren. Als er gerade fünf Jahre alt war, starb seine Mutter. Großmutter Rosa Cohn kümmerte sich fortan um Herman und Bruder Walter. In den frühen 1930er Jahren zog die Familie ins benachbarte Gelsenkirchen. Mit der Machtübergabe an die Nazis 1933 sahen sich auch die Cohns mit einem zunehmend aggressiven Antisemitismus konfrontiert.
Im Jahr 1937 brachte die Familie Sohn Walter in Sicherheit, sie schickten ihn zu Verwandten in die USA. Nur ein Jahr später wurden die Cohns enteignet, auch das Familienunternehmen in Gelsenkirchen wurde "arisiert". In der Pogromnacht wurde Siegfried Cohn von einem Nazi-Mob verprügelt, während Herman Cohn in der Gestapo-Zentrale in Gelsenkirchen gefoltert wurde. Im Dezember 1939 erhielten die Cohns schließlich das erforderliche Visum für die Einwanderung in die USA. Umgehend floh die Familie von Deutschland nach Holland. Gemeinsam mit ihrem Sohn Herman gingen sie in Rotterdam an Bord eines niederländischen Schiffes, dass Sie endgültig in die USA in Sicherheit brachte. Die hochbetagte Rosa Cohn wollte hingegen in Holland bleiben, sie wurde 1943 von den Nazis im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Herman Cohn kehrte im Zuge der Invasion in der Normandie (D-Day, 6. Juni 1944) als Soldat der US-Army nach Europa zurück und war an der Befreiung des KZ Dachau beteiligt. Weiterlesen >>
Aktives Gedenken: Stolperstein-Putzaktion in Gelsenkirchen
Auch in diesem Jahr werden wir unsere jährliche Putzaktion der Gelsenkirchener Stolpersteine fortsetzen. Die Aktion soll symbolisch die Lebens- und Leidenswege ehemaliger Mitbürgerinnen und Mitbürger in Erinnerung rufen. In der letzten Aprilwoche 2016 werden alle 139 in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine poliert, an jeder der Verlegestellen sollen Blumen niedergelegt werden. Unterstützer*innen und Sponsoren für die zwischen dem 25.-28. April 2016 stattfindenden Putzaktion sind herzlich willkommen. Menschen, die sich beteiligen wollen, wendet sich direkt an die Projektgruppe Stolpersteine, Tel.: (0209) 9994676, Email:
Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen
Verlegeaktion 2016: Weitere Stolperstein-Paten gesucht
Abb.: 139 Stolpersteine erinnern bisher in Gelsenkirchen an Opfer des NS-Gewaltregimes
Im Herbst diesen Jahres wird Gunter Demnig wieder in Gelsenkirchen zu Gast sein, um mit der Verlegung weiterer Stolpersteine im öffentlichen Raum an neunzehn Menschen zu erinnern, die zwischen 1933-1945 Opfer von Rassenwahn und Herrenmenschenideologie geworden sind - Widerständler, Angehörige der jüdischen Religion und ein Mann, der wegen seiner Homosexualität verfolgt worden ist.
Die europaweite Aktion Stolpersteine wurde von dem Bildhauer Gunter Demnig vor mehr als 20 Jahren ins Leben gerufen. Demnig hat seither rund 57.000 Stolpersteine in 20 Ländern Europas verlegt. Stolpersteine sind mit einer Messingtafel versehene 10x10 Zentimeter große Betonsteine, die vor bestimmten Gebäuden in das Pflaster des Gehwegs eingebaut werden. Die Messingtafeln nennen unter der Überschrift "Hier wohnte" Name, Geburtsjahrgang, Eckdaten der Verfolgung und den Todesort der vom Nazi-Terrorregime verfolgten Menschen, die in den Häusern früher einmal gewohnt haben und dort bis zu ihrer Flucht, Vertreibung, Zwangsumsiedlung oder Ermordung den letzten frei gewählten Wohnsitz hatten. Derart unauslösch- lich gemacht, erinnern die Inschriften dauerhaft an Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft, Religion, sexuellen Orientierung oder politischen Gesinnung von Nazis verfolgt bzw. ermordet worden sind.
Die Aktion Stolpersteine wird nicht mit öffentlichen Geldern, sondern mit Beiträgen von Einzelpersonen oder Gruppen finanziert. Dazu werden Paten gesucht, die bereit sind, jeweils mit 120 Euro die Herstellung und Verlegung von Stolpersteinen zu unterstützen. Für einzelne Stolpersteine (Verlegung im Herbst 2016) werden noch Paten gesucht. Wer Interesse hat, eine Patenschaft zu übernehmen, meldet sich bitte per Mail oder unter Telefon (0209) 9994676 bei Andreas Jordan, Initiator der Gelsenkirchener Stolpersteine.
Videos geben Einblicke in Stolpersteinverlegungen
Abb.: Stolpersteine erinnern in Gelsenkirchen-Feldmark an Familie Bernhard Höchster
Stolpersteine erinnern an Menschen aus allen Verfolgtengruppen gleichermaßen. Genau dort, wo die Menschen einst lebten, wo sie gewohnt, gelebt, geglaubt, getanzt, geträumt, gelacht und geweint haben, bevor sie dem Rassenwahn und Überlegenheitsideologie der Nazis zum Opfer fielen - vor den Türen ihrer Wohnhäuser oder Wirkungsstätte. Die allermeisten Lebens- und Leidensgeschichten der verfolgten Menschen endet mit deren Ermordung in den Unrechtstätten und Vernichtungslagern der Nazis, nur wenige überlebten das NS-Lagersystem. Einem kleinen Teil der Verfolgten gelang es, das nacktes Leben durch rechtzeitige Flucht aus Deutschland zu retten. Auch aus dem öffentlichen Raum der Stadt Gelsenkirchen sind die mittlerweile 139 hier verlegten Stolpersteine vor den letzten Wohnorten von Menschen, die den deutschen Faschisten zwischen 1933-1945 zum Opfer fielen, nicht mehr wegzudenken. Jesse Krauß begleitete Bildhauer Gunter Demnig mit der Kamera bei der Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen. Die so entstandenen Videos geben Einblicke in die Verlegungen vom August 2015.
Rundgang: Stolperstein-AG "Emma" auf Spurensuche
Abb.: Stolpersteine als außerschulische Lernorte. An der Von-Der-Recke-Str. 9 vor der Begegnungsstätte Alter Jüdischer Betsaal erinnern Stolpersteine an Demütigung, Entrechtung und Ermordung des jüdischen Ehepaars Hirsch, dass dort seinen Lebensmittelpunkt hatte. Am 31. Juli 1942 wurde das Ehepaar Hirsch zusammen mit anderen Gelsenkirchener Juden in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Adolf und Johanna Hirsch wurden von Theresienstadt weiter in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort am 23. September 1942 - dem Tag ihrer Ankunft- in der Gaskammer ermordet.
Mehr über die Menschen hinter den Stolpersteinen wollten die Jungen und Mädchen der Stolperstein-AG der Hauptschule Emmastraße erfahren. Ein Rundgang führte am Mittwoch Nachmittag zu 17 der inzwischen 139 in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine. Entlang einer individuell für die AG zusammengestellten Route bewegte sich die Gruppe durch die Gelsenkirchener Altstadt. Das gemeinsame Ziel von Lehrer Ulrich Oderwald und Andreas Jordan von der Gelsenkirchener Stolpersteininitiative war es, durch Stolpersteine markierten Orte zu außerschulische Lernorten werden zu lassen, an denen Geschichte für die Jugendlichen erfahrbar wird.
Hinter den knappen biografischen Daten auf den Stolpersteinen verbergen sich individuelle Lebens- und Leidensgeschichten, die Andreas Jordan den interessierten Jugendlichen erläuterte. "Grade junge Menschen müssen um unsere Geschichte wissen. Sie müssen erfahren, wie es zur Herrschaft des deutschen Faschismus kommen konnte und welche Verbrechen begangen worden sind. Wir wollen, dass die Menschen nicht vergessen werden, die den Nazis aufgrund von Rassenwahn, Herrenmenschenideologie oder weil sie der Diktatur im Wege standen, verschleppt und ermordet wurden. Wir tragen keine Schuld für das, was damals geschah. Jedoch haben wir eine gemeinsame Verantwortung dafür, dass die Verbrechen der deutschen Faschisten und das Leid ihrer Opfer nicht vergessen und Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden. Gunter Demnigs Stolpersteine sind Mahnmale für Demokratie und Frieden, sie sollen zur Wachsamkeit mahnen und zum Engagement gegen heutige braune Umtriebe ermutigen, damit gegen Minderheiten gerichteter Hass, Gewalt und Intoleranz keine Chance haben", sagte Projektleiter Andreas Jordan abschließend an der letzten Station des Rundgangs vor der Begegnungsstätte Alter Jüdischer Betsaal.
Geführte Stolperstein-Rundgänge werden in Gelsenkirchen auch im kommenden Jahr wieder kostenlos angeboten, Info unter (0209) 9994676 oder per Mail Info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de.
9. November in Gelsenkirchen: 77. Jahrestag der Pogromnacht - Wir gingen nicht zum Nazischwert
Abb.: Stolpersteine an der Wanner Straße in Gelsenkirchen. Montage/Repro: Gelsenzentrum
Ursprünglich sollte die Abschlusskundgebung der "Demokratischen Initiative" im Gedenken an die Pogrome vom 9. auf den 10. November 1938 am jüngst vom ehemaligen Betriebsgelände des Schal- ker Vereins in den öffentlichen Raum umgesetzten Nazi-Schwert stattfinden, nach Protesten des Gelsenkirchener Bündnis gegen Krieg und Faschismus nahmen die Verantwortlichen der "Demokratischen Initiative" unter Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Frank Baranowski stillschweigend davon Abstand und verlegten ihre Abschlusskundgebung auf den alten Jüdischen Friedhof.
Der Weg des "Schweigezuges", der wie jedes Jahr eher ein 'Marsch des mehr oder weniger lautstarken Austauschens von vermeintlichen Neuigkeiten' war, führte vom Sammelpunkt am Gauß-Gymnasium vorbei an einem der Tatorte, an dem in der Pogromnacht 1938 jüdische Menschen gedemütigt, gequält und ihr Eigentum zerstört worden ist, hin zum Nazischwert und von dort zurück zum alten Jüdischen Friedhof.
Rund 50 Teilnehmer*innen des "Schweigezuges" - überwiegend Mitglieder des Bündnis gegen Krieg und Faschismus und auch viele Stolpersteinaktivist*innen scherten als Zeichen ihres Protests gegen das Nazi-Schwert aus dem Zug aus und gedachten vor dem Haus an der Wanner Str. 119 den Opfern der Pogrome. An den dort verlegten Stolpersteinen wurden im Gedenken an alle Menschen, die in dieser Nacht vor 77 Jahren Opfer der Pogrome wurden, Lichter entzündet. Mit Redebeiträgen wurde auch an die jüdische Familie Schönenberg erinnert, die dort einmal ihr Zuhause hatte. Selma und Erna Schönenberg hatten in dem Haus die so genannte "Reichskristallnacht" miterleben müssen. Beide überlebten das Terrorregime der deutschen Faschisten nicht, sie wurden ermordet - nur weil sie Angehörige der jüdischen Religion waren. Günther Schönenberg, dem rechtzeitig die Flucht aus Nazi-Deutschland gelungen war, konnte als einziges Familienmitglied unter falscher Identität mit viel Glück in Frankreich überleben.
"Es bleibt mir unverständlich, dass Menschen, die einem großen Transparent mit der Botschaft "Wir gedenken der Opfer der "Reichskristallnacht" - Demokratische Initiative" hinterherlaufen, mit stoischer Gleichgültigkeit an einem der Gelsenkirchener Tatorte der Pogromnacht vom 9. November '38 an der Wanner Str. 119 einfach vorbei gehen und damit den einst dort lebenden Opfern des Pogroms demonstrativ jede Form des ehrenden Gedenkens verweigern. "Selbst wenn man dem Projekt Stolpersteine skeptisch oder auch ablehnend gegenüber steht, so ändert das nichts an den historischen Tatsachen. In diesem Haus ist in der Pogromnacht fürchterliches Unrecht geschehen. Bei einem Halt und einer Gedenkminute vor dem Haus wäre doch niemandem ein Zacken aus der Krone gefallen" kommentiert Andreas Jordan, Projektleiter der Gelsenkirchener Stolperstein-Initiative, dass mehr als peinliche Verhalten der "Demokratischen Initiative".
Tief blicken lässt auch, dass eine Frau eine Gruppe junger Leute, die an den Stolpersteinen an der Wanner Str. 119 stehen blieben, hektisch gestikulierend aufforderte: "Hier nicht stehen bleiben, weitergehen, weitergehen." Das die Frau ein T-Shirt mit dem Logo der Falken trug, war möglicherweise dem Zufall geschuldet. Oder auch nicht, denn wie heißt es im "Volksmund": "Wessen Brot ich ess', dessen Lied ich sing'."
Interview mit Andreas Jordan: Stolpersteine und mehr
Abb.: Andreas Jordan im Gespräch mit ISSO, dem Stadtmagazin für Gelsenkirchen. Foto: Rolf Nattermann
Andreas Jordans Engagement begegnet man in Gelsenkirchen auf Schritt und Tritt. Die Stolpersteine sind dabei das augenfälligste Zeichen. Doch auch im Hintergrund sorgt Andreas Jordan dafür, dass Geschichte und Gegenwart dieser Stadt auf die Tagesordnung gelangen, dass Gesellschaft durch Hinschauen und Handeln gelingen kann.
Vor rund zehn Jahren wurde der Grundstein dafür gelegt, dass ein Resultat dieses Engagements nun überall im Stadtgebiet zu sehen ist – die Stolpersteine. Sie erinnern an ermordete, aber auch überlebende Opfer des Naziregimes: Homosexuelle, Sinti, Juden und politisch Aktive. Ihnen, aber immer noch nicht allen von ihnen, ist zum Gedenken ein Stein verlegt worden, seit der ersten Verlegung im Jahr 2009 genau 139 Steine für 139 Menschen. Fast wäre es dazu allerdings gar nicht gekommen: Als Andreas Jordan erstmals erwägt, einen Stolperstein zu spenden, teilt ihm Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine, mit, dass mangels Ansprechpartner in Gelsenkirchen leider kein Stein verlegt werden könne.
So beginnt das Kapitel der Stolpersteine in der Geschichte Gelsenkirchens: mit einer kleinen Anfrage und der Zusage Andreas Jordans, fortan als Koordinator einer mittlerweile zu einem großen Projekt angewachsenen Aufgabe tätig zu sein, einer Aufgabe, die gleichermaßen
von Widrigkeiten und dem Überwinden von Schwierigkeiten Zeugnis ablegt. Das Interview mit Andreas Jordan in ISSO, Stadtmagazin für Gelsenkirchen
Besuch bei der Stolperstein-AG "Emma"
Abb.: Die Stolperstein AG der Hauptschule Emmastraße mit Lehrer Ulrich Oderwald
Gestern Nachmittag war ich zu Gast bei der Stolperstein-AG der Hauptschule Emmastraße in Gelsenkirchen. Die Jugendlichen hatten mich eingeladen, um mehr über das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen zu erfahren.
Zuvor hatten die Jugendlichen bereits mehrere der in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine aufgesucht und sich intensiv mit den Lebens- und Leidensgeschichten der Menschen auseinandergesetzt. Es zeigte sich wieder einmal, das die Form des Gedenkens und Erinnerns an NS-Verfolgte Menschen mittels Stolpersteine grade für die jüngere Generation einen ganz besonderen, direkten Zugang zur Stadtgeschichte zwischen 1933-1945 bietet. Deutlich wurde das auch an den gezielten Fragen, die mir die Jugendlichen stellten.
Die Ergebnisse ihrer Arbeit in der AG Stolpersteine wollen die Schülerinnen und Schüler in einer Collage festhalten, auch ist angedacht, sich aktiv an der nächsten Stolpersteinverlegung zu beteiligen - vielleicht sogar in Form einer Patenschaft. Ich habe mich über das rege Interesse der Jungen und Mädchen an Gunter Demnigs Projekt Stolpersteine und die daraus resultierende Einladung sehr gefreut.
Zum Tod von Edmond Silverberg - Jugendfreund der Anne Frank überlebte im Versteck
Abb.: Edmond Silverberg, um 1940
Der in Gelsenkirchen unter dem Namen Helmut Silberberg geborene Edmond Silverberg starb am 26. Juni 2015 im Alter von 89 in Sag Harbor, USA.
Noch am Morgen nach den Pogromen in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 schickten seine Eltern den damals 12 Jahre alten Helmut von Gelsenkirchen zu den Großeltern nach Amsterdam. Den Eltern hatten die judenfeindlichen Übergriffe in dieser Nacht endgültig klar gemacht, dass sie ihr Kind und auch sich selber in Sicherheit bringen mussten.
Hulda Silberberg, die Schwester des Vaters von Helmut Silberberg, wurde von den Nazis in den Tod getrieben. Hulda Silberberg wollte als einziges Mitglied der Familie Silberberg Gelsenkirchen nicht verlassen. Angesichts der bevorstehenden Deportation wählte sie am 3. Januar 1942 im Alter von 58 Jahren die Flucht in den Tod.
Ed Silverberg schrieb uns: "Tante Hulda war niemals verheiratet und wurde von ihren Brüdern unterstützt. Als Kind, und auch als Schuljunge habe ich sie oft auf der Bochumer Straße getroffen. Jedes mal bekam ich von ihr 10 Pfennige für Laugenbretzel, die ich mir dann am Bahnhof kaufte. Ich kann mich erinnern, dass mein Vater und Onkel Hermann Silberberg sie öfters besuchten. Mein Cousin Erich und seine Eltern bekamen Visa für Bolivien und wollten Tante Hulda mitnehmen, sie aber hat sich geweigert und wollte in Gelsenkirchen bleiben". An ihrem letzten Wohnort an der Bochumer Str. 45 erinnert ein Stolperstein an Hulda Silberberg. Nach der Verlegung des Stolpersteins für Hulda Silberberg im Sommer 2010 starb ihr Neffe Rudi Simmonds (Silberberg), noch kurz vor seinem Tod schrieb er: "(...) Als Neffe von Hulda Silberberg, jetzt in meinem 93. Jahr war ich sehr dankbar, die Bilder von der Setzung des Stolpersteines fuer meine Tante Hulda Silberberg zu erhalten, die auch für meine Kinder von Interesse sind. Ihre Arbeit wird von mir hoch anerkannt."
Opa Silberberg mochte den deutschen Namen Helmut nicht und nannte ihn nur "Hello". In Amsterdam lernt Hello Anne Frank kennen, sie erwähnt die Begegnungen mit “Hello” in ihrem Tagebuch. Bald aber trennten sich die Wege von Anne und Hello. Die Familie Frank tauchte am 9. Juli 1942 in der Prinsengracht 236 im Hinterhaus unter. Hello verließ Amsterdam und gelangte unter großen Schwierigkeiten nach Belgien zu seinen Eltern, die von Gelsenkirchen dorthin geflüchtet waren. Familie Silberberg musste 25 Monate in ihrem Versteck in einem Haus in der Nähe von Brüssel ausharren. Sie lebten in der ständigen Angst von den Nazis entdeckt oder von Kollaborateuren verraten zu werden. Hello Silberbergs Jugendfreundin Anne Frank und die anderen Untergetauchten im Hinterhaus an der Amsterdamer Prinsengracht werden jedoch verraten und verhaftet. Nur Otto Frank überlebte, alle anderen Menschen aus dem Versteck im Hinterhaus wurden von den Nazis ermordet.
Am 3. September 1944 wurden Silberbergs in Belgien von britischen Truppen befreit – genau an dem Tag, an dem Anne Frank mit dem letzten Deportationstransport von Westerbork nach Auschwitz-Birkenau verschleppt wurde. Helmut “Hello” Silberberg emigrierte 1948 in die USA. Dort wird der Name Edmond aus seinen belgischen Identitätspapieren übernommen, aus Silberberg wird Silverberg.
Bei weiteren Telefongesprächen mit Ed Silverberg erfuhren wir auch von Max Krämer: "Max war genauso alt wie ich, 12 Jahre, als ich in zum letzten Male sah. Eines Morgens, kurz vor der "Kristallnacht", waren die Kinder polnischer Juden plötzlich verschwunden, ebenso wie ihre Eltern. Später erfuhr ich, dass die Nazis die jüdischen Menschen nach Polen (Zbaszyn) verschleppt haben. Ich habe meinen Freund Max nie mehr wiedergesehen. (...) Um so mehr danke ich Ihnen, dass Sie mit den Stolpersteinen die Erinnerung an Max Krämer und seine Familie bewahren."
Edmond Silverberg hinterlässt seine Frau Marylise, Tochter Jacqueline Marks mit Ehemann Rick, Sohn Robert Silverberg und zwei Enkelinnen, Michele Marks and Nina Silverberg.
Ernst Papies: Stationen eines Lebensweges
Abb.: Ein Stolperstein erinnert jetzt an Ernst Papies
Ernst Papies war einer von Zehntausenden Männer liebenden Männern, die während der NS-Zeit verfolgt wurden und die Verhöre, Folterungen, Zwangskastrationen, Gefängnis, Zuchthaus, KZ-Deportation oder Verbringung in Euthanasie-Anstalten oder den sozialen Tod im beruflichen und privaten Umfeld durch die juristische Verfolgung erlitten. Viele starben im KZ. Diejenigen, die überlebten, wurden nach dem 8. Mai 1945 weiter verfolgt - wie Ernst Papies.
Neben der kompakten Kurzfassung steht den Interessent*innen jetzt auch eine umfangreichere Langfassung der Dokumentation zur Verfügung. Zahlreiche Schriftstücke aus dem Nachlass von Ernst Papies an Verwaltungsbehörden, Gerichte und an die höchsten politischen Vertreter der Bundesrepublik, ergänzt mit persönlichen Fotos zeichnen seinen Lebens, -Leidens- und Verfolgungsweg nach. Ernst Papies: Stationen eines Lebensweges
Antikriegstag 2015: Zwischenkundgebungen an Stolpersteinen
Abb.: Nie wieder Faschismus - Nie wieder Krieg
Integraler Bestandteil der diesjährigen Veranstaltung zum Antikriegstag in Gelsenkirchen war nach der Hauptkundgebung auf dem Preuteplatz ein Demonstrationszug entlang in der Altstadt verlegter Stolpersteine. An den Verlegeorten fanden Zwischenkundgebungen statt. Das Gelsenkirchener "Bündnis gegen Krieg und Faschismus" erinnerte damit auch an Menschen, die vor mehr als 70 Jahren von den Nazis gewaltsam vertrieben wurden, fliehen mussten oder von ihnen ermordet worden sind.
An der Von-der-Recke-Straße 10 erinnerte Knut Maßmann (VVN-BdA) an die Zwangsausweisung der polnischstämmigen Familie Krämer aus Deutschland und schilderte einige Hintergründe der sogenannten "Polenaktion": Tausende polnischer Juden im Deutschen Reich erhielten ab dem 27. Oktober 1938 einen Ausweisungsbefehl, wurden verhaftet und mit größter Eile entweder zu Fuß oder in Sammeltransporten über die polnische Grenze abgeschoben. Die meisten der abgeschobenen Menschen wurden später weiter ins Landesinnere transportiert, für eine große Zahl von ihnen wurde das Warschauer Getto zur Endstation. So verlieren sich auch die Lebensspuren der jüdischen Familie Krämer in Polen. An der Ecke Am Rundhöfchen/ Heinrich-König-Platz erinnerte Ulla Möllenberg (VVN-BdA/DKP) an die Ermordung des Widerständlers Erich Lange durch seine früheren Kameraden und zog daraus Schlüsse für die Gegenwart.
Inmitten der Baustelle an der Ecke Ebertstraße 1/Robert-Koch-Straße erinnerte Heike Jordan (Projektgruppe Stolpersteine
Gelsenkirchen) an die Familie Back, deren Kinder mit so genannten "Kindertransporten" nach Schweden gerettet und so überleben konnten. Den Eltern Moritz und Paula Back gelang es nicht mehr, Nazi-Deutschland rechtzeitig zu verlassen, sie gehörten nicht zu den Überlebenden. Insgesamt flüchteten in der Zeit des NS-Gewaltregimes rund 300.000 jüdische Menschen aus Nazi-Deutschland. Nach Kriegsbeginn war eine Flucht kaum noch möglich und im Oktober 1941 wurden Auswanderungen gänzlich verboten.
Heike Jordan erinnerte in dem Redebeitrag auch an die Konferenz von Evian: Im Juli 1938 entschied die inter- nationale Staatengemeinschaft in der Schweiz über das Schicksal Tausender Juden, die aus Nazi-Deutschland fliehen wollten. Ursprünglich sollten bei dieser Zusammenkunft freiwillige Aufnahmequoten für die Verfolgten des Nazi-Regimes festgelegt werden. Das Ergebnis war beschämend: Kein einziger der 32 teilnehmenden Staaten fand sich zur Aufnahme von zusätzlichen Flüchtlingen bereit. Die spätere israelische Premierministerin Golda Meir, die in Evian dabei war, schrieb über die Konferenz: "Dazusitzen, in diesem wunderbaren Saal, zuzuhören, wie die Vertreter von 32 Staaten nacheinander aufstanden und erklärten, wie furchtbar gern sie eine größere Zahl Flüchtlinge aufnehmen würden und wie schrecklich Leid es ihnen tue, dass sie das leider nicht tun könnten, war eine erschütternde Erfahrung. [...] Ich hatte Lust, aufzustehen und sie alle anzuschreien: Wisst Dir denn nicht, dass diese verdammten 'Zahlen' menschliche Wesen sind, Menschen, die den Rest ihres Lebens in Konzentrationslagern oder auf der Flucht rund um den Erdball verbringen müssen wie Aussätzige, wenn Ihr sie nicht aufnehmt?"
Heiko Kauffmann (Pro Asyl) sagte 2010 in einem Interview: "Missbrauch des Asylrechts" - dies sei auch den NS-Verfolgten vorgehalten worden. In Evian habe die Zivilisation ihre Prüfung nicht bestanden." Die an den antifaschistischen Demonstrationszug anschließende Abschlusskundgebung fand in diesem Jahr symbolträchtig vor dem Gelsenkirchener Hans-Sachs-Haus statt - damals wie heute Sitz der Stadtverwaltung. (aj)
Zeitzeugin: "Die waren auf einmal weg ..."
Abb.: Jeder Stolperstein ein Leben
Die "soziale Skulptur" Stolpersteine wächst beständig. Rund 54.000 bisher verlegte Stolper-steine in 19 Ländern Europas bilden
zusammen genommen das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Am Freitag kam Bildhauer Gunter Demnig einmal mehr nach Gelsenkirchen, um hier weitere 20 seiner Stolpersteine zu verlegen.
Auch aus unserem Stadtbild sind die mittlerweile 139 Stolpersteine vor den letzten Wohnorten von Menschen, die den Nazis zum Opfer fielen, nicht mehr wegzudenken. Stolpersteine erinnern an Menschen aus allen Verfolgtengruppen gleichermaßen. Genau dort, wo die Menschen einst lebten, wo sie gewohnt, gelebt, geglaubt, getanzt, geträumt, gelacht und geweint haben, bevor sie dem Rassenwahn und Überlegenheitsideologie der Nazis zum Opfer fielen - vor den Türen ihrer Wohnhäuser oder Wirkungsstätte. Die allermeisten Lebens- und Leidensgechichten der NS-verfolgten Menschen endeten mit deren Ermordung.
In vielen Fällen haben Eltern noch versucht, wenigstens ihre Kinder über die so genannten "Kindertransporte" ins Ausland zu retten. Ernst Alexander konnte so in Sicherheit gebracht werden, eine jüdische Familie in Nebraska/USA nahm den Jungen auf. Manche der Verfolgten gelang eine Flucht in Länder wie Holland, wurden jedoch dort schon bald nach der Besetzung durch Nazi-Deutschland von der Verfolgungs- und Vernichtungsmaschinerie eingeholt. Ernsts Schwester Dorothea Julia Alexander floh nach Holland, wurde verhaftet, interniert und schließlich in Auschwitz ermordet. Ihre Schwester Margot konnte in Holland versteckt überleben. Mutter Frieda wurde von Gelsenkirchen nach Riga verschleppt und dort bei einer der Mordaktionen erschossen. Verlegt wurden die Stolpersteine für Familie Alexander an der Ringstraße 67.
Werner Goldschmidts Schwester Else gelang 1937 die Flucht in die USA. Werner, der sich bereits vor der Machtübergabe dem Widerstand gegen die Nazis angeschlossen hatte, wurde 1935 verhaftet und wegen "Vorbereitung zum Hochverrat", wie es die NS-Unrechtsjustiz den Widerstand gegen das Gewaltregime nannte, zu 6 Jahren Zuchthaus verurteilt. Kurz vor Verbüßung der "Strafe" wurde Werner Goldschmidt nach Haft in Münster und Herford am 19. Dezember 1941 aus dem Zuchthaus Siegburg in das Gelsenkirchener Polizeigefängnis überstellt. Seine Eltern Moritz und Hedwig Goldschmidt, die Gelsenkirchen nicht ohne ihren Sohn hatten verlassen wollen, wurden gemeinsam mit Werner in das Ghetto Riga Riga deportiert. Dort starb Moritz Goldschmidt an Typhus. Hedwig Goldschmidt wurde bei der Auflösung des Ghettos Riga ermordet. Der von der SS als "noch arbeitsfähig" eingestufte Werner Goldschmidt wurde bei der Ghetto-Auflösung ins KZ Kaiserwald und bei dessen Auflösung weiter in das KZ Stutthof bei Danzig und von dort in das KZ Buchenwald bei Weimar verschleppt.
Im September 1944 wurde er weiter in ein Außenlager von Buchenwald beim Bochumer Verein transportiert, dort musste er Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion verrichten. Im März 1945 wurde das Außenlager in Bochum aufgelöst und die Häftlinge wieder zurück nach Buchenwald transportiert. Werner Goldschmidt wurde am 11. April 1945 in Buchenwald befreit und kehrte im Mai 1945 zunächst nach Gelsenkirchen zurück. Hier heiratet er im August 1946 Charlotte Perl. Die aus Sighet/Rumänien stammende Charlotte Perl war aus ihrer Heimat zunächst nach Auschwitz deportiert und von dort mit 2000 anderen Jüdinnen weiter nach Gelsenkirchen in ein Außenlager des KZ Buchenwald bei der Gelsenberg Benzin AG verschleppt worden. Das Ehepaar verließ Gelsenkirchen und wanderte mit der Hilfe von Werner Goldschmidts Schwester Else im August 1947 in die USA aus. Familie Goldschmidt wurde mit der Verlegung von vier Stolpersteinen an der Augustastr. 4 für Moritz, Hedwig, Else und Werner im Gedenken symbolisch wieder vereint.
Abb.: Dr. Siegfried Galliner war der letzte amtierende Gemein-derabbiner der Jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen, bevor mit der gewaltsamen Zerstörung der Synagoge und des Gemeinde-hauses in der Altstadt, der Synagoge in Buer und des Betsaales in Horst in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 das Jüdische Gemeindeleben in Gelsenkirchen endete.
So lange es noch möglich war, bot die Flucht beispielsweise in die USA oder nach Großbritannien oftmals die einzige Möglichkeit,
um zu überleben. Viele Länder weigerten sich jedoch, die meist jüdischen Flüchtlinge unkompliziert aufzunehmen. Nach Kriegsbeginn war eine Flucht dann kaum noch möglich. Erst im Frühjahr 1939, buchstäblich in letzter Minute, entschloss sich der Gemeinderabbiner Dr. Siegfried Galliner nach 25jähriger Berufsarbeit im Dienste des Judentums angesichts des zerstörten Jüdisches Lebens mit seinen kulturellen und religiösen Infrastrukturen zur Flucht nach England. Am Platz der alten Synagoge/Georgstr. 2, an einer der Stätten seines vielfältigen Wirkens, erinnert nun ein Stolperstein an eine großartige Persönlichkeit des jüdischen Lebens in Gelsenkirchen.
Familie Jeckel konnte nicht fliehen. Der Fuhrunternehmer Markus Jeckel, seine Frau Cilla und Sohn Isidor wurden von der Verhaftungswelle im Zuge der so genannten "Polenaktion" völlig überrascht. Im Oktober 1938 wurde die Familie verhaftet und nach Bentschen/Polen abgeschoben. Seither fehlt von ihnen jedes weitere Lebenszeichen. Mit der Verlegung der Stolpersteine an der Hauptstraße 63 kehrten ihre Namen zurück an den Ort, an dem sie lebten und an dem sie ihre Heimat hatten.
Bis zu ihrer Deportation am 27. Januar 1942 nach Riga lebten Hugo Broch und seine Frau Theresa an der Von-Der-Recke-Straße 11 in
der Gelsenkirchener Altstadt. Dort erinnern jetzt Stolpersteine an Familie Broch. Hugo Broch hatte sein Möbelgeschäft bereits 1936 zwangsweise an den "arischen" Möbelhändler Albert Heiland "verkauft". Das Leben des Ehepaars Broch endete mit ihrem gewaltsamen Tod bei Auflösung des Ghettos Riga, Sohn Josefs Spuren verlieren sich im Ghetto Zamosc.
Auch die Familie Höchster konnte der Mordmaschinerie der Nazis nicht entkommen. Familienvater Bernhard starb 1938, Max, Therese
und Klara Höchster wurden von Gelsenkirchen in das Ghetto Riga deportiert. Klara Höchster, die in den Augen der SS als "nicht mehr arbeitsfähig" galt, sie war zu diesem Zeitpunkt bereits 68 Jahre alt, wurde bei einer Mordaktionen im März 1942 in Riga ermordet. Max und Therese Höchster wurde nach Auflösung des Ghettos Riga in das KZ Kaiserwald in Riga überstellt. Dort wurde Therese Höchster im Juli 1944 ermordet. Max wurde dann im Herbst 1944 in das KZ Stutthof bei Danzig verschleppt. Mit einem der berüchtigten Todesmärsche kam auch Max Höchster im Februar 1945 in ein so genanntes "Auffanglager" bei Rybno (Rieben). Noch vor der Befreiung des Lagers am 10. März 1945 ist Max Höchster dort umgekommen, die genauen Umstände seines Todes sind nicht mehr feststellbar. Vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Höchster an der Feldmarkstraße 119 verlegte Gunter Demnig die Stolpersteine, die daran erinnern das dort einmal Menschen wohnten, die vom NS-Regime ermordet worden sind - nur weil Sie Angehörige der jüdischen Religion waren. Eine Zeitzeugin erinnerte sich an die Familie Höchster: "Nette, freundliche und hilfsbereite Menschen waren das. Die waren auf einmal weg ..."
Abb.: Erneut holen Ernst Papies die Qualen und das begangene Unrecht der Vergangenheit ein, als er in den 70er Jahren einen Rentenantrag stellt: die KZ-Internierungszeit wird nicht für die Rentenberechnung anerkannt.
Begonnen hatte die diesjährige Stolpersteinverlegung bereits am Morgen in Erle. An der Cranger Straße verlegte Gunter Demnig einen
Stolperstein für den als homosexuellen Mann verfolgten Ernst Papies. Die Nazis verschärften ab 1933 díe Verfolgung schwuler Männer. Ernst Papies wurde von der NS-Unrechtsjustiz vor diesem Hintergrund 1934 zu einem Jahr Gefängnis verutteilt. 1936 folgte eine weitere Verurteilung zu 3 Jahren Gefängnis, die jedoch im Moorlager Papenburg (Emsland) vollstreckt wurde. Papies mußte dort bis zum Tag der Entassung schwerste Zwangsarbeit leisten. Als kranker Mann kam er nach Buer zurück. Ohne jedwede Begründung verhaftete ihn die Kripo in Buer 1939 jedoch erneut und deportierte den damals 30jährigen, misshandelt und gefoltert, im Juli 1939 in das KZ Buchenwald, wo er als so genannter „Berufsverbrecher“ und als „175er“ stigmatisiert unter mörderischen Bedingungen schuften musste.
Papies wurde im April 1940 weiter in das KZ Mauthausen (Österreich) deportiert. In einem Arbeitskommando so genannter „Rosa Winkel-Häftlinge“ wurde er im Steinbruch wiederum zu schwerster körperlicher Arbeit gezwungen. Er litt unter den Schikanen, der Willkür der SS-Wachmannschaften und war ständig mit einem gewaltsamen Tod bedroht. Im Dezember 1944 wurde Ernst Papies mit über 1000 weiteren Leidensgenossen in ein Außenlager des KZ Auschwitz deportiert. Kurz vor der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz Ende Januar 1945 erfolgte der Rücktransport nach Mauthausen.
Weitere Monate der schwersten Zwangsarbeit folgten. Befreit wurde Ernst Papies schließlich am 5. Mai 1945 durch amerikanische Soldaten aus dem KZ Mauthausen. Jedoch erst 4 Monate später konnte er, halbwegs ernährt, als kranker Mann die weite, mehrmonatige Reise nach Buer zu den Eltern antreten. Ernst Papies hatte die Hölle der Lager überlebt. Die Zeit der Verfolgung fand jedoch kein Ende. Denn nun begann sein Kampf um Anerkennung des erlittenen Unrechts, der Kampf um die so genannte "Wiedergutmachung", der 30 Jahre andauern sollte. Vergeblich. Ernst Papies starb 1997 in Konstanz im Alter von 88 Jahren. Eine irgendwie geartete Entschädigung für die erlittenen Schäden an Leib und Seele hat er nie erhalten. Auch daran erinnert der Stolperstein an der Cranger Straße 398.
Das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen wird fortgesetzt, die nächste Verlegung ist im Oktober 2016 geplant. Interessierte finden weitere Informationen, beispielsweise zur Übernahme einer Patenschaft für einen oder mehrere Stolpersteine hier.
Im Namen der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen danke ich allen Menschen, die uns bei der Stolpersteinverlegung 2015 wohlwollend, hilfreich und unterstützend zur Seite gestanden haben.
Andreas Jordan (Projektleiter)
Der Legendenbildung entgegenwirken
Abb.: Die "Ruhr-Nachrichten" meldet 1971: "Albert Heiland starb nach reichem Schaffen". Die "Übernahme" der Möbelhandlung Hugo Broch im Jahre 1936 durch Albert Heiland findet in dem Zeitungsartikel keine Erwähnung.
Auch an der Von-Der-Recke- Str. 11 wird Gunter Demnig am 14. August Stolpersteine verlegen. Dort wohnte die jüdische Kaufmannsfamilie Hugo Broch.
Die Patenschaft für die Stolpersteine, die an das Ehepaar Hugo und Theresa Broch erinnern werden, hat Margarete Reißig übernommen. Sie ist eine Enkelin von Albert Heiland, dem Möbelhändler, dessen unternehmerisches Schaffen mit der "Übernahme" eines Möbelgeschäftes aus jüdischem Besitz in Gelsenkirchen begann. "Nicht zuletzt möchte ich damit der Legendenbildung in der Familie entgegenwirken" sagt Margarete Reißig. Viele Jahre habe ihr Großvater Albert auf Nachfragen ausweichend geantwortet: "Wir haben dem Juden einen guten Preis gemacht, der ist dann nach Amerika gegangen". Ein Zeitzeuge aus der Familie Heiland erinnert sich:" Familie Broch hat das Geld für das Möbelgeschäft garnicht erst bekommen, das ist direkt eingezogen worden." Mit erstaunlicher Leichtigkeit hat Albert Heiland Zeit seines Lebens bitterböses Unrecht aus der Unternehmensgeschichte verdrängt. Riga und Zamosc, die letzten Stationen auf dem Leidensweg von Hugo, Theresa und Josef Broch liegen gewiss nicht in Amerika, das wird auch Albert Heiland gewusst haben.
Verlegung 2015: Jeder Stolperstein ein Leben
Abb.: Stolpersteine regen nachhaltig und sichtbar die Auseinandersetzung mit der Diktatur der NS-Zeit an.
Still. Leise. Unaufdringlich. So liegen sie im Gehwegpflaster, die Stolpersteine des Bildhauer Gunter Demnig. Erinnern an zerstörte Leben, an Demütigung, Ausgrenzung, Verfolgung und Mord unter nationalsozialistischer Gewaltherrschaft.
Stolpersteine erinnern an Menschen aus allen Verfolgtengruppen gleichermaßen. Genau dort, wo diese Menschen einst lebten, wo sie gewohnt, gelebt, geglaubt, getanzt, geträumt, gelacht und geweint haben, bevor sie dem Rassenwahn und Überlegenheitsideologie der Nazis zum Opfer fielen - vor den Türen ihrer Wohnhäuser oder Wirkungsstätte. Mehr als 53.000 Stolpersteine in 19 Ländern Europas bilden zusammen genommen das größte, dezentrale Mahnmal der Welt. An sieben Orten im Stadtgebiet von Gelsenkirchen wird Gunter Demnig am Freitag, den 14. August 2015 weitere 20 Stolpersteine in das Pflaster der Gehwege einlassen.
Zur Teilnahme an den Verlegungen sind alle Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich eingeladen. Wir weisen darauf hin, dass im zeitlichen Ablauf Verschiebungen möglich sind, planen Sie bitte jeweils ein Zeitfenster von +/- 15 Min. zu den angegebenen Uhrzeiten ein. Die Projektleitung ist am Verlegetag unter Tel. 0174-5463829 zu erreichen. Stolpersteine werden verlegt für:
Eine Verneigung vor den Opfern - Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Deinnig
Ein Essay von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland
Eine kleinere Form des Gedenkens als diese knapp zehn mal zehn Zentimeter messende Messingplatte lässt sich kaum vorstellen. Und doch haben diese kleinen, bescheidenen Platten in den Gehwegen bereits eine große Wirkung entfaltet. Seit 1990 verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig die Stolpersteine. Inzwischen sind es in 1.300 Orten in Europa insgesamt 50.000. Sie erinnern an all jene Menschen, die unter den Nationalsozialisten verfolgt wurden und ihre Wohnungen verlassen mussten: weil sie deportiert wurden, aus Deutschland fliehen mussten oder verhaftet wurden. Wenn wir bedenken, dass in er Shoah sechs Millionen Juden ihr Leben verloren, wird uns bewusst, dass 50.000 Stolpersteine eigentlich nur eine verschwindend kleine Menge darstellen. Und dennoch geht es uns so, dass wir immer häufiger die kleinen glänzenden Gedenksteine registrieren, wenn wir unterwegs sind. In manchen Bezirken Berlins befindet sich - gefühlt - vor jedem dritten Hauseingang ein Stolperstein, oft mehrere.
Die Stolpersteine leisten einen sehr kostbaren und sehr eigenen Beitrag zu einer modernen Gedenkkultur. In einer Situation, in der die Zahl der Zeitzeugen zurück geht, geben sie den Opfern ihre Namen zurück. Die abstrakten Zahlen werden individualisiert und damit greifbarer.Um die Namen auf den Stolpersteinen entziffern zu können, müssen wir uns hinunterbeugen. Damit verneigen wir uns vor den Opfern. Wir bewegen uns zu ihnen und bezeugen ihnen unseren Respekt. (...) Weiterlesen
Quelle: Politik & Kultur, Nr. 4/15, Juli-August 2015
Kampf gegen Krieg und Faschismus: Rudolf Littek und Johann Eichenauer
Abb.: Das "Urteil" des so genannten "Volksgerichtshofes"
Die Lebensgeschichten von Rudolf Littek und Johann Eichenauer weisen viele Gemeinsamkeiten auf, so gehörten beide Männer der Widerstandsgruppe um Franz Zielasko an. Ab 1943 begann Zielasko, im Ruhrgebiet die Gruppe aufzubauen. Der Gestapo blieben die Aktivitäten der Widerstandskämpfer jedoch nicht lange verborgen. Im August 1943 wurde Zielasko und mit ihm 44 weitere Widerständler verhaftet. Unter den Festgenommenen waren auch Littek und Eichenauer.
Bei dem nachfolgenden in Amberg/ Bayern stattfindenden "Prozess" wurden die Beiden zwar "freigesprochen", jedoch nicht aus der Haft entlassen. Nach Rückverlegung in das Gefängnis Gelsenkirchen kamen sie in das so genannte "Arbeitserziehungslager" (AEL) Lahde bei Petershagen und dann in das KZ Neuengamme bei Hamburg.
Als britischen Truppen im April 1945 näher rückten, wurde das KZ Neuengamme von der SS "evakuiert". Ein Großteil der Häftlinge wurde auf drei in der Neustädter Bucht (Lübeck) liegende Schiffe getrieben. Die "Cap Arcona", die "Thielbeck" und die "Athen" fungierten als schwimmende KZ. Die SS legte es vermutlich darauf an, dass die KZ-Schiffe als vermeintliche Truppentransporter Ziele britischer Bomber werden könnten. Am 3. Mai 1945 greifen britische Kampfflugzeuge die Schiffe tatsächlich an, rund 7000 der sich an Bord befindlichen KZ-Häftlinge kommen dabei zu Tode. Rudolf Littek und Johann Eichenauer, die sich den Nazis nicht beugen wollten, starben mit ihnen.
Die Stolpersteine, die bald für die beiden Widerstandskämpfer in Gelsenkirchen verlegt werden, sollen nicht nur Anlass für stilles Gedenken sein, sondern auch eine Mahnung, den lautstarken Widerstand gegen Krieg und Faschismus nicht aufzugeben.
München soll Stolpern
Mehr als 80.000 Menschen haben bisher mit ihrer Unterschrift dokumentiert, dass sie für Stolpersteine in München sind. Initiiert hat die Petition Terry Swartzberg. Der gebürtiger New Yorker, der seit 1984 in München lebt, kämpft für die Stolpersteine in der bayrischen Metropole. Denn dort will man die kleinen Erinnerungszeichen bisher nicht haben. So hatte es der Münchener Stadtrat 2004 beschlossen.
Mit in die Entscheidung eingeflossen ist seinerzeit auch die Haltung von Charlotte Knobloch, die sich gegen die Stolpersteine ausspricht. "Menschen treten auf die Stolpersteine, so wird das Andenken an die Ermordeten mit Füßen getreten" ist Knoblochs Hauptargument. Charlotte Knobloch leitet seit fast 30 Jahren die Israelitische Kultusgemeinde in München, der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung". Sie will keine Stolpersteine.
Terry Swartzberg und seine Unterstützer*innen kämpfen seit nunmehr 11 Jahren für die Umsetzung des Projektes Stolpersteine auch auf Münchens öffentlichen Grund. Noch vor der Sommerpause will der Stadtrat jetzt über Terry Swartzbergs Initiative entscheiden. Bleibt abzuwarten, wie weit der Arm einer der erbittersten Stolperstein-Gegnerinnen reichen wird. Charlotte Knoblochs Wort scheint in München Gesetz zu sein, ihr Wort wiegt bisher schwerer als die Wünsche von Angehörigen, die ihrer ermordeten Vorfahren mit Stolpersteinen gedenken wollen.
Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen ist für die Aufhebung des Verbots der Stolpersteine in München und hat die Petition bereits mitgezeichnet. Petition unterschreiben: München soll Stolpern!
Einer der Unterstützer der Initiative Stolpersteine für München um Terry Swartzberg, der Hamburger Christoph Jürgens, hat jetzt einen offenen Brieft an Charlotte Knoblauch formuliert, den wir hier ungekürzt wiedergeben:
Offener Brief an Charlotte Knobloch,
Sehr geehrte Frau Knobloch,
Ich habe nie verstanden warum München die Stolpersteine zum Gedenken an die Holocaustopfer ablehnt. Erst seit Neuestem ist mir bekannt, dass sie diese Ablehnung teilen, weil ein Gedenken Ihrer Meinung nach nur auf Augenhöhe stattfinden kann. Soweit bin ich bei ihnen. Auch sehen sie Erniedrigung oder Demütigung in dieser Form Anbringung. Ich bin nicht in Ihrer Position, nicht so wichtig wie sie. Meine Stimme hat wenig Gewicht und vielleicht fehlen mir als Deutscher dessen Eltern im Krieg geboren wurden Sichtweisen und Informationen, um Ihre Ansichten zu teilen. Dennoch, ohne verletzend seine zu wollen, finde ich diese Argumentation sehr eng gedacht.
Was ist ein Dialog, ein Gedenken in Augenhöhe? Ich glaube nicht das man die Augenhöhe, mehr in einer Stehle oder an einer Häuserwand wiederfindet, als an einem Stein aus Metall auf dem Boden. Augenhöhe wird nicht gewährleistet indem man mit einem Maßband eine Linie zieht. Augenhöhe findet im Kopf statt und dann auch nur wenn man gewillt ist ihr Raum zu geben.
Schauen sie, ich habe 8 Jahre in Hamburg auf der Langen Reihe gewohnt. Am Haus Nr. 71 befindet sich eine Tafel die Vorbeilaufenden sagt, dass Hans Albers in diesem Haus geboren wurde. Ich habe diese Tafel in dieser ganzen Zeit vielleicht 3 mal bewusst wahrgenommen. Die Stolpersteine, auf der selben Straße, nehme ich jedes mal aufs Neue wahr, wenn ich dort entlang gehe. Ich halte inne, voller Respekt, Demut und Mitgefühl für die Opfer und voller Scham für die Verbrechen meiner Väter.
In einer Tafel sehe ich dazu keine Alternative. Sie verschwinden zu schnell aus den Augenwinkeln. Klar sie wäre vielleicht chic oder ansehnlicher aber Tafeln gibt es so viele! Die Steine hingegen sind einzigartig und für jedes Opfer gibt es einen Eigenen. Und vielleicht sind sie auch im positiven Sinne etwas unbequem. Eine unsichtbare Barriere scheint sie zu umgeben. In einer Zeit wo die Gesellschaft gesenkten Hauptes durch die Stadt geht, der Blick nach unten zeigt, alleine für sich, man seinen Gegenüber kaum noch in die Augen schauen mag, ist es eine perfekte Position, um bewusst wahrgenommen zu werden. Selbst wenn sie diesen Platz am Boden als minderwertig erachten, kann er so viel mehr bedeuten. Vaterland und Mutter Erde, der Ort der Entwurzelung.
Ich sehe weder Schmutz noch eine Erniedrigung am Grund. Er ist die Basis auf der wir stehen. Ich sehe auch keine würdelose Begegnung auf verschiedenen „Höhen“ oder gar ein Betrachten von oben herab. „Ich sehe eine Verbeugung vor den Opfern.“ Man wagt nicht auf diese Steine zu treten und dieser Grund symbolisieren noch viel mehr. Straßen gehören allen, Häuser nicht! Ein Haus ist Privatsache und was dort passiert oder passiert ist, ist gedanklich unerreichbar oder zumindest ganz weit weg.
Aber wenn man auf dem selben Boden steht wo einst diese Opfer gestanden sind, wenn man den selben Weg geht, wie sie damals, die Füße den selben Grund berühren, wo einst die Deportation begann, dann geht man ein Stück mit Ihnen. Sie begleiten dich oder du begleitest sie und dann ist es eine körperliche Erfahrung! Man spürt sie mit allen Sinnen. Mir zumindest geht es so und ich glaube nicht das ich der Einzige bin der dies so empfindet.
Ich bitte sie Ihre Ansichten noch einmal zu überdenken und eine positive Empfehlung für dieses Europaweite Mahnmal zu gehen. Ein Mahnmal das stetig wächst und hoffentlich ewig leben wird!
Christoph Jürgens – Hamburg! (Juni 2015) In der Hoffnung das sie dieser Brief erreicht!
25 Jahre im Dienst der Gemeinde: Stolperstein soll an Rabbiner Galliner erinnern
Abb.: Ausflug einer jüdischen Schülergruppe mit Dr. Siegfried Galliner, vor 1938
Dr. Siegfried Galliner war der letzte amtierende Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde in Gelsenkirchen, bevor mit der gewaltsamen Zerstörung der Synagoge und des Gemeindehauses in der Altstadt, der Synagoge in Buer und des Betsaales in Horst in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 das Jüdische Gemeindeleben in Gelsenkirchen endete.
Bereits 1914 hatte der aus Zinten/Ostpreußen stammende Gelehrte seine vielfältigen Tätigkeiten zum Wohle der Jüdischen Minderheit in Gelsen-kirchen begonnen. Mit Rabbiner Galliner wird an eine großartige Persönlichkeit des jüdischen Lebens in Gelsenkirchen erinnert. Der ehemalige Gelsenkirchener Bürger und Holocaust-Überlebende Fred Diament schrieb nach seiner Befreiung: "(...) Wir in der ostjüdischen Gemeinschaft hatten interessanterweise keinen Rabbi, wohingegen die deutsch-jüdische Gemeinschaft einen sehr berühmten Rabbi hatte - sein Name war Dr. Galliner -, der von den Ostjuden sehr respektiert wurde. Und nicht nur in der jüdischen Gemeinschaft sondern auch in der christlichen Gemeinschaft, weil er ein Gelehrter, ein hervorragender Linguist war. Ich erinnere mich, er sprach Chinesisch und er schrieb Chinesisch. Ein außergewöhnlicher Mensch! (...)"
Abb.: Nachruf auf Dr. Siegfried Galliner in 'AJR Informations', April 1960
Im Dezember 1938 starb Galliners Frau Rose. Erst im Frühjahr 1939 entschloss sich der allseits geachtete und hoch geschätzte Rabbiner Dr. Galliner in letzter Minute zur Flucht aus Nazi-Deutschland. Er starb im Alter von 85 Jahren 1960 in London und wurde auf dem Friedhof der United Synagogue in Bushey, England beigesetzt.
Sowohl an der Stätte seines langjährigen Wirkens am Platz der alten Synagoge, Ecke Gilden-/Georg-straße und auch am letzten selbstgewählten Wohnort an der Munckelstraße sollen schon bald Stolpersteine an den jüdischen Theologen Dr. Siegfried Galliner und seine Frau Rose erinnern. Für die beiden Stolpersteine, die an der Munckelstr. an das Ehepaar Galliner erinnnern sollen, können noch Patenschaften über- nommen werden. Info: (0209) 9994676 oder Info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de
Neue Stolpersteine im August
Abb.: Von-der-Recke-Straße 11 in der Gelsenkirchener Altstadt. Eigentümer dieses Hauses war bis in die zweite Hälfte der 1930er Jahre der jüdische Kaufmann Hugo Broch. Schon bald werden hier Stolpersteine an Vertreibung und Ermordung der Familie Broch erinnern.
Für den 14. August 2015 ist die nächste Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen geplant. An sieben Orten wird Bildhauer Gunter Demnig dann weitere 20 Stolpersteine flächenbündig in das Gehwegpflaster einlassen.
Stolpersteine sind 10x10 Zentimeter große Betonquader, auf der Oberseite mit einem Messingblech versehen. In die metallerne Oberfläche werden unter der obersten Zeile HIER WOHNTE biografische Eckdaten eingeschlagen, die so den individuellen Lebens- und Leidensweg eines Menschen skizzieren. Demnigs Stolpersteine erinnern am letzten bekannten und selbst gewählten Wohnsitz an Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung von Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, politisch Verfolgte, Zeugen Jehovas und an Opfer der NS-"Euthanasie"-Verbrechen. Stolpersteine erinnern auch an die Menschen, denen noch rechtzeitig eine Flucht aus Nazi-Deutschland gelungen ist, "Im Gedenken sollen Familien symbolisch wieder vereint werden" sagt Gunter Demnig. Verlegt werden im August Stolpersteine für Ernst Papies an der Cranger Strasse 398, für Familie Markus Jeckel an der Hauptstrasse 63, für Familie Frieda Alexander an der Ringstrasse 67, für Rabbiner Dr. Siegfried Galliner an am Platz der Alten Synagoge/Georgstrasse 2, für Familie Moritz Goldschmidt an der Augustastrasse 4, für Familie Hugo Broch an der Von-Der-Recke-Strasse 11 und an der Feldmarkstrasse 119 für Familie Bernhard Höchster.
Die Stolpersteine werden ausschließlich durch Patenschaften, die Arbeit der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen durch Spenden finanziert. Info: (0209) 9994676 oder Info(ätt)stolpersteine-gelsenkirchen.de
32 weitere Stolpersteine in Gelsenkirchen verlegt - Geschichte wird sichtbar
"Meine Großeltern haben kein Grab" sagte Chava Moskowitz, die eigens aus New York mit weiteren Familienangehörigen aus den USA, Israel und Mexiko zur Stolpersteinverlegung nach Gelsenkirchen anreiste. Sie hatte die Stolpersteine auf eigene Kosten für ihre Großeltern Jakob und Lisa Ramer und deren Tochter Hanna anfertigen lassen.
Am Freitag verlegte Bildhauer Gunter Demnig diese Stolpersteine an der Florastraße - unweit des letzen Wohnortes der Familie Ramer, der sich an einem heute nicht mehr existierenden Teilstück der Schalker Straße befand. "Meine Großeltern wurden von den Nazis ermordet, meine Mutter Hanna konnte mit einem Kindertransport nach England gerettet werden. Heute stehe ich hier in ihrer Heimatstadt und fühle mich meinen Großeltern so nah wie nie zuvor. Ich bin dankbar, daß es nun diesen Ort gibt, an dem Stolpersteine als eine Art symbolischer Grabsteinersatz an meine von den Nazis ermordeten Angehörigen erinnern" sagte Chava Moskowitz in Ihrer Ansprache. Die Verlegezeremonie abschließend, beteten der Gelsenkirchener Rabbiner Chaim Kornblum auch an diesem Erinnerungsort das Kaddish und Kantor Yuri Zemski das El Male Rachamim.
Zuvor hatte Bildhauer Demnig an diesem Morgen bereits in Buer und Horst Stolpersteine verlegt. An der Urbanusstraße 1 erinnern nun Stolpersteine an die Kaufmannsfamilie Zwecher, an der Buerer Straße 8 an Lilly und Alice Brunetta Stein. Beiden Familien gelang zunächst die Flucht nach Holland. Nach der deutschen Besetzung der Niederlande begann auch dort die Verfolgung jüdischer Menschen. Familie Zwecher, Mutter und Tochter Stein wurden im Lager Westerbork interniert. Die weiteren Leidenswege dieser Familien endeten mit ihrer Ermordung im Vernichtungslager Auschwitz.
Abb.: Am Freitag verlegte Bildhauer Gunter Demnig - hier bei der Verlegung an der Ringstraße - weitere 32 Stolperstein an sieben Orten im Stadtgebiet - darunter auch den 100sten Stolperstein, der jetzt in Gelsenkirchen zu finden ist.
Von Rotthausen zog Familie Ullendorf im März 1933 in die Hindenburgstraße 33, die heutige Husemannstraße. Ernst Ullendorf betrieb in der Wohnung ein Abzahlungsgeschäft für Herrenartikel, Anzüge und Stoffe. In der so genannten "Kristallnacht" am 9. November 1938 wurde auch die Wohnung der Ullendorfs und das darin befindliche Warenlager von den Nazi-Schergen zerstört. Auch das Ehepaar Ullendorf konnte danach zunächst nach Holland fliehen, wurde aber dann von den Nazis verhaftet und im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Sohn Hans Heinrich konnte nach West-Indien fliehen und emigrierte später in die USA. An der Ringstraße 54 Ecke Kirchstraße erinnern jetzt fünf Stolpersteine an die Familie Georg Alexander. Johanna Alexander, einzige Überlebende der Familie, wurde am 27. Januar 1945 in Auschwitz befreit. Ihre Mutter Ella hatte unter dem Eindruck ihrer Erlebnisse in der so genannten "Kristallnacht" im Dezember 1938 die Flucht in den Tod gewählt. Ihr Vater Georg wurde in Riga, Ihr Bruder Ernst in Auschwitz und Bruder Alexander im KZ Mauthausen ermordet. Die Familie Brechner/Stern hat die Stolpersteine finanziert, Johannas Söhne Alfred und Gerschon sprachen zum Abschluss der Verlegezeremonie das Kaddish für ihre Angehörigen.
In Rotthausen wurden an der Karl-Meyer-Straße Stolpersteine für die jüdische Familie Löwenthal verlegt. Emil und Flora Löwenthal wurden von Gelsenkirchen nach Riga deportiert und dort ermordet. Sohn Bruno floh nach Frankreich, wurde schließlich verhaftet und über das Lager Drancy noch Auschwitz deportiert und dort ermordet. Sohn Erwin überlebte die KZ Dachau und Buchenwald. Nach seiner Befreiung kehrte er nach Gelsenkirchen zurück, starb jedoch tragischerweise 1947 bei einem Autounfall in Gelsenkirchen. Sohn Kurt floh nach Belgien und von dort weiter nach Frankreich, wo er mit seiner Familie versteckt überleben konnte.
Zeitzeuge und Stolpersteinpate Adolf Füting war sichtlich ergriffen, als er von seinen Kindheitserinnerungen an Familie Löwenthal sprach. Füting betonte in seiner Ansprache, wie wichtig die mahnende Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis grade in heutiger Zeit ist: "Es ist von großer Bedeutung sich damit auseinanderzusetzen und so dem Vergessen entgegenzuwirken. Die unfassbaren Verbrechen der Nazis erinnern uns daran, welche Folgen menschenverachtender Hass und Verblendung haben können. Die Stolpersteine können helfen, diese Botschaft an nachfolgende Generationen weiterzutragen".
Abb.: Die elfköpfige Familie Böhmer wurde von den Nazis ermordet, weil sie der Minderheit deutscher Sinti angehörten
Siebte und letzte Station der diesjährigen Verlegeaktion war an der Bergmannstr. 34. Dort war Familie Böhmer beheimatet, die wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit verfolgt und ermordet wurden. Vater Karl Böhmer, ein aus Bochum stammender Musiker wurde am 10. Februar 1941 in das "Schutzhaftlager" in Wevelsburg eingeliefert, dort starb er am 9. Dezember 1941, angeblich an Lungenentzündung. Seine Frau Anna und ihre neun Kinder wurden von Gelsenkirchen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt und dort ermordet. Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen bedankt sich bei allen Menschen, die uns bei der diesjährigen Stolpersteinverlegung wohlwollend und hilfreich durch vielfältige Unterstützung bei Planung, Organisation und Durchführung begleitet haben.
Abb.: An der Bergmannstraße werden Stolpersteine für die Sinti-Familie Böhmer verlegt.
Am Freitag, den 12. Dezember 2014 wird der Bildhauer Gunter Demnig an sieben Orten im Gelsenkirchener Stadtgebiet 32 weitere Stolpersteine einlassen. Zur Teilnahme an den Verlegungen sind alle Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich eingeladen.
Wir weisen darauf hin, dass im zeitlichen Ablauf Verschiebungen möglich sind. Planen Sie bitte ein Zeitfenster von +/- 15 Min. zu den angegebenen Uhrzeiten ein. Die Projektleitung ist am Verlegetag unter Tel. 0174-5463829 zu erreichen. Stolpersteine werden verlegt für:
Bildhauer. Spurenleger. Projektkünstler. Verlegte fast 50 000 Stolpersteine und schuf damit das größte dezentrale Mahnmal der Welt.
"Dieses Interview gibt einen guten Einblick in die Arbeit unseres Teams." sagt Gunter Demnig.
Gedenken an die gegen jüdische Menschen gerichteten Pogrome in der sogenannten "Reichskristallnacht" am 9. November 1938
Abb.: Die ausgebrannte Synagoge in der Gelsenkirchener Altstadt am Morgen des 10. November 1938
Sonntag, 9. November, ab 15 Uhr in Gelsenkirchen-Horst, Nordsternplatz/vor dem ehem. Spinnrad.
Die Veranstaltung der 'Demokratischen Initiative' beginnt am Nordsternplatz mit einem Schweigezug, der über die Straßen Am Bugapark, Kranefeldstraße, An der Rennbahn, Gelsenbergstraße, Am Schleusengraben bis zur Trauerhalle des Friedhofs Horst-Süd verläuft. Anschließend führt der Schweigezug zum "Kapp-Putsch-Denkmal", wo die Erinnerungsorte-Tafel zum "Kapp-Putsch-Denkmal" durch Schülerinnen und Schüler des Weiterbildungskollegs Emscher-Lippe vorgestellt wird. Von dort geht es weiter zur Grabstätte für sowjetische Zwangsarbeiter. Hier wird die Erinnerungsorte-Tafel zur Grabstätte für sowjetische Zwangsarbeiter durch das Institut für Stadtgeschichte vorgestellt. Traditionell endet die Veranstaltung mit dem Moorsoldatenlied. Beziehen Sie mit Ihrer Teilnahme an der Demonstration und der Kundgebung Stellung für Respekt, Toleranz und Zivilcourage - gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit.
Vortrag: Am Tag der Befreiung bin ich wiedergeboren worden
Abb.: Judith Altmann hält in den USA regelmäßig Vorträge in Schulen und Universitäten. Am 31. August spricht sie in der Gelsenkirchener Bleckkirche.
21. August 2014. Judith Altmann, die heute in den USA lebt, besucht Ende August die ehemaligen Standorte von NS-Unrechtsstätten u.a. in Gelsenkirchen-Horst und Essen, in denen sie vor fast auf den Tag genau vor 70 Jahren als Zwangsarbeiterin eingesperrt war. Am Sonntag, 31. August ab 17 Uhr wird sie in der Bleckkirche in Gelsenkirchen über ihre Erfahrungen, ihr Überleben und ihre Lehren aus den Verbrechen des Nazi-Systems berichten. “Am Tag der Befreiung bin ich wiedergeboren worden” sagt Judith Altmann, “Ich freue mich darauf, diese Orte im Frieden wiederzusehen.”
Sie überlebte das KZ Auschwitz, die so genannten 'Außenkommandos' des KZ Buchenwald in Gelsenkirchen, Essen, Sömmerda und das KZ Bergen-Belsen. Judith Altmann, 1924 in Jasina in der damaligen Tschecholowakei geboren, wurde im April 1944 zusammen mit ihrer Familie zunächst in ein Ghetto in Ungarn verbracht. Dann wurde die Familie weiter in das KZ Auschwitz deportiert. Ihre Eltern, ihre Geschwister und die meisten Verwandten überlebten Auschwitz nicht. Von Auschwitz wurde das junge Mädchen zusammen mit 2000 jüdischen Mädchen und Frauen im Sommer 1944 in das KZ-Außenlager von Buchenwald in Gelsenkirchen-Horst (Gelsenberg Benzin AG), dann in das KZ an der Essener Humboldstraße (Krupp) und weiter in das KZ Sömmerda (Rheinmetall-Borsig) verschleppt. In den Lagern mussten die Frauen und Mädchen Zwangsarbeit für die deutsche Kriegswirtschaft leisten. Judith Altmann: "Wenn du nicht mehr arbeiten konntest, kamst du zurück nach Auschwitz". Mit einem der berüchtigten Todesmärsche gelangte Judith Altmann schließlich über das KZ Buchenwald in das KZ Bergen-Belsen, wo sie im April 1945 von britischen Soldaten befreit wurde.
Eine Veranstaltung des Gelsenzentrum e.V. in Kooperation mit der Bleckkirche – Kirche der Kulturen, Gelsenkirchen, Bleckstraße (an der ZOOM Erlebniswelt). Der Eintritt ist frei. Reservierungen per Email an: sekretariat@gelsenzentrum.de oder Telefon: 0209-9994676
Gelsenkirchen: Bald mehr als 100 Stolpersteine
Abb.: Stolpersteine in Gelsenkirchen. Das Bild wurde bei einer der letzten Stolperstein-Aktionen aufgenommen.
12. August 2014. Im Dezember verlegt Bildhauer Gunter Demnig weitere 32 Stolpersteine in Gelsenkirchen. Die Zahl der in unserer Stadt verlegten Stolpersteine wird dann die Grenze von 100 überschreiten – am Ende des Verlegetages werden es 119 sein.
Am 12. Dezember werden die pflastersteingroßen Blöcke in den Straßen vor den Häusern verlegt, in denen Gelsenkirchener*innen lebten, die Opfer der NS-Gewaltherrschaft wurden. Stolpersteine erinnern an Menschen, die in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vom NS-Terrorregime aus politischen, religiösen, rassistischen und ideologischen Gründen verfolgt und ermordet wurden. Auch für Menschen, denen die Flucht aus Nazi-Deutschland gelang, werden Stolpersteine verlegt. "So werden Familien im Gedenken symbolisch wieder vereint" sagt Gunter Demnig.
Die Stolpersteine werden ausschließlich durch Spenden finanziert. Info: (0209) 9994676.
Erinnerung wachhalten: Die Sinti-Familie Böhmer
26. Mai 2014. An die Leidensgeschichte von Rosa Böhmer und ihre Familie erinnert Andreas Jordan von der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen am 5. Juni 2014 um 18.30 Uhr in der Galerie Bild.sprachen, Bergmannstr. 37. Im Gedenken an die in der Nazi-Zeit ermordete Sinti-Familie Böhmer verlegt Bildhauer Gunter Demnig im Herbst diesen Jahres an der Bergmannstraße 34 elf Stolpersteine. Einen Großteil der Patenschaften für diese Stolpersteine haben Kreative der "Gelsenkirchener Galeriemeile" übernommen.
Mutter und Tochter wurden in Auschwitz ermordet
Abb.: Gelsenkirchen-Horst, Buerer Straße 8. Vor diesem Haus, dem letzten frei gewählten Wohnsitz, verlegt Gunter Demnig die Stolpersteine für Lilly Stein und ihre Tochter Alice Brunetta. Beide wurden in Auschwitz ermordet.
31. März 2014. Nach den gegen die jüdische Bevölkerung gerichtete Pogrome in der so genannten "Kristallnacht" am 9. November 1938 floh die Witwe Lilly Stein mit ihren noch in Gelsenkirchen-Horst lebenden Kindern nach Holland. Tochter Bertha war bereits 1936 die Flucht nach Großbritannien gelungen.
Als die Nazis im Mai 1940 die Niederlande besetzten, gerieten auch Lilly Stein und ihre Tochter Alice Brunetta ins Visier der NS-Verfolgungsbehörden. Sie wurden schließlich verhaftet und in Westerbork interniert. Am 14. September 1943 wurden beide in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort am 17. September 1943 direkt nach der Ankunft ermordet.
Die Patenschaften haben der Horster Bezirksbürgermeister Joachim Gill und Marco Langfeldt übernommen. In das Gehwegpflaster eingelassen werden die Stolpersteine von Bildhauer Gunter Demnig nach derzeitigen Planungsstand vorausssichtlich Ende Oktober 2014.
Stolpersteine sollen auf der Gelsenkirchener Galeriemeile an ermordete Sinti-Familie erinnern
Abb.: Das Sinti-Mädchen Rosa Böhmer wurde kurz vor ihrem zehnten Geburtstag in Auschwitz ermordet
31. Januar 2014. Gunter Demnigs Stolpersteine sollen schon bald in Gelsenkirchen an die Lebens- und Leidenswege der Familie Böhmer erinnern. Der Musiker Karl Böhmer und seine Frau Anna wohnten seit 1930 an der Bergmannstraße 34 im Stadtteil Ückendorf. Das Ehepaar hatte neun gemeinsame Kinder.
Vater Karl Böhmer starb 1941 im KZ Niedernhagen (Wevelsburg), die Mutter Anna und ihre Kinder Sonia, Elisabeth, Marie, Sophie, Willy, Karl, Albert, Werner und Rosa wurden von Gelsenkirchen deportiert und 1943/44 in Auschwitz ermordet.
Sinti und Roma wurden im so genannten "Dritten Reich" als "rassisch minderwertig" eingestuft. Der Reichsführer SS Heinrich Himmler befahl am 16. Dezember 1942 die Einweisung aller "Zigeuner und Zigeunermischlinge" in das Vernichtungslager Auschwitz zur "totalen Liquidierung". Insgesamt fielen dem nationalsozialistischen Völkermord europaweit 500.000 Angehörige dieser Minderheit zum Opfer. Bildhauer Gunter Demnig, geistiger Vater des Stolperstein-Projektes, kommt nach derzeitigen Planungsstand im Oktober wieder nach Gelsenkirchen. Dann könnten auch die Stolpersteine für Familie Böhmer am letzten frei gewählten Wohnort an der damaligen Bergmannstraße 34, mitten im heutigen 'Kreativ.Quartier Ückendorf', verlegt werden. Jedes einzelne Familienmitglied wird mit einem eigenen Stolperstein geehrt, so wird Familie Böhmer symbolisch im Gedenken wieder zusammengeführt.
Finanziert werden die Stolpersteine über Patenschaften. Pate kann jede Privatperson werden, aber auch Einrichtungen, Vereine, Firmen, Verbände oder Schulen. So ist es die Bürgergesellschaft, die das Gedenkprojekt Stolpersteine trägt. Eine Patenschaft kostet 120 Euro, damit werden die Materialkosten und die Verlegung der Stolpersteine durch Gunter Demnig finanziert. Die Stolperstein-Patenschaften für Familie Böhmer haben Knut Maßmann, Peter Liedke, Jesse Krauß, Klaus Brandt, Susanne Becker, Heinrich Szamida, Roman Pilgrim und Renate Brändlein-Wilbertz übernommen. Ein Informationsabend zum Projekt Stolpersteine und der Leidensgeschichte der Familie Böhmer in der Galerie HUNDERT an der Bergmannstraße 37 ist in Planung.
Menschen, die eine Stolperstein-Patenschaft übernehmen wollen, wenden sich an die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen: Tel. (0209) 9994676 o. per E-Mail
Smartphone-App: Stolpersteine Guide informiert über Lebens- und Leidenswege von NS-Opfern
Steine und App. In der Gelsenkirchener Kolpingstrasse erinnern Stolpersteine an Familie Goldschmidt.
22. Januar 2014. Seit heute liefert eine kostenlose App für Smartphones Informationen zu den Lebens- und Leidenswege von Menschen, an die in Gelsenkirchen Gunter Demnigs Stolpersteine erinnern. Mit den Stolpersteinen kehren die Namen zurück, die App liefert weitere Informationen und auch Fotos - direkt dort, wo die Stolpersteine erinnern - vor den Türen der Häuser.
Die Entwicklung der App startete bereits vor zwei Jahren als Hochschulprojekt der FH Trier in Kooperation mit der Trierer Stolpersteininitiative AG Frieden. Der "Stolpersteine Guide" ist unter der Betreuung von Dozent Marcus Haberkorn zusammen mit den Studenten Alexander Prümm, Peter Nürnberger und Kim-Julian Becker entstanden. Es handelt sich dabei um eine Plattform, über die Inhalte zu Stolpersteinen bereitgestellt werden. Im Auftrag von SWR2 wurde der Stolpersteine Guide für das Projekt der akustischen Stolpersteine erweitert.
“Damit können sich besonders junge Menschen die Menschenverachtung der Nazis vergegenwärtigen, die Naziopfer erhalten mit der Stolpersteinaktion wieder einen Namen, die App ergänzt sie mit Geschichten. So wird an Menschen erinnert, da wo sie Teil der Gesellschaft waren. Wir werden zum Nachdenken angeregt – auch um sich heute für eine menschliche und demokratische Gesellschaft zu engagieren“, so Markus Pflüger von der AG Frieden in Trier.
Als Plattform und "Work in pogress" ist der Stolpersteine-Guide offen für alle Initiativen, die die Erinnerung an die NS-Verbrechen auch mit modernsten Mitteln wachhalten möchten. Diese Möglicheit hat auch die unter dem Dach des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum e.V. agierende Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen ergriffen und Hintergrundinformationen und Fotos zu den 87 bisher in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine in die App eingepflegt. Derzeit werden in Gelsenkirchen fünf Führungen mit der App entlang von Stolpersteinen angeboten. Stolperstein-Initiativen in anderen Städten finden auf der Homepage des "Stolperstein-Guide" weitere Infos bzw. ein Kontaktformular zum Mitmachen.
Abb.: Möbel Rosing an der Schalker Straße in Gelsenkirchen, vor der so genannten 'Arisierung' Möbelhaus Block
13. Januar 2014. Familie Block lebte an der Schalker Straße 75, direkt an der Kreuzung Liboriusstraße. Im gleichen Haus betrieb die in Gelsenkirchen bekannte und angesehene jüdische Familie ein Möbelgeschäft, dass bereits 1868 von Gumpel Block an der Liboriusstraße 37 gegründet wurde. Nach dem Tod von Gumpel Block wurde der alteingesessene Familienbetrieb 1905 mit einem Neubau an der Schalkerstrasse 75 erweitert.
Mit der Machtübergabe 1933 an die Nazis verschlechterte sich die gesamte Lebenssituation der Familie Block mit dem ständig zunehmenden Verfolgungsdruck durch die NS-Behörden zusehends. Das Geschäft wurde boykottiert, immer mehr Kunden blieben in der Folge aus. So wurde auch der Familie Block die Existenzgrundlage entzogen. Das Geschäft nebst Immobilien wurde schließlich "arisiert" - wie die Nazis die Enteignung jüdischen Eigentums verschleiernd nannten - und ging 1937 in so genannte "arische Hände" über. Neue Eigentümer der Möbelhandlung Block wurden die "arischen" Eheleute Theodor und Christine Ernsting, geborene Rosing, die das Geschäft - jetzt unter dem Namen "Rosing" - an gleicher Stelle fortführten.
Unternehmen wie Rosing konnten mit der "Arisierung" ihren Profit und ihre wirtschaftliche Stellung enorm steigern. In der Festschrift zum 50. Firmenjubiläum der Firma Rosing aus dem Jahre 1960 ist von diesem dunklen Kapitel in Firmengeschichte natürlich keine Rede mehr. Ein exemplarisches Beispiel für die Skrupellosigkeit, mit der die großen und kleinen "Arisierungsgewinnler" in Gelsenkirchen und anderswo - größtenteils bis heute - dreist und plump ihre Firmengeschichte verfälschen oder auch dieses dunkle Kapitel ganz verschweigen.
Mit Hilfe der Tochter von Hans-Helmut Block konnten die die Lebens- und Leidenswege der ehemaligen jüdischen Eigentümerfamilie Block nachgezeichnet werden. Schon bald sollen an der Schalker Straße 75 Gunter Demnigs Stolpersteine an Familie Block erinnern.
Film: Stolpersteine Gelsenkirchen - Ihre Namen sind nicht vergessen
Hier wohnte 1933-1945. Ein Name, ein Stein, ein Mensch. Der neue Film von Jesse Krauß dokumentiert und begleitet den Bildhauer Gunter Demnig bei der Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen im April 2013. Auschnitte aus der Abschlussveranstaltung in der Bleckkirche ergänzen die bewegenden Zeremonien.
Stolpersteine: Kleine Steine mit großer Wirkung
Abb.: Stolpersteinverlegung an der Gelsenkirchener Arminstraße
18. Dezember 2013. Mitten im vorweihnachtlichen Trubel in der Gelsenkirchener Innenstadt verlegte Bildhauer Gunter Demnig gestern neun weitere Stolpersteine vor Häusern, in denen früher jüdische Mitbürger gewohnt haben, die von den Nazis vertrieben oder verschleppt und ermordet worden waren. Die beeindruckenden Zeremonien an den drei Verlegeorten wurden von zahlreichen Menschen jeden Alters begleitet.
Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten im Vorfeld gemeinsam Patenschaften für die Stolpersteine übernommen, die gestern in das Pflaster eingelassen wurden. So war es ein Geschichtskurs des Schalker Gymnasiums, der mit Lehrer Alfons Schindler die Patenschaft für den Stolperstein übernommen hat, der nun an der Arminstraße an Lieselotte Elikan erinnert. Rund 30 Prozent der jugendlichen Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer haben einen Migrationshintergrund. In einem WAZ-Artikel wird heute Lehrer Alfons Schindler zitiert: "Wenn diese Schüler mit ausländischer Abstammung über Deutsche Geschichte sprechen, ist das für mich Integration pur."
Auch für Lieselottes Freund Werner de Vries, der den Holocaust überlebte, verlegte Gunter Demnig gestern einen Stolperstein an der Arminstraße. Im Gedenken sind Lieselotte und Werner nun wieder symbolisch vereint. Die Jugendlichen waren von der Zeremonie, an der auch Schulleiterin Angelika Philipp und Lehrer Alfons Schindler teilnahmen, sichtlich beindruckt. Bereits am Vormittag hatten die Schülerinnen und Schüler im Schalker Gymnasium eine würdige und bewegende Auftaktveranstaltung mit verschiedenen Pogrammpunkten gestaltet.
Abb.: Die (v.li.) Urenkelin, Ururenkelin und Enkelin von Adolf Hirsch kamen nach Gelsenkirchen
Nachfahren des Ehepaars Adolf und Johanna Hirsch kamen eigens aus den USA und Israel zur Stolpersteinverlegung nach Gelsenkirchen. Enkelin Ingrid Gunther aus Washington D.C. und Urenkelin Nina Hassin aus Tel Aviv sprachen vor der Begegnungsstätte Alter Betsaal an der Von-Der-Recke-Straße 9 über ihre von den Stolpersteinen ausgelösten Erinnerungen und Emotionen. Die beiden Wortbeiträge sind hier abrufbar: Ingrid Gunther und Nina Hassin.
Abb.: Stolperstein-Patin Marianne Wodniczak (re.) erinnerte in ihrer Rede an die Lebens- und Leidenswege der jüdischen Familie Moritz Back.
Dem heute in Schweden lebenden Ernst Back war es zu seinem großen Bedauern nicht möglich, persönlich zur Verlegung der Stolpersteine nach Gelsenkirchen zu kommen. Er und Bruder Klaus konnten 1939 mit Kindertransporten nach Schweden gerettet werden, Schwester Hilde erhielt sprichwörtlich in letzter Minute die rettende Einreiseerlaubnis nach Schweden. Die Eltern Moritz und Paula starben im Holocaust.
Ernst Back übermittelte seinen Redebeitrag per Email, so konnte dieser während der Zeremonie an der Ebertstraße 1 seinem Wunsch entsprechend verlesen werden. Der Familien- und Freundeskreis von Marianne Wodniczak hatte die Patenschaft für die fünf Stolpersteine übernommen, die an Familie Back erinnern. Zahlreiche Menschen aus diesem Kreis nahmen an der Verlegezeremonie teil.
Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen dankt allen Menschen, die diese Stolperstein-Verlegungen auf vielfältige Weise wohlwollend und unterstützend begleitet haben, im besonderen
Ingrid Gunther, Nina Hassin, Dafna Hassin, Marianne Elikan-Reusch, Ernst und Hilde Back, Gunter Demnig, Yuriy Zemskyi, Marianne Wodniczak, Angelika Philipp, Alfons Schindler, Deniz Adar, Melike Demirbag, Elisa Dubina, Laura Geiling, Dominik Gruhn, Kevin Hackbarth, Alina Hollmann, Jennifer Islam, Oliver Karski, Alexander Roßbegalle, Nursema Sen, Yudum Sever, Thu Hang Tran, Sally Uwuru, Sarah Zander, Jenny Högemeier, Robert Heidenreich, Jesse Krauß, Thomas Schnitzler und Karlheinz Weichelt.
Neun weitere Stolpersteine werden im Dezember in Gelsenkirchen verlegt
Abb.: Gelsenkirchen, Von-Der-Recke-Straße 9. Mit der Verlegung von zwei Stolpersteinen kehren auch die Namen von Adolf und Johanna Hirsch an den Ort zurück, an dem sie einst lebten.
11. November 2013. Mit Kindertransporten konnten die drei Kinder der Familie Back nach Schweden gerettet werden, die Mutter wurde in Auschwitz ermordet, der Vater starb in Theresienstadt. Das Ehepaar Hirsch wurde in der Gaskammer von Treblinka erstickt, Lieselotte Elikan starb in Stutthof. Werner de Vries überlebte Riga und Stutthof und kehrte nach seiner Befreiung zunächst nach Gelsenkirchen zurück. Zur Erinnerung an die Lebens- und Leidenswege dieser Menschen werden am 17. Dezember in Gelsenkirchen neun weitere Stolpersteine verlegt. Zur Teilnahme an den Verlegungen sind alle Mitbürgerinnen und Mitbürger herzlich eingeladen.
Lieselotte Elikan & Werner de Vries
14:30 Uhr, Arminstraße, Höhe Kurt-Neuwald-Platz
Adolf & Johanna Hirsch
15:00 Uhr, Von-Der-Recke-Straße 9
Moritz, Paula, Hilde, Ernst und Klaus Back
15:30 Uhr, Ebertstraße 1/Ecke Robert-Koch-Straße
(Die genannten Uhrzeiten sind Richtwerte, planen Sie bitte ein Zeitfenster von +/- 15 Minuten ein. Die Projektleitung ist am Verlegetag unter der Handy-Nr.0174 5463829 zu erreichen)
GE-Putzt: Nun glänzen sie wieder
Abb.: Stolpersteine erinnern in Gelsenkirchen an die jüdische Familie Tepper. Einzig Max Tepper überlebte die NS-Zeit.
Weil die Stolpersteine im Laufe der Zeit eine Patina ansetzen, hatten wir anlässlich des 75. Jahrestages der Pogromnacht zu einer Putzaktion aufgerufen. Am Nachmittag des 9. November endete die Aktion. Freiwillige Helfer*Innen haben alle Stolpersteine im Stadtraum gereinigt, an den Verlegestellen Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt.
Groß war das Interesse an Gunter Demnigs Projekt Stolpersteine auch bei den zufällig des Weges kommenden Passanten. Es entwickelten sich an an den Verlegestellen zahlreiche Gespräche, Fragen konnten beantwortet und Unterstützer gewonnen werden. Einhellige Meinung der Passanten: Die Stolpersteine regen zum Nachdenken an und sind in ihrer unaufdringlichen Schlichtheit ein sinnvolles und wichtiges Projekt der Erinnerungskultur - weil sie eben kein statisches, veordnetes Geschichtsbild transportieren, sondern immer wieder individuelle Denkprozesse anstossen. Wir danken an dieser Stelle den freiwilligen HelferInnen Doris, Mechthild, Heike, Uwe, Michael, Andreas und besonders Karl, der die Aktion finanziell unterstützte.
Pötzlich waren die Löwenthals weg
Abb.: An das Kaufhaus Löwenthal in der Rotthauser Karl-Meyer-Straße können sich manche Gelsenkirchener noch erinnern.
Emil Löwenthal, geb. am 13. September 1873 in in Grunau/Westpreussen war mit Flora Löwenthal, geb. Heymann, geboren am 15. Oktober 1876 in Gnesen (Gniezno) verheiratet.
Das Ehepaar Löwenthal hatte vier Kinder, die am am 16. August 1900 geborene Erna, den am 6. Januar 1902 geborenen Bruno, den am 10. Dezember 1907 in Gelsenkirchen geborenen Kurt und den am 3. November 1911 geborenen Erwin. Erna und Bruno wurden in Kamen, Kurt und Erwin in Gelsenkirchen geboren. Ansässig war Familie Löwenthal seit etwa 1906 in Rotthausen an der Karl-Meyer-Strasse 2. Vater Emil Löwenthal betrieb dort ein kleines Kaufhaus mit breit gefächerten Warensortiment. Kurt und sein Bruder Erwin waren Inhaber einer Süßwarenhandlung.
Erna verließ Gelsenkirchen bereits 1922, zog nach Essen und heiratete dort. Die Eltern Emil und Flora, Tochter Erna, deren Kinder Inge, Gerd, Max - eine weitere Tochter überlebte die Shoa - und Bruno wurden von den Nazis ermordet. Kurt Löwenthal überlebte den Holocaust in Südfrankreich, Erwin wurde 1945 aus dem KZ Buchenwald befreit, starb jedoch 1947 bei einem Autounfall in Gelsenkirchen.
Schon bald sollen Stolpersteine in Gelsenkirchen-Rotthausen an die jüdische Familie Löwenthal erinnern - eine erste Patenschaft für den Stolperstein, der Emil Löwenthal gewidmet wird, hat ein Rotthauser Bürger übernommen. Er hat Familie Löwenthal noch persönlich gekannt. Die Patenschaft für den Stolperstein, der an Bruno Löwenthal erinnern wird, hat Dr. Willi Mast übernommen. Für die Stolpersteine, die an Flora, Erwin und Kurt Löwenthal erinnern sollen, können noch Patenschaften übernommen werden. Info: (0209) 9994676.
Gedenkaktion "Gelsenkirchen vor 75 Jahren": Stolpersteine werden geputzt
Abb.: In Sicherheit. Jüdische Kinder bei der Ankunft in England
In Gelsenkirchen erinnern Gunter Demnigs Stolpersteine seit 2009 an Menschen, die Opfer des NS-Regimes wurden. Sie erinnern auch an jüdische Menschen, die 1938 nach Polen abgeschoben, Opfer der Novemberpogrome wurden oder mit einem der Kindertransporte in Sicherheit gebracht werden konnten.
Zu einer besonderen Form des Gedenkens ruft der gemeinnützige Verein Gelsenzentrum auf. Am 8. und 9. November 2013 sollen alle 78 bisher in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine geputzt und an jeder der insgesamt 40 Verlegestellen Blumen niedergelegt werden. UnterstützerInnen und Sponsoren für die Aktion sind herzlich willkommen. Infos unter Tel.: (0209) 9994676.
Im Jahr 1938 erreichte die nationalsozialistische Judenverfolgung ihren Höhepunkt, bevor mit dem II. Weltkrieg die Massenvernichtung begann. In diesen Tagen jähren sich zeithistorische Ereignisse auf dem Weg in den Holocaust: Vor 75 Jahren wies NS-Deutschland am 28. Oktober Oktober über Nacht Tausende polnischstämmige Juden aus. Diese erste NS-Massendeportation, die im Zusammenspiel von Polizei, Reichsbahn, Finanzbehörden und Diplomatie ablief, kann als "Probelauf" für die später folgenden Deportationen jüdischer Menschen gelten. Auf die dabei gemachten Erfahrungen und die logistische Zusammenarbeit mit der Reichsbahn griff der Sicherheitsdienst (SD) zurück, als er wenig später nach den Novemberpogromen vom 9. auf den 10. November 1938 mehr als 26.000 Juden in so genannte Konzentrationslager schaffen ließ. Die so genannte "Polenaktion" stand in direktem Zusammenhang mit den Pogromen vom 9. November 1938.
Kurze Zeit danach begannen mit den "Kindertransporten" die Rettung jüdischer Kinder. In den Wochen nach der so genannten "Kristallnacht" entschloss sich die britische Regierung, bis zu 10.000 unbegleitete jüdische Kinder und Jugendliche aus dem NS-Herrschaftsbereich nach Großbritannien einreisen zu lassen. Rund 2.000 Kinder nahmen die USA auf. Mit den Kindertransporten wurden in neun Monaten, vom 30. November 1938 bis zum 31. August 1939 - einige wenige erfolgten auch noch nach Ausbruch des II. Weltkrieges - insgesamt rund 12.500 Kinder vor dem Terror der Nazis gerettet. Die meisten der Kinder sahen ihre Familien jedoch nicht wieder.
Grausames Mordprogramm: Die so genannte "NS-Kindereuthanasie"
Abb.: Auszug "Krankengeschichte des Jürgen Sommerfeld" (Quelle: LWL Archivamt für Westfalen, Archiv LWL, Bestand 653/1, Nr. 213 Patientenakte Sommerfeld, Jürgen)
Jürgen Sommerfeld war ein geistig und körperlich behindertes Kind. Der am 11. Januar 1941 in Gelsenkirchen-Schalke geborene Jürgen war gerade zweieinhalb Jahre alt, als er in die so genannte "Kinderfachabteilung" der Provinzialheilanstalt Aplerbeck in Dortmund aufgenommen wurde. Keine drei Wochen später war das Kind tot.
Körperlich oder geistig behinderte Kinder galten nach der NS-Rassenideologie im so genannten "Dritten Reich" als "lebensunwert" und wurden in eigens dafür eingerichteten Mordstätten, den so genannten "Kinderfachabteilungen" ermordet. Die Bezeichnung "Kinderfachabteilung" sollte bewusst den wahren Zweck der Einrichtungen vertuschen. Die Totenscheine bescheinigten eine natürliche Todesursache, so soll Jürgen Sommerfeld an "Kreislaufschwäche" gestorben sein. Die Zahl der zwischen 1939 und 1945 ermordeten Kinder wird auf mindestens 8.000 geschätzt, insgesamt fielen mehr als 200.000 behinderte Menschen jeden Alters im "Dritten Reich" dem grausamen Krankenmord-Programm der Nazis zum Opfer.
Nach 1945 setzte in der Bundesrepublik eine spontane und kollektive Amnesie und Verdrängung an die NS-Krankenmorde ein. Lange hat die deutsche Gesellschaft diesen ermordeten Menschen das Gedenken verweigert. Zur Rechenschaft gezogen worden sind nach Kriegsende die wenigsten der am Mordprogramm beteiligten Mitarbeiter der Gesundheitsämter, Ärzte, Psychater, Hebammen, Krankenschwestern und Fürsorgerinnen. Die Karrieren vieler der Beteiligten gingen in der Bundesrepublik ungebrochen weiter.
Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen hat jetzt einen Arbeitskreis initiiert, der sich schwerpunktmäßig mit Recherchen zu den Lebens- und Leidenswegen Gelsenkirchener Opfer der „Euthanasiever-brechen“ befasst und die Erinnerung daran wieder in Gang setzen will. Interessierte, die sich ehrenamtlich am Arbeitskreis beteiligen wollen, sind herzlich willkommen. Kontakt per Email: AK Krankenmorde
Filmvorführung am 31. Oktober 2013 in der 'flora': "Wir haben es doch erlebt" Das Ghetto von Riga
Der gemeinnützige Verein Gelsenzentrum e.V., der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, Kreisvereinigung Gelsenkirchen (VVN-BdA) und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gelsenkirchen e. V. laden ein zur Präsentation des Dokumentarfilms von Jürgen Hobrecht "Wir haben es doch erlebt" - Das Ghetto von Riga (D 2013, 98 Min.).
Regisseur Hobrecht begleitet die Präsentation und wird nach der Vorführung Fragen des Publikums beantworten. Der Eintritt ist frei, um eine Spende zugunsten der Weiterarbeit der Phoenix Medienakademie am Thema "Riga" und zur Unterstützung einer Hilfsorganisation für baltische Holocaust-Überlebende wird gebeten.
In Gelsenkirchen kann der dokumentarisch angelegte Film aufgrund des Engagements der obengenannten Organisationen gezeigt werden, unterstützt wird die Filmvorführung zudem von der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen. Der Film wird vom 10. Oktober bis 10. Dezember 2013 in einer Reihe von Veranstaltungen bundesweit gezeigt, Gelsenkirchen ist einer von 35 ausgewählten Veranstaltungsorten. Bundesminister a.D. Wolfgang Tiefensee, Vorsitzender des Vereins „Gegen Vergessen für Demokratie e.V.“ hat die Schirmherrschaft für die Veranstaltungsreihe übernommen.
Über 25.000 Juden aus dem "Deutschen Reich" wurden ab Herbst 1941 nach Riga verschleppt, Hauptstadt des von Hitlers Wehrmacht besetzten Lettland. Zwischen November 1941 und Oktober 1942 fuhren 25 Züge der Reichsbahn mit ihrer Menschenfracht aus 14 Städten - darunter u.a. Gelsenkirchen, Dortmund, Münster und Bielefeld - nach Riga. Unmittelbar zuvor waren die bis dahin im Ghetto von Riga internierten ca. 27.000 lettischen Juden und Jüdinnen in einem Massaker ermordet worden - das Ghetto wurde "freigeschossen" sagt Margers Vestermanis, selbst Überlebender des Holocaust in Lettland. Die SS schaffte mit dieser Mordaktion Platz für die Neuankömmlinge aus Deutschland. Von den 355 Gelsenkirchener Juden – am 27. Januar 1942 nach Riga verschleppt – wurden 307 in Riga und Umgebung ermordet. Allein bei einer Massentötung im Zuge der Auflösung bzw. Räumung des Rigaer Ghettos am 2./3. November 1943 ermordete die SS und ihre Helfer 87 Gelsenkirchener, darunter zwanzig Kinder.
Abtransport in das Ghetto Riga musste selbst bezahlt werden
Abb.: Die staatlich legalisierte Ausplünderung jüdischer Men- schen setzte sich auch bei der Deportation fort: Für seine Frau, für sich und den gemeinsamen Sohn musste Max Schloss 150,- RM als "Gebühr Evakuierung" und 120,- RM "Transportkosten" für die Mitnahme der beweglichen Habe bezahlen - gegen Quittung. (Quelle: Archiv Gelsenzentrum/Herman Neudorf)
Die deportierten Menschen wussten nicht, was sie am Bestimmungsort Riga erwartete. Einige Wochen vor der Deportation hatten die Betroffenen bereits Briefe erhalten, darin wurde dem Empfänger mitgeteilt, dass er zur "Evakuierung in den Osten" eingeteilt ist und sich an einem bestimmten Tag für den Transport bereit zu halten habe.
Die zur Deportation bestimmten glaubten zu diesem Zeitpunkt noch an den vorgegauckelten "Arbeitseinsatz" im Osten, wurde doch in den Benachrichtigungen detailliert aufgelistet, welche Ausrüstungsgegenstände mitzunehmen sind: Schlafanzug, Nachthemd, Socken, Pullover, Hosen, Hemden, Krawatten, warme Kleidung, Näh- und Rasierzeug, Bettzeug, Medikamente und Verpflegung.
Arbeit im Osten, daran glaubte man. Denn Arbeit bedeutet Brot, und Brot bedeutet Leben, bedeutet Weiterleben, so dachte man. Niemand konnte sich vorstellen, dass das alles nur Lug und Trug war, perfider Teil eines Mordplans, den die Nazis verschleiernd "Endlösung" nannten. → Familie Max Schloss - 1942 nach Riga verschleppt
75. Jahrestag der Pogromnacht von 1938: Zeit vergeht - Verantwortung nicht
Abb.: Stolpersteine erinnern an vielen Orten in Gelsenkirchen an Opfer des Pogroms vom November 1938. So wie auch diese Stolpersteine vor dem Haus Wanner Straße 119. Das in dem Haus befindliche Geschäft und die Wohnung von Selma, Günther und Erna Schöneberg wurden von den Nazischergen in der Pogromnacht zerstört.
Es geschah vor aller Augen
Die Novemberpogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 waren eine vom NS-Terrorregime organisierte und gelenkte Zerstörung von Leben, Eigentum und Einrichtungen jüdischer Menschen im gesamten "Deutschen Reich".
Auch in diesem Jahr finden an vielen Orten in ganz Deutschland Veranstaltungen zum Gedenken an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger statt, die in der so genannten "Reichskristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938 Opfer rassistisch motivierter Gewalttaten gegen Leben und Eigentum wurden. So auch in Gelsenkirchen. In dieser Nacht der Schande wurden hunderte Menschen von Nazis und ihren Helfershelfern vergewaltigt, zusammengeschlagen, beraubt, ermordet oder in den Suizid getrieben. Fast alle Synagogen, Geschäfte jüdischer Eigentümer, Wohnungen und viele jüdische Friedhöfe in Deutschland und Österreich wurden in der Pogromnacht zerstört. Ab dem 10. November wurden ca. 30.000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert, wo viele ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben. Jüdische Betroffene und Zeitzeugen aus der Mehrheitsgesellschaft schildern ihre Erlebnisse in der sogenannten "Reichskristallnacht": → Die Pogromnacht vom November 1938 in Gelsenkirchen
Gunter Demnig verlegt im Dezember neun weitere Stolpersteine in Gelsenkirchen
16. September 2013. Vor achtzig Jahren begannen in Deutschland Terror, Willkür, Gewaltherrschaft. Ganze Bevölkerungsgruppen wurden 1933 zu Feinden erklärt, verfolgt, deportiert, ermordet. An die millionenfachen Gewaltverbrechen der Nazis erinnern die Stolpersteine von Gunter Demnig.
Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr kommt der Bildhauer nach Gelsenkirchen. Am 17. Dezember verlegt Demnig in der Altstadt neun weitere Stolpersteine: an der Arminstraße für Lieselotte Margot Elikan und Werner de Vries, an der Von-Der-Recke-Straße vor der Begegnungstätte Alter Jüdischer Betsaal für Adolf und Johanna Hirsch und an der Ebertstraße für die Familie Moritz Back.
Der Verlegetag beginnt mit einer Auftaktveranstaltung im Schalker Gymnasium, am Nachmittag setzt Gunter Dennig dann die Stolpersteine in das Gehwegpflaster ein. Zur Verlegung wollen Angehörige aus Schweden und den USA anreisen, auch die Halbschwester von Lieselotte Margot Elikan will nach Gelsenkirchen kommen - wenn es die Gesundheit der hochbetagten Menschen zulässt.
Historischer antifaschistischer Stadtrundgang durch die Gelsenkirchener Altstadt
15. September 2013. "Wer lief vor 80 Jahren über diese Straße?" Dieser Stadtrundgang will eine bildhafte Antwort geben. Anhand von Gedenkorten, Erinnerungstafeln und Stolpersteinen führt dieser Stadtrundgang in die Zeit des Nationalsozialismus. Exemplarisch werden Orte des Terrors, der durch die NSDAP ausgeübt wurde, besucht. Wichtige Erinnerungsorte für den Widerstand gegen Hitler werden ebenso Teil des Stadtrundgangs sein, wie die Aufarbeitung dieser Zeit. An jeder Station werden kurz und verständlich die Personen des Widerstandes und die historischen Orte erläutert und in das Zeitgeschehen eingeordnet.
Samstag 19. Oktober 2013, 13:00-15:00 Uhr, Treffpunkt Hauptbahnhof Südausgang
Der Stadtrundgang wird von der VHS Gelsenkirchen angeboten (Kursnummer 1321311), Anmeldung erforderlich. Teilnahme kostenlos.
Freundes- und Familienkreis übernimmt Stolperstein-Patenschaften
Abb.: Ebertstraße 1 in der Gelsenkirchener Altstadt
9. August 2013. Der jüdische Rechtsanwalt Moritz Back starb in Theresienstadt, seine Frau Paula wurde von dort nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Die drei Kinder des Ehepaars Back konnten mit Kindertransporten nach Schweden gerettet werden. Am letzten selbstgewählten Wohnort der Familie an der Ebertstraße 1 sollen die Stolpersteine an die Lebens- und Leidenswege von Familie Back erinnern.
Möglich gemacht hat das der Freundes- und Familienkreis von Marianne Wodniczak, die in diesem Jahr zu Gunsten des Stolperstein-Projektes auf Geschenke zu ihrem Geburtstag verzichtet hat. Mit dem Erlös konnten die fünf Stolpersteine finanziert werden, für die der Freundes- und Familienkreis die Patenschaften übernommen hat.
"Stolpersteine sollen an unsere Großeltern erinnern"
Abb.: Von-Der-Recke-Straße 9 in Gelsenkirchen. Hier lebte und arbeitete die jüdische Familie Adolf Hirsch
11. Juli 2013. Die Enkelinnen von Adolf und Johanna Hirsch haben Patenschaften für die Stolpersteine übernommen, die vor dem Haus Von-Der-Recke-Straße 9 verlegt werden und an ihre von den Nazis ermordeten Großeltern erinnen sollen. Der jüdische Kaufmann Adolf Hirsch hatte das Haus 1920 gekauft und betrieb dort eine Wachstuch-Großhandlung.
Familie Hirsch lebte in der Erdgeschoßwohnung. In den Dreißiger Jahren wurde Adolf Hirsch enteignet, die Nazis nannten diesen staatlich legalisierten Raub jüdischen Eigentums "Arisierung". Noch bis März 1942 "durfte" das Ehepaar Hirsch an der Von-Der-Recke-Straße 9 wohnen bleiben, dann wurden sie zwangsweise in eines der so genannten "Judenhäuser" Gelsenkirchens an der Klosterstraße 21 einquartiert und von dort am 31. Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt und zwei Monate später weiter in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort von Nazi-Schergen ermordet.
Abb.: An der Wanner Straße 119 in Gelsenkirchen-Bulmke lebte die jüdische Familie Schönenberg. Drei Stolpersteine erinnern jetzt an ihre Lebens- und Leidenswege
21. Mai 2013. Eigens zur Verlegung dieser Stolpersteine mit zwei ihrer Söhne aus San Francisco angereist, schilderte Jackie Shelton in einer sehr bewegenden Rede an der Wanner Straße die Lebens- und Leidenswege ihres Vaters Günter, ihrer Tante Erna und ihrer Großmutter Selma. Am Abend sprach sie auf der Gedenkveranstaltung in der Bleckkirche. Beide Reden sind hier im Wortlaut abrufbar:
Abb.: Die in Gelsenkirchen geborenen Geschwister Günsberg wurden am 26. März 1943 in der Gaskammer von Sobibór ermordet. Lothar wurde 14, Fanni Susanne 19 Jahre alt
16. Mai 2013. Vor 70 Jahren deportierte die „Reichsbahn“ tausende Kinder – weil sie Juden oder Sinti und Roma waren. Die „Reichsbahn“-Züge kamen aus einem Nazi-Lager in den besetzten Niederlanden: Westerbork. In verschlossenen Waggons wurden die Menschen durch Deutschland transportiert, darunter auch Kinder aus Gelsenkirchen.
Nach drei Tagen erreichten die Züge Sobibór in Ostpolen. In dem Nazi-Vernichtungslager wurden die Kinder sofort nach der Ankunft ermordet. Der Verein "Zug der Erinnerung" will im Mai und Juni 2013 auf mindestens 10 deutschen Bahnhöfen gemeinsam mit Initiativen und Projektgruppen aus den verschiedenen Städten von den in Sobibór ermordeten Kindern Abschied nehmen - auf den Bahnhöfen, auf den ihnen vor 70 Jahren niemand half. Von Montag 10. Juni bis Mittwoch 12. Juni 2013 macht der Zug der Erinnerung in Dortmund Station.
Der Zug der Erinnerung ist am Montag (10.6.) und Dienstag (11.6.) von 8 bis 20 Uhr (bei Bedarf länger) sowie Mittwoch (12.6.) von 8 bis 13 Uhr geöffnet. Der Besuch ist kostenlos. Jugendliche Botschafter und Botschafterinnen der Erinnerung begleiten Schulklassen und Jugendgruppen beim Besuch der Ausstellung. „Dortmund wird die einzige Station des Zugs der Erinnerung in NRW sein, so dass wir mit hohen Besucherzahlen rechnen. Wir empfehlen Gruppen und Schulklassen daher, sich frühzeitig anzumelden“, sagt Oliver Hein, Mitarbeiter der Arbeitsstelle 'Zukunft braucht Erinnerung'. Gruppenbesuche können unter der E-Mail-Adresse hein.oliver@gmx.net sowie telefonisch unter 0179-3592951 angemeldet werden.
Eine Projektgruppe des Gelsenzentrum e.V. hat sich auf Anregung des "Zug der Erinnerung" in den letzten Monaten auf Spurensuche nach Kindern aus Gelsenkirchen begeben, die in Sobibór ermordet wurden: "Wir zeichnen die Lebens- und Leidenswege nach, die diese Kinder damals gehen mussten. Beim Aufenthalt des Zuges der Erinnerung in Dortmund erinnern wir an ihren gewaltsamen Tod in Sobibór."
Unterstützung bei der Recherche fand der gemeinnützige Verein Gelsenzentrum beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen. Anhand der dort vorhandenen Unterlagen konnte die Projektgruppe die Namen von neun Kindern und Jugendlichen aus Gelsenkirchen in Erfahrung bringen, die 1943 über Westerbork in das Vernichtungslager Sobibór deportiert und dort ermordet wurden: Lieselotte Grünewald wurde 14 Jahre, Fanni Susanne Günsberg wurde 16 Jahre, Lothar Günsberg wurde 14 Jahre, Karl Werner Kupferschlag wurde 12 Jahre, Hella Grün wurde 13 Jahre, Recha Häusler wurde 13 Jahre, Fanni Landsmann wurde 19 Jahre, Anna Tepper wurde 20 Jahre, Robert Abraham Silberberg wurde 21 Jahre alt. Ernst Levie starb in Auschwitz, er wurde 12 Jahre alt. Die Lebens- und Leidenswege der Geschwister Günsberg werden exemplarisch in der neuen Ausstellung im "Zug der Erinnerung" an die verschleppten und ermordeten Kinder aus Gelsenkirchen erinnern.
Auf Basis der Recherchergebnisse planen wir die Verlegung von Stolpersteinen für diese Kinder und ihre Familien. Es werden Stolperstein-Paten gesucht. Wer eine Patenschaft für einen Stolperstein übernehmen will, wendet sich an die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen, Telefon 0209-9994676 oder E-Mail.
15. Mai 2013. Ein besonderes Zeugnis vom Leben der Gelsenkirchener Juden in den späten Dreißiger Jahren und darüber hinaus wurde uns jetzt zur Verfügung gestellt. Ein umfangreiches Konvolut an Briefen und Postkarten, geschrieben in einem der Gelsenkirchener "Judenhäuser" von einer Mutter an ihren in Sicherheit gebrachten Sohn. Die Briefe zeugen vom schwierigen Alltag jüdischer Menschen zwischen 1938 und 1941 im Gelsenkirchen der NS-Zeit.
Es sind bewegende Zeugnisse von Warten und Bangen zwischen Freude und Hoffnunglosigkeit, geprägt von Mutterliebe, tiefer Religiosität und der Kraft des Glaubens an eine bessere Zukunft. In den Briefen werden Namen genannt, Familienstrukturen werden deutlich und sie liefern darüber hinaus auch Hinweise auf Bemühungen von jüdischen Menschen um Ausreise und Flucht. Im letzten Brief vor der Deportation nach Riga richtet die Mutter einen eindringlichen Appell an ihren Sohn. Sie glaubt zu diesem Zeitpunkt noch an den NS-Verfolgungsbehörden vorgegauckelten "Arbeitseinsatz im Osten" und an ein Wiedersehen mit dem geliebten Sohn.
Plötzlich sind die Namen wieder da
Durch diese Briefe wurden wir auch auf die Lebens- und Leidenswege der Familie Jeckel aufmerksam. Als so genannte "Ostjuden" am 28. Oktober 1938 nach Bentschen (Zbąszyń) abgeschoben, verliert sich im dortigen Internierungslager die Spur der Familie. Für Familie Jeckel sollen Stolpersteine an der Hauptstraße 63 verlegt werden. Stolperstein-Paten gesucht!
Stolpersteine sollen an Frieda, Dorothea Julia, Margot und Ernst Alexander erinnern
2. Mai 2013. Der in Gelsenkirchen geborene Ernst Alexander konnte als Sechzehnjähriger 1938 in die USA flüchten und entkam so dem Rasse- und Verfolgungswahn der Nazis. Ernst wurde in den USA von einer jüdische Familie in Nebraska adoptiert, sein Vorname wurde zu Ernest geändert. Er heiratete, das Ehepaar bekam vier Söhne. 1979 siedelte die Familie nach Israel um. Dort starb Ernest Alexander im Jahr 2008. Seine Schwester Margot überlebte die NS-Zeit in einem Versteck in Holland, Schwester Dorothea Julia und Mutter Frieda wurden von den Nazis ermordet. Die heute in Israel lebenden Brüder Alexander wollen Stolpersteine zur Erinnerung an ihre Angehörigen in Gelsenkirchen verlegen lassen und haben uns um Hilfe und Unterstützung bei diesem Vorhaben gebeten.
Abb.: Gelsenkirchen wird erinnert. 19 neue Stolpersteine warten auf Verlegung
1. Mai 2013. "Hier wohnte..." - mit diesen Worten beginnen die Inschriften auf den Stolpersteinen, die Bildhauer Gunter Demnig am Montag begleitet von Stolperstein-Paten und Angehörigen im öffentlichen Raum der Stadt Gelsenkirchen verlegte. "Meine Kunst liegt jedem zu Füßen" sagt Demnig, der sich selbst auch als "Spurenleger" bezeichnet. Ein Stolperstein könnte vor meiner, deiner, eurer Haustür liegen.
Bereits eine halbe Stunde vor dem Beginn der ersten Verlegung parkt der Bildhauer seinen roten Kastenwagen vor dem Haus Karl-Meyer-Straße 10. Mit an Bord: 19 neue Stolpersteine für Gelsenkirchen. Pünktlich um 10 Uhr verlegt Gunter Demnig den ersten Stolperstein an diesem Tag, der Stein erinnert an Hartwig Wurm. An der Steinfurthstraße 26 warten bereits zahlreiche Angehörige von Michael Hojnacki, darunter auch Enkel und Urenkel. Nach dem deutschen Überfall auf Polen hatte der heimatverbundene Michael Hojnacki auf seiner Geige im Hof des Hauses die Polnische Hymne "Noch ist Polen nicht verloren" gespielt - er wurde denunziert, starb im KZ. Am Montag erklang die Hymne erneut an der Steinfurthstraße, eingebunden in die Zeremonie einer Stolpersteinverlegung. An der Ringstraße 48 verlegte Gunter Demnig danach einen Stolperstein zur Erinnerung an Juda Rosenberg.
An der Wanner Straße 119 nahm auch eine große Anzahl SchülerInnen des Grillo-Gymnasiums teil. Günter Schönenberg war Anfang der Dreißiger Jahre dort Schüler. Er konnte dem Naziterror als einziger seiner Familie durch Flucht in die Niederlande entkommen, in Frankreich erlebte er dann unter falscher Identität die Befreiung vom deutschen Faschismus. Seine Schwester und seine Mutter wurden von den Nazis ermordet. Zur Verlegung dieser drei Stolpersteine war Günter Schönenbergs Tochter Jackie Shelton mit zwei ihrer Söhne eigens aus San Francisco angereist. In einer sehr bewegenden Rede schilderte sie an der Wanner Straße die Lebens- und Leidenswege ihrer Angehörigen. Mit dabei: An Huitzing aus Amsterdam. Sie hatte in einer alten Fotokiste ein Bild von Günter Schönenberg gefunden, aufgenommen 1943 in Amsterdam. Ihre Internetrecherche führte zur Website der Stolpersteine Gelsenkirchen - so stieß sie schließlich auf Günter Schönenbergs Tochter - Jackie Shelton.
Abb.: Nur mit dem Einsatz von schwerem Gerät war die Verlegung an der Gewerkenstraße möglich.
Bei der Verlegung der Stolpersteine für die Familie Tepper an der Florastraße/Höhe MIR und auch an der Gewerkenstraße 2 für die Angehörigen der Familien Lichtmann und Meyer sprachen die Stolperstein-Paten Worte des Gedenkens, an der Florastraße für den Inner Wheel Club Gelsenkirchen Ulrike Asche-Zeit und an der Gewerkenstraße Susanne Franke für die Schalker Fan-Initiative. In Horst wurden an der Eckenerstraße 14 Stolpersteine für das Ehepaar Gutgold und an der Essener Straße 76 für das Ehepaar Berghausen Stolpersteine verlegt. Beide Ehepaare wurden von den Nazis ermordet. An der Essener Strasse waren es SchülerInnen der Schülervertretung der Gesamtschule Horst, die eine Patenschaft übernommen und zur Verlegung einen Beitrag vorbereitet hatten. Die Jungen und Mädchen nutzen im Anschluß an die Verlegung die Gelegenheit, um Fragen an Bildhauer Demnig zu stellen, die dieser gerne beantwortete.
Am Abend versammelten sich viele der Beteiligten und Interessierte zu eine Gedenkstunde in der Bleckkirche. Jackie Shelton betonte in ihrer Ansprache die Bedeutung des Projektes Stolpersteine, denn Stolpersteine erinnern auch an Wendepunkte in den Lebenswelten, an eine oftmals glückliche Zeit, bevor Angst, Ausgrenzung und Rassenwahn das Sein der Verfolgten bestimmten. Schriftsteller Joachim Rönneper las aus seinem Begleitbuch zum Stolperstein-Projekt "Vor meiner Haustür", unterbrochen von Passagen mit sanfter Musik von Leon Gurvitch und nahm so die ZuhörerInnen mit auf eine literarisch-musikalische Reise durch die Zeit. Es heißt: „Ein Mensch ist erst Vergessen, wenn sein Name vergessen ist“. Mit der Verlegung der Stolpersteine wird die Erinnerung an das Leben und an das Leiden der verfolgten Menschen im so genannten "Dritten Reich" lebendig. Ihre Namen kehren zurück in unseren Alltag. Und zwar genau dort, wo die Menschen vor ihrer Festnahme, Flucht oder Verschleppung ihre individuellen Lebensmittelpunkte hatten, inmitten der Ausgrenzungsgesellschaft - Vor den Türen ihrer Häuser. So werden Denk- und Lernorte als integraler Bestandteil unseres Alltags geschaffen. Bisher fast 40.000 mal in 13 Ländern Europas.
Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen dankt allen Menschen, die diese Stolperstein-Verlegung wohlwollend und unterstützend begleitet haben, im besonderen
Gunter Demnig
Jackie Shelton
An Huitzing
Angehörige, Enkel und Urenkel der Familie Hojnacki
Yuriy Zemskyi, Kantor des Jüdischen Kulturvereins Kinor
Pfarrer Thomas Schöps, Bleckkirche
Dr. Ulrike Asche-Zeit, Inner Wheel Club Gelsenkirchen
Dr. Susanne Franke, Schalker Fan-Initiative
Schülervertretung der Gesamtschule Horst
Anke Käding
Abbas Mordeniz
Uwe Kaczmirzak
Jesse Krauß
den Schülerinnen und Schülern des Grillo-Gymnasiums
Fotoimpressionen von den Verlegungen der Stolpersteine am 29. April 2013
Kurs des Schalker Gymnasiums übernimmt Patenschaft
28. April 2013. Der Kurs Geschichte/Deutsch der Stufe 9 des Schalker Gymnasiums hat mit Lehrer Alfons Schindler eine Patenschaft für den Stolperstein übernommen, der an Lieselotte Margot Elikan erinnern wird. Am 27. Januar 1942 wurde Lieselotte Margot Elikan, damals gerade siebzehn Jahre alt, zunächst vom so genannten "Judensammellager" Gelsenkirchen in das Ghetto Riga und dann weiter in das KZ Stutthof verschleppt. Dort verliert sich ihre Spur.
Zur Verlegung will die heute 85jährige Marianne Elikan, Halbschwester von Lieselotte, aus dem Saarland anreisen. Sie wurde 1942 nach Theresienstadt verschleppt und konnte 1945 als einzige der Familie ihre Befreiung erleben.
Stolpersteine werden verlegt: Erinnerung an Lebenswelten
27. April 2013. 2013 ist ein besonderes Gedenkjahr: Vor 80 Jahren fand die Machtübergabe an Hitler und seine Schergen statt. Die Folgen sind bekannt. Um so wichtiger ist es, in diesem Jahr sichtbare und dauerhafte Zeichen der Erinnerung an Menschen zu setzen, die dem Rassen- und Größenwahn der Nazis zum Opfer gefallen sind. Am Montag, den 29. April 2013 verlegt Bildhauer Gunter Demnig weitere 19 Stolpersteine an 8 Orten in Gelsenkirchen. Alle Bürgerinnen und Bürger sind zur Teilnahme an den Verlegungen und der Gedenkstunde in der Bleckkirche herzlich eingeladen.
Hartwig Wurm
10:00 Uhr, Karl-Meyer-Straße 10
Michael Hojnacki
10:20 Uhr, Steinfurthstraße 26
Juda Rosenberg
10:45 Uhr, Ringstraße 48
Familie Schönenberg
11:15 Uhr, Wanner Straße 119
Familie Tepper
12:00 Uhr, Florastraße Höhe MIR/Kennedy-Platz
Familien Lichtmann und Meyer
12:30 Uhr, Gewerkenstraße 2
(Die genannten Uhrzeiten sind Richtwerte, planen Sie bitte ein Zeitfenster von +/- 30 Minuten ein. Die Projektleitung ist am Verlegetag unter der Handy-Nr.0174 5463829 zu erreichen)
Der Verlegetag schließt mit einer vom Inner Wheel Club Gelsenkirchen unterstützten Gedenkstunde in der Bleckkirche (Bleckstraße, an der ZOOM Erlebniswelt). Zu der Gedenkstunde, die um 18 Uhr beginnt, laden wir herzlich ein. An die Lebens- und Leidenswege der an diesem Tag mit einem Stolperstein geehrten Menschen wird erinnert, der Schriftsteller Joachim Rönneper liest - musikalisch umrahmt - aus seinem Buch „Vor meiner Haustür“.
Stolperstein-Verlegung: Flyer informiert das nachbarschaftliche Umfeld
2. April 2013. Mit einem Flugblatt, dass an die Haushalte im nachbarschaftlichen Umfeld der Verlegeorte verteilt wird, macht die Projektgruppe auf die Stolperstein-Verlegungen am 29. April 2013 aufmerksam und lädt die Anwohner herzlich zur Teilnahme an den Verlegungen ein.
Stolperstein-Paten und Angehörige nehmen auch in diesem Jahr aktiv an der Setzung der Stolpersteine teil. So werden der Steinfurthstraße in Rotthausen Angehörige der Familie Hojnacki erwartet, diese erinnern mit Worten des Gedenkens an ihren im KZ umgekommenen Großvater. An der Gewerkenstraße, in Höhe des ehemaligen "Schalker Markt", wird die Schalker Fan-Initiative e.V. die Zeremonie mitgestalten. Jaqueline Shelton, eine Angehörige der Familie Schönenberg, reist mit ihren Kindern eigens aus San Francisco/USA an und wird an der Wanner Straße aktiv an der Verlegezeremonie der Stolpersteine für ihren Vater, dessen Schwester und ihrer Großmutter teilnehmen. In Horst wird die Verlegung der Stolpersteine für das Ehepaar Berghausen an der Essener Straße von Schülerinnen und Schülern der Gesamtschule Horst mit einem eigenen Beitrag begleitet. Der Kantor des Jüdischen Kulturvereins KINOR, Yuriy Zemskyi, singt an den Verlegeorten das jüdische Gebet El male rachamim. Mit einer Ausnahme an der Steinfurthstraße: der aus Polen stammende Michael Hojnacki war katholisch.
Bericht von Julius Less: In Buer/Westf. von SA-Männern verfolgt und verprügelt
1. April 2013. In den ersten Apriltagen des Jahres 1933 wurde Julius Less in der Buerschen Innenstadt zweimal von Nazi-Schergen auf offener Straße zusammengeschlagen - weil er Jude war. Drei Wochen danach erfuhr Julius Less, dass die SA ihn suchte und ihm nach dem Leben trachtete. Er flüchtete daraufhin in Todesangst nach Holland.
Nach der deutschen Besatzung der Niederlande wurde auch Julius Less zunächst im "Durchgangslager" Westerbork interniert, dann über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. In Auschwitz verliert sich seine Spur. Für den Stolperstein, der in Buer an Julius Less erinnern soll, kann eine Patenschaft übernommen werden.
Im Vernichtungslager Auschwitz ermordet: Familie Moses Zwecher
31. März 2013. Mit der fortschreitenden Ausplünderung der Juden wurde 1936 das alteingessene Möbelgeschäft der Familie Zwecher an der Urbanusstraße in Gelsenkirchen-Buer "arisiert". Neuer Eigentümer und Nutznießer der Entrechtung von Juden wurde die "arische" Familie Kazmierzak, die das Möbelgeschäft an gleicher Stelle nun unter ihrem Namen fortführte.
Familie Zwecher floh 1938 von Gelsenkirchen nach Holland. Nach der deutschen Besatzung der Niederlande wird auch die Familie Zwecher zunächst im "Durchgangslager" Westerbork interniert, dann über Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und 1944 von den Nazis ermordet. Für die Stolpersteine, die in Buer an Familie Zwecher erinnern sollen, können Patenschaften übernommen werden.
3. März 2013. Im Israelitischen Krankenhaus in Frankfurt/Main lernte Lieselotte Margot Elikan, genannt Lilo, Werner de Fries aus Gelsenkirchen kennen.
Am 5. Dezember 1941 ging sie mit ihm in seine Heimatstadt Gelsenkirchen, ihre letzte Anschrift hier lautete Karl-Laforce-Straße 3a (Heutige Armin-straße). Am 27. Januar 1942 wurde Lieselotte Elikan zusammen mit Werner de Fries und dessen Familie nach Riga deportiert. Zuvor hatte man sie zur Ausstellungshalle auf dem Wildenbruchplatz gebracht, dem Sammelort für die zur ersten Deportation vorgesehenen jüdischen Menschen.
Unmittelbar vor der Deportation, noch von der Sammelstelle aus, schrieben Werner de Fries und Lieselotte Elikan am 26. Januar 1942 gemeinsam eine letzte Grußkarte an Lieselottes Schwester Marianne nach Trier.
2. März 2013. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wird Elias Finger in Gelsenkirchen von den Nazis beinahe totgeprügelt, seine Existenz und Wohnung werden zerstört. Er hat danach nur noch einen Gedanken: Flucht aus Nazi-Deutschland. In Palästina will er sich ein neues Leben aufbauen. Drei Fluchtversuche über die "Grüne Grenze" Richtung Holland scheitern, er wird mehrmals inhaftiert. Elias Finger reist schließlich nach Wien und gelangt in Bratislava/Slowakei im Mai 1940 an Bord des Flüchtlingsschiffes "Pentcho", ein eigens für die Flucht umgebauter alter Raddampfer.
Die Fahrt der "Pentcho" donauabwärts verlief mit vielen Hindernissen und Entbehrungen, das Schiff wurde immer wieder aufgehalten. Mal durch die Behörden der durchquerten Länder, mal waren es technische Schwierigkeiten, die Zwangsaufenthalte verursachten. Die "Pentcho" mit rund 500 jüdischen Flüchtlingen an Bord erreichte das Schwarze Meer, passierte den Bosporus und lief schließlich in der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober 1940 vor der unbewohnten Felseninsel Chamilonisi, rund 70 Kilometer nördlich von Kreta, auf Grund.
Die Schiffbrüchigen werden gerettet und auf der Insel Rhodos interniert. Nach mehr als einem Jahr werden die Menschen nach Süditalien in das Internierungslager Ferramonti di Tarsia gebracht. Im September 1943 wird dieses Lager durch alliierten Truppen befreit. Elias Finger gelangte nach Rom, sein weiterer Weg führte dann weiter nach Cádiz in Südspanien. Dort ging er im Januar 1944 an Bord des Flüchtlingsschiffs "Nyassa". Das Schiff erreichte im Februar 1945 den Hafen von Haifa in Palästina.
17. Februar 2013. Eine Übersicht der bisher im Stadtraum Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine bietet jetzt eine interaktive Karte. Mit einem Mausklick auf ein Stolperstein-Symbol wird ein Fenster aufgerufen, ein weiterer Klick auf die Namen führt zu den individuellen Dokumentationen von Lebens- und Leidenswegen der Menschen, an die Stolpersteine in unserer Stadt erinnern.
Stolpersteine: Gunter Demnig kommt im April nach Gelsenkirchen
8. Februar 2013. Die kleinen Denkmale des Gunter Demnig mit der griffigen Bezeichnung Stolpersteine haben seit 2009 ihren festen Platz in der Gelsen-kirchener Erinnerungskultur. Am Montag, den 29. April wird Bildhauer Gunter Demnig weitere 19 Stolpersteine in Gelsenkirchen verlegen. Damit wächst die Zahl der Stolpersteine in Gelsenkirchen auf 78 an.
2013 ist ein besonderes Gedenkjahr: Vor 80 Jahren fand die Machtübergabe an Hitler und seine Schergen statt, die Deportation und Ermordung Gelsenkirchener Sinti und Roma jährt sich zum 70. Mal, ein weiteres Datum ist der 75. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Um so wichtiger ist es, auch in diesem Jahr sichtbare und dauerhafte Zeichen der Erinnerung an Menschen zu setzen, die dem Rassen- und Größenwahn der Nazis zum Opfer gefallen sind. Stolpersteine markieren Erinnerungsorte und verweisen somit auch auf das damalige Lebensumfeld eines NS-Opfers. Die Verlegungen beginnen am 29. April um 10 Uhr an der Karl-Meyer-Straße in Rotthausen, hier wird an Hartwig Wurm erinnert. Weitere Verlegeorte: Steinfurthstraße 26 (Michael Hojnacki), Ringstraße 48 (Juda Rosenberg), Wanner Straße 119 (Familie Schönenberg), Florastraße Höhe MIR/Kennedyplatz (Familie Tepper), Gewerkenstraße 2 (Familien Lichtmann und Meyer), Eckenerstraße 14 (Ehepaar Gutgold) und an der Essener Straße 76 (Ehepaar Berghausen).
Yuriy Zemskyi, Kantor des Jüdischen Kulturvereins KINOR, trägt an den Verlegeorten den Gebetsgesang "El male rachamim" - fester Bestandteil des jüdischen Totengedenkens - zum Andenken an die Opfer der Shoa vor. KINOR und auch Gründungsmitglied Zemskyi stehen der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen seit Jahren beratend und unterstützend zur Seite. Die Verlegung des Stolpersteins an der Steinfurthstraße zur Erinnerung an Miacheal Hojnacki wird von einem christlichen Gebet begleitet.
Finanziert werden konnten die Stolpersteine dank der Unterstützung vieler Privatleute. Aber auch die Schülervertretung der Gesamtschule Horst, das Projekt "1904 Geschichten", die Schalker Fan Initiative und der Inner Wheel Club Gelsenkirchen haben Patenschaften für Stolpersteine übernommen. Der Verlegetag schliesst mit einer Gedenkstunde in der Bleckkirche . Flankiert wird das Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen auch in diesem Jahr von geführten Stadtrundgängen entlang der bereits verlegten Stolpersteine im Stadtraum und Vorträgen in Gelsenkirchener Schulen. Auch eine "Stolperstein-Putzaktion" ist geplant.
5. Februar 2013. Die Schülerinnen und Schüler haben Buttons und Rosen zum Valentinstag verkauft und so einen Stolperstein finanziert. Bildhauer Gunter Demnig wird diesen Stolperstein schon bald vor dem Haus Essener Straße 76 in Horst verlegen.
Erinnert wird hier an das jüdische Ehepaar David und Isabella Berghausen, die bis zu ihrer Deportion in das Ghetto Riga am 27. Januar 1942 in dem Haus wohnten. Die Schülervertretung der Gesamtschule Horst will mit eigenen Beiträgen die Zeremonie der Stein-Verlegung mitgestalten. Schulsprecherin Güllü Develi: "Für uns ist eine Herausforderung, bei so einem Projekt mitzuwirken - zumal es auch ein Zeichen gegen Rassismus und Menschenverachtung ist.“
1. Februar 2013. Sechzig Stolpersteine sind seit 2009 in Erinnerung an NS-Opfer der verschiedenen Verfolgtengruppen im Stadtraum Gelsenkirchen verlegt worden. Weitere neunzehn sollen im Frühjahr diesen Jahres hinzukommen. Der genaue Verlegetermin wird im Internet und in der lokalen Presse bekannt gegeben.
Die Stolpersteine werden über Patenschaften finanziert. Um das Projekt in Gelsenkirchen kontinuierlich fortzuführen, ist die Mithilfe vieler Menschen notwendig. Stolperstein-Pate kann jede Einzelperson mit einem beliebig hohen Betrag werden, oder aber auch Schulklassen, Stiftungen, Firmen, Gruppen, Verbände, Parteien und Vereine. Selbstverständlich ist es auch möglich, das Projekt mit Benefizveranstaltungen, Aktionen oder Sammlungen zu unterstützen.
Ein Stolperstein kostet 120 Euro, damit werden Herstellung und Verlegung des Stolpersteins vor dem letzten, selbst gewählten Wohnort oder der Arbeitsstätte des Menschen, der mit einem Stolperstein geehrt wird, finanziert.
Überweisungen erbitten wir unter Angabe des Verwendungszwecks "Stolpersteine" auf das Konto des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum e. V.
Kontoinhaber:
Gelsenzentrum e.V.
Institut:
Sparkasse Gelsenkirchen
Kontonummer:
132015927
Bankleitzahl:
42050001
Wer sich engagieren will oder Informationen benötigt, wendet sich unter 0209-9994676 oder per E-Mail an die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen.
Stolpersteine sollen an Selma und Walter Müller erinnern
31. Januar 2013. Bis zu ihrer Flucht im Mai 1933 in die Niederlande lebten die Witwe Selma Müller, eine geborene Löwenstein und ihr Sohn Walter in Gelsenkirchen. Selmas Ehemann Simon Sally Müller starb 1927 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof beigesetzt, dort befindet sich auch das Grab von Selma Müllers Vater, Bendix Löwenstein.
Selma und Walter Müllers Flucht nach Holland bot beiden für eine begrenzte Zeit Schutz vor den deutschen Verfolgungsbehörden. Nachdem die Wehrmacht im Mai 1940 die Niederlande überfiel und besetzte, begannen auch dort nach kurzer Zeit die gegen Juden gerichteten Maßnahmen der deutschen Besatzer.
Die Verfolgung und Entrechtung nahm in den Niederlanden mit der Registrierung aller Juden ihren Anfang. Auch Selma Müller und ihr Sohn Walter gerieten in den mörderischen Strudel der NS-Mordmaschinerie. Selma Müller wurde 1943 in Sobibor, ihr Sohn Walter 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet. Für die Stolpersteine, die Selma und Walter Müller gewidmet werden, können Patenschaften übernommen werden. Info unter Tel. (0209) 9994676
26. Januar 2013. Am 27. Januar 1942 wurden mehr als 500 jüdische Kinder, Frauen und Männer von Gelsenkirchen in das Ghetto Riga deportiert. In den Tagen zuvor hatten die NS-Verfolgungsbehörden unter den Augen der "arischen Volksgemeinschaft" die zur Verschleppung vorgesehenen im so genannten "Judensammellager" am Wildenbruchplatz unter unmenschlichen Bedingungen eingepfercht, gedemütigt und erniedriegt. Nur die wenigsten von ihnen überlebten den nachfolgenden Leidensweg durch die Mordstätten der Nazis.
Auf den Tag genau drei Jahre später wurden die Überlebenden im Vernichtungslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. In Anlehnung an diese Befreiung wurde der 27. Januar im Jahr 2005 von den Vereinten Nationen zum „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ erklärt.
25. Januar 2013. Johanna Alexander überlebte als einziges Familienmitglied den Leidensweg durch die Ghettos und Konzentrationslager der Nazis. Sie konnte am 27. Januar 1945 von der Roten Armee aus dem Vernichtungslager Auschwitz befreit werden. Ihr Vater Georg starb in Riga, Bruder Alfred im KZ Mauthausen. Bruder Ernst, früher Juniorspieler des FC Schalke 04, wurde in Auschwitz ermordet. Die Mutter hatte bereits im Dezember 1938 vor dem Hintergrund des sich ständig steigernden Verfolgungsdrucks und den Erlebnissen in der Pogromnacht die Flucht in den Tod gwählt. An Familie Georg Alexander sollen Stolpersteine erinnern, Patenschaften können übernommen werden.
Abb.: Klaus Friedhelm Back, der Bruder von Ernst Ludwig, 1935 auf dem Balkon der elterlichen Wohnung an der damaligen Litzmannstrasse 1, die heutige Ebertstrasse
23. Januar 2013. Der 89jährige Ernst Ludwig Back lebt heute in Schweden. Ein Kindertransport nach Stockholm rettete sein Leben, ebenso wie das seiner beiden Geschwister Hilde und Klaus (heute Klas). Ende der Dreißiger Jahre gelang den Eltern mit Hilfe von Freunden, ihre Kinder in letzter Minute nach Schweden in Sicherheit zu bringen.
Die Eltern, der jüdische Rechtsanwalt und Notar Moritz Back und seine Frau Paula, eine geborene Hecht, konnten Deutschland dagegen nicht mehr rechtzeitig verlassen. Mit dem Deportationstransport vom 31. Juli 1942 wurden sie von Gelsenkirchen in das Ghetto Theresienstadt verschleppt. Dort starb Moritz Back im Dezember 1942, angeblich an "Herzmuskelentartung", penibel festgehalten in einer so genannten "Todesfallanzeige" aus dem Ghetto Theresienstadt. Seine Frau Paula wurde im März 1943 weiter in das Vernichtungslager Auschwitz transportiert. "Unsere Mutter wurde dort in der Gaskammer erstickt" sagte Ernst Back heute in einem Gespräch nachdenklich, "Wir Kinder haben einfach nur unglaubliches Glück gehabt."
An Familie Back sollen Stolpersteine erinnern, die am letzten selbstgewählten Wohnort an der heutigen Ebertstraße verlegt werden. Es können noch Patenschaften übernommen werden.
Gelsenkirchener Lichter am Internationalen Holocaust-Gedenktag
17. Januar 2013. Zur Teilnahme an eine besondere Form der Erinnerung und des Gedenkens ruft der gemeinnützige Verein Gelsenzentrum auf. Mit dem entzünden der Gelsenkirchener Lichter" wird am 27. Januar 2013 ein temporärer Erinnerungsort markiert - in diesem Jahr um 16 Uhr am an der Wildenbruchstraße, Höhe Polizeiwache, dort befand sich in der NS-Zeit ein sogenanntes temporäres "Judensammellager". Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden gebeten, Kerzen mitzubringen.
Schalke 04: Fans übernehmen Patenschaften für Stolpersteine
Abb.: Auch der jüdische Kaufmann Siegmund Katzenstein unterstützte den Fußballverein Schalke 04. Das 25jährige Betriebsjubiläum wurde 1928 bei Thiemeyer in Schalke gefeiert. Familie Katzenstein konnte vor den Nazis in die USA fliehen
13. Januar 2013. Die ersten Stolpersteine für vom NS-Regime verfolgten Menschen aus dem Umfeld des FC Schalke 04 und deren Angehörige verlegt Bildhauer Gunter Demnig nach derzeitigem Planungsstand im Mai 2013 an der Gewerkenstraße (früher Schalker Markt 9) in Schalke. Die Schalker Fan-Initiative, Matthias Berghöfer, dass Projekt "1904 Geschichten", Uwe Kaczmirzak und Claudia Sucur haben bereits Patenschaften für Sally und Henriette Meyer sowie für Julie Lichtmann und Berta Moss übernommen. Weitere Stolpersteine folgen, es können Patenschaften übernommen werden.
Jüdische Unterstützer und Förderer des S04 waren auch Familie Goldblum, Siegmund Katzenstein, Dr. Fritz Levisohn (später Lenig), Arthur Herz und Ernst Alexander. Leopold "Leo" Jacobs spielte in einer Juniorenmannschaft des FC Schalke. Er wurde im Januar 1942 nach Riga verschleppt, überlebte die KZ der Nazis und kehrte nach seiner Befreiung 1945 zunächst in seine Heimatstadt Gelsenkirchen zurück.
Franz Nathan war einer der frühen jüdischen Mitglieder und Funktionäre des FC Schalke 04, er war der Leiter des Presseausschusses. Als der DFB (Deutscher Fußball Bund) im April 1933 den Ausschluss von Juden als Trainer und Funktionäre aus den Vereinen beschloss, "verabschiedete" der FC Schalke 04 - ganz im Sinne der neuen Machthaber - schließlich auch Franz Nathan aufgrund seiner jüdischen Herkunft. Franz Nathan konnte 1938 mit seiner Familie nach Kuba fliehen.
Begeisterte Anhänger und Sponsoren des Schalke 04 waren auch die beiden Metzgermeister Kahn und Sauer. August Kahn wurde zusammen mit seiner Frau im Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und dort am 11. Oktober 1944 ermordet, seine Frau starb bereits am 4. September 1942 in Theresienstadt, angeblich an Lungenentzündung. Leopold Sauer wurde im Januar 1942 zusammen mit seiner Frau in das Ghetto Riga deportiert und im März 1945 in Rieben, einem Außenlager des KZ Stutthof, ermordet. Seine Frau Auguste wurde im Dezember 1944 im KZ Stutthof ermordet. Die Schwiegereltern des ehemaligen 2. Vorsitzenden Paul Eichengrün, Josef und Ida Schloßstein, wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert. Joseph starb im Ghetto Theresienstadt, Ida Schloßstein wurde weiter in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort ermordet.
Holocaust-Gedenktag: Lieder und Gedichte aus Theresienstadt
4. Januar 2013. “Wann wohl das Leid ein Ende hat” - so lautet der Titel eines Liederabends, der am Montag, 21. Januar 2013 um 19:30 Uhr im Kulturraum “die flora“ in Gelsenkirchen, Florastraße 26 beginnt.
Im Mittelpunkt des Abends - wenige Tage vor dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2013 - stehen die im KZ Theresienstadt geschriebenen Gedichte und Lieder der jüdischen Schriftstellerin Ilse Weber. Die Opernsängerin Michaela Sehrbrock (Mezzosopran) und Marion Steingötter (Klavier) interpretieren an diesem Abend Ilse Webers Werke.
Für ihre Mithäftlinge und die Kinder, die sie als Krankenschwester in Theresienstadt pflegte, geschrieben, spiegeln Ilse Webers Werke den grausamen Alltag in Theresienstadt wieder. Noch kurz vor dem Transport ins KZ Auschwitz gelang es ihrem Ehemann Willi Weber, die Lied- und Gedichttexte in einem Schuppen im KZ Theresienstadt zu verstecken.
Ilse Weber und ihr Sohn Tomás wurden am 6. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet, Willi Weber kehrte als Überlebender 1945 nach Theresienstadt zurück, um die Texte seiner Frau in Sicherheit zu bringen.
Eintritt: 10 €, ermäßigt 8 €. Info und Reservierung: (0209) 169 - 9105. Veranstalter: Gelsenzentrum e.V. in Kooperation mit Michaela Sehrbrock und Marion Steingötter.
Projektleitung der Stolperstein-Initiative Gelsenkirchen darf nicht in die Synagoge
Abb.: Fotos in der Synagoge Gelsenkirchen, Vermerk in kyrillischer Schrift: NICHT REINLASSEN! Den Schnappschuss von den Fotos hat uns ein Mitglied der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen zur Verfügung gestellt
13. Dezember 2012. Die jüdische Gemeinde in Gelsenkirchen schreckt auch vor zweifelhaften Methoden nicht zurück. Im Stile von Fahndungsfotos wird das Pförtnerpersonal in der Gelsenkirchener Synagoge auf russisch angewiesen, die Organisatoren der Stolpersteinverlegungen in Gelsenkirchen nicht in das Gebetshaus hineinzulassen.
Die Fotos aus einer der Überwachungskameras, auf denen Heike und Andreas Jordan rot markiert sind, hängen nach Aussage von Gemeinde-mitgliedern bereits seit April 2012 in der Pförtnerloge der Synagoge Gelsenkirchen. Eine Begründung für die Ausgrenzung der Jordans gibt es nicht. Die dafür verantwortliche Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, Judith Neuwald-Tasbach, hat sich bisher nicht zu dem Vorfall geäußert. Es klingt angesichts dieser Vorkommnisse wie eine Farce, wenn man das Zitat über dem Eingangsbereich der Synagoge liest: "Mein Haus ist ein Haus der Gebete aller Völker." Jesaja 56,7.
Elena Gubenko, langjähriges Mitglied der Gemeinde und Vorsitzende des jüdischen Kulturvereins KINOR in Gelsenkirchen kommentiert den Vorfall: "Was hier passiert ist, kann ich nur als einen Skandal bezeichnen. Andreas und Heike Jordan werden nicht zum ersten Mal von dieser Person diskriminiert und beleidigt. Ich bin Zeugin." Auch im sozialen Netzwerk Facebook wird mittlerweile über diesen Akt der Diskriminierung heiß diskutiert. In einer der zahlreichen Solidaritätsbekundungen, die wir aus dem In- und Ausland erhalten haben, heißt es: "(...) Doch auch darüber hinaus ist klar: die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde sollte schleunigst zurücktreten und sich umgehend öffentlich und persönlich bei euch entschuldigen für diese Ungeheuerlichkeit! Das ist sie euch - aber auch uns allen - schuldig nach dem, was hier passiert ist!"
Gelsenkirchen, Hanukkah 1946 Jewish Community Gelsenkirchen, Chanukka 1946
9. Dezember 2012. Hanukkah 1946 im Gelsenkirchener Hotel "Zur Post". Wer kann helfen, auf dem Foto abgebildeten jüdischen und nichtjüdischen Menschen zu identifizieren? Chanukka 1946 in the Gelsenkirchen hotel "Zur Post". Who can help to identify jewish and non-jewish people depicted in the photo? → Email: Andreas Jordan, Gelsenzentrum e.V.
Stolpersteine für Familie Moritz Goldschmidt
7. Dezember 2012. Auszug aus einem Bericht des Überbenden Werner Goldschmidt: "(...) Mitte März mussten alle Gefangenen zum Appellplatz kommen. Die Arbeitsunfähigen wurden nach "Dünamünde" geschickt und erschossen. Wir standen stundenlang in bitterer Kälte zur Ausmusterung. Vater wurde anschließend schwer krank und starb ohne Hilfe. Ich arbeitete in einer Autoreparaturwerkstatt. Frauen mussten in Riga Schnee schaufeln, um den Verkehr aufrechtzuerhalten. Keinerlei Esswaren durften ins Ghetto gebracht werden. Viele Menschen sind verhungert. 1943 wurde das Ghetto aufgelöst. Am Ende waren nur noch alte Leute, Kinder und Arbeitsunfähige dort, einschließlich meiner Mutter. Sie wurden alle in den Gaskammern in Auschwitz ermordet. Die russische Armee kam immer näher. Die SS begann, die Massengräber wieder auszugraben, um die Leichname zu verbrennen. Sie wollten verhindern, dass ihre Schandtaten ans Licht kamen.(...)
Für diese Stolpersteine können Patenschaften übernommen werden, Interessierte wenden sich bitte an die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen, Tel.: (0209) 9994676 oder per Email
5. Dezember 2012. Das Ehepaar Ernst und Emma Ullendorf lebte bis nach der so genannten "Kristallnacht" am 9. November 1938 in Gelsenkirchen, floh dann unter dem Eindruck der Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in die Niederlande. Dort lebten sie in Amsterdam im Haushalt von Tochter Margarete und Schwiegersohn Julius Koppel. Auch das Ehepaar Ullendorf geriet in die Mordmaschinerie der Nazis. Sie wurden verhaftet, im Camp Westerbork interniert, nach Sobibor deportiert und dort am 20. März 1943 in der Gaskammer ermordet. Einig ihr Sohn Hans-Heinrich überlebte.
Für diese Stolpersteine können Patenschaften übernommen werden, Interessierte wenden sich bitte an die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen, Tel.: (0209) 9994676 oder per Email
Eröffnung der Ausstellung "Vergeben muss man, aber Vergessen ist unmöglich..."
24. November 2012. Einen beeindruckenden Videomitschnitt von der Eröffnungsveranstaltung am 26. Oktober 2012 in der Gesamtschule Horst in Gelsenkirchen hat Jesse Krauß gefertigt. Die dokumentarische Ausstellung, der wir nach einem Zitat von Herman Neudorf, dem einzigen Überlebenden seiner Familie, den Titel "Vergeben muss man, aber Vergessen ist unmöglich…" gegeben haben, rückt die Judenverfolgung im so genannten "Dritten Reich" mit der Dokumentation der Lebens- und Leidenswege der jüdischen Familie Neudorf aus Gelsenkirchen in einen konkreten örtlichen und personellen Zusammenhang. Die Ausstellung kann beim Gelsenzentrum e.V. - Gemeinnütziger Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte ausgeliehen werden.
Stolpersteine sollen an die jüdische Familie Cohn erinnern
23. November 2012. Herman Cohn wurde 1921 in Essen geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter heiratete sein Vater Siegfried erneut und zog 1930 mit der Familie von Essen-Katernberg nach Gelsenkirchen. Herman Cohn wuchs in einer gutsituierten Familie auf, dass änderte sich 1933 mit der Machtübergabe an die Nazis jedoch schon bald. Der Vater verlor viele seiner Stammkunden, die nicht-jüdische Freunde und Nachbarn begannen, sich von ihm und der Familie zu distanzieren.In der Schule wie im täglichen Leben war auch Herman wie viele andere der jüdischen Kinder in dieser Zeit, antisemitischen Übergriffen aus der nicht-jüdischen Bevölkerung Gelsenkirchens ausgesetzt. Bereits 1937 flüchtete sein jüngerer Bruder Walter in die USA.
Siegfried Cohn wurde dass Geschäft weggenommen, die Nazis nannten das "Arisierung". Unter dem ständig zunehmenden Verfolgungsdruck bemühte sich Siegfried Cohn weiter um die Auswanderung seiner Familie. In der so genannten "Kristallnacht" wurde die Wohnung der Cohns zerstört, Siegfried Cohn wurde auf der Straße fürchterlich zusammengeschlagen und konnte mehr zufällig gerettet werden. Kurze Zeit nach der Pogromnacht konnte Herman mit einem Kindertransport nach Holland gerettet werden, während die Eltern in Gelsenkirchen noch auf ihre Visa warteten. Im Dezember 1939 erhielten dann auch sie ihre Dokumente. In Rotterdam ging Herman mit den Eltern an Bord eines Schiffes, dass sie zunächst nach New York in Sicherheit brachte.
Die Familie zog später nach Chicago, dort lebt der inzwischen 91jährige Herman Cohn noch heute. "Wir hatten das Glück, rechtzeitig heraus zu kommen "sagte Herman Cohn im Gespräch mit Gelsenzentrum, "Mein Onkel Alfred, Tante Erna und die Kinder Gerda und Herbert aus Bottrop hatten das nicht. Sie starben, wie auch meine Großmutter Rosa, in den Gaskammern. Ich begrüße es sehr, dass bald Stolpersteine in Gelsenkirchen an mich und meine Familie erinnern. Diese fürchterlichen Jahre sollen nicht vergessen werden." Für diese Stolpersteine können Patenschaften übernommen werden, Interessierte wenden sich bitte an die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen, Tel.: (0209) 9994676 oder per Email
19. November 2012. Ein Kindertransport nach England rettete Hanna Ramer das Leben. Die kleine Hanna, damals sechs Jahre alt, konnte noch nicht begreifen, warum sie von den Eltern in die Fremde geschickt wurde. Sie hatte fürchterliches Heimweh, wurde deshalb sogar aus Holland zunächst nach Gelsenkirchen zurückgeschickt. Ihre Eltern konnten sie erst nach der so genannten "Kristallnacht" mit einem der Kindertransporte nach England endgültig in Sicherheit bringen. So konnte Hanna überleben, ihr Vater wurde im KZ Sachsenhausen ermordet, ihre Mutter flüchtete, kurz bevor sie von Gelsenkirchen nach Riga deportiert werden sollte und ist seither verschollen. Zeitlebens hat Hanna Ramer versucht, mehr über die Leidenswege ihrer Eltern zu erfahren, vergeblich. Hanna Ramer starb zusammen mit Ihrem Sohn Jakob Beer (Er trug nach jüdischer Tradition den Vornamen seines Großvaters) bei einem Autounfall im Jahr 2000. Ihre Tochter Chava setzte die Suche nach Informationen über ihre Großeltern fort. Mit unseren Recherchen konnten wir nun etwas Licht ins Dunkel bringen. Drei Stolpersteine sollen bald an die Familie Ramer in Gelsenkirchen erinnern.
Stolpersteine - Kunst im öffentlichen Raum
Abb.: Gunter Demnig, immer mit breitkrempigen Hut und dem roten Halstuch, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat, bezeichnet sich selbst als "Spurenleger".
18. November 2012. Passanten identifizieren sie meist mit gesenktem Blick: die Stolpersteine des Bildhauers Gunter Demnig. Jeder Stolperstein ist eine Erinnerung an ein Leben. Mehr als 38.000 Stolpersteine hat Demnig mittlerweile deutschlandweit und in mehreren europäischen Ländern verlegt. "Meine Kunst liegt jedem zu Füßen" sagt Gunter Demnig, "dort, wo die Menschen ihren Lebensmittelpunkt hatten, ihre Heimat, ihre Wohnung, genau dort wird Vergangenheit mit Gegenwart konfrontiert."
Die Stolpersteine, sein Kunstprojekt für Europa, ist inzwischen das größte, dezentrales Denkmal der Welt, eingebunden in den Alltag. Denoch vermitteln die Stolpersteine, anders als herkömmliche Denkmale und Erinnerungstafeln, kein statisches, gleichbleibendes Geschichtsbild. Erinnern mit Hilfe der Stolpersteine ist ein kontinuierlicher Prozess, in welchem sich die Erinnerung immer wieder neu vollziehen muss. So schaffen Stolpersteine auch ein Bewusstsein für die Wandelbarkeit des Erinnerns im Fluß der Zeit.
Die an der Oberseite mit einer dünnen Messingschicht überzogenen, handgefertigten Pflastersteine tragen eine Inschrift und werden flächenbündig in die Gehwege vor den Häusern eingesetzt, in denen die in der NS-Zeit verfolgten und in den allermeisten Fällen ermordeten Menschen gelebt haben. Die Inschrift beginnt meist mit den Worten "Hier wohnte", es folgen neben Name und Geburtsjahr die Eckdaten der individuellen Leidenswege. "Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen über die Stolpersteine. Wenn man den Namen lesen will, muss man sich vor dem Opfer automatisch verbeugen", sagt Demnig.
Gunter Demnigs rotes Halstuch
Das Rote Tuch, gestiftet von der SPD Charlottenburg 1978 mit Unterstützung des Berliner SPD-Landesverbandes, ist ein antifaschistischer Jugendmedienpreis. Mit dem Preis werden Werke ausgezeichnet, "in denen antidemokratische oder neofaschistische Tendenzen in unserer Gesellschaft kritisch dargestellt, demokratisches Handeln der jungen Generation, insbesondere auch gegenüber Minderheiten, gefördert und zur Immunisierung der Jugend gegen antidemokratische Bestrebungen in unserer Republik beigetragen wird." Gunter Demnig wurde im November 2005 mit dem "Roten Tuch" ausgezeichnet, sein rotes Halstuch symbolisiert die Zielsetzung dieser Auszeichnung.
Die Inschriften der Stolpersteine benennen nicht den vorgeblichen "Grund" der Verfolgung. Auf diese Weise möchte Gunter Demnig darauf hinweisen, dass die Menschen, die zu Opfern gemacht wurden, in ihre Nachbarschaft integrierte Bürger waren - unabhängig von ihrer Konfession, Volksgruppe und politischen, religiösen oder sexuellen Orientierung.
Ein Stolperstein markiert einen historischen Ort und verweist auf das Lebensumfeld eines Menschen. Jeder einzelne Stolperstein verweist dabei auf die Gesamtheit der bisher verlegten Stolpersteine und verdeutlicht das unfassbare Ausmaß der Verfolgung und Vernichtung. Da das Verschwinden eines Nachbarn kaum unbemerkt geblieben sein kann, verweisen die Stolpersteine somit auch auf die Mittäterschaft des damaligen nachbarschaftlichen Umfelds.
Im Juli 2009 verlegte Gunter Demnig die ersten 6 Stolpersteine in Gelsenkirchen, mittlerweile sind es 60 Stolpersteine, die in den Gehwegen der Stadt still und unaufdringlich an die Allgegenwärtigkeit und Alltäglichkeit von Verfolgung, Ausgrenzung und Vernichtung in der NS-Zeit erinnern. Wir stellen das Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen auf unserer Internetpräsenz vor und vermitteln das dokumentarische Wissen über Menschen, an die Stolpersteine erinnern, in biografischen Skizzen. Ergänzend dazu arbeiten wir an einem Buch zum Projekt, in dem die Biografien der Ermordeten und der wenigen Überlebenden im lokalhistorischen Kontext dokumentiert werden. Ein Verlag hat sich bereits gefunden.
Familie Tepper - Stolpersteine sollen erinnern
Abb.: Max Tepper kämpfte in der Jüdischen Brigade gegen die Nazis
14. November 2012. Max war der einzige Überlebende der jüdischen Familie Tepper, die zuletzt in Schalke wohnte. Die Spur von Vater Salomon verliert sich im "Durchgangsghetto" Izbica, Mutter Sara wurde 1943 in Riga ermordet, seine Schwestern starben in den Gaskammern, Dora in Auschwitz und Anna in Sobibor. Verlegt werden die Stolpersteine im nächsten Jahr am letzten Wohnort der Familie an der Schalker Straße.
Für die Stolpersteine, die an Familie Tepper erinnern sollen, kann noch eine Patenschaft übernommen werden. Stolperstein-Pate kann jeder werden - Einzelpersonen, Einrichtungen, Fraktionen, Referate, Vereine oder auch Schulen. Interessierte wenden sich bitte an die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen, Tel.: (0209) 9994676 oder per Email
Herman Neudorf-Ausstellung: Finissage in der Gesamtschule Horst
12. November 2012. Wie man das Interesse von Jugendlichen für eine offene und kritische Auseinandersetzung mit der NS-Terrorherrschaft wecken kann, hat die gut besuchte Herman-Neudorf-Ausstellung in der Gesamtschule Horst gezeigt. Am Freitag endete die Ausstellung mit einer von Schülerinnen und Schülern eindrucksvoll gestalteten Finissage.
Die in der Ausstellung dokumentierten Lebens- und Leidenswege der aus Horst stammenden jüdischen Familie Neudorf, ihrer Angehörigen und Freunde boten den jungen Menschen wie auch den erwachsenen Besuchern einen ganz direkten Zugang zur lokalen NS-Geschichte.
Musikalisch umrahmt wurde die Finissage von der Brass-Band der Gesamtschule Horst. Für diesen Nachmittag hatten die Jugendlichen zwei Klezmer-Stücke als reine Brass-Versionen eingeübt. Eine künstlerische Annäherung thematisierte die Installation "Weg der Erinnerungen" mit Projektionen, Zeichnungen und Malerei. Auch die angebotene Möglichkeit, Eindrücke und Gedanken zur Ausstellung in einem Gästebuch festzuhalten, fand regen Zuspruch. Einige der sehr einfühlsamen und emotionalen Einträge aus dem Gästebuch lasen SchülerInnen den Besuchern vor.
Stolperstein für Juda Rosenberg - Verfolgt als so genannter "Rassenschänder"
Kriminalisierung, Ausgrenzung, Dehumanisierung, Mord - die Säulen des NS-Regimes
Abb.: Julius Rosenberg und seine Partnerin wurden von den Nazis wegen „Rassenschande“ in Gelsenkirchen öffentlich an den Pranger gestellt. Tausende "Volksgenossen" beteiligten sich an der Treibjagd. Foto: Stadtarchiv Nürnberg
1. November 2012. Der Möbelhändler Juda Rosenberg, am 25. Dezember 1895 Galizien geboren, kam 1921 nach Gelsenkirchen. Juda Rosenberg hatte seit 1928 eine Liebesbeziehung mit der - wie es in den Akten des NS-Regimes heißt - "arischen Reichsangehörigen" Elisabeth Makowiak. Bereits frühzeitig waren Juda Rosenberg und Elisabeth Makowiak deshalb der Verfolgung durch die NS-Behörden ausgesetzt.
Rosenberg wird nach einer Denunziation bei den NS-Behörden 1933 während eines gemeinsamen Urlaubs mit Elisabeth Makowiak auf Norderney erstmalig verhaftet und vorrübergehend in so genannte "Schutzhaft" genommen. Die beiden ließen sich jedoch nicht einschüchtern und bleiben auch nach Rosenbergs Entlassung ein Paar.
Von Nazi-Schergen im August 1935 wegen vorgeblicher "Rassenschande" verhaftet, werden beide nach der Freilassung am nächsten Tag in einem so genannten "Prangermarsch" durch die Gelsenkirchener City getrieben. Juda Rosenberg und Elisabeth Makowiak wurden Schilder umgehängt, auf denen stand zu lesen: "Ich bin ein Rassenschänder" und "Ich blonder Engel schlief bei diesem Judenbengel". Während das Paar bei den Verfolgungsbehörden festgehalten wurde, hatten die eifrigen "Volks- und Parteigenossen" diesen so genannten "Prangermarsch" organisiert. Juda Rosenberg wurde am 31. Oktober 1939 in Gelsenkirchen erneut verhaftet und in das KZ Sachsenhausen eingewiesen, dort starb er am 18. Mai 1940. Elisabeth Makowiak verließ Gelsenkirchen, ihr weiterer Lebensweg ist nicht bekannt.
Jahrestag: Gedenken und Erinnern an die Opfer der so genannten "Kristallnacht"
28. Oktober 2012. Auch in diesem Jahr finden an vielen Orten in Deutschland Veranstaltungen zum Gedenken an jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger statt, die in der so genannten "Kristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938 Opfer der rassistisch motivierten Gewalttaten gegen Leib, Leben und Eigentum wurden.
Gelsenzentrum e.V. ruft Bürgerinnen und Bürger zur Teilnahme an den Kundgebungen und Veranstaltungen demokratischer Organisation und Gruppierungen zur Erinnerung und zum Gedenken an jüdische Menschen auf, die 1938 Opfer der Novemberpogrome wurden. Wir müssen weiter aufmerksam sein, uns frühzeitig und entschlossen gegen Extremismus, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und jede Form von Gewalt und Ausgrenzung stellen.
Herman Neudorf-Ausstellung in Gelsenkirchen-Horst eröffnet
Abb.: Ein beeindruckendes und vielfältiges Programm hatten die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihren Lehrerinnen und Lehrern für die sehr gut besuchte Eröffnung der Herman Neudorf-Ausstellung in der Gesamtschule Horst erarbeitet.
27. Oktober 2012. Schulleiter Rolf Steinwede begrüßte den heute 87jährigen Herman Neudorf via Internet live an seinem Wohnort im fernen Halendale Beach in Florida. Der ehemalige Schüler Neudorf erinnerte sich gut daran, dass sich in dem Raum, in dem heute die Ausstellung gezeigt wird, in den späten Dreißiger Jahren die Aula des damaligen Realprogymnasiums befand.
Abb.: Das Internet machte es möglich: Herman Neudorf und Lebensgefährtin Anna Ostrowiak, beide überlebten den Holocaust, verfolgten die Eröffnung vom heimischen Florida aus
Anschließend erklang in dem fast überfüllten Raum die "Hebräische Melodie" des jüdischen Komponisten Joseph Achron, von Michael Weissinger (Geige) und Andreas Fliege (Klavier) ergreifend und hingebungsvoll intoniert. Es folgten einfühlsam gespielte Theaterszenen, welche die Verhaftung des damals 13jährigen Herman Neudorf aus dem Schulunterricht und die Abschiebung nach Polen nachstellten.
Abb.: Theaterszenen: Ende einer Kindheit
Eine weitere Gruppe SchülerInnen thematisierte das Projekt Stolpersteine des Bildhauers Gunter Demnig. Herman Neudorf und Lebensgefährtin Anna Ostrowiak zeigten sich sichtlich ergriffen und bedankten sich bei allen Beteiligten. Das Programm schloß mit einer Ansprache von Andreas Jordan, der die Ausstellung eröffnete.
Die Ausstellung wird bis zum 9. November 2012 in der Gesamtschule Horst gezeigt, Schülerinnen und Schüler erläutern als "Ausstellungsguides" die insgesamt vierzehn Tafeln. Interessierte melden sich bitte beim Sekretariat der Gesamtschule Horst an, Telefon (0209) 4503012. Eine Abschlussveranstaltung findet am 9. November ab 16 Uhr statt, hier ist der Besuch ohne Voranmeldung möglich.
Erinnern und Gedenken an Opfer der NS-Krankenmorde
22. Oktober 2012. Aus Gelsenkirchen wurden etwa 350 Menschen jeden Alters von den Nazis in den Tötungsanstalten der "Aktion T4" (NS-"Euthanasie") ermordet. Während die Erwachsenen überwiegend in den so genannten "Heil-und Pflegeanstalten" Meseritz/Obrawalde, Bernburg, Weilmünster, Eichberg und Hadamar in den Gaskammern ermordet wurden, sind viele der ermordeten Kinder aus Gelsenkirchen im Rahmen der "Kinder-Euthanasie" im St. Johannes-Stift im sauerländischen Niedermarsberg und in der "Provinzialheilanstalt" Dortmund-Aplerbeck in den so genannten "Kinderfachabteilungen" meist mit überdosierten Medikamentengaben ermordet worden.
Wir suchen Angehörige, die sich mit der Widmung eines Stolpersteins für ihre ermordeten Angehörigen einverstanden sind. Name (abgek.), Vorname, Geburtsdatum, Todesdatum und Todesort sind dieser Aufstellung zu entnehmen:
Aus Gründen des Datenschutzes sind die Nachnamen in der Aufstellung mit ihrem Anfangsbuchstaben abgekürzt. Bitte wenden sie sich per Email an die Projektgruppe Stolpersteine in Gelsenkirchen, ihr Ansprechpartner ist Andreas Jordan: info@stolpersteine-gelsenkirchen.de oder Telefon: 0209/9994676
Stolpersteine für jüdische Mitglieder und Unterstützer des FC Schalke 04
18. Oktober 2012. Für jüdische Förderer, Funktionäre und Spieler des FC Schalke 04 und deren Angehörige, die in der NS-Zeit zu Opfern des Terrorregimes geworden sind, werden Stolpersteine verlegt. Dabei werden auch Überlebende des Holocaust und die Menschen, die Deutschland rechtzeitig verlassen konnten, mit einbezogen. Die ersten Stolpersteine für vom NS-Regime verfolgten Menschen aus dem Umfeld des FC Schalke 04 werden im nächsten Jahr in Schalke verlegt. Es können noch Patenschaften übernommen werden. Siehe auch: Artikel v. 13. November 2011
Friedensbewegte (V)
16. Oktober 2012. Gelsenkirchener Friedensfreunde haben mit einer Sammelpatenschaft einen Stolperstein finanziert. Im Mai 2013 wird der Stolperstein, der an Michael Hojnacki erinnert, in Rotthausen verlegt.
Der Schuhmacher Michael Hojnacki senior, geboren am 18. September 1881 in Trebisheim, sorgte mit einem kleinen Geschäft in der Steinfurthstraße 26 für den Lebensunterhalt seiner Familie. Michael Hojnacki war aktiv im Polenbund und er war – obwohl schon fast 40 Jahre in Deutschland – seiner alten Heimat im Osten sehr verbunden. Er war Deutscher, hatte im 1. Weltkrieg fürs Deutsche Reich als hoch dekorierter Feldwebel gedient. Wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 stellte er sich mit seiner Geige auf den Hof des Hauses an der Steinfurthstraße 26, fiedelte und sang dort die polnische Nationalhymne mit dem Text: "Noch ist Polen nicht verloren".
Hojnacki wurde von einem Nachbarn bei den NS-Behörden denunziert, verhaftet und in das Gestapo-Gefängnis Gelsenkirchen gebracht. Am 22. November 1939 wurde er in das KZ Sachsenhausen transportiert, am 27. Juni 1940 weiter in das KZ Neuengamme (Hamburg) verschleppt und am 22. Juni 1940 in das KZ Dachau verlegt. Dort starb Michael Hojnacki am 15. Juli 1940. Der Name des Denunzianten war bekannt, ihm geschah nach dem Krieg jedoch bis auf eine Tracht Prügel nichts.
Stolpersteinverlegung 8. Oktober 2012 in Gelsenkirchen
11. Oktober 2012. Wir danken den Stolperstein-Paten, Gunter Demnig und allen anderen Menschen, die dem Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen bisher wohlwollend und unterstützend gegenüber gestanden haben.
Eintrag im Gästebuch von Schloss Horst: "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist."
Stolperstein für Isidor Kahn verlegt
11. Oktober 2012. Am Montag brachte Bildhauer Gunter Demnig den neuen Stolperstein für Isidor Kahn mit nach Gelsenkirchen. Mit der Erneuerung des Gehwegpflasters Im Lörenkamp war der dort im August letzten Jahres verlegte Stolperstein verschwunden, von der ausführenden Firma versehentlich mit dem Aushub entsorgt. Die Straßenbaufirma übernahm die Kosten für den neuen Stolperstein, Mitarbeiter bauten heute Morgen den Stein an gleicher Stelle wieder ein.
Das Bodendenkmal erinnert an den jüdischen Kaufmann Isidor Kahn, der Im Lörenkamp 2 gewohnt hat, bevor er von den NS-Verfolgungsbehörden 1942 in das Ghetto Riga verschleppt und dort 1943 ermordet wurde.
Ausstellung: "Vergeben muss man, aber Vergessen ist unmöglich..."
5. Oktober 2012. An die Verlegung eines Stolpersteins für den Holocaust-Überlebenden Herman Neudorf (Abb.) knüpft eine Ausstellung an, die ab dem 26. Oktober 2012 von Gelsenzentrum in Zusammenarbeit mit Herman Neudorf in der Gesamtschule Horst präsentiert wird.
Die jüdische Familie Neudorf gerät 1938 in die Mordmaschinerie des NS-Staates. Vater Simon stirbt 1941 im KZ Sachsenhausen, Mutter Frieda wird 1944 in Riga ermordet. Herman Neudorf wird im Oktober 1938 im Alter von 13 Jahren mitten aus dem Schulunterricht heraus verhaftet und aus seiner Geburtsstadt Gelsenkirchen zunächst nach Polen abgeschoben. Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt Gelsenkirchen führt sein weiterer Leidensweg über eines der so genannten „Judenhäuser“ Gelsenkirchens in das Ghetto Riga, von dort in das KZ Kaiserwald weiter über die KZ Stutthof und Buchenwald in das KZ-Außenlager von Buchenwald beim Bochumer Verein und wieder zurück nach Buchenwald. Herman Neudorf überlebte einen der Todesmärsche und wird am 13. April 1945 bei Gera von amerikanischen Soldaten befreit. Der 87jährige Herman Neudorf lebt heute in den USA. Auf der Basis seiner Erinnerungen erzählt und dokumentiert diese Ausstellung Lebens- und Leidenswege der Familie Neudorf, ihrer Angehörigen und Freunde.
Die Ausstellung, die nach einem Zitat von Herman Neudorf den Titel "Vergeben muss man, aber Vergessen ist unmöglich..." trägt, rückt Judenverfolgung und -vernichtung im so genannten "Dritten Reich" mit der Darstellung der Lebens- und Leidenswege der Familie Neudorf in einen konkreten örtlichen und personellen Zusammenhang.
Ausleihe möglich!
Die Ausstellung kann von lokalen Gruppen, Schulen, Kirchenge-meinden u.a. ausgeliehen werden!
Interessierte Veranstalter wenden sich bitte an:
GELSENZENTRUM e.V.
Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte
Devensstrasse 111
45899 Gelsenkirchen
Telefon: (0209) 9994676
Sekretariat Gelsenzentrum
Sowohl für die Ausstellungseröffnung am 26.10. um 16 Uhr als auch für die Finissage, die am 9.11. um 16 Uhr beginnt, entwickeln Lehrer und Schüler der Jahrgänge 10, 12 und 13 derzeit ein vielfältiges Programm: Neben musikalischen Beiträgen planen die Beteiligten Theaterszenen zum Leben Neudorfs „Das Ende der Kindheit“, eine Kunstinstallation „Wege der Erinnerungen“ sowie weitere Präsentationen zu den Themen Umgang mit der NS-Zeit und Erinnerungskultur. Schülerinnen und Schüler aus der Sek. II führen durch die Ausstellung.
Bürgerinnen und Bürger sind herzlich zum Besuch der Ausstellung eingeladen. Um vorherige Anmeldung über das Sekretariat der Gesamtschule Horst (Tel. 4503012) wird gebeten. Die Vernissage und Finissage können auch ohne Voranmeldung besucht werden.
Abschluss der diesjährigen Verlegeaktion im Schloss Horst
2. Oktober 2012. Die diesjährige Verlegeaktion von Stolpersteinen in Gelsenkirchen am 8. Oktober findet ihren Abschluß mit einer Veranstaltung, die um 18 Uhr im Kaminzimmer von Schloss Horst beginnt. Bezirksbürgermeister Joachim Gill wird ein Grußwort an die Anwesenden richten, Heike Jordan wird aus der 1947 als Broschüre publizierten Bericht "Sadismus oder Wahnsinn" von Jeanette Wolff (1888-1976) lesen. Die Politikerin Wolff beschreibt darin ihre Deportation nach Riga und den Leidensweg durch verschiedene Konzentrationslager.
Die Veranstaltung endet mit einer Auswahl von geschriebenen Gedichten und Liedern der tschechisch-jüdischen Schriftstellerin Ilse Weber (1903-1944), die sie im KZ Theresienstadt geschrieben hat und die 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Die Opernsängerin Michaela Sehrbrock wird sowohl eine Reihe unvertonter als auch erhalten gebliebener vertonter Gedichte präsentieren und dabei von Marion Steingötter am Klavier begleitet. Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen lädt Bürgerinnen und Bürger der Stadt zur Teilnahme ein. Info 0209 9994676
Im Oktober werden Stolpersteine verlegt
3. September 2012. Am 8. Oktober kommt Künstler Gunter Demnig nach Gelsenkirchen, 18 weitere Stolpersteine gegen das Vergessen wird er dann an 8 Orten in den Boden einlassen. In diesem Jahr werden erstmals auch Stolpersteine für ehemalige jüdische Bürgerinnen und Bürger Gelsenkirchens verlegt, die den Naziterror überleben konnten. Familien sollen so im Gedenken symbolisch wieder zusammengeführt werden.
Demnigs Stolpersteine bringen niemanden zu Fall, man stolpert nicht körperlich. Man stolpert mit den Augen, dem Kopf und mit dem Herzen über die Stolpersteine, denn die kleinen Betonquader werden flächenbündig in das Pflaster der Gehwege eingelassen - damit Vergangenheit sichtbar bleibt. "Und wenn du den Namen auf dem Stein lesen willst, musst du dich vor dem Opfer automatisch verbeugen" sagt Gunter Demnig.
Die Stolpersteine erinnern an Menschen, die in den Jahren des "Dritten Reichs" verfolgt, entrechtet, gedemütigt, in die Flucht getrieben und in den allermeisten Fällen von den Nazis ermordet wurden. Im Rahmen des Kunstprojektes „Stolpersteine“ des Bildhauers Gunter Demnig werden die Gedenksteine vor den Häusern ins Pflaster der Gelsenkirchener Gehwege eingelassen, in denen die Menschen einst lebten.
Matinee im Schloß Horst
Der Verlegetag findet seinen Abschluß mit einer kleinen Matinee, die gegen 18:00 Uhr im Schloss Horst beginnt. Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen lädt die Bürgerinnen und Bürger der Stadt ein, an den Verlegungen und der Matinee teilzunehmen. Wir wünschen uns, dass viele Menschen durch ihre Teilnahme mit dazu beitragen, die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus als Mahnung für die Gegenwart und Verpflichtung für die Zukunft wachzuhalten.
Arthur Hermann
13:30 Uhr, Cranger Straße 267
Isidor und Flora Isacson
15:45 Uhr, Ringstraße 4
Pater Hermann Joseph Vell
14:15 Uhr, Grillostraße 57
Selig Uscher, Perla, Max und Charlotte Krämer
16:15 Uhr, von der Recke Straße 10
Carl, Ella und Lotte Posner
14:45 Uhr, Arminstraße 1
Iwan, Marianne und Charlotte Süßkind
16:50 Uhr, Markenstraße 29
Benjamin, Sara und Ruth Spiegel
15:15 Uhr, Kirchstraße 65
Herman Neudorf
17:10 Uhr, Markenstraße 19
(Zeitangaben +/- 15 Minuten. Die Projektleitung ist am Verlegetag unter der Handy-Nr.0174 5463829 zu erreichen)
Abb.: Der Stolperstein, der in Gelsenkirchen an Isidor Kahn erinnerte, ist bei Bauarbeiten verschwunden
10. Juni 2012. Mit der Erneuerung des Gehwegpflasters Im Lörenkamp ist der dort von dem Kölner Künstler Gunter Demnig im August letzten Jahres verlegte Stolperstein verschwunden.
Das Bodendenkmal erinnerte an den jüdischen Kaufmann Isidor Kahn, der Im Lörenkamp 2 gewohnt hat, bevor er von den NS-Verfolgungsbehörden 1942 in das Ghetto Riga verschleppt und dort 1943 ermordet wurde.
Von einem Bürger wurden wir über den Beginn der Bauarbeiten Im Lörenkamp informiert und darauf hingewiesen, dass der dort verlegte Stolperstein augenscheinlich verschwunden ist. Nachfragen bei den Mitarbeitern der ausführenden Firma vor Ort ergaben dann, dass der Stolperstein versehentlich mit dem Aushub entsorgt worden ist. Eine noch von der Firma veranlasste Suche nach dem verschwundenen Stolperstein blieb ohne Erfolg. Telefonisch sicherte uns die Straßenbaufirma Kostenübernahme für den Ersatzstein zu, der noch in diesem Herbst verlegt werden soll.
Wer finanziert die Stolpersteine?
Abb.: Stolpersteine werden flächenbündig in das Pflaster der Gehwege eingelassen - sie verursachen kein tatsächliches stolpern. Gunter Demnig drückt es so aus: "Man soll mit dem Herzen und dem Kopf darüber stolpern"
8. Juni 2012. Im Herbst werden sie wieder in Gelsenkirchen verlegt, die mittlerweile weltweit bekannten Stolpersteine. Dieses Mal sind es 23 Stolpersteine, die der Künstler Gunter Demnig am 8. Oktober in das Pflaster Gelsenkirchener Gehwege einlassen wird.
Wer finanziert sie eigentlich, die Stolpersteine? Es sind Einzelpersonen und Gruppen, die mit der Übernahme einer Patenschaft oder einer zweckgebundenen Spende die Verlegung von Stolpersteinen ermöglichen. Der Künstler berechnet derzeit 120 Euro für Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins. Wir suchen fortwährend Menschen, die Patenschaften übernehmen, auch für die anstehende Verlegung werden noch Paten gesucht. Selbstverständlich sind auch kleinere Beträge zur Unterstützung der Aktion willkommen. Spenden können unter Angabe des Verwendungszwecks "Stol- persteine" auf das Konto des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum e. V. überwiesen werden, auf Wunsch erhalten sie eine Spendenquittung.
Gelsenzentrum e.V.
Sparkasse Gelsenkirchen
Kontonummer:
132015927
Bankleitzahl:
42050001
Informationen zum Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen:
Andreas Jordan
Devensstraße 111
45899 Gelsenkirchen
Tel.: (0209) 9994676
E-mail: a.jordan@gelsenzentrum.de
Stadtrundgang: Auf den Spuren der jüdischen Familie Jacobs
Abb.: Stolpersteine an der Augustastrasse
16. April 2012. Nachfahren der Familie Jacobs kamen aus Kanada, Israel und den Niederlanden nach Gelsenkirchen, um Lebensstationen ihrer Familie aufzusuchen. Am Sonntag trafen wir uns an der Schalker Straße und begaben uns auf Spurensuche. Unser Rundgang führte zu den verschiedenen Stationen des Lebens- und Leidensweges der Familie Jacobs und zu Spuren jüdischen Lebens in Gelsenkirchen.
Gustav und Johanna Jacobs wohnten in den Dreißiger Jahren mit ihren Kindern Leopold und Margot zunächst an der Josephinenstrasse 75 und wurden dann 1939 von den NS-Verfolgungsbehörden zwangsweise in eines der so genannten "Judenhäuser" an der Schalker Straße 36 eingewiesen. Am 27. Januar wurde Familie Jacobs von Gelsenkirchen in das Ghetto Riga verschleppt und von dort nach Auflösung des Ghettos in das KZ Kaiserwald im Norden von Riga überstellt. Im Außenlager Strasdenhof wurden Gustav und Johanna Jacobs bei einer der Selektionen ermordet. Die Kinder Leopold und Margot wurden weiter in das KZ Stutthof verschleppt und schließlich 1945 befreit. Margot ging nach Amsterdam, während Leopold Jacobs zunächst nach Gelsenkirchen zurückkehrte.
Unser Rundgang begann hinter dem Musiktheather, dort wo sich der heute nicht mehr existierende Teil der Schalker Straße mit Haus Nummer 36 befand. Weiter ging es über die Bahnhofstrasse, einst Mittelpunkt des blühenden jüdischen Geschäftslebens, zur Augustastraße Ecke Weberstraße. Auch dort befand sich im "Dritten Reich" eines der "Judenhäuser". Hier waren Verwandte der Familie Jacobs eingepfercht, in diesem Haus war Leo Jacobs nach seiner Rückkehr zunächst untergebracht.
Natürlich wollte die jüdische Reisegruppe auch die Gedenkwand im Innenhof der neue Synagoge ansehen, bedauerlicherweise wurde der Gruppe der Zutritt zur Synagoge verwehrt. Das wurde mit Entäuschung und Unverständnis aufgenommen. Weiter ging es nach einem Zwischenstop an den Stolpersteinen in der Kolpingstraße zur alten Synagoge in der Von-der-Recke-Straße. Gegenüber erinnern zwei Stolpersteine an das Ehepaar Wollenberg. Letzte Station war die Teutstraße 14, dort lebte Leopold Jacobs, bevor er schließlich Deutschland endgültig verließ.
Stolperstein-Rundgang mit Jugendlichen
Abb.: Stolpersteine an der Bismarckstrasse. Die Jugendlichen würden gerne die Patenschaft für einen Stolperstein übernehmen.
10. April 2012. Im Rahmen des Projektes "Nationalsozialismus und Rassismus - Aufgepasst, nicht angepasst" des städtischen Jugendzentrums Tossehof stand heute zum Auftakt der Projekttage ein besonderer Punkt auf dem Programm. Eine Gruppe junger Menschen machte sich am Morgen auf den Weg entlang einiger der in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine.
An vier ausgewählten Orten im Einzugsbereich des Jugendzentrums Tossehof wurden den TeilnehmerInnen an den Verlegeorten von Stolpersteinen die Biographien der von den Nazis und ihren Schergen ermordeten Menschen erläutert.
Heike Jordan von der Gelsenkirchener Stolpersteininitiative erinnerte entlang der Route an die Biografien der Menschen und erläuterte den Jugendlichen die Hintergründe von rasseideologischer Verfolgung, Ausgrenzung und Ermordung von Menschen im so genannten "Dritten Reich". Für die TeilnehmerInnen wurden so aus Opfergruppen wieder einzelne Menschen mit individuellen Lebens- und Leidenswegen.
Gedacht und erinnert wird mit dem Projekt Stolpersteine aller im Nationalsozialismus verfolgten Menschengruppen: Juden, Sinti und Roma, politisch und religiös Verfolgte, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Euthanasieopfer und all derer, die nicht zu den zahlenmäßig größten Opfergruppen gehören. „Ich will die Namen der NS-Opfer wieder an ihren einstigen Wohnort zurückbringen.“ sagt der in Köln lebende Künstler Gunter Demnig. 1993 entstand seine Idee, NS-Opfern ein Denkmal genau dort zu setzen, wo die Menschen auch lebten - vor den Türen Ihrer Häuser. Die Idee der Stolpersteine war geboren. Mittlerweile hat Gunter Demnig mehr als 35.000 Stolpersteine in Deutschland und mehreren europäischen Ländern verlegt. In Gelsenkirchen werden Stolpersteine seit 2009 in das Pflaster der Gehwege eingelassen - wider dem Vergessen.
Abb.: Dr. Rainer Vollath. Am Freitag las der Autor erstmals im Ruhrgebiet
2. April 2012. Am Freitag Abend las Rainer Vollath im Gelsenkirchener Kulturraum “die flora” aus seinem Buch “Zwei Lieben” - es war seine erste Lesung im Ruhrgebiet. Der Roman erzählt die Lebens- und Leidensgeschichte des jungen Fritz Weiss. Fritz gehört zu einer in Gelsenkirchen noch weitestgehend unbeachteten Opfergruppe des NS-Regimes: die der schwulen Männer. Fritz Weiss ist 28 Jahre alt, als er von der Gestapo verhaftet wird. Sieben qualvolle Jahre in den Konzentrationslagern Sachsenhau- sen und Flossenbürg folgen. Doch auch nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Verfolgung schwuler Männer nicht vorbei, erst 1969 wird der “Schwulen-Paragraf” 175 StGB entschärft, 1994 endgültig abgeschafft. Rainer Vollath erzählt in “Zwei Lieben” die Geschichte des Fritz Weiss im Wechsel zwischen den Zeitebenen der Verfolgung im so genannten “Dritten Reich” und der Zeit um 1970. Spannend, lebendig und einfühlsam beschreibt der Autor, wie sich Fritz von den in der NS-Zeit erlittenen Qualen befreit und erst im Herbst seines Lebens sein spätes Glück findet.
Im Anschluss an die Lesung sprach Markus Chmielorz (Beratungsstelle Rosa Strippe Bochum) über den Eindruck, den dieses bemerkenswerte und berührende Buch bei ihm hinterlassen hat. Ein Buch, das mit dazu beiträgt, dass tausende Unbekannte, die wegen ihrer Homosexualität von den Nazis gedemütigt und ermordet wurden, nicht vergessen werden. Markus Chmielorz erinnerte auch an den Tod des letzten schwulen KZ-Überlebenden Rudolf Brazda, der so gerne rosa Hemden anzog - zur Erinnerung an den “rosa Winkel”, den er selbst und Tausende andere schwule Häftlinge im KZ tragen mussten: “Dass ist die Farbe, mit der uns die Nazis abgestempelt haben, daher trage ich besonders gerne Rosa”.
Rudolf Brazda war der letzte schwule Mann, der noch aus eigenem Erleben von Verfolgung und Leid in der NS-Zeit berichten konnte. Von der oftmals schwierigen Recherche in den Archiven berichtete an diesem Abend abschließend Jürgen Wenke. Seiner privaten Initiative ist es zu verdanken, dass im Ruhrgebiet in letzter Zeit mehrere Stolpersteine zur Erinnerung an schwule Männer, die zu NS-Opfern wurden, verlegt werden konnten. Bei der nächsten Verlegung in Gelsenkirchen im Herbst 2012 verlegt Gunter Demnig einen ersten Stolperstein für einen Mann aus unserer Stadt, der von den Nazis wegen seiner Homosexualität verfolgt und ermordet wurde - auch hier hat der Verein Rosa Strippe e.V. die Patenschaft übernommen.
Die Buchhandlung Junius hatte für die Lesung, die für die Zuhörerinnen und Zuhörer eine Bereicherung war, eigens einen Büchertisch organisiert. “Zwei Lieben” ist ein Buch gegen das Vergessen, das man sicherlich nicht so schnell vergisst. An der Realisierung der Lesung waren viele Menschen beteiligt. Allen, die zum Gelingen dieses Abends beigetragen haben, sei hier nochmals herzlich gedankt.
70. Jahrestag der Deportation Gelsenkirchener Juden in das Ghetto Warschau
Abb.: Stolpersteine erinnern in Gelsenkirchen an das im Ghetto Warschau von den Nazis ermordete Ehepaar Isidor und Elfriede Wollenberg
10. März 2012. Am 31. März 1942 rollte der zweite “Sammeltransport” aus Gelsenkirchen mit 52 jüdischen Kindern, Frauen und Männern in den “Osten”. In Münster wurden weitere 400, in Hannover 500 und Braunschweig 116 Juden in den Zug gezwungen. Am Morgen des 1. April 1942 erreichte der Zug das Ghetto Warschau. Die Neuankömmlinge wurden zunächst in die außerhalb des Ghettos gelegene “Quarantäne-Station” in der Nähe des so genannten “Umschlagplatzes” untergebracht und nach einigen Tagen unter Aufsicht der jüdischen Ghetto-Polizei auf die Wohnquartiere im Ghetto verteilt. Am 22. Juni 1942 begann die Deportation der Juden aus Warschau in das Vernichtungslager Treblinka. Wer von den Gelsenkirchener Juden bis dahin die Zeit im Ghetto überlebt hatte, wurde in den folgenden Monaten nach Treblinka verschleppt und dort in den Gaskammern des Vernichtungslagers erstickt. Von den aus Gelsenkirchen in das Ghetto Warschau deportierten Menschen fehlt seither jedes Lebenszeichen, ihre weiteren Leidenswege sind unbekannt. Mehr...
Stigma "Asozial" - Erinnerung an Ausgegrenzte
Abb.: Der Zwang zum tragen des schwarzen Winkels sprach auch diesen KZ-Häftlingen das Menschsein ab
5. März 2012. Mit der Machtübergabe an die Na- zis begann 1933 auch die Verfolgung und Ausgrenzung der als "Asoziale" definierten Men- schen. Der Sammelbegriff "Asoziale" war eine gebräuchliche Bezeichnung für die als "minderwertig" stigmatisierten Menschen aus den sozialen "Unterschichten" ("so genannte Ballastexistenzen"), die nach NS-Auffassung Randgruppen zugehörten sowie "schwere Leistungs- und Anpassungsdefizite" aufgewiesen hätten.
Menschen und Menschengruppen wurden so als Ressourcen verbrauchende "Schädlinge" und "unnütze Esser" etikettiert, für die die als "gutwillig" und "fleißig" bezeichnete Mehrheit der "Volksgemeinschaft" zu ihrem Nachteil aufkommen müsse. Als "asozial"galt laut einem Grunderlass zur "Vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" vom 14. Dezember 1937: "(...) wer durch sein gemeinschaftswidriges, wenn auch nicht verbrecherisches Verhalten zeigt, dass er sich nicht in die Gemeinschaft einfügen (...), sich der in einem nationalsozialistischen Staat selbstverständlichen Ordnung fügen will" (...).So wurden beispielsweise Bettler, Obdachlose, Fahrende, Wandermusiker, Trinker, Prostituierte, Heimzöglinge, Fürsorgeempfänger oder Jugendliche und Frauen - also vor allem Menschen aus sehr armen Verhältnissen - als "Asoziale", "Gemeinschaftsfremde" und "Volksschädlinge" diffamiert, dazu gehörten auch Personen, die mit Unterhaltszahlungen im Rückstand waren (so genannte "säumige Nährpflichtige") und auch Homosexuelle. Gleichwohl wurden auch deutsche Sinti als "Asoziale" stigmatisiert.
Bedingt durch die Organisationsstrukturen der NS-Verfolgungsbehörden wirkten arbeitsteilig verschiedene Beamte am Gesamtprozess der Verfolgung, Ausgrenzung und Ermordung einzelner Menschengruppen mit. Hauptakteure in verschiedenen Funktionen auf kommunaler Ebene innerhalb der NS-Stadtverwaltung waren in Gelsenkirchen unter anderem Dr. Friederich Wendenburg, Paul Schossier, Dr. Heinrich Hübner, Fritz Capelle, Heinrich Beßmann, Fritz Schenk, Heinrich Schmidtkamp, Dr. Otto Schäfer, Dr. Wilhelm Schumacher, Peter Stangier und Oberbürgermeister Carl Böhmer.
Verschiedene Stellen der staatlichen Verfolgungsbehörden gingen dabei auch gezielt gegen Jugendliche vor, die sich in Familie und Schule, in den Jugendorganisationen und in ihrer Freizeit nicht so verhielten wie die Nazis es von ihnen verlangten. Dies betraf zum Beispiel Jugendliche, die gegenüber Eltern oder Lehrern aufmüpfig waren, die den Dienst in der "Hitlerjugend" (HJ) und dem "Bund deutscher Mädel" (BDM) verweigerten oder wegen Ungehorsam ausgeschlossen worden waren, die nicht so schnell und so viel arbeiten wollten wie andere, die homosexuell waren oder ein freieres Sexualleben haben wollten. Wer sich dem nicht fügte, hatte mit Zwangsmaßnahmen, Schikanen und der Unterbringung in einer sogenannten "Fürsorgeanstalt" zu rechnen. Die Entscheidung, ob ein "gemeinschaftswidriges Verhalten" vorlag, lag dabei allein bei den Ordnungs- und Polizeibehörden. Betroffen waren somit alle Personen, die nicht in das Konzept der "NS-Volksgemeinschaft" passten - dass führte natürlich auch zu willkürlichen Einweisungen in die KZ. Als Einweisungsbehörde konnte die Kriminalpolizei tätig werden, ohne dass eine Straftat vorlag - allein ein Verdacht reichte aus.
Wer sich nicht in die Nazi-Schablonen pressen ließ, wurde schnell als "Asozialer" bezeichnet und verfolgt
In das Konzentrationslager Dachau konnten bereits in den ersten Jahren des NS-Terrorregimes so genannte "asoziale" Häftlinge auf Antrag von Fürsorgeämtern eingewiesen werden. Im Rahmen der so genannten "Aktion Arbeitsscheu Reich" kam es im Frühjahr und Sommer 1938 zu einer Verhaftungswelle, die einen Höhepunkt in der "Asozialenverfolgung" des NS-Staates darstellte. Mehr als 10.000 Roma und Sinti, Juden und "deutschblütige Asoziale" wurden bei dieser "Aktion" in Konzentrationslager verschleppt, davon 6.000 im Juli 1938 in das KZ Sachsenhausen. Sie wurden in den Lagern mit einem schwarzen Winkel auf der Häftlingskleidung markiert und bildeten in den KZ eigene Häftlingsgruppen, die in der KZ-Hierarchie ganz unten standen. Die Sterberate unter diesen Häftlingen war besonders hoch.
Keine Rehabilitation und Entschädigung der NS-Opfer
Die als "Asoziale" Verfolgten galten nach 1945 nicht als NS-Opfer, sondern als Krimminelle und waren so von jeglicher Anerkennung und Entschädigung ausgeschlossen - nicht so ihre ehemaligen Verfolger, die sich über üppige Renten und Pensionen freuen konnten. Erst als es für die meisten der NS-Opfer schon zu spät war, führten einige Bundesländer Härtefallregelungen ein. Es haben bis heute 163 "Asoziale", 17 "Arbeitsverweigerer", 24 "Arbeitsscheue" und 1 "Landstreicher" jeweils eine Einmalzahlung in Höhe von knapp 2500 Euro erhalten - 205 Menschen von mehreren Zehntausend Verfolgten. Nicht die Tatsache des erlittenen Unrechts und der Verfolgung bzw. ihre Schwere entschied letztlich über die Einbeziehung in die "Wiedergutmachung", sondern Beweggründe der früheren Verfolger im Rahmen eines fortbestehenden gesellschaftlichen Kontextes. Die Zuschreibung "Asozial" in den Opferakten existiert noch immer, auch bei inzwischen Verstorbenen.
Stolpersteine
An die bisher wenigen namentlich bekannten, unter dem Vorwurf der "Asozialität" verfolgten Menschen aus Gelsenkirchen sollen bald Stolpersteine im Stadtgebiet verlegt werden. Recherchen der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen u.a. in den Akten des KZ Dachau führten jetzt auf die Spuren der Leidenswege der Gelsenkirchener Josef Kendzierski aus Rotthausen, Walter Klüter aus der Feldmark, Erich Mosdzinski aus Buer und Heinrich Roth aus der Altstadt, die von den Nazis als "Asozial" gebrandmarkt in Konzentrationslagern ermordet wurden. Das diesen Menschen geschehene Unrecht darf nicht vergessen werden.
Stolperstein für Widerstandskämpfer Karl Delbeck
1. März 2012. Für den kommunistischen Widerstandskämpfer Karl Delbeck soll in Gelsenkirchen ein Stolperstein verlegt werden, Heidi Delbeck stimmte gestern einer Verlegung zu. Bereits in den Dreißiger Jahren wurde Karl Delbeck erstmals wegen seines aktiven Widerstands gegen das Nazi-Regime verhaftet und von der Gestapo brutal gefoltert. Die nachfolgende Haft wurde u.a. in den Gefängnissen Gelsenkirchen und Münster vollstreckt. Danach war Delbeck weiter in der Arbeiterbewegung aktiv.
Als Angehöriger der Wiederstandsgruppe um Franz Zielasko wurde Karl Delbeck im Juli 1944 vom so genannten "Volksgerichtshof" wegen "Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung" zum Tode verurteilt. Im berüchtigten Gefängnis München-Stadelheim sollte die Hinrichtung vollstreckt werden, die Vollstreckung wurde jedoch wegen eines Wiederaufnahmeantrages ausgesetzt. Während eines Todesmarsches konnte Delbeck fliehen und wurde schließlich von den Alliierten befreit.
Stadtrundgänge: Jeder Stolperstein ein Leben
18. Februar 2012. Die Projektgruppe Stolpersteine bietet ab Frühjahr 2012 kostenlose Stadtrundgänge für Schüler, Einwohner und Gäste der Stadt entlang der in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine an. Die Rundgänge werden individuell für die jeweiligen Gruppen geplant und zusammengestellt. Bei den Rundgängen werden die persönliche Lebens- und Leidensgeschichten der Menschen, die vom NS-Terroregime gedemütigt, entrechtet, verfolgt und schlussendlich ermordet wurden, an ihren damaligen Wohnorten in Gelsenkirchen erzählt. Dauer der ehrenamtlich geführten Rundgänge etwa 2 Stunden. Mehr...
Ausschnitt aus dem Hochzeitsfoto von Carl und Ella Posner, geb. Stessmann. Bis zur Deportation 1942 wohnten sie in Gelsenkirchen
14. Februar 2012. Carl Posner, seine Frau Ella, eine geborene Stessmann aus Medebach und die gemeinsam Tochter Lotte wurden am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen nach Riga deportiert. Carl wurde von den Nazischergen im Ghetto Riga, Ella und Lotte im KZ Stutthof ermordet. Das Ehepaar Alfons und Sabine Donat hat die Patenschaft für drei Stolpersteine übernommen, die in Gelsen-kirchen bald an die Familie Posner erinnern.
Zwei alte Fotos hat Helene Jaschinski, die Großmutter von Sabine Donat, damals kurz nach der Deportation der Familie Posner retten können. Ein Hochzeitsfoto von Carl und Ella Posner und eines, auf dem Lotte Posner mit zwei anderen Kindern zu sehen ist. "Kurz nach dem Krieg kam ein junger Mann zu meiner Oma und sagte ihr, dass Familie Posner von den Nazis ermordet worden ist. Oma hat in ihrer Aufregung damals nicht nach seinem Namen gefragt" erzählt Sabine Donat, "Die Fotos von Familie Posner hat Oma all die Jahre aufgehoben. Nach ihrem Tod sind sie dann in meine Hände gelangt. Vor vielen Jahren habe ich begonnen, nach Angehörigen der Familie Posner zu suchen, wollte die Fotos übergeben - leider bisher erfolglos. Diese Erinnerungsstücke sind doch in der Familie am besten aufgehoben."
Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen sucht nun nach Angehörigen der weitverzweigten Familie Posner, erste Spuren weisen von Gelsenkirchen nach Kanada (Hans Posner) und in die USA/New Mexico (Sigmund Posner, Erna Wislawa Posner, Helmut Paul Posner, Herbert Posner und Hannelore Boyd, geborene Posner). Informationen bitte per Email an: Andreas Jordan, Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen
"Zwei Lieben" - Lesung mit Rainer Vollath in der "flora" Gelsenkirchen
Autor Dr. Rainer Vollath
9. Februar 2012. Am Freitag, dem 30. März 2012 liest der Autor Rainer Vollath um 19 Uhr im Kulturzentrum "die flora" in Gelsenkirchen, Florastraße 26, aus seinem zeitgeschichtlichen Roman "Zwei Lieben". Begrüßung und einleitendes Referat: Markus Chmielorz und Jürgen Wenke.
"Zwei Lieben" - Sachsenhausen, Flossenbürg, Berlin Nollendorfplatz – die Lebensstationen eines bewegten Lebens, einer bewegenden Geschichte
In seinem Buch "Zwei Lieben" hat sich Rainer Vollath einem verdrängten Kapitel deutscher Geschichte gewidmet: Berlin 1938. Der 28jährige Fritz wird im Berliner Tiergarten von der Gestapo ertappt, verhaftet und ins KZ gebracht. Sieben Jahre verbringt er in Sachsenhausen und Flossenbürg. Was ihm beim Überleben hilft, ist seine Liebe zu dem jungen Häftling Jan aus Warschau. Bei Kriegsende trennen sich jedoch ihre Wege für immer.
Aus Angst vor Repressalien führt Fritz nach dem Krieg in Berlin jahrzehntelang ein Doppelleben und traut sich nicht, zu seinem Schwulsein zu stehen. Doch dann wird 1969 der Paragraph 175 entschärft, ein frischer Wind weht in der Metropole. Fritz versucht, eine Entschädigung für die im KZ erlittenen Qualen zu bekommen – und er lernt Will kennen. Rainer Vollath erzählt in sich zeitlich abwechselnden Kapiteln den Überlebenskampf im KZ und das Aufkeimen der Schwulenbewegung in der Berliner Nachkriegszeit. In klarer, nüchterner Sprache zeichnet er das Leben eines Mannes nach, der es trotz seiner – aus einer bedrückenden Vergangenheit herrührenden – Ängste schafft, ein Selbstbewusstsein als schwuler Mann zu entwickeln und sich seinen Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen.
Möglich wurde diese Lesung durch eine Kooperation des Vereins Rosa Strippe, der in Bochum die zweitgrößte psychosoziale Beratungsstelle für Lesben, Schwule und deren Angehörge in NRW betreibt und der Projektgruppe STOLPERSTEINE des Gelsenzentrum e.V. in Gelsenkirchen. Beide Initiativen widmen sich schon seit langem der Erinnerung an die Verfolgten des Nationalsozialismus. Auf Initiative der Rosa Strippe e.V. hat der Künstler Gunter Demnig im Februar in Dortmund einen weiteren Stolperstein für ein schwules Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Im Herbst verlegt Demnig in Gelsenkirchen einen Stolperstein für den im KZ wegen seiner Homosexualität zu Tode geschundenen Arthur Hermann, auch hier hat die Rosa Strippe die Patenschaft übernommen. Die Recherchen für diese beiden Stolpersteine stammen von Jürgen Wenke, der seit langem die Lebensgeschichten schwuler Männer während der NS-Zeit erforscht.
"Uns haben sie einfach vergessen..." - schwule Männer als Opfer des NS-Terrors
Lange blieb das Schicksal schwuler Männer und deren Verfolgung in der Zeit zwischen 1933 und 1945 im Verborgenen. Schätzungsweise 10.000 - 15.000 schwule Männer wurden zwischen 1934 und 1945 in die KZ eigesperrt, die wenigsten haben den faschistischen Terror überlebt. Für die Überlebenden ging die Verfolgung in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit fast nahtlos weiter. Wenn einer der wenigen Überlebenden wieder „straffällig“ im Sinne des § 175 wurde, bezog die bundesdeutsche Justiz die Verurteilung aus der NS-Zeit strafverschärfend mit ein, denn der Angeklagte galt ja als unverbesserlicher Wiederholungstäter, hatte doch der § 175 in der NS-Fassung noch bis 1969 Gültigkeit. Endgültig aus dem bundesdeutschen Strafgesetzbuch gestrichen wurde der § 175 erst im Jahr 1994.
Der Eintritt zur Lesung ist frei, um eine Spende für das Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen wird gebeten.
Cover- und Autorenfoto mit freundlicher Genehmigung des Querverlag, Berlin
Woche der Erinnerung
27. Januar 2012. Die Projektgruppe Stolpersteine beteiligte sich aktiv an der "Woche der Erinnerung", einer von Gelsenzentrum e.V. initiierten Veranstaltungsreihe zum Internationalen Holocaust-Gedenktag. Bei einer Spendenaktion konnten so 83 Euro für das Projekt in Gelsenkirchen gesammelt werden. In unserer Stadt wurden bisher 41 Stolpersteine verlegt, weitere werden folgen. Bei der nächsten Verlegung im Herbst 2012 verlegt Gunter Demnig einen ersten Stolperstein für einen Gelsenkirchener, der von den Nazis wegen seiner Homosexualität verfolgt und ermordet wurde. Erstmalig wird dann auch ein Stolperstein verlegt, der an den Leidensweg eines Holocaust-Überlebenden erinnert.
Auszeichnung für Rolf Abrahamsohn
20. Januar 2012. Landrat Cay Süberkrüb überreichte im Kreishaus Recklinghausen die Verleihungsurkunde an Rolf Abrahamsohn. "Zur öffentlichen Anerkennung und Ehrung ihrer langjährigen Verdienste zum Wohle und Ansehen des Kreises Recklinghausen verleihen wir Ihnen die Auszeichnung Vestischer Ehrenbürger" sagte der Landrat, als er die Urkunde an Rolf Abrahamson übergab. Stehend applaudierten die geladen Gäste dem 86jährigen aus Marl, der als einzigster seiner Familie den Holocaust überlebte.
Die Laudatio auf Rolf Abrahamsohn hielt Sr. Johanna - Ruth Eichmann, eine enge Freundin von Rolf Abrahamsohn. Sie fand warme und bewegende Worte, die den alten Herren sichtlich berührten. In seiner Dankesrede betonte Rolf Abrahmsohn, wie sehr es ihn sein Leben lang schmerzt, dass er den Kindern, die mit ihm im KZ waren, damals nicht hat helfen können.
"G’tt hatte wohl damals Urlaub, sonst wäre all das Morden und Verbrennen nicht geschehen" sagte Abrahmsohn mit dem ihm so eigenen Humor, "Das alles, was ich erlebt habe, kann man nur erzählen mit etwas Humor - sonst wird man verrückt".
Eigentlich wollte Rolf Abrahamsohn nach seiner Befreiung nach Palästina gehen. Als er jedoch erfuhr, dass er unter Umständen von den Engländern auf Zypern interniert werden könnte, entschied er sich, in Deutschland zu bleiben. "Die Jahre im KZ und im Arbeitslager waren doch genug, nie wieder wollte ich eingesperrt sein, und so blieb ich in Marl" sagt Abrahamsohn nachdenklich. Man spürt, dass er seinen damaligen Entschluss zu bleiben, auch schon so manches mal bereut hat.
Vor 70 Jahren: Deportationszug mit Ziel Riga verlässt Gelsenkirchen
"Es ist schwer zu sagen, wer das bessere Los gezogen hat. Denn selbst die wenigen, die schließlich überlebt haben, auch sie sind für ihr Leben gezeichnet. Sie haben jeder für ihr ganzes restliches Leben noch an dem zu tragen, was sie seelich und körperlich dort erlitten haben."
Otto Wolken, Holocaust-Überlebender
16. Januar 2012. Am 27. Januar 1942 rollte der erste "Sammeltransport" mit Kindern, Frauen und Männern jüdischer Herkunft von Gelsenkirchen Richtung Osten. Bestimmungsort der Menschenfracht war das Ghetto Riga. 359 Gelsenkirchener Juden wurden in die zum "Sammellager" umfunktionierten Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz unter unmenschlichen Bedingungen eingepfercht. Auch Juden aus umliegenden Revierstädten wurden nach Gelsenkirchen transportiert. Die Gelsenkirchener Jüdin Helene Lewek wählte in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz angesichts der bevorstehenden Deportation die Flucht in den Tod. Auf dem Weg nach Riga wurden weitere Menschen an verschiedenen Haltepunkten - u.a. in Dortmund und Hannover - in den Zug gezwungen. Der Deportationszug der Deutschen Reichsbahn erreichte schließlich mit etwa 1000 Menschen am 1. Februar 1942 Riga in Lettland.
Der überwiegende Teil der aus Gelsenkirchen und anderen Städten am 27. Januar verschleppten Juden wurden im Ghetto Riga oder in Konzentrationslagern ermordet. Zu den wenigen, die oftmals als Einzige ihrer Familien den Holocaust überlebt haben, gehören Rolf Abrahamsohn, Bernd Haase, Herman Neudorf und Elli Kamm, geborene Diament. Sie schildern hier, wie sie die Deportation aus Gelsenkirchen und die Ankunft in Riga erlebt haben.
Der heute 86jährige Rolf Abrahamsohn aus Marl erinnert sich:
"Am Morgen des 24. Januar um sieben Uhr wurden wir in Recklinghausen lebenden Juden aus den Häusern geholt. Wir standen bis nachmittags um vier auf der Straße, bevor man uns mit Lastwagen nach Gelsenkirchen zur Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz brachte. Am 27. Januar verließ der Deportationszug mit einigen hundert Juden aus Gelsenkirchen, Recklinghausen und weiteren umliegenden Orten die Stadt. Man hatte uns gesagt, dass wir in ein Arbeitslager kämen, damals habe ich das noch geglaubt. Im Zug war es tagsüber sehr heiß und nachts eiskalt - das war unser Glück. So konnten wir wenigstens das gefrorene Wasser von den Fenstern ablecken, damit wir nicht ganz verdursten.
Als wir am 1. Februar in Riga am Bahnhof Skirotava ankamen, wurden wir mit Gebrüll und Schlägen von der SS empfangen. Wir sollten einige Kilometer bis ins Ghetto Riga laufen, den Schwachen bot die SS scheinheilig eine Fahrt auf LKW dorthin an. Was die Menschen, die auf die LKW stiegen, nicht wussten: das war praktisch schon eine erste Selektion. Sie brauchten uns ja als Arbeiter. Wer nicht laufen konnte, konnte nach der Logik der SS auch nicht arbeiten und so fuhren die LKW mit ihrer Menschenfracht direkt zu den Erschießungsstätten im Wald von Bikernieki."
Bernd Haase, der heute 85jährig in den USA lebt, erzählt:
"Im Dezember 1941 wurden meine Mutter, meine Schwester und ich aufgefordert, unsere Habseligkeiten für eine Umsiedlung nach Osten zusammenzupacken. Wir kennzeichneten unsere Möbel und packten Bettzeug und Kleidung in Rucksäcke. Am Abreisetag packten wir noch Butterbrote ein. Es kam ein Bus und brachte uns vom Judenhaus an der Bochumer Straße zur Gelsenkirchener Ausstellungshalle. Für unsere Nachbarn fuhren wir äußerlich normal weg. In der Ausstellungshalle mussten wir dann wie Tiere auf dem strohbedeckten Boden liegen.
Nur ein kleiner Zwischenfall: Es hatte geschneit und das Auto von einem der Nazi-Bonzen kam nicht weiter. So mussten ich und ein paar Andere den Wagen bis zur Arminstrasse schieben. Doch fühlte ich mich für eine halbe Stunde frei. Am fünften Tag, früh am Morgen, mussten wir durch Schnee und Dunkelheit zum Güterbahnhof marschieren. Dort schickte uns die Gestapo in einen Personenzug, brüllend und Peitschen schwingend. Wir wurden durchsucht und unser Geld und andere Wertgegenstände wurden uns weggenommen. Wir hatten unsere Rucksäcke mit im Zugabteil, unsere Koffer und die Haushaltsgegenstände wurden in einen angehängten Waggon gepackt. Dieser Wagen wurde später abgekoppelt und sein Inhalt an Fremde verteilt. Langsam verließ der Zug Gelsenkirchen. In Dortmund wurden weitere Waggons angehängt."
Elli Kamm starb 2002 im Alter von 76 Jahren in den USA. Sie erzählte:
"Im Januar 1942 pferchten sie uns zusammen in Gelsenkirchen einem großen Warteraum und steckten uns dann in Züge. Der Transport ging nach Riga, in Lettland. Die Züge waren sehr kalt. Ich weiß nicht mehr genau, es waren fünf Tage, sechs Tage. Es war so kalt. Einigen Leuten erfroren die Finger, die Zehen, die Füße, es war schrecklich. Wir hörten die Flugzeuge, es gab Schiessereien, Bombardierungen, aber jedenfalls kamen wir Ende Januar, Anfang Februar bei Riga an. Der Ort hieß Skirotava. Es fror, es war kalt. Und denken Sie daran: Bevor wir Deutschland verließen, sagten sie uns, wir könnten nur so und so viel mitnehmen.
Wir zogen zwei Unterhemden, drei Pullover, drei Blusen, drei, vier Unterhosen an, so dass, wenn sie uns das Gepäck wegnehmen würden, wir immer noch das hätten, was wir am Körper hatten und so die Möglichkeit hätten, eine Zeit lang zu wechseln. Als wir in Skirotava ankamen und die SS da stand, ich denke, Obersturmführer Lange war sein Name und einige Andere. Mit Hunden und Schnee bis zum Hals und sie schrien: "Raus, raus, raus!" Das war einfach schrecklich, ich meine so ein Chaos. Es war unglaublich. Sie befahlen uns, zu dritt oder zu viert da zu stehen und dann abzumarschieren."
Herman Neudorf, geboren in Horst-Emscher lebt heute in den USA, erzählt:
"Am 20. Dezember 1941 erhielten wir von der Gestapo, Staatspolizeistelle Gelsenkirchen, die erste Aufforderung: 'Sie haben sich auf einen Transport zum Arbeitseinsatz nach dem Osten vorzubereiten. An Gepäck darf 10 RM mitgenommen werden. Die Fahrtkosten sind selbst zu entrichten - natürlich einfach, eine Rückfahrt war nicht vorgesehen. Vorbereitungen wurden getroffen. Medikamente, Frostschutzmittel, Winterkleidung, warme Decken und so weiter beschafft. Am 20. Januar 1942 kommt wieder ein Schreiben: 'Sie haben sich zum Transport nach dem Osten in den nächsten drei Tagen bereitzuhalten.' Nun ist es soweit.
An einem Januarmorgen um 10 Uhr morgens wurden wir von der Gestapo aus dem Judenhaus an der Markenstraße in Horst abgeholt und in einen Autobus verfrachtet, mit je einem Koffer. Im nu sammelte sich um das Auto eine Anzahl Schulkinder. Auf ihre neugierige Frage, wohin wir fahren, antwortete der Gestapo-Chauffeur: 'Zur Erholung in ein Sanatorium.' Am Sammelplatz schliefen wir eine Nacht am Boden und am nächsten Tag wurden wir verladen. Es war der 27. Januar 1942. Aber diese Mörder wußten zu gut, wohin unsere Fahrt führt. Hoher Schnee mit ca. 25 Grad Kälte. Der Zug stand bereit. Ungeheizt. Am Ende des Zuges wurden drei Wagen mit unseren Koffern, Verpflegung und Küchengeräten angehängt. Dann fuhren wir ab. Türen natürlich abgeschlossen. Vor Hannover erfuhren wir, daß die letzten Wagen "heißgelaufen" waren und abgehängt werden mußten. Nun besaßen wir nur noch das, was wir am Leibe trugen. Sechs Tage Fahrt durch Ostpreußen, Litauen, Lettland. Aborte verstopft, die Abteilwände mit einer Eisschicht überzogen.
Am 1. Februar erreichten wir unsere neue "Heimat", der Transport hielt am Bahnhof Riga-Skirotava. Auf uns warteten schon SS-Leute in dicken Pelzmänteln. Sie trieben uns mit Schlägen, Beschimpfungen und Gebrüll aus dem Zug. Die Glieder waren noch starr vor Kälte. Zum Teil mit Autos oder zu Fuß ging es ab. Ungefähr drei Stunden Marsch. Lettische Wachen hüteten uns sorgfältig und rissen einigen gute Kleidungsstücke vom Leibe herunter. Ein mit Stacheldraht umgebener Stadtteil tauchte auf. Personen mit gelben "Judensternen" konnte ich erkennen. Das war also das Rigaer Ghetto, das uns allen ewig in Erinnerung bleiben sollte. Oft wundert man sich selbst, dass man diese schrecklichen Jahre, die noch folgten, überhaupt überleben konnte."
Die Markenstrasse 29 in Gelsenkirchen-Horst. Die Fassade befindet sich im Orginalzustand. Im Erdgeschoß befand sich bis Ende der Dreißiger Jahre das Ladenlokal des jüdischen Kaufmanns Moritz Stein, Schuh- und Lederwaren.
29. Dezember 2011. Die Bezeichnung "Judenhaus" wurde in Nazi-Deutschland im Alltags- und Behördengebrauch für Wohnhäuser aus ehemals jüdischem Eigentum verwendet, in die ab Herbst 1939 ausschließlich Juden eingewiesen wurden. Die Erfassung der jüdischen Bevölkerung und ihre Konzentration in den so genannten "Judenhäusern" war eine Vorstufe für die im Herbst 1941 beziehungsweise Januar 1942 einsetzenden Massendeportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager in Osteuropa. Die "Judenhäuser" waren nichts anderes als kleinräumige Ghettos, sie standen unter ständiger Kontrolle der Gestapo. Im Gelsenkirchener Ortsteil Horst befanden sich so genannte "Judenhäuser" an der Fischerstrasse 173, der Markenstrasse 28 und 29.
In der Nazizeit wurde Juden der Besitz an Wohneigentum untersagt – sie wurden enteignet, Haus- und Grundbesitz wurde "arisiert". Am 30. April 1939 wurde das "Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden" erlassen. Wie zahlreiche andere seit 1933 erschienene Gesetze und Verordnungen trug es massiv dazu bei, das Leben jüdischer Familien weiter zu sanktionieren. Juden und "Arier" sollten nicht mehr unter einem Dach wohnen. Mietverhältnisse mit Juden konnten nun nach Belieben aufgehoben werden. Mit Hilfe der Stadtverwaltung - federführend war dabei das Wohnungsamt - wurden jüdische Familien erfasst und zwangsweise in so genannte "Judenhäuser" einquartiert. Dies waren in der Regel Häuser, die sich (noch) in jüdischem Eigentum befanden. In die Wohnungen der dort lebenden Menschen wurden weitere Familien zwangsweise einquartiert, sodass immer mehr Menschen auf kleinstem Raum zusammengepfercht wurden. In Hamburg wurden beispielsweise pro Person nur sechs bis acht Quadratmeter Wohnfläche zugestanden.
Das Wohn- und Geschäftshaus an der Markenstrasse 29 gehörte dem jüdischen Schuh- und Lederwarenhändler Moritz Stein, der im Erdgeschoß bis zu seinem Tod im Dezember 1938 ein Schuhgeschäft betrieb. Im Haus wohnte bereits die Familie Süsskind, zwangsweise dort einquartiert wurden dann ab 1940/41 Angehörige der Familie Langer, Frieda und Hermann Neudorf, Auguste Bry und die Eheleute Siegmund und Wittel Heinberg.
Victor Klemperer notierte über ein Dresdner "Judenhaus": "Cohns, Stühlers, wir. Badezimmer und Klo gemeinsam. Küche gemeinsam mit Stühlers, nur halb getrennt - eine Wasserstelle für alle drei (...) Es ist schon halb Barackenleben, man stolpert übereinander, durcheinander." Klemperer schreibt in seinen Tagebüchern mehrfach über ihm berichtete wie auch selbst erlebte "Haussuchungspogrome", bei denen die Bewohner von Gestapobeamten beleidigt, bespuckt, geohrfeigt, getreten, geschlagen und bestohlen wurden. "Im Aufwachen: Werden "SIE" heute kommen? Beim Waschen…: Wohin mit der Seife, wenn "SIE" jetzt kommen? Dann Frühstück: alles aus dem Versteck holen, in das Versteck zurücktragen. (...) Dann das Klingeln ... Ist es die Briefträgerin, oder sind "SIE" es?"
Es ist ja nicht nur ein alter Kleiderbügel...
Mitte der Dreißiger Jahre: Die Schalker Straße in Gelsenkirchen. Rechts im Bild das Geschäft der Gebr. Goldblum
9. Dezember 2011. "Als ich am Dienstag den Artikel zur "Woche der Erinnerung" in der WAZ las, mußte ich sofort an den Kleiderbügel denken" sagt Anita Sontopski (87). "Deshalb habe ich sie angerufen. Seit meiner Hochzeit 1947 habe ich diesen Bügel aufgehoben. Nun will ich ihn in guten Händen wissen." Es ist ein einfacher, hölzerner Kleiderbügel, den uns die alte Dame da übergibt. Einer, wie man ihn unzählige Male findet.
Doch dieser Kleiderbügel ist ein besonderer: "Gebr. Goldblum, Gelsenkirchen" steht in schwarzen Buchstaben darauf. Die Aufschrift zeugt von jüdischem Leben im Gelsenkirchen der NS-Zeit, zeugt von einer zerstörten jüdischen Existenz, von Entrechtung, Verfolgung und Enteignung.
Anita Sontopski erzählt: "Gebr. Goldblum, das waren zwei jüdische Brüder, die an der Schalker Straße, Ecke Grillostraße ein Geschäft hatten. Der eine Bruder war Herrenausstatter, der andere verkaufte Schuhe. Mein späterer Mann hat sich dort 1936 von Herrn Goldblum einen Anzug machen lassen, und zu diesem Anzug gab es damals diesen Kleiderbügel. Als mein Mann Soldat wurde, wanderte der Anzug nebst Bügel in einen Karton, der die Kriegszeit im Keller überdauerte. Erst 1947, zu unserer Hochzeit, wurde der Anzug wieder hervorgeholt. Seither bewahre ich diesen Kleiderbügel als besonderes Erinnerungsstück an die Familie Goldblum auf."
Auch die Kaufmannsfamilie Isidor Goldblum gehörte zu den frühen Unterstützern des FC Schalke 04. Bereits 1904 nach Gelsenkirchen gekommen, hatte das Ehepaar das bekannte Bekleidungsgeschäft in Schalke aufgebaut. Die Söhne des Ehepaars Isidor und Recha Goldblum, geborene Katzenstein führten das Geschäft, bis sie 1935 und 1937 vor den Nazis in die USA flüchten konnten. Das Geschäft der Familie Goldblum "übernahm" ein "arischer" Deutscher. Den Eltern gelang erst nach der so genannten "Reichskristallnacht" im November 1938 mit der Tochter die Flucht in die USA.
"Ich kann mich gut an jüdische Geschäfte in Schalke erinnern, an Jampel, an Katzenstein, an das Kaufhaus am Schalker Markt, dass dann Szepan "übernahm", an die kleinen Geschäfte an der Gewerkenstraße. Da gab es den Herrn Blitz, der war Jude. Als Hausierer ging er mit Bett- und Tischwäsche in Schalke von Tür zu Tür. Einmal ließ er meiner Mutter eine Tischdecke da, obwohl sie kein Geld hatte. Herr Blitz kam dann alle 10 Tage und holte den Kaufpreis in kleinen Raten ab. Auch der nette Herr Blitz war eines Tages plötzlich verschwunden" erinnert sich Frau Sontopski nachdenklich. "Dieser Kleiderbügel hat mich Zeit meines Lebens an das Unrecht erinnert, dass den jüdischen Menschen in Gelsenkirchen und anderswo angetan wurde. Wenn ich nicht mehr bin, soll er nicht einfach "entsorgt" werden. Es ist ja nicht nur ein alter Kleiderbügel" sagt uns Anita Sontopski zum Abschied.
Zum Leidensweg des Ehepaar Blitz fanden wir anschließend heraus: Der aus Galizien stammende Hermann Hersch Blitz wurde am 22. November 1939 in Gelsenkirchen verhaftet und in das KZ Sachsenhausen eingewiesen, wo er am 26. Januar 1940 ermordet wurde. Sein Leichnam wurde eingeäschert, eine Urne an seine Frau gegen Gebühr übersandt. Die Urne wurde auf dem jüdischen Friedhof in Ückendorf bestattet. Seine Frau Cilli wurde am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen in das Ghetto Riga und weiter in das KZ Riga-Kaiserwald und von von dort in das KZ Stutthof bei Danzig verschleppt. Cilli Blitz wurde schließlich im KZ Stutthof ermordet.
Holocaust-Gedenktag 2012 - Woche der Erinnerung in Gelsenkirchen
1. Dezember 2011. Der Internationale Holocaust-Gedenktag, der am 27. Januar europaweit begangen wird, erinnert an alle Menschen, die Opfer des nationalsozialistischen Rassen- und Größenwahns geworden sind. An diesem Tag wurden auch die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee befreit. Allein in der Mordfabrik Auschwitz starben etwa 1,5 Millionen Menschen auf grausamste Weise. Auschwitz, der deutsche Name eines kleinen Ortes in Südpolen, ist weltweit zum Synonym für die Mordpolitik der Nazis geworden.
Gedenken zum 70. Jahrestag der Deportation nach Riga
Im Januar wird in Gelsenkirchen vom 20.-27. Januar 2012 eine "Woche der Erinnerung" zum Internationalen Holocaust-Gedenktag stattfinden. Die Gedenkwoche mahnt zur Erinnerung an den 70. Jahrestag der so genannten "Wannseekonferenz" (20.1.) und den 70. Jahrestag des Deportations-transportes von Menschen jüdischer Herkunft aus Gelsenkirchen in das Ghetto Riga (27.1.), nur die wenigsten der verschleppten Menschen überlebten. Die in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine werden mit in die Gedenkveranstaltungen einbezogen - wie auch die im Rahmen des Projektes "Erinnerungsorte" aufgestellten Gedenktafeln, die an Verbrechen im so genannten "Dritten Reich" erinnern.
Zum Auftakt der "Woche der Erinnerung" zeigt der gemeinnützige Verein Gelsenzentrum am 19. Januar 2012 im Kulturzentrum "die flora" in Gelsenkirchen den Film "Nacht und Nebel" von Alain Resnais. Hartmut Hering wird an diesem Abend einen einführenden Vortrag halten. Am 26. Januar wird ab 19 Uhr in der "flora" der Videomitschnitt eines zeitzeugenschaftlichen Vortrages von Rolf Abrahamsohn gezeigt.
Der 86jährige Überlebende des Holocaust spricht über seine Gewalterfahrungen in den KZ der Nazis. Titel des Films: "Alles weiß ich noch... und das ist das Schlimme an der Geschichte". mehr...
Der Eintritt zu beiden Veranstaltungen ist frei. Es wird um eine Spende für das Projekt "Stolpersteine Gelsenkirchen - Gemeinsam gegen das Vergessen" gebeten.
NS-Zeit: Juden im Umfeld des FC Schalke 04 - Stolpersteine sollen erinnern
13. November 2011. Den jüdischen Förderern, Funktionären und Spielern des FC Schalke 04, die in der NS-Zeit zu Opfern des Terrorregimes geworden sind, sollen Stolpersteine gewidmet werden. Die Projektgruppe Stolpersteine hat bereits Ende Januar 2011 beim Verein angefragt, ob man dort die Patenschaften für Stolpersteine übernehmen will, die den jüdischen Förderern, Funktionären und Spielern des FC Schalke 04 gewidmet werden, die in der NS-Zeit zu Opfern des Terrorregimes geworden sind. Ein erstes Gespräch zwischen der Geschäftsführung des Vereins und der Projekt-gruppe Stolpersteine Gelsenkirchen fand im Juni 2011 statt. Eine abschließende Antwort des FC Schalke 04 steht derzeit noch aus.
Als der DFB (Deutscher Fußball Bund) im April 1933 den Ausschluss von Juden als Trainer und Funktionäre aus den Vereinen beschloss, "verabschiedete" der FC Schalke 04 ganz im Sinne der neuen Machthaber seinen 2. Vorsitzenden, den jüdischen Zahnarzt Dr. Paul Eichengrün ebenso wie den Leiter des Presseauschusses, Franz Nathan und andere "nichtarische" Funktionsträger. 1935 wurden dann auch die letzten jüdischen Mitglieder und Spieler aus dem Verein ausgeschlossen, sofern sie ihn bis dahin nicht bereits "freiwillig" verlassen hatten. Leopold "Leo" Jacobs spielte in einer der Juniorenmannschaften des FC Schalke. Er wurde im Januar 1942 nach Riga verschleppt, überlebte die KZ der Nazis und kehrte nach seiner Befreiung 1945 zunächst in seine Heimatstadt Gelsenkirchen zurück.
Nur allzu bereitwillig ließen sich auch der FC Schalke und seine Spieler ab 1933 auf das Unrechtsregime ein und profitierten dadurch auf vielfältige Art und Weise von den sich daraus ergebenden Vorteilen. So "kaufte" Fritz Szepan im November 1938 das Kaufhaus Rhode & Schwarz in Gelsenkirchen-Schalke zu einem außerordentlich günstigen Preis. Die so genannte "Arisierung" fand Eingang in die Stadtchronik, unter dem 5. November 1938 heißt es dort: "Das bisherige jüdische Kaufhaus Julius Rode & Co. ist in arische Hände übergegangen. Es wird geführt von Fritz Szepan, dem Schalker Mittelstürmer, der ein Spezialgeschäft für Textilwaren in den Verkaufsräumen eingerichtet hat."
Die ehemaligen jüdischen Inhaber des Kaufhauses am Schalker Markt, Sally Meyer und Julie Lichtmann, zum Verkauf gezwungen, wurden im Januar 1942 nach Riga deportiert und ermordet. Der Schalker Spieler Hermann Koriath konnte das Haus Margaretenstrasse 6 aus dem Besitz des jüdischen Bauunternehmers Max Ferse günstig "erwerben". Max Ferse und seine Frau Antonie wurden 1942 in das Ghetto Riga verschleppt und dort ermordet.
Auch die frühen Förderer und Unterstützer des FC Schalke 04 jüdischer Herkunft waren der Diskriminierung und Verfolgung durch die Nazis ausgesetzt. So wurden beispielsweise der Metzgermeister August Kahn zusammen mit seiner Frau im Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert und dort am 11. Oktober 1944 ermordet, seine Frau starb bereits am 4. September 1942 in Theresienstadt, angeblich an Lungenentzündung. Der Metzgermeister Leopold Sauer wurde im Januar 1942 zusammen mit seiner Frau in das Ghetto Riga deportiert und im März 1945 in Rieben, einem Außenlager des KZ Stutthof, ermordet. Seine Frau Auguste wurde im Dezember 1944 im KZ Stutthof ermordet. Die Schwiegereltern des ehemaligen 2. Vorsitzenden Paul Eichengrün, Josef und Ida Schloßstein, wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert. Joseph starb im Ghetto Theresienstadt, Ida Schloßstein wurde weiter in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort ermordet. Die Recherchen zu den jüdischen Mitgliedern und Unterstützern Familie Goldblum, Siegmund Katzenstein, Dr. Fritz Levisohn (später Lenig), Arthur Herz und Ernst Alexander, die ebenfals mit dem FC Schalke 04 verbunden waren, sind noch nicht abgeschlossen.
Erinnerung an die "Nacht der Schande"
10. November 2011. Ihren Auftakt nahm die Gedenkveranstaltung anlässlich des 73. Jahrestages der so genannten "Reichskristall-nacht" an einem der Erinnerungsorte in Gelsenkirchen - die Erinnerungsorte sind ein Projekt der "Demokratischen Initiative" - am Südeingang des Hauptbahnhofs. Hier erinnert eine Tafel an die in der NS-Zeit aus Gelsenkirchen verschleppten und zum überwiegenden Teil ermordeten jüdischen Kinder und Jugendlichen.
Professor Dr. Stefan Goch vom Institut für Stadtgeschichte betonte in seiner Ansprache, dass man auch in Zukunft weitere "Erinnerungsorte" errichten werde. Die Route des anschließenden Marsches "Gegen Hass und Gewalt" der "Demokratischen Initiative" zum Gedenken an die Opfer der so genannten "Reichskristallnacht" sorgte bei einigen TeilnehmerInnen für Verwunderung. Fast konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Veranstalter mit der gewählten Marschroute den im Bereich der Gelsenkirchener Innenstadt verlegten Stolpersteinen, die dort an das Leben, die Verfolgung und die Ermordung jüdischer Menschen erinnern, ausweichen wollten.
Nach einem Halt an der Grasreiner/Klosterstraße, dort hielt Oberbürgermeister Baranowski eine Gedenkrede, ging es weiter zur Begegnungsstätte "Alter Betsaal" der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen an der Von-Der-Recke-Straße 9. Auch den vor dem gegenüberliegenden Haus verlegten Stolpersteinen, die an das von den Nazis ermordete jüdische Ehepaar Wollenberg erinnern, schenkte jedoch keiner der TeilnehmerInnen Beachtung. "Die Stolpersteine erinnern an Orte jüdischen Lebens, sie erinnern an Menschen, die Gewalt und Hass in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 miterleben mussten, an Menschen, die in den Jahren danach zu Opfern der bis ins letzte Detail durchgeplanten NS-Vernichtungsmaschinerie wurden. Das Verhalten der Verantwortlichen kann ich nicht nachvollziehen" sagte ein Sprecher der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen.
Dagegen hatte Oberbürgermeister Baranowski noch in seiner Begrüßungsansprache am 1. August 2011 anlässlich der Stolpersteinverlegungen an der Bismarckstrasse gesagt: "(...) Wir wissen, dass das 'sich Erinnern' an die Opfer des Nationalsozialismus in Gelsenkirchen eine Tradition hat. Es ist Tradition, dass wir uns jedes Jahr versammeln zum Tag der "Reichsprogromnacht". Wir haben in dieser Stadt eine Geschichte, Orte der Erinnerung wach zu halten und wir erinnern uns durch Stolpersteine an die Opfer des Nationalsozialismus. (...)" Zitat Ende. Bereits im Vorfeld der Gedenkveranstaltung zum 9. November hatte die Stolpersteininitiative öffentlich ihr Befremden darüber zum Ausdruck gebracht, dass die in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine nicht in die "offizielle" Veranstaltung der Stadt einbezogen werden. Auf die Frage nach dem "Warum" wollten am Abend weder Oberbürgermeister Baranowski in seiner Eigenschaft als Schirmherr der veranstaltenden "Demokratischen Initiative" noch Judith Neuwald-Tasbach, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, eine Antwort geben.
9. November 2011 - Gedenken an die Pogrome in der "Reichskristallnacht"
Abb.: Stolpersteine in der Gelsenkirchener Kolpingstrasse
2. November 2011. Am 9. November 2011 jährt sich zum 73. Mal die so genannte "Reichskristallnacht". Die Ereignisse in dieser Nacht markierten einen weiteren Höhepunkt der stetig zunehmenden Diskriminierung der Juden im Alltag. Auch in Gelsenkirchen brannten in der Nacht vom 9. auf den 10. November Synagogen und Geschäfte, waren Menschen jüdischer Herkunft brutaler Gewalt ausgesetzt, wurden erniedrigt, gedemütigt, vergewaltigt, verhaftet und verschleppt. Wie viele von ihnen später an den Folgen der erlittenen Misshandlungen oder den Haftfolgen starben, ist heute nicht mehr feststellbar.
In unserer Stadt erinnern 28 von 41 bisher verlegten Stolpersteinen an die Leidenswege und die Ermordung jüdischer Menschen durch das NS-Regime. "Jeder dieser 28 Stolpersteine erinnert an einen Menschen, der auch von den Angriffen gegen Leib und Leben in der Pogromnacht betroffen war. Wir hätten uns gewünscht, dass die Stolpersteine mit in die offizielle Gedenkveranstaltung der Stadt Gelsenkirchen einbezogen worden wären, führt doch die Wegstrecke des von der "Demokratischen Initiative" geplanten Schweigegangs auch an einigen Stolpersteinen vorbei" so die Projektleiterin der Stolpersteine Gelsenkirchen, und weiter: "Wir rufen Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger auf, an den im Stadtgebiet verlegten Stolpersteinen am Abend des 9. November Kerzen aufzustellen und zu entzünden".
Von den Gelsenkirchener Juden, die den 9. November 1938 miterleben mussten, haben die wenigsten den Holocaust überlebt. Die Leidenswege der hochbetagten Überlebenden der NS-Vernichtungsmaschinerie, die heute weltweit verstreut leben, sollen am 9. November im Mittelpunkt unseres Gedenkens stehen. "Die zum Leben Verurteilten sind die wahren Opfer des Holocaust. Die Toten sind schon zur Ruhe gekommen" sagte einst die Holocaust-Überlebende Batja Gurfinkel, "Der Schmerz wird mit den Jahren nicht weniger, eher stärker."
Presse- und Medienmitteilung der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen vom 2. November 2011
Nur wenige Teilnehmer bei Gedenkveranstaltung
Abb.: Nur wenige Menschen nutzten die Chance, den jüdischen Opfern des NS-Terrors ein ehrendes Andenken zu erweisen. Die Stolpersteine in der Kolpingstrasse erinnern an Fritz und Grete Goldschmidt, geb. Löwenstein und an Mathilde Wertheim, geb. Goldschmidt.
29. Oktober 2011. Die örtliche Stolperstein-Initiative erinnerte gestern Abend zum Abschluss der diesjährigen Stolperstein-Putzaktion in der Gelsenkirchener Kolpingstrasse an die so genannte "Polenaktion" , einer großangelegten Ausweisungsaktion von so genannten "Ostjuden" aus dem deutschen Reichsgebiet, von der am 28. Oktober 1938 rund 17.000 Juden jeden Alters betroffen waren, daruter rund 80 Menschen jüdischer Herkunft aus Gelsenkirchen. Diese Ausweisungsaktion der Nazis war der Auftakt zur Vernichtung der europäischen Juden.
Der heute in den USA lebende Herman Neudorf ist der einzige Gelsenkirchener Jude, der von der Ausweisungsaktion noch aus eigenem Erleben berichten kann. Seine Gedanken zum 28. Oktober wurden gestern an der Kolpingstrasse von Heike Jordan, die als Projektleiterin die Stolperstein-Initiative in Gelsenkirchen ehrenamtlich betreut, verlesen:
Abb.: Herman Neudorf
"An einem trüben Herbsttag nahm meine Kindheit ein tragisches Ende. Es war der 28. Oktober 1938, ich war damals 13 Jahre alt. Ich hatte mich grade umgezogen und trug meinen Turnanzug, die übliche Turnstunde am Freitag stand bevor, als plötzlich ein Polizist in unsere Klasse am Realprogymnasium in Gelsenkirchen-Horst kam. Vor meinen überraschten Mitschülern befahl er mir in barschem Ton, mit ihm zu kommen. Ich traute mich nicht, den Mund aufzumachen, ich konnte mich nicht einmal mehr umziehen. Völlig verängstigt, verwirrt und frierend folgte ich ihm zum Polizeigefängnis am Horster Stern. Dort sperrte man mich in eine Zelle, in der sich schon meine Mutter und andere Juden befanden.
Sie alle waren völlig betäubt und erschrocken. Am Abend wurden wir von Polizisten zum Bahnhof gebracht und mußten in einen wartenden Zug einsteigen, niemand sagte uns, wo die Fahrt hingehen sollte. Später fanden wir heraus, dass man uns an die polnische Grenze in die Nähe eines Ortes Namens Bentschen gebracht hatte. Nachdem der Zug angehalten hatte, warf man uns hinaus und wir standen mitten im Niemandsland an der deutsch-polnischen Grenze.
Aus den Gesprächen der deutschen Grenzer mit den Polen entnahmen wir, das wir nicht als Deutsche galten, obwohl viele von uns in Deutschland geboren waren. Da mein Vater in Polen geboren wurde, sah man seine ganze Familie als polnische Staatsangehörige an, obwohl meine Mutter in Herford und ich in Gelsenkirchen geboren worden war. Zwei schreckliche Tage folgten, ich bekam eine beidseitige Lungenentzündung. Meine hilflose und verzweifelte Mutter pflegte mich, so gut sie konnte. Glücklicherweise konnte Mutter Kontakt mit der Familie meines Vaters in Lodz aufnehmen, sie schickten uns Bahnfahrkarten, so konnten wir zu ihnen fahren. Dort erholte ich mich langsam von meiner Krankheit, dank Mutters liebevoller Pflege und der Hilfe eines Arztes.
Zwei Wochen später fand dann in Deutschland die "Kristallnacht" statt. Unser Geschäft und unsere Wohnung an der Markenstraße 19 in Gelsenkirchen-Horst wurden völlig zerstört, wir hatten alles verloren. Diese Odysee in die Hölle, die am 28. Oktober 1938 für mich als 13jähriger begann, endete auf wundersame Weise im April 1945, als ich ausgemergelt und dem Tode nahe während eines Todesmarsches von amerikanischen Soldaten befreit wurde. Meine Eltern und alle meine Angehörigen waren tot, ermordet vom Nazi-Regime".
Friedensbewegter eröffnet Sammlung für Patenschaft (IV)
28. Oktober 2011. Auf der Veranstaltung zum Antikriegstag in Gelsenkirchen eröffnete Andreas Löbert mit der ersten Spende eine Sammel-Patenschaft für einen Stolperstein. Heute, am 28. Oktober 2011, dem Jahrestag der so genannten "Polenaktion", ist die Summe von 120 Euro für eine Patenschaft erreicht.
Stolperstein-Putzaktion endet mit Gedenkveranstaltung
Foto: Stolpersteine in Gelsenkirchen werden geputzt
24. Oktober 2011. Mit der Stolperstein-Putzaktion, die am Freitag den 28. Oktober um 18:00 Uhr an der Kolpingstrasse an den dort verlegten Stolpersteinen mit einer kleinen Gedenkveranstaltung ihren Abschluss findet, soll auch in diesem Jahr an die Opfer der so genannten “Polen-Aktion” erinnert werden. Bei der von den National-sozialisten als “Polen-Aktion” bezeichneten Abschiebung wurden am 28. Oktober 1938 deutschlandweit mehr als 17.000 Juden in das deutsch-polnische Grenzgebiet verschleppt. In Gelsenkirchen waren 80 Juden von der Austreibungsaktion betroffen. Diese Diskriminierungsmaßnahme des NS-Regimes stellte ein ersten Höhepunkt der physischen Verfolgung der jüdischen Minderheit dar und war der Auftakt zur Vernichtung der europäischen Juden.
Etwa eine Woche nach der Ausweisung seiner Eltern im Rahmen der so genannten “Polen-Aktion” erschoss der 17jährige Herschel Feibel Grynszpan aus Verzweiflung darüber und um die Welt aufzurütteln einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris. Diese Tat nahmen die Nationalsozialisten bekanntermaßen zum Anlaß, um die Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu initiieren. Vor dem Hintergrund der antijüdischen Novemberpogrome 1938 sind die Vorgänge um diese bis dato größte Ausweisungsaktion in der deutschen Geschichte fast völlig vergessen. Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen ruft zur Teilnahme an der Gedenkveranstaltung auf.
Stolperstein soll an Peter August Blandenier erinnern
Foto: Peter August Blandenier
20. Oktober 2011. Peter August Blandenier wurde am 19. November 1905 in Gelsenkirchen geboren. Im Oktober 1938 legte er in Asparn a.d. Zaya in Niederösterreich sein Gelübde als Minoritenfrater ab. Schon bald schloss sich Blandenier der legitimistischen Widerstandsgruppe "Hebra" an. Am 31. Mai 1939 wurde er von der Gestapo wegen Verdachts der "Vorbereitung zum Hochverrat" festgenommen. Nach Entlassung aus der "Schutzhaft" am 20. Dezember 1939 und der Einstellung des Ermittlungsverfahrens wurde er am 4. März 1940 wegen legitimistischer Betätigung erneut verhaftet. Blandenier wurde schließlich in das KZ Dachau überstellt, wo er am 20. April 1941 starb. In seiner Geburtstadt Gelsenkirchen soll bald ein Stolperstein an den Märtyrer Peter August Blandenier erinnern.
Friedensbewegter eröffnet Sammlung für Patenschaft (III)
15. Oktober 2011. Auf der Veranstaltung zum Antikriegstag in Gelsenkirchen eröffnete Andreas Löbert mit der ersten Spende eine Sammel-Patenschaft für einen Stolperstein. Eine weitere Spende von Joseph P. Krause und Richard Weishuhn ist eingegangen. Beteiligt euch, so sind die 120 Euro für den Stolperstein schnell zusammen!
14. Oktober 2011. Eigentlich wollten Mitglieder der Projektgruppe heute lediglich Fotos für die diesjährige Putzaktion der Stolpersteine machen. Plötzlich sahen sie sich von Kindern umringt. Die Mädchen und Jungen der Klasse 5c der Gesamtschule Berger Feld, die heute Mittag ebenfalls im Nordsternpark unterwegs waren, beteiligten sich spontan an der Säuberung des dort verlegten Stolpersteins für den belgischen Zwangsarbeiter Charles Ganty. Die Kinder erfragten dabei ganz genau den Hintergrund und Sinn des Projektes Stolpersteine und Einzelheiten zum Verfolgungschicksal von Charles Ganty. "Man soll mit dem Kopf und dem Herzen darüber stolpern - nicht mit den Füßen. Diese Steine sind oftmals das einzige, was noch an die ermordeten Menschen erinnert" erklärte Heike Jordan, ehrenamtliche Projektmitarbeiterin. Einhelliger Wunsch der Kinder: "Wir wollen auch einen Stolperstein spenden."
Die Bürste ging von Hand zu Hand, jeder wollte bei der Reinigung mitmachen. Gemeinsam reinigten und polierten die Mädchen und Jungen den Stolperstein, der schon nach kurzer Zeit wieder glänzte. "Jetzt kann man wieder darüber stolpern" sagte eines der Mädchen nachdenklich.
Fotos: Andreas Jordan
Friedensbewegter eröffnet Sammlung für Patenschaft (II)
30. September 2011. Auf der Veranstaltung zum Antikriegstag in Gelsenkirchen eröffnete Andreas Löbert mit der ersten Spende eine Sammel-Patenschaft für einen Stolperstein. Eine weitere Spende von Karl-Heinz Klaiber ist eingegangen. Beteiligt euch, so sind die 120 Euro für den Stolperstein schnell zusammen!
Werbeanzeige von 1927 der Firma Fisch-Engros I. Isacson, Gelsenkirchen, Ringstrasse 4.
28. September 2011. Die Patenschaft für die beiden Stolpersteine hat Else Rogalla (82) übernommen. Ihre Mutter, eine geborene Fastabend, war als junge Frau viele Jahre als Haushälterin bei der Familie Isacson angestellt - sie nahm sogar 1921 an der Hochzeit von Betty Isacson und Leo Gompertz in Gelsenkirchen teil. Für Else Rogalla war es ein lange gehegter Herzenswunsch, dass in Gelsenkirchen an das jüdische Ehepaar Isacson, das von den Nazis im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde, erinnert wird.
Stolpersteine: Wattenscheider Maria Sybilla Merian-Gesamtschule engagiert sich
Foto: Stolpersteine für Albert, Irma und Gerd Kaufmann
20. September 2011. In Wattenscheid finden sich bereits zahlreiche Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig. An der Vödestraße 63 verlegte Demnig am Montag weitere drei Stolpersteine, die jetzt an die jüdische Familie Kaufmann erinnern.
Die Recherchen der Biografien und der Leidenswege haben Schülerinnen und Schüler (8c) der Maria Sibylla Merian-Gesamtschule mit ihrer Lehrerin Dr. Andrea Kleffmann geleistet. Die aus Wattenscheid stammende Familie Albert, Irma, Günther, Elfriede und Gerd Kaufmann hatte zunächst ihren Lebensmittelpunkt in Wattenscheid, dort wurden auch die Kinder des Ehepaares geboren. Die Familie ging 1934 nach Gelsenkirchen, wohnte hier zunächst an der Bismarckstrasse 64, ab 1935 an der Johannesstrasse 16. Günther gelang 1938 die Flucht nach Palästina. Die übrigen Familienmitglieder werden im Januar 1942 von Gelsenkirchen nach zunächst Riga verschleppt und später in verschiedenen Lagern von den Nazis ermordet. Einzig Elfriede, in der Familie liebevoll Friedel genannt, überlebt den Holocaust. Sie lebt heute unter dem Namen Friedel Magun in Mexiko-City.
Zwei weitere Stolpersteine verlegte Gunter Demnig an der Hüller Straße 2. Dort wohnten einst Isaak und Emma Salomon. Auch diese Biografien haben die Schülerinnen und Schüler der Merian-Gesamtschule recherchiert, unterstützt von Lehrerin Monika Willkowski und Stadtarchiv-Mitarbeiter Andreas Halwer. Die Kosten für die Patenschaften hat die Maria Sibylla Merian-Gesamtschule übernommen. Das jüdische Ehepaar Salomon betrieb ein Bekleidungsgeschäft am heutigen August-Bebel-Platz. Sie flohen vor den Nazis 1939 in die Niederlande, wurden dort aber von der NS-Mordmaschinerie eingeholt, verhaftet und im Lager Westerbork interniert. Von Westerbork wurde das Ehepaar Salomon in das Vernichtungslager Sobibor verschleppt und dort in der Gaskammer ermordet.
Die Maria Sybilla Merian-Gesamtschule mit Schulleiter Martin Breuer engagiert sich bereits seit Jahren in beispielhafter Weise für das mittlerweile größte dezentrale Mahnmal der Welt - Gunter Demnigs Stolpersteine gegen das Vergessen.
Ein Name kehrt zurück - Stolperstein für Friedrich Wessel
Der Stolperstein für Friederich Wessel. Foto: Heike Jordan
19. September 2011. Die dürren Angaben in den Akten der NS-Verfolgungsbehörden zeichnen dem ersten Anschein nach eine kriminellen Karriere auf, die aber in Wirklichkeit eine Opferkarriere war, denn Friederich Wessel wurde allein wegen seiner Homosexualität verfolgt und ermordet.
Im KZ Buchenwald haben ihn die Nazis zur Nummer degradiert. Haben ihn gedemütigt, kahlgeschoren und entpersönlicht, in gestreifte Einheitskleidung gesteckt, mit einem Rosa Winkel als äußerlich sichtbares Zeichen seiner Homosexualität gekennzeichnet. Ständig war er der Willkür und der brutalen Folter seiner Bewacher ausgeliefert, ständig vom Tod bedroht. Als Nummer wurde er schließlich von den Nazis ermordet - in den NS-Akten wird daraus "auf der Flucht erschossen". Heute gab Gunter Demnig dem in Ückendorf geborene Plakatmaler Friederich Wessel mit der Verlegung eines Stolpersteins an der Sedanstrasse 7 in Bochum-Wattenscheid seinen Namen zurück.
"Eine andere als die oben erwähnte Gewalteinwirkung ist mit Sicherheit auszuschließen"
14. September 2011. In Wattenscheid wird am 19. September 2011 der erste Stolperstein für einen wegen seiner Homosexualität im "Dritten Reich" verfolgten und ermordeten Mann verlegt. An der Sedanstrasse 7 erinnert dann ein Stolperstein an Friedrich Wessel.
Foto: "Geldkarte" aus dem KZ Buchenwald, ausgestellt für Friederich Wessel. "Von Friedrich Wessel konnten kein Foto, kein persönliches Schriftstück, kein Brief und andere Dinge aus seinem Besitz gefunden werden. Allerdings existiert ein einziges Dokument aus dem KZ Buchenwald, auf dem handschriftlich der Name zu lesen ist. Das ist die einzige persönliche Hinterlassenschaft von Friedrich Wessel." schreibt Jürgen Wenke in seiner Dokumentation.
"Eine andere als die oben erwähnte Gewalteinwirkung ist mit Sicherheit auszuschließen" - mit diesem Satz schließt ein Dokument, in dem der Lagerarzt des KZ Buchenwald, Waldemar Hoven, detailliert die Schußverletzungen dokumetierte, die Friederich Wessel bei seinem angeblichen Fluchtversuch aus dem KZ Buchenwald erlitt. Den Lebens- und Leidensweg von Friedrich Wessel hat Jürgen Wenke in einer Dokumentation zusammengefasst, die Friedrich Wessel, seine Herkunftsfamilie und die Umstände seiner Ermordung in den Mittelpunkt stellt. Mit freundlicher Genehmigung steht die Dokumentation von Jürgen Wenke "Eine andere als die oben erwähnte Gewalteinwirkung ist mit Sicherheit auszuschließen" hier als PDF-Datei zum Download bereit.
Stolpersteine in Gelsenkirchen sollen am 28. Oktober 2011 geputzt werden
13. September 2011. Die Projektgruppe Stolpersteine lädt zur Putzaktion ein: Die 41 bisher in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine sollen am 28. Oktober 2011 geputzt werden. Dieser Termin ist nicht willkürlich gewählt worden, mit der Putzaktion soll an die so genannte "Polenaktion" - die Massenvertreibung von Juden aus dem "Reichsgebiet" am 28. Oktober 1938 - erinnert werden.
Mehr als 80 Juden mit polnischer Staatsange-hörigkeit allein aus Gelsenkirchen wurden am 28. Oktober vor 73 Jahren gewaltsam aus ihrem Alltag gerissen und mit Massentransporten an die polnische Grenze verschleppt. Deutschlandweit waren es über 17.0000 jüdische Bürger, die von dieser Vertreibungsaktion betroffen waren. Diese Maßnahme des NS-Regimes gegenüber den so genannten "Ostjuden" stellte einen ersten Höhepunkt der physischen und staatlich organisierten Verfolgung jüdischer Menschen dar und war der eigentliche Auftakt zur geplanten Vernichtung der europäischen Juden.
Etwa eine Woche nach der Vertreibung seiner Eltern im Rahmen der "Polen-Aktion" erschoss der 17jährige Herschel Feibel Grynszpan aus Verzweiflung darüber in Paris einen Mitarbeiter der deutschen Botschaft. Dieses Attentat nahmen die Nazis bekanntermaßen zum Anlass, um die Pogrome (sogenannte "Reichskristallnacht") in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland zu initiieren. Mit einer kleinen Gedenkveranstaltung, zu der die Projektgruppe Stolpersteine herzlich einlädt, findet die Putzaktion an den in der Kolpingstrasse verlegten Stolpersteinen am Abend des 28. Oktober 2011 um 18:00 Uhr ihren Abschluss.
Beteiligung von Schulklassen
Die Putzaktion der Stolpersteine stellt auch eine pädogisch wertvolle Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit der NS-Terrorherrschaft für Schulklassen dar. Beteiligte Schülerinnen und Schüler finden so bereits im Vorfeld über die Biografien und Leidenswege der ermordeten Menschen einen ganz direkten Zugang zur lokalen NS-Geschichte. Für die Putzaktion 2011 sind Helferinnen und Helfer herzlich willkommen! Interessierte wenden sich bitte bis zum 25. Oktober 2011 an die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen unter Telefon: 0209-9994676 oder per Email an: Heike Jordan
Arthur Herrmann: Im KZ zu Tode geschunden
8. September 2011. Günter Demnigs Stolpersteine erinnern an alle Opfer des Naziregimes: An Juden als größte Opfergruppe, an die Vertreibung und Vernichtung der Sinti und Roma, an die Opfer politischer und religiöser Verfolgung wie die Zeugen Jehovas, an Opfer der NS-Krankenmorde ("Euthanasie") und an die Verfolgung Homosexueller. Bei der nächsten Verlegeaktion wird ein Stolperstein für Arthur Herrmann verlegt. Das ist dann der erste Stolperstein in Gelsenkirchen, der an einen wegen seiner Homosexualität verfolgten Mann erinnert.
Arthur Herrmann wurde als Homosexueller in so genannt "Schutzhaft" genommen, im KZ Buchenwald mit dem "Rosa Winkel" erniedrigt und dort zu Tode geschunden. Am letzten Wohnort von Arthur Herrmann an der Cranger Strasse 185 wird der Stolperstein im Herbst nächsten Jahres in das Gehwegpflaster eingefügt. Bereits am 19. September 2011 wird in Wattenscheid an der Sedanstrasse 7 ein Stolperstein für den aus Gelsenkirchen stammenden Friederich Wessel verlegt, der wegen seiner Homosexuallität im KZ Buchenwald ermordet wurde.
Auf der Suche nach Männern aus dem Ruhrgebiet, die wegen ihrer Homosexualität Opfer der NS-Verfolgung geworden sind, recherchierte der Bochumer Diplom-Psychologe Jürgen Wenke in den Archiven der Gedenkstätte Buchenwald. Dabei stieß er dort auch auf den Leidensweg von Arthur Herrmann. Die Patenschaft für den Stolperstein, der in Gelsenkirchen bald an Arthur Herrmann erinnern wird, übernimmt die "Rosa Strippe" - Beratungsstelle für Schwule und Lesben in Bochum.
Friedensbewegter eröffnet Sammlung für Patenschaft (I)
3. September 2011. Auf der Veranstaltung zum Antikriegstag in Gelsenkirchen eröffnete Andreas Löbert mit der ersten Spende eine Sammel-Patenschaft für einen Stolperstein. Beteiligt euch, so sind die 120 Euro für den Stolperstein schnell zusammen!
2. September 2011. Gunter Demnig teilt mit: (...) Wir haben den Preis für die Steine 10 Jahre stabil gehalten und wurden immer wieder gefragt: Wie macht ihr das eigentlich? Aber die Preise sind in dieser Zeit zum Teil erheblich gestiegen: für Messing allein um 100%; die Fahrtkosten schlagen höher zu Buche; das HelferTeam ist größer geworden; ... Deshalb müssen wir auch den Preis für Patenschaften anheben. Ab Januar 2012 werden für jeden STOLPERSTEIN 120 € berechnet. Wir bitten um Verständnis und dementsprechende Informationen an die Paten.
Ein Stolperstein für Hermann Neudorf
Foto: Familie Neudorf im Jahre 1928
1. September 2011. Simon Neudorf wurde im KZ Sachsenhausen ermordet, Frieda Neudorf bei Auflösung des KZ Kaiserwald in Riga von den Nazis erschossen. Die ersten Stolpersteine in Gelsen-kirchen wurden im Sommer 2009 in Erinnerung an das Ehepaar Neudorf an der Markenstrasse 19 im Ortsteil Horst verlegt. Hermann, einziger Sohn des Ehepaars Neudorf, überlebte die Schreckensherrschaft der Nazis. Symbolisch wird die Familie wieder "zusammengeführt" - ein Stolperstein wird in Horst bald auch an den Leidensweg von Hermann Neudorf erinnern. Geboren 1925 in Horst-Emscher, verbrachte Hermann Neudorf seine Kindheit in der damals noch selbstständigen Landgemeinde Horst-Emscher, die im Rahmen der kommunalen Neuordnung seit 1928 zu Gelsenkirchen gehört. Heute lebt er in den USA und ist noch immer auf vielfältiger Weise mit seiner Heimatstadt Gelsenkirchen verbunden. Die Verlegung des Stolpersteins für Hermann Neudorf soll im Herbst 2012 stattfinden.
21. August 2011. Vier Stolpersteine verlegte die Gelsenkirchener Stolperstein-Initiative am Samstag. Die kleinen Mahnmale erinnern jetzt im Stadtgebiet an die wegen ihres Glaubens verfogten Zeugen Jehovas Robert Mäusert und Wilhelm Gorny, an Astrid Steiner, die an den Folgen der Unterbringung in der NS-Psychatrie starb und an den Widerständler Andreas Schillack junior.
Stolpersteinverlegung Im Bahnwinkel
Mit dichtem Buschwerk ist das Grundstück Im Bahnwinkel 10 bewachsen. Nichts erinnert mehr an das Haus, dass dort einst stand, nichts an Robert Mäusert, der hier mit seiner Familie gelebt hat. Das ist seit heute anders. Im Bahnwinkel versammelten sich am Samstag Morgen mehr als 50 Menschen, um der Verlegung eines Stolpersteins für den als Zeugen Jehovas in der NS-Zeit verfolgten Robert Mäusert teilzunehmen. Bereits kurz nach der Machtübergabe 1933 an die Nazis war das Ehepaar Mäusert der Verfolgung durch die Gestapo ausgesetzt.
Hintergrund war das frühe Bekenntnis von Robert und Frieda Mäusert zu den Zeugen Jehovas. Bei den Nazis galten Zeugen Jehovas als "Staatsfeinde" - sie verweigerten unter anderem den Hitlergruß und auch den Kriegsdienst. Nach Verurteilungen und Haft wurde Robert Mäusert schließlich im Oktober 1937 in das KZ Buchenwald überstellt. Sein Leidensweg führte in der Folgezeit durch weitere Konzentrationslager. Nach seiner Befreiung aus dem KZ Ravensbrück Ende April 1945 war Robert Mäusert so geschwächt, dass er am 8. Mai 1945 an den Folgen der erlittenen KZ-Haft starb. Herbert Thomas von der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas erinnerte in seinem Redebeitrag den Leidensweg von Robert Mäusert. Auch Lothar Jendrny, ein Enkel von Robert Mäusert, nahm an der Verlegung des Stolpersteins teil, der seit heute Im Bahnwinkel 10 an seinen Großvater erinnert.
Stolpersteinverlegung Polsumer Strasse
Astrid Steiners 9. Geburtstag war der letzte, der im Kreis ihrer Lieben im Elternhaus an der Polsumer Strasse 158 gefeiert wurde. Die kleine Mädchen hatte das Down-Syndrom, in der menschenverachtenden Sprache der Nazis "Mongoloide Idiotie" genannt. In den Augen der Nazis hatte Astrid Steiner "kein Recht auf Leben", wurde nach der NS-Rassenideologie als "lebensunwert" klassifiziert. Astrid Steiner wurde schließlich im Frühjahr 1942 in die "Heilanstalt" Aplerbeck eingewiesen und im September 1943 in die "Provinzialheilanstalt" Marsberg verlegt. 1945 starb Astrid Steiner an den Folgen der Unterbringung in der NS-Psychatrie.
"Wir haben als Kinder zusammen gespielt, wir waren Nachbarn" erzählte uns die Zeitzeugin Ingrid Sauerbaum. "Eines Tages war die "Iri", wie wir Kinder sie nannten, nicht mehr da. 'Sie ist in ein Krankenhaus gekommen' sagte uns Astrids Mutter damals. Meine Spielkameradin aus Kindertagen habe ich nie mehr wiedergesehen". Die Patenschaft für den Stolperstein hat die Familie Sauerbaum übernommen, Anke Sauerbaum verlas am Verlegeort vor dem Haus Polsumer Strasse 158 eine biografische Skizze des kurzen Lebens der Astrid Steiner. Dr. Rolf Heinrich, ehemalige Pfarrer der Lukas-Gemeinde in Hassel, erinnerte an der Polsumer Strasse mit Zitaten aus einem Buch von Janusz Korczak an das Leiden der kleinen Astrid "Iri" Steiner.
Stolpersteinverlegung Königgrätzerstrasse
An der Königgrätzerstrasse 20 erinnert jetzt ein Stolperstein an den Zeugen Jehovas Wilhelm Gorny. Auch das Ehepaar Gorny war bereits Mitte der Dreißiger Jahre wegen ihres Glaubens und ihrer Zugehörigkeit zur religiösen Minderheit der Zeugen Jehovas der Verfolgung durch die Nazis ausgesetzt. Wilhelm Gorny wurde 1936 zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt und daran anschließend in das KZ Buchenwald überstellt. Im April 1945 wurde Wilhelm Gorny auf einem Gefangenentransport, der auf dem Weg ins KZ Dachau war, von den Amerikanern befreit. An den Folgen der in neun Jahren Haft erduldeten Misshandlungen starb Wilhelm Gorny am 16. Mai 1945. Herbert Thomas verlas an der Königgrätzerstrasse die Leidensgeschichte von Wilhelm Gorny und schloss mit einem Gedicht von Franz Wohlfart.
Zu einem unschönen Vorfall kam es nach der Verlegung an der Königgrätzerstrasse 20. Ein Hausbewohner hatte anonym die Polizei über eine "Zusammenrottung von Sektenmitgliedern" vor dem Haus informiert und auch den Hausbesitzer herbeigerufen. Dieser verlangte lautstark die sofortige Entfernung des Stolpersteins und verunglimpfte das Projekt und die Anwesenden, wobei seine Wortwahl hier nicht zitierfähig ist.
Stolpersteinverlegung Essener Strasse
Ihren Abschluss fand die Verlegeaktion an diesem Tag an der Essener Strasse 71, dort wurde ein Stolperstein für Andreas Schillack junior verlegt. Angehörige der Familie nahmen an der Verlegung teil. Andreas Schillack war wegen seiner Mitgliedschaft in der Widerstandsgruppe um Franz Zielasko im August 1944 von der Gestapo verhaftet worden. Im anschließenden Verfahren vor dem "Volksgerichtshof" wurde Andreas Schillack junior vorgeworfen, er habe Franz Zielasko mit Brotmarken für 600 g, einer Dose Schuhcreme und einer Tube Zahnpasta unterstützt. Aufgrund dieses "Verbrechens" wurde Andreas Schillack junior zum Tode verurteilt und am 20. Oktober 1944 in München-Stadelheim enthauptet. Heike Jordan schilderte in ihrem Redebeitrag an der Essener Strasse auch, mit welcher Eiseskälte die Nazis minutiös die Hinrichtungen von Andreas Schillack junior und anderen Mitgliedern der Widerstandsgruppe in einem Bericht festhielten.
Fotos: Werner Neumann, Gelsenzentrum e.V.
Danksagung
Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen dankt allen Menschen, die an den Stolperstein-Verlegungen im August 2011 mitgewirkt haben und so das Projekt "Stolpersteine - Gegen das Vergessen" in Gelsenkirchen unterstützt und zur Fortsetzung beigetragen haben.
Gunter Demnig und sein Team
Patinnen und Paten der Stolpersteine in Gelsenkirchen
Oberbürgermeister Frank Baranowski
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beteiligten Stadtämter Gelsenkirchen
Prof. Dr. Stefan Goch, Institut für Stadtgeschichte (ISG), Gelsenkirchen
Arieh Sommerfeld, Nobert Labatzki, Regina Hölscher-Christ, Jesse Krauß, Ludwig Baum, Knut Massmann, Alexander Behrendt, Ulrich Behrendt, Mark A. Meyer, Lothar Jendrny, Inge Reiners, Dr. Michael Krenzer, Herbert Thomas, Paul Humann, Ursula Möllenberg, Karlheinz Rabas, Familie Sauerbaum, Dr. Rolf Heinrich, Pfarrer i.R., Werner Neumann, Nagirhan Varol, SchülerInnen des Deutsch E-Kurs der Klasse 9d der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck, Bärbel Beuermann, Deborah Vogtmann, Volker Bruckmann, Karlheinz Weichelt
Internationaler Suchdienst ITS, Bad Arolsen. Bundesarchiv. Zentralarchiv der Zeugen Jehovas in Deutschland. Prof. Dr. Bernd Walter, LWL-Institut für Regionalgeschichte, Münster. Museum Stutthof, Polen. Archiv LWL, Münster. WASt, Berlin. Stadtarchiv Recklinghausen. Stadtarchiv Hildesheim. Stadtarchiv Freiburg. Stadtarchiv Hannover. ErPort - Dortmunder Erinnerungsportal. Gelsenzentrum - Gemeinnütziger Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Gelsenkirchen.
Pater Vell - Aus der Todeszelle befreit
Rückseite eines von Pater Vell 1946 verfassten Handzettels
17. August 2011. Mit der Weitergabe eines Flugblattes der Widerstandsgruppe Weiße Rose der Geschwister Scholl, in dem zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufgerufen wurde, begann Pater Vells Leidensweg durch die NS-Mordmaschinerie. Von den Nazis deswegen zum Tode verurteilt, wurde Vell unmittelbar vor seiner Hinrichtung von der vorrückenden Roten Armee aus der Todeszelle befreit. Ein Stolperstein soll in Gelsenkirchen-Schalke bald an Pater Hermann Joseph Vell erinnern.
Vell, der ab April 1941 als Vikar an St. Joseph in Gelsenkirchen-Schalke wirkte, wurde von dem SS-Mann Wilhelm Ferlmann bei der Gestapo denunziert. Ferlmann, selbst Gemeindemitglied, gab bei der Gestapo an, von Vell eines der Flugblätter der Weißen Rose erhalten zu haben. Daraufhin wurde Vell am 1. Februar 1944 in Gelsenkirchen verhaftet und vom "Volksgerichtshof" am 6. April 1945 zum Tode verurteilt. Zur Vollstreckung des Urteils kam es nicht mehr, Pater Vell wurde am 27. April von der Roten Armee aus der Todeszelle im Zuchthaus Brandenburg-Görden befreit.
Der aus Gelsenkirchen-Schalke stammende Joseph P. Krause, der mit Vell bis zu dessen Tod im Jahr 1965 in engem Kontakt stand, erreichte 1999 die Aufhebung des NS-Unrechtsurteils gegen Pater Vell. Somit war Vell zwar posthum juristisch rehabilitiert, eine moralische und gesellschaftliche Rehabilitierung ist aber in Gelsenkirchen bisher ausgeblieben. Der Stolperstein für Pater Vell soll an dessen letzten Wohnort in Gelsenkirchen-Schalke an der Grillostrasse verlegt werden. Die Patenschaft für den Stolperstein haben Joseph P. Krause und Richard Weishuhn übernommen.
Stolperstein-Patin ruft Gesprächskreis gegen das Vergessen ins Leben
15. August 2011. Am Samstag, den 20. August verlegt die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen in Hassel zwei Stolpersteine gegen das Vergessen. Die Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig stoßen auch in Gelsenkirchen-Hassel auf breite Zustimmung. Die anstehende Verlegung der kleinen Mahnmale im Ortsteil am 20. August war Impulsgeber für die Gründung eines Gesprächskreises, in dem lokale Heimatgeschichte aufgearbeitet werden soll.
Ingrid Sauerbaum, die mit Ihrer Familie die Patenschaft für den Stolperstein übernommen hat, der Astrid "Iri" Steiner gewidmet wird, hat zusammen mit dem Heimatforscher Egon Kopatz einen Gesprächskreis, der kürzlich erstmalig im Seniorenzentrum an der Oberfeldinger Straße zusammenkam, ins Leben gerufen. Denn auch im Gelsenkirchener Ortsteil Hassel haben die Nazis Menschen verfolgt, gedemütigt, entrechtet und ermordet, auch dort hat der Zweite Weltkrieg gewütet. Der Gesprächskreis wird mit dazu beitragen, dass die Vergangenheit und die damit verbundenen Verbrechen der NS-Zeit nicht vergessen werden.
Stolpersteine werden verlegt
5. August 2011. Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen lädt ein: am Samstag, den 20. August, werden weitere Stolpersteine in Gelsenkirchen verlegt: Im Bahnwinkel 10 für Robert Mäusert gegen 11:00 Uhr, an der Polsumer Strasse 158 für Astrid "Iri" Steiner gegen 11:20 Uhr, an der Königsgrätzerstrasse für Wilhelm Gorny gegen 11:40 Uhr und an der Essener Strasse 71 für Andreas Schillack jun. gegen 12:10 Uhr. Alle genannten Zeitangaben sind Richtwerte, planen Sie bitte Abweichungen von ca. +/- 15 Minuten ein.
Jeder Stolperstein eine Geschichte
3. August 2011. Weitere 18 Stolpersteine verlegte Gunter Demnig am Montag in Gelsenkirchen. Die kleinen Gedenksteine, flächenbündig in das Pflaster der Gehwege eingelassen, künden schweigend vom Terror des NS-Regimes, von Rassenwahn und Völkermord. Sie geben den Menschen, die von den Nazis zu Nummern und Aktenzeichen degradiert wurden, mit einer individuell beschrifteten Messingplatte ihre Namen zurück. Und zwar genau dort, wo die Menschen einst zu Hause waren - vor den Türen der Wohnhäuser. Dort funktioniert Verdrängung nicht länger.
Während an den meisten Verlegeorten das Gehwegpflaster durch Gunter Demnig geöffnet wurde, hatte die Stadt diesmal die asphaltierten Flächen entsprechend für die Verlegungen vorbereitet. Wie aus dem Rathaus am vergangenen Freitag mitgeteilt wurde, wird das Tiefbauamt bei zukünftigen Verlegungen tatkräftige Unterstützung für Künstler Gunter Demnig leisten.
Gunter Demnig verlegt den Stolperstein für Isidor Kahn
An allen Verlegungeorten nahmen Stolperstein-Paten oder auch Angehörige der NS-Opfer an den Zeremonien teil. An der Küppersbuschstrasse waren es die Enkel von Oskar Behrendt, die eigens zur Stolperstein-Verlegung anreisten. Dort erinnerten Enkel Alexander Behrendt und auch Bärbel Beuermann an den Widerständler Oskar Behrendt. Am Verlegeort verteilte Ulrich Behrendt, einer der Enkel von Oskar Behrendt, Abzüge von einem Foto. Darauf zu sehen ist Oskar Behrendt, seine Brille und das Klingelschild, welches in den Dreißiger Jahren am Haus Küppersbuschstrasse 25 angebracht war. Diese Gegenstände befinden sich noch heute in Familienbesitz. Alexander Behrendt: "Für uns Kinder stand das "O" auf dem Klingelschild immer für "Oma" - unseren Opa Oskar haben wir ja nie kennengelernt."
Paul Humann, bildungspolitischer Sprecher Bündnis 90/Die Grünen erinnerte am letzten Wohnort von Erich Lange an der Schwanenstrasse an das Leben und Sterben des Widerständlers. Erich Lange wurde von den Nazis 1933 in der Gelsenkirchener Innenstadt erschossen. Am Ort des feigen Mordes Am Rundhöfchen erinnerte die ehemalige Stadträtin Ursula Möllenberg an den Widerständler.
Der ehemalige MiR-Intendant Ludwig Baum sang zur Erinnerung an die im Ghetto Warschau ermordeten Eheleute Isidor und Elfriede Wollenberg an der Von-Der-Recke-Strasse das jiddische Lied von Mordechaj Gebirtig "Undzer Shtetl Brent!" Das Lied entstand 1938 und wurde zur Hymne des jüdischen Widerstandes in den Ghettos. Anschließend betete Arieh Sommerfeld die Totenklage El Male Rachamim für die jüdischen Opfer des Holocaust - wie auch am Lörenkamp. Dort erinnerte Heike Jordan an die Verfolgung und Ermordung von Isidor Kahn. Eine ehemalige Mitbewohnerin aus dem Haus Im Lörenkamp 2, die mit ihrer Schwester die Patenschaft für den Stolperstein für Isidor Kahn übernommen hatte, sagte nach der Verlegung: "Bei Herrn Demnig hatte ich den Eindruck, als führe er bei seiner Arbeit ein lautloses Gespräch mit Herrn Kahn. Als er zum Schluss den Stein säuberte, wirkte es auf mich, als ob er ihn gedanklich streichele. Ich war beeindruckt!"
An der Liebfrauenstrasse erinnerte Karlheinz Rabas an das Verfolgungsschicksal seines Verwandten Fritz Rahkob, der als Widerständler hingerichtet wurde. An der Vandalenstrasse sprach Dr. Michael Krenzer, Arbeitskreis "Lila Winkel" NRW über die Verfolgung des Zeugen Jehovas Friederich Poburski im so genannten "Dritten Reich". Dr. Krenzer hatte es auch übernommen, an der Neuhüllerstrasse an Peter Heinen zu erinnern, der ebenfalls als Zeuge Jehovas von den Nazis ermordet wurde. Hans Heinen, Neffe von Peter Heinen, nahm an der Verlegung teil. An der Hohenzollernstrasse erinnerten wir mit der dortigen Steinver-legung und einem Redebeitrag an den wegen angeblicher Fahnenflucht enthaupteten Paul Kusz.
Stolpersteine an der Bismarckstrasse
Ihren Abschluss fand die große Verlegeaktion an der Bismarckstrasse 152, dort erinnern jetzt Stolpersteine an
Moritz und Toni Meyer, Hermann, Martha, Heinrich, Käthe und Ruth Hirschhorn sowie Kurt Rosengarten. Hier nahm auch Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski an der Verlegung teil. In seiner Begrüßung betonte er, wie wichtig die Erinnerung ist und fand Worte des Dankes für den Künstler Gunter Demnig und die Organisatoren vor Ort. An der Bismarckstrasse setzte Klezmer-Musiker Nobert Labatzki musikalische Akzente.
Der in den USA lebender Enkel der Eheleute Moritz und Toni Meyer, Mark A. Meyer, konnte nicht persönlich anwesend sein. Er bat Heike Jordan, seine Gedanken zu verlesen:
"Moritz und Toni Meyer waren bekannte und beliebte Bürger Gelsenkirchens. Die Eheleute betrieben ein Kurzwarengeschäft und beteiligten sich aktiv an der Gemeindearbeit. Nach der so genannten "Kristallnacht" waren sie gezwungen, aus ihrer Heimat Deutschland in die Niederlande zu fliehen. Bis 1942 lebten sie in Amsterdam. Dann wurden sie in einem Viehwaggon nach Polen verschleppt. Toni, zu krank um selbst zu gehen, wurde nackt auf einer Bahre, zusammen mit ihrem Mann Moritz, in die Gaskammer von Auschwitz gebracht. Dort wurden sie vom deutschen Staat ermordet, nur weil sie Juden waren. Ich bin ihr einzig überlebender Enkel. Ich habe meine Großeltern niemals kennen gelernt, Ich habe niemals ihre Stimmen gehört, niemals ihre Liebe gespürt. Niemals habe ich die großen Segnungen empfangen, sowie Enkel sie von ihren Großeltern erhalten.
Moritz und Toni Meyer hatten niemals ein Grab, dass ich hätte besuchen können. Keine Gedenkstätte, an der ich ihnen ein ehrendes Andenken hätte erweisen können. Für mich waren sie nur Gesichter auf einem Foto und Namen auf einer Liste von ermordeten Juden - bis heute. Die kleinen Stolpersteine, die Sie jetzt in dieser Straße verlegen, künden schweigend davon, dass hier in dieser Stadt einst zwei liebenswerte und unschuldige Menschen gelebt und gearbeitet haben, die im Namen des deutschen Volkes ermordet wurden. Die Stolpersteine versinnbildlichen mehr als nur die NS-Opfer. Sie sind Symbole für das ehrende Andenken Deutschlands an die unschuldigen Menschen, die Opfer des Nazi-Regimes geworden sind. Stolpersteine sind wichtige Symbole, um der Wiederholung des Bösen durch die Erinnerung an größtes Unrecht, dem überwältigendem Horror des Holocaust, entgegen zu wirken. Dafür danke ich ihnen, und dafür, dass sie sich an meine Großeltern erinnern".
Stolpersteine erinnern an Familie Hirschhorn
Heike Jordan von der Projektgruppe Stolpersteine in Gelsenkirchen erinnerte auch an das Verfolgungsschicksal der Familie Hirschhorn. In einem Redebeitrag sprach sie auch von den Schwierigkeiten bei den Recherchen zu den Opfer-Biographien: "Das Verfolgungsschicksal der Familie Hirschhorn ließ sich nur anhand der wenigen erhaltenen Akten der NS-Verfolgungsbehörden rekonstruieren. Diese Aufzeichnungen über die Familie Hirschhorn beschränken sich auf die Orte der Inhaftierung, auf die Zuteilungen von Häftlingsnummern und auf die Angaben zum Zwangsarbeitseinsatz. Vom zunehmenden Verfolgungsdruck, von den Ängsten, Sorgen und Nöten der verfolgten, entrechteten und gedemütigten Menschen berichten diese Akten jedoch nicht. Sie erzählen uns nichts über dass unermessliche Leid, dass Hermann, Martha, Heinrich, Käthe und Ruth Hirschhorn ertragen mussten, bis sie schließlich von den Nazi-Schergen ermordet wurden".
Stolperstein-Patin Regina Hölscher-Christ trug zu Ehren von Kurt Rosengarten ein Gedicht von Jesse Krauß vor. Judith Neuwald-Tasbach, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde nahm an allen Orten teil, an denen Stolpersteine für Menschen jüdischer Herkunft verlegt wurden, so auch an der Bismarckstrasse. Sie war es auch, die Vorbeter Arieh Sommerfeld endsandte, der an mehreren Verlegestellen die Totenklage „El Male Rachamim“ für die etwa sechs Millionen ermordeten Juden betete. Bärbel Beuermann, Fraktionsvorsitzende Die Linke im Landtag NRW, sprach zu Beginn der Verlegeaktion an der Küppersbuschstrasse und schloss an der Bismarckstrasse die ihren Redebeitrag mit den Worten "„Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg". Heike Jordan sagte in ihrem an die Anwesenden gerichteten Schlusswort: "Mit eurer Teilnahme an der heutigen Verlegung von Stolpersteinen habt ihr dazu beigetragen, die Erinnerung an die Opfer des Nazi-Terrors als Mahnung für die Gegenwart und Verpflichtung für die Zukunft wachzuhalten."
Denn eines ist sicher: Das Grauen begann nicht erst in Auschwitz, Treblinka und in anderen Lagern - es begann in unserer Stadt, in unserem Alltag, in unserer Straße, vor unserer Tür.
Stolpersteine in Gelsenkirchen - Verlegungen am 1. August 2011
18. Juli 2011. Stolpersteine erinnern an Opfer des Nationalsozialismus, an Menschen, die in den Jahren des Dritten Reiches verfolgt, entrechtet, gedemütigt, in die Flucht getrieben und schlussendlich ermordet wurden. Im Rahmen des Kunstprojektes „Stolpersteine“ des in Köln lebenden Bildhauers Gunter Demnig werden Stolpersteine vor den Häusern ins Pflaster der Gelsenkirchener Gehwege eingelassen, in denen die Menschen einst gelebt haben.
Gunter Demnig, der am 1. August zunächst in Tönisvorst Stolpersteine verlegt, wird um 14 Uhr an der Küppersbuschstrasse 25 den Stolperstein für Oskar Behrendt verlegen. Alexander Behrendt verliest das Verfolgungsschicksal des Widerständlers, Bärbel Beuermann (MdL) wird an die Verfolgung im NS-Staat erinnern. An der Schwanenstrasse 6 erinnert Paul Humann um 14:15 Uhr an Erich Lange. Der Widerständler Erich Lange wurde von den Nazis 1933 auf offener Strasse erschossen.
Am Rundhöfchen, dem Ort des Mordes, wird um 14:30 Uhr Lothar Wickermann bei der Verlegung des zweiten Stolpersteins für Erich Lange an die zeithistorischen Hintergründe der Bluttat erinnern. Das Ehepaar Wollenberg wohnte an der Von-der-Recke-Strasse 4, hier wird Ludwig Baum um 14:45 Uhr an das Verfolgungsschicksal der Eheleute erinnern, die im Ghetto Warschau starben. Der Kaufmann
Isidor Kahn wohnte Im Lörenkamp 2, bevor er in das Ghetto Riga deportiert wurde. Im Lörenkamp 2 wird der Stolperstein um 15:00 Uhr verlegt. An diesen beiden Verlegeorten wird der Vorbeter der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen das Totengebet "El Male Rachamim" für die sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust beten. Gegen 15:15 Uhr spricht Karlheinz Rabas an der Liebfrauenstrasse 38 über das Verfolgungsschicksal von Fritz Rahkob, hier wird der Stolperstein für den Widerständler Rahkob verlegt.
Für den als Zeugen Jehovas verfolgten und ermordeten Friederich Poburski wird um 15:30 Uhr ein Stolperstein an der Vandalenstrasse 14, für Peter Heinen, ebenfalls als Zeuge Jehovas ermordet, um 15:45 Uhr an der Neuhüller Strasse 27 verlegt. An beiden Verlegeorten wird Dr. Michael Krenzer an das Schicksal dieser Männer erinnern. An Paul Kusz, der wegen Fahnenflucht von den Nazis enthauptet wurde, wird der Stolperstein, der gegen 16:00 Uhr an der Hohenzollernstrasse 272 verlegt wird, erinnern.
Ihren Abschluss finden die Stolperstein-Verlegungen an diesem Tag um ca. 16:15 Uhr an der Bismarckstrasse 152, wo Demnig 8 Stolpersteine für NS-Opfer jüdischer Herkunft verlegen wird. Hier werden Oberbürgermeister Frank Baranowski, der die Anwesenden begrüßen wird und auch die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen, Judith Neuwald-Tasbach, erwartet. Der Gelsenkirchener Jazz- und Klezmer-Musiker Norbert Labatzki setzt bei der Verlegung an der Bismarckstrasse musikalische Akzente.
Alle genannten Zeitangaben sind Richtwerte, planen Sie bitte Abweichungen von ca. +/- 15 Minuten ein. Informationen zur Verlegung und zum Projekt unter 0209 9994676.
An der Bismarckstrasse werden auch Stolpersteine für Moritz und Toni Meyer verlegt. Mark A. Meyer, in New York lebender Enkel der Eheleute Moritz und Toni Meyer, kann leider nicht persönlich teilnehmen: Er befindet sich auf Hochzeits-reise. Stellvertretend wird Heike Jordan seine Gedanken auf Englisch und Deutsch verlesen. An diesem Ort werden auch Stolpersteine für die Familie Hirschhorn und für Kurt Rosengarten verlegt. Auch hier wird der Vorbeter das "El Male Rachamim" beten. Schülerinnen der Evangelischen Gesamtschule Bismarck, die zusammen mit der muslimischen Lehrerin Nagihan Varol die Patenschaft für den Stolperstein, der Käthe Hirschhorn gewidmet wird, übernommen haben, werden trotz Ferienzeit an der Verlegung teilnehmen. Die Stolperstein-Patin Regina Hölscher-Christ wird ein Gedicht von Jesse Krauß vortragen. Wir laden alle Interessierten herzlich ein, den Verlegungen am 1. August 2011 beizuwohnen, und wünschen uns, dass viele Bürgerinnen und Bürger Gelsenkirchens durch ihre Teilnahme dazu beitragen, die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus als Mahnung für die Gegenwart und Verpflichtung für die Zukunft wach zu halten.
Gesamtschule Bismarck stellt Stolperstein-Projekt vor
13. Juli 2011. Auf dem diesjährigen Sommerfest der Evangelischen Gesamtschule Bismarck stellen Schülerinnen Gunter Demnigs Projekt "Stolpersteine" vor. Die Stolpersteine erinnern an Menschen, die vom NS-Gewaltregime ermordet wurden. Es sind pflastersteingroße Betonwürfel, mit einem Messingblech überzogen, die vor dem letzten Wohnort der NS-Opfer flächenbündig in das Pflaster der Gehwege eingelassen werden. Name, Jahrgang und Verfolgungsschicksal der Menschen werden von Hand in das rund 10 x 10 cm große Messingblech eingeschlagen. Über die Stolpersteine "stolpern" heißt stutzen, stehen bleiben, nachdenken. Stolpersteine verursachen selbstverständlich kein tatsächliches stolpern. Seit 2009 werden auch in Gelsenkirchen Stolpersteine verlegt.
Projektbetreuerin zum Interview eingeladen
Die Schülerinnen haben Heike Jordan, die dass Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen ehrenamtlich unterstützt, zum Interview in die Schule eingeladen. Elisa Reckort aus der 9c, Denise Heße und Leonie Pawelzik, beide 9d, haben das Interview geführt. Die Schülerinnen wollen nun ein großformatiges Plakat erstellen, auf dem das Gedenk-Projekt Stolpersteine thematisiert wird. Auch Auszüge aus dem Interview sollen darauf vorgestellt werden. Präsentiert wird die Gemeinschaftsarbeit auf dem Sommerfest in der Schulbibliothek. Lehrerin Nagihan Varol war es, die den Schülerinnen den Denkanstoß lieferte und den Kontakt zur Projektgruppe vermittelte. Die Jugend-lichen haben die Patenschaft für den Stolperstein übernommen, der Käthe Hirschhorn am 1. August an der Bismarckstrasse 152 gewidmet wird. Dort hatte die Familie Hirschhorn bis zur Deportation gewohnt.
Einladung zur Stolperstein-Verlegung in Gelsenkirchen
6. Juli 2011. Am 1. und 20. August 2011 werden in Gelsenkirchen weitere 22 Stolpersteine verlegt. Die Projektgruppe Stolpersteine lädt alle Interessierten herzlich zur Teilnahme an den Verlegungen ein. Uhrzeiten und Verlegeorte entnehmen Sie bitte der Einladung.
2. Juli 2011. Weitere 22 Stolpersteine werden im August 2011 zu den 19 bereits in Gelsenkirchen vorhandenen hinzukommen. Standen der Allgemeinheit bisher die hinter jedem Stolperstein stehenden Lebens- und Verfolgungsschicksale der NS-Opfer ausschließlich auf der Internet-Präsenz der Projektgruppe zur Verfügung, soll jetzt auch eine Dokumentation unter dem Titel „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist ...“ in Buchform entstehen.
Jeder Stolperstein eine Geschichte
Zu Wort kommen in der geplanten Publikation auch Überlebende des Holocaust aus Gelsenkirchen, die heute überwiegend in den USA leben. Aber auch Angehörige und Nachfahren der NS-Opfer, die bisher mit einem Stolperstein gewürdigt wurden, werden ihren Teil zu dem Gedenkbuch beitragen. In die Bearbeitung und Erstellung des Gedenkbuches sollen die Patinnen und Paten der einzelnen Stolpersteine mit einbezogen werden. Neben den Texten mit lebensgeschichtlichen Eckdaten und Fotos von den im Gelsenkirchener Stadtgebiet bisher verlegten Stolpersteinen soll auch unveröffentlichtes Material, dass überwiegend aus dem Privatbesitz von Überlebenden stammt, mit in das Druckwerk einfließen.
Gesamtschule Bismarck beteiligt sich an Stolperstein-Projekt
Ein Stolperstein für Käthe Hirschhorn
29. Juni 2011. Käthe Hirschhorn war dreizehn Jahre alt, als sie zusammen mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen in das Ghetto Riga deportiert wurde. Die Patenschaft für den Stolperstein, der an Käthe Hirschhorn erinnern wird, haben Schülerinnen und Schüler der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck übernommen. Die Jungen und Mädchen des Deutsch E-Kurs der Klasse 9d sammelten in ihrer Klasse 95 Euro, denn soviel kostet ein Stolperstein, darin sind Herstellung und Verlegung enthalten.
Martha Hirschhorn wurde zusammen mit Tochter Käthe, Sohn Heinrich und der jüngsten Tochter Ruth am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen nach Riga deportiert. Vater Hermann Hirschhorn hatte man bereits 1940 in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Sein Leidensweg führte über das KZ Dachau nach Neuengamme, ein Konzentrationslager am östlichen Stadtrand von Hamburg. Dort starb Hermann Hirschhorn am 18. Juni 1942, angeblich an Lungenentzündung. Heinrich wurde am 12. September 1943 in das Ghetto Riga eingeliefert und weiter über das KZ Stutthof in das KZ Buchenwald verschleppt. Er starb bei einem Bombenangriff im Außenkommando "Wille" bei Tröglitz/Rehmsdorf am 30. November 1944. Martha Hirschhorn und ihre Töchter Käthe und Ruth wurden im August 1944 von Riga in das KZ Stutthof bei Danzig verschleppt. Die Spuren der drei weiblichen Mitglieder der Familie Hirschhorn verlieren sich im KZ Stutthof.
"Die Gesamtschule Bismarck ist die erste Schule in Gelsenkirchen, die sich für die Stolpersteine engagiert" sagt Projektleiter Andreas Jordan, und weiter: " Ich wünsche mir, dass sich noch andere Schulen an dem Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen beteiligen. So erhalten die Jugendlichen einen ganz besonderen, persönlichen Zugang zur deutschen Geschichte zwischen 1933-1945."
An der Bismarckstrasse 152 werden am 1. August durch den Künstler Gunter Demnig 8 Stolpersteine zur Erinnerung an jüdische Verfolgte des NS-Regimes verlegt. An gleicher Stelle werden auch Stolpersteine für die Eheleute Moritz und Toni Meyer und für Kurt Rosengarten in den Gehweg eingelassen. Musikalisch begleitet wird die Stolperstein-Verlegung an der Bismarckstrasse von dem Gelsenkirchener Jazz- und Klezmer-Musiker Nobert Labatzki. Der Vorbeter der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen wird das jüdische Gebet "El male rachamim" singen. An der Bismarckstrasse wie auch Im Lörenkamp werden die Verlegestellen vom Tiefbauamt (Referat 69) entsprechend vorbereitet.
Stolpersteine für 22 Gelsenkirchener Opfer des Naziregimes
14. Mai 2011. Im August 2011 werden sie wieder in das Pflaster Gelsenkirchener Gehwege eingelassen - die Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig. 22 weitere Stolpersteine werden dann an im Nationalsozialismus verfolgte und ermordete Menschen aus Gelsenkirchen erinnern. Am Montag, den 1. August verlegt Gunter Demnig ab 14 Uhr an zehn Orten in Gelsenkirchen insgesamt 18 Stolpersteine, 4 Stolpersteine verlegt die Projektgruppe Ende August in Eigenregie.
Verlegt wird am 1. August für Oskar Behrendt an der Küppersbuschstrasse, für Erich Lange an der Schwanenstraße und am Rundhöfchen, für das Ehepaar Wollenberg an der Von-Der-Reckestraße, für Isidor Kahn Im Lörenkamp , für Fritz Rahkob an der Liebfrauenstraße, für Friederich Poburski an der Vandalenstraße, für Peter Heinen an der Neuhüller Straße, für Paul Kusz an der Hohenzollernstrasse (Früher Plutostraße) und für die Familien Meyer und Hirschhorn sowie für Kurt Rosengarten an der Bismarckstraße. Weitere vier Stolpersteine wird die Projektgruppe Stolpersteine in Absprache mit Gunter Denmig am 20. August für Robert Mäusert Im Bahnwinkel, für Astrid "Iri" Steiner an der Polsumer Straße, für Wilhelm Gorny an der Königgrätzerstraße und für Andreas Schillak jun. an der Essener Straße selbst verlegen.
Stolperstein in Braunschweig erinnert an Emmy Vosen aus Schalke
14. Mai 2011. Emmy Vosen wurde am 25. Oktober 1881 in Schalke geboren, ab 1894/95 lebte sie an verschiedenen Adressen in Buer. Am 4. Juni 1903 zog sie nach Braunschweig, wo sie bis zu Ihrer Deportation in das KZ Theresienstadt auch lebte und arbeitete.
Das letzte Lebenszeichen von Emmy Vosen findet sich in Form einer Postkarte aus dem KZ Theresienstadt vom 28. Juni 1943. Sie formuliert ihre Zeilen in Kenntnis der Briefzensur durch die Nazis und beschönigt ihre Situation: "Meine sehr Lieben, heute habe ich Gelegenheit Ihnen recht herzliche Grüße zu senden. Hoffentlich geht es Ihnen so gut wie mir. Hab eine Reise, die mir unvergesslich bleiben wird, hinter mir. Bin immer noch im Haushalt beschäftigt. Mein Koffer ist abhanden gekommen, besitze 1 Hemd, 1 Schlüpfer, 1 Rock, 1 Bluse." Im folgenden Jahr starb Emmy Vosen im KZ Theresienstadt - angeblich an Typhus. Eine Recherche im Rahmen des Projektes Stolpersteine Braunschweig von Phillipp Jakob, Freie Waldorfschule Braunschweig: → Emmy Vosen
Ermordet in Auschwitz
12. April 2011. In Saarlouis erinnern seit dem 8. April 2011 zwölf Stolpersteine an NS-Gewaltopfer. Darunter befinden sich auch die Stolpersteine für Hans, Marta Rosa und Helga Johanna Meyer.
Der in Gelsenkirchen geboren Hans Meyer hat im Dezember 1927 Marta Rosa Hanau in deren Heimatstadt Saarlouis geheiratet. Das Ehepaar lebte an der ehemaligen Neystrasse 2, heute Professor-Notton-Strasse 13. Dort kam im März 1929 die gemeinsame Tochter Helga Johanna zur Welt. Unter dem stetig zunehmenden Verfolgungsdruck verließ Hans mit seiner Familie schließlich Deutschland und emigrierte im Februar 1936 in die Niederlande. Als im Sommer 1942 auch in den Niederlanden die Deportation der Juden begann, wurden Hans, Marta Rosa und Helga Johanna über das Lager Westerbork in das KZ Auschwitz deportiert. Helga und Marta Meyer wurden im Oktober 1942, Hans Meyer im Februar 1943 in den Gaskammern von Auschwitz ermordet. Für diese drei Menschen jüdischer Herkunft wurden jetzt auf Initiative unserer Projektgruppe in Saarlouis Stolpersteine verlegt.
Stolpersteine halten Erinnerungen wach
20. März 2011. Der Termin für die nächste Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen steht fest. Am 1. August 2011 wird Gunter Demnig nach Gelsenkirchen kommen, um in unserer Stadt 20 weitere Stolpersteine gegen das Vergessen zu verlegen. NS-Gewaltopfer, die verschiedenen Verfolgtengruppen angehörten, werden an diesem Tag mit einem Stolperstein geehrt. Stolpersteine erinnern an die Menschen, die aus politischen, rassistischen oder anderen Gründen ermordet wurden. Es ist geplant, am 1. August in Gelsenkirchen Stolpersteine für Zeugen Jehovas, Widerständler, Menschen jüdischer Herkunft sowie einen Stolperstein für ein Opfer der NS-Psychatrie zu verlegen.
Finanziert werden die Stolpersteine über Patenschaften. Pate kann jede Privatperson werden, aber auch Einrichtungen, Vereine, Firmen, Verbände oder Schulen. So ist es die Zivilgesellschaft, die das Gedenkprojekt “Stolpersteine” trägt. Eine Patenschaft kostet derzeit 120 Euro. Damit werden ausschließlich die Materialkosten und die Verlegung der Stolpersteine durch Gunter Demnig finanziert. Jede Patin oder jeder Pate erhält, soweit möglich, Informationen über das Schicksal des Menschen, für den der Stolpersteinverlegt werden soll. Die Paten werden zur Verlegung der Stolpersteine eingeladen. Wenn Sie eine Patenschaft übernehmen wollen oder Fragen zum Projekt haben, nehmen Sie bitte mit der Projektgruppe Stolpersteine in Gelsenkirchen Kontakt auf: Email an die Projektleitung.
Spur der Erinnerung - Stolpersteine für Angehörige der Familie Meyer
23. Februar 2011. Mark A. Meyer aus New York ist der Enkel von Abraham Rimpel und der Neffe von Rosa Rimpel. Abraham Rimpel, der ein Schuhgeschäft in Stuttgart hatte, wurde 1940 im KZ Dachau ermordet, seine Tochter Rosa in einem KZ in Polen. Seine Mutter Ottilie Rimpel, geboren und aufgewachsen in Cannstatt, ging in Stuttgart zur Schule, die sie schon bald verlassen mußte, weil sie Jüdin war. Neben seinem Großvater und seiner Tante wurden auch viele andere Mitglieder seiner Familie, die in oder nahe Stuttgart gelebt haben, von den Nazis ermordet. In Stuttgart wurden am 29. April 2010 an der Sophienstrasse 5 für Abraham und Rosa Rimpel Stolpersteine verlegt.
Der in Gelsenkirchen geboren Hans Meyer hat im Dezember 1927 Marta Rosa Hanau in deren Heimatstadt Saarlouis geheiratet. Das Ehepaar lebte an der ehemaligen Neystrasse 2, heute Professor-Notton-Strasse 13. Dort kam im März 1929 die gemeinsame Tochter Helga Johanna zur Welt. Unter dem stetig zunehmenden Verfolgungsdruck verließ Hans mit seiner Familie schließlich Deutschland und emigrierte im Februar 1936 in die Niederlande. Auf die Spur der Familie Hans Meyer sind wir bei unseren Recherchen zur Familie Moritz Meyer mehr zufällig "gestolpert". Bei der Emigration in die Niederlande wurde von den Behörden der Familienname in "Meijer" geändert, so hatte sich über Jahrzehnte die Spur der Familie in den Archiven verloren. Wir fanden heraus, dass die Familie Hans Meyer in Amsterdam gewohnt hat. Als im Sommer 1942 auch in den Niederlanden die Deportation der Juden begann, wurden Hans, Marta Rosa und Helga Johanna über das Lager Westerbork in das KZ Auschwitz deportiert. Helga und Marta Meyer wurden im Oktober 1942, Hans Meyer im Februar 1943 in den Gaskammern ermordet. Für diese drei Menschen werden auf Initiative der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen am 8. April 2011 in Saarlouis Stolpersteine verlegt. Auf Einladung der Stadt Saarlouis nehmen Heike und Andreas Jordan an den Verlegungen und dem Begleitprogramm teil.
Im August 2011 werden in Gelsenkirchen Stolpersteine an der Bismarkstrasse zur Erinnerung an die Großeltern von Mark A. Meyer, Moritz und Toni Meyer, verlegt. Familie Moritz Meyer floh vor den Nazis im März 1939 aus Gelsenkirchen in die Niederlande. Als die Judenverfolgung nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Niederlande begann, wurden auch Moritz und Toni Meyer am 20. Januar 1943 in das Durchgangs- und Sammellager Kamp Westerbork verschleppt. Am 2. Februar 1943 wurden sie nach Auschwitz deportiert und dort am 5. Februar 1943 in den Gaskammern ermordet. Überlebende berichteten nach dem Krieg, dass Mutter Toni durch die Deportation von Westerbork nach Auschwitz so geschwächt war, dass sie auf einer Bahre in die Gaskammer getragen werden mußte.
Sohn Paul gelang es 1940 über Rotterdam in die USA zu emigrieren. Auf der Überfahrt lernte er Ottilie Rimpel aus Stuttgart kennen. Paul und Ottilie haben am 16. November 1940 in New York geheiratet, am 19. Dezember 1946 wurde Mark A. Meyer geboren.
Längere Wartezeiten bei den Stolpersteinen
5. Februar 2011. Das Interesse an den Stolpersteinen ist generell groß. So groß, dass Gunter Demnig mit der Verlegung neuer Stolpersteine kaum nachkommt. Mit längeren Wartezeiten auf einen Verlegetermin muss gerechnet werden. Das ist nicht zu ändern, denn die Stolpersteine dürfen nicht zu einer Fließbandproduktion entwertet werden. Die nächste Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen findet voraussichtlich im August 2011 statt. Das teilte uns Anna Warda, zuständig für die Vergabe von Verlegeterminen, jetzt auf Nachfrage mit. Im Vorfeld der Verlegungen recherchiert die Projektgruppe Verfolgungsschicksale von NS-Opfern, teilweise wird das auch von den Paten übernommen. Die Ergebnisse der Recherchearbeit werden aufbereitet und dann dem Institut für Stadtgeschichte vorgelegt, dort geprüft. Erst danach kann bei Gunter Demnig ein konkreter Verlegetermin angefragt werden.
Stolpersteine im Internet
3. Februar 2011. Von Anfang an war beabsichtigt, die Geschichten der Menschen, für die "Stolpersteine" in Gelsenkirchen verlegt wurden, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen hat nun ihr Online-Angebot erweitert und PDF-Dateien online gestellt, die barrierefrei für Sehbehinderte sind und sich maschinell erfassen lassen. So können die Informationen über Verlegeorte, Lebens- und Leidenswege auch von Sehbehinderten und Blinden mittels Screenreader, Sprachgerät oder Braille-Leiste gelesen werden. "Seit heute stellen wir Hintergrundinformationen zu den Verfolgungschicksalen der Menschen, für die bereits Stolpersteine in Gelsenkirchen verlegt wurden, auch barrierefrei für Sehbehinderte und Blinde im Internet zur Verfügung. Nachdem die Projektgruppe bereits seit Januar auch im sozialen Netzwerk Facebook zu finden ist, haben wir nun das Informationsangebot weiter ausgebaut" sagt Projektleiter Andreas Jordan.
Die "Stolpersteine" des Kölner Künstlers Gunter Demnig werden seit 2009 auch in Gelsenkirchen verlegt. Sie finden sich an vielen Orten im Stadtgebiet, und zwar genau dort, wo Menschen wohnten, die in der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden. "Stolpersteine", das sind kleine Erinnerungszeichen, die zusammengenommen ein außergewöhnliches dezentrales Denkmal bilden. Es entsteht langsam, ist auf viele Orte verteilt und fügt sich erst im Kopf des Betrachters zu einem Ganzen. Das Projekt steht und fällt mit dem Engagement der Bevölkerung.
Denn nur wenn Patenschaften übernommen werden, können neue "Stolpersteine" verlegt werden. In Gelsenkirchen beteiligen sich zahlreiche Menschen: Privatpersonen, Vereine, Verbände, Parteien, Schulen, Auszubildende und andere mehr. Alle am Projekt "Stolpersteine" Beteiligten tragen das Ihre dazu bei, der Erinnerung an die NS-Opfer den Platz zu geben, der ihr zusteht: in der Mitte der Gesellschaft.
Gunter Demnig für Stolpersteine ausgezeichnet
25. Januar 2011. Seine "Stolpersteine" erinnern vieltausendfach an Opfer des Holocaust. Der Kölner Künstler Gunter Demnig wurde am Montag Abend in Stuttgart mit der undotierten Otto-Hirsch-Medaille ausgezeichnet. Die Medaille wird von der Stadt Stuttgart, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische-Zusammenarbeit und der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs jährlich verliehen. Mit der Medaille soll Demnigs Verdienst um die christlich-jüdische Verständigung geehrt werden. Gunter Demnig will mit seinen Stolpersteinen erreichen, dass Passanten stehen bleiben und sich herunterbeugen müssen, um zu lesen, wer an der bezeichneten Stelle einst wohnte. Mehr als 27.000 der kleinen Gedenksteine hat er seit 1997 vor allem in Deutschland verlegt, aber auch in mehreren anderen europäischen Ländern.
Es gab allerdings auch Kritik an dem Projekt - so wandte sich erst kürzlich die jüdische Gemeinde im badischen Lörrach gegen die Steine, ähnlich wie die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch - sie kritisieren, dass Passanten achtlos auf die Namen der Verstorbenen trampeln könnten. Stolpersteine sind kleine Quader aus Beton, mit einer Messingschicht überzogen. Sie werden vor den Häusern, in denen jüdische und andere Opfer des nationalsozialistischen Massenmords wohnten, in die Gehwege eingelassen.
Stolpersteine Gelsenkirchen bei Facebook
16. Januar 2011. Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen stellt sich jetzt auch im Internet-Netzwerk Facebook vor. "Wir können jede finanzielle und auch ideelle Unterstützung gebrauchen und sind deshalb auf öffentliche Aufmerksamkeit angewiesen", begründet Projektleiter Andreas Jordan diesen Schritt. Seit Sommer 2009 gibt es die Stolpersteine des Kölner Künstlers Guner Demnig in Gelsenkirchen. Die Aktion Stolpersteine wird ausschließlich mit privaten Spenden finanziert. Zum Fortbestand der Aktion sucht die Projektgruppe ständig neue Paten und Sponsoren. Jeder kann mit einer Spende von 120 Euro die Patenschaft für einen neuen Stolperstein übernehmen, Teilbeträge werden zu einer Gruppen-Patenschft zusammengelegt.
In Gelsenkirchen gibt es inzwischen 19 Stolpersteine zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus, die einst als Bürger in unserer Stadt gelebt und teilweise durch Mitwirkung in Vereinen das öffentliche Leben in Gelsenkirchen auch aktiv gestaltet haben.
Prüfung ist abgeschlossen
11. Dezember 2010. Nachdem die Prüfung unserer Rechercheergebnisse durch das ISG am 8. Dezember 2010 abgeschlossen wurde, kann nun ein Termin für die nächste Verlegungeaktion von Stolpersteinen in Gelsenkirchen mit dem Künstler Gunter Demnig abgestimmt werden.
Stolperstein-Paten müssen auf Verlegung warten
25. November 2010. Die angespannte Personalsituation beim Institut für Stadtgeschichte in Gelsenkirchen (ISG) wirkt sich auch auf die Verlegung von Stolpersteinen aus. Wie uns Stefan Goch vom ISG auf Bitte um Sachstandsmitteilung nun “mit Bedauern” mitteilte, ist mit einer abschließenden Prüfung der bereits Ende Juni der von der Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen eingereichten Rechercheergebnisse für die nächste Verlegung von Stolpersteinen vermutlich erst im Dezember 2010 zu rechnen.
Die lange Bearbeitungszeit "sei dem verstärkten “Anfrage-Aufkommen” bei gleichzeitigem Personalmangel geschuldet”, so Stefan Goch. Mit einer weiteren, dritten Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen ist somit erst im Frühjahr 2011 zu rechnen.
Die von der Projektgruppe recherchierten Daten zu den einzelnen Verfolgungsschicksalen der NS-Opfer werden zunächst vom ISG auf sachliche Richtigkeit geprüft, bevor die Daten dem Kölner Künstler Gunter Demnig übermittelt werden können. Dieser fertigt dann auf Basis der Daten die einzelnen Stolpersteine an und nennt einen Verlegetermin.
Die Stolpersteine glänzen wieder
Stolpersteine - auf Hochglanz poliert
28. Oktober 2010. Mit einer Putzaktion der besonderen Art erinnerte der Arbeitskreis Stolpersteine Gelsenkirchen heute an die mehr als 80 jüdischen Bürger mit polnischer Staatsangehörigkeit, die von Gelsenkirchen im Rahmen der so genannten "Polenaktion" am 28. Oktober 1938 nach Polen (Bentschen/Zbaszyn) abgeschoben wurden. Von dieser Zwangsaussiedlung waren im Oktober 1938 deutschlandweit mehr als 18.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder jeden Alters betroffen. Diese Diskriminierungsmaßnahme des NS-Regimes stellte einen ersten Höhepunkt der physischen Verfolgung dar und war der eigentliche Auftakt zum Völkermord an den europäischen Juden. Vor dem Hintergrund der antijüdischen Novemberpogrome (die so genannte Reichskristallnacht) knapp zwei Wochen nach der "Polenaktion" sind die Vorgänge um diese bis dato größte Ausweisungsaktion in der deutschen Geschichte fast völlig in Vergessenheit geraten.
Mit Ablauf des heutigen Tages wurden alle im Stadtgebiet verlegten Stolpersteine vom Reinigungstrupp des Arbeitskreises wieder auf Hochglanz gebracht. Die Putzaktion fand mit einer Andacht vor dem Haus an der Markenstraße 19 im Ortsteil Horst ihren Abschluss. Dort erinnern die Inschriften auf zwei Stolpersteine an das Ehepaar Simon und Frieda Neudorf. Mutter Neudorf und ihr Sohn Herman waren 1938 ebenfalls von der Ausweisung nach Zbaszyn betroffen. Frieda Neudorf wurde von den Nazis 1944 in Riga, Vater Simon Neudorf bereits 1941 im KZ Sachsenhausen ermordet. Herman Neudorf, der heute 85-jährig in den USA lebt, kehrte 1945 aus dem KZ Buchenwald zurück. → Herman Neudorf: Meine Gedanken zum 28. Oktober 1938
Buchvorstellung war gut besucht
Ludwig Baum und Peter Rose bei der Buchvorstellung
27. Oktober 2010. Gut besucht war am Abend die Buchvorstellung "Vor meiner Haustür - "STOLPERSTEINE" von Gunter Demnig" von Joachim Rönneper. 60 Bürgerinnen und Bürger folgten der Einladung in die Buchhandlung Junius. Ludwig Baum, ehemals Dramaturg und Generalindendant am Musiktheater im Revier - kurz MIR, las Gedichte und Prosatexte aus dem Buch, Peter Rose, ehemaliger Kulturdezernent der Stadt Gelsenkirchen, sprach "über die Notwendigkeit, sich zu erinnern".
Gemeinschaftsprojekt in Bochum - Schülerinnen und Schüler als Stolperstein-Paten
5. Oktober 2010. Auch Klassenlehrerin Tina Grewe und Schulleiter Martin Breuer waren mit dabei, als Gunter Demnig am Montagmorgen an der Dorstener Straße 204 im Bochumer Ortsteil Hamme zusammen mit Schülerinnen und Schülern der Klasse 10b der Maria-Sibylla-Merian-Gesamtschule vier Stolpersteine verlegte.
Die Mitglieder einer Projektgruppe der Gesamtschule hatten in ihrer Freizeit recherchiert, um Informationen über das Verfolgungsschicksal der Familie des jüdischen Klempnermeisters Hermann Alexander zusammenzutragen und wurden so Paten des Projektes Stolpersteine. Das Besondere an dieser Schülergruppe sind die unterschiedlichen Nationalitäten: Eine Thailänderin, eine kurdische Alevitin, eine Türkin, eine Polin, eine Kosovo-Albanerin, eine Syrerin und vier deutsche Jugendliche haben gemeinsam in der Gruppe mitgearbeitet.
In Gelsenkirchen, anders als in vielen Revierstädten, hat sich bisher noch keine Schule an Gunter Demnigs Erinnerungsprojekt Stolpersteine, das sich seit dem Start im Jahr 1997 zum größten dezentralen Mahmal der Welt entwickelt hat, beteiligt. Eine Briefaktion im Mai 2009, die sich an die Gelsenkirchener Schulen richtete und das Erinnerungsprojekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig vorstellte, blieb ohne Resonanz.
Eine aktive Beteiligung von Gelsenkirchener Schülerinnen und Schülern wäre wünschenswert. Wir, der Arbeitskreis Stolpersteine in Gelsenkirchen, bieten unsere Unterstützung und Hilfe bei der Projektarbeit und Recherche an. Jugendliche können so über das Projekt Stolpersteine einen Zugang zur deutschen Geschichte zwischen 1933-1945 finden und die Erinnerungskultur in Gelsenkirchen aktiv mitgestalten. Gerade die Auseinandersetzung mit der lokalen Geschichte kann ein pädagogisch wertvoller Anknüpfungspunkt sein.
Der Arbeitskreis Stolpersteine hat seit Juli 2009 drei Verlegeaktionen organisiert und zusammen mit Gunter Demnig 19 Stolpersteine an 11 Orten im Gelsenkirchener Stadtgebiet verlegt. Bei der nächsten Verlegeaktion, deren Planung und Organisation bereits angelaufen ist, sollen weitere 17 Stolpersteine hinzukommen.
Das "Judenhaus" im Lörenkamp
12. September 2010. Jüdische Mieter wurden etwa ab April 1939 in die Häuser jüdischer Besitzer zwangseingewiesen. Hintergrund der räumlichen Konzentration der jüdischen Menschen auf wenige "Judenhäuser" im Stadtgebiet von Gelsenkirchen war die Erleichterung der Überwachung durch die Gestapo und war gleichzeitig auch eine Vorstufe auf dem Weg zur geplanten Deportation der jüdischen Menschen. Die "Judenhäuser" waren somit nichts anderes als kleinräumige Ghettos.
Bereits ab 1939 wurde die Belegungsdichte in den einzelnen "Judenhäusern" systematisch gesteigert. Pro Haushalt stand den Menschen nur noch ein Raum zur Verfügung, bei gemeinsamer Benutzung der Toiletten und sanitären Anlagen. Die Auswahl der Häuser und die zwangsweise Einweisung der Betroffenen erfolgte durch das städtische Wohnungsamt, ab 1941 auch durch die jüdische Gemeinde selbst. Den in den Häusern wohnenden "Ariern" wurden Ersatzwohnungen angeboten, einige wenige der nichtjüdischen Mieter nahmen dieses Angebot jedoch nicht an und wollten weiter mit ihren jüdischen Nachbarn zusammen in einem Haus wohnen.
Das kriegszerstörte Haus Im Lörenkamp 2 Anfang der 50er Jahre
Im Jahr 1942 gab es in Gelsenkirchen insgesamt 43 so genannter "Judenhäuser", eines davon befand sich Im Lörenkamp 2 / Ecke Kirchstrasse 15. So wurden auch in das Haus Im Lörenkamp 2, dass der Jüdin Rosa Finger gehörte, ab 1939 weitere jüdische Personen eingewiesen.
Die Witwe Rosa Finger betrieb im Haus Lörenkamp 2 ein Möbelgeschäft, sie war auch Eigentümerin des angrenzenden Hauses Kirchstrasse 15. Das Adressbuch der Stadt Gelsenkirchen aus dem Jahre 1942 verzeichnet für das Haus Im Lörenkamp 2 folgende jüdische Mieter und Mieterinnen: die Witwe Rachel Leja Finger (nach Palästina emigriert), Isidor Kahn, geboren am 22. Februar 1872, er wurde am 27. Januar 1942 ab Gelsenkirchen verschleppt und im Ghetto Riga am 2. November 1943 ermordet. Die Familie Liebenthal, bestehend aus: Moritz Moses, geboren am 11. April 1889, Ruth, geborene Kahn, geboren am 1. August 1905, Werner, geboren am 8. Dezember 1932 und Chana geboren am 4. Oktober 1938. Alle Mitglieder der Familie Liebenthal wurden am 27. Januar 1942 ab Gelsenkirchen deportiert und im Ghetto Riga ermordet. Im Lörenkamp 2 wohnte auch die Witwe Julie Herrmanns, hier sind Verfolgungsschicksal und die lebensgeschichtlichen Eckdaten bisher nicht bekannt.
Weitere Bewohnerinnen waren laut der Liste der jüdischen Kultusgemeinde vom 4. Juni 1946, betr. Deportation vom 27. Januar 1942: Sara Spiegel, gebore Finger geboren am 23. Oktober 1904, verheiratet, und Ruth Spiegel, geboren am 16. November 1937. Beide sind laut dieser Liste im Januar 1942 geflohen und spurlos verschwunden. Verschiedene Quellen berichten, das ihnen später die Emigration nach Palästina geglückt ist.
Im Versteck überlebt
Nichtjüdische ehemalige Bewohnerinnen des Hauses haben nun gemeinsam die Patenschaft für einen Stolperstein übernommen. Die ehemaligen Bewohnerinnen erzählten, das in dem Haus hinter einer Holzverkleidung im Treppenhaus längere Zeit ein jüdisches Mädchen versteckt worden ist:
"Wir mussten uns damals sehr still verhalten, wenn wir vom Spielen zurückkamen und durch das Treppenhaus liefen, um die Situation dem Kind hinter der Holzverkleidung nicht noch schwerer zu machen, da es nicht die Möglichkeit hatte, draußen zu spielen. Kurz nach dem Krieg hat meine Mutter dieses Mädchen in Gelsenkirchen wiedergetroffen. Sie sind gemeinsam in ein Café gegangen und haben sich über die schrecklichen Begebenheiten in den Kriegsjahren unterhalten. Meine Eltern haben damals bei Rosa Finger ihre Schlafzimmermöbel gekauft. Es waren übrigens sehr stabile und schöne im Vergleich zu anderen Möbeln in der damaligen Zeit. Ich besitze heute noch die Wäschetruhe und zwei Stühle daraus" erzählte uns eine der damaligen Bewohnerinnen des Hauses im Lörenkamp 2.
Stolpersteine machen uns auf die Verfolgungschicksale ehemaliger Bewohner und Bewohnerinnen unserer Stadt, die im
Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden, aufmerksam. Die Stolpersteine sollen Teil unseres Alltags werden und uns daran erinnern, dass Vergleichbares nie wieder passieren darf und wir alle dafür gefordert sind. Für die Familie Liebenthal sollen ebenfalls Stolpersteine in Gelsenkirchen verlegt werden, auch für diese Stolpersteine können noch Patenschaften übernommen werden. Interessierte wenden sich bitte an den Arbeitskreis Stolpersteine in Gelsenkirchen.
Stolpersteine für homosexuelle Männer aus Gelsenkirchen
Paragraph 175. Im Jahr 2002 hat sich der Deutsche Bundestag offiziell bei den homosexuellen Opfern des Nazi-Regimes entschuldigt und mit einer Ergänzung des NS-Aufhebungsgesetzes symbolisch alle Urteile aus der NS-Zeit aufgehoben.
12. Juli 2010. In nächster Zeit werden in Gelsenkirchen Stolpersteine für homosexuelle Männer, die während der NS-Zeit verfolgt und von den Nazis ermordet wurden, verlegt. Dem Arbeitskreis Stolpersteine Gelsenkirchen liegen nun Namen und Verfolgungsschicksale von Männern vor, die wegen ihrer Homosexualität von den Nazis entrechtet, gedemütigt und ermordet wurden. Die Nazis sahen männliche Homosexualität als ein "entartetes Verhalten an, das die Leistungsfähigkeit des Staates und den männlichen Charakter des deutschen Volkes bedrohe". Homosexuelle Männer wurden oftmals als "Volksfeinde" denunziert. Sie wurden beschuldigt, die öffentliche Moral zu zerrütten und die Geburtenrate in Deutschland zu gefährden. Hunderttausende homosexuelle Männer wurden durch den NS-Staat erfasst und verfolgt, annähernd 10.000 von ihnen wurden ermordet, darunter auch Männer aus Gelsenkirchen.
Jürgen Wenke, Vorsitzender des Vereins Rosa Strippe e.V. in Bochum, übernimmt die Patenschaft für einen Stolperstein, der an einen Menschen aus Gelsenkirchen erinnern wird, der wegen seiner Homosexualität von den Nazis verfolgt und ermordet wurde. In Kooperation mit Jürgen Wenke - der in Kürze die Gedenkstätte Buchenwald besuchen wird - werden wir gemeinsam weitere Verfolgungschicksale homosexueller Männer mit Bezug zu Gelsenkirchen recherchieren und dokumentieren.
Weitere Stolpersteine in Gelsenkirchen verlegt
Stolperstein-Verlegung am 22. Juni 2010 in Gelsenkirchen, Wildenbruchstraße
Für Helene Lewek wurde ein zweiter Stolperstein am ehemaligen Standort der Ausstellungshalle an der Wildenbruchstraße verlegt. Hier mußte dem Gehweg-pflaster mit schwerem Gerät zu Leibe gerückt werden. Ulrich Hildebrand von Straßen.NRW stellte uns freundlicherweise den dazu notwendigen Stromanschluß zur Verfügung.
22. Juni 2010. Heute, am 69. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, wurden in Gelsenkirchen Stolpersteine verlegt. Ursprünglich sollte die Verlegung dieser Stolpersteine im Februar stattfinden. Der anhaltende starke Frost verhinderte seinerzeit jedoch die Verlegung. Die verbliebenen 9 Stolpersteine wurden heute an sechs Verlegeorten in das Pflaster der Gehwege eingelassen. Begleitet wurden die Verlegungen auch von Mitgliedern des jüdischen Kulturvereins KINOR. Die Gründerin des Vereins, Elena Gubenko, hat die Patenschaft für den Stolperstein übernommen, der am Neustadtplatz 6 an Helene Lewek erinnert.
Die Nazis hatten die Ausstellungshalle 1942 als "Juden-Sammellager" für den ersten Todestransport aus Gelsenkirchen nach Riga am 27. Januar 1942 genutzt. Auch Helene Lewek wurde dort eingepfercht. Die unmittelbar bevorstehende Deportation veranlasste sie, noch in dem Sammelager die Flucht in den Tod zu wählen. Kantor Yuri Zemski betete an der Wildenbruchstrasse für alle NS-Opfer, die aus dem "Sammellager" in den Tod deportiert wurden.
Weitere Verlegeorte waren an der Augustastrasse 7, dort erinnern nun zwei Stolpersteine an die Schwestern Zorek. An der Bochumer Strasse 45 wurde ein Stolperstein für Hulda Silberberg, die wie Helene Lewek die Flucht in den Tod wählte, verlegt. An der Kurt-Schumacher-Strasse 10 wird mit drei Stolpersteinen an die Familie Haase erinnert. Für den Widerständler Paul Bukowski wurde der Stolperstein an der Zollvereinstrasse 4 verlegt. Heike Jordan verlas die Verfolgungschicksale der Menschen.
Leo Farnin, ein jüdischer Steinmetz aus der Ukraine, bereitete die Verlegestellen durch Aufbrechen des Gehwegpflasters vor und führte die ergänzenden Pflasterarbeiten aus. Die Stolpersteine selbst wurden dann von Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) verlegt. "Bei den symbolischen Verlegungen im Februar hat Gunter Demnig mir diese Aufgabe übertragen" sagte Jordan, und weiter: "Es ist eine besondere Ehre für mich, selber Stolpersteine verlegen zu dürfen". Der Kantor Yuri Zemski sang an vier Verlegeorten das Gebet "El Male Rachamim". Die heutige Stolperstein-Verlegung wurde videografisch von Jesse Krauß und fotografisch von Werner Neumann begleitet.
Gelsenkirchen: 9 Stolpersteine werden verlegt
8. Juni 2010. Am 22. Juni 2010 werden in Gelsenkirchen an sechs Orten STOLPERSTEINE des Kölner Künstlers Gunter Demnig verlegt, die an einst hier lebende Menschen erinnern sollen. Die STOLPERSTEINE konnten im Februar wegen dem anhaltenden Frost nicht verlegt werden. Es werden am 22. Juni insgesamt 9 STOLPERSTEINE in der nachfolgend aufgeführten Reihenfolge im Abstand von jeweils etwa 30 Minuten in den Boden eingelassen.
An der Augustastrasse werden um 8:00 Uhr zwei STOPLPERSTEINE für Margit und Annemarie Zorek verlegt. Die Schwestern wohnten in der Hausnummer 7. Im Januar 1942 wurden Margit und Annemarie Zorek nach Riga deportiert. Im Juli 1944 bei einer der "Aktionen" des Dr. Krebsbach wurden die Geschwister im KZ Kaiserwald ermordet.
An der Bochumer Strasse 45 lebte Hulda Silberberg. Hier wird ein STOLPERSTEIN daran erinnern, dass Hulda Silberberg angesichts der bevorstehenden Deportation im Januar 1942 die Flucht in den Tod wählte.
Am Neustadtplatz 6 (Früher Moltkeplatz) wird der STOLPERSTEIN verlegt, der an Helene Lewek erinnern wird, die dort einst gewohnt hat. Helene Lewek wählte im Sammellager an der Wildenbruchstrasse unmittelbar vor der Deportation im Januar 1942 die Flucht in den Tod. Am Standort des Sammellagers (ehemalige Ausstellungshalle) an der Wildenbruchstrasse wird ein STOLPERSTEIN an ihren Tod erinnern.
An der Kurt-Schumacher-Strasse 10 (früher Kaiserstrasse) wohnte die Familie Haase. Das Haus der Familie steht heute nicht mehr. Sally Haase wurde 1938 verhaftet und im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Er floh nach der Entlassung nach Belgien und weiter nach Frankreich. Dort wurde er über das KZ Drancy 1942 nach Auschwitz verschleppt, wo er 1944 ermordet wurde. Tochter Margot konnte mit der Hilfe von Verwandten in die USA emigrieren. Ehefrau Carola und die Kinder Bernd und Ingrid wurden im Januar 1942 nach Riga, dann in das KZ Stutthof verschleppt und dort 1945 ermordet. Bernd überlebte und emigrierte 1947 in die USA.
An der Zollvereinstrasse 4 wird mit der Verlegung eines STOLPERSTEINS an den dort einst lebenden Paul Bukowski erinnert. Am 7. August 1943 wurde Paul Bukowski als Mitglied einer Widerstandsgruppe vom "Volksgerichtshof" wegen “Vorbereitung zum Hochverrat in Verbindung mit Feindbegünstigung” zum Tode verurteilt und am 20. April 1944 in Plötzensee hingerichtet.
Weitere STOLPERSTEINE werden verlegt
6. Juni 2010. "Mir war es immer wichtig, alle Opfergruppen einzubeziehen", sagt Gunter Demnig. "Dazu gehören Juden, Zigeuner, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas und Euthanasieopfer gleichermaßen". So wird bei der nächsten Verlegeaktion von Gunter Demnigs STOLPERSTEINEN in Gelsenkirchen an jüdische NS-Opfer, an Zeugen Jehovas, an Widerständler und an ein Opfer der NS-Kindereuthanasie vor den letzten Wohnorten der Verfolgten erinnert. Der Arbeitskreis hat nach umfangreichen Recherchen Dokumentationen der Verfolgungschicksale erarbeitet.
Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist
13. Mai 2010. In Gelsenkirchen sind in den letzten Tagen weitere STOLPERSTEIN-Patenschaften für das jüdische Ehepaar Moritz und Toni Meyer sowie den Widerständler Fritz Rahkob übernommen worden.
Die Familie Tepper
11. Mai 2010. Salomon Tepper lebte zusammen mit seiner Familie in Gelsenkirchen, bis die Nazis ihn im Zuge der so genannten "Euthanasie-Aktion" in die Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn einwiesen. Auf Anordnung des Reichsministerium des Inneren wurden 1940 alle jüdischen Patienten und Patientinnen, die in Heil- und Pflegeanstalten des Deutschen Reiches untergebracht waren, in Bendorf-Sayn bei Koblenz zusammengefasst. Nachdem die "Euthanasie-Aktion" im August 1941 "offiziell" eingestellt worden war, erfolgte ab 1942 die Verschleppung der jüdischen Patienten und Patientinnen in die Vernichtungslager im besetzten Osteuropa.
So wurde auch Salomon Tepper Ende April zusammen mit anderen Menschen von Bendorf-Sayn in das Ghetto Krasniczyn deportiert. Seine Frau und seine beiden Töchter wurden in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet. Ein Sohn konnte in die USA flüchten. Für die jüdische Familie Tepper sollen bald an ihrem letzten Wohnort in Gelsenkirchen STOLPERSTEINE verlegt werden.
Erschlagen, erschossen und zertreten
10. Mai 2010. Mit diesen Worten beschrieb Zeitzeugin Rosa Eck in Ihren lebensgeschichtlichen Erinnerungen den Mord an Erich Lange. Bei den nächsten Verlegungen in Gelsenkirchen soll nun der STOLPERSTEIN für Erich Lange verlegt werden. Für diesen STOLPERSTEIN ist bereits eine Patenschaft übernommen worden. Erich Lange wurde am Rundhöfchen in der Gelsenkirchener Innenstadt von SS-Leuten in der Nacht vom 21/22. März 1933 ermordet. Erich Lange, der bis 1932 Mitglied der Schutzstaffel der NSDAP (Abkürzung SS) war, hatte sich frühzeitig gegen die Nationalsozialisten gestellt und wurde Mitglied der KPD und des "Kampfbundes gegen den Faschismus". Die Nazis sahen das als "Verrat" an und ermordeten Erich Lange.
Plötzlich war die Iri verschwunden
9. Mai 2010: "Wir haben als Kinder zusammen gespielt" erzählt Ingrid Sauerbaum, die Patin für den STOLPERSTEIN, der Astrid Steiner gewidmet werden soll. Und weiter: "Plötzlich war die Iri, wie wir sie nannten, nicht mehr da. "Sie ist in ein Krankenhaus gekommen" sagte ihre Mutter damals. Nie habe ich meine Spielkameradin wiedergesehen".
Nach den Recherchen des Arbeitskreises STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen ist Astrid Steiner zunächst wegen "mongoloider Idiotie" im März 1942 im Alter von 9 Jahren in die Provinzialheilanstalt Aplerbeck eingewiesen worden, im September 1943 wurde sie in die Provinzialheilanstalt Marsberg verlegt. Dort verstarb sie lt. der Patientenakte infolge "Herzschwäche bei angeborener Körperschwäche". Für Astrid "Iri" Steiner soll ein STOLPERSTEIN an der Polsumer Strasse 158 in Gelsenkirchen verlegt werden.
Ein Stein, ein Name, ein Mensch - STOLPERSTEINE werden verlegt
3. Mai 2010. Im Februar verhinderte der strenge und anhaltende Frost die Verlegung von STOLPERSTEINEN. Lediglich vier der ursprünglich geplanten 13 STOLPERSTEINE konnten am 9. Februar verlegt werden, die verbliebenen STOLPERSTEINE sollen nun am 22. Juni 2010 verlegt werden.
Der Arbeitskreis STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen hatte sich im Februar an das Gelsenkirchener Tiefbauamt gewandt und um Mithilfe bei den Verlegungen der verbliebenen STOLPERSTEINE gebeten. Die STOLPERSTEINE sollten in Absprache mit dem Kölner Künstler Gunter Demnig durch den Initiator des Projektes in Gelsenkirchen zu einem späteren Zeitpunkt verlegt werden. Der Arbeitskreis STOLPERSTEINE Gelsenkirchen wandte sich dann an das hiesige Tiefbauamt und erbat Hilfestellung beim Aufbrechen der Gehweg-Pflasterung, das wurde bisher unter Hinweis auf die angespannte Haushaltslage und der dünnen Personaldecke im Tiefbauamt seitens der Stadt abgelehnt.
Nach Protesten verschiedener STOLPERSTEIN-Initiativen aus anderen Städten der Bundesrepublik gegen die ablehnende Haltung der Stadtverwaltung stellte Oberbürgermeister Baranowski dann Anfang März eine Prüfung der bisherigen Ablehnung in Aussicht, Zitat: (...) "Wir schauen unter diesem Gesichtspunkt noch einmal, ob es nicht doch einen Ansatz gibt, zu helfen." (...)
Nach einer daraufhin erfolgten Rückfrage des Arbeitskreises an den zuständigen Abteilungsleiter beim Gelsenkirchener Tiefbauamt Mitte März und erfolgten Planungsänderungen in der Sache ist eine zugesagte Antwort seitens des Tiefbauamtes leider bis heute ausgeblieben. Die Verlegungen im Juni werden nun mit der handwerklichen Hilfe eines Steinmetzes vorgenommen, der das Projekt STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen ehrenamtlich unterstützt.
Hilden: Ein STOLPERSTEIN für Tobias Kopf
14. April 2010.: Tobias Kopf wurde am 2. Februar 1883 in Rozniatowo (Galizien) geboren und kam 1902 nach Deutschland. 1913 kam er mit seiner Familie nach Hilden, wo er mit seiner Frau ein Schuhgeschäft führte. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten übertrug Tobias Kopf das Geschäft 1929 auf seine Frau. Durch die 1933 erlassenen "Nürnberger Gesetze" wurde die wirtschaftliche Situation der Familie Kopf zusehends schlechter. So konnte auch die Familie ab 1933 ihr Schuhgeschäft nicht weiterführen, erschwerend kam noch hinzu, dass sie polnische Staatsbürger waren. Eine Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung wurde im Mai 1934 vom Landrat daran geknüpft, dass die vorhandenen Steuerrückstände zu begleichen seien. Deshalb mußte Tobias Kopf Arbeit suchen.
Er verließ Hilden und ging nach Gelsenkirchen, wo er ab 1935 gemeldet war. Seine Familie blieb jedoch in Hilden. Sophie Kopf heiratete im März 1938 in Hilden Kurt Israel und wanderte unmittelbar danach zu den Schwiegereltern nach Amsterdam aus. Von dort wurde sie nach dem Einmarsch der Deutschen 1942 deportiert und am 31.08.1942 in Auschwitz ermordet.
Als Rache für die Erschießung des Nazi-Diplomaten Ernst Eduard vom Rath durch einen jungen Emigranten aus Deutschland, wies die Regierung des Dritten Reichs 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit aus Deutschland aus. Die so genannten "Ostjuden" wurden am 28. und 29. Oktober 1938 im Rahmen der so genannten "Polen-Aktion" über Nacht nach Polen abgeschoben. Die Nazis machten sich dabei eine Verordnung der polnischen Regierung vom 6. Oktober 1938 über die Gültigkeitsdauer polnischer Pässe zunutze. Da diese Juden nicht nach Polen hereingelassen wurden, irrten die Ausgewiesenen lange an der polnischen Grenze in der Gegend von Bentschen (Zbaszyn) umher.
Bereits Ende Januar 1939 kam es auf diplomatischen Kanälen zu einem Agreement zwischen deutscher und polnischer Regierung über eine kurzfristige Rückkehr-Erlaubnis für einige der Deportierten. Diese sollten Gelegenheit erhalten, persönliche Vermögensverhältnisse (meist vor dem Hintergrund von "Arisierungen") abzuwickeln. Marianne Kopf kam noch einmal Anfang Juli 1939 nach Hilden, seit dem 6. Juli 1939 gilt sie
als verschollen.
Tobias Kopf verlegte seinen Lebensmittelpunkt dann ganz nach Gelsenkirchen, zumal er dort Verwandschaft hatte. Am 27. Januar 1942 wird Tobias Kopf zusammen mit rund 350 anderen Gelsenkirchener Juden nach Riga deportiert. Sein Name steht in der Deportationsliste vom 27. Januar 1942, letzte Wohnanschrift: Schalkerstrasse 51. In einer Liste der Jüdischen Kultusgemeinde Gelsenkirchen vom 4. Juni 1946 wird
dokumentiert, dass Tobias Kopf, geb. am 2.2.83 in Rozniatow, verh., im November 1943 ermordet worden ist. (lt. Gedenkbuch BA Riga, Ghetto)
Im Juli 2009 verlegte Gunter Demnig in Hilden drei STOLPERSTEINE für Angehörige der jüdischen Familie Kopf. Diese drei STOLPERSTEINE bringen die Ermordeten symbolisch wieder an ihren Wohn- und Heimatort zurück.
STOLPERSTEINE für Zeugen Jehovas
3. April 2010. Zum Gedenken an eine weitere Gruppe von Opfern des Nationalsozialismus sollen bei der nächsten Verlegeaktion von STOLPERSTEINEn auch vier STOLPERSTEINE für Zeugen Jehovas in Gelsenkirchen verlegt werden. Die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas (bis 1931 unter dem Namen "Bibelforscher" bekannt) verweigerte jede Zusammenarbeit mit dem NS-Staat, so auch den so genannten "Hitlergruß" und die Wehrpflicht und wurde schließlich 1933 verboten. Mehr als 13.000 Zeugen Jehovas wurden von den Nazis in den Konzentrationslagern inhaftiert, annähernd 2.000 wurden ermordet.
Mit Unterstützung des Zentralarchivs der Zeugen Jehovas in Deutschland konnten jetzt vier NS-Verfolgungsschicksale von Mitgliedern der Religionsgemeinschaft mit Lebensmittelpunkt Gelsenkirchen dokumentiert werden. In Gelsenkirchen erinnerte bislang kein Denk- oder Mahnmal an die Verfolgung und Ermordung von Zeugen Jehovas aus unserer Stadt.
Tiefbauamt Gelsenkirchen sieht bisher keine Möglichkeit der Mithilfe
Auch der STOLPERSTEIN für Helene Lewek wartet auf seine Verlegung. Am 9. Februar 2010 konnte der STOLPERSTEIN für Helene Lewek am Verlegeort nur symbolisch niedergelegt werden.
31. März 2010. Wir berichteten am 27.2.2010 erstmalig darüber: Nachdem aufgrund der anhaltenden Frostperiode am 9. Februar 2010 von 13 STOLPERSTEINEn nur 4 der Mahnmale verlegt werden konnten, hat sich der Arbeitskreis STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen an Herrn Stappert (Abteilungsleiter Strassenbau) gewandt und Mithilfe durch das Tiefbauamt bei der Nachverlegung der verbliebenen 9 STOLPERSTEINE erbeten. Es soll an sechs Verlegeorten das Pflaster der Gehwege aufgenommen werden, so dass die nur 10×10 cm großen STOLPERSTEINE von Gelsenzentrum e.V. verlegt werden können. Das wurde bisher unter Hinweis auf finanzielle und personelle Engpässe vom Tiefbauamt der Stadt Gelsenkirchen abgelehnt. Daraufhin wurden von verschiedenen STOLPERSTEIN-Initiativen in ganz Deutschland Protestnoten an den Gelsenkirchener Oberbürgermeister Baranowski gesandt. Dieser stellte dann Anfang März in Aussicht, man wolle in der Sache “noch einmal schauen, ob es nicht doch einen Ansatz gibt, zu helfen.” Eine daraufhin erfolgte erneute Anfrage seitens der örtlichen Initiatoren des STOLPERSTEIN-Projekts in Gelsenkirchen an die zuständige Abteilung des Tiefbauamtes blieb bisher ohne Antwort.
In rund 95% aller Kommunen unterstützen die Tiefbauämter das Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig, nicht so in Gelsenkirchen. In einer Stadt, die händeringend um Imagepflege bemüht ist, sieht man sich mit fadenscheinigen Begründungen außerstande, das größte dezentrale Holocaust-Mahnmal durch die Mithilfe des Tiefbauamtes zu unterstützen, obwohl Gelsenkirchen durch die bereits verlegten STOLPERSTEINE ein Teil dieses Gedenkprojektes geworden ist.
Bei allem Verständnis für die angespannte Haushaltslage der Stadt Gelsenkirchen, wir reden hier von einem relativ geringen Arbeits- und Zeitaufwand. Die Verlegeorte sind an der Zollvereinstrasse, der Kurt-Schumacher-Strasse, der Bochumer Strasse, an der Wildenbruchstrasse, dem Neustadtplatz und der Augustastrasse. Sie liegen somit in einem räumlich und zeitlich überschaubaren Bereich. Es sollte doch möglich sein, hier entsprechend Hilfestellung bei der Verlegung der STOLPERSTEINE zu geben.
Wider dem Vergessen - Zeitzeugen gesucht
23. März 2010. Wir wollen das Gedenken an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft lebendig halten und suchen Menschen aus Gelsenkirchen, die uns ihre Erlebnisse im so genannten "Dritten Reich" schildern. Menschen, die vom Terror und der Gewalt der Nazis berichten wollen. Wie wurde der nationalsozialistische Alltag erlebt, wie ist man damit umgegangen, wenn Menschen aus dem direkten Umfeld einfach "verschwanden"? Wir haben so viele Fragen - bitte antworten sie uns. Tragen sie mit ihren lebensgeschichtlichen Erinnerungen dazu bei, das die nachfolgende Generationen nicht vergessen mögen, was unter der Hitlerschen Gewaltherrschaft geschah. Sie erreichen uns telefonisch: (0209) 9994676 oder schreiben sie uns eine Email: → STOLPERSTEINE Gelsenkirchen.
Unsere Postanschrift:
Gelsenzentrum e.V.
c/o Jordan
Devenstrasse 111
D-45899 Gelsenkirchen
STOLPERSTEINE: Mit der Zeitzeugin Ingrid Neumann auf Spurensuche
12. März 2010. Als Kind mußte Ingrid Neuman miterleben, wie Ihre jüdischen Spielkameraden zusammen mit den Eltern von den Nazis abgeholt worden sind. "Wir waren Nachbarn der Familie Spiegel, die Kinder Sally und Ruth waren unsere Freunde, wir spielten täglich zusammen im Hof . Eines Tages im Jahre 1942 fuhr plötzlich ein LKW in unsere Hofeinfahrt an der heutigen Kirchstrasse 65 und blieb dort mit laufendem Motor stehen. Männer in brauner Uniform sprangen heraus, zwei der Männer rannten auf den damals zehnjährigen Sally Spiegel und seine fünfjährige Schwester Ruth zu und ergriffen die Kinder. Zwei weitere Braunhemden holten die Eltern aus der Wohnung in der ersten Etage.
"Genau hier stand der Lkw, mitten in der Einfahrt, den Zaun gab es damals nicht" sagt Frau Neumann
Im Eiltempo mussten die Eltern mit wenigen Habseligkeiten versehen unter wüsten Beschimpfungen auf den LKW hochsteigen, die Kinder wurden wie Pakete regelrecht hinterhergeworfen. Ich stand wie versteinert im Hof und beobachtete das Geschehen. Damals konnte ich noch nicht verstehen, was da vor meinen Augen geschah." Der alten Dame ist auch heute noch, 68 Jahre nach diesem Erlebnis, ihr Entsetzen anzusehen.
"Die ganze Zeit lief der Motor des Lastwagens, wohl um die Angstschreie zu übertönen. Ich sehe heute noch den mit seiner Menschenfracht davonbrausenden LKW, in dem unsere Freunde weggebracht wurden. Wir konnten uns ja nicht mal von ihnen verabschieden! Es kam nie wieder ein Lebenszeichen von Sally, Ruth und ihrer Familie. Mein ganzes Leben werde ich diese schrecklichen Szenen nicht vergessen. Mögen sich viele Paten für die STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen und anderswo finden, für all die Menschen, an die kein Grabstein erinnert." Ingrid Neumann will sich dafür einsetzen, das die STOLPERSTEINE des Kölner Künstlers Gunter Demnig bald vor dem Haus Kirchstrasse 65 an die jüdischen Nachbarn von einst erinnern. Der Arbeitskreis STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen recherchiert nun den Lebensweg der Familie Spiegel und will schon bald erste Ergebnisse vorlegen.
Tiefbauamt versagt Mithilfe
27. Februar 2010. Das Gelsenkirchener Tiefbauamt sieht sich außerstande, bei den Vorbereitungen der Verlegeorte für die STOLPERSTEINE des Künstlers Gunter Demnig behilflich zu sein. Im Februar konnten wegen dem anhaltenden Frost nur vier der geplanten 13 STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen verlegt werden. Die übrigen STOLPERSTEINE sollen nun im April durch den Verein Gelsenzentrum gesetzt werden. Im Zuge der Vorbereitungen wandte sich der Initiator des Projektes in Gelsenkirchen, der Horster Andreas Jordan, der auch Vorsitzender des Gelsenzentrum ist, an das zuständige Referat und bat um Mithilfe bei der Arbeit des Pflasteröffnens. In mehr als 95% aller Kommunen, in denen die Mahnmale gegen das Vergessen in das Pflaster der Gehwege eingelassen werden, unterstützen die zuständigen Abteilungen der Tiefbauämter die Aktion, nicht so in Gelsenkirchen.
Begründet wurde die Ablehnung jüngst mit der angespannten Haushaltssituation der Stadt Gelsenkirchen und der dünnen Personaldecke im Tiefbauamt. "Im übrigen gibt es Schwierigkeiten bei der Sicherung der vorbereiteten Verlegorte", so die Begründung des Tiefbauamtes, und weiter "Man sehe keine Möglichkeit, das Projekt STOLPERSTEINE in Gelsenkichen dahingehend zu unterstützen." Lediglich die kostenlose Bereitstellung von Pflastersteinen zum Auffüllen der Verlegestellen wurde angeboten. "Das Material können Sie sich vom Baufhof bei Bedarf abholen" so der zuständige Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Andreas Jordan dazu: "Diese Haltung gegenüber dem größten dezentralen Mahnmal der Welt in einer Stadt wie Gelsenkirchen, die händeringend um Imagepflege bemüht ist, ist sicherlich kein Ruhmesblatt für unsere Stadt".
Flyer STOLPERSTEINE Gelsenkirchen 2010
25. Februar 2010. Der neue Flyer der STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen jetzt hier zum Download und ausdrucken!
9. Februar 2010. Vier STOLPERSTEINE hat Gunter Demnig heute in Gelsenkirchen verlegt. Der anhaltende Bodenfrost machte die geplante Verlegung von neun weiteren STOLPERSTEINEn für den heutigen Tag erst einmal zunichte. Diese neun STOLPERSTEINE sollen nun in Kürze nach der zu erwartenden Wetterbesserung verlegt werden. "Einen neuen Verlege-Termin werden wir frühzeitig bekantgeben" - so eine Sprecherin der STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen.
Mit schwerem Gerät rückte Gunter Demnig heute dem gefrorenen Boden vor dem Förderturm der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen-Horst zu Leibe.
Die erste Verlegung konnte heute morgen bei leichtem Schneefall und Minustemperaturen in unmittelbarer Nähe des Schachtgerüstes der ehemaligen Zeche Nordstern in Horst mit dem Einsatz eines schweren elektrischen Bohrhammers im warsten Sinne des Wortes gestemmt werden. Gunter Demnig mühte sich redlich, den hartgefrorenen Boden für die Verlegung des STOLPERSTEINS für den belgischen Zwangsarbeiter Charles Ganty vorzubereiten. Ganty, der aus Jumet in der Nähe von Charleroi in Belgien stammte, wurde 1940 als Zivilarbeiter nach Deutschland "dienstverpflichtet". Er war ab Januar 1941 als Zwangsarbeiter auf der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen-Horst eingesetzt.
Wegen Arbeitssabotage von der Gestapo zunächst in ein so genanntes "Arbeitserziehungslager" eingewiesen, wurde Ganty nach Verpflichtung zu politischem Wohlverhalten im Sinne der Nazis zunächst entlassen und wegen kritischer Äußerungen am 31. August 1942 erneut festgenommen. Er wurde schließlich am 21. Mai 1943 vom
"Volksgerichtshof" zum Tode verurteilt und am 7. September 1943 in Plötzensee ermordet. An den nächsten geplanten Verlegeorten an der Zollvereinstaße 4, Kurt-Schumacher-Straße 10, Bochumer Straße 45, Neustadtplatz 6, Wildenbruchstraße und Augustastraße 7 wurden die STOLPERSTEINE lediglich symbolisch verlegt, der durchgefrorene Boden ließ die Verlegung der STOLPERSTEINE einfach nicht zu. Unterstrichen wurden die symbolischen Verlegungen durch das niederlegen einer weißen Rose.
An der Hauptstrasse 16 kam dann der Bohrhammer erneut zum Einsatz und so konnten dann die drei STOLPERSTEINE für Angehörige der jüdischen Familie Grüneberg, die hier einst lebte und arbeitete, in das Pflaster eingelassen werden. Der Gelsenkirchener Kantor Yuriy Zemskyi betete singend ein jüdisches Totengebet, das El male Rachamim für die Ermordeten der Familie Grüneberg. Eine Dortmunderin, die auch eine Patenschaft für einen STOLPERSTEIN übernommen hatte, verlas das Verfolgungsschicksal der Familie Grüneberg. Die einzig überlebende der Familie, Lore Buchheim geborene Grüneberg, lebt heute 85jährig in den USA.
Vortrag in der "flora"
Bild: Gunter Demnig beantwortet die Fragen der ZuhörerInnen
08. Februar 2010. Gestern Abend hielt Gunter Demnig einen Vortrag in der Gelsenkirchener "flora". Eindrucksvoll beschrieb der Kölner Künstler seinen künstlerischen Werdegang und sein Projekt STOLPERSTEINE gegen das Vergessen, das mittlerweile zu seinem Lebenswerk geworden ist. Annähernd 23.000 STOLPERSTEINE hat Demnig mittlerweile flächenbündig in die Gehwege vieler europäischer Länder eingelassen. Das Projekt STOLPERSTEINE hat sich so zum größten dezentralen Mahnmal der Welt entwickelt - Gelsenkirchen ist seit der ersten Verlegung von STOLPERSTEINEN im Sommer 2009 ein Teil dieses Mahnmals.
Von links: Heike Jordan, Initiator Andreas Jordan und Gunter Demnig, geistiger Vater des Projekts STOLPERSTEINE gestern Abend im Gelsenkirchener Kulturzentrum "flora"
Im Anschluss an den Vortrag stellten interessierte BesucherInnen Fragen zum Projekt STOLPERSTEINE, die der Kölner Künstler Gunter Demnig gerne beantwortete. Weitere Patenschaften für die STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen sind im Anschluß an den Vortrag übernommen worden.
Am Rande: Bei der Suche nach einem geeigneten Veranstaltungsort für einen Vortrag von Gunter Demnig hatte sich der Arbeitskreis des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum entschieden, das soziokulturelle Zentrum "die flora" in Gelsenkirchen anzufragen. Üblicherweise steht diese Einrichtung der Stadt Gelsenkirchen den lokalen Trägern freier Kulturarbeit, Vereinen und Initiativen zur Verfügung.
Unsere Anfrage, die auch die Vorstellung unseres Vereins und Eckdaten zur geplanten Veranstaltung enthielt, wurde jedoch von der Leiterin der Einrichtung, Frau Apfeld, mit den Worten "Sie bekommen "die Flora" nicht" ohne Angabe von Gründen abgewiesen. "(...) der Betreiber eines lokales Internetforums oder der ehemalige Kulturdezernent Rose könne "die flora für" den Vortrag von Demnig buchen", so Frau Apfeld weiter. Daraufhin wandten wir uns hilfesuchend mit der Bitte, diese für uns nicht nachvollziehbare Entscheidung zu prüfen, an Oberbürgermeister Baranowski. Kurze Zeit später erhielten wir dann ein Schreiben von dem Kulturdezernenten Dr. Beck, in dem dieser mitteilte, dass Frau Apfeld angewiesen wurde, mit uns Kontakt aufzunehmen, um die Modalitäten einer Anmietung für den Abend mit Gunter Demnig zu klären. Auch daran wird wieder einmal deutlich, wie von verschieden Seiten versucht wird, die Umsetzung des Projektes "Stolpersteine in Gelsenkirchen" zu behindern.
Zwei STOLPERSTEINE für Helene Lewek
07. Januar 2010. Für Helene Lewek werden am 9. Februar 2010 zwei STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen verlegt. Ein STOLPERSTEIN wird am Standort der ehemaligen Ausstellungshalle an der Wildenbruchstrasse verlegt, dort entzog sich Helene Lewek der Deportation, in dem Sie die Flucht in den Tod wählte. Dieser STOLPERSTEIN wird auch an die jüdischen Menschen aus Gelsenkirchen erinnern, die in der Ausstellungshalle gesammelt wurden, bevor man Sie am 27. Januar 1942 nach Riga in Lettland deportierte. Die meisten von ihnen wurden in Riga von den Nazis ermordet, nur einige wenige überlebten das Grauen. Der zweite STOLPERSTEIN wird am letzten selbstgewählten Wohnort von Helene Lewek am damaligen Moltkeplatz 6, dem heutigen Neustadtplatz 6, verlegt.
Jeder Name ist ein Mensch, jeder Name ist eine Seele
21. Dezember 2009. Passanten können sie nur mit gesenktem Blick identifizieren: die STOLPERSTEINE des Künstlers Gunter Demnig. 20.000 Stück gibt es mittlerweile in Europa. Ein STOLPERSTEIN ist eine Erinnerung an ein Leben, dass das NS-Regime ausgelöscht hat. Der Arbeitskreis STOLPERSTEINE des gemeinnützigen Vereins GELSENZENTRUM e.V. wird am 9. Februar 2010 weitere STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen verlegen lassen.
Andreas Jordan, Initiator des Arbeitskreises STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen, dem jüngst für seine Gedenkarbeit von Yad Vashem gedankt wurde: "2009 haben wir die ersten sechs Stolperteine in Gelsenkirchen verlegt, der Arbeitskreis STOLPERSTEINE des GELSENZENTRUM e.V. recherchierte weitere Lebensschicksale von NS-Opfern aus unserer Stadt, so dass im Februar 2010 durch Gunter Demnig, dem Vater des Projektes weitere zwölf STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen verlegt werden können". Die Messing-Gedenktafeln werden flächenbündig in die Gehwege vor den Häusern, in denen die Menschen einst gelebt haben, eingelassen. "Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen über die STOLPERSTEINE. Und wenn du den Namen lesen will, muss du dich vor dem Opfer automatisch verbeugen", so der Kölner Künstler Gunter Demnig. Finanziert werden die STOLPERSTEINE durch Patenschaften, die von Privatleuten, Institutionen, Firmen, Vereinen und Verbänden übernommen werden können.
Am 9. Februar 2010 werden in Gelsenkirchen STOLPERSTEINE für diese Menschen verlegt:
Charles Ganty
Verlegeort : Am Bugapark 1 - 9:00 Uhr
Paul Bukowski
Verlegeort: Zollvereinstrasse 4 - 9:20 Uhr
Sally Haase, Carola Haase, geborene Cossmann und Ingrid Haase
Verlegeort: Kurt-Schumacher-Strasse 10 - 9:40 Uhr
Margit Zorek und Annemarie Zorek
Verlegeort: Augustastrase 7 - 10:40 Uhr
Paul Grüneberg, Helene Grüneberg georene Levy, Helene "Hella" Grüneberg
Verlegeort: Hauptstrasse 16 - 11:00 Uhr
(Die angegebenen Uhrzeiten der jeweiligen Verlegung können ggf. abweichen)
"Mit der Verlegung eines jeden STOLPERSTEINS kehren die Namen der Menschen in unser Bewußtsein zurück. Erst wenn auch die letzten Spuren der Menschen vergessen sind, haben die Mörder von damals ihr Werk vollendet."
Heike Jordan, Arbeitskreis STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen
Vortrag: STOLPERSTEINE gegen das Vergessen
5. Dezember 2009. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat die Einladung des gemeinnützigen Vereins GELSENZENTRUM E. V. angenommen und wird über die Entwicklung seines Projektes "STOLPERSTEINE - gegen das Vergessen" sprechen. Der Vortrag ist auch Auftakt für die am nachfolgenden Tage in Gelsenkirchen stattfindenden STOLPERSTEIN-Verlegungen. Vortragsdauer ca. 50 Minuten. Anschließend besteht die Möglichkeit, dem Künstler Gunter Demnig Fragen zum Gesamtprojekt zu stellen.
Veranstaltungsbeginn: 8. Februar 2010, 19:00 Uhr
Veranstaltungsort: Kulturraum "die flora", Gelsenkirchen, Florastraße 26
Voranmeldung erforderlich! Per Telefon unter 0209 9994676 oder per Email an a.jordan@gelsenzentrum.de
Veranstalter: GELSENZENTRUM e.V.
Düsseldorf: Jüdische Gemeinde ehrt STOLPERSTEINE-Künstler Gunter Demnig
Abb.: Gunter Demnig sagt: "Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen über die STOLPERSTEINE. Und wenn man den Namen lesen will, muss man sich vor dem Opfer automatisch verbeugen."
23. September 2009. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat am Mittwoch für sein europaweites "STOLPERSTEIN" - Projekt, das an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert, die Josef-Neuberger-Medaille erhalten. Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf ehrt mit der Auszeichnung nichtjüdische Persönlichkeiten, die sich in besonderer Weise um die jüdische Gemeinschaft verdient gemacht haben.
Demnig verlegt bundesweit, mittlerweile auch europaweit seit mehr als zehn Jahren sogenannte STOLPERSTEINE vor den letzten Wohnungen von NS-Opfern. Auf den kleinen, flächenbündig in den Gehweg eingelassenen Stolpersteinen stehen ihre Namen, das Geburtsjahr und - sofern bekannt - das Schicksal sowie der Todestag. Für Demnig ist "ein Mensch erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist". In der Begründung stellte die Jury fest: "Mit seinem Projekt erinnert er auf außergewöhnliche und sehr eindringliche Weise an die Opfer des NS-Regimes." Bei einer Feierstunde sagte der Gemeindevorsitzende Juan-Miguel Strauss vor etwa 350 Gästen, dass der Künstler den NS-Opfern ein Stück Würde und Individualität wiedergebe. Der ehemalige Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, Werner Schäfke, stellte in seiner Laudatio heraus, dass Demnig mit seiner Aktion direkt in den Alltag der Menschen eingreife und sie mit der Vergangenheit konfrontiere. Die STOLPERSTEINE stünden so im Gegensatz zu anderen Gedenkstätten, die nicht alle Menschen erreichten.
Demnig verlegte 1996 den ersten STOLPERSTEIN in Köln, anfangs noch illegal. Erst im Nachhinein wurde die Aktion von den Behörden genehmigt. Mittlerweile hat der gebürtige Berliner in Europa weit mehr als 20.000 STOLPERSTEINE an mehr als 500 Orten verlegt. In Gelsenkirchen liegen seit dem 13. Juli 2009 die ersten sechs STOLPERSTEINE. Die nach dem ehemaligen nordrhein-westfälischen Justizminister und jüdischen Gemeindemitglied Josef Neuberger (1902-1977) benannte Medaille wird seit 1991 jährlich verliehen. Zu den bisherigen Trägern gehören unter anderem Angela Merkel und die früheren Bundespräsidenten Roman Herzog und Johannes Rau.
Patenschaft
18. September 2009. Mr. Yehuda Kaplan, USA will die Patenschaft für einen STOLPERSTEIN übernehmen, der Ida Apter gewidmet werden soll. Ida Apter ist bei der Bombardierung der Gelsenberg Benzin AG am 11. September 1944 getötet worden. Sie war von den Nazis aus dem KZ Auschwitz-Birkenau zur Sklavenarbeit in das KZ-Außenlager Buchenwald - dem Gelsenberglager in Horst - deportiert worden.
Patenschaften
12. September 2009. Mr. Eugene Black, UK hat mir heute im persönlichen Gespräch mitgeteilt, dass er die Patenschaft für zwei STOLPERSTEINE übernehmen will. Die STOLPERSTEINE sollen seinen Schwestern Jolan und Paula Schwartz gewidmet werden, die Schwestern sind am 11. September 1944 bei einem Bombenangriff auf das KZ-Außenlager Buchenwald - dem Gelsenberglager in Horst - getötet worden. Ihnen war als Jüdinnen der Zutritt zu Bunkern und Splitterschutzgräben verboten.
Gedanken zur STOLPERSTEIN-Verlegung
16. Juli 2009. Pito schreibt: "Ich war mit der Erwartung gekommen, einer kleinen, feierlichen Zeremonie beizuwohnen. Die Stimmung würde ein wenig traurig sein und die Menschen ganz andächtig, aber auch glücklich, über das Zeichen, das hier gesetzt wird. Und so war es im Grunde ja auch, von allem etwas.
Doch dazu kam noch ein ganz anderes, unerwartetes Element. Günther Demnig stellte seine ollen Eimer mit den vielen Werkzeugen ab und machte sich sofort und routiniert an die Arbeit. Er hebelte den Pflasterstein aus seinem Loch, schaufelte die Erde darunter weg und setzte den STOLPERSTEIN ein. An einem der Verlegeorte passte der nicht so richtig. Also flugs zu Hammer und Meißel gegriffen und den STOLPERSTEIN unten etwas gekürzt. Kaum ist er dann ins Loch gesetzt wird er nochmal kräftig festgeklopft. Boff! Boff! Sand darüber, in die Ritzen gewischt, etwas Wasser darauf, dann Sand und Erde weggefegt, den STOLPERSTEIN noch mal abgewischt. Fertig.
Alle Anwesenden schauten dieser kleinen "Performance" fasziniert zu. Da tat ein Handwerker seine Arbeit, nicht mehr und nicht weniger. Mit seinen Händen machte er, quasi stellvertretend für uns andere, ein ganz kleines Stückchen des großen Unrechts wieder gut, das sich in diesem Lande zugetragen hat. Und durch dieses einfache und so ganz und gar unprätentiöse Arbeiten mit Stein und Erde und Sand wurde deutlich: jetzt sind diese Menschen wirklich wieder da. Sie sind in den Alltag zurückgekehrt. Sie haben Namen und sie gehören wieder dazu."
Nun gibt es sie auch in Gelsenkirchen: STOLPERSTEINE des Kölner Künstlers Gunter Demnig
15. Juli 2009. Am 13. Juli wurden an drei Verlegeorten in Gelsenkirchen 6 STOLPERSTEINE für jüdische Opfer der Shoa verlegt, an der Markenstrasse 19 in Horst für Simon und Frieda Neudorf, an der Florastrasse 84 für Regina Spanier und an der Kolpingstrasse in der City für Fritz und Grete Goldschmidt sowie für Mathilde Wertheim geborene Goldschmidt. Sie alle wurden vom Sammelort auf dem Wildenbruchplatz (ehemamlige Ausstellungshalle) am 27. Januar 1942 in den Tod deportiert.
Abb.: Verlegung an der Markenstrasse 19, STOLPERSTEINE für Simon und Frieda Neudorf
Im Rahmen einer kleinen Zeremonie wurde den ermordeten Menschen am Verlegeort gedacht, während der Künstler die STOLPERSTEINE verlegte, verlas Andreas Jordan, Initiator des STOLPERSTEIN-Projekts in Gelsenkirchen, die lebensgeschichtlichen Daten der Menschen. An der Markenstrasse verlas er Worte und Gedanken des überlebende Sohnes Herman Neudorf, der heute in den USA lebt. Eine rote Rose mit schwarzer Schleife wird auf auf den Gehweg niedergelegt, dann beteten Yuriy Zemskyi bzw. Mirjam Lübke das jüdische Totengebet “El male rachamim” für die auf dem STOLPERSTEIN genannten Menschen. Während der Gebete schien die Zeit still zu stehen. Zwei Schülerinnen der Gerhard-Hauptmann Realschule, Jennifer Fischer und Franziska Dutka, begleiteten für Radio Herby (Radioprojekt der Schule) die gesamte Veranstaltung mit dem Mikrofon und interviewten Teilnehmer und Teilnehmerinnen.
Abb.: Die ersten STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen-Horst erinnern an Simon und Frieda Neudorf
An der Florastrasse 84 verlas die Patin des Stolpersteins für Regina Spanier, Frau Elisabeth Schulte-Huxel, Auszüge aus der Lebensgeschichte von Regina Spanier und übermittelte Grüße und Dank der überlebenden Enkelin, Frau Ilse Reifeisen-Hallin, die heute in Schweden lebt.
Esther Goldschmidt, die zur Verlegung eigens aus Flensburg anreiste, verlas am Verlegeort an der Kolpingstrasse 6 einen Brief, den Sie an Ihre sel. Angehörigen Fritz und Grete Goldschmidt sowie Mathilde “Tilla” Wertheim, geborene Goldschmidt gerichtet hatte. Bewegende Zeilen, bei denen viele der Teilnehmer und Zuschauer Ihre Emotionen kaum verbergen konnten, es flossen Tränen. Die an den Verlegungen anschließende Matinee im Bildungszentrum bildete den Abschluß dieses denkwürdigen Tages. Lothar Lange führte durch die Abschlußveranstaltung, Gunter Demnig erläuterte sein Projekt Stolpersteine, Peter Rose, Kulturdezernent a.D. erinnerte an den Nazi-Terror, Frau Schulte-Huxel berichtete aus dem Leben von Regina Spanier, Andreas Jordan fasste die Entwicklung seiner Bemühungen um das Stolperstein-Projekt zusammen und Esther Gold- schmidt las aus den Briefen, die Ihre Tante Hilde Laut, die heute in den USA lebt, 67 Jahre aufbewahrt hat. Briefe der Menschen, die kurz vor Ihrer Deportation und anschließender Ermordung verfasst worden sind.
Abb.: Die ersten Stolpersteine in Gelsenkirchen liegen nun an der Markenstrasse in Horst
Es war ein besonderer Tag für unsere Stadt, für die wenigen noch lebenden Menschen, die das Grauen des Nazi-Terrors überleben konnten und für die TeilnehmerInnen der Veranstaltungen. Menschen, die eine Patenschaft übernehmen wollen, oder das Projekt mit einer Spende unter- stützen wollen, wenden sich bitte an die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen. Ein nächster Termin für die Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen ist für Februar 2010 geplant.
Heute werden Stolpersteine verlegt
13. Juli 2009. Es ist soweit: Nach langer und steiniger Vorbereitungsphase werden am heutigen Montag die ersten STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen verlegt. Wie schon in fast 500 europäischen Städten wird der Künstler Günter Demnig zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus sechs dieser mit Gedenkplatten versehenen Steine ins Pflaster einlassen.
Die Verlegung beginnt um neun Uhr vor dem Haus Markenstraße 19 in Horst-Süd mit zwei Steinen für die von den Nazis ermordeten Gelsenkirchener Juden Frieda und Simon Neudorf. Anschließend werden vor dem Haus Florastraße 84 ein Stein für Regina Spanier sowie auf der Kolpingstrasse (zwischen C&A und Kaufhof) in der City drei weitere Steine für Grete und Fritz Goldschmidt sowie Mathilde Wertheimm verlegt.
Die Aktion wird begleitet von jüdischen Vorbetern; außerdem werden für Fragen interessierter Passanten Ansprechpartner vor Ort sein. Zum Abschluss findet um elf Uhr im Bildungszentrum, Ebertstraße, eine kleine Matinee statt. Esther Goldschmidt, eine Verwandte von Grete und Fritz Goldschmidt, wird aus ihrem Buch „Vergangene Gegenwart" lesen. Auch Günther Demnig wird über seine Arbeit informieren. Und: Mitglieder des Stolpersteine-Unterstützerkreises des Internetforums Gelsenkirchener Geschichten werden über die Umsetzung und Fortführung des Projekts in Gelsenkirchen sprechen.
Grüne übernehmen Patenschaften
22. Mai 2009. Der Kreisverband Bündnis 90 / Die Grünen Gelsenkirchen haben heute die Patenschaft für zwei STOLPERSTEINE übernommen.
STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen - Der Boden ist bereitet
13. Mai 2009. Heute erschien in der WAZ Gelsenkirchen ein ganzseitiger Artikel über die Stolpersteine in Gelsenkirchen. Lars Oliver Christoph hat einen sehr bemerkenswerten Artikel geschrieben. Das hat auch zur Folge, dass durch Überlastung aufgrund der hohen Zugriffszahlen die Internetpräsenzen des Gelsenzentrum e.V. und der Stolpersteine Gelsenkirchen heute zeitweilig nicht zu erreichen waren.
Erste Stolpersteine werden am 13. Juli 2009 verlegt
10. Mai 2009. Nun steht der erste Termin für die Verlegung von Stolpersteinen fest. Gunter Demnig wird am Montag, den 13. Juli erstmals STOLPERSTEINE in Gelsenkirchen verlegen. "Es war ein langer Weg", freut sich Initiator Andreas Jordan, "Nun ist es soweit!"
Stolpersteine sind ein Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Mit diesen bündig ins Pflaster der Gehwege eingelassenen Mahnmalen soll an das Schicksal der Menschen erinnert werden, die von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet wurden.
Gunter Demnig hat mittlerweile rund 19.000 Stolpersteine in mehr als 450 Städten und Gemeinden in Deutschland, den Niederlanden, Polen, Österreich, Tschechien, der Ukraine und Ungarn gesetzt. Nun werden auch in Gelsenkirchen erste Stolpersteine verlegt.
Patenschaft
06. Mai 2009. Der Arbeitskreis teilt mit: "Thomas Kopec hat die Patenschaft für einen Stolperstein übernommen."
Patenschaft
03. Mai 2009. Der Arbeitskreis teilt mit: "Ludwig Baum hat die Patenschaft für einen Stolperstein übernommen."
Aktive Erinnerungskultur
WAZ Gelsenkirchen schreibt am 29. April 2009: Auf seiner Internetseite Gelsenzentrum.de dokumentiert Andreas Jordan das Schicksal von Gelsenkirchener Juden. Die Zeus-Reporterinnen trafen ihn zum Interview". → Interview "Aktive Erinnerungskultur"
VVN/BdA Gelsenkirchen: Wir unterstützen die Idee der Stolpersteine für Gelsenkirchen
26. April 2009. Die Gelsenkirchener Gruppe der VVN/BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/ Bund der AntifaschistenInnen) hat auf ihrer Sitzung im April 2009 die Unterstützung der Initiative "Stolpersteine in Gelsenkirchen" beschlossen.
Andreas Jordan, Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen. Juli 2011. Fortl. Aktualisierung