STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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HIER WOHNTE

Verlegeort DAVID NUSSBAUM

JG. 1901
ABGESCHOBEN 1938
POLEN
'SCHUTZHAFT' 9.9.1939
SACHSENHAUSEN
ERMORDET
9.6.1940

HIER WOHNTE

Verlegeort MALKA NUSSBAUM

GEB. RECHTSCHAFFEN
JG. 1903
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET
NOV. 1943

HIER WOHNTE

Verlegeort RUTH NUSSBAUM

JG. 1928
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET
NOV. 1943

HIER WOHNTE

Verlegeort SIEGFRIED NUSSBAUM

JG. 1930
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET
NOV. 1943



HIER WOHNTE

Verlegeort MIRJAM NUSSBAUM

JG. 1937
ABGESCHOBEN 1938
BENTSCHEN
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET
NOV. 1943

Geplanter Verlegeort: Hildegardstraße 21

David Nussbaum wurde am 25. Mai 1901 in Rozniatow, Bezirk Dolina, Galizien geboren. Er war mit der ebenfalls aus Galizien stammenden Malka Rechtschaffen, geboren am 14. Mai 1903 in Pacykow, Bezirk Stanislawow verheiratet. Aus dieser Ehe gingen drei in Gelsenkirchen geborene Kinder hervor: Ruth, geboren am 27. Novem- ber 1928, Siegfried, geboren am 21. November 1930 und Mirjam, geboren am 2. Oktober 1937.

Über die persönliche Vergangenheit der einzelnen Mitglieder der Familie David Nussbaum wissen wir nur wenig. Die Quellenlage ist dürftig, einige wenige erhaltene Dokumente der Täter verweisen auf Abschiebung, Depor- tation und letztlich Mord.

Karteikarte David Nussbaum, Melderegister Gelsenkirchen

Abb.1: Karteikarte aus dem Melderegister Gelsenkirchen, Familie David Nussbaum, Vorderseite. Auf der Rückseite ist unter dem Datum 17. Juni 1939 eine Anmeldung an der Wassergasse 16 vermerkt, der Zwangsumzug in ein weiteres, so genanntes "Judenhaus" an der damaligen Franz-Seldte-Straße 84 (Heutige Florastr.) ist nicht mehr erfasst worden.[1] Danach ist nur noch eine Abmeldung eingetragen: 28. Mai 1948, "amtl. n. unbekannt". (Die Straße "Wassergasse" existiert seit etwa Ende der 1950er Jahre nicht mehr.)

So genannte "Ostjuden"

Seit Anfang der 1880er Jahren kamen infolge russischer Pogrome Hunderttausende Juden nach Deutschland, vor allem in die Ballungsgebiete. Während des Ersten Weltkriegs gelangten viele tausend der so genannten "Ostjuden" als Rüstungsarbeiter ins Ruhrgebiet. Allein 4.000 arbeiteten als Kumpel unter Tage. In sozialer, politischer, kultureller und religiöser Hinsicht war das Verhältnis zwischen den so genannten "Ostjuden" und der übrigen Ruhrgebietsgesellschaft schwierig, zum Teil vergiftet. Auch bzw. grade die deutsch-jüdischen Glaubensbrüder verhielten sich gegenüber den ostjüdischen Zuwanderern ablehnend. Im Oktober 1938 wurden Tausende "Ostjuden" in der ersten Massendeportation des "Dritten Reichs" des Landes verwiesen: diese so genannte "Polenaktion" war zugleich die unmittelbare Vorgeschichte des Novemberpogroms, der unter dem Namen "Reichskristallnacht" unrühmlich in die deutsche Geschichte eingegangen ist. Die Geschichte der Ostjuden in Deutschland im Allgemeinen und im regionalen Raum im Besonderen ist auch eine Leidensge- schichte, über die kein Gras wachsen, die keine historische "Patina" ansetzen darf.

Im Rahmen der so genannten "Polenaktion" am 28. und 29. Oktober 1938 wurden rund 18.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit (so genannte "Ostjuden") über Nacht aus dem so genannten "Dritten Reich" ausge- wiesen. Diese Diskriminierungsmaßnahme des NS-Regimes gegenüber Juden stellte einen ersten Höhepunkt der physischen Verfolgung dar und war der eigentliche Auftakt zur Vernichtung der europäischen Juden. Ein Großteil der Abgeschobenen sammelte sich in dem damaligen Grenzort Bentschen (Zbaszyn). Dazu gehörte hier - neben vielen weiteren Gelsenkirchener Juden - auch die Familie Nussbaum, für David und Tochter Mirjam ist eine Abschiebung nach Polen nachweisbar.[2]

Ab Frühjahr 1939 erhielt ein Teil der Abgeschobenen eine zeitlich begrenzte Rückkehrlaubnis nach Deutsch- land. Die Menschen sollten so - ganz im Sinne des Terrorregimes und seiner Nutznießer_Innen - die Möglichkeit erhalten, beispielsweise ihre Wohnungen aufzulösen oder Vermögens- und andere Eigentums- verhältnisse "abzuwickeln" und letzte Unterschriften zu leisten - ganz "deutsche Bürokratie", staatlich legitimierter Raub, Ausplünderung, Vertreibung und Diskriminierung wie auch der finale Mord waren bis ins Kleinste organisiert. Es ist davon auszugehen, dass das Anmeldedatum der Nussbaums im Haus Wassergasse 16 im Zusammenhang mit der "Rückkehr" aus Polen steht.

Karteikarte der Gestapo Münster, David Nussbaum. Kopie aus ITS, Bad Arolsen

Abb. 2: Auf einer Karteikarte der Gestapo Münster ist vermerkt: "Gemäß Erlaß vom 9.9.39 wurde N. in Schutzhaft genommen und dem Konzentrationslager Sachsenhausen zugeführt. Er verstarb am 9.6.40". (ITS, Bad Arolsen)

Laut Sterbeurkunde Nr. 2925, ausgestellt vom Standesamt Oranienburg, starb David Nussbaum im KZ Sachsenhausen am 9. Juni 1940 angeblich an Lungenentzündung.[3] An die KZ waren zum Teil separate Standesämter angeschlossen, die auf Grund gefälschter ärztlicher Bescheinigungen der SS-Ärzte Totenscheine und Todesbenachrichtigun- gen erstellt haben. Die darin genannten Todesur- sachen hatten in der Regel keinen Zusammenhang mit der individuellen Todesursache.

Haus der Familie Spanier an der damaligen Franz-Seldte-Strasse 84 in Gelsenkirchen, um 1936

Abb. 3: Das Haus der Familie Spanier an der damaligen Franz-Seldte-Strasse 84 (heute Florastrasse) in Gelsenkirchen, ab 1939/1940 eines der so genannten Gelsenkirchener "Juden- häuser". Das Haus wirkt auf dem Bild relativ groß, aber zuletzt darf Familie Spanier/Reifeisen nur noch das Parterre bewohnen, da viele andere jüdische Menschen zwangsweise in das Haus und den Anbauten einquartiert wurden. Ab 1940 werden dort u.a. zwangsweise untergebracht: Malka Nussbaum und ihre drei Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam.

So berichtet Gertrud Reifeisen, die Tochter von Regina Spanier am 20. August 1940 in einem Brief an ihre Tochter Ilse, die mit einem der Kindertransporte ins sichere Schweden gerettet werden konnte:

"Habe ich dir geschrieben, dass Oma ihr Speise- zimmer verkauft, dann sind sämtliche Teile aus dem Wohnzimmer verkauft, und das Zimmer müssen wir an Frau Nussbaum abgeben. Du kennst ja wohl noch die Ruth Nussbaum. Der Mann war ja mit Vati zusammen fort und ist gestorben. Also die Frau mit den 3 Kindern ziehen zu uns in die Wohnung. Das kleinste Mädelchen ist 3 Jahre alt, und ein nied- liches Kind. Es ist ja nicht sehr angenehm für Oma, denn die Unruhe wird groß werden, aber es lässt sich nicht ändern." [4]

In einem Brief vom 2. September 1940 schreibt Gertrud Reifeisen: Am Freitag [30.8.1940, Anm. AJ] sind nun ja Nussbaums hier eingezogen, Ruth und Siegfried sind ja große Kinder und machen wenig Unruhe, aber die kleine Mirjam ist - wie alle kleinen - sehr unruhig. Und außerdem fehlt uns der Raum sehr. (...)"[5] Am 12. Dezember 1940 schreibt sie an ihre Tochter Ilse: "...Die kleine Mirjam liegt seit 14Tg im Krankenhaus, sie hat eine harmlose Nierenerkrankung, und ist die Stille in der Wohnung direkt wohltuend." [6]

"Judenhäuser"

Der Begriff "Judenhaus" wurde im Alltags- und Behördenge- brauch während der NS-Zeit für Wohnhäuser aus ehemals jüdischem Eigentum verwendet, in die ausschließlich jüdische Mieter und Untermieter eingewiesen wurden. Die Belegungsdichte innerhalb der "Judenhäuser" wurde seit 1939 gesteigert, bis schließlich pro Haushalt (egal ob Einzelperson oder Familie) nur noch ein Raum, bei gemeinsamer Benutzung der sanitären Anlagen, zur Verfügung stand. Neben ideologischen Gründen bestimmten auch handfeste materielle Interessen diese Maßnahmen. Die Auswahl der Häuser und die zwangsweise Umquartierung der Betroffenen erfolgte zunächst durch das städtische Wohnungsamt. Den Menschen wurden pro Person sechs bis acht Quadratmeter Wohnfläche zugestanden. Der jüdische Schriftsteller Victor Klemperer notierte über ein Dresdner Judenhaus: "Cohns, Stühlers, wir. Badezimmer und Klo gemeinsam. Küche gemeinsam mit Stühlers, nur halb getrennt - eine Wasserstelle für alle drei (...) Es ist schon halb Barackenleben, man stolpert übereinander, durcheinander."

Am 27. Januar 1942 rollte der erste "Sammeltrans- port" mit jüdischen Kindern, Frauen und Männern von Gelsenkirchen Richtung Osten. Auch Malka Nuss- baum und ihre drei Kinder mussten in diesen Zug steigen. Bestimmungsort der Menschenfracht war das Ghetto Riga in Lettland.

Rund 360 Gelsenkirchener Juden wurden zuvor in die zum temporären "Sammellager" umfunktionierten Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz unter unmenschlichen Bedingungen eingepfercht. Auch rund 150 Juden aus umliegenden Revierstädten wurden nach Gelsenkirchen transportiert und in der Ausstellungshalle "gesammelt". Die Gelsenkirchener Jüdin Helene Lewek wählte in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz angesichts der bevorstehenden Deportation die Flucht in den Tod.

Auf dem Weg nach Riga wurden weitere jüdische Menschen an verschiedenen Haltepunkten - u.a. in Dortmund und Hannover - in den Zug gezwungen. Der Deportationszug der Deutschen Reichsbahn erreichte schließlich mit 1000 Menschen am 1. Februar 1942 Riga in Lettland. Der überwiegende Teil der aus Gelsen- kirchen und anderen Städten am 27. Januar verschleppten Juden wurden im Ghetto Riga oder in Konzentra- tionslagern ermordet. Malka Nussbaum und Ihre Kinder Ruth, Siegfried und Mirjam starben Anfang November 1943 im Zuge der Auflösung des Ghettos Riga bei einer letzten dort stattfindenden Mordaktionen.

Quellen:
[1] Adresse Franz-Seldte-Str. 84, Copy of 1.2.5.1 / 12852526 in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen. Gemeindelisten über jüdische Residenten / Stadt Gelsenkirchen
[2] Gedenkbuch BA
[3] Sterbeurkunde David Nussbaum. Copy of 1.1.38.1 / 4080655 in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen; Listenmaterial Sachsenhausen/Sterbeurkunde
Listenmaterial Jüdische Kultusgemeinde GE, v. 4. Juni 1946 in StA GE/ISG
[4, 5, 6] Hinweise auf Frau Nussbaum und Kinder in: Elisabeth Cosanne-Schulte-Huxel, "Mein liebes Ilsekind: Mit dem Kindertransport nach Schweden - Briefe an eine gerettete Tochter", November 2013, S. 109-115 u. 135

Abbildungen:
Abb.1: Einwohnermeldekarte, StA GE/ISG
Abb.2: Karteikarte Gestapo Münster, Copy of 1.2.3.6 / 12533142 in conformity with the ITS Archives, Bad Arolsen
Abb.3: Elise Hallin, Stockholm


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Januar 2017.

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