STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam erinnern statt Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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Verlegeort JULIUS BUCHTHAL

JG. 1874
DEPORTIERT 1942
GHETTO WARSCHAU
ERMORDET


Verlegeort FRIEDA BUCHTHAL

GEB. HOCHFELD
JG. 1881
DEPORTIERT 1942
GHETTO WARSCHAU
ERMORDET


Verlegeort RUDOLF BUCHTHAL

JG. 1914
DEPORTIERT 1942
RIGA
1944 STUTTHOF
ERMORDET

Verlegeort: Bochumer Straße 92, Gelsenkirchen

Julius Buchthal, geboren am 1. November 1874 in Haaren, Kreis Büren war mit Frieda, geborene Hoch- feld, geb. am 9. Juni 1881 in Linnich verheiratet. Das Ehepaar hate einen Sohn, den am 25. Februar 1914 in Gelsenkirchen geborenen Rudolf.

Eintrag Buchthal, Julius im Adressbuch der Stadt Gelsenkirchen; Ausgabe 1939

Abb.1:Eintrag Buchthal, Julius im Adressbuch der Stadt Gelsenkirchen; Ausgabe 1939

Familie Buchthal betrieb in ihrem Haus an der Bochumer Str. 92 in Gelsenkirchen-Ückendorf ein kleines Geschäft für Stoffe und Wäsche, auch Bücher wurden dort verkauft. Nach der Machtübergabe an die deutschen Faschisten im Jahr 1933 war auch Familie Buchthal den gegen die jüdische Minderheit ge- richteten, sich ständig verschärfenden rassenideologischen Terror der NS-Diktatur ausgesetzt. So wur- de Julius Buchthal staatlich legitimiert im Zuge der so genannten "Arisierung" enteignet. Sein Haus wur- de zum Ende der 1930er Jahre als so genanntes "Judenhaus" genutzt, um dort jüdische Bürgerinnen und Bürger Gelsenkirchens zu isolieren und zu sammeln - bevor sie dann mit dem Ziel der Vernichtung in Ghettos und Konzentrationslager deportiert wurden.

Eintrag Ernst Sondermann im Adressbuch Gelsenkirchen, 1927Abb.2: Verteilung so genannte "Judenhäuser" im Gelsenkirchener Stadtgebiet.

Der Begriff "Judenhaus" wurde im so genannten "Dritten Reich" im Alltags- und Behördenge- brauch für Wohnhäuser aus ehemals jüdischem Eigentum verwendet, in die ausschließlich wei- tere jüdische Menschen eingewiesen wurden. Wer als Jude galt, bestimmte sich dabei durch § 5 der "Ersten Verordnung zum Reichsbürgerge- setz" vom 14. November 1935. Diese Vorform einer innerstädtischen Ghettoisierung erleich- terte die Kontrolle der jüdischen Bewohner durch die NS-Verfolgungsbehörden und unterband gewachsene nachbarschaftliche Beziehungen. Viele Juden im faschistischen Deutschland hat- ten bereits durch die "Arisierungen" ihr Wohn- eigentum verloren, die jüdischen Alteigentümer "durften" jedoch in der Regel bis zu ihrer Depor- tation in diesen Häusern und Wohnungen ver- bleiben. Neben den ideologischen und rasse- politischen Gründen bestimmten auch handfeste materielle Interessen diese Maßnahmen.

So sicherten sich im Rahmen der "Entjudung und Arisierung" auch in Gelsenkirchen wie anderswo viele der "arischen Volksgenossen" Grundstücke, Wohn- und Geschäftshäuser in bevorzugter Lage (z.B. in der Innenstadt, Bahnhofstrasse, Marken- straße in Horst oder Hochstrasse in Buer) aus jüdischen Besitz und konnten so teilweise erhebliche Ver- mögenswerte und Grundbesitz anhäufen. Auch die Stadtverwaltung Gelsenkirchen kam so in den Besitz vieler Häuser mit den zugehörigen Grundstücken im gesamten Stadtgebiet. Die allermeisten der ehe- maligen jüdischen Eigentümer und ihre Angehörigen wurden in den Vernichtungslagern ermordet und konnten dementsprechend nach 1945 keine "Wiedergutmachungs-" oder Rückerstattungsansprüche geltend machen.

Eckhaus Bochumer Straße 92, Gelsenkirchen im April 2019

Abb.3: Eckhaus Bochumer Straße 92 in Gelsenkirchen. Gunter Demnigs Kunstprojekt für Europa wird auch im Kreativ.Quartier Ückendorf weiter installiert: vor diesem Haus werden im Mai 2019 Stolpersteine verlegt.

Bis zu den Deportationen lebten in Julius Buchthals Haus an der Bochumer Straße 92 neunzehn durch das städtische Wohnungsamt zwangsweise dort einquartierte jüdische Menschen, davon wurden sech- zehn Personen in der Folgezeit von den deutschen Faschisten deportiert und ermordet. Julius Buchthal wurde mit seiner Frau Frieda am 31. März 1942 von Gelsenkirchen in das Ghetto Warschau deportiert. Seither fehlt von dem Ehepaar Buchthal jedes Lebenszeichen.[1][2] Rudolf, noch vor seinen Eltern am 27. Januar 1942 in das Ghetto Riga deportiert, wurde im KZ Stutthof ermordet.[1]

Die Patenschaft für die Stolpersteine, die an Familie Buchthal erinnern, hat Ingrid Remmers (MdB DIE LINKE) übernommen.

Quellen:
Adressbücher Gelsenkirchen, Ausgaben 1927, 1939
[1] Gedenkbuch Bundesarchiv
[2] 6.3.3.2 / 102415903, Korrespondenzakte, ITS Archiv, Bad Arolsen
Vgl. auch: Andrea Niewerth: Gelsenkirchener Juden im Nationalsozialismus, 2002. "Judenhäuser, S.102-106

Abbildungen:
1: Adressbuch Stadt Gelsenkirchen, Ausgabe 1939
2: Judenhäuser Gelsenkirchen, Grafik Gelsenzentrum e.V.
3: Andreas Jordan, Gelsenzentrum e.V.

Stolpersteine für Familie Julius Buchthal, verlegt am 23. Mai 2019

Stolpersteine Gelsenkirchen - Familie Julius Buchthal Stolpersteine Gelsenkirchen - Familie Julius Buchthal Stolpersteine Gelsenkirchen - Familie Julius Buchthal

Stolpersteine Gelsenkirchen - Familie Julius Buchthal

Ein Videobeitrag von den Verlegungen der Stolpersteine am 23. Mai 2019, die nun im Kreativquartier Gelsenkirchen-Ückendorf an die jüdische Familie Buchthal erinnern:


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen, Februar 2019. Nachtrag Mai 2019

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