STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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Verlegeort MOSES ZWECHER

JG. 1878
FLUCHT 1938 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 1944
THERESIENSTADT
ERMORDET 7.7.1944
AUSCHWITZ


Verlegeort TAUBE ZWECHER

GEB. BERHANG
JG. 1883
FLUCHT 1939 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 1944
THERESIENSTADT
ERMORDET 7.7.1944
AUSCHWITZ


Verlegeort JOSEPH LEO ZWECHER

Jg. 1907
FLUCHT 1938 HOLLAND
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 1944 THERESIENSTADT
ERMORDET 14.8.1944
AUSCHWITZ

Verlegeort: Urbanusstraße 1, Gelsenkirchen

Joseph Leo Zwecher

Abb.1: Joseph Leo, der Sohn von Moses und Taube Zwecher

Der Kaufmann Moses Zwecher wurde am 28. Juli 1878 in Kolomea geboren. Seine Frau Taube, eine geborene Ber- hang, wurde am 13. Mai 1883 in Bochnia geboren. Das aus Galizien stammende Ehepaar hatte drei Kinder, den am 28. Januar 1907 in Essen geborenen Joseph Leo, die in Buer am 4. Mai 1911 geborene Guste und Jenny, später verheirate Kurz. Familie Zwecher betrieb seit Anfang des 20. Jahrhun- derts in Buer/Westf. ein Möbelgeschäft. Nach der Machtüber- gabe an die Nazis im Januar 1933 war auch die jüdische Familie Zwecher sehr bald der Verfolgung durch die neuen Machthaber ausgesetzt. Die Ausgrezung und Isolierung der Juden wurde in der Folgezeit beständig vorangetrieben.

Mit "Gesetzen" und "Verordnungen" sollten die Juden auch aus dem Wirtschaftsleben verdrängt werden. Durch die Nazi-Boykotte blieben die Kunden aus, die Umsätze des Möbel- hauses Zwecher gingen mehr und mehr zurück.

Möbelgeschäft Zwecher in Buer/Westf., 1909

Abb. 2: Blick in die Hochstraße vom Kaufhaus Alsberg in Richtung Urbanuskirchplatz. Rechts Möbel Zwecher, 1909

Westfälisches Möbelhaus Moses Zwecher in Buer/Westf., 1925

Abb. 3: Werbeanzeige Westfälisches Möbelhaus Moses Zwecher in Buer, 1925. Die damalige Essener Straße ist die heutige Horster Straße.

Werbeanzeige

Abb.4: Werbeanzeige des Möbelhauses Franz Kazmierczak in der Gelsenkirchener Altstadt im "Hausbuch für die deutsche Familie", ein mit NS-Propaganda durchsetztes Machwerk. Herausgeber: Verlag für Standesamtswesen G.m.b.H., Berlin. Ausgabe Gelsenkirchen, um 1935

Mit der fortschreitenden Ausplünderung der Juden wurde 1936 das alteingessene Möbelgeschäft der Familie Zwecher an der Urbanusstraße in Gelsenkirchen-Buer "arisiert". Neuer Eigentümer und Nutznießer der Entrechtung von Juden wurde die Familie Kazmierzak, die das Möbelgeschäft an gleicher Stelle nun unter ihrem Namen fortführte. Durch den "Erwerb" ehemals jüdischen Eigentums zum Spottpreis erlangte auch Familie Kazmierzak wirtschaftliche - und damit auch Wettbe- werbsvorteile, zumal Kazmierzaks bereits im Gelsenkirchener Möbeleinzelhandel aktiv waren. Familie Zwecher floh schließ- lich, nachdem ihr auch die wirtschaftliche Existenz entzogen worden war, unter dem ständig zunehmenden Verfolgungs- sdruck 1938 von Gelsenkirchen nach Holland. Dort lebten sie zunächst an der Courbetstraat 28 III in Amsterdam. Doch bald wurde die Familie Zwecher von der NS-Mordmaschinerie eingeholt. Mit dem deutschen Überfall im Mai 1940 begann auch in Holland die Verfolgung der jüdischen Menschen.

Guste Zwecher, verheiratete Löwenstein, 1945

Abb.5: Guste Zwecher, verheiratete Löwenstein, 1945

Guste, die am 10. Juli 1938 Kurt Löwenstein geheiratet hatte, blieb zunächst in Gelsenkirchen, um das Geschäft ihrer Eltern zu liquidieren. Mit viel Mühen konnte Kurt Löwenstein dafür sorgen, das seine Frau Guste einen Platz in einem Flugzeug der belgischen Fluggesellschaft Sabena bekam, das am 31. August 1939 von Essen nach England startete.

In einem Bericht über die Flucht schrieb Kurt 1976: "Buer, wo wir wohnten, liegt etwa 32 km vom Flughafen in Essen ent- fernt. Es gab keine Zeit, die Straßenbahn zu nehmen. Juden konnten keine Autos besitzen. Eine nichtjüdische Frau, deren Frachtgeschäft mit den Eltern der Mutter Geschäfte gemacht hatte, fuhr sie zum Flughafen.

Wir haben diese tapfere Frau vor ein paar Jahren besucht, das einzige Mal, dass ich in meine Heimatstadt zurückge- kehrt bin. Die deutsche Flughafenpolizei sagte Mutter, Eng- land würde sie wahrscheinlich zurückschicken und sie dann direkt in ein Konzentrationslager schicken." Obwohl Guste kein Visum hatte, durfte sie dank des Mit- gefühls eines Einwanderungsbeamten mit der Auflage, sich umgehend bei der Polizei registrieren zu lassen, in England bleiben.

Die Schwestern Jenny und Guste Zwecher mit Kurt Löwenstein, Datum nicht bekannt

Abb.6: Die Schwestern Jenny und Guste Zwecher mit Kurt Löwenstein, Datum nicht bekannt

Heiratsannonce in Het joodsche Weekblatt vom 14. August 1942

Abb.7: Anzeige in Het Joodsche Weekblatt vom 14. August 1942

Im August 1942 erscheint im "Het Joodsche Weekblatt" eine Anzeige. Darin wird die Hochzeit von Leo Zwecher mit Henny Trompetter in der Synagoge an der Rapenburgstraat in Am- sterdam angekündigt.

Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt werden auch die Ange- hörigen der Familie Zwecher im "Durchgangslager" Wester- bork interniert. Am 18. Januar 1944 werden Moses und seine Frau Taube von dort mit dem Transport XXIV/2 nach There- sienstadt und am 16. Mai 1944 weiter nach Auschwitz ver- chleppt. Dort werden Moses und Taube Zwecher am 7. Juli 1944 ermordet.

Mit dem Transport XXIV/4 wurden Joseph Leo und seine Frau Hendrika, genannt Henny am 20. Januar 1944 nach Theresienstadt verschleppt. Beide werden am 16. Mai 1944 weiter nach Auschwitz depor- tiert. Während Joseph Leo Zwecher im Auschwitz-Nebenlager Blech-hammer im August 1944 ermordet wird, führt der Leidensweg seiner Frau Henny weiter über die KZ Christianstadt, Parschnitz und Kratzau, bis sie schließlich 1945 befreit wird. Sie emigriert in die USA, heiratet dort später ein zweites Mal und heißt nun Henny de Brito. Das Ehepaar hat zwei Töchter, Diana und Lilli. Henny de Brito starb im Mai 2010.

Quellen:
Gedenkbuch BA
Holocaust.cz; Abruf März 2013
Yad Vashem, Central Database of Shoa victims Names; db.yadvashem.org; Abruf März 2013
CLAIMS RESOLUTION TRIBUNAL, Case No. CV96-4849. Claimed Account Owner: Moses Zwecher, Claim Number: 216888/RT (crt-ii.org)
New York Times http://query.nytimes.com/gst/fullpage.html?res=9500E2D7113AF934A35750C0A9669D8B63 Abruf März 2013
Adressbuch Stadt Gelsenkirchen, Ausgabe 1934
Bericht über die Flucht, Kurt Löwenstein, 1976
Abb.1: Yad Vashem
Abb.2: ISG Fotosammlung, 2090
Abb.3: Werbeanzeige, 1925
Abb.4: "Hausbuch für die deutsche Familie", Archiv Gelsenzentrum
Abb.4+6: Privat, Familie Löwenstein/Zimmermann
Abb.7: joods.nl

Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. März 2012

Stolpersteine für Moses, Taube und Joseph Leo Zwecher, verlegt am 12. Dezember 2014

Familie Zwecher


Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Nachträge Dezember 2014, Juli 2018

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