STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Ausgrenzung erinnern


Stolpersteine Gelsenkirchen

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„Was keiner geglaubt haben wird, was keiner gewusst haben konnte, was keiner geahnt haben durfte, das wird dann wieder das gewesen sein was keiner gewollt haben wollte.“ (Erich Fried)


Aktuelles & Termine  

Auf dieser Seite veröffentlichen wir 'Aktuelles' rund um das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen.

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+ + Nächste Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen
findet im Frühjahr 2023 statt.
Weitere Patenschaften zur Finanzierung von Stolpersteinen können übernommen werden. + +

+ + + Ausgrenzungsgesellschaft: Die Dabeigewesenen - Gelsenkirchen + + +

+ + + Buchprojekt Stolperstein-Geschichten Gelsenkirchen sucht Sponsoren. + + +

 



NS-Zeit: Folterstätte im Rathaus Buer 

Andreas Jordan | 7.Juli 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Nach der Machtübertragung an Adolf Hitler und der Machtergreifung der Nazis entstanden in Deutschland frühe Folterstätten und Konzentrationslager. Eine solche Folterstätte wurde 1933 im Rathaus Gelsenkirchen-Buer eingerichtet.

Im Rathaus Buer war es das berüchtigte Zimmer 71, von SS und SA zur Folterung und Erpressung von Geständnissen politischer Gegner genutzt. Ein kahles Zimmer mit einem Tisch, darauf eine Schreibmaschine, vor dem Tisch ein Prügelbock, und an der Wand hängend Gummischläuche aller Größen waren der Schauplatz unzähliger Quälereien. Ein nach dem Krieg angeklagter Täter sagte im gegen ihn 1947 geführten Strafprozess aus: "Die Prügelei ging am laufenden Band" und "es wurde ziemlich fest geschlagen".

Die Anklage legt ihm zur Last, im Jahre 1933 in mindestens 11 Fällen politische Gegner unmenschlich mißhandelt zu haben. 11 Zeugen, die meist heute noch an den Folgen dieser Mißhandlungen leiden, belasteten den Angeklagten erheblich. Der ehemalige SS-Mann wurde wegen schwerer Körperverletzung in 6 Fällen; §§ 223 und 223a StGB, in Verbindung mit Gesetz Nr. 10 des Alliierten Kontrollrates in Deutschland (Verbrechen gegen (...) die Menschlichkeit) zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Gelsenkirchen: Folterstätte der Nazis nicht erinnerungswürdig?

Abb.: Das Rathaus in Gelsenkirchen-Buer, um 1944. Im Gebäude befand sich eine NS-Folterstätte.

Folterstätte der Nazis nicht erinnerungswürdig?

Der Turm des Buerer Rathauses wird seit mehr als 15 Jahren alljährlich am 30. November anlässlich des Aktionstages „Cities for Life” in grünes Licht getaucht, ein weithin sichtbares Zeichen für den Respekt des Lebens und der Menschenwürde - gegen Todesstrafe und Folter. Die am Rathaus im Rahmen des Projektes "Erinnerungsorte" angebrachte Tafel hingegen thematisiert die Existenz der Folterstätte nicht, lediglich ein Satz streift die 12 Jahre währende Zeit des NS-Terrorregimes: "1933 zerstörten hier die Nationalsozialisten die kommunle Stadtverwaltung." Es ist höchste Zeit, an diesen Gelsenkirchener Tatort von Naziverbrechen beispielsweise mit einer passend gestalteten Infotafel zu erinnern.


Gelsenkirchen: Andreas Jordan - Botschafter Stolpersteine NRW 

Redaktion | 22. Juni 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Etwa 15.000 Stolpersteine gibt es in NRW. Einer davon liegt in Gelsenkirchen und erinnert an das 1933 geborene Sinti-Mädchen Rosa Böhmer. Rosa ist 1942 von den Nazis ermordet worden. Die WDR-App "Stolpersteine NRW" hilft, die Erinnerung an sie und ihre Familie aufrecht zu erhalten. Unterstützt wird die Botschafter*innen-Kampagne des WDR auch von Andreas Jordan, langjähriger Projektleiter der Stolperstein-Initiative in Gelsenkirchen.

Die neue, innovative App „Stolpersteine NRW – Gegen das Vergessen“ des WDR macht auch die derzeit mehr als 280 Schicksale hinter den Gelsenkirchener Stolpersteinen digital erlebbar. Die App ist für die beiden Plattformen iOS und Android kostenlos verfügbar und kann dann auf dem üblichen Weg über die so genannten “Stores” heruntergeladen werden. Eine Version für den Desktop-Browser ist ebenfalls nutzbar. Mehr über Rosa Böhmer und ihre Familie erfahren.


2. Weltkrieg in Gelsenkirchen-Buer: Absturz überlebt und dann getötet  

Andreas Jordan | 20. Juni 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen
An den englischen Piloten Norman C. Cowley, der den Abschuss seines Flugzeuges überlebte und dann am Boden von Nazischergen zu Tode geprügelt wurde, erinnert seit Samstag (11.6.) ein Stolperstein vor dem Marienhospital in Gelsenkirchen-Buer. Ein weiterer, ähnlich gelagerter Fall ist der gewaltsame Tod des amerikanischen Piloten John "Jack" Friedhaber. Auch an Friedhaber soll in Gelsenkirchen ein Stolperstein erinnern. Für diesen Stolperstein suchen wir Pat*innen.

Zweiter Weltkrieg: Abgeschossener amerikanischer Bomber 'Never Mrs' stürzt in Buer auf einen Acker

Leutnant John "Jack" Friedhaber, amerikanischer Bomberpilot, starb im November 1944 in Gelsenkirchen. Von der Flak getroffen stürzte seine B-24 Liberator mit dem Spitznamen "Never Mrs" in Gelsenkirchen-Buer (Heege) auf einen Acker. Friedhaber konnte sich zunächst mit dem Fallschirm aus dem brennenden Flugzeug retten, wurde jedoch am Boden umweit der Absturzstelle von Gelsenkirchenern totgeprügelt.

Über 300 Deutsche wurden nach 1945 von den Alliierten wegen der sogenannten Fliegermorde vor Gericht gestellt, davon wurden über 150 der Angeklagten hingerichtet. Die weitaus größere Zahl der Verbrechen blieb jedoch ungesühnt oder gar unentdeckt. Mancher alliierte Flieger, der offiziell beim Absturz seiner Maschine oder beim Absprung tödlich verletzt worden sein soll, ist womöglich von fanatisierten Männern umgebracht worden. Es ist nach Auswertung des Quellenmaterials davon auszugehen, das es sich auch im Falle des Piloten John "Jack" Friedhaber um einen Fliegermord handelt. Mehr erfahren: → Erst überlebt und dann getötet


Novum im Stolpersteinprojekt: Vier Stolpersteine für schwule Männer vor Bochumer Haus 

Andreas Jordan | 15. Juni 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Wir kennen die kleinen Messingplatten im Gehweg - wo mehr als eine von ihnen liegt, dort handelt es sich oftmals um die Würdigung mehrerer Angehörige jüdischer Familien. Für jede Person ein Stolperstein. Dagegen sind Stolpersteine für Homosexuelle selten und liegen in der Regel vereinzelt, denn kaum jemand von ihnen wagte wegen des Verfolgungsdrucks in der NS-Zeit, mit einem anderen Mann im selben Haus oder sogar der selben Wohnung zu leben. Vereinzelung und Isolierung waren Auswirkungen der staatlichen Repression. - In vielen Städten liegen bisher überhaupt keine oder nur wenige Stolpersteine für schwule Männer.

Stolpersteine für schwule Männer: Vier Stolpersteine vor einem Haus in Bochum

Abb.: Die vier Stolpersteine vor dem Haus Kronenstraße 41 in Bochum (Foto: Jürgen Wenke)

Unter den mehr als 90.000 Steinen ist nun durch Hinzufügung zweier neuer Stolpersteine erstmals gelungen, vier Steine vor einem Wohnhaus in Bochum zu verlegen für vier Männer, die von den Nationalsozialisten als Homosexuelle verfolgt bzw. nach § 175 wegen gleichgeschlechtlicher sexueller Kontakte verurteilt wurden.

Am 14. Juni 2022 wurden in der Bochumer Kronenstraße in Höhe der Hausnummer 41 in Höhe des Cafés Mascha zwei neue Stolpersteine für Fritz Goltermann und Willi Schlüter hinzugefügt zu den zwei bereits dort verlegten Steinen aus dem Jahr 2021 für Gerhard Krebs und Theodor Brockmann. Während Fritz Goltermann und Willi Schlüter die NS-Verfolgung überlebten, starb Gerhard Krebs im Gefängnis während der Haftverbüßung, die Akten sprechen von Selbstmord. Das weitere Schicksal nach der Gefängnishaft von Theodor Brockmann ist bisher unbekannt.

Die Patenschaften für die beiden neuen Steine haben die BOGESTRA AG (Bochum-Gelsenkirchener-Straßenbahnen AG) für Willi Schlüter und der Bundestagsabgeordnete Max Lucks (Bündnis 90/Die Grünen) für Fritz Goltermann übernommen. Forschung und Initative stammen von Jürgen Wenke, Dipl.-Psych., Bochum.

Nazis wollten auch schwule Männer ausrotten

Urteile gegen schwule Männer im Spiegel der NS-Presse

Zur „Ausrottung“ von Goltermann und Schlüter kam es nicht - der Ältere wurde zwar nach der vollen Haftverbüßung weiter von der Gestapo überwacht, überlebte aber den Krieg und die NS-Verfolgung in Österreich in Zell am Ziller. Die mehr als 10jährige Odyssee nach der Haftentlassung kam erst 1948 in Pfullingen bei Reutlingen in Baden-Württemberg zu einem Ende, Goltermann wurde hier bis zu seinem Tod ansässig. Er starb 1985. Der Jüngere, Willi Schlüter, verpflichtete sich zum „Reichsarbeitsdienst“ und zwölf Jahren (!) bei der Wehrmacht, überlebte als Soldat 6 Jahre Kriegshandlungen.

Wie Goltermann heiratete auch Schlüter in der Nachkriegszeit. Er starb im hohen Alter von 91 Jahren im Jahr 2008 in Münster/Westf.. Nach Bochum kehrten beide Männer nicht zurück. Große Teile der Innenstadt und die Wohnung in der Kronenstraße, in der beide kurzzeitig 1936 gemeinsam gewohnt hatten, wurden 1944 durch Bomben völlig zerstört. Die Lebens- und Verfolgungswege von Goltermann und Schlüter sind ausführlich beschrieben auf Jürgen Wenkes Website stolpersteine-homosexuelle.de. Dort findet sich auch einen ausführlichen Bericht als PDF-Dokument zum Download.


Gelsenkirchen: Stolpersteine - Denkmale für Nachbarn 

Redaktion | 15. Juni 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Stolpersteine: Gesamtschule Berger Feld erinnert an Familie Leibisch Grün

Letzte Station der Stolpersteinverlegungen am Samstag (11.6.) war die Husemannstr. 39. Bildhauer Gunter Demnig ließ vor dem Haus insgesamt sechs Stolpersteine ins Gehwegpflaster ein. Eine achte Klasse der Gesamtschule Berger Feld hatte die Patenschaft für das kleine Denkmal übernommen, das nun an Hella Grün erinnert. Auch für ihre Geschwister und die Eltern konnten an diesem Tag an gleicher Stelle fünf weitere Stolpersteine verlegt werden. Ermöglicht durch das Engagement der vielfältig erinnerungskulturell aktiven Gesamtschule Berger Feld und von Menschen aus dem Schulumfeld. Die Schüler*innen hatten sich im Vorfeld mit den Lebens- und Leidenswegen der Familie Grün beschäftigt und so die kleine Verlegezeremonie mit eigenen Beiträgen aktiv mitgestaltet.

Bürgergesellschaftliche Lernorte in Gelsenkirchen: Bildhauer Demnig verlegt den Stolperstein für den britischen Staatsbürger Norman C. Cowley

Begonnen hatte die diesjährige Verlegeaktion vor dem Marienhospital Buer, dort wurde der Stolperstein verlegt, der an Norman C. Cowley erinnert - der zweite britische Staatsbürger, für den auf deutschem Boden ein Stolperstein liegt. Der Pilot der Royal Air Force wurde Opfer eines Lynchmords durch Nazi-Schergen, nachdem sein Flugzeug über Gelsenkirchen von der Flak abgeschossen worden war. Die Patenschaft für das Denkmal hat Bezirksbürgermeister Dominic Schneider übernommen. Auch Michal Zambra war als Vetreter der Royal Britisch Legion anwesend, er sprach ein Gebet für den Soldaten Cowley. Vor dem Sozialwerk St. Georg erinnert nun ein Stolperstein an ein erst zweieinhalb Jahre altes Opfer der so genannten "Kindereuthanasie". (Siehe Bericht v. 13.6.).

An der Hauptstraße 16 wurden die dort für Familie Grüneberg verlegten Stolpersteine im ein weiteres Denkmal erweitert, dieser Stein erinnert nun an die 2017 gestorbene Lore Grüneberg. Stolpersteinpate Matthias Heitbrink konnte nicht persönlich vor Ort sein, dafür nahm sein Vater teil. Weiter ging es an der Gildenstr. 7, vor dem Eckhaus gegenüber der neuen Synagoge erinnern jetzt zwei Stolpersteine an das Ehepaar Josef und Ida Schlossstein. Leider waren beide Stolpersteinpaten an diesem Tag terminlich verhindert. Inmitten des festlichen Trubels des City-Festes "GEspaña" verlegten wir auf der Bahnhofstr. vor dem ehemaligen Kaufhaus Alsberg (Heute WEKA) einen Stolperstein, der an den enteigneten, später im Ghetto Lodz (Litzmannstadt) ermordeten jüdischen Vorbesitzer Dr. jur. Alfred Alsberg erinnert. Leider verpassten wir uns, Stolpersteinpatin Annette Fiering und Barbara Walker, eine Enkelin von Alfred Alsberg waren eigens zur Verlegung nach Gelsenkirchen gekommen. Beide konnten jedoch den verlegten Stolperstein in Augenschein nehmen.

Witwe Ida Reifenberg so nur einen Ausweg, dem Naziterror zu entkommen. Als sie im November 1941 die erste Aufforderung bekam, sich auf die "Evakuierung in den Osten" vorzubereiten, wählte sie die Flucht in den Tod. Diesen Stolperstein verlegten wir gemeinsam mit Gunter Demnig und Stolpersteinpate Knut Maßmann vor dem Haus Von-Der-Recke-Str. 11.

Bürgergesellschaftliche Lernorte in Gelsenkirchen: Stolpersteine? Stolpersteine!

Die diesjährigen Verlegungen von Stolpersteinen in Gelsenkirchen haben wir im Rahmen einer Gemeinschaftsverlegung am Dienstag fortgesetzt. Eine Verlegung fand gemeinsam mit Stolpersteinpatin Doris Stöcker an der Dessauerstr. 72 statt, dort erinnert jetzt ein Stolperstein an Vera Polyakova. Gemeinsam mit Stolpersteinpate Ingo Schmack haben wir zwei kleinen Denkmale, die nun an das Ehepaar Margarethe und Heinrich Meyer erinnern, vor dem Haus Florastr. 166 in das Gehwegpflaster eingelassen. An dieser Zeremonie nahm auch die aus Holland angereiste Berta Levie-Jungmann teil. Sie will bei der nächsten Verlegung Stolpersteine für Angehörige in Gelsenkirchen verlegen lassen.

Mitunter braucht es viele Jahre, bis sich die Recherchen zu Lebens- und Leidenswegen NS-verfolgter Menschen mosaikartig zu einem individuellen Bild zusammenfügen. So auch im Fall des Ingenieurs Heinrich Meyer, der am 1. April 1945 in Gelsenkirchen von einem Volkssturmmann aus politischen Gründen erschossen wurde. Hier lesen sie die exemplarische Schilderung einer Stolperstein-Recherche: Befreiung und finaler Terror

Kommentar: Stolpersteine in Gelsenkirchen

Neuakzenturierung erinnerungskultureller Arbeit

Von Andreas Jordan

Erinnerungskultur ist eine zivilgesellschaftliche Angelegenheit, deren Bezugspunkt die Gegenwart und nicht die Vergangenheit ist. In diesem Sinne kommt es darauf an, sich den Potentialen, Handlungen und Orientierungen zu widmen, die Ausgrenzungsgesellschaften enststehen und Genozide möglich werden lassen. Die Beteiligung von Schüler*innen am Kunstprojekt Stolpersteine für Europa von Gunter Demnig kann nicht zuletzt die Enstehung eines emanzipatorischen Geschichtsbewußtseins des Individiums fördern und verweist gleichwohl auf die Anschlussfähigkeit des größten dezentralen Denkmals der Welt. Das gilt auch für kommendene Generationen von Schüler*innen, besonders aus nichtdeutschen Herkunftsgesellschaften.


Stolperstein und Stele: Ehrendes Gedenken für Jürgen Sommerfeld  

Andreas Jordan | 13. Juni 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Jürgen Sommerfeld durfte nicht leben, ohne jeden moralischen Skrupel wurde der kleine Junge im Rahmen der so genannten "Kindereuthanasie" vom NS-Gewaltregime 'gestorben'. Er war gerade zweieinhalb Jahre alt, als er als Kind mit Behinderung am 20. Juli 1943 in die so genannte "Kinderfachabteilung" der Provinzialheilanstalt Aplerbeck in Dortmund aufgenommen wurde. Am 9. August 1943 ist das Kind tot, gestorben angeblich an "Kreislaufschwäche", so steht es auf dem Totenschein.

Jetzt erinnert in Gelsenkirchen ein Stolperstein an Jürgen Sommerfeld. Gemeinsam mit Bildhauer Demnig, Angehörigen und Vertreter*innen des Sozialwerks St. Georg verlegten wir am Samstag (11.6.) in einer kleinen Zeremonie an der Emscherstr. 41 den Stolperstein, Christa Sommerfeld enthüllte daran anschließend sichtlich berührt die Gedenkstele.

Gelsenkirchen: Stolperstein und Stele erinnern an Jürgen Sommerfeld

Gleichwohl hatten wir uns im Vorfeld in Absprache mit Angehörigen auf den Verlegort Emscherstr. 41 vor dem Sozialwerk St. Georg verständigt, das Jürgen Sommerfeld neben einem Stolperstein eine weitere ehrende Erinnerung erfahren sollte: Schon länger plante das Sozialwerk, ein Gebäude stellvertretend nach einem Menschen zu benennen, der während des Nationalsozialismus der so genannten 'Euthanasie' zum Opfer gefallen ist. So konnten wir im Frühjahr diesen Jahres auf Nachfrage Jürgen Sommerfeld als Namensgeber vorschlagen und den Kontakt zu Angehörigen herstellen. Die offizielle Benennung des Gebäudes findet Ende Juni statt.


Bürgergesellschaftliche Lernorte mitgestalten: Stolpersteine? Stolpersteine!  

Andreas Jordan | 3. Juni 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Bürgergesellschaftliche Lernorte in Gelsenkirchen: Stolpersteine? Stolpersteine!

Auch weiterhin freut sich die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen über Menschen, die bei der Bekanntmachung und Durchführung des Projektes in Gelsenkirchen helfen: Spenden sammeln, Flyer auslegen, Rundgänge erlernen und durchführen, Informationen zu Nazi-Opfern sammeln und auswerten, Patenschaften übernehmen, Benefizveranstaltungen organisieren, Putzaktionen - um nur einige Beispiele zu nennen. Gerade auch jüngere Generationen finden durch die Stolpersteine einen ganz direkten Zugang zur NS-Geschichte im lokalen Kontext, hilfreich ist dabei nicht zuletzt auch unsere Homepage. Fragen zum Projekt beantworten wir gerne.

Die neue, innovative App „Stolpersteine NRW – Gegen das Vergessen“ des WDR macht auch die derzeit mehr als 260 Schicksale hinter den Gelsenkirchener Stolpersteinen digital erlebbar. Die App ist für die beiden Plattformen iOS und Android kostenlos verfügbar und kann dann auf dem üblichen Weg über die so genannten “Stores” heruntergeladen werden. Eine Version für den Desktop-Browser ist ebenfalls nutzbar.

Die Stolpersteine führen uns auf Schritt und Tritt vor Augen, zu welcher Grausamkeit Menschen fähig sind, auch gegenüber ihren direkten Nachbarn. Sie verweisen somit ebenfalls auf die Entstehung einer Ausgrenzungsgesellschaft, die zwischen 1933-1945 von allzu vielen Deutschen mitgetragen worden ist. Unser neuer Flyer informiert in kompakter Weise über Hintergründe des Kunstprojekts für Europa von Bildhauer Gunter Demnig. Die gedruckten Flyer können kostenlos bspw. für Schulen, Vereine, Nachbarschaftsgruppen etc. per Email angefordert werden: einfach Anschrift mitteilen und gewünschte Stückzahl angeben.


Erinnerungskultur: 16 weitere Stolpersteine werden in Gelsenkirchen verlegt  

Pressemitteilung | 29. Mai 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Pressemitteilung Stolpersteinverlegung 2022 in Gelsenkirchen

Bildhauer Gunter Demnig kommt am Samstag, 11. Juni 2022 nach Gelsenkirchen, um hier gemeinsam mit Gästen, einer Schüler*:innengruppe der Gesamtschule Berger Feld sowie weiteren Stolpersteinpat *innen ab 14.30 Uhr an mehreren Orten im Stadtgebiet weitere Stolpersteine zu verlegen. Damit werden Lebens- und Leidenswege von Menschen greifbar, die zwischen 1933-1945 aus rassistischen Motiven ermordet, ausgegrenzt oder vertrieben wurden. Sie können ebenso an überlebende Verfolgte erinnern. Demnigs Stolpersteine machen uns bewusst, wohin jede menschenverachtende rassistische Ideologie und Ausgrenzung führen kann. Inzwischen gibt es Stolpersteine in mehr als 25 europäischen Ländern. Allein in Deutschland wurden nach Angaben des Initiators Demnig etwa 90.000 dieser Gedenksteine im Boden verlegt. Im Gelsenkirchener Stadtgebiet wurden seit 2009 zufolge der hiesigen Projektgruppe Stolpersteine (Gelsenzentrum e.V.) bisher 265 Stolpersteine verlegt, insgesamt 18 neue kommen nun Dank des Engagements vieler Menschen hinzu.

Bei dem Projekt „Stolpersteine“ handelt es sich um ein Kunstprojekt für Europa von Bildhauer Gunter Demnig, das die Erinnerung an Opfer der Nationalsozialisten lebendig erhält. Dazu gehören Menschen, die in der NS-Zeit stigmatisiert, verfolgt, deportiert, ermordet oder in die Flucht bzw. den Suizid getrieben wurden. Stolpersteine sind 10 x 10 x 10 cm große Betonquader, in deren Oberläche eine Messingplatte verankert ist. Auf diese Oberfläche werden mit Schlagbuchstaben die Namen und Daten von Menschen eingeprägt, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und zumeist ermordet wurden. Das Besondere an diesem Projekt ist, dass diese kleinen Erinnerungsmale genau an den Orten verlegt werden, an denen die Menschen vor ihrer Flucht oder Verhaftung freiwillig lebten. Damit wird individuell an Verfolgte erinnert, doch es werden gleichwohl auch Fragen nach der Täter- und Mittäterschaft aufgeworfen, indem der Ausgangspunkt der nationalsozialistischen Verfolgung an den ehemaligen Wohnorten deutlich markiert wird.

"Bei den Patinnen und Paten der einzelnen Stolpersteine möchten wir uns herzlich dafür bedanken, dass sie mit ihren Spenden einen mutigen Beitrag zur Sichtbarmachung des düstersten Kapitel unserer Stadtgeschichte geleistet haben". sagt Andreas Jordan, der mit seinem Team die Recherchen und Verlegungen von Stolpersteinen in Gelsenkirchen koordiniert. Wer künftige Stolperstein-Verlegungen finanziell unterstützen möchte, kann an das Konto „Stolpersteine Gelsenkirchen“ bei der Sparkasse Gelsenkirchen mit der IBAN DE79 4205 0001 0132 0159 27 spenden. Der Verwendungszweck ist „Spende Stolpersteine“. Informationen über das Projekt und biografische Skizzen über die Menschen, an die in Gelsenkirchen Stolpersteine erinnern per Mail über a.jordan@gelsenzentrum.de oder im Internet auf www.stolpersteine-gelsenkirchen.de. Interessierte sind herzlich zur Teilnahme an den Stolpersteinverlegungen eingeladen.

Geplante Verlegereihenfolge Samstag, 11. Juni:

14.30 Uhr Mühlenstr. 5-9, → Norman C. Cowley
15.15 Uhr Emscherstr. 41, → Jürgen Sommerfeld
16.00 Uhr Hauptstr. 16, → Lore Grüneberg
16.30 Uhr Gildenstr. 7, → Ehepaar Schlossstein
17.00 Uhr Bahnhofstr. 55-65, → Dr. Alfred Alsberg
17.30 Uhr Von-Der-Recke-Str. 11, → Ida Reifenberg
17.45 Uhr Husemannstr. 39, → Familie Leibisch Grün

Gemeinschaftsverlegung Dienstag, 14. Juni:

10.00 Uhr Dessauerstr. 72, → Vera Polyakova
10.40 Uhr Florastr. 166, → Ehepaar Meyer

(Wir bitten Interessierte, ein Zeitfenster von +/- 20 Minuten zu den genannten Uhrzeiten einzuplanen. Es gelten bei den kleinen Verlegezeremonien die jeweils aktuellen Corona-Richtlinien.)

NRW fördert Rahmenveranstaltungen der diesjährigen Stolpersteinverlegungen in Gelsenkirchen

Die Rahmenveranstaltungen der diesjährigen Stolpersteinverlegungen in Gelsenkirchen werden von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen aus dem Förderpogramm "2000 x 1000 € für das Engagement" gefördert.


Stadtumbau: An der Bochumer Straße sollen auch Fußwege verbreitert werden  

Andreas Jordan | 15. Mai 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Umbau Bochumer Strasse - Stolpersteine müssen zuvor gesichert werden

Der Umbau der Bochumer Straße zwischen Justizzentrum und Virchowstraße soll im Herbst diesen Jahres starten. Geplant sind auf dem Teilstück u.a. die deutliche Verbreiterung der Fußwege. Damit sind auch die vor dem Haus Bochumer Straße Nr. 92 verlegten Stolpersteine 'gefährdet'. Im Mai 2019 von Bildhauer Demnig dort ins Gehwegpflaster eingelassen, erinnern diese drei Stolpersteine an die Ermordung der jüdischen Kaufmannsfamilie Julius Buchthal. Ob die Verantwortlichen bei der Stadt- verwaltung auch diese drei Stolpersteine auf dem Radar haben? Wir werden nachfragen - bevor die kleinen Mahnmale übersehen und wohlmöglich mit Aushub entsorgt werden.

Update 18.5.2022: Martin Schulmann, Pressesprecher der Stadt Gelsenkirchen teilt uns per Mail mit, dass die Stolpersteine zu Beginn der Bauarbeiten an der Bochumer Straße ausgebaut, eingelagert und nach Abschluss der Arbeiten an gleicher Stelle wieder eingebaut werden. Das treffe grundsätzlich auch in Zukunft auf alle betroffenen Stellen zu. So weit, so gut.

Wem gehören die bereits verlegten Stolpersteine?

In diesem Kontext hatten wir noch eine weitere Frage an die Stadtverwaltung Gelsenkirchen gestellt: "Wie beurteilt die Stadtverwaltung einen möglichen Übergang der bereits verlegten Stolpersteine in städtisches Eigentum, wie er in anderen deutschen Städten längst üblich ist?". Anstelle einer klaren Antwort auf eine klare Frage verweist die Verwaltung auf eine Beschlussvorlage (Projekt Erinnerungsorte, 04-09/ 1765) für den Rat der Stadt aus dem Jahre 2005. In der Vorlage werden dem Projekt Stolpersteine - teilweise basierend auf sachlich falsche Angaben - eine Reihe vorgeblicher Schwächen zuge- schrieben, das stadteigene Gedenkprojekt "Erinnerungsorte" wird hingegen favorisiert. Wer bisher gedacht hatte, die Verwaltung habe ihre Haltung zwischenzeitlich überdacht, sieht sich somit getäuscht.


NS-Verbrechen: Gebot der Gerechtigkeit erforderte Verurteilung  

Redaktion | 12. Mai 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

NS-Verbrechen: Gebot der Gerechtigkeit erforderte Verurteilung

Seit 2011 erinnern in Gelsenkirchen zwei Stolpersteine an den Widerständler Erich Lange - der eine am letzten selbstgewählten Wohnort in der Schwanenstraße, ein weiterer am Rundhöfchen, dem Ort seines gewaltsamen Todes in der Gelsenkirchener Altstadt.

Erich Lange war zunächst Mitglied der so genannten Schutzstaffel der NSDAP. Er stellte sich jedoch noch vor der Machtübergabe gegen die Nationalsozialisten, wurde Mitglied der KPD und des "Kampfbundes gegen den Faschismus". In den Augen der Nazis war Erich Lange somit ein "Verräter an der nationalen Sache".

Am 23. März 1933 titelte die Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung "Kommunistischer Funktionär erschossen" - das Opfer war Erich Lange. Der Schütze, ein SS-Mann, will in Notwehr geschossen haben. Mehr war bisher über das Verbrechen bisher nicht bekannt, beim Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen (ISG) fanden sich keine Archivalien zur Person oder dem Schicksal von Erich Lange.

Jüngst stieß Historiker Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) bei Recherchen zur Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit in NRW zwischen 1946-1949 jedoch auf eine Archivsignatur, die auf ein Strafverfahren vor dem Schwurgericht Essen gegen zwei SS-Angehörige hinwies, die einen ehemaligen Kameraden auf offener Straße in Gelsenkirchen erschossen hatten. Schnell stand fest, das es sich bei den Angeklagten um die Personen handelt, die 1933 Erich Lange getötet hatten. Die nun erfolgte Auswertung der Akte aus dem Bundesarchiv bringt mehr Licht in eines der Verbechen in der frühen Phase der NS-Gewaltherrschaft in Gelsenkirchen.

Während ihrer Zugehörigkeit zur SS hatten die beiden Angeklagten Erich Schneider und Wilhelm Dudek im Sommer 1932 Erich Lange kennengelernt. Lange war ebenfalls Mitglied der SS und gehörte wie die Angeklagten dem selben SS-Sturm an. Lange trat jedoch im November 1932 wieder aus der SS aus und wurde Mitglied der KPD. Das war den Angeklagten bekannt.

In der Nacht vom 21. auf den 22. März 1933 suchten die Angeklagten in SS-Uniform gemeinsam mit anderen SS-Männern die Wirtschaft "Stadtkeller" in der Gelsenkirchener Altstadt auf. Beide trugen eine Pistole. Kurze Zeit später betrat auch Erich Lange das Lokal. Es dauerte nicht lange, da kam es zu einem Wortwechsel zwischen den Angeklagten und Erich Lange, der in eine Schlägerei mündete. Die Angeklagten Schneider und Dudek schlugen mit ihren Koppeln auf Erich Lange ein, bis dieser aus dem Lokal floh. Der Angeklagte Dudek verfolgte ihm mit zwei weiteren uniformierten Männern. Sie holten Erich Lange in Höhe des Hotels "Monopol" in der Nähe der "Hubertusbar" ein und schlugen erneut massiv auf ihn ein, sodass er laut um Hilfe schrie. Als Lange dann loslief, um den Schlägen zu entgehen, gab Dudek aus einer Entfernung von etwa 2-3 Metern drei Schüsse aus der Dienstpistole auf ihn ab. Von Kugeln getroffen fiel Erich Lange zu Boden. Das geschah gegen 5.10 Uhr. Die Verfolger suchten das Weite, ohne sich weiter um Lange zu kümmern.

Als sich kurz nach dem Vorfall der Zeuge Funke dem Tatort näherte, traf er mit mehreren SA-Männern zusammen. Diesen teilte er seine soeben gemachte Beobachtung mit, Lange sei von einem SS oder SA-Mann erschossen worden. Diese entgegneten, das seien keine Uniformierten gewesen. Funke musste mit zur Polizeiwache, dort wurde er von Kriminalkommisar Tenholt vernommen. Funke konnte gegen 8 Uhr gehen, er ist in dieser Angelenheit nicht wieder verhört worden.

Nach dem letzten Schuss erschien der sich auf dem Weg zur Arbeit befindliche Zeuge Pruschinski am Tatort und konnte nur noch - wie zuvor Funke - den Tod des Erich Lange feststellen. Ein auftauchender SS-Mann mit gezogener Pistole forderte den Zeugen mit den Worten "Was ist den hier los, mach das du wegkommst, lass das Schwein liegen" auf, zu verschwinden.

Am nächsten Morgen mussten die beiden Angeklagten zur Sturmbann-Dienststelle kommen. Dudek schilderte den Sachverhalt. Daraufhin ordnete der Leiter der Dienststelle Schulz mit den Worten "Wir müssen die Sache drehen" an, das der Angeklagte Schneider als Hilfsbeamter der Polizei Lange erschossen habe, weil dieser sich seiner Festnahme durch Flucht habe entziehen wollen. Schneider sollte die Tat auf sich nehmen, hatte dann jedoch zunächst Bedenken, das Vernehmungsprotokoll zu unterschreiben, da er sich einer Tötung bezichtigte. Doch ihm wurde sofort versichert, das es bei dieser einen Vernehmung bleiben werde und er nichts zu befürchten habe.

Vater des Opfers brachte Nachkriegsprozess ins Rollen

NS-Verbrechen: Gebot der Gerechtigkeit erforderte Verurteilung

Tatsächlich sind dann keine weiteren Ermittlungen getätigt worden, der nun Mitangeklagte Dudek ist seinerzeit nicht verhört worden. Nach dem Krieg wurde auf die Anzeige des Vaters von Erich Lange am 19. Juni 1948 ein Verfahren gegen die mutmaßlichen Täter Dudek und Schneider eingeleitet.

In der Verhandlung stellte das Schwurgericht fest, das sich der Angeklagte Schneider der gefährlichen Körperverletzung, der Angeklagte Dudek der vorsätzlichen Tötung sowie der ge- fährlichen Körperverletzung schuldig gemacht haben. Obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits verjährt, war zu prüfen, ob auf Grund der Verordnung zur Beseitigung nationalsozialisticher Eingriffe in die Strafrechtspflege vom 23. Mai 1947 noch eine Betrafung möglich war. Diese Frage hat das Schwurgericht Essen in der Verhandlung vom 21. September 1949 bejaht, denn dass das Verbrechen der Tötung auch nach 16 Jahren eine Sühne verlangt, erfordere das Gebot der Gerechtigkeit. Schneider wurde erstinstanzlich zu zwei Monaten Gefängnis, Dudek zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Gegen das Urteil legte Schneiders Rechtsanwalt wie auch die Staatsanwaltschaft Revision ein. Im Januar 1950 ergeht ein Beschluss des I. Strafsenats des Obersten Gerichtshofes für die britische Zone, das Verfahren - soweit es Erich Schneider betrifft - einzustellen. Der Revision Dudeks wird stattgegeben und das Verfahren an das Schwurgericht Essen zurückverwiesen. Im April 1950 wird Wilhelm Dudek erneut vom Schwurgericht des Landgerichts Essen wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit in Tateinheit mit Totschlag und gefährlicher Körperverletzung zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren verurteilt.


8. Mai: Virtuelle Kerzen für NS-Opfer entzünden  

Andreas Jordan | 2. Mai 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Eine neue WDR-App macht die rund 15.000 Schicksale hinter Stolpersteinen in Nordrhein-Westfalen erlebbar. Gezielt können Nutzer:Innen etwa nach Stadt oder Opfergruppe suchen. Zudem kann jedem einzelnen der Opfer durch das virtuelle Anzünden von Kerzen gedacht werden. Eine interaktive Karte zeigt alle derzeitig verlegten Stolpersteine in NRW.

Stolpersteine NRW - einzelnen NS-Opfern durch das virtuelle Anzünden von Kerzen gedenken

Bei den Stolpersteinen handelt es sich um ein Projekt des Bildhauers Gunter Demnig. Jeder Stein erinnert an einen Menschen, der von der NS-Diktatur verfolgt, ermordet oder in den Suizid getrieben wurde. Dazu werden auch in Gelsenkirchen seit 2009 kleine Messingtafeln in den Boden eingelassen, zu finden sind sie etwa vor früheren Wohnhäusern oder Geschäften von NS-Verfolgten Menschen aller Opfergruppen. Das WDR-Projekt soll nach Angaben des Senders alle rund 15.000 Stolpersteine in NRW auffindbar und digital zugänglich machen, die es mittlerweile gibt. Es richtet sich auch stark an jüngeres Publikum. Mit „Stolpersteine NRW“ macht der Westdeutsche Rundfunk die Lebensgeschichten dieser Menschen digital zugänglich – Die App ist für die beiden Plattformen iOS und Android kostenlos verfügbar und kann dann auf dem üblichen Weg über die so genannten “Stores” heruntergeladen werden, für daheim über den Desktop-Browser


8. Mai 1945: Tag des Kriegsendes - Gelsenzentrum e.V. sucht putzbereite Unterstützer:Innen  

Andreas Jordan | 2. Mai 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

In den Tagen nach dem 28. März 1945 überschritten US-Truppen die nördliche Stadtgrenze von Gelsen- kirchen und rückten auf das Stadtzentrum zu. Am Karfreitag 1945 ging in Buer und Horst der 2. Welt- krieg zu Ende, amerikanische Truppen besetzten den Stadtnorden. Am 10. April 1945 hatten sie die ge- samte Stadt befreit, in Gelsenkirchen ruhten die Waffen. Am 8. Mai 1945 endete mit der bedingslosen deutschen Kapitulation der zweite Weltkrieg in Europa.

Erinnerungsaktion am Jahrestag des Kriegsendes in Gelsenkirchen

Auch in diesem Jahr ruft der Gelsenzentrum e.V. auf, am Sonntag den 8. Mai die bisher in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine zu putzen. Seit mehr als zehn Jahren beteiligt sich der gemeinnützige Verein Gelsenzentrum e.V.mit seiner Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen an dem Kunstprojekt des Bildhauers Gunter Demnig. Seine kleinen Gedenktafeln, die sogenannten Stolpersteine, in den Gehweg eingelassen, erinnern an Lebens- und Leidenswege der Menschen, die dort in den Häusern gelebt haben und in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, geflohen, deportiert, ermordet, oder in den Suizid getrieben wurden. Inzwischen sind von Gelsenzentrum gemeinsam mit Bildhauer Demnig mehr als 260 Stolpersteine sowie eine Stolperschwelle in Gelsenkirchen verlegt worden. Der Verein betreut und organisiert nicht nur die Verlegung der Steine, sondern kümmert sich auch um Pflege und Erhalt. Wer sich an der Stolperstein-Putzaktion am Sonntag, 8. Mai, beteiligen möchte, kann sich per E-Mail unter a.jordan (ätt)gelsenzentrum.de melden, dort gibt es dann nähere Informationen.

Mit dem Kriegsende am 8. Mai 1945 hörte das Sterben jeoch noch nicht auf

Abb.: Am Tag des Kriegsendes hörte das Sterben jedoch noch nicht auf. Vor dem Haus Im Bahnwinkel 10 im Gelsenkirchener Norden erinnert ein Stolperstein an Robert Mäusert.


Stolpersteine Gelsenkirchen: NRW-Landesregierung fördert Rahmenveranstaltung  

Redaktion | 29. April 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Gunter Demnig zeigt einen Stolperstein

Die einzelnen Verlegungen von Stolpersteinen schaffen Gedenk- und Erinnerungsorte im urbanen Raum. Sie werden dort realisiert, wo die Menschen, die Opfer des NS-Gewaltregimes wurden, einst ihren Lebensmittelpunkt hatten - zumeist vor den Türen ihrer Häuser, inmitten des damaligen nachbarschaftlichen Umfeldes.

Die zeitliche und räumliche Abstufung von Diskriminierung, Entfernung und Tötung durch das NS-Gewaltregime erleichterte es der Mehrheitsgesellschaft (im NS: 'Volksgemeinschaft'), sich an die Verfolgung, Entrechtung und Dehumanisierung ihrer in unmittelbaren Nachbarschaft lebenden Mitbürger:Innen gedanklich zu gewöhnen oder sie zu ignorieren. Hinter jedem Stolperstein steht eine zumeist gewaltsam beendete Lebenswelt, jeder Stolperstein verweist gleichwohl auch auf die Täter des Holocaust.

Die Pat:Innen der Stolpersteine setzen Zeichen - für sich und für andere. Gemeinsam tragen wir die Vergangenheit in die Gegenwart und lassen die Stadtgesellschaft ihrer Verantwortung vor der Geschichte bewusst werden. Die Stolpersteine werden ausschliesslich über Patenschaften finanziert, jedem einzelnen NS-Opfer soll dabei ein eigener Stolperstein gewidmet werden. Um das Projekt in Gelsenkirchen kontinuierlich fortzuführen, ist daher auch weiterhin die Mithilfe vieler Menschen notwendig. So konnten für die diesjährige Verlegeaktion in Gelsenkirchen 16 weitere Stolpersteine durch Patenschaften finanziert werden. Damit wächst die Gesamtzahl der von der Projektgruppe Stolpersteine des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum e.V. in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine beständig auf 281 der kleinen Denkmale an.

NRW fördert Rahmenveranstaltungen der diesjährigen Stolpersteinverlegungen in Gelsenkirchen

Die Rahmenveranstaltungen der diesjährigen Stolpersteinverlegungen in Gelsenkirchen werden von der Landesregierung Nordrhein-West- falen aus dem Förderpogramm "2000 x 1000 € für das Engagement" gefördert.


Wir erinnern an die Deportation von Gelsenkirchen nach Warschau vor 80 Jahren  

Redaktion | 25. März 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Am 31. März 1942 rollte ein weiterer "Sammeltransport" mit jüdischen Kindern, Frauen und Männern ab Gelsenkirchen "in den Osten". Bestimmungsort der Menschenfracht war zunächst das Ghetto Warschau im deutsch besetzten Polen. Planmäßig um 12:12 Uhr verließ der ab Gelsenkirchen eingesetzte Transportzug der Deutschen Reichsbahn mit dem Kürzel "Da 6" am 31. März 1942 mit 52 Gelsenkirchener Juden die Stadt. Ein Waggon war für das Begleitkommando der Schutzpolizei bestimmt. In Bielefeld wurden weitere 326, in Hannover 500 und in Braunschweig 116 jüdische Menschen in den Zug gezwun- gen. Am Morgen des 2. April 1942 erreichte der Zug das Warschauer Ghetto im deutsch besetzten Polen. Von den aus Gelsenkirchen mit diesem Menschentransport deportierten Juden hat niemand seine Befreiung erlebt. Die Namen sind überliefert, so wird beispielsweise mit Gunter Demnigs Stolpersteinen in Gelsenkirchen auch an von den Nazis zumeist im Warschauer Ghetto ermordeten Menschen erinnert.

Deportation Gelsenkirchener Juden nach Warschau.

Unter den im März 1942 nach Warschau deportierten Menschen befanden sich auch Angehörige der Familie Rosenbaum. Vor dem Haus Heinrichplatz 1 in Gelsenkirchen - dem letzten selbst gewählten Wohnort - erinnern seit einigen Jahren Stolpersteine an Familie Siegfried Rosenbaum sowie dessen Schwiegermutter Esther Lippers - sie wurde in Theresienstadt ermordet.


Gedenken: 16 weitere Stolpersteine werden in Gelsenkirchen verlegt  

Andreas Jordan | 9. März 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

"Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden." *

Gunter Demnig verlegt Stolpersteine in Gelsenkirchen

Die Stolperstein-Verlegung 2022 haben wir bereits lange vor Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine geplant, nun sollen am Samstag, den 11. Juni von Bildhauer Gunter Demnig weitere Stolpersteine in Gelsenkirchen verlegt werden.

Am Dienstag, 14. Juni folgen dann an zwei Orten in Gelsenkirchen so genannte Gemeinschaftsverlegungen, die wir in Absprache mit Gunter Demnig selbst ausführen. Die Terminangabe muss zum jetzigen Zeitpunkt unter dem Vorbehalt der aktuellen Entwicklungen in der Ukraine genannt werden.



Geplante Verlegereihenfolge Samstag, 11. Juni:

14.30 Uhr → Norman C. Cowley, Mühlenstr. 5-9
15.15 Uhr → Jürgen Sommerfeld, Emscherstr. 41
16.00 Uhr → Lore Grüneberg, Hauptstr. 16
16.30 Uhr → Ehepaar Schlossstein, Gildenstr. 7
17.00 Uhr → Dr. Alfred Alsberg, Bahnhofstr. 55-65
17.30 Uhr → Ida Reifenberg, Von-Der-Recke-Str. 11
17.45 Uhr → Familie Leibisch Grün, Husemannstr. 39

Gemeinschaftsverlegung Dienstag, 14. Juni:

10.00 Uhr → Vera Polyakova, Dessauerstr. 72
10.40 Uhr → Ehepaar Meyer, Florastr. 166

* Ztat: Fritz Bauer (1903-1968), Generalstaatsanwalt, Ankläger im Auschwitz-Prozess.

(Wir bitten Interessierte, ein Zeitfenster von +/- 20 Minuten zu den genannten Uhrzeiten einzuplanen. Es gelten bei den kleinen Verlege- zeremonien die jeweils aktuellen Corona-Richtlinien.)


Erinnerungskultur: Gesamtschule Berger Feld erhält weitere Auszeichnung  

Andreas Jordan | 7. Februar 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

'Wir, die Klasse 8.2 der Gesamtschule Berger Feld, haben gemeinsam mit unseren Klassenlehrerinnen Frau Mau und Frau Krause die Patenschaft für den Stolperstein von Walter Hes übernommen, weil uns sein Schicksal sehr berührt hat. Walter war so alt wie wir es jetzt sind, als er von den Nazis ermordet wurde. Mit unserem Engagement wollen wir dazu beitragen, dass Walter Hes und die vielen anderen Opfer des Holocausts nicht vergessen werden und so etwas niemals wieder geschieht.'

Mit der "Ernst-Alexander-Auszeichnung" wurde jüngst die Gelsenkirchener Gesamtschule Berger Feld geehrt. Mit herausragenden und nachhaltigen Projekten hat sich die Schule für die Erinnerungskultur und gegen das Vergessen eingesetzt. Mit dem Projektkurs „Geschichte“ erinnert die Gesamtschule Berger Feld zum einen fortlaufend an das Leid der jüdischen Bevölkerung in Gelsenkirchen nach der Machtübergabe an die Nazis 1933 und die späteren Deportationen durch das NS-Regime. Seit 2017 reist die Gruppe deshalb jährlich nach Riga, um die traurige Verbindung zwischen Gelsenkirchen und der lettischen Hauptstadt zu erinnern und diese aufzuarbeiten. Nicht zuletzt hat auch das aktive Engagement der Gesamtschule Berger Feld für das Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen zur Verleihung der Auszeichnung geführt.

So haben die Schüler:Innen gemeinsam mit ihren Lehrer:innen in den letzten Jahren Patenschaften für mehrere Stolpersteine übernommen und so die Verlegungen der kleinen Mahnmale für Walter Hes, Ernst Levie und dessen Eltern Walter und Malke Levie erst möglich gemacht: "Wir, die Klasse 8.2 der Gesamtschule Berger Feld, haben gemeinsam mit unseren Klassenlehrerinnen Frau Mau und Frau Krause die Patenschaft für den Stolperstein von Walter Hes übernommen, weil uns sein Schicksal sehr berührt hat. Walter war so alt wie wir es jetzt sind, als er von den Nazis ermordet wurde. Mit unserem Engagement wollen wir dazu beitragen, dass Walter Hes und die vielen anderen Opfer des Holocausts nicht vergessen werden und so etwas niemals wieder geschieht." schrieben uns die Schüler:Innen. Für dieses Engagement waren die Schülerinnen und Schüler vom Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten bereits mit dem Margot-Spielmann-Preis geehrt und ausgezeichnet worden.

Schüler:Innen der Gesamtschule Berger Feld übernahmen die Stolperstein-Patenschaft für Walter Hes

Bildhauer Gunter Demnig verlegt in Gelsenkirchen Stolpersteine für Walter, Malke und Ernst Levie

Zahlreich waren Lehrer:Innen, Schüler:Innen (Klasse 8.1) und Ehemalige der Gesamtschule Berger Feld vor Ort erschienen, als im Juni letzten Jahres am Knappschaftshof in Gelsenkirchen-Ückendorf die Stolpersteine für Familie Walter Levie ins Pflaster eingelassen wurden - hatten sie doch die Patenschaften und damit die Finanzierung für diese drei Erinnerungszeichen übernommen. Die Jugendlichen gestalteten mit ihren Wortbeiträgen die kleine Zeremonie aktiv mit. Vor allem für die jüngere Generation, für die der Holocaust immer weiter wegrückt, bieten Stolpersteine einen besonderen Zugang zur Geschichte. Abstrakte Opferzahlen in Millionenhöhe werden auf diese Weise individualisiert und in einen lokalen, zeithistorischen Kontext gerückt. Mit der erschütternden und aufklärenden Wirkung der Stolpersteine kehren Namen zurück und gewaltsam genommene Lebenswelten werden sichtbar gemacht. Auch in diesem Jahr beteiligt sich die Gesamtschule Berger Feld mit der Übernahme der Stolpersteinpatenschaften für die Familie Leibisch Grün am Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen.


27. Januar: Internationaler Holocaust-Gedenktag  

Redaktion | 26. Januar 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

27. Januar: Internationaler Holocaust-Gedenktag

Auschwitz ist das Synonym für den Massenmord der Nazis an Juden, Sinti und Roma und anderen Verfolgten. Auschwitz ist Ausdruck des Rassenwahns und das Kainsmal der deutschen Geschichte. Der 27. Januar, der Tag der Befreiung von Auschwitz, ist daher kein Feiertag im üblichen Sinn. Er ist ein "DenkTag": Gedenken und Nachdenken über die Vergangenheit schaffen Orientierung für die Zukunft. Die beste Versicherung gegen Völkerhass, Totalitarismus, Faschismus und Nationalsozialismus ist und bleibt die Erinnerung an und die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte. In Gelsenkirchen ist der 27. Januar ein zweifacher Gedenktag: Es wird der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz 1945 gedacht, außerdem der Deportation jüdischer Menschen von Gelsenkirchen nach Riga, die drei Jahre zuvor am 27. Januar 1942 vom NS-Terrorregime mit Hilfe der örtlichen Stadtverwaltung durchgeführt wurde.


„Stolpersteine NRW“: Neues digitales WDR-Angebot gegen das Vergessen 

Redaktion | 22. Januar 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Die rund 15 000 Stolpersteine in Nordrhein-Westfalen stehen im Mittelpunkt des innovativen digitalen WDR-Angebots „Stolpersteine NRW – Gegen das Vergessen“. Der WDR macht die Geschichte der Menschen hinter den Steinen des Künstlers Gunter Demnig jetzt auch digital zugänglich: mit Texten, Fotos, Audios, Illustrationen und Augmented-Reality-Elementen. „Stolpersteine NRW” ist ab sofort als App auf dem Smartphone und am PC/Laptop im Desktop-Browser (stolpersteine.wdr.de) nutzbar.

Mit der App erfahren Smartphone-Nutzer:innen zu jedem Stein, welcher Mensch sich dahinter verbirgt.© WDR/Jan-Philipp Behr

WDR-Intendant Tom Buhrow: „Wir dürfen die Menschen, an deren furchtbares Leid mit den Stolpersteinen erinnert wird, niemals vergessen. ,Stolpersteine NRW‘ regt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Opfern des Nationalsozialismus vor der eigenen Haustür und im ganzen Land an. Mit unserem einzigartigen Angebot ist es erstmals digital möglich, jeden einzelnen Stein in Nordrhein-Westfalen anzusteuern und mehr über die Menschen dahinter zu erfahren. Damit wollen wir vor allem Jüngeren auf ganz neue Art ermöglichen, sich mit dem Lebens- und Leidensweg dieser Menschen auseinanderzusetzen.“ Mit der App erfahren Smartphone-Nutzer:innen zu jedem Stein, vor dem sie stehen, welcher Mensch sich dahinter verbirgt. Auf Basis von Namen oder Adressen lassen sich die Stolpersteine gezielt finden. Auf der Internetseite kann man auch zuhause am PC auf einem größeren Bildschirm ortsunabhängig in der Datenbank recherchieren. Interaktiv nutzbare Filter machen es möglich, die mehr als 15.000 Biografien komfortabel zu durchsuchen.

Umfangreiches Unterrichtsmaterial für Lehrer:innen

Anfang 2020 hatte der WDR alle Städte und Gemeinden, in denen seit den 1990er Jahren die Messingtafeln in den Bürgersteigen verlegt worden sind, kontaktiert und um Kooperation gebeten. Gemeinsam mit Expert:innen aus mehr als 200 nordrhein-westfälischen Kommunen, Initiativen und Aktionsbündnissen wurden Archive durchforstet, historische Dokumente gesichtet, Berichte von Überlebenden ausgewertet und Quellen abgeglichen. Der WDR hat alle Informationen gesammelt und multimedial aufbereitet. Zudem gibt es umfangreiches Unterrichtsmaterial für Lehrkräfte, das zusammen mit den Kolleg: innen von „Planet Schule“ erarbeitet wurde.

Stolpersteine-Initiator und Künstler Gunter Demnig unterstützt das Projekt von Anfang an. Zum neuen WDR-Angebot sagt er: „Ich bin fasziniert von dem, was da entstanden ist. Besonders gelungen finde ich, dass ein pädagogisches Konzept mit eingebaut wurde mit der Absicht, sich an junge Menschen, an Schülerinnen und Schüler zu wenden. Das wird ein ganz anderer, neuer Geschichtsunterricht. Die App und die Website werden es leichter machen, in dieses Thema einzusteigen. Ich bin dem WDR sehr dankbar für das Engagement und für das gelungene Projekt.“

Projekt nur möglich durch Unterstützung vor Ort

Demnig ist es wichtig, auf die Hilfe vor Ort, etwa durch Einzelpersonen oder Initiativen, hinzuweisen. Ohne sie gäbe es die Stolpersteine in der Form nicht. Das gilt auch für das WDR-Projekt: Mit Expert:innen aus mehr als 200 nordrhein-westfälischen Kommunen, Initiativen und Aktionsbündnissen wurden Archive durchforstet, historische Dokumente gesichtet, Berichte von Überlebenden ausgewertet und Quellen abgeglichen. All das floss in eine Datenbank ein. Die ist seit Projektbeginn stark gewachsen – und wird das weiter tun. Denn der WDR wird Stolpersteine NRW auch künftig pflegen und erweitern.

Neben biografischen Texten, die teilweise auch als Audios zur Verfügung stehen, dienen historische Fotos, Mini-Hörspiele und Videos aus dem WDR-Archiv dazu, die Geschichte der Opfer, ihrer Wohnorte und ihrer Zeit so gut wie möglich nachvollziehbar zu machen. An ausgewählten Orten werden mit Hilfe von „Augmented Reality“ alte Aufnahmen in die heutige Umgebung eingebettet. Zudem lassen sich zum Gedenken virtuelle Kerzen an den Steinen entzünden. Das digitale WDR-Angebot enthält auch mehr als 200 gezeichnete Kurzgeschichten, die sich mit den Biografien der Menschen auseinandersetzen. Diese wurden in Zusammenarbeit mit jungen Illustrator:innen der Kunsthochschule Kassel produziert.

Alle Informationen finden Sie unter: stolpersteine.wdr.de

Die Themenseite zu „Stolpersteine NRW“:


Großfamilie Schopper: Nachfahren wünschen Stolpersteine in Gelsenkirchen  

Andreas Jordan | 13. Januar 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Die weitverzweigte Großfamilie Schopper um Adolf und Patzura Schopper lebte zu großen Teilen in Gelsenkirchen. Als Angehörige der Minderheit deutscher Sinti geriet auch diese Familie alsbald nach der Machtübergabe an die Nazis ins Visier der Verfolgungsbehörden. Die einzelnen Mitglieder der Familie lebten mit ihren Frauen und Kindern vorwiegend in verschiedenen Wohnungen im Stadtgebiet und nur kurzeitig auf den Zwangs-Lagerplätzen der Stadtverwaltung. Bis auf wenige Überlebende bzw. Befreite wurden alle Familienmitglieder von den Nazis ermordet. Nun wünschen Nachfahren die Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen.

März 1943 - Deportation der Gelsenkirchener Sinti und Lovara nach Auschwitz-Birkenau

Die familiären Beziehungen lassen sich anhand der Publikation "Mit einer Rückkehr nach hier ist nicht mehr zu rechnen" von Stefan Goch aus dem Jahre 1999 größtenteils abbilden, wobei noch ergänzende, aktuelle Recherchen unsererseits durchgeführt werden müssen. Das Ehepaar Adolf und Patzura Schopper hatte sechs Kinder: Josef (Jg. 1900), Maria (Jg. 1902), Anna (Jg. 1904), Mimi (Jg. 1908), Janosch (Jg. 1909), und Klara (Jg. 1918) - die wiederum verheiratet waren und teilweise selbst Kinder hatten.

Der Konzeption von Bildhauer Demnig folgend, müssen wir für die Famile Schopper insgesamt 20 Stolpersteine in Gelsenkirchen verlegt werden, da Familien im Gedenken symbolisch möglichst wieder zusammengeführt werden sollten. Ein Teil der Summe wird auf ausdrücklichen Wunsch von Nachfahren aufgebracht, jedoch müssen wir auch in diesem Fall um Spenden bzw. die Übernahme von Patenschaften bitten. Erfahrungsgemäß wird einige Zeit vergehen, bis ausreichend Patenschaften übernommen werden, so werden wir zunächst Stolpersteine für Adolf und Patzura Schopper, deren Sohn Janosch Schopper und dessen zweiter Frau Gertrud Goman und den gemeinsamen Sohn Harald Anton verlegen. Spendenkonto: Stolpersteine Gelsenkirchen, IBAN: DE 79 4205 0001 0132 0159 27, BIC: WELADED1GEK, Verwendungszweck: "Stolpersteine Familie Schopper". Auf Wunsch können wir entsprechende Spendenquittungen ausstellen.


Gelsenkirchen: Stolperschwelle für Opfer von Zwangssterilisation und Krankenmord  

Andreas Jordan | 8. Januar 2022 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Gelsenkirchen: Stolperschwelle für Opfer von Zwangsterilisation und Krankenmord

Die Januarausgabe des Stadtmagazins 'isso' ist erschienen, darin auch zwei Beiträge mit Bezug zu unserer Gedenk- und Erinnerungsarbeit. Die Artikel thematisieren die NS-Krankemorde (NS-Tarnbezeichnung T4, euphemistisch Euthanasie" genannte Mordaktion an Patienten in "Heil- und Pflegeanstalten"). Zum einen wird exemplarisch an Astrid "Iri" Steiner aus Gelsenkirchen erinnert. Für Astrid haben wir bereits einen Stolperstein an der Polsumerstraße verlegt. Der andere Beitrag thematisiert die Schaffung eines Erinnerungsortes an einem der Täterorte Gelsenkirchens in Form einer Stolperschwelle für Opfer von Zwangssterilisation und Krankenmord, verbunden mit einem Spendenaufruf.

'Leider muss ich Ihnen mitteilen, das ihre Tochter Astrid heute plötzlich verstorben ist'. Über das Schicksal des Mädchens Astrid "Iri" Steiner: Jetzt online lesen.

Eine Stolperschwelle für Opfer von Zwangssterilisation und Krankenmord - Schaffung eines Erinnerungsortes im öffentlichen Raum der Stadt Gelsenkirchen: Jetzt online lesen.

Abb.: Das Plakat wirbt für die vom Rassenpolitischen Amt der NSDAP herausgegebenen Monatshefte 'Neues Volk'. Es zeigt einen sitzenden, offenbar bewegungsunfähigen körperbehinderten Mann und einen hinter ihm stehenden Pfleger. Die bildliche Aussage wird durch den Satz '60.000 RM kostet dieser Erbkranke die Volksgemeinschaft auf Lebenszeit' und den Hinweis 'Volksgenosse, das ist auch Dein Geld' verdeutlicht: Behinderte und unheilbar Kranke sollten aus der 'Volksgemeinschaft' - ähnlich den Juden, Sinti und Roma und anderen Gruppen - ausgegrenzt werden, ihr Tod sei eine Einsparung für jeden gesunden 'Volksgenossen'. (Deutsches Historisches Museum, Berlin Inv.-Nr.: 1988/1284)


Zum Tod von Rolf Abrahamsohn - Gerettet, aber nicht befreit  

Andreas Jordan | 27. Dezember 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Rolf Abrahamson - Gerettet, aber nicht befreit (Foto: Gelsenzentrum e.V.)

Wir sind traurig, unser Freund Rolf Abrahamsohn ist am 23. Dezember 2021 gestorben. Baruch Dayan HaEmet - Möge die Erinnerung an ihn ein Segen sein.

Auch Rolf Abrahamsohn war unter den jüdischen Menschen, die am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen in das Ghetto Riga deportiert wurde. Mit viel Glück überlebte Rolf als einziger seiner Familie den Holocaust.

Eigentlich wollte Rolf Abrahamsohn nach seiner Befreiung nach Palästina gehen. Als er jedoch erfuhr, dass er unter Umständen von den Engländern auf Zypern interniert werden könnte, entschied er sich, doch in Deutschland zu bleiben: „Die Jahre im KZ und im Arbeitslager waren doch genug, nie wieder wollte ich eingesperrt sein, und so blieb ich in Marl“. Zunächst nach seiner Befreiung in Recklinghausen lebend, kehrte Rolf Abrahamsohn Ende der 1940er Jahre in das zuvor von den Nazis geraubte Elternhaus in Marl zurück. Dem tüchtigen Kaufmann gelang der Aufbau einer neuen Existenz, auch gründete er eine Familie. Jedoch bekam nur allzuoft zu spüren, dass es vielen Menschen lieber gewesen wäre, wenn die Nazis ihr Mordwerk vollendet hätten.

Er setzte sich im Nachkriegsdeutschland auf vielfältige Weise für das Judentum ein. So hat er maßgeblich am Aufbau der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Recklinghausen gearbeitet, dessen Vorsitzender er lange Zeit war. Abrahamsohn kümmerte sich auch um Waisenkinder in Recklinghausens Partnerstadt Akko in Israel. Zeit seines Lebens lag es Rolf Abrahmsohn besonders am Herzen, junge Menschen von dem Schrecklichen zu berichten, was er während der Nazidiktatur am eigenen Leib erleben musste - nur weil er Jude war. Mit seiner Befreiung gehörte Rolf Abrahamsohn zu den Geretteten, eine Befreiung war es für ihn nicht, denn die Gespenster seiner Vergangenheit ließen ihn niemals mehr los. Nacht für Nacht kehrten sie zurück, ließen ihn nicht schlafen. Seine Augen sind nun für immer geschlossen, möge Rolf Abrahamsohn endlich seine friedvolle Ruhe finden.


Stolpersteine: Wie geht es in Gelsenkirchen weiter?  

Andreas Jordan | 7. Dezember 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Stolpersteine: Wie geht es in Gelsenkirchen weiter?

Gunter Demnigs Stolpersteine liegen in 27 Ländern, im Dezember 2021 wird der 90.000 Stein verlegt werden. Die Stolpersteine gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Seit Beginn der 1990er Jahre arbeitet Demnig an dem Projekt "Stolpersteine", das die Erinnerung an die während der NS-Diktatur verfolgten, vertriebenen und zumeist ermordeten Juden, Sinti und Roma, politischen Widerständler, Homosexuellen, Zeugen Jehovas, Zwangsarbeitenden, Euthanasieopfer und den als vorgebliche "Asoziale" stigmatisierten lebendig erhalten soll.

Im Jahre 2009 konnten wir nach Überwindung von Vorbehalten seitens Politik und Stadtverwaltung erste Stolpersteine auch in Gelsenkirchen verlegen, mittlerweile haben wir 265 Stolpersteine sowie eine Stolperschwelle in das Gehwegpflaster unserer Stadt eingelassen.

Wenn auch durch die Coronapandemie unter erschwerten Bedingungen haben wir im Hintergrund die Recherchen für die nächste Verlegeaktion in Gelsenkirchen im Sommer 2022 abgeschlossen. Derzeit wird ein Termin mit dem Büro des Bildhauers Demnig vorbereitet. Damit ist jedoch keinesfalls das Ende der Stolperstein-Aktion in Gelsenkirchen erreicht, denn es gibt noch viele weitere Namen von ermordeten, zur Flucht gezwungenen bzw. befreiten Menschen. Eine weitere Stolperschwelle für Opfer von Zwangssterilisation und Krankenmord ist in Vorbereitung.

Das von Bildhauer Gunter Demnig ersonnene Projekt Stolpersteine bietet auch für Geschichtskurse oder Schulklassen eine ganz besondere Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit der NS-Gewaltherrschaft und der Erinnerung an Opfer der nationalsozialistischer Verfolgung. Beteiligte Schülerinnen und Schüler finden einen ganz direkten Zugang zur lokalen NS-Geschichte. Die Stolpersteine werden über Patenschaften finanziert, jedem einzelnen NS-Opfer soll dabei ein eigener Stolperstein gewidmet werden. Die Paten der Stolpersteine setzen Zeichen - für sich und für andere, sie tragen gemeinsam die Vergangenheit in die Gegenwart und lassen uns alle unserer Verantwortung vor der Geschichte bewusst werden. Um das Projekt in Gelsenkirchen kontinuierlich fortzuführen, ist daher Mithilfe in Form finanzieller Unterstützung durch viele Menschen notwendig.

Die Projektgruppe Stolpersteine in Gelsenkirchen ist kein städtisches Projekt, sondern wird von zivilgesellschaftlichen Engagement einiger Gelsenkirchener BürgerInnen unter dem Dach des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum e.V. umgesetzt. Die Finanzierung der Stolpersteine sowie die der Arbeit der Projektgruppe erfolgt nicht über Steuergelder, sondern ausschließlich durch Spenden. Wir bitten darum, unsere Arbeit weiterhin durch Spenden zu unterstützen.

Spendenkonto: Sparkasse Gelsenkirchen
IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27
BIC: WELADED1GEK
Verwendungszweck: Stolpersteine Gelsenkirchen


Gelsenkirchen: 80 Jahre Riga-Deportation 

Andreas Jordan | 6. Dezember 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

2022 jährt sich die Deportation jüdischer Menschen von Gelsenkirchen nach Riga in Lettland, damals ein Teil des "Reichskommissariats Ostland", zum 80. Mal. Am 27. Januar 1942 rollte der erste "Sammeltransport" mit jüdischen Kindern, Frauen und Männern von Gelsenkirchen Richtung Osten. Bestimmungsort der Menschenfracht war das Ghetto Riga. Etwa 420 jüdische Menschen - davon rund 340 aus Gelsenkirchen - wurden zunächst in die zum temporären "Sammellager" umfunktionierten Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz unter unmenschlichen Bedingungen eingepfercht. Auch Juden aus umliegenden Revierstädten wie bspw. Recklinghausen wurden eigens für die Deportation nach Gelsenkirchen transportiert.

Der erste Deportationstransport, der Gelsenkirchen am 27. Januar 1942 verließ, erreichte am 1. Februar den Bestimmungsort Riga in Lettland und entlud seine menschliche Fracht am Bahnhof Skirotava

Auf dem Weg nach Riga wurden weitere Menschen an verschiedenen Haltepunkten - u.a. in Dortmund und Hannover - in den Zug gezwungen. Der Deportationszug der Deutschen Reichsbahn erreichte schließlich mit etwa 1000 Menschen am 1. Februar 1942 Riga in Lettland. Der überwiegende Teil der aus Gelsenkirchen und anderen Städten am 27. Januar verschleppten Juden wurden in der Folgezeit im Ghetto Riga oder in Konzentrationslagern ermordet. Zu den wenigen, die oftmals als Einzige ihrer Familien den Holocaust überlebt haben, gehört auch der im damaligen Horst-Emscher geborene Herman Neudorf. An Herman und seine Familie erinnern die ersten in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine.

Foto: Hermann Neudorf

Der 96jährige Herman Neudorf, heute in den USA lebend, erinnert sich:

"Am 20. Dezember 1941 erhielten wir von der Gestapo, Staatspolizeistelle Gelsenkirchen, die erste Aufforderung: "Sie haben sich auf einen Transport zum Arbeitseinsatz nach dem Osten vorzubereiten. An Gepäck darf 10 Reichsmark mitgenommen werden. Die Fahrtkosten sind selbst zu entrichten" - natürlich einfache Fahrt, eine Rückfahrt war ja nicht vorgesehen. Vorbereitungen wurden von Seiten der zur Deportation bestimmten jüdischen Einwohnern Gelsenkirchens getroffen. Medikamente, Winterkleidung, warme Decken und so weiter beschafft. Am 20. Januar 1942 kommt wieder ein Schreiben: "Sie haben sich zum Transport nach dem Osten in den nächsten drei Tagen bereitzuhalten." Nun war es also soweit.

An einem Januarmorgen um 10 Uhr morgens wurden wir dann von der Gestapo aus dem sogenannten "Judenhaus" an der Markenstraße 28 in Horst abgeholt und in einen Autobus verfrachtet, mit je einem Koffer. In Handumdrehen sammelte sich um den Bus eine Anzahl Schulkinder. Auf ihre neugierige Frage, wohin wir fahren, antwortete der Gestapo-Chauffeur: "Zur Erholung in ein Sanatorium." Am Wildenbruchplatz schliefen wir eine Nacht wie Tiere in Stroh am Boden. Frühmorgens am folgenden Tag wurden wir verladen. Es war der 27. Januar 1942. Aber diese Mörder wussten zu gut, wohin unsere Fahrt führen sollte. Hoher Schnee mit ca. 25 Grad Kälte. Ein Personenzug stand am Güterbahnhof Gelsenkirchen für uns bereit. Ungeheizt. Am Ende des Zuges wurden drei Wagen mit unseren Koffern, Verpflegung und Küchengeräten angehängt. Dann fuhren wir ab. Türen natürlich abgeschlossen. Vor Hannover erfuhren wir, daß die letzten Wagen angeblich "heißgelaufen" waren und abgehängt werden mussten. Nun besaßen wir nur noch das, was wir am Leibe trugen. Es war eine lange Fahrt durch Ostpreußen, Litauen, Lettland. Aborte völlig verstopft und eingefroren, die Abteilwände mit einer Eisschicht überzogen.

Am 1. Februar erreichten wir unsere neue "Heimat", der Transport hielt am Bahnhof Skirotava im südlichen Teil der Stadt Riga. Auf uns warteten schon SS-Leute in dicken Pelzmänteln. Sie trieben uns mit Schlägen, Beschimpfungen und Gebrüll aus dem Zug. Die Glieder waren noch starr vor Kälte. Zum Teil mit LKW oder zu Fuß ging es ab. Ungefähr drei Stunden Marsch. Lettische Wachen hüteten uns sorgfältig und rissen einigen gute Kleidungsstücke vom Leibe herunter. Ein mit Stacheldraht umgebener Stadtteil tauchte auf. Personen mit gelben "Judensternen" konnte ich erkennen. Das war also das Rigaer Ghetto, das uns allen ewig in Erinnerung bleiben sollte. Oft wundert man sich selbst, dass man diese schrecklichen Jahre, die noch folgen sollten, überhaupt überleben konnte." Hermann Neudorf erlebte seine Befreiung im April 1945 auf einem Todesmarsch aus dem KZ Buchenwald in Richtung KZ Dachau. Lebensgeschichtlichen Erinnerungen von Herman Neudorf: Das war Riga...


Stolpersteine Bochum: Dr. Hans Buxbaum. Sozialdemokrat - Schwul - Jüdisch  

Redaktion | 24. November 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Crystal night faces v. Luka Stoisavljevic, Kragujevac, Serbia

Wer in einer dieser drei Kategorien verortet wurde, war in der NS-Zeit unmittelbar ab Anfang 1933 in vielfältiger Weise bedroht. Von Betätigungsverbot, Berufsverbot über strafrechtliche Verfolgung bis zu völliger sozialer und gesellschaftlicher Ausgrenzung reichten die sich steigernden Willkür-Maßnahmen, die die Nationalsozialisten und ihre willigen Helfer praktizierten. Am Ende gingen viele Menschen in den Konzentrationslagern "durch den Kamin", wie es die Häftlinge selbst formulierten. Ermordung von SozialdemokratInnen, Homosexuellen und Juden und Jüdinnen war Teil des Staatshandelns. Weitere Gruppen seien benannt: Bibelforscher, Behinderte, Sinti und Roma, Frauen und Männer, die Abtreibungen befürworteten und den in Not befindlichen Frauen halfen, Obdachlose, Arbeitslose, Kommunisten, Wehr- und Kriegsdienstverweigerer, usw. Engagement, sei es sozial, sei es politisch, sei es durch besondere Leistungen, sei es als Mensch, zählten wenig bis gar nichts - in der NS-Zeit wurden Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu ideologischen und rassistisch formulierten Kategorien der Maßstab, ob ein Mensch Chancen auf Fortkommen, Leben und Unversehrheit hatte oder nicht. Worte wie "Volksfeinde, Volksschädlinge, Rasseschänder, usw." waren das sprachliche Abbild von Hitlers Gauland. Was mit Hetze und Jubel begann, endete ... Für Homosexuelle endete die Verfolgung nach NS-Gesetzen erst 1969! Dr. Hans Buxbaum, stellvertretender Theaterleiter, Regisseur und Oberspielleiter von 1926 bis 1933 am Bochumer Theater - und aufgrund der damaligen Theaterehe mit Duisburg auch am dortigen Theater wirkend - fiel in alle drei Ausgrenzungskategorien: Sozialdemokrat, schwul, jüdisch. Bis heute ist der engagierte Theatermann weitestgehend vergessen.

Erstmals wird nun an ihn erinnert. Wesentliche Teile des Lebens- und Verfolgungsweges von Hans Buxbaum und seines Widerstandes gegen Hitler-Deutschland lesen sie in der ersten, schriftlichen Publikation und Würdigung von Jürgen Wenke, die Hans Buxbaum in den Mittelpunkt stellt: "Was bleibt, wenn der Vorhang fällt?"

Zweiter Teil der Würdigung: Stolpersteinverlegung für Hans Buxbaum in Bochum

In Bochum, Theatervorplatz Schauspielhaus Bochum, Königsallee 15, 44789 Bochum am Dienstag, den 14. Dezember 2021, ca. 12 Uhr (aufgrund der Tatsache, dass der Künstler Gunter Demnig nur einen ungefähren Zeitplan der Verlegung benennen kann und manchmal schon vor der geplanten Zeit erscheint, wird vom Veranstalter ca. 11.30 Uhr als Zeitpunkt einer Teilnahme empfohlen) Die Veranstaltung findet im Freien statt, bitte halten Sie die notwendigen Schutzmaßnahmen wg. der Corona-Pandemie eigenverantwortlich ein. Rückmeldungen an Veranstalter und Initiator Jürgen Wenke per Email sind erwünscht.


Jahrestag: Gedenken und Erinnern an Opfer der Pogromwoche 1938  

Andreas Jordan | 4. November 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Crystal night faces v. Luka Stoisavljevic, Kragujevac, Serbia

Auch in diesem Jahr finden an vielen Orten in Deutschland Veranstaltungen zum Gedenken an jüdische Bürgerinnen und Bürger statt, die in den Tagen und Nächten vom 7. bis 16. November 1938 Opfer rassistisch motivierter Gewalttaten gegen Leib, Leben und Eigentum wurden.

Der Höhepunkt der vom NS-Gewaltregime initiierten Ausschreitungen fand in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 statt, im kollektiven Gedächnis als so genannte "Reichskristallnacht" oder auch im neueren Sprachgebrauch als "Reichspogromnacht" verankert. Der Begriff "Reichspogromnacht" wiederum ist eine nach 1945 konstruierte Bezeichnung im Nazi-Jargon, und deshalb vollkommen unmöglich: Bei den Nazis wurde alles, was erhöht sein sollte, mit dem Zusatz "Reich" versehen. Pogromwoche bzw. Novemberpogrome sind daher die geeigneteren Bezeichnungen.

Der als gemeinnützig anerkannte Verein Gelsenzentrum e.V. ruft Bürgerinnen und Bürger zur Teilnahme an den Kundgebungen und Veranstaltungen demokratischer Organisation und Gruppierungen zur Erinnerung und zum Gedenken an Menschen auf, die 1938 Opfer der Novemberpogrome wurden. Jeder von uns ist gefordert, sich entschlossen gegen jede Form von Rassismus, Hetze, Gewalt, Ausgrenzung und Diskriminierung stellen. Die Pogromwoche im November 1938 erinnert gleichwohl auch an die NS-Verbrechen, die vorausgingen und an die, die diesem Datum folgten.
Weitere Informationen bietet nachfolgend verlinkte Dokumentation auf der Internetpräsenz des Gelsenzentrum e.V.: Die Novemberpogrome 1938 in Gelsenkirchen


"Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren."

(Richard von Weizsäcker)



83. Jahrestag der so genannten "Polenaktion" - Auftakt zur Vernichtung  

Andreas Jordan | 27. Oktober 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Stolperstein für David Nussbaum in Gelsenkirchen

Im Rahmen der im Nazi-Jargon als "Polenaktion" bezeichneten Abschiebeaktion zwischen dem 28. und 29. Oktober 1938 wurden rund 18.000 jüdische Menschen mit polnischer Staatsangehörigkeit, pejorativ als "Ostjuden" bezeichnet, aus dem "Dritten Reich" abgeschoben. Bei im ganzen Reichsgebiet durchgeführten Razzien brutal festgenommen, meist nur mit dem versehen, was die Betroffen auf dem Leib trugen, wurden die Menschen in Sammeltransporten mit der Reichsbahn an die polnischen Grenze verschleppt und dort ins Niemandsland getrieben. In Gelsenkirchen waren etwa 80 jüdische Menschen jeden Alters von der Massenabschiebung betroffen. Einigen wenigen wurde anschließend die Rückreise nach Gelsenkirchen gestattet - sie wurden dann gezwungen, vor Ort bei der "Arisierung" ihres Besitzes "mitzuwirken" - um danach erneut ausgewiesen bzw. später deportiert zu werden. Diese Abschiebeaktion, die im Zusammenspiel von Polizei, Reichsbahn, Finanzbehörden und Diplomatie ablief, stellte einen ersten Höhepunkt der physischen Verfolgung jüdischer Menschen dar und war der eigentliche Auftakt zur geplanten Vernichtung der europäischen Juden.

Es gab mehrere Zielorte für die Abschiebungstransporte – einer der Orte war die polnische Grenzstation Zbaszyn (Bentschen) in der Provinz Posen. Dorthin wurden auch die Betroffenen aus Gelsenkirchen verschleppt. Die meisten der Deportierten (in Zbaszyn zwischen 5.000 und 10.000) mussten monatelang in Ungewissheit ihrer Zukunft unter katastrophalen Bedingungen in Militär-Pferdeställen und einer ehemaligen Mühle hausen. Jüdische Hilfsorganisationen, wie z. B. das American Joint Distribution Com- mittee, unterstützten sie. Manchen der Internierten gestatteten die polnischen Behörden die Weiterreise ins Landesinnere Polens, sofern sie dort Verwandte hatten. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 fielen diese Jüdinnen*Juden jedoch erneut unter deutsche Gewaltherrschaft. Die Mehrzahl der nach Polen ausgewiesenen Menschen wurde später in deutschen Vernichtungslagern ermordet.

Gelsenkirchen: Spenden sollen Verlegung von Stolpersteinen finanzieren

Abb.: Ein letztes Lebenszeichen von Isidor Jeckel aus Gelsenkirchen ist dieser Brief, gerichtet an seinen ebenfalls aus Gelsenkirchen stammenden Freund Ernst Alexander. Dieser konnte bereits im Januar 1938 in die USA in Sicherheit gebracht werden. In diesem Brief aus Zbaszyn, datiert auf den 9. Januar 1939, beschreibt der damals 16jährige Isidor Jeckel auch die Verhaftung in Gelsenkirchen und die unmenschlichen Zustände im Internierungslager Zbaszyn. So schildert er, wie er und sein Vater von der Arbeitstelle in Gelsenkirchen direkt in das Gefängnis gebracht wurden, ohne sich vorher entsprechende Bekleidung aus ihrer Wohnung holen zu dürfen. Weiter schreibt er: "(...) wünsche ich alles Gute, vor allem wünsche ich keinem jüdischen Jungen in eine solche Lage zu kommen, wie ich es bin (...)."

Zu den Ausgewiesenen zählte auch die Familie Grynszpan aus Hannover, die ihrem Sohn Herschel in Paris daraufhin eine Nachricht schickte. Aus Protest gegen die "Polenaktion" verübte der 17-Jährige Herschel daraufhin am 7. November 1938 in der deutschen Botschaft in Paris ein Attentat auf den Diplomaten Ernst vom Rath, das die Nazis wiederum als Vorwand für die zwischen dem 7. und dem 16. November gegen jüdische Menschen gerichtete Gewalt- und Terrorwelle (Novemberpogrome) nutzten.


Spendenaufruf: Spenden sollen Verlegung von Stolpersteinen finanzieren  

Redaktion | 9. Oktober 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Neben vielen weiteren Stolpersteinen sollen auch für die jüdische Familie Grün in Gelsenkirchen Stolpersteine verlegt werden. Eine achte Klasse hat nun die Patenschaft und damit auch die Finanzierung für den Stolperstein übernommen, der Hella Grün gewidmet wird. Finanziert werden Stolpersteine durch private Spenden, ein Stein kostet derzeit einschließlich seiner Verlegung 120 Euro. Im Gedenken soll die Familie Grün symbolisch wieder zusammengeführt werden, dafür werden weitere Paten gesucht. Jeder Euro zählt - auch Teilbeträge sind willkommen.

Verzweifelt haben die Gelsenkirchener Eva und Leibisch Grün versucht, ihre Leben und das ihrer Kinder zu retten. Sie schickten Hella (Jg. 1930 und Herbert (Jg. 1931) nach der Pogromwoche vom November 1938 in das vermeintlich sichere Holland, in der Hoffnung die beiden von dort aus mit einem der Kindertransporte nach Übersee zu retten. Die Eltern blieben mit zwei weiteren Kindern, Esther (Jg.1929) und Samuel (Jg. 1937) in Gelsenkichen zurück, von hier werden die drei im 1942 nach Riga deportiert und ermordet. Ihre Kinder Hella und Herbert werden von der NS-Mordmaschinerie in Holland eingeholt, auch sie gehören nicht zu den Überlebenden. Hella wird in Sobibor, Herbert in Auschwitz ermordet.

Gelsenkirchen: Spenden sollen Verlegung von Stolpersteinen finanzieren

Mit dem Projekt "Stolpersteine" erinnert der Bildhauer Gunter Demnig an Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden, unter den Bedingungen der Deportation oder der Haft zu Tode kamen oder unter dem Druck der damaligen Umstände Selbstmord begangen. Ein Stolperstein wird dort verlegt, wo diese Männer, Frauen und Kinder ihren letzten freiwillig gewählten Wohnort hatten. Zu den Opfergruppen zählen Juden, Sinti, Euthanasieopfer, Deserteure, Homosexuelle, Zwangsarbeiter, ethisch, religiös oder politisch Verfolgte.

In Gelsenkirchen wird die Verlegung von Stolpersteinen durch den als gemeinnützig anerkannten Verein Gelsenzentrum koordiniert, um die Archiv-Recherche und Erstellung einer Dokumentation kümmert sich die unter dem Dach des Gelsenzentrum e.V. organisierte Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen. Auf Wunsch können Spenden auch vertraulich behandelt werden. Bei Beträgen von 25 bis 200 Euro reicht der Einzahlungsbeleg zur Ausweisung als Spende für gemeinnützige Zwecke. Für Spenden von mehr als 200 Euro stellen wir eine Spendenquittung aus. Anfragen richten Sie bitte direkt an den Gelsenzentrum e.V., Mail: a.jordan(ätt)gelsenzentrum.de.

Weitere Infos zu Patenschaften und Spenden für das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen sowie die IBAN unseres Spendenkontos finden sie → hier.


Stolpersteine Gelsenkirchen: Kunst im öffentlichen Raum  

Andreas Jordan | 3. Oktober 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Gelsenkirchen: Stolpersteine - Kunst im öffentlichen Raum.

Stolpersteine - Hier wohnte 1933-1945. Ein Kunstprojekt für Europa von Gunter Demnig.

Kunst im öffentlichen Raum, erlebbar rund um die Uhr, jeden Tag, ohne Einschränkung: Das Kunstprojekt "Stolpersteine für Europa" nimmt dabei alle NS-Verfolgtengruppen gleichermaßen in den Blick. Die Kulturwissenschaftlerin Dora Osborne über Gunter Demnigs Kunstprojekt gegen das Vergessen: "Die Verlegung der Stolpersteine ist ein Akt des Archivierens, des Archivierens der Geschichte, die zumeist nur noch aus Asche und Staub besteht. Die Biografien der Menschen wären niemals recherchiert worden und somit für immer verloren gewesen." So geschehen in Gelsenkirchen an bisher 265 Orten im öffentlichen Raum - 265 Lern- und Erinnerungsorte, verortet durch einen Stolperstein. Weitere werden folgen - jeder kann mit der Übernahme einer Patenschaft dazu beitragen, denn über diese Patenschaften werden die Stolpersteine finanziert.


80. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar: Massenmord nach Dienstplan 

Andreas Jordan | 29. September 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

IN MEMORIAM…BABIJ JAR, 29./30.09.1941. Fotoarbeit: Dr. Joest Leopold, Peter-Ustinov-Schule Hude

In dieser Phase des Eroberungs- und Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion und des Holocaust brachten die mobilen Mordkommandos die Menschen noch auf kurzer Distanz mit ihren Schusswaffen um, der fabrikmäßige Massenmord durch Gaseinsatz begann erst ab Anfang 1942. In Babyn Jar wurden auch nach den Massenerschießungen am 29. und 30. September 1941 weiterhin Zehntausende ermordet – Jüdinnen und Juden, Roma, Kriegsgefangene, Kranke, KommunistInnen und viele andere.

"Sie mussten sich bäuchlings auf die Leichen der Ermordeten legen und auf die Schüsse warten. Dann kam die nächste Gruppe. 36 Stunden lang kamen Menschen in Babyn Jar an und wurden ermordet." - Vor 80 Jahren erschoss ein deutsches "Sonderkommando 4a" der Einsatzgruppe C bestehend aus Waffen-SS, Wehrmacht und verschiedenen deutschen Polizeieinheiten sowie ukrainischer Hilfspolizei innerhalb von 36 Stunden in der Schlucht Babyn Jar (Kiew) fast 34.000 Männer, Frauen und Kinder. Akribisch gezählt - und in Berichten festgehalten. Ein Holocaust durch Kugeln, perfide getarnt als "Umsiedlungsaktion": ein monströs-effizient geplantes Massenverbrechen. 36 Stunden lang, rund 1000 Menschen pro Stunde, 17 in einer Minute. Im Schichtbetrieb wurden die hilflosen Opfer erschossen und anschließend im Massengrab verscharrt. Für das leibliche Wohl der Mörder in Form warmer Mahlzeiten sorgte ein eigens herbeigeschaffter Küchenwagen, laut durch die Schlucht schallende Opernmusik sollte die Todesschreie der Menschen übertönen.

Das Foto zeigt einen dieser 'Kameradschaftsabende' des aktiv an Holocaust und Massenverbrechen von Babyn Jar beteiligten Bremer Polizeibataillons 303, aufgenommen vermutlich in Kiew 1941.

Abb.: Nach ihren Mordaktionen feierten die selbsternannten Herrenmenschen und Rassekrieger sich und ihre "Erfolge" bei sogenannten "Kameradschaftsabenden" - Nach einem Massenmord gab es zumeist eine Extra-Ration Alkohol. Das Foto zeigt einen dieser "Kameradschaftsabende" des aktiv an Holocaust und Massenverbrechen von Babyn Jar beteiligten Bremer Polizeibataillons 303, aufgenommen vermutlich in Kiew 1941. (Foto: Staatsarchiv Bremen)

Zwar wurden in den Nürnberger Nachfolgeprozessen 1947/48 drei hochrangige NS-Verbrecher (Paul Blobel, Otto Rasch und Waldemar von Radetzky) wegen ihrer Verantwortung für das Massaker zur Rechenschaft gezogen; SS-Offizier Blobel wurde am 7. Juni 1951 hingerichtet. 1968 werden einige der Täter vom Landgericht Darmstadt wegen Beihilfe zum Mord verurteilt, andere freigesprochen. "Die Angeklagten saßen wie versteinert da, so als ob sie das nichts anginge", erinnert sich Peter Gehrisch, einer der Geschworenen. Trotzdem ist noch heute, 80 Jahre später, Babyn Jar nur wenigen ein Begriff.

Aus den Reihen der ebenfalls am Massaker beteiligten Wehrmacht jedoch wurde niemand juristisch belangt, wie die Historikerin Franziska Davies betont. Straffrei blieben auch die meisten Angehörigen der Sonderkommandos und der laut Davies mindestens 700 Männer in der Einsatzgruppe C, die an dem Massenmord beteiligt waren. Erst 1967/68 standen im sogenannten Callsen-Prozess in Darmstadt zehn Mitglieder des Sonderkommandos 4a vor Gericht. Drei Angeklagte wurden freigesprochen, die anderen wegen Beihilfe zum Mord – nicht aber wegen Mordes – zu Gefängnisstrafen zwischen 4 und 15 Jahren verurteilt. August Hafner, Obersturmführer und Kriminalkommissar im Sonderkommando 4a, der Mann, der die Erschießungen in Babyn Jar koordinierte, wurde 87 Jahre alt und starb 1999 in Deutschland eines natürlichen Todes. Heinrich Hannibal, SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei sowie Kommandeur des Bremer Polizeibataillons 303 wurde nie für seine Kriegsverbrechen belangt, er starb 1971 im Alter von 81 Jahren ebenfalls eines natürlichen Todes.


WDR-Stolperstein App: Unterstützender Faktencheck abgeschlossen 

Andreas Jordan | 15. September 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Schon bald kommt die WDR-Stolperstein App für NRW. Mehr als 260 Datensätze inclusive entsprechender Fotos für die in Gelsenkirchen bisher verlegten Stolpersteine haben wir im Rahmen eines unterstützenden Faktenchecks in innerhalb der letzten drei Wochen in die WDR-Datenbank eingepflegt. Gestern haben wir noch einige neue Fotos für die App gemacht und natürlich zuvor die jeweiligen Stolpersteine geputzt.

Beim putzen der Stolpersteine ergeben sich oftmals interessante und durchweg positive Gespräche mit Passanten, das war auch gestern im Gelsenkirchener Stadtgebiet nicht anders. Besonders motivierend für unsere weitere Arbeit am Gedenk- und Kunstprojekt Stolpersteine sind dabei auch der große Zuspruch und die Zustimmung, die wir erhalten.

Stolpersteine NRW – WDR-App gegen das Vergessen kommt im Herbst


Bundestagsabgeordnete Ingrid Remmers ist tot 

Andreas Jordan | 11. August 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Ingrid Remmers bei der Stolpersteinverlegung für Familie Buchthal in Gelsenkirchen.

Die Bundestagsabgeordnete Ingrid Remmers (DIE LINKE) ist im Alter von 56 Jahren verstorben. Die Verkehrsexpertin saß für den nord- rhein-westfälischen Wahlkreis Gelsenkirchen im Bundestag, zuletzt übernahm die gelernte Bürokauffrau und Sozialwissenschaftlerin für ihre Fraktion die Funktion als verkehrspolitische Sprecherin. Trotz wiederholter Schicksalsschläge durch schwere Erkrankungen hat sie sich stets zurück ins Leben gekämpft. Sie hinterlässt eine Tochter und zwei Enkelkinder.

Die engagierte Ingrid Remmers, die eigentlich aus Ibbenbüren im Tecklenburger Land stammte, hatte ihr Wahlkreisbüro in Gelsenkirchen. Remmers war die bisher erste und einzige Gelsenkirchener Landes- bzw. Bundespolitikerin, die sich in den vergangenen zwölf Jahren der Umsetzung des Projektes Stolpersteine in Gelsenkirchen stets sehr zugewandt gezeigt hatte. Vor zwei Jahren übernahm sie die Patenschaft und damit die Finanzierung für einen der Stolpersteine an der Bochumer Straße in Ückendorf, die dort an Familie Buchthal erinnern. Sie ließ es sich seinerzeit nicht nehmen, trotz gesundheitlicher Einschränkungen an der Verlegung "ihrer" Stolpersteine teilzunehmen. In ihrem Redebeitrag betonte Remmers, wie wichtig der dauerhafte Einsatz für unsere Demokratie ist und weiter: "Diese Steine sollen Erinnerung und Mahnung zugleich sein. Lasst uns zukünftig Menschen in ihrem Anderssein akzeptieren, lasst uns widerstehen bei Menschenrechtsverletzungen. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ unterstrich Ingrid Remmers ihr Engagement und bedankte sich persönlich bei Bildhauer Gunter Demnig für dessen ausdauernde und hervor-ragende Erinnerungsarbeit.


2. August: Europäischer Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma 

Andreas Jordan | 2. August 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Das Sinti und Roma Denkmal erinnert im grünen Tiergarten nahe dem Brandenburger Tor an die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma.

Die Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurde zum "entsetzlichen Höhepunkt" der rassistischen Verfolgung von Sinti und Roma. Die SS löst das so ganannte "Familienlager" im deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau auf und trieb 4300 schreiende und weinende Menschen in den Tod, ein Schreckenstag des Völkermords an Sinti und Roma, dem Porajmos. Seit 2015 wird am 2. August der rund 500.000 Sinti und Roma gedacht, die dem Völkermord in der NS-Zeit zum Opfer fielen. Zugleich sind diese unfassbaren Verbrechen eine Mahnung, sich gegen den noch heute verbreiteten Antiziganismus zu stellen.


Stolpersteine NRW – eine WDR-App gegen das Vergessen 

Redaktion | 29. Juli 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Bildhauer Gunter Demnig. © Karin Richert

Sie sind Teil des größten dezentralen Denkmals der Welt: Die rund 14.000 Stolpersteine in Nordrhein-Westfalen stehen im Mittelpunkt einer neuen multimedialen WDR-App, die im Herbst veröffentlicht werden soll. Hinter jedem einzelnen dieser Steine des Künstlers Gunter Demnig verbirgt sich ein Leben, ein Schicksal. Mit Hilfe der App sollen der Lebens- und der Leidensweg dieser Menschen erlebbar gemacht werden.

Tom Buhrow, WDR-Intendant: „Wir dürfen die Menschen, an deren furchtbares Schicksal mit den Stolpersteinen erinnert wird, niemals vergessen. Das Projekt ist einzigartig. Es wird zum ersten Mal möglich sein, zu jedem in NRW verlegten Stolperstein Informationen abzurufen. Auch jüngere Menschen, vor allem Schüler:innen, werden sich mit der WDR-App auf ganz neue Weise mit den Opfern des Nationalsozialismus beschäftigen können.“

Über 150 nordrhein-westfälische Städte und Gemeinden unterstützen mittlerweile das Projekt. Anfang 2020 hatte der WDR zu allen NRW-Kommunen, in denen seit 1992 die Messingtafeln in den Bürgersteigen verlegt worden sind, Kontakt aufgenommen und zur Kooperation aufgerufen. Nun soll historisches Datenmaterial zu den Themen „Deportation und Verfolgung“ das Projekt ergänzen. Der WDR startete jetzt eine entsprechende Abfrage bei den Städten und Gemeinden.


Bereits seit Monaten stehen auch wir mit dem Projekt-Team des WDR im Dialog, denn auch in Gelsenkirchen verlegte Stolpersteine und die damit untrennbar verbundenen Lebens- und Leidenswege NS-verfolgter Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger werden in das Angebot der WDR-App aufgenommen und entsprechend dargestellt.

Stefan Domke, Projektleiter im WDR: „Ohne das vielfältige Wissen und die jahrelange Vorrecherche der Expert:innen vor Ort, wäre ein Projekt dieser Größenordnung gar nicht möglich. Zusammen mit Initiativen, Archiven und Aktionsbündnissen sammeln wir erstmals das Material an einem Ort und bereiten es multimedial auf.“ Das Angebot soll ab Herbst unterschiedlich genutzt werden können: Mit der App sollen Smartphone-Nutzer:innen direkt zu jedem Stein, vor dem sie stehen, erfahren können, welche Geschichte sich dahinter verbirgt. Zum Anderen lassen sich Stolpersteine gezielt finden – auf der Basis von Namen oder Adressen. Außerdem soll es eine Internetseite mit einer umfangreichen Datenbank und verschiedenen Filtereinstellungen möglich machen, sich die Geschichte der Opfer des National- sozialismus auch am PC zu erschließen.

Stolpersteine NRW – WDR-App gegen das Vergessen kommt im Herbst

Abb.: Mit solch mehrteiligen, betexteten Bildergeschichten wird das Schicksal von rund 200 nordrhein-westfälischen Stolperstein-Opfern illustriert. Das Teilprojekt von "Stolpersteine NRW" wird mit Studierenden und Absolvent:innen der Kunsthochschule Kassel realisiert. Die Umsetzung wird von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) gefördert.
Collage Bildergeschichten: © Anne Zimmermann/Greta von Richthofen/Burcu Türker/Marthe Viehmann

Neben biographischen Texten, die teilweise auch als Audio zur Verfügung stehen, dienen historische Fotos, Tonaufnahmen und Videos dazu, die Geschichten der Opfer, ihrer Wohnorte und ihrer Zeit, so gut wie möglich nachvollziehbar zu machen. An ausgewählten Orten werden, mit Hilfe von Augmented Reality, alte Aufnahmen in die heutige Umgebung eingebettet. Darüber hinaus enthält die WDR-App rund 200 gezeichnete Kurzgeschichten, die sich mit dem Schicksal der Menschen auseinandersetzen. Diese werden in Zusammenarbeit mit jungen Illustrator:innen der Kunsthochschule Kassel produziert. Dieses Teilprojekt wird durch eine Förderung der Stiftung EVZ (Erinnerung/Verantwortung/Zukunft) ermöglicht. Das WDR-Projekt „Stolpersteine NRW“ soll fortlaufend aktualisiert werden – in Zusammenarbeit mit den beteiligten Kommunen, Initiativen und Archiven vor Ort.


Esther Bejarano ist tot 

Andreas Jordan | 10. Juli 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Esther Bejarano

Esther Bejarano ist im Alter von 96 Jahren in der Nacht auf Samstag (10. Juli 2021) in ihrer Wahlheimat Hamburg verstorben.

Unser Beileid geht an ihre Familie und ihre Freunde; möge das Gedenken an sie ein Segen für uns alle sein. Baruch Dayan Ha‘Emet.


„Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah.“ Esther Bejarano

Die Tochter eines jüdischen Kantors wurde 1943 in das deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. "Ich bekam die Nummer 41948. Namen wurden abgeschafft, wir waren nur noch Nummern", schreibt Bejarano in ihrer Autobiografie 'Erinnerungen'. Darin schildert sie die Schrecken des Alltags im Lager und wie sie durch das Frauenorchester eine Chance zum Überleben bekam. Am schlimmsten war für sie, dass das Orchester auch spielen musste, wenn neue Transporte ankamen, die direkt für die Gaskammern bestimmt waren. "Als die Menchen in den Zügen an uns vorbeifuhren und die Musik hörten, dachten sie sicher, wo Musik spielt, kann es ja so schlimm nicht sein", erinnerte sie sich. Weil ihre Großmutter Christin war, wurde sie in das KZ Ravensbrück verlegt, überlebte dort einen so genannten Todesmarsch.

Nach der Befreiung widmete die engagierte Mahnerin ihr Leben der Musik, dem Kampf gegen den Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Sie sei am frühen Samstagmorgen ganz friedlich eingeschlafen und habe nicht gelitten, sagte ihre enge Freundin Helga Obens, Vorstandsmitglied vom internationalen Auschwitz-Komitee. Schon am Abend habe sich abgezeichnet, dass es ihre letzten Stunden sein werden. Sie sei im Israelitischen Krankenhaus von Freunden umgeben gewesen, in den frühen Morgenstunden verstummte ihre Stimme für immer.


Gemeinsam erinnern: Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen  

Redaktion | 20. Juni 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Gemeinsam erinnern: Stolpersteine wurden in Gelsenkirchen verlegt

Bildhauer Gunter Deming, der die Idee der Stolpersteine in den frühen 1990er Jahren erdachte, hat seither zumeist mit eigenen Händen annähernd 90.000 Stolpersteine in 26 Ländern Europas in das Pflaster von Gehwegen eingelassen. Demnigs Stolpersteine erinnern an alle Verfolgtengruppen gleichermaßen. Am Freitagvormittag traf der Bildhauer in Ückendorf ein, an Bord seines roten Lieferwagens hatte Demnig auch die 25 neuen Stolpersteine für Gelsenkirchen. Am Knappschaftshof begann die Verlegetour durch das Stadtgebiet.

Zahlreich waren LehrerInnen, SchülerInnen (Klasse 8.1) und Ehemalige der Gesamtschule Berger Feld vor Ort erschienen, als am Knappschaftshof die Stolpersteine für Familie Walter Levie ins Pflaster eingelassen wurden. Hatten sie doch die Patenschaften und damit die Finanzierung für dieser drei Erinnerungszeichen übernommen. Die Jugendlichen gestalteten mit ihren Beiträgen die kleine Zeremonie aktiv mit. Vor allem für die jüngere Generation, für die der Holocaust immer weiter wegrückt, bieten Stolpersteine einen besonderen Zugang zur Geschichte. Abstrakte Opferzahlen in Millionenhöhe werden auf diese Weise individualisiert und in einen lokalen, zeithistorischen Kontext gerückt. Mit der erschütternden und aufklärenden Wirkung der Stolpersteine kehren Namen zurück und gewaltsam genommene Lebenswelten werden sichtbar gemacht.

Arisierungsgewinnler in der eigenen Familie

In der Stadtchronik Gelsenkirchen ist unter dem 3. Februar 1939 nachzulesen: "Das frühere jüdische Kaufhaus Heymann & Co. in Rotthausen ist in die Hände des Kaufmanns Bernhard Strickling übergegangen." Mit dem Verlust ihrer Existenzgrundlage durch staatlich legitimierten Raub, von den Nazis "Arisierung" genannt, floh Familie Heymann im April 1939 in vermeintliche Sicherheit nach Holland. Ihr Lebensweg fand jedoch 1944 im Vernichtungslager Auschwitz ein gewaltsames Ende.

Stolpersteine für Familie Hermann Heymann in Gelsenkirchen

Jeder entscheidet für sich selbst, wie er mit der Geschichte und der Vergangenheit der eigenen Familie umgeht. Was wusste der Kaufmann Bernhard Strickling seinerzeit über den Verbleib des Vorbesitzers des Kaufhauses Heymann & Co., was hat er möglicherweise später erfahren? Vielleicht hat es ihn auch nicht interessiert, vielleicht wollte er es gar nicht wissen. In der Unternehmensgeschichte der Stricklings wurde der Zugewinn durch "Arisierung" bisher nicht thematisiert. Cornelia Schwander hingegen, eine Enkelin von Bernhard Strickling, hat sich entschieden - sie hat die Patenschaft für die drei Stolpersteine übernommen, die nun an Hermann, Erna und Ellen Margrit Heymann erinnern. Vom Niederrhein, aus Karlsruhe und Freiburg waren Cornelia Schwander und weitere Nachfahren Bernhard Stricklings eigens angereist, um an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen und auf diese Weise den Ermordeten einen Teil ihrer menschlichen Würde zurückzugeben.

Gemeinsam erinnern: Stolpersteine für Familie Isidor Goldblum in Gelsenkirchent

Auch die Familien Goldblum (Zeppelinallee 55) und Katzenstein (Schalker Strasse 174) wurden Opfer der vornehmlich gegen jüdische Menschen gerichten NS-Ausplünderungspolitik. Fast allen Familienmitgieder konnten jedoch ihr Leben durch Flucht aus Nazi-Deutschland retten und in den USA neue Leben beginnen. An der Bahnhofstrasse 62 und der Schalker Straße 160 erinnern zwei weitere Stolpersteine an den jeweiligen Geschäftssitz der Firma Gbr. Goldblum.

Leider verhinderte die Pandemie die Anreise von Nachfahren, so wurden diese 14 Stolpersteine im kleinen Kreis verlegt. Kantor Juri Zemski, der seit mehr als zehn Jahren die Stolpersteinverlegungen in Gelsenkirchen unterstützt und begleitet, trug auf virtuose Weise auch an diesem Verlegeort das Gebet El male rachamim vor.

Die Patenschaft für den Stolperstein, der nun im Lörenkamp in der Gelsenkirchener Altstadt an Elias Finger erinnert, hat der Förderverein des Schalker Gymnasiums übernommen. Leider war einer Lehrerin im Vorfeld ein bedauerlicher Fehler unterlaufen, sie hatte das Datum der Verlegung schulintern irrtümlich für Juli kommuniziert. Und so wurde auch dieser Stolperstein im kleinen Kreis verlegt.

Gemeinsam erinnern: Stolpersteine für Familie Dr. Hugo Alexander in Gelsenkirchent

Fred Alexander hatte der Verlegung der Stolpersteine, die nun an der Von-Der-Recke-Straße an ihn und seine Eltern erinnen, ausdrücklich zugestimmt. Die Spendengemeinschaft Flöz Dicke- bank, die zur Finanzierung dieser Stolpersteine beigetragen hat, war es sehr wichtig anwesend zu sein. In Wortbeiträgen aus diesem Kreis wurde deutlich gemacht, das grade angesichts der stetigen Zunahme von rassistischen und neonazistischen Äußerungen und Aktivitäten die Erinnerung an die unfassbaren NS-Verbrechen immens wichtig ist.

Weiße Rose gilt als Zeichen des Widerstandes

Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung St. Josef hat die Patenschaft für den Stolperstein übernommen, der nun im unteren Teil der Ahstraße an Vikar Heinrich König erinnert. Vielleicht wäre König nicht im KZ Dachau ermordet worden, wenn er eben nicht aus seinem nachbarschaftlichen Umfeld bei der Gelsenkirchener Gestapo denunziert worden wäre. König hatte sich in seiner Dienstwohnung an der Ahstraße gegenüber dem Wehrmachtssoldaten Waßmann junior über die "Vergasung Geisteskranker" und die "Affäre Heß" geäußert. Für Waßmann Grund genug, König bei der Gestapo zu denunzieren. Ein Pädagoge der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung verteilte am Verlegeort weiße Rosen, die zum Abschluß der Verlegung von den Teilnehmenden als Geste des Gedenkens in eine Vase gestellt wurden.

Stolperstein für Heinrich König in Gelsenkirchen

"Uns ist es ein großes Anliegen, mit der Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen nicht zuletzt auch ein Zeichen gegen jedwede Form von Rassismus und Menschenhass zu setzen und die Erinnerung an die Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung unschuldigen menschlichen Lebens wachzuhalten" so Andreas Jordan, Initiator der Stolpersteininitiative Gelsenkirchen, und weiter: "An dieser Stelle sei den Patinnen und Paten dieser Stolpersteine gedankt, die mit ihrem Engagement die kleinen Denkmale finanziert haben. Unser Dank geht auch an Gunter Demnig und sein Team, an alle Menschen, die am Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen direkt oder indirekt mitarbeiten oder es unterstützen. Wir alle tragen gemeinsam die Botschaft des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer weiter, der einmal gesagt hat: "Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon."


Gelsenkirchen: Weitere Stolpersteine sollen an Opfer der NS-Diktatur erinnern  

Andreas Jordan | 11. Juni 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Weitere Stolpersteine werden in Gelsenkirchen verlegt

Seit 2009 verlegen wir gemeinsam mit Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig die kleinen Denkmale in Gelsenkirchen als fester Bestandteil einer nachhaltigen Erinnerungs- und Gedenkkultur. Finanziert wird das Projekt über Spenden, getragen von zivilgesellschaftlichem Engagement. Gunter Demnigs Kunstprojekt "Stolpersteine für Europa" nimmt alle NS-Verfolgtengruppen gleichermaßen in den Blick.

Am 18. Juni diesen Jahres ist es soweit, dann kommt Bildhauer Gunter Demnig einmal mehr nach Gelsenkirchen. An diesem Tag werden Stolpersteine verlegt für die Familien Walter Levie (11.30, Knappschaftshof 1), Hermann Heymann (12.15, Karl-Meyer-Str. 29), Isidor Goldblum (13.00, Zeppelinallee 55), Siegmund Katzenstein (13.45, Schalker Str.174), Elias Finger (14.30, Im Lörenkamp 2), Dr. Hugo Alexander (15.00, Von-Der-Recke-Str. 15), Vikar Heinrich König (15.30, Husemannstr. Ecke Ahstr.). Zu beachten ist, das sich die angegebenen Uhrzeiten +/-20 Minuten verschieben können. Bei den einzelnen Verlegungen sind die gültigen Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten.

Zwei weitere Stolpersteine wird Gunter Demnig an diesem Tag im Gepäck haben. Wir werden diese beiden kleinen Denkmale in Eigenregie zeitnah auf Wunsch von Angehörigen an der Bahnhofstrasse sowie an der Schalker Straße/- Ecke Grillostrass in das Gehwegpflaster einsetzen. Die jeweiligen Inschriften verweisen auf den staatlich legitimierten Raub im Fall Isidor Goldblum, auf die wirtschaftliche Ausplünderung jüdischer Menschen, im Nazi-Jargon 'Arisierung' genannt.


Gelsenkirchen-Resse: Erneuerter Stolperstein erinnert wieder an jüdischen Arzt  

Andreas Jordan | 2. Juni 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Beschädigten Stolperstein ersetzt

Heute morgen haben wir in Absprache mit Bildhauer Gunter Demnig den von einem privaten Winterdienst zerstörten Stolperstein für Dr. Samuel Hocs vor dem Emmaus-Hospiz an der Hedwigstrasse in Gelsenkirchen-Resse durch ein nagelneues Exemplar ersetzt. Metallplastiker und Bildhauer Michael Friedrichs-Friedländer aus Demnigs Team hatte trotz vollem Terminkalender schnellstmöglich für den Ersatzstein gesorgt.


Winterdienst: Stolperstein in Gelsenkirchen-Resse zerstört 

Andreas Jordan | 29. März 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Gedenken: Beschädigter Stolperstein

Knapp zwei Jahre erinnerte ein Stolperstein an der Hedwigstrasse in Resse an den vom NS-Terrorregime vertriebenen jüdischen Arzt Dr. Samuel Hocs. Nun wurde die Zerstörung der Messingkappe des Erinnerungszeichen festgestellt - augenscheinlich nach dem jüngsten Wintereinbruch von einem falsch eingestellten Schild eines Schneeräumers.

Am Freitag Morgen nahmen wir nach einem Hinweis aus der Stadtgesellschaft den zerstörten Stolperstein vor Ort in Augenschein. Zunächst waren wir von einer gewaltsamen Beschädigung durch Vandalen ausgegangen, auch der Verdacht einer politisch motivierten Tat stand zu- nächst im Raum.

Doch auch im weiteren Bereich um das kleine Bodendenkmal wies das Gehwegpflaster gleichartige Schleifspuren und Beschädigungen auf. In der Summe deuteten die Spuren dann doch eher auf die unglückliche Handhabung eines Schneeräumgerätes hin. Die hinzugerufene Polizei sah nach telefonischer Rücksprache mit dem polizeilichen Staatsschutz aufgrund der Spurenlage ebenfalls keine Anhaltspunkte für einen mutwilligen Angriff auf das Gedenkprojekt Stolpersteine. Wir haben bereits einen Ersatzstein zur Verlegung an gleicher Stelle in Auftrag gegeben, wer jedoch letztlich die Kosten für den neuen Stolperstein übernehmen wird, ist derzeit noch unklar.


Die Zeit heilt nicht alle Wunden: Deportation der Gelsenkirchener Sinti und Roma 

Andreas Jordan | 4. März 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Vor 78 Jahren, am 9. März 1943, veranlasste die Gelsenkirchener Polizei auf der Basis des sogenannten "Auschwitz-Erlass" von Heinrich Himmler die Deportation der sich noch im kommunalen Zwangslager an der damaligen Reginenstrasse befindlichen Gelsenkirchener Sinti in das deutsche Vernichtungs- lager Auschwitz-Birkenau. Die allermeisten der verschleppten Menschen fielen dem unbedingten Vernichtungswillen der Nazi-Barbaren zum Opfer, nur einige wenige erlebten 1945 ihre Befreiung.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden: Erinnerung an die Deportation der Gelsenkirchener Sinti und Roma am 9. März 1943

Abb.: Im Mai 1939 wurde von der Stadt Gelsenkirchen ein neuer Zwangslagerplatz für die Gelsenkirchener Sinti bestimmt: Das neu errichtete Internierungslager an der Reginenstraße, gelegen auf unbebautem Gelände zwischen den Deutschen Eisenwerken (Schalker Verein) und der Gelsenkirchener Bergwerk-AG (GBAG) mit ihrer Zeche und Kokerei Rheinelbe/Alma. Der "Umzug" fand am 9. Juni 1939 statt. Die Wohnwagen, dreißig an der Zahl, zogen vor den Augen der Stadtgesellschaft unter behördlicher Bewachung in einer Kolonne vom vorherigen Lagerplatz an der Cranger Straße (Höhe Freibad Grimberg) quer durch die Stadt zum Lagerplatz Reginenstraße in Gelsenkirchen-Hüllen (Luthenburg). (Repro: Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1939)

Bis heute ist die Gesamtzahl der ermordeten Kinder, Frauen und Männer der Minderheit nicht exakt zu bestimmen; der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma geht von etwa 500 000 Menschen aus, die den Mordaktionen und den grausamen Bedingungen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern zum Opfer fielen. Doch auch nach Kriegsende setzten sich die Diskriminierung und Kriminalisierung der Angehörigen dieser Minderheit in Behörden, Schulen und Institutionen fort. Die wenigen überlebenden Sinti und Roma erfuhren weder eine Anerkennung als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung noch erhielten sie Entschädigungsleistungen. Die Täter hingegen konnten in den allermeisten Fällen ihre Karrieren ungebrochen weiterführen - so auch in Gelsenkirchen. Auch heute noch sehen sich Sinti und Roma mit zahlreichen Vorurteilen konfrontiert.


Gedenken: Blick auf alle Opfergruppen 

Redaktion | 28. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Gedenken: Blick auf alle Opfergruppen

Ein lesenswerter Artikel, hier in leicht gekürzter Fassung, der u.a. auch und grade in Gelsenkirchen wahrgenommen werden sollte.

Von Andreas Froese, zuerst erschienen in Volksstimme am 27. Januar 2021:

Gedenken aller Opfer der Nationalsozialisten

"[...] Wem ist der 27. Januar – der Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen – eigentlich gewidmet? Oft wird dieser Tag vorschnell zum „Holocaust-Gedenktag“ verkürzt. Doch diese Bezeichnung ist nur zum Teil zutreffend. Denn im Gegensatz zum internationalen „Holocaust Remembrance Day“, den die Vereinten Nationen seit 2005 alljährlich am 27. Januar begehen, ist dieser Gedenktag in Deutschland nicht nur den Ermordeten des Holocausts, sondern darüber hinaus allen Opfern und Verbrechenskomplexen des Nationalsozialismus gewidmet.

Dazu gehören neben Jüdinnen und Juden auch Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeuginnen und Zeugen Jehovas, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Opfer von NS-Justizverbrechen, Widerstandskämpfende, Opfer des Vernichtungskrieges der deutschen Wehrmacht in den besetzten Ländern, Ermordete der nationalsozialistischen „Euthanasie“, Opfer von Todesmarsch- und Endphaseverbrechen und viele mehr.

Fragen nach Täterschaft und Mitläufertum

Mit diesem ganzheitlichen Blick auf alle Opfergruppen und Verbrechenskomplexe erweitern sich auch die räumliche und die zeitliche Dimension dieses Gedenktages. Im Mittelpunkt stehen nicht nur die nationalsozialistischen Verbrechen weit entfernt irgendwo „im Osten“, sondern eben auch die damaligen Gewalt-, Verfolgungs-, Entrechtungs- und Mordpraktiken an unseren Nachbarinnen und Nachbarn, vor unseren Haustüren, in unserer Stadt, vor aller Augen.

Menschenfeindliche Praktiken, die zudem nicht erst mit „Auschwitz“ begannen, sondern bereits unmittelbar nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten ab Januar 1933 zum Alltag in Deutschland gehörten.

Zudem sind mit den vielen Millionen Opfern des Nationalsozialismus auch Fragen nach Täterschaft und Mitläufertum, nach Profiteurinnen und Profiteuren, nach Mitbeteiligten und Unterstützenden der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen verbunden. Es waren eben nicht nur einige wenige Haupttäterinnen und -täter, sondern unzählige Menschen aus der gesamten damaligen Ausgrenzungsgesellschaft, deren bereitwilliges Mitwirken die Durchführung all dieser Verbrechen erst ermöglichte. Ein Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, das die Fragen nach konkreten Täter- und Mittäterschaften ausklammert, würde sich auf ein ohnmächtiges und hilfloses Betrauern beschränken.

Mit Geschichte kritisch auseinandersetzen

Deshalb ist eine fundierte Auseinandersetzung mit der Funktionsweise der damaligen NS-Gesellschaft unverzichtbar. Kränze und Blumen zum Gedenken niederzulegen, ermöglicht es uns alleine noch nicht, ein solches kritisches Geschichtsbewusstsein zu entwickeln. Dafür müssen wir einen Schritt weitergehen, indem wir uns mit Fragen nach Gewalt im sozialen Alltag der damals propagierten „Volksgemeinschaft“ beschäftigen und dabei die Mechanismen von sozialer Ausgrenzung und Verfolgung, von Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus und anderen Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit hinterfragen. Eine große Aufgabe, die sich nicht allein auf den 27. Januar beschränkt, sondern auch an allen übrigen Tagen im Jahr erfolgen sollte.

Schließlich ist unser Gedenken immer auf unsere eigene jeweilige Gegenwart bezogen. Welche Bedeutung messen wir heute den Ereignissen zwischen 1933 und 1945 bei? Und welche Formen des mangelnden Geschichtsbewusstseins oder des absichtlichen Geschichtsrevisionismus erleben wir heute?

Öffentliche Beispiele hierfür finden sich jede Menge: etwa Gedenksteine an öffentlichen Straßen und Plätzen, die geschändet werden. Etwa Menschen der sogenannten „Querdenkenden“, die sich auf Demonstrationen in anmaßender Weise in eine gemeinsame Reihe mit Verfolgten und Widerstandkämpfenden aus der NS-Zeit stellen, sich in einer „Corona-Diktatur“ wähnen und von einem „neuen Ermächtigungsgesetz“ sprechen. Etwa Menschen, die bis heute die Verbrechen der deutschen Wehrmacht verharmlosen, indem sie zum „Heldengedenken“ aufrufen. Oder etwa Menschen, die alliierte Luftangriffe während des Zweiten Weltkriegs beklagen, ohne aber den deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg als deren Vorgeschichte und Ursache zu benennen.

Über eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte den Blick schärfen für unsere eigene Gegenwart und Zukunft: In einem solchen umfassenden Sinne können wir uns trotz der coronabedingten Einschränkungen auch in diesem Jahr von zu Hause aus mit dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus auseinandersetzen. [...]"


Zahl der Lernorte wächst: Projekt Stolpersteine wird in Gelsenkirchen auch 2021 fortgesetzt 

Andreas Jordan | 27. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Auch 2021 werden in Gelsenkirchen Stolpersteine verlegt

Seit 2009 verlegen wir in Gelsenkirchen gemeinsam mit Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig seine Stolpersteine als festen Bestandteil einer nachhaltigen Erinnerungs- und Gedenkkultur - getragen von zivilgesellschaftlichem Engagement. Bildhauer Gunter Demnig sieht sein Stolperstein-Projekt als "Soziale Skulptur", in Anlehnung an den von Joseph Beuys geprägten Begriff der "sozialen Plastik".

Das Projekt Stolpersteine nimmt alle Verfolgtengruppen gleichermaßen in den Blick. Am Projekt beteiligen kann sich praktisch jeder. Das Geld für die Gedenksteine kommt allein durch Spenden zusammen. Wer für einen solchen Stolperstein die Patenschaft übernehmen will (pro Stein 120 Euro), bekommt die nötigen Informationen hier auf unserer Website. Wer das Projekt ohne Geld unterstützen möchte, kann sich beispielsweise daran beteiligen, die Stolpersteine zu reinigen und zu pflegen. Seit 2009 konnten wir so mit Unterstützung von Patinnen und Paten 238 Stolpersteine sowie eine Stolperschwelle (Sonderform der Stolpersteine) in Gelsenkirchen verlegen. Schon bald kommen in unserer Stadt weitere 25 der kleinen Erinnerungszeichen hinzu.

Am 18. Juni diesen Jahres ist es soweit, dann kommt Bildhauer Gunter Demnig nach derzeitigem Planungsstand einmal mehr nach Gelsenkirchen. An diesem Tag werden Stolpersteine verlegt für die Familien Isidor Goldblum, Siegmund Katzenstein, Hermann Heymann, Dr. Hugo Alexander, Walter Levie sowie für den Kaufmann Elias Finger und Vikar Heinrich König.

Das komplexe und abstrakte Wissen um die Geschichte des Holocaust wird in den Stolpersteinen sehr konkret. Die Erinnerung an jedes einzelne NS-Opfer wirkt so intensiv und nachhaltig, weil die Wahrnehmung an seinem früheren Lebensmittelpunkt – der Straße, dem Eingang zur Wohnung, dem sozialen Umfeld – erfolgt. Jeder einzelne Stolperstein steht dabei für ein Leben und symbolisiert einen Erinnerungsort, der gleichzeitig zum Lernort wird. Diese Orte bieten ohne Einschränkungen an jedem Tag rund um die Uhr die Möglichkeit, Gedenken sehr individuell und privat zum Ausdruck zu bringen. Frei verfügbare biografische Skizzen, die in unserem digitalen Lesesaal zum Abruf bereit stehen, ergänzen die Inschriften auf den jeweiligen Stolpersteinen.


Die extremste Form der Flucht 

Andreas Jordan | 23. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

"Denn die Steigerung des Leides ist keineswegs der Tod, sondern das einem lebenden Menschen
angetane Maß an Erniedrigung und Beleidigung."

(Zitat nach H.G. Adler*)

Ein Stolperstein für Helene Lewek in Gelsenkirchen

Die Gelsenkirchenerin Helene Lewek (Jg. 1881) wählte am 25. Januar 1942 in der zum "Judensammellager" umfunktionierten Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz angesichts der ihr bevorstehenden Deportation die Flucht in den Tod. Bereits kurz zuvor gab es weitere Suizide innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in unserer Stadt. Mit dem Erhalt der schriftlichen Ankündigungen der "Evakuierung in den Osten" entschieden sich weitere Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener, darunter Ida Reifenberg (Jg. 1878) und Hulda Silberberg (Jg. 1883) diesen Weg zu gehen. Entrechtung, Resignation, Angst, Verzweiflung und Einsamkeit hatten die Menschen zu diesem letzten, selbstbestimmten Schritt gebracht. Um sich dem physischen und psychischen Terror der NS-Machthaber, der gesellschaftlichen und der persönlichen Ächtung in Deutschland zu entziehen, gaben sie sich selbst den Tod. Wenigstens die Entscheidung über ihren Tod wollten diese Menschen nicht den Nazis überlassen. Nur auf diesem Wege wussten sie sich ihrer Würde bewahrt.

An Helene Lewek erinnert ein Stolperstein an ihrem letzten Wohnort, ein weiterer an ihrem Todesort, dem temporären "Judensammellager" in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz. Heute steht dort die Polizeiwache Gelsenkirchen-Süd und ein Gebäude von Straßen.NRW. An der Bochumer Straße 45, ihrem letzten Wohnort, erinnert ein Stolperstein an Hulda Silberberg. Auch an Ida Reifenberg soll ein Stolperstein erinnern, hier wird zur Finanzierung noch ein Stolperstein-Pate gesucht.

*Zitat von H.G. Adler in: Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Tübingen 1955, 2. Aufl. 1960, S. 109)


Homosexuelle Nazi-Opfer: Ihr Leid blieb bisher weitgehend unbeachtet 

Andreas Jordan | 22. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Dem Holocaust der deutschen Nazis fielen vor allem Menschen jüdischen Glaubens zum Opfer. Unter den Millionen Verfolgten, Gequälten und Ermordeten waren neben Sinti und Roma, Slawen, Zeugen Jehovas oder politischen Regimegegner auch viele Homosexuelle. Auch die zeitgeschichtliche Forschung hat sich über Jahrzehnte hinweg nicht mit Schwulen, Lesben oder anderen aus sexuellen Gründen im Nationalsozialismus bedrängten Menschen befasst.

Der Bochumer Diplom-Psychologe und Mitbegründer der Schwulenberatung Rosa Strippe, Jürgen Wenke, hat es sich zur Aufgabe gemacht, in den Archiven nach Dokumenten zur Verfolgung bzw. Ermordung schwuler Männer zu recherchieren und diese aufzuarbeiten. Die Ergebnisse seiner For- schungsarbeit veröffentlicht er anlässlich von daraus resultierenden Stolpersteinverlegungen. In ge- deihlicher, kontinuierlicher Zusammenarbeit haben wir so in den letzten Jahren gemeinsam vier Stolpersteine für homosexuelle Männer in Gelsenkirchen realisieren können, Bildhauer Gunter Demnig verlegte in unserer Stadt Stolpersteine für Arthur Hermann, Ernst Papies, Lothar Keiner und Josef Wesener.

Der Opfer gedenken, Faschismus verhindern, Demokratie stärken.

(Foto: cc Ingolf / flickr)

Mehr als beschämend, dass Nachkriegsdeutschland nahtlos an die Nazi-Verfolgung von sexuellen Minderheiten anknüpfte. Homosexuelle sind noch lange nach Kriegsende weiter diskriminiert, isoliert und auch strafrechtlich verfolgt worden. Erst am 11. Juni 1994 verschwand der §175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte und viele Leben zerstörte, endgültig aus dem deutschen Strafrecht. Rehabilitation und Entschädigung haben viele der Opfer nicht mehr erlebt. Schwulenfeindlichkeit und Vorurteile gegen Homosexuelle sind weitverbreitet. Wir mögen zwar vereinzelt homosexuelle Minister und Bürgermeister haben, aber in weiten Teilen der Gesellschaft sieht das noch völlig anders aus. Eines der bekanntesten Beispiele ist der Fußball, dort sind homophobe und sexistische Diskriminierungen fest verankert - bei vielen Zuschauern, Spielern und Funktionären gleichermaßen.


27. Januar: Internationaler Holocaust-Gedenktag 2021 

Andreas Jordan | 15. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Der 27. Januar ist für Gelsenkirchen ein Gedenktag mit doppelter Bedeutung. An diesem Tag im Jahr 1942 verließ ein Deportationszug Gelsenkirchen Richtung Riga in Lettland, drei Jahre später wurde am 27. Januar das deutsche Vernichtungslager Auschwitz von der Roten Armee befreit.

Auch in Gelsenkirchen wird anlässlich dieses Tages an die Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnert und aller Opfer des Terrorregimes gedacht. Die Erinnerung an die Deportation Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger, die Befreiung von Auschwitz und alle Opfer des deutschen Faschismus halten wir lebendig, auch und grade in der Coronapandemie. Wir müssen heute mehr denn je aufzeigen, warum das Gedenken an historisches Unrecht eine Relevanz für unser Zusammenleben hier und heute hat, ob das vor dem Hintergrund der aktuellen pandemiebedingten Einschränkungen in Präsenzveranstaltungen, individuellem Gedenken oder digital geschieht, ist dabei eher zweitrangig.

Am 27. Januar 2021 der Opfer gedenken, Faschismus verhindern, Demokratie stärken.

Abb.: Deportation jüdischer Deutscher nach Riga. Das Foto wurde 1941 auf dem Güterbahnhof Bielefeld aufgenommen. (Foto: Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 4., S. 332)

Die auf dem Foto gezeigte Szenerie ist vergleichbar mit dem Gelsenkirchener Deportationstransport vom 27. Januar 1942. Die im temporären "Judensammellager" am Wildenbruchplatz einige Tage zuvor eingepferchten Menschen mussten am nahegelegenen Güterbahnhof in einen Personenzug der Reichsbahn einsteigen, der sie nach Riga transportieren sollte. Deutsche Juden wurden nicht mit Güterzügen aus ihren Heimatorten, sondern durchweg mit Personenzügen deportiert — nicht zuletzt, um die Opfer zu täuschen und ihnen einen "Arbeitseinsatz im Osten" vorzugaukeln. Die Fahrtkosten hatten die zur Deportation bestimmten Menschen selbst zu entrichten. Einfache Fahrt, 3. Klasse. Eine Rückfahrt war nicht vorgesehen. - 27. Januar 1942 - ein Deportationszug mit Ziel Riga verlässt Gelsenkirchen: Lebens- geschichtliche Erinnerungen von Zeitzeugen

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Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen.

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