STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam erinnern statt Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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„Was keiner geglaubt haben wird, was keiner gewusst haben konnte, was keiner geahnt haben durfte, das wird dann wieder das gewesen sein was keiner gewollt haben wollte.“ (Erich Fried)

Aktuelles & Termine  

Auf dieser Seite veröffentlichen wir 'Aktuelles' rund um das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen.

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+ + Nächste Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen findet 2022 statt.
Weitere Patenschaften zur Finanzierung von Stolpersteinen für nachfolgende Verlegungen können übernommen werden. + +

+ + + Die Dabeigewesenen - Gelsenkirchen + + +

+ + + Buchprojekt Stolperstein-Geschichten Gelsenkirchen sucht Sponsoren. + + +

 


Gemeinsam erinnern: Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen  

Redaktion | 20. Juni 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Gemeinsam erinnern: Stolpersteine wurden in Gelsenkirchen verlegt

Bildhauer Gunter Deming, der die Idee der Stol- persteine in den frühen 1990er Jahren erdachte, hat seither zumeist mit eigenen Händen annä- hernd 90.000 Stolpersteine in 26 Ländern Euro- pas in das Pflaster von Gehwegen eingelassen. Demnigs Stolpersteine erinnern an alle Verfolg- tengruppen gleichermaßen. Am Freitagvormittag traf der Bildhauer in Ückendorf ein, an Bord sei- nes roten Lieferwagens hatte Demnig auch die 25 neuen Stolpersteine für Gelsenkirchen. Am Knappschaftshof begann die Verlegetour durch das Stadtgebiet.

Zahlreich waren LehrerInnen, SchülerInnen (Klasse 8.1) und Ehemalige der Gesamtschule Berger Feld vor Ort erschienen, als am Knappschaftshof die Stolpersteine für Familie Walter Levie ins Pflaster eingelassen wurden. Hatten sie doch die Paten- schaften und damit die Finanzierung für dieser drei Erinnerungszeichen übernommen. Die Jugendlichen gestalteten mit ihren Beiträgen die kleine Zeremonie aktiv mit. Vor allem für die jüngere Generation, für die der Holocaust immer weiter wegrückt, bieten Stolpersteine einen besonderen Zugang zur Geschich- te. Abstrakte Opferzahlen in Millionenhöhe werden auf diese Weise individualisiert und in einen lokalen, zeithistorischen Kontext gerückt. Mit der erschütternden und aufklärenden Wirkung der Stolpersteine kehren Namen zurück und gewaltsam genommene Lebenswelten werden sichtbar gemacht.

Arisierungsgewinnler in der eigenen Familie

In der Stadtchronik Gelsenkirchen ist unter dem 3. Februar 1939 nachzulesen: "Das frühere jüdische Kaufhaus Heymann & Co. in Rotthausen ist in die Hände des Kaufmanns Bernhard Strickling überge- gangen." Mit dem Verlust ihrer Existenzgrundlage durch staatlich legitimierten Raub, von den Nazis "Arisierung" genannt, floh Familie Heymann im April 1939 in vermeintliche Sicherheit nach Holland. Ihr Lebensweg fand jedoch 1944 im Vernichtungslager Auschwitz ein gewaltsames Ende.

Stolpersteine für Familie Hermann Heymann in Gelsenkirchen

Jeder entscheidet für sich selbst, wie er mit der Geschichte und der Vergangenheit der eigenen Familie umgeht. Was wusste der Kaufmann Bernhard Strickling seinerzeit über den Verbleib des Vorbesitzers des Kaufhauses Heymann & Co., was hat er möglicherweise später erfahren? Vielleicht hat es ihn auch nicht interessiert, vielleicht wollte er es gar nicht wissen. In der Unternehmensgeschichte der Stricklings wurde der Zugewinn durch "Arisierung" bisher nicht thematisiert. Cornelia Schwander hingegen, eine Enkelin von Bernhard Strickling, hat sich entschieden - sie hat die Patenschaft für die drei Stolpersteine übernommen, die nun an Hermann, Erna und Ellen Margrit Heymann erinnern. Vom Niederrhein, aus Karlsruhe und Freiburg waren Cornelia Schwander und weitere Nachfahren Bernhard Stricklings eigens angereist, um an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen und auf diese Weise den Ermordeten einen Teil ihrer menschlichen Würde zurückzugeben.

Gemeinsam erinnern: Stolpersteine für Familie Isidor Goldblum in Gelsenkirchent

Auch die Familien Goldblum (Zeppelinallee 55) und Katzenstein (Schalker Strasse 174) wurden Opfer der vornehmlich gegen jüdische Menschen gerichten NS-Ausplünderungspolitik. Fast allen Familienmitgieder konnten jedoch ihr Leben durch Flucht aus Nazi-Deutschland retten und in den USA neue Leben beginnen. An der Bahn- hofstrasse 62 und der Schalker Straße 160 erin- nern zwei weitere Stolpersteine an den jeweiligen Geschäftssitz der Firma Gbr. Goldblum.

Leider verhinderte die Pandemie die Anreise von Nachfahren, so wurden diese 14 Stolpersteine im kleinen Kreis verlegt. Kantor Juri Zemski, der seit mehr als zehn Jahren die Stolpersteinverlegun- gen in Gelsenkirchen unterstützt und begleitet, trug auf virtuose Weise auch an diesem Verlege- ort das Gebet El male rachamim vor.

Die Patenschaft für den Stolperstein, der nun im Lörenkamp in der Gelsenkirchener Altstadt an Elias Finger erinnert, hat der Förderverein des Schalker Gymnasiums übernommen. Leider war einer Lehrerin im Vorfeld ein bedauerlicher Feh- ler unterlaufen, sie hatte das Datum der Verlegung schulintern irrtümlich für Juli kommuniziert. Und so wurde auch dieser Stolperstein im kleinen Kreis verlegt.

Gemeinsam erinnern: Stolpersteine für Familie Dr. Hugo Alexander in Gelsenkirchent

Fred Alexander hatte der Verlegung der Stolper- steine, die nun an der Von-Der-Recke-Straße an ihn und seine Eltern erinnen, ausdrücklich zuge- stimmt. Die Spendengemeinschaft Flöz Dicke- bank, die zur Finanzierung dieser Stolpersteine beigetragen hat, war es sehr wichtig anwesend zu sein. In Wortbeiträgen aus diesem Kreis wur- de deutlich gemacht, das grade angesichts der stetigen Zunahme von rassistischen und neona- zistischen Äußerungen und Aktivitäten die Erin- nerung an die unfassbaren NS-Verbrechen im- mens wichtig ist.

Weiße Rose gilt als Zeichen des Widerstandes

Die Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung St. Josef hat die Patenschaft für den Stolperstein über- nommen, der nun im unteren Teil der Ahstraße an Vikar Heinrich König erinnert. Vielleicht wäre König nicht im KZ Dachau ermordet worden, wenn er eben nicht aus seinem nachbarschaft- lichen Umfeld bei der Gelsenkirchener Gestapo denunziert worden wäre. König hatte sich in sei- ner Dienstwohnung an der Ahstraße gegenüber dem Wehrmachtssoldaten Waßmann junior über die "Vergasung Geisteskranker" und die "Affäre Heß" geäußert. Für Waßmann Grund genug, König bei der Gestapo zu denunzieren. Ein Pädagoge der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung verteilte am Verlegeort weiße Rosen, die zum Abschluß der Verlegung von den Teilnehmenden als Geste des Gedenkens in eine Vase gestellt wurden.

Stolperstein für Heinrich König in Gelsenkirchen

"Uns ist es ein großes Anliegen, mit der Verlegung von Stolpersteinen in Gelsenkirchen nicht zuletzt auch ein Zeichen gegen jedwede Form von Rassismus und Menschenhass zu setzen und die Erinne- rung an die Verfolgung und Ermordung unschuldigen menschlichen Lebens wachzuhalten" so Andreas Jordan, Initiator der Stolpersteininitiative Gelsenkirchen, und weiter: "An dieser Stelle sei den Patinnen und Paten dieser Stolpersteine gedankt, die mit ihrem Engagement die kleinen Denkmale finanziert haben. Unser Dank geht auch an Gunter Demnig und sein Team, an alle Menschen, die am Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen direkt oder indirekt mitarbeiten oder es unterstützen. Wir alle tragen ge- meinsam die Botschaft des Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer weiter, der einmal gesagt hat: "Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon."


Gelsenkirchen: Weitere Stolpersteine sollen an Opfer der NS-Diktatur erinnern  

Andreas Jordan | 11. Juni 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Weitere Stolpersteine werden in Gelsenkirchen verlegt

Seit 2009 verlegen wir gemeinsam mit Stolper- stein-Erfinder Gunter Demnig die kleinen Denk- male in Gelsenkirchen als fester Bestandteil einer nachhaltigen Erinnerungs- und Gedenk- kultur. Finanziert wird das Projekt über Spenden, getragen von zivilgesellschaftlichem Engage- ment. Gunter Demnigs Kunstprojekt "Stolper- steine für Europa" nimmt alle NS-Verfolgten- gruppen gleichermaßen in den Blick.

Am 18. Juni diesen Jahres ist es soweit, dann kommt Bildhauer Gunter Demnig einmal mehr nach Gelsenkirchen. An diesem Tag werden Stolpersteine verlegt für die Familien Walter Levie (11.30, Knappschaftshof 1), Hermann Heymann (12.15, Karl-Meyer-Str. 29), Isidor Goldblum (13.00, Zeppelinallee 55), Siegmund Katzenstein (13.45, Schalker Str.174), Elias Finger (14.30, Im Lörenkamp 2), Dr. Hugo Alexander (15.00, Von-Der-Recke-Str. 15), Vikar Heinrich König (15.30, Husemannstr. Ecke Ahstr.). Zu beachten ist, das sich die angegebenen Uhrzeiten +/-20 Minuten verschieben können. Bei den einzelnen Verlegungen sind die gültigen Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten.

Zwei weitere Stolpersteine wird Gunter Demnig an diesem Tag im Gepäck haben. Wir werden diese beiden kleinen Denkmale in Eigenregie zeitnah auf Wunsch von Angehörigen an der Bahnhofstrasse sowie an der Schalker Straße/- Ecke Grillostrass in das Gehwegpflaster einsetzen. Die jeweiligen In- schriften verweisen auf den staatlich legitimierten Raub im Fall Isidor Goldblum, auf die wirtschaftliche Ausplünderung jüdischer Menschen, im Nazi-Jargon 'Arisierung' genannt.


Gelsenkirchen-Resse: Erneuerter Stolperstein erinnert wieder an jüdischen Arzt  

Andreas Jordan | 2. Juni 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Beschädigten Stolperstein ersetzt

Heute morgen haben wir in Absprache mit Bild- hauer Gunter Demnig den von einem privaten Winterdienst zerstörten Stolperstein für Dr. Sa- muel Hocs vor dem Emmaus-Hospiz an der Hedwigstrasse in Gelsenkirchen-Resse durch ein nagelneues Exemplar ersetzt. Metallplasti- ker und Bildhauer Michael Friedrichs-Friedlän- der aus Demnigs Team hatte trotz vollem Ter- minkalender schnellstmöglich für den Ersatz- stein gesorgt.


Winterdienst: Stolperstein in Gelsenkirchen-Resse zerstört 

Andreas Jordan | 29. März 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Gedenken: Beschädigter Stolperstein

Knapp zwei Jahre erinnerte ein Stolperstein an der Hedwigstrasse in Resse an den vom NS-Terrorregime vertriebenen jüdischen Arzt Dr. Samuel Hocs. Nun wurde die Zerstörung der Messingkappe des Erinnerungszeichen fest- gestellt - augenscheinlich nach dem jüngsten Wintereinbruch von einem falsch eingestellten Schild eines Schneeräumers.

Am Freitag Morgen nahmen wir nach einem Hin- weis aus der Stadtgesellschaft den zerstörten Stolperstein vor Ort in Augenschein. Zunächst waren wir von einer gewaltsamen Beschädigung durch Vandalen ausgegangen, auch der Ver- dacht einer politisch motivierten Tat stand zu- nächst im Raum.

Doch auch im weiteren Bereich um das kleine Bodendenkmal wies das Gehwegpflaster gleichartige Schleifspuren und Beschädigungen auf. In der Summe deuteten die Spuren dann doch eher auf die unglückliche Handhabung eines Schneeräum- gerätes hin. Die hinzugerufene Polizei sah nach telefonischer Rücksprache mit dem polizeilichen Staatsschutz aufgrund der Spurenlage ebenfalls keine Anhaltspunkte für einen mutwilligen Angriff auf das Gedenkprojekt Stolpersteine. Wir haben bereits einen Ersatzstein zur Verlegung an gleicher Stelle in Auftrag gegeben, wer jedoch letztlich die Kosten für den neuen Stolperstein übernehmen wird, ist derzeit noch unklar.


Die Zeit heilt nicht alle Wunden: Deportation der Gelsenkirchener Sinti und Roma 

Andreas Jordan | 4. März 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Vor 78 Jahren, am 9. März 1943, veranlasste die Gelsenkirchener Polizei auf der Basis des sogenann- ten "Auschwitz-Erlass" von Heinrich Himmler die Deportation der sich noch im kommunalen Zwangsla- ger an der damaligen Reginenstrasse befindlichen Gelsenkirchener Sinti in das deutsche Vernichtungs- lager Auschwitz-Birkenau. Die allermeisten der verschleppten Menschen fielen dem unbedingten Ver- nichtungswillen der Nazi-Barbaren zum Opfer, nur einige wenige erlebten 1945 ihre Befreiung.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden: Erinnerung an die Deportation der Gelsenkirchener Sinti und Roma am 9. März 1943

Abb.: Im Mai 1939 wurde von der Stadt Gelsenkirchen ein neuer Zwangslagerplatz für die Gelsenkirchener Sinti bestimmt: Das neu errichtete Inter- nierungslager an der Reginenstraße, gelegen auf unbebautem Gelände zwischen den Deutschen Eisenwerken (Schalker Verein) und der Gelsen- kirchener Bergwerk-AG (GBAG) mit ihrer Zeche und Kokerei Rheinelbe/Alma. Der "Umzug" fand am 9. Juni 1939 statt. Die Wohnwagen, dreißig an der Zahl, zogen vor den Augen der Stadtgesellschaft unter behördlicher Bewachung in einer Kolonne vom vorherigen Lagerplatz an der Cranger Straße (Höhe Freibad Grimberg) quer durch die Stadt zum Lagerplatz Reginenstraße in Gelsenkirchen-Hüllen (Luthenburg). (Repro: Adressbuch Gelsenkirchen, Ausgabe 1939)

Bis heute ist die Gesamtzahl der ermordeten Kinder, Frauen und Männer der Minderheit nicht exakt zu bestimmen; der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma geht von etwa 500 000 Menschen aus, die den Mordaktionen und den grausamen Bedingungen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern zum Opfer fielen. Doch auch nach Kriegsende setzten sich die Diskriminierung und Kriminalisierung der Angehörigen dieser Minderheit in Behörden, Schulen und Institutionen fort. Die wenigen überlebenden Sinti und Roma erfuhren weder eine Anerkennung als Opfer nationalsozialistischer Verfolgung noch erhielten sie Entschädigungsleistungen. Die Täter hingegen konnten in den allermeisten Fällen ihre Karrieren ungebrochen weiterführen - so auch in Gelsenkirchen. Auch heute noch sehen sich Sinti und Roma mit zahlreichen Vorurteilen konfrontiert.


Gedenken: Blick auf alle Opfergruppen 

Redaktion | 28. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Gedenken: Blick auf alle Opfergruppen

Ein lesenswerter Artikel, hier in leicht gekürzter Fassung, der u.a. auch und grade in Gelsen- kirchen wahrgenommen werden sollte.

Von Andreas Froese, zuerst erschienen in Volksstimme am 27. Januar 2021:

Gedenken aller Opfer der Nationalsozialisten

"[...] Wem ist der 27. Januar – der Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernich- tungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen – eigentlich gewidmet? Oft wird dieser Tag vorschnell zum „Holocaust-Gedenktag“ verkürzt. Doch diese Bezeichnung ist nur zum Teil zutreffend. Denn im Gegensatz zum inter- nationalen „Holocaust Remembrance Day“, den die Vereinten Nationen seit 2005 alljährlich am 27. Januar begehen, ist dieser Gedenktag in Deutschland nicht nur den Ermordeten des Holocausts, sondern darüber hinaus allen Opfern und Verbrechenskomplexen des Nationalsozialismus gewidmet.

Dazu gehören neben Jüdinnen und Juden auch Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeuginnen und Zeugen Jehovas, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Opfer von NS-Justiz- verbrechen, Widerstandskämpfende, Opfer des Vernichtungskrieges der deutschen Wehrmacht in den besetzten Ländern, Ermordete der nationalsozialistischen „Euthanasie“, Opfer von Todesmarsch- und Endphaseverbrechen und viele mehr.

Fragen nach Täterschaft und Mitläufertum

Mit diesem ganzheitlichen Blick auf alle Opfergruppen und Verbrechenskomplexe erweitern sich auch die räumliche und die zeitliche Dimension dieses Gedenktages. Im Mittelpunkt stehen nicht nur die nationalsozialistischen Verbrechen weit entfernt irgendwo „im Osten“, sondern eben auch die dama- ligen Gewalt-, Verfolgungs-, Entrechtungs- und Mordpraktiken an unseren Nachbarinnen und Nach- barn, vor unseren Haustüren, in unserer Stadt, vor aller Augen.

Menschenfeindliche Praktiken, die zudem nicht erst mit „Auschwitz“ begannen, sondern bereits unmit- telbar nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten ab Januar 1933 zum Alltag in Deutschland gehörten.

Zudem sind mit den vielen Millionen Opfern des Nationalsozialismus auch Fragen nach Täterschaft und Mitläufertum, nach Profiteurinnen und Profiteuren, nach Mitbeteiligten und Unterstützenden der natio- nalsozialistischen Gewaltverbrechen verbunden. Es waren eben nicht nur einige wenige Haupttäte- rinnen und -täter, sondern unzählige Menschen aus der gesamten damaligen Gesellschaft, deren bereitwilliges Mitwirken die Durchführung all dieser Verbrechen erst ermöglichte. Ein Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, das die Fragen nach konkreten Täter- und Mittäterschaften ausklam- mert, würde sich auf ein ohnmächtiges und hilfloses Betrauern beschränken.

Mit Geschichte kritisch auseinandersetzen

Deshalb ist eine fundierte Auseinandersetzung mit der Funktionsweise der damaligen NS-Gesellschaft unverzichtbar. Kränze und Blumen zum Gedenken niederzulegen, ermöglicht es uns alleine noch nicht, ein solches kritisches Geschichtsbewusstsein zu entwickeln. Dafür müssen wir einen Schritt weiterge- hen, indem wir uns mit Fragen nach Gewalt im sozialen Alltag der damals propagierten „Volksgemein- schaft“ beschäftigen und dabei die Mechanismen von sozialer Ausgrenzung und Verfolgung, von Ras- sismus, Nationalismus, Antisemitismus und anderen Formen der gruppenbezogenen Menschenfeind- lichkeit hinterfragen. Eine große Aufgabe, die sich nicht allein auf den 27. Januar beschränkt, sondern auch an allen übrigen Tagen im Jahr erfolgen sollte.

Schließlich ist unser Gedenken immer auf unsere eigene jeweilige Gegenwart bezogen. Welche Be- deutung messen wir heute den Ereignissen zwischen 1933 und 1945 bei? Und welche Formen des mangelnden Geschichtsbewusstseins oder des absichtlichen Geschichtsrevisionismus erleben wir heute?

Öffentliche Beispiele hierfür finden sich jede Menge: etwa Gedenksteine an öffentlichen Straßen und Plätzen, die geschändet werden. Etwa Menschen der sogenannten „Querdenkenden“, die sich auf Demonstrationen in anmaßender Weise in eine gemeinsame Reihe mit Verfolgten und Widerstand- kämpfenden aus der NS-Zeit stellen, sich in einer „Corona-Diktatur“ wähnen und von einem „neuen Ermächtigungsgesetz“ sprechen. Etwa Menschen, die bis heute die Verbrechen der deutschen Wehr- macht verharmlosen, indem sie zum „Heldengedenken“ aufrufen. Oder etwa Menschen, die alliierte Luftangriffe während des Zweiten Weltkriegs beklagen, ohne aber den deutschen Angriffs- und Ver- nichtungskrieg als deren Vorgeschichte und Ursache zu benennen.

Über eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte den Blick schärfen für unsere eigene Ge- genwart und Zukunft: In einem solchen umfassenden Sinne können wir uns trotz der coronabedingten Einschränkungen auch in diesem Jahr von zu Hause aus mit dem Gedenken an die Opfer des Natio- nalsozialismus auseinandersetzen. [...]"


Zahl der Lernorte wächst: Projekt Stolpersteine wird in Gelsenkirchen auch 2021 fortgesetzt 

Andreas Jordan | 27. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Auch 2021 werden in Gelsenkirchen Stolpersteine verlegt

Seit 2009 verlegen wir in Gelsenkirchen gemein- sam mit Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig seine Stolpersteine als festen Bestandteil einer nachhaltigen Erinnerungs- und Gedenkkultur - getragen von zivilgesellschaftlichem Engage- ment. Bildhauer Gunter Demnig sieht sein Stol- perstein-Projekt als "Soziale Skulptur", in Anleh- nung an den von Joseph Beuys geprägten Be- griff der "sozialen Plastik".

Das Projekt Stolpersteine nimmt alle Verfolgten- gruppen gleichermaßen in den Blick. Am Projekt beteiligen kann sich praktisch jeder. Das Geld für die Gedenksteine kommt allein durch Spenden zusammen. Wer für einen solchen Stolperstein die Patenschaft übernehmen will (pro Stein 120 Euro), bekommt die nötigen Informationen hier auf unserer Website. Wer das Projekt ohne Geld unterstützen möchte, kann sich beispielsweise daran beteiligen, die Stolpersteine zu reinigen und zu pflegen. Seit 2009 konnten wir so mit Unterstützung von Patinnen und Paten 238 Stolpersteine sowie eine Stolperschwelle (Sonderform der Stolpersteine) in Gelsenkir- chen verlegen. Schon bald kommen in unserer Stadt weitere 25 der kleinen Erinnerungszeichen hinzu.

Am 18. Juni diesen Jahres ist es soweit, dann kommt Bildhauer Gunter Demnig nach derzeitigem Planungsstand einmal mehr nach Gelsenkirchen. An diesem Tag werden Stolpersteine verlegt für die Familien Isidor Goldblum, Siegmund Katzenstein, Hermann Heymann, Dr. Hugo Alexander, Walter Levie sowie für den Kaufmann Elias Finger und Vikar Heinrich König.

Das komplexe und abstrakte Wissen um die Geschichte des Holocaust wird in den Stolpersteinen sehr konkret. Die Erinnerung an jedes einzelne NS-Opfer wirkt so intensiv und nachhaltig, weil die Wahrneh- mung an seinem früheren Lebensmittelpunkt – der Straße, dem Eingang zur Wohnung, dem sozialen Umfeld – erfolgt. Jeder einzelne Stolperstein steht dabei für ein Leben und symbolisiert einen Erinne- rungsort, der gleichzeitig zum Lernort wird. Diese Orte bieten ohne Einschränkungen an jedem Tag rund um die Uhr die Möglichkeit, Gedenken sehr individuell und privat zum Ausdruck zu bringen. Frei verfügbare biografische Skizzen, die in unserem digitalen Lesesaal zum Abruf bereit stehen, ergänzen die Inschriften auf den jeweiligen Stolpersteinen.


Die extremste Form der Flucht 

Andreas Jordan | 23. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

"Denn die Steigerung des Leides ist keineswegs der Tod, sondern das einem lebenden Menschen
angetane Maß an Erniedrigung und Beleidigung."

(Zitat nach H.G. Adler*)

Ein Stolperstein für Helene Lewek in Gelsenkirchen

Die Gelsenkirchenerin Helene Lewek (Jg. 1881) wählte am 25. Januar 1942 in der zum "Juden- sammellager" umfunktionierten Ausstellungshal- le am Wildenbruchplatz angesichts der ihr be- vorstehenden Deportation die Flucht in den Tod. Bereits kurz zuvor gab es weitere Suizide in- nerhalb der jüdischen Gemeinschaft in unserer Stadt. Mit dem Erhalt der schriftlichen Ankündi- gungen der "Evakuierung in den Osten" ent- schieden sich weitere Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchener, darunter Ida Reifenberg (Jg. 1878) und Hulda Silberberg (Jg. 1883) diesen Weg zu gehen. Entrechtung, Resignation, Angst, Verzweiflung und Einsamkeit hatten die Menschen zu diesem letzten, selbstbestimmten Schritt gebracht. Um sich dem physischen und psychischen Terror der NS-Machthaber, der gesell- schaftlichen und der persönlichen Ächtung in Deutschland zu entziehen, gaben sie sich selbst den Tod. Wenigstens die Entscheidung über ihren Tod wollten diese Menschen nicht den Nazis überlassen. Nur auf diesem Wege wussten sie sich ihrer Würde bewahrt.

An Helene Lewek erinnert ein Stolperstein an ihrem letzten Wohnort, ein weiterer an ihrem Todesort, dem temporären "Judensammellager" in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz. Heute steht dort die Polizeiwache Gelsenkirchen-Süd und ein Gebäude von Straßen.NRW. An der Bochumer Straße 45, ihrem letzten Wohnort, erinnert ein Stolperstein an Hulda Silberberg. Auch an Ida Reifenberg soll ein Stolperstein erinnern, hier wird zur Finanzierung noch ein Stolperstein-Pate gesucht.

*Zitat von H.G. Adler in: Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Tübingen 1955, 2. Aufl. 1960, S. 109)


Homosexuelle Nazi-Opfer: Ihr Leid blieb bisher weitgehend unbeachtet 

Andreas Jordan | 22. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Dem Holocaust der deutschen Nazis fielen vor allem Menschen jüdischen Glaubens zum Opfer. Unter den Millionen Verfolgten, Gequälten und Ermordeten waren neben Sinti und Roma, Slawen, Zeugen Jehovas oder politischen Regimegegner auch viele Homosexuelle. Auch die zeitgeschichtliche For- schung hat sich über Jahrzehnte hinweg nicht mit Schwulen, Lesben oder anderen aus sexuellen Grün- den im Nationalsozialismus bedrängten Menschen befasst.

Der Bochumer Diplom-Psychologe und Mitbegründer der Schwulenberatung Rosa Strippe, Jürgen Wenke, hat es sich zur Aufgabe gemacht, in den Archiven nach Dokumenten zur Verfolgung bzw. Ermordung schwuler Männer zu recherchieren und diese aufzuarbeiten. Die Ergebnisse seiner For- schungsarbeit veröffentlicht er anlässlich von daraus resultierenden Stolpersteinverlegungen. In ge- deihlicher, kontinuierlicher Zusammenarbeit haben wir so in den letzten Jahren gemeinsam vier Stol- persteine für homosexuelle Männer in Gelsenkirchen realisieren können, Bildhauer Gunter Demnig verlegte in unserer Stadt Stolpersteine für Arthur Hermann, Ernst Papies, Lothar Keiner und Josef Wesener.

Der Opfer gedenken, Faschismus verhindern, Demokratie stärken.

(Foto: cc Ingolf / flickr)

Mehr als beschämend, dass Nachkriegsdeutschland nahtlos an die Nazi-Verfolgung von sexuellen Min- derheiten anknüpfte. Homosexuelle sind noch lange nach Kriegsende weiter diskriminiert, isoliert und auch strafrechtlich verfolgt worden. Erst am 11. Juni 1994 verschwand der §175, der sexuelle Handlun- gen zwischen Männern unter Strafe stellte und viele Leben zerstörte, endgültig aus dem deutschen Strafrecht. Rehabilitation und Entschädigung haben viele der Opfer nicht mehr erlebt. Schwulenfeind- lichkeit und Vorurteile gegen Homosexuelle sind weitverbreitet. Wir mögen zwar vereinzelt homosexu- elle Minister und Bürgermeister haben, aber in weiten Teilen der Gesellschaft sieht das noch völlig anders aus. Eines der bekanntesten Beispiele ist der Fußball, dort sind homophobe und sexistische Diskriminierungen fest verankert - bei vielen Zuschauern, Spielern und Funktionären gleichermaßen.


27. Januar: Internationaler Holocaust-Gedenktag 2021 

Andreas Jordan | 15. Januar 2021 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Der 27. Januar ist für Gelsenkirchen ein Gedenktag mit doppelter Bedeutung. An diesem Tag im Jahr 1942 verließ ein Deportationszug Gelsenkirchen Richtung Riga in Lettland, drei Jahre später wurde am 27. Januar das deutsche Vernichtungslager Auschwitz von der Roten Armee befreit.

Auch in Gelsenkirchen wird anlässlich dieses Tages an die Verbrechen der nationalsozialistischen Ge- waltherrschaft erinnert und aller Opfer des Terrorregimes gedacht. Die Erinnerung an die Deportation Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürger, die Befreiung von Auschwitz und alle Opfer des deutschen Faschismus halten wir lebendig, auch und grade in der Coronapandemie. Wir müssen heute mehr denn je aufzeigen, warum das Gedenken an historisches Unrecht eine Relevanz für unser Zusammenleben hier und heute hat, ob das vor dem Hintergrund der aktuellen pandemiebedingten Einschränkungen in Präsenzveranstaltungen, individuellem Gedenken oder digital geschieht, ist dabei eher zweitrangig.

Am 27. Januar 2021 der Opfer gedenken, Faschismus verhindern, Demokratie stärken.

Abb.: Deportation jüdischer Deutscher nach Riga. Das Foto wurde 1941 auf dem Güterbahnhof Bielefeld aufgenommen. (Foto: Stadtarchiv Biele- feld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 4., S. 332)

Die auf dem Foto gezeigte Szenerie ist vergleichbar mit dem Gelsenkirchener Deportationstransport vom 27. Januar 1942. Die im temporären "Judensammellager" am Wildenbruchplatz einige Tage zuvor eingepferchten Menschen mussten am nahegelegenen Güterbahnhof in einen Personenzug der Reichs- bahn einsteigen, der sie nach Riga transportieren sollte. Deutsche Juden wurden nicht mit Güterzügen aus ihren Heimatorten, sondern durchweg mit Personenzügen deportiert — nicht zuletzt, um die Opfer zu täuschen und ihnen einen "Arbeitseinsatz im Osten" vorzugaukeln. Die Fahrtkosten hatten die zur Deportation bestimmten Menschen selbst zu entrichten. Einfache Fahrt, 3. Klasse. Eine Rückfahrt war nicht vorgesehen.

27. Januar 1942 - ein Deportationszug mit Ziel Riga verlässt Gelsenkirchen: Lebensgeschichtliche Erin- nerungen von Zeitzeugen


Spendenaufruf 

Redaktion | 26. November 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

In einer Zeit, in der dir Rechten auf dem Vormarsch sind und die Demokratie in Gefahr gerät, gewinnen die Aufgaben und Arbeitsfelder des Gelsenzentrum e.V. weiter an Bedeutung. Wir erinnern an die Opfer politischer Gewaltherrschaft während der nationalsozialistischen Diktatur, regen zur aktiven individuellen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit an, fördern so das zivilgesellschaftliche Engagement für Menschenrechte und Demokratie und schlagen damit die Brücke in die Gegenwart. Mit tausenden Stunden ehremtlicher Arbeit konnten wir bisher zwar viel bewegen, dennoch brauchen wir weiterhin Ihre / Eure ideelle und finanzielle Hilfe.

Kein Abstand zur Geschichte! - Manche reden heute fälschlicherweise vom "Widerstand" und nehmen den Widerstandsbegriff völlig unberechtigt für sich in Anspruch. Um Verfälschungen, Missinterpretatio- nen und ein Vereinnahmen von NS-Opfern von rechts zu verhindern ist auch die Arbeit des Gelsenzen- trum e.V. unerlässlich. Unter dem Dach des Gelsenzentrum e.V. ist auch die Gelsenkirchener Projekt- gruppe Stolpersteine beheimatet.

In einer Zeit, in der dir Rechten auf dem Vormarsch sind und die Demokratie in Gefahr gerät, gewinnen die Aufgaben und Arbeitsfelder des Gelsenzentrum e.V. weiter an Bedeutung. Wir erinnern an die Opfer politischer Gewaltherrschaft während der nationalsozialistischen Diktatur, regen zur aktiven individuellen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit an, fördern so das zivilgesellschaftliche Engagement für Menschenrechte und Demokratie und schlagen damit die Brücke in die Gegenwart.

Mit tausenden Stunden ehremtlicher Arbeit konnten wir bisher zwar viel bewegen, dennoch brauchen wir weiterhin Ihre / Eure ideelle und finanzielle Hilfe.

Wir freuen uns über Ihre / Eure Spende an den

Gelsenzentrum e.V.
IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27
BIC: WELADED1GEK
(SPK Gelsenkirchen)

Spenden für Gelsenzentrum e.V. sind steuerlich absetzbar. Vielen Dank für die Unterstützung!

Devensstr. 111 | 45899 Gelsenkirchen | Telefon: 0209 9994676 | E-Mail: gelsenzentrum@gelsenzentrum.de | Web: www.gelsenzentrum.de


Greifswald: Stolperstein soll an Kurt Brüssow erinnern 

Ein Stolperstein für Kurt Brüssow in Greifswald

Redaktion | 18. November 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Kurt Brüssow, geboren im Jahr 1910 am 9. De- zember in Stettin, Konditor, Schauspieler am Theater Greifswald. Dort denunziert als Homo- sexueller und in der NS-Zeit verfolgt, zu Ge- fängnis und mehrjähriger Zuchthausstrafe ver- urteilt. Brüssow überlebte Moorlager im Emsland und die deutschen Konzentrationslager Ausch- witz und Flossenbürg. Er zahlte für dieses Überleben lebenslang einen sehr hohen Preis: Nur eine gegen seinen erklärten Willen zwangs- weise im KZ Auschwitz vorgenommene Kastra- tion ermöglichte die Entlassung aus Auschwitz und damit das Überleben.

Nach dem derzeitigen Stand der Planung ist die Stolpersteinverlegung anvisiert für Mittwoch, den 9. Dezember 2020 vor dem Theater in Greifswald, der ehemaligen Wirkungsstätte des Schauspielers Kurt Brüssow. Dieser Tag ist bewußt gewählt: Es ist der 110te Geburtstag von Kurt Brüssow. Der Le- bensweg des Schauspielers Kurt Brüssow „§175-Häftling“ und Auschwitz-Überlebender von Jürgen Wenke, Oktober 2020: Was bleibt, wenn der Vorhang fällt? (PDF)


Jürgen Wenke im Interview bei WDR 3, Kultur am Mittag

Audiodatei: Späte Gerechtigkeit für das Nazi-Opfer Kurt Brüssow.
Jürgen Wen- ke im Interview bei WDR 3 in der Sendung Kultur am Mittag.


Jürgen Wenke im Interview bei WDR 5 in der Sendung Scala

Audiodatei: Erinnerungen an den Schauspieler Kurt Brüssow, der von den Nazis verfolgt wurde.
Jürgen Wenke im Interview in der Sendung Scala, das Kul- turmagazin von WDR 5.


Ein Stolperstein für Lore Grüneberg 

Lore Grüneberg, verheiratete Buchheim aus Gelsenkirchen starb 2017 in den USA

Andreas Jordan | 13. November 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Als 15jähriger Schüler eines Gelsenkirchener Gymnasiums hat Matthias Heitbrink 1997 im Rahmen eines Schülerwettbewerbs Lore Grüne- berg sel. A. interviewt. Nach dem Interview ent- wickelte sich ein freundschaftlicher, über viele Jahre anhaltender Kontakt zwischem dem Schü- ler und der Holocaust-Überlebenden. Jetzt über- nimmt er die Patenschaft und damit auch die Finanzierung für den Stolperstein, der in Gel- senkirchen an Lore Grüneberg, verheiratete Buchheim erinnern soll.

Im Jahr 2010 haben wir in Gelsenkirchen bereits Stolpersteine für die Familie Grüneberg an der Hauptstraße 16 verlegt, nun soll ein weiterer Stolperstein hinzukommen. Lore war seinerzeit der Meinung, sie lebe ja noch, zunächst sollten ihren ermordeten Angehörigen Stolpersteine gewidmet werden. Nach ihrem Tod im Jahr 2017 haben wir bisher vergeblich nach einem Stolper- stein-Paten gesucht, im Gedenken sollte Familie Grüneberg symbolisch wieder vereint werden. Jüngst schrieb uns Herr Heitbrink: "Gunter Demnigs großartiges Stolperstein-Projekt soll ja nicht nur an die Er- mordung von Jüdinnen und Juden während der NS-Diktatur erinnern, sondern auch an ihre Vertrei- bung. (...) Ich fände es wunderbar, wenn auch an die Vertreibung von Lore Buchheim, geborene Grü- neberg durch einen Stolperstein erinnert würde. Ich würde sehr gern die Patenschaft für diesen Stol- perstein und somit die Kosten für die Installation des Steines übernehmen. Lore hat mir als Schüler die Tür geöffnet, eine Art Freundschaft zu mir zugelassen. Ich würde mich so sehr freuen, wenn ich hier und heute etwas zurückgeben könnte - all die vielen Jahre später."


Stolpersteine poliert: „Danke, dass ihr das gemacht habt“ 

Stolpersteine poliert: „Danke, dass ihr das gemacht habt“

Andreas Jordan | 13. November 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Auch in Gelsenkirchen wurden anlässlich der Pogromwoche vom November 1938 in diesen Tagen Stolpersteine poliert. Die Projektgruppe Stolpersteine dankt allen, die in unserer Stadt auf diese Weise gegen das Vergessen ange- gangen sind und damit auch zeigten, dass es für Ausgrenzung und Gewalt gegen Menschen egal welcher Herkunft und Religion in unserer Gesell- schaft keinen Platz gibt. Ein großes Engage- ment, das uns sehr freut. Das wird sicher nicht die letzte Aktion dieser Art sein. Denn generell sind alle GelsenkirchenerInnen herzlich aufge- rufen, das ganze Jahr über mal einen Blick auf die Stolpersteine in eurer Nähe zu werfen und zu schauen, ob sie wieder neuen Glanz gebrau- chen können. In einem Online-Stadtplan sind alle bisher in Gelsenkirchen verlegten Stolpersteine ver- zeichnet. Die Anwendung ermöglicht es euch mit einem Klick auf den jeweiligen Stolperstein einem Link zu folgen und so auf unserer Webseite hinterlegte Informationen über die Biografien und Schick- sale der verfolgten Menschen zu erhalten.


Stolpersteine polieren: Zeichen des Gedenkens  

Gedenkaktion in Gelsenkirchen: Fraktionschef Martin Gatzemeier (DIE LINKE)poliert Stolpersteine

Redaktion | 8. November 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Zum Gedenken an die Opfer des Nationalso- zialismus putzen in diesen Tagen Menschen in ganz Deutschland Stolpersteine. Der Gelsen- kirchener Fraktionsvorsitzende Martin Gatze- meier (DIE LINKE) und Stolpersteininitiator Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) waren heute morgen in Gelsenkirchen-Horst unter- wegs, um gemeinsam Stolpersteine zu polieren. Durch das gemeinsame Putzen lenkt man nicht zuletzt auch die Aufmerksamkeit vorbeigehen- der Menschen auf die Stolpersteine – damit wird doppelt dazu beigetragen, dass die Erinnerung an Verfolgte des nationalsozialistischen deut- schen Terrorstaates wachgehalten wird.


Gedenken anlässlich der Pogromwoche vom November 1938: Stolpersteine polieren 

Gedenkaktion in Gelsenkirchen: Stolpersteine polieren

Andreas Jordan | 4. November 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Die Corona-Pandemie hat Auswirkungen auf fast alle unserer Lebensbereiche - so auch auf die Erinnerungskultur. Angesichts der aktuellen Entwicklung wird es daher in Gelsenkirchen in diesem Jahr keine Gedenkveranstaltung im Zusammenhang mit der Pogromwoche vom November 1938 geben.

Doch möchten wir allen Gelsenkirchener Bürge- rinnen und Bürgern eine etwas andere Form des Erinnerns ans Herz legen, die diesem wichtigen Datum trotzdem ein Stück weit gerecht werden kann. Nehmen Sie sich in den kommenden Ta- gen ein paar Minuten Zeit und suchen Sie über unsere Webseite die Stolpersteine, der ihrem Wohnort oder Arbeitsplatz geographisch am nächsten liegen. Nutzen Sie digital die Möglichkeit, sich mit der Ge- schichte hinter diesen Steinen vertraut zu machen. Wer waren die Menschen, an die erinnert wird, was ist ihnen geschehen? Die Informationen hierzu finden Sie hier auf unserer Webseite.

Wir würden uns freuen, wenn Sie dann den bzw. die jeweiligen Steine zum glänzen bringen würden. Dabei sind ein paar Dinge zu beachten: Die Oberflächen der Stolpersteine sind aus Messing, also bitte auf keinen Fall Stahlbürsten, Metallkissen oder kratzige Materialien verwenden. Für die Reinigung eignen sich die handelsüblichen Poliermittel für Messing, diese finden sie in Drogerie-, in Baumärkten oder im Kfz-Zubehörhandel. Am besten zwei Lappen mitnehmen: Einen zum Auftragen der Politur und einen sehr weichen Lappen zwecks Nachpolitur. Besonders stark angelaufene Stolpersteine kann man vorab mit Wasser säubern und mit einem Spezialschwamm für Edelstahl reinigen.

Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen und der Gelsenzentrum e.V. hoffen auf zahlreiche Menschen, die sich an der Aktion beteiligen. Gedenken Sie mit uns und bleiben Sie gesund!


Novemberpogrome 1938: Die Ihrer Würde Beraubten 

Flucht in letzter Minute - Rabbiner Dr. Siegfried Galliner

Andreas Jordan | 4. November 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Vor 82 Jahren begann am 7. November die Po- gromwoche des NS-Regimes, welche in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ihren Höhepunkt fand. In diesen sieben Tagen brann- ten mit staatspolizeilicher Absicherung Synago- gen. Wohnungen, Geschäfte und Betriebe jüdi- scher Mieter bzw. Inhaber wurden verwüstet und geplündert. Eine Welle von Verhaftungen und Einweisungen in Konzentrationslager folgte. Zeitgleich spitzte sich die Lage mit dem forcier- ten Ausschluss von jüdischen Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen immer weiter zu. Als perfide Krönung des konzertierten Ter- rors drückten die deutschen Faschisten den zu Feinden des deutschen Volkes Erklärten eine Kollektivstrafe ("Sühneleistung") in Höhe von einer Milliarde Reichsmark auf. Die ihrer Würde und ihrer Rückzugsorte Beraubten sollten den angerichteten Schaden auch noch selbst bezahlen.

Allzulange hat man vielerorts die Morde und Misshandlungen in der Pogromwoche nach dem Weltkrieg bagatellisiert, indem die heutige Mehrheitsgesellschaft vor allem auf die materiellen Schäden geschaut hat. Dass viele Menschen ermordet wurden oder starben, ist bis heute kaum bekannt. Mindestens 127 Menschen kamen im Zuge der Novemberpogrome von 1938 auf dem Gebiet des Bundeslandes Nord- rhein-Westfalen ums Leben – das ist das Ergebnis landesweiten Forschungsprojekts der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf.

Die bisherige Recherche benennt auf dem Gebiet des heutigen Landes Nordrhein-Westfalen zehn Menschen, die in der Pogromnacht erschossen, erstochen oder ertränkt wurden, weitere 44 Men- schen, die an den Folgen und Spätfolgen der Misshandlungen, die sie in der Pogromnacht erlitten ha- ben, starben und 42 Männer und Frauen, die angesichts der offenen Gewalt und der Erfahrung ihrer Schutzlosigkeit in und nach der Pogromnacht aus Verzweiflung Suizid begingen. Hinzu kommen – als unmittelbare Folge der Ereignisse – Opfer unter den jüdischen Männern, die während der Pogromnacht verhaftet und in den darauf folgenden Tagen als damals sogenannte "Aktionsjuden" in die Konzentra- tionslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt wurden und dort oder nach ihrer Entlassung an den Folgen der Haft starben; die Studie benennt hierzu aus NRW 31 Männer.

82 Jahre nach der Pogromwoche vom November 1938 nehmen antisemitische Übergriffe auch in Deutschland weiter zu. Umso wichtiger ist es, über die Verbrechen des NS-Terrorregimes aufzuklären und die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten. Blick auf die Geschehnisse in Gelsenkirchen während der Pogromwoche im November 1938: Die Synagoge brennt - Warum löscht denn keiner?


Wir sollten leben - Am 1. Mai 1945 von Kiel mit Weißen Bussen nach Schweden in die Freiheit 

Buch-Neuerscheinung: Bernd Philipsen /Fred Zimmak (Hrsg.): Wir sollten leben - Am 1. Mai 1945 von Kiel mit Weißen Bussen nach Schweden in die Freiheit.

Redaktion | 6. Oktober 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Am Morgen des 1. Mai 1945 rollten weiß gestri- chene und mit dem Rot-Kreuz-Emblem verse- hene Busse und Krankenwagen durch das Tor des 'Arbeitserziehungslagers' Kiel-Hassee. Sie gehörten zum Kontingent der von dem schwe- dischen Grafen Folke Bernadotte initiierten Rettungsmission, um in der Endphase des Zweiten Weltkrieges möglichst viele KZ-Häft- linge aus den Händen der SS zu befreien und nach Schweden in Sicherheit zu bringen.

Die Rettungsfahrzeuge nahmen in dem Kieler Lager 153 jüdische Häftlinge auf, Menschen, von denen die meisten eine mehrjährige Odys- see durch Ghettos und Lager durchlitten hatten. Diesem Transport und – vor allem – den damals ausgezehrten und verzweifelten Menschen widmet sich dieses Buch. Es spürt an Hand von Dokumenten und Zeitzeugenberichten den Lebensläufen der nach Schweden geretteten Holocaust-Überlebenden nach und schildert ihr Leben nach dem Überleben.

Es sind individuelle Überlebensgeschichten von Menschen, die die Hoffnung auf ihre Befreiung vom Nazi-Joch bereits aufgegeben hatten und ungläubig in die Rettungsfahrzeuge eingestie- gen waren. Einer der 'Weißen Busse' steht heute in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem, wo all jene geehrt werden, die unter Lebensgefahr Juden vor dem Naziterror retteten. → Leseprobe

Bernd Philipsen und Fred Zimmak - sein Vater Leonhard war unter den mit Weißen Bussen geretteten jüdischen Menschen - haben mit ihrem 282 Seiten starken Buch eine bemerkenswerte Dokumentation einer der größten und spektakulärsten Rettungsaktionen im Europa der 1940er Jahre vorgelegt. Unter den an diesem 1. Mai Geretteten befanden sich auch die Gelsenkirchener Hermann und Flora Voosen sowie Irene Buchheim. Der zum Autorenteam gehörende Historiker Andreas Jordan (Gelsenzentrum e.V.) hat die Lebens- und Leidenswege des Ehepaars Voosen und deren in Riga ermordeten Tochter Matel recherchiert, die daraus entstandene Ausarbeitung ist unter dem Titel "Hermann und Flora Voosen: Der Tod war kein Unbekannter mehr" integraler Bestandteil des Buches.

An Familie Hermann Voosen sollen schon bald am letzten selbstgewählten Wohnort in Gelsenkirchen Gunter Demnigs Stolpersteine erinnern, dafür suchen wir zur Finanzierung der kleinen Denkmale Stol- perstein-Paten. Info per: Email.

+ + + Update 24. Oktober 2020: Das Unvorstellbare bekommt Namen und Gesichter. Rezension zum Buch von Bernd Philipsen/Fred Zimak (Hrsg): Wir sollten leben.


Zwangsarbeiter*Innen: Dem Bombenhagel schutzlos ausgeliefert  

Zwangsarbeiterlager, Komplex an der Brink- u. Bruchstraße in Gelsenkirchen. Deutlich erkennbar in der Bildmitte die Fundamente des 1940 abgerissenen Gasometers der Kokerei Nordstern, rechts daneben der Hafen der Gelsenberg Benzin AG.. Vergößern: KLICK!

Andreas Jordan | 11. August 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Ein dichtes Netz von Zwangsarbeiterlagern überzog zwischen 1940-1945 auch die Ruhr- gebietsstadt Gelsenkirchen. Zumeist bestanden diese Lager aus geometrisch angeordneten, dürftig ausgestatteten einfachen Holzbaracken, in denen Zwangsarbeiter*innen, geordnet nach Nationalität und Herkunftsland, interniert waren.

Abb.: Zwangsarbeiterlager Brink- u. Bruchstraße in Gelsen- kirchen, 1944. Getrennt wurden die Lager durch den Rhein-Herne-Kanal. In der oberen Bildmitte das Werksgelände der Gelsenberg Benzin AG

Großunternehmen unterhielten eigene Lager, teilweise auch mit eigenen Wachpersonal. Die gesamte Industrie, die Zechen, die Landwirt- schaft, Kommunalverwaltung und auch Privat- haushalte waren am System der Zwangsarbeit und der damit verbundenen Ausbeutung beteiligt. Die Belegungszahlen je Lager reichten von 20 bis zu über 2000 Personen. Untergliedert waren die Lager in ZAL – Zivil- oder Zwangsarbeiterlager, KGF – Kriegsgefangenenlager, AEL – Arbeitserziehungslager und OT – Lager der Organisation Todt. In Gel- senkirchen kam ein Außenlager des KZ Buchenwald, NS-Bezeichnung "SS Arb. Kdo. K.L. Buchen- wald, Gelsenberg Benzin AG, Gelsenkirchen-Horst" hinzu, indem von Anfang Juli bis September 1944 rund 2000 ungarische jüdische Zwangsarbeiterinnen gefangen waren. Diese waren zuvor in Auschwitz-Birkenau für den Zwangsarbeitseinsatz in Gelsenkirchen selektiert worden.

Von der Benutzung öffentlicher Luftschutzräume ausgeschlossen

Unzureichend wie Versorgung und Unterbringung war auch der Schutz der Zwangsarbeitenden bei Bombenangriffen. Die am 18. September 1942 erlassene Luftschutzraum-Ordnung untersagte auch Zwangsarbeitenden den Zugang zu Luftschutzbunkern. Dies führte zu einer überproportional großen Zahl von Luftkriegstoten unter diesen Menschen. So finden sich beispielsweise auch auf dem West- friedhof in Gelsenkirchen-Heßler mehrere so genannter Kriegsgräberstätten, eine davon ist das Grä- berfeld 25. Auf diesem Feld sind vorwiegend belgische Zwangsarbeiter verscharrt worden, die meisten davon kamen bei einem Luftangriff am 1. Mai 1943 in einem Zwangsarbeiterlager der Gelsenberg Benzin AG an der Bruchstraße durch Bombeneinwirkung ums Leben.

Eines der Opfer des Luftangriffs vom 1. Mai 1943 war der belgische Zwangsarbeiter Petrus-Gustaaf Droessaert. Mit Verbrennungen dritten Grades wurde Droessaert nach dem Luftangriff in das Horster St.-Josef-Hospital eingeliefert, wo er am 5. Juni 1943 an den Folgen der erlittenen Verletzungen starb. Eine letzte Ruhestätte fand Petrus Droessaert auf dem bereits erwähnten Gräberfeld 25, in einem Dop- pelgrab mit dem ebenfalls aus Belgien stammenden Frans Nimmegeers. Dieser wurde am 1. Mai 1943 tot aufgefunden, ausweislich der Sterbeurkunde war die Todesursache: "Getötet durch Fliegerbombe". Ein Fundort wird nicht genannt. Auch Nimmegeers war als Zwangsarbeiter bei der Gelsenberg Benzin AG eingesetzt.

Stolperstein soll an belgischen Zwangsarbeiter erinnern

Jüngst schrieb uns ein Mann aus Lovendegem in Belgien: "Meine Stiefmutter ist die leibliche Tochter von Petrus Droessaert, da Petrus am 30. Januar 1941 noch nicht geschieden war. Sie trägt den Namen ihrer Mutter Alice Leux. Alice Leux, wurde am 3. April 1910 in Gent geboren und starb dort 1972. In dem in Gent verfassten Nachruf wird Alice als Ehefrau von Petrus Droessaert erwähnt." Der Mann war im Internet auf eine Veröffentlichung des Gelsenzentrum e.V. aus 2009 gestoßen, die an den belgi- schen Zwangsarbeiter Petrus Droessaert erinnert. Für Petrus Droessaert soll schon bald ein Stolper- stein vor dem Horster St.-Josef-Hospital verlegt werden.


Gelsenkirchen: Gedenken am Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma  

Stolpersteine erinnern in Gelsenkirchen an Familie Karl Böhmer

Andreas Jordan | 2. August 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Anlässlich des Europäischen Holocaust-Ge- denktages für Sinti und Roma am heutigen Sonntag putzten Vetreter des Gelsenzentrum e.V. und der Stolperstein-Initiative Gelsenkir- chen heute die an der Bergmannstraße im Jahr 2014 verlegten Stolpersteine für die Sinti-Familie Böhmer, legten dort und am neugeschaffenen Rosa-Böhmer-Platz Rosen nieder. Wir gedenken den unter der NS-Tyrannei Ermordeten, Gequäl- ten, Verfolgten und Entrechteten!

Am heutigen Sonntag (2. August) wird weltweit der Opfer der Sinti und Roma unter dem NS-Regime in Deutschland (1933-1945) gedacht. Bis zu 500.000 Angehörige der Minderheit sollen laut Schätzungen während des Holocaust ermordet worden sein. Dieser Tag erinnert auch an die letzten 4300 im deut- schen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gefangenen Sinti und Roma, die in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in den Gaskammern des Lagers Auschwitz-Birkenau ermordet wurden.


Gelsenkirchener Initiative verlegte Stolpersteine in der Corona-Krise ohne Publikum 

In Gelsenkirchen verlegte die dortige Stolperstein-Initiative in diesem Jahr wegen der Corona-Krise in Eigenregie.

Redaktion | 24. Juli 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

"Vielen Dank an die WAZ GE für die Artikelserie in der Dienstags-Ausgabe, danke Bastian Rosen- kranz. Danke an all die Menschen, die dem Pro- jekt Stolpersteine Gelsenkirchen seit mehr als zehn Jahren unterstützend zur Seite stehen. Danke an die Patinnen und Paten, die Stolper- steinverlegungen in Gelsenkirchen durch ihre Spenden erst möglich machen. Das Projekt Stolpersteine wird in Gelsenkirchen konsequent fortgesetzt." Andres Jordan, Projektleiter GE.

23 Stolpersteine an acht Orten in Gelsenkirchen

Von Bastian Rosenkranz (WAZ Gelsenkirchen)

In Gelsenkirchen erinnern 23 neue Stolpersteine an die Verfolgten und Ermordeten des Naziterrors. Das sind ihre Geschichten. Still war es 2020 um Andreas Jordan, Projektleiter der „Stolpersteine Gel- senkirchen“. Begleiteten ihn in den vergangenen Jahren Schulklassen, Angehörige und Paten beim Verlegen der steingewordenen Erinnerungen an die Verfolgten und Ermordeten des Naziterrors, ver- hinderte das Coronavirus zuletzt eine feierliche Zeremonie. Dennoch liegen in Gelsenkirchen inzwi- schen 23 neue Stolpersteine – auf vielfache Bitte.

Die geplante Verlegung im März, zu der auch Stolpersteine-Künstler Gunter Demnig ins Revier kom- men wollte, fegte das Coronavirus hinfort. Demnig setzt seine Arbeit an dem größten dezentralen Mahnmal der Welt, das ebenso an die jüdischen Opfer wie an die von politisch Andersdenkenden, Homosexuellen oder Sinti und Roma erinnert, inzwischen wieder fort. Und auch bei Andreas Jordan standen Mörtel und Kelle nicht still. „Eine Patin und Angehörige wollten Gewissheit, dass ihr Beitrag verlegt wird. Also bin ich in Eigenregie tätig geworden“, erzählt der Projektleiter und fügte dem Stadtbild am 18. April, am 8. Mai (1945 Ende des zweiten Weltkriegs in Europa) sowie am 25. Juni 23 neue Quader hinzu – an acht Orten von Buer bis Bulmke-Hüllen.

Möglich machten dies unter anderem die Schülerinnen und Schüler der Klasse 8/2 von der Gesamt- schule Berger Feld unter Leitung der Lehrerinnen Mau und Krause, die die Patenschaft für den Stein von Walter Hes übernahmen. „Sein Schicksal hat uns sehr berührt. Walter war so alt wie wir, als er von den Nazis ermordet wurde. Mit unserem Engagement wollen wir dazu beitragen, dass Walter Hes und die vielen anderen Opfer des Holocausts nicht vergessen werden und so etwas niemals wieder geschieht“, schreiben die Jugendlichen.

Andreas Jordan hofft auf mehr Initiative

Andreas Jordan zeigt sich hocherfreut – und hofft auf weitere Initiative. „Ich würde mir wünschen, dass die Gelsenkirchener das Projekt mehr in den Fokus nehmen. Außerhalb der Stadt ist die Bereit- schaft – auch zum Spenden – groß, hier ist sie eher gering“, sagt Jordan.

Das Stolperstein-Projekt ist multimedial

Das Projekt „Stolpersteine Gelsenkirchen“ als Teil des Gelsenzentrums, dem Portal für Stadt- und Zeitgeschichte, informiert im Internet ausführlich. Auf der Homepage www.stolpersteine-gelsenkir- chen.de finden sich etwa die Geschichten aller bisher verewigten Menschen. Auch auf Facebook ist das Projekt zu finden, die App „Stolperstein-Guide“ führt virtuell durch Gelsenkirchen.

Wer künftige Stolperstein-Verlegungen finanziell unterstützen möchte, kann an das Konto „Stolper- steine Gelsenkirchen“ bei der Sparkasse Gelsenkirchen mit der IBAN DE79 4205 0001 0132 0159 27 spenden. Der Verwendungszweck ist „Spende Stolpersteine“.

Eine offizielle Zeremonie möchte der Gelsenkirchener noch in diesem Herbst nachholen, wenn das Coronavirus es zulässt. Für 2021 warten dann 30 weitere Stolpersteine auf ihren neuen Platz – Schluss sein soll damit nicht. Andreas Jordan: „Ich habe mit vielen Überlebenden des Holocaust gesprochen. Das hat mich geprägt und tief berührt. Ich habe versprochen, ihr Anliegen wenn gewünscht weiter zu tragen.“ Weiterlesen: Stolpersteine Gelsenkirchen Pressespiegel


Engagement für die Erinnerung: Gelsenkirchener Paar spendete neuen Stolperstein  

Neuer Stolperstein für Selma Müller in Gelsenkirchen

Andreas Jordan | 14. Juli 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Mit tatkräftiger Unterstützung des städtischen Bauhofs haben wir heute morgen an der Ah- straße einen beschädigten Stolperstein ausge- tauscht. Was war zuvor geschehen? Einen beschädigten Stolperstein hatte Daria Krolevec vor einiger Zeit in der Gelsenkirchener Ahstraße entdeckt: "Oftmals bleibe ich an diesen Steinen stehen und gehe kurz in mich. Nun entdeckte ich die Beschädigung und mir war sofort klar, dass ich helfen möchte, diesen Stolperstein zu ersetzen." Mit ihrem Anliegen wandte sich die Gelsenkirchenerin an uns.

Neuer Stolperstein für Selma Müller in Gelsenkirchen

"Ich bin der Meinung, so kann es nicht bleiben, nicht wo jetzt der rechtsradikale, antisemitische Hass immer mehr zu nimmt" sagt Daria Krole- vec. Gemeinsam mit ihrem Verlobten Tobias Büteröwe übernahm sie die Kosten, um einen neuen Stolperstein für Selma Müller anfertigen zu lassen. "Lassen Sie uns gemeinsam das Andenken an diese Frau aufrechterhalten und für die kommenden Generationen unbeschädigt hinterlassen." so Daria Krolevec. Bei dieser Ge- legenheit haben wir auch den Stolperstein auf- poliert, der an gleicher Stelle an Selmas Sohn Walter erinnert.


Bochum: Nichte begrüßt Gedenken an Hermann Hußmann ausdrücklich  

Frau M.Hußmann fotografiert den Stolperstein zur Würdigung ihres Onkels Hermann Hußmann, Bochum 29.6.2020

Andreas Jordan | 1. Juli 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Stolpersteine werden am "letzten selbstgewähl- ten Wohnort" verlegt, das sieht das Konzept des Bildhauers Gunter Demnig, Schöpfer der Stol- persteine so vor. Das es auch begründete Aus- nahmen geben kann, hat jüngst die Verlegung eines Stolpersteins für Hermann Hußmann in Bochum gezeigt. Hußmanns letzter Wohnort im Mühlental 11 ist heute eine Privatstraße, die Be- sitzer sprachen sich jedoch gegen einen Stol- perstein in ihrer Straße aus. So musste eine Lö- sung her, der Stolperstein erinnert nun an der Grummer Straße, Einmündung Mühlental an den wegen seiner Homosexualität von den Nazis ver- folgten Hermann Hußmann, der sich nach den NS-Dokumenten im damaligen Untersuchungs- gefängnis an der ABC-Straße im Mai 1943 in der Zelle "an seinen Hosenträgern" aufgehängt ha- ben soll.

An der Grummer Straße wird Hermann Hußmann wohl des öfteren vorbeigekommen sein, war er doch als Bergmann auf der Zeche Constantin der Große, Schachtanlage II, damals gelegen zwi- schen Herner Straße, Post- und Verkehrsstraße in Bochum-Hofstede beschäftigt, fußläufig von seinen damaligen Wohnort Mühlental nur einige wenige hundert Meter entfernt.

Der Bochumer Dipl.-Psychologe Jürgen Wenke, der seit Jahren Lebens- und Leidenswege NS-Verfolgter schwuler Männer erforscht und deren Lebensgeschichten abbildet, hatte die Stolpersteinverlegung in die Wege geleitet. Auch in Gelsenkir- chen konnten wir durch Jürgen Wenkes Forschungen und seinen unermüdlichen Einsatz für das Erin- nern bereits drei Stolpersteine im Gedenken an NS-Verfolgte schwule Männer verlegen.

Eine Besonderheit war auch die Teilnahme einer Nichte Hermann Hußmanns an dieser Verlegung. Die heute 74jährige Monika Hußmann hat den Onkel ihres Mannes nicht mehr persönlich kennenlernen können, kann sich aber noch gut an spätere Besuche im ehemaligen Wohnhaus des Onkels im Müh- lental erinnern. "In der Familie wurde alles totgeschwiegen", sagte sie, umso mehr begrüßt Monika Hußmann die Verlegung des Stolpersteins, der nun an Hermann Hußmann erinnert. Im letzten Jahr wurde am neuen Justizzentrum in der Bochumer Innenstadt eine Straße nach Hermann Hußmann be- nannt. Eine ausführliche Dokumentation zu Hermann Hußmann von Jürgen Wenke steht online bereit: → Wir erinnern an Hermann Hußmann.

Stolperstein Hermann Hußmann, neu, mit Rosen, noch nicht eingebaut in den Gehweg

Fotos: Jürgen Wenke

Gelsenkirchen: Alte Wandreklame ist Fenster in die Vergangenheit 

Andreas Jordan | 30. Juni 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Der englischsprachige Artikel der Jewish Telegraphic Agency (JTA) von Toby Axelrod sorgt weltweit für Aufmerksamkeit. Ganz so wie Gunter Demnigs Stolperstein-Projekt, jedoch mit dem Unterschied, das die bei Abruchrissarbeiten in Gelsenkirchen aufgetauchte rund 110 Jahre alte Wandreklame den Focus auf eine Zeit vor der Verdrängung und Vernichtung jüdischen Lebens unter der NS-Diktatur lenkt.

Gelsenkirchen: Alte Wandreklame der Firma Alexander ist Fenster in die Vergangenheit

Abb.: Alte Wandreklame der Firma Alexander ist Fenster in die Vergangenheit

Die Zeit des Kaiserreichs war – trotz immer noch vorhandener Vorbehalte und des seit den 1870er Jahren aufkommenden Antisemitismus – für die jüdischen Menschen ein „goldenes Zeitalter“, vor allem was ihren Aufstieg aus der sozialen Marginalität in das Klein-, Mittel- oder Großbürgertum betraf. Wenn es auch kaum noch jüdische Arme gab, so war doch durchaus auch weiterhin eine unterbürgerliche Schicht im Judentum vorhanden, die sich aus jüdischen Kleinstunternehmern am Rande des Existenz- minimums oder aus Zuwanderern aus dem Osten (so genannte "Ostjuden) zusammensetzte. Auch aus den Kleinstädten und Dörfern in Deutschland zog es jüdische Menschen in das aufstrebende Ruhr- gebiet. So kamen auch die Geschwister Alexander, die ursprünglich aus Werther (Westfalen) stamm- ten, nach Gelsenkirchen. Die Brüder Friederich und Jakob Alexander etablierten sich in der Herrenkon- fektionsbranche, von den Anfängen zeugt die Wandreklame, die auf das erste Gelsenkirchener Beklei- dungsgeschäft der Brüder Alexander an der Bahnhofstraße 83 verweist.

Waren es um 1900 knapp unter 100, lebten 1915 rund 1350 jüdische Menschen in Gelsenkirchen. Zu dieser Zeit gab es ein sehr aktives liberales Gemeindeleben in Gelsenkirchen: zwei Synagogen - eine in der Altstadt, eine in Buer, einen Betsaal der Horster Gemeinde und diverse Räumlichkeiten der orthodoxen Gruppierungen. Es gab neben Frauen- und einen Männerverein, den Synagogenchor sowie einen Unterstützungs- und einen Literaturverein. Zudem gab es eine jüdische Schule an der Ringstraße sowie einen jüdischen Friedhof an der Wanner Straße. Auch gab es den jüdischen Turn- verein "Hakoa" und die Ortsgruppe Gelsenkirchen des "Reichsbund jüdischer Frontsoldaten". Die jüdische Tradition pflegten vornehmlich die Frauen, so etwa in der familiären Gestaltung der Feiertage oder aber in der Vermittlung der Grundanschauungen des Judentums. Die Männer gingen dagegen - auch am Sabbat - vielfach ihren beruflichen Verpflichtungen nach wie die Kinder ihrem Schulbesuch. Geschlossen blieben allerdings die Heiratskreise, das heißt Ehepartner wurden fast ausschließlich im jüdischen Milieu gesucht.

Die Zeit der Weimarer Republik ist für die Geschichte der Juden äußerst ambivalent. Auf der einen Seite waren praktische alle Beschränkungen, die es zur Kaiserzeit noch gab, gefallen, und für Juden standen nun alle Positionen offen; auf der anderen Seite aber werden aus heutiger Sicht Zeichen eines Niedergangs und einer Krise deutlich, die mit der Machtübergabe an die Nazis 1933 aus Deutschland eine Diktatur machte, in der für jüdische Menschen kein Platz mehr vorgesehen war.


Erinnerungsorte: 23 neue Stolpersteine in Gelsenkirchen 

23 neue Stolpersteine markieren in Gelsenkirchen Erinnerungsorte

Andreas Jordan | 27. Juni 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Da Bildhauer Gunter Demnig die wegen der Coronapandemie abgesagten Verlegungen nicht nachholt, haben wir am Donnerstag in Eigenre- gie an zwei weiteren Verlegeorten in Gelsen- kirchen die übrigen der bisher eingelagerten Stolpersteine verlegt. An der Ewaldstraße 42 erinnern jetzt Stolpersteine an die jüdische Familie Hess, in Buer verweist ein Stolperstein vor dem Leibnitz-Gymnasium an der Breddestr. 21 auf den Lebens- und Leidensweg von Wolfgang Maas. Diese Schule, das frühere Gymnasium Buer, hat Wolfgang Maas 1934 verlassen, weil die ständigen antisemitischen Pöbeleien und Beschimpfungen seitens der Lehrkräfte und Mitschüler für den Jungen unerträglich wurden. Wolfgang Maas wurde in Auschwitz ermordet.

In diesem Jahr haben wir mit 23 Stolpersteinen acht neue Erinnerungsorte in Gelsenkirchen realisiert. Für den Herbst planen wir Enthüllungs-Zeremonien an den in diesem Jahr in Gelsenkirchen neu verleg- en Stolpersteinen, vorausgesetzt, das Corona-Beschränkungen u.a. auch das Anreisen von Angehöri- gen zulassen.


Stolpersteine für Püppi und ihre Familie 

Das Foto zeigt Maurice Dresner, sie wurde wie Mathel Voosen in Auschitz ermordet

Andreas Jordan | 16. Juni 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Püppi - so nannten die Eltern liebevoll ihre klei- ne Tochter Mathel. Im Erler Krankenhaus er- blickte das Mädchen am 14. Mai 1939 das Licht der Welt. Hermann und Flora Voosen waren ge- wiss stolze Eltern, auch Hermanns Mutter, die Witwe Rosalia Voosen wird sich über ihr Enkel- kind gefreut haben.

Gleichwohl werden jüdische Menschen sorgen- voll in eine ungewisse Zukunft geblickt haben. Erst im Januar 1939 hatte Hitler eine Rede ge- halten, in dem er erstmals öffentlich den Juden mit Auslöschung gedroht hatte.

Im gleichen Jahr wird Rosalia Voosen enteignet, die Nazis nannten den staatlich legitimierten Raub "Arisierung". Familie Voosens wird aus ihrer Wohnung an der Klosterstraße 13 vetrie- ben und in eines der so genannten Gelsenkir- chener "Judenhäuser" an der Augustastraße 7 eingewiesen. Hermann Voosen wird in der Fol- gezeit zur Ableistung von Zwangsarbeit im Straßenbau eingeteilt.

Abb.: Das Foto zeigt Maurice Dresner, das Kind wurde wie auch Mathel Voosen im Vernichtungslager Auschitz ermordet.

Als am 27. Januar 1942 der erste Deportations- zug Gelsenkirchen mit Ziel Ghetto Riga verläßt, sind auch Herrmann und Flora Voosen mit der kleine Mathel im Zug. Rosalia Voosen bleibt zunächst in Gelsenkirchen zurück, sie wird am 31. März 1942 in das Ghetto von Warschau verschleppt, seither fehlt von ihr jedes Lebenszeichen.

Auch die jüdischen Menschen im Ghetto Riga müssen Zwangsarbeit leisten. Als die Menschen am 2. November 1943 von den Arbeitskommandos zurückkehren, finden sie ein fast leeres Ghetto vor. Im Zu- ge der Auflösung des Ghettos hatte die SS die in ihren Augen nicht arbeitsfähigen Menschen (Kinder unter zehn Jahren, Alte und Kranke) in Waggons verladen und zur Ermordung nach Auschitz ver- schleppt - darunter auch die vierjährige Püppi. Hermann und Flora Voosen erleben ihre Befreiung im Frühjahr 1945 in Norddeutschland und werden mit den "Weißen Bussen" nach Schweden gerettet, im November 1945 emigrieren sie in die USA.

Symbolisch soll die Familie im Gedenken wieder vereint werden, vier Stolpersteine werden bald an der Klosterstraße 13 an Rosalia, Hermann, Flora und Püppi Voosen erinnern. Zur Finanzierung von vier Erinnerungszeichen für Familie Voosen werden Stolperstein-Paten gesucht, Spendenkonto: Stolper- steine Gelsenkirchen, IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27, Stichwort: Familie Voosen. Info-Email: a.jordan(ätt)gelsenzentrum.de


Stolperstein-Patenschaften für Familie Dr. Hugo Alexander zu vergeben 

Stolpersteine sollen für Mitglieder der Familie Alexander verlegt werden

Andreas Jordan | 30. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Die kürzlich bei Abbrucharbeiten in Gelsenkir- chen freigelegte alte Wandreklame wirkt fort. Heute jedoch ganz anders, als bei der Anbrin- gung vor rund 100 Jahren geplant war: Sie rückt eine Gelsenkirchener Kaufmannsfamilie in den Focus der Öffentlichkeit, die in den Dreißiger Jahren unter der NS-Diktatur aus Gelsenkirchen vertrieben wurde - nur weil sie Juden waren.

Schon länger planen wir, für Mitglieder der Fa- milie Alexander in Gelsenkirchen Stolpersteine zu verlegen. Bisher haben sich jedoch keine Pa- ten gefunden, die bereit waren, mit ihrer Spende die kleinen Erinnerungszeichen zu finanzieren.

Seit den ersten Veröffentlichungen, die vom Zu- fallsfund der Wandreklame berichtet haben, ist jedoch bereits eine Patenschaft für einen Stol- perstein übernommen worden. Wir glauben fest daran, das weitere Spenden folgen werden, dann können der Familie Dr. Hugo Alexander in Gelsenkirchen Stolpersteine gewidmet werden.

Dr. Alexander, einer der Brüder Alexander, war ein angesehener Hautarzt, der in der Gelsenkir- chener Innenstadt (damalige Glaspassage) eine dermatologische Praxis betrieb. Mit Boykotten und Berufsverbot belegt, staatlich legitimiert ausgeplündert und diskriminiert blieb der Arztfamilie gegen Ende der Dreißiger Jahre nur die Flucht ins rettende Ausland. Die beiden Kinder des Ehepaars, Char- lotte-Stefanie und Fritz-Bernd wurden zuerst mit Kindertransporten nach England gerettet, kurze Zeit später gelangten auch Dr. Hugo Alexander und seine Ehefrau Helene "Leni" nach England. Von dort wanderte die Familie schließlich - mit Ausnahme von Charlotte, sie blieb in England - gemeinsam in die USA aus und baute sich dort ein neues Leben auf.

Vier Stolpersteine am letzten selbstgewählten Wohnort sowie ein weiterer Stolperstein am ehemaligen Standort der Praxis von Dr. Hugo Alexander sollen bald an Flucht und Vertreibung erinnern - Hugo Alexanders Sohn Fred, der heute in New York lebt, hat uns bereits sein Einverständnis erklärt. Die Finanzierung von zwei der kleinen Mahnmale ist gesichert, für drei weitere Erinnerungszeichen für Fa- milie Hugo Alexander werden noch Stolperstein-Paten gesucht, Spendenkonto: Stolpersteine Gelsen- kirchen, IBAN: DE79 4205 0001 0132 0159 27, Stichwort: HugoAlexander. Info-Email: a.jordan(ätt) gelsenzentrum.de


Exemplarische Schilderung einer Stolperstein-Recherche: Befreiung und finaler Terror 

Heutige Florastraße 166, hier sollen die Stolpersteine für das Ehepaar Meyer verlegt werden

Andreas Jordan | 27. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Mitunter braucht es viele Jahre, bis sich meine Recherchen zu Lebens- und Leidenswegen NS-verfolgter Menschen mosaikartig zu einem indi- viduellen Bild zusammenfügen. So auch im Fall eines Ingenieurs, der am 1. April 1945 in Gel- senkirchen von einem Volkssturmmann aus poli- tischen Gründen erschossen wurde.

Über dieses Endphaseverbrechen in Gelsenkir- chen hatte ich bereits vor einigen Jahren Kennt- nis erhalten. Nur war mir die genaue Identität des Opfers nicht bekannt. Meyer ist ein weit verbreiteter Name, wo also mit den Recherchen beginnen? Auch in den zwischenzeitlich ausfindig gemachten Er- mittlungsakten und im Urteil gegen den damaligegen Täter Johann Mehrholz fanden sich keine weite- ren Hinweise auf Lebensdaten des Opfers bzw. einer ggf. vorhandenen Familie.

Jüngst veröffentlichte dann das hieige Institut für Stadtgeschichte (ISG) die Gelsenkirchener Stadtchro- nik Band 1945 im Internet. Darin fand ich zufällig auch ein Hinweis auf einen Ingenieur Meyer, der im April 1945 durch Granatsplitter zu Tode gekommen sei. Eine Adresse wurde auch genannt: Franz-Sel- dte-Straße 166. Sollte das der gesuchte Ingenieur sein? Schnell stellte sich in der Folge heraus, das es sich tatsächlich um den gesuchten Ingenieur Meyer handelte, jedoch die in der Stadtchronik genannte Todesursache nicht stimmte.

Mit Namen und der Straßenangabe konnte ich in einer Internet-Datenbank das Ehepaar Meyer identifi- zieren und hatte nun auch die Geburtsdaten von beiden - der Schlüssel zu weiteren Recherchen. In der Datenbank, die auf den Ergebnissen der Volkszählung des Jahres 1939 basiert, war auch verzeichnet, das Heinrich Meyer christlich getauft war. Nun war auch klar, das die Eheleute Meyer in einer so ge- nannten "Mischehe" gelebt haben. Bekannt war mir bereits, das Meyer eine jüdische Ehefrau hatte, die zum Zeitpunkt seines gewaltsamen Todes im KZ gewesen sein soll. Die Deportation dieses Personen- kreises aus Gelsenkirchen fand im September 1944 statt, eine Deportationsliste ist nicht erhalten. Bekannt war mir der Zielort dieser Deportation, ein Lager Elben bei Kassel. Die Rechercheergebnisse in der Summe boten neue Rechercheansätze u.a. in der digitalen Sammlung der Arolsen Archives, die jedoch nicht den erwarteten Durchbruch brachten, jedoch bestätigte ein gefundenes Schriftstück die Existenz eines Lagers Elben.

Der nun bekannte Name der Ehefrau fand sich dann auch in zwei weiteren Auflistungen, einmal einer Liste mit den Namen jüdischer Menschen, die nach der Befreiung nach Gelsenkirchen zurückgekehrt sind und in einer Aufstellung von NS-Verfolgten, die in Gelsenkirchen Anträge auf so genannte "Wie- dergutmachung" gestellt hatten. Mit diesen Angaben konnte ich nun beim Institut für Stadtgeschichte die entsprecheden Akten anfragen. Zwei so genannte WGM-Akten konnte ich so gestern beim ISG einsehen und damit letzte punktuelle Unsicherheiten in der biografischen Skizzierung der Lebenswege des Ehepaars Meyer ausräumen, die NS-Verfolgung verifizieren, abbilden und die entsprechende Dokumentation endlich fertigstellen. Demnach wurde die Ehefrau am 31. März in Elben von US-Sol- daten befreit, ihr Mann hingegen einen Tag später aus politischen Gründen in Gelsenkirchen auf offe- ner Straße erschossen. Dem Ehepaar Meyer sollen nun am letzten, selbstgewählten Wohnort in Gel-senkirchen, der heutigen Florastraße 166, Stolpersteine gewidmet werden. Zur Finanzierung der klei- nen Erinnerungszeichen werden Stolperstein-Paten gesucht. Email: a.jordan(ätt)gelsenzentrum.de


Gemeinschaftsprojekt: Schülerinnen und Schüler als Stolperstein-Paten 

Stolperstein für Walter Hes vor seiner ehemaligen Schule, dem heutigen Grillo-Gymnasium

Andreas Jordan | 22. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Der Stolperstein, der nun in Gelsenkirchen an Walter Hes erinnert, konnte durch eine großar- tige Geste junger Menschen realisiert werden:

"Wir, die Klasse 8/2 der Gesamtschule Berger Feld, haben gemeinsam mit unseren Klassen- lehrerinnen Frau Mau und Frau Krause die Patenschaft für den Stolperstein von Walter Hes übernommen, weil uns sein Schicksal sehr berührt hat: Walter war so alt wie wir es jetzt sind, als er von den Nazis ermordet wurde. Mit unserem Engagement wollen wir dazu beitragen, dass Walter Hes und die vielen anderen Opfer des Holocausts nicht vergessen werden und so etwas niemals wieder geschieht." - Wir danken euch für euer beispielhaftes und richtungsweisendes Engagement!


Zufallsfund in Gelsenkirchen: Alte Wandreklame zeigt Spuren einer jüdischen Familie  

Familie Alexander im Gelsenkirchener Stadtgarten

Andreas Jordan | 18. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Bei dem Abriss eines Hauses an der Bochumer Straße kam jüngst am Giebel des Nachbarhau- ses eine alte Werbebeschriftung ans Licht. Dem potentiellen Kunden werden 'Gutsitzende Anzü- ge & Überzieher angeboten, zu kaufen bei Ale- xander an der Gelsenkirchener Bahnhofstraße 83. Baujahr des Abrisshauses und Typografie lassen auf eine Anbringung der Werbeschrift um ca. 1910 schließen.

Abb.: Familie Alexander im Gelsenkirchener Stadtgarten, 1936

Vermutlich handelt es sich um die Werbung der Brüder Alexander, die sich um diese Zeit aus Werther kommend in Gelsenkirchen niederließen und hier ihre geschäftlichen Aktivitäten aufnahmen. Die Brüder Friederich und Jakob Alexander betrieben zusammen mit weiteren Geschwistern später u.a. auch das Kaufhaus Carsch an der Bahnhofstraße/Ecke heutige Kolpingstraße, bevor sie gemeinsam mit ihren Familien und ihrer alleinstehenden Schwester Johanna - allesamt von den Nazis enteignet und ihres Eigentums und prsönlichen Besitzes beraubt - ihr Leben 1939 durch Flucht nach Brasilien retten konnten. Dr. Hugo und Alex Alexander gelang mit ihren Familien die Flucht nach Großbritannien, Arnold Alexander, der zunächst nach Belgien fliehen konnte, wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und wurde kurze Zeit später in einem Außenlager von Auschwitz ermordet. ("Organisation Schmelt" in Cosel, spä- ter "Blechhammer" genannt). Schwester Julie Alexander starb bereits in Kindertagen, eine weitere Schwester namens Lina Alexander starb im März 1939 noch in Gelsenkirchen.

Alte Wandreklame erinnert an jüdische Familie Alexander

Abb.: Die jüngst zufällig bei Abrissarbeiten an der Bochumer Straße in Gelsenkirchen-Ückendorf freigelegte alte Wandreklame erinnert an die jüdische Familie Alexander. Wie weiter mit diesem historisch wertvollen Fund umgegangen werden soll, ist derzeit noch völlig offen.


16. Mai 1940: Gedenken an die Deportation von Sinti und Lovara 

Der Bildhauer Gunter Demnig legte 1990 eine Spur der Erinnerungen, um die Deportation von über 1.000 Sinti und Lovara in Köln nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Hierzu zog er eine rote Linie, bzw. Schriftspur von dem ehemaligen Lager in Köln – Bickendorf bis zum Messegelände Köln-Deutz. Die Spur, die Gunter Demnig als Spur der Erinnerungen gezogen hatte, besteht heute an einigen Stellen aus einem beständigen Schriftband im Boden

Andreas Jordan | 13. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Die Deportationen im Mai 1940 waren die erste Verschleppungsaktion der deutschen Faschis- ten, bei der systematisch und familienweise Sinti und Roma aus Deutschland in das deutsch be- setzte Polen deportiert wurden. Aus den Krimi- nalpolizeileitstellen-Bezirken in Hamburg, Bremen, Köln, Düsseldorf, Hannover, Stuttgart und Frankfurt am Main sollten insgesamt 2.500 Sinti und Roma zwangsweise "umgesiedelt" werden. Dazu wurden in Hamburg, Köln und Asperg so genannte "Sammellager" eingerichtet. Für Köln war die "in Deutz am Rheinufer gelegene Messe als Sammelplatz gewählt worden, weil sie genügend Platz für Hunderte von Menschen bot, leicht zu bewachen war und verkehrsgünstig lag: Nur wenige Meter entfernt befand sich der Bahnhof Deutz-Tief, von dem die Deportationszüge abfuhren."

Die Nazis in Köln wollten alle Siniti und Lovara aus dem Regierungsbezirk Köln "entfernen", hierzu wurden die Angehörigen der Minderheit bereits ab 1935 in Internierungslagern zusammengetrieben. Am 16. Mai 1940 wurden die Kölner Internierungsager von Polizei, Wehrmacht, SS und lokalen Hilfs- kräften, darunter auch städtische Mitarbeiter, aufgelöst und alle dort lebenden Menschen in die Messe- hallen nach Köln-Deutz gebracht. Im Laufe der folgenden Tage trafen hier weitere, zuvor noch "frei" in Köln lebende, nach der NS-Rassenideologie als "Zigeuner" definierte Menschen sowie Transporte aus Herne, Düsseldorf, Wuppertal, Wanne-Eickel, Aachen, Koblenz, Gelsenkirchen, Krefeld und Duisburg in Deutz ein. Am 21. Mai 1940 wurden dann etwa 1000 Menschen mit der Reichsbahn zumeist in KZ im östlichen Polen deportiert, wo die meisten der Verschleppten von den Nazis ermordet wurden.

Unter den Menschen, die im Rahmen der so genannten "Maideportation" im Mai 1940 aus dem Sam- mellager auf dem Gelände der Kölner Messe nach Polen verschleppt wurden, befanden sich auch die Familien Rosina Lehmann, die Familie Rosenberg, das Paar Malla Müller und Josef Wernicke, die Fa- milien Michael Wernicke und Johann Wernicke. Sie alle hatten zuvor längere Zeit in Gelsenkirchen gelebt und die Stadt wegen der Drangsalierungen durch die hiesigen Behörden verlassen.


Gelsenkirchen: Stolperstein für Heinrich König  

Dokument aus dem KZ Dachau, Arolsen Archives

Andreas Jordan | 12. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Der Priester und Theologe Heinrich König bekommt in Gelsenkirchen einen Stolperstein - das wünschen die Paten, die jüngst die Kosten für das kleine Denkmal übernommen haben.

König, seit 1935 Vikar an der Propsteikirche St. Augustinus in Gelsenkirchen, wurde von dem Wehrmachtsangehörigen Waßmann jun. aus der Nachbarschaft bei der Gelsenkirchener Gestapo denunziert, König habe sich im Gespräch mit ihm über die "Vergasung von Geisteskranken" und die "Affäre Rudolf Hess" geäußert. Das diese Äußerungen nicht im Sinne des Terror-Regimes war, zeigt die schnelle Reaktion der Gestapo auf die Denunziation. Die Verhaftung Königs erfolgte umgehend, am 30. September 1941 wurde er in das Polizeigefängnis in der Gelsenkirchener Altstadt eingeliefert.

Theologe Heinrich König bieb in den nachfolgenden Verhören bei seiner ablehnenden Haltung gegen die Nazis, die Gestapo ordnete daraufhin die so genannte "Schutzhaft" gegen den zum "Staatsfeind" erklärten Heinrich König an. Das bereits Ende Februar 1933 wesentlich verschärfte Instrument der "Schutzhaft" ermöglichte es der Gestapo, Gegner der NS-Diktatur unbegrenzt ohne eine Gerichtsver- handlung in Schutzhaftlager und Konzentrationslager einzuweisen. Die "Schutzhaftbefehle" zu zeitlich unbefristeter Polizeihaft in KZs trugen den Briefkopf der Politischen Polizei. Ohne irgendeine Aktion getätigt zu haben, konnten Menschen so zu "objektiven" Gegnern bzw. Staatsfeinden erklärt werden.

Am 2. Dezember 1941 wurde König in das KZ Dachau überstellt und unter der Gefangenennummer 28794 registriert. Überlebende Mitgefangene berichteten später, König habe sich ohne stichhaltigen Grund einer "Gallenblasenoperation" unterziehen müssen. Hinter solchen "Operationen" verbargen sich jedoch medizinische Versuche an Menschen. Die Sterbeurkunde Königs nennt als Todesursache verschleiernd "Versagen von Herz und Kreislauf bei Bauchfellentzündung" am 24. Juni 1942, angege- ben von der Staatspolizeileitstelle München. Das Heinrich König an seinem 42. Geburtstag starb, war wohl kein Zufall. Der Leichnam Heinrich Königs wurde vor Ort kremiert, eine Urne mit Asche an seine Mutter nach Gelsenkirchen übersandt. Die Beisetzung der Urne erfolgte am 2. Juli 1942 im engsten Kreis auf dem Gelsenkirchener Altstadtfriedhof.


8. Mai: Am Tag der Befreiung bekommt Gelsenkirchen weitere Stolpersteine 

75 Jahre Kriegsende: Niemals vergessen! Der 8. Mai 1945: Tag der totalen militärischen Niederlage – und Tag der Befreiung von der NS-Diktatur

Andreas Jordan | 8. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

8. Mai - 75. Jahrestag der Befreiung und Ende des Zweiten Weltkriegs. Stilles Gedenken an Opfer der NS-Diktatur auf den Straßen in Gel- senkirchen. An diesem Gedenktag haben wir am frühen Morgen ohne Publikum einen Großteil der Stolpersteine verlegt, die am ursprünglich geplanten Verlegetag 20. März Corona-bedingt nicht ver- legt werden konnten. Die Übergabe an die Öffentlichkeit mit entsprechenden Zeremonien und Gästen aus dem In- und Ausland wird vorraussichtlich im September stattfinden.

Ehepaar David u. Johanna Rabinowitsch u. Arthur Lewin, Kesselstr. 29

Familie Hermann, Ida u. Herbert Springer, Bergmannstraße 37

Familie Benjamin Posner, Karola u. Hildegard Herz, Vohwinkelstr. 12

Walter Hes, Lernort Hauptstraße 60

Familie Leopold, Auguste u. Werner Sauer, Schalker Str. 184

Die Stolpersteine für das Ehepaar Kahn haben wir bereits im April verlegt:

Ehepaar August u. Rosa Kahn, Gewerkenstraße 68


8. Mai 1945: Tag der totalen militärischen Niederlage – Tag der Befreiung von der NS-Diktatur 

75 Jahre Kriegsende: Niemals vergessen! Der 8. Mai 1945: Tag der Niederlage – und Tag der Befreiung

Andreas Jordan | 4. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

8. Mai 1945, der Krieg ist zumindest in Europa zu Ende. Dieses Datum markiert das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa und den Zusam- menbruch des Terror-Regimes, das diesen Krieg entfesselt hatte.

In der Corona-Krise sind nur eingeschränkt öf- fentlichen Veranstaltungen mit Publikum mög- lich, europaweit finden so an diesem Tag stille oder digitale Veranstaltungen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und dem En- de des 2. Weltkriegs statt. In Gelsenkirchen ha- ben wir als Projektgruppe Stolpersteine die di- gitale Form gewählt - mit einer Ausanhme: am 8. Mai, dem Tag der Befreiung verlegen wir einen Groß- teil der Stolpersteine im Stadtgebiet, deren Verlegung ursprünglich für den 20. März geplant war, je- doch Corona-bedingt abgesagt werden musste. An welchen Orten in Gelsenkirchen Opfern des deut- schen Faschismus in der Erinnerungsform von Stolpersteinen gedacht wird, kann auf dieser inter- aktiven Karte erkundet werden:

Seit 1992 hält das Projekt Stolpersteine des Bildhauers Gunter Demnig die Erinnerung an NS-Opfer wach. Es sind die Namen und Lebensdaten von Juden, Sinti und Roma, Opfern der „Euthanasie“-Mor- de, Homosexuellen, politisch und religiös Verfolgten und sogenannten „Asozialen“, die er in Gehwegen vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der Betroffenen einsetzt. Am 29. Dezember 2019 verlegte Demnig in Memmingen den 75.000. Stolperstein.

In Gelsenkirchen sind es seit 2009 bis heute 230 Steine, dezentral im öffentlichen Raum verlegt, die der Verein Gelsenzentrum e.V. gemeinsam mit vielen Menschen aus dem In- und Ausland realisiert hat. Darunter auch Überlebende oder Angehörige von NS-Opfern, die selbst Stolperstein-Verlegungen an- geregt oder diese gestiftet haben, damit sie einen Ort zum Erinnern haben. Hinzu kommt eine Sonder- form der Stolpersteine, vor dem Polizeipräsidium in Buer wurde jüngst eine Stolperschwelle erlegt. Zudem existieren in der Stadt zahlreiche weitere Erinnerungsorte in Form von Informationstafeln im Rahmen des Projektes "Erinnerungsorte" der Stadt Gelsenkirchen, im Stadtgebiet finden sich weitere verschiedene Denkmäler, welche an die Folgen der NS-Diktatur mit ihren Terror erinnern.

Es wird nie eine Art des Gedenkens geben, die dem größten Menschheitsverbrechen auch nur annä- hernd gerecht wird. Dafür sind die Unfassbarkeit, die Grausamkeit der Ereignisse, die monströsen Aus- maße zu groß. Doch viel gefährlicher als die Fallstricke des gesellschaftlichen Ringens um Gedenkfor- men ist, wenn das Vergessen um sich greift. Deswegen dürfen Stolpersteine auch keine Schlusspunkte hinter die Auseinandersetzung der NS-Mordmaschinerie setzen. Vielmehr sind sie eine Aufforderung für die tagtägliche Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Ursachen des Naziterrors und ihren Konsequenzen für unser heutiges Zusammenleben. Nicht nur in Gelsenkirchen. Sondern jeden Tag an vielen Orten.


75. Jahrestag der "Cap Arcona"-Katastrophe: Schuld ohne Sühne  

Auf dem Ehrenfriedhof in Neustadt/Holstein erinnert ein Mahnmal an die Opfer aus 24 Nationen

Andreas Jordan | 3. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Am 3. Mai 1945 waren bei einem britischen Luftangriff auf mehrere Schiffe in der Lübecker Bucht fast 7000 KZ-Häftlinge gestorben. Die überwiegende Zahl der Menschen war zuvor im KZ Neuengamme gefangen gehalten worden. Die SS hatte die Gefangenen bei Auflösung des KZ Neuengamme an Bord der Schiffe "Cap Ar- cona", "Thielbeck", "Elmenhorst" und die "Athen" gebracht, diese fungierten zu dieser Zeit als schwimmende KZ, die weiter entfernt liegende Dampfer "Deutschland" sollte als Lazarettschiff genutzt werden. Die SS legte es vermutlich darauf an, dass die KZ-Schiffe als vermeintliche Truppentransporter Ziele britischer Bomber werden könnten.

Es ist das wohl stärkste Trauma rund um die Lübecker Bucht: die Bombardierung der "Cap Arcona", die noch fünf Jahre gekippt vor Neustadt lag, bis man sie 1950 auseinanderschweißte. Das allerdings, ohne die Toten zu bergen. Was die Schweißer unter Wasser vorfanden, ist nicht überliefert. Sicher ist, dass noch lange tote Körper gefunden wurden – sogar an Dänemarks Küsten. Denn jene Anwohner, die 1945 die Toten mit Traktoren von den Stränden holten, um sie würdig zu bestatten, fanden längst nicht alle. Auch die meisten Namen der Opfer kennt man nicht. Die Namen von zwei Opfern aus Gel- senkirchen sind jedoch bekannt: Die der Widerständler Johann Eichenauer und Rudolf Littek, den beiden mutigen Männern haben wir in Gelsenkirchen bereits Stolpersteine gewidmet.

Von den Tätern wurde niemand juristisch belangt. Denn da waren eben auch jene Anwohner, die Flie- hende jagten, jene Kriegsmarine-Boote, deren Besatzungen ausschließlich SS-Leute aus dem Was- ser zogen, es gab jene, die auf die um ihr Leben kämpfenden Häftlinge im Wasser geschossen haben. Und da gab es die SS-Wachmänner, die einen Transport von Häftlingen aus dem KZ Stutthof begleitet hatten. Die Häftlinge strandeten vor Neustadt und wurden erschossen, einige dieser SS-Leute fingen 1945 bei der Neustädter Polizei an.


Corona-Pandemie: Gelsenkirchener Stolperstein-Initiative setzt Stolpersteine 

In Schalke erinnern jetzt Stolpersteine an das Ehepaar Kahn

Andreas Jordan | 1. Mai 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

In Zeiten der Corona-Pandemie können Stolper- steine nicht wie in Jahren zuvor verlegt werden. So musste bekanntlich die in Gelsenkirchen ursprünglich für den 20. März geplante Verlege- aktion abgesagt werden. Die dafür vorgesehe- nen Stolpersteine wird unsere Projektgruppe nun suksessive in Eigenregie verlegen. Ent- sprechende Zeremonien werden nachgeholt, wenn Ansteckungsrisiko und Beschränkungen wieder Publikum zulassen.

Die ersten der kleinen Mahnmale haben wir jüngst im Ortsteil Schalke für das Ehepaar Kahn verlegt. Metzgermeister August Kahn war mit Rosa, geb. Weber verheiratet, seit 1925 betrieb er seine Metz- gerei an der Gewerkenstraße 68. Fußballfan August Kahn war dem FC Schalke 04 auf vielfältige Weise verbunden, viele Spieler unterhielten persönliche Kontakte zu ihm. Bei ihm in der Wurstküche stärkten sich die Spieler nach dem Training. 1933 wurde August Kahn aus dem Verein Schalke 04 ausgeschlos- sen, weil er Jude war.

Auch das Ehepaar Kahn war in der Folgezeit von den Boykottmaßnahmen und Repressionen der neuen Machthaber betroffen. Unter den jüdischen Menschen erkannten einige in diesen Maßnahmen ein Signal, dass die Nazis nicht bei ihrem bisher verbal zum Ausdruck gebrachten Antisemitismus stehen bleiben würden und bereiteten ihre Flucht aus Deutschland vor. August Kahn hingegen war wie viele andere seiner Glaubensbrüder zunächst noch davon überzeugt, dass der "Keilov" (Jiddisches Wort für Hund, damit gemeint war Hitler) ihm nicht viel anhaben könne. Noch bis 1938 hing in seinem Schaufenster ein Plakat "Ich bin Frontkämpfer des Weltkrieges und Träger des EK I". Möglicherweise hoffte er, mit der offensiven Demonstration seiner nationalen Gesinnung noch Einfluß auf drohendes Unheil nehmen zu können.

Doch wie viele andere jüdische Handel- und Gewerbetreibende verlor auch das Ehepaar Kahn in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre Betrieb und persönlichen Besitz durch die staatlich legitimierte Aus- plünderung ("Arisierung"). Bis zur Zwangseinweisung in eines der Gelsenkirchener "Judenhäuser" an der Klosterstr. 21 lebte das Ehepaar Kahn an der Gewerkenstraße 68, das Haus steht heute nicht mehr. August und Rosa Kahn wurden am 27. Juli 1942 von Gelsenkirchen über Münster mit einem so genannten "Alterstransport" in das Ghetto Theresienstadt verschleppt. Dort wird Rosa wenige Wochen nach Ankunft, ihr Mann August am 11. Oktober 1944 ermordet. An diesem letzten, selbst gewählten Wohnort erinnern jetzt zwei Stolpersteine an diese beiden Menschen, die dort einmal gelebt haben und unter der Naziherrschaft ermordet wurden.


Gelsenkirchener Stolpersteine: Neuer Termin noch unklar 

Andreas Jordan | 20. März 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Die 23 neuen Stolpersteine für die ursprünglich heute geplanten Verlegungen haben dank Gunter Demnig ihren Weg nach Gelsenkirchen gefunden. Verlegt werden können sie bekanntlich derzeit nicht, gut eingelagert warten sie nun auf die Zeit nach der Corona-Pandemie. An dieser Stelle sei den Patin- nen und Paten dieser Stolpersteine gedankt, die mit Ihrem Engagement die kleinen Denkmale finanziert haben. Unser Dank geht auch an das Team von Gunter Demnig und an alle Menschen, die am Projekt Stolpersteine Gelsenkirchen direkt oder indirekt mitarbeiten oder es unterstützen.

Stolpersteine für Gelsenkirchen warten auf Verlegung

Abb.: Diese 23 neuen Stolpersteine sollten eigentlich am heutigen Freitag in Gelsenkirchen verlegt werden, der städtische Bauhof hatte im Vorfeld die Verlegestellen schon entsprechend vorbereitet. Foto: Gelsenzentrum e.V.


Gelsenkirchen: Stolperstein-Verlegungen abgesagt 

Stolpersteinaktion in Gelsenkirchen wegen Corona-Infektionsrisiko abgesagt

Andreas Jordan | 16. März 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Die ursprünglich für Freitag, 20. März 2020 in Gelsenkirchen geplanten Stolperstein-Veran- staltungen finden nicht statt. Die Stadtverwal- tung hat alle Veranstaltungen in Gelsenkirchen bis auf weiteres untersagt, um so eine schnelle Ausbreitung des Corana-Virus entgegenzuwir- ken. Die Verlegeaktion werden wir zu einem späteren Zeitpunkt nachholen.


Weitere Stolpersteine in Gelsenkirchen: "Menschen - Menschen haben das getan" 

Andreas Jordan | 3. März 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Unter dem Motto "Menschen - Menschen haben das getan" nach einem Zitat von Margot Friedländer findet in diesem Jahr die Stolpersteinverlegung in Gelsenkirchen statt. Mehrere Gelsenkirchener Schul- klassen sind an der diesjährigen Verlegeaktion beteiligt und so lag es für uns auf der Hand, dieses Mot- to zu wählen. Margot Friedländer ist Zeitzeugin des Holocaust und besucht regelmäßig Schulen in ganz Deutschland, um über Ihr Leben zu berichten und junge Menschen zu Zivilcourage zu ermutigen. Am 20. März 2020 wird Bildhauer Gunter Demnig weitere 23 Stolpersteine an acht Stellen in das Pflaster Gelsen- kirchener Gehwege einlassen.

Gunter Demnigs Stolpersteine, ein Kunstprojekt und nicht zuletzt auch eine soziale Skulptur für Europa, bietet für Geschichtskurse oder Schulklassen eine ganz besondere Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit der NS-Gewaltherrschaft und der Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung, beteiligte Schülerinnen und Schüler finden einen ganz direkten Zugang zur NS-Geschichte im lokalen Kontext. Gleichwohl sind die Stolpersteine ein starkes Zeichen gegen Menschenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Diskriminierung in jedweder Form.

Margot Friedläner, Foto: Copyright © Luigi Toscano.

Foto: Copyright © Luigi Toscano Zum Vergrößern anklicken

Zeugnis abzulegen über das, was Menschen an- getan wurde, ist für Margot Friedländer Pflicht. Bei Ihren Vorträgen vor jüngeren Menschen ist es ihr besonders wichtig zu betonen:

"Ich spreche nicht nur für die sechs Millionen Juden. Ich spreche für alle, die man unschuldig umgebracht hat, politisch Verfolgte, Homose- xuelle, kleine Kinder, Roma, Sinti... Menschen haben es getan, die Menschen nicht anerkannt haben als Menschen. Und das ist etwas, was ich euch predige und sage: 'Seid Menschen'.

An Schülerinnen und Schüler, denen die Holo- caust-Überlebende Margot Friedländer begeg- net, richtet sie unter Hinblick auf zunehmenden Antisemitismus, Hass und Menschenfeindlichkeit oftmals die Warnung: "So hat es damals auch an- gefangen. Seid vorsichtig!"

Margot Friedlander wurde am 5. November 1921 in Berlin geboren. Nach Machtübernahme der Nazis versuchte ihre Familie mehrmals vergeb- lich auszuwandern. 1942 wurde Margots Vater in einem Vernichtungslager ermordet. Die Mutter plante im Januar 1943 mit Margot und ihrem jüngeren Bruder Ralph die Flucht aus Deutsch- land. Dazu kam es nicht, denn Ralph wurde von der Gestapo verhaftet. Die Mutter stellte sich der Polizei, um bei ihm zu sein. Später wurden beide im KZ Auschwitz ermordet. Margot gelang es mit Unterstützung von 16 Helfern, einige Monate in Verstecken unterzukommen. Doch im Frühjahr 1944 wurde sie von so genannten Greifern verraten und verhaftet und in das Ghetto Theresienstadt gebracht.

Sie und ihr zukünftiger Mann Adolf Friedlander, ein Berliner Bekannter, den sie im Ghetto wiedertraf, überlebten den Holocaust, heirateten und wanderten 1946 in die USA aus. 2010 entschied sich Margot Friedlander nach mehreren vorangegangenen Besuchen dauerhaft in ihre Geburtsstadt zurückzukeh- ren. Sie spricht regelmäßig mit jungen Menschen über ihre Erfahrungen. Dies ist ihr ein Herzensanlie- gen, denn „niemals darf so etwas wieder geschehen. Als Überlebende sehe ich das als meine Aufga- be.“ Für ihr Engagement wurde ihr 2011 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Mit dem Margot-Fried- länder-Preis der Schwarzkopf Stiftung Junges Europa werden seit 2014 Jugendliche und Auszubilden- de dazu aufgerufen, sich mit dem Holocaust, seiner Überlieferung und Zeugenschaft in interaktiven Projekten auseinanderzusetzen und sich gegen heutige Formen von Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung einzusetzen.


„Asoziale“ und „Berufsverbrecher“: Bundestag für Anerkennung weiterer NS-Opfergruppen  

Stolperschwelle erinnert an vergessene Verfolgtengruppe

Andreas Jordan | 14. Februar 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Nach über sieben Jahrzehnten hat der Deutsche Bundestag nun die formale Rehabilitierung der beiden lange als "vergessen" geltenden Verfolg- tengruppen nachgeholt. Menschen, die während der nationalsozialistischen Diktatur als soge- nannte "Asoziale" und "Berufsverbrecher" ver- folgt beziehungsweise in Konzentrationslagern inhaftiert wurden, sollen als NS-Opfer anerkannt werden. Das Parlament stimmte am Donners- tagabend für einen Antrag, nach dem "auch die als 'Asoziale' und 'Berufsverbrecher' Verfolgten (…) Opfer der nationalsozialistischen Gewalt- herrschaft" waren.

„Lebenslange Scham und sozialer Ausschluss“ bestimmten vermutlich das Dasein der betroffenen Überlebenden nach 1945, sagt Frank Nonnenmacher, Neffe des NS-Verfogten Ernst Nonnenmacher. Dieser wurde zu den von den Nazis zuznächst als "Asozialer" später als "Berufsverbrecher" gebrand- markt, verfolgt und gequält. Nur mit viel Glück überlebte er die KZ-Gefangenschaft. Nach Kriegsende scheiterte Ernst Nonnenmacher mit einem Antrag auf materielle Entschädigung: Die KZ-Haft von "Aso- zialen" und "Berufsverbrechern" begriff man damals nicht als Unrecht. Viele der Betroffenen nahmen wohl die erfahrenen stigmatisierenden Zuschreibungen in sich auf, schwiegen selbst in ihren Familien über ihre Zeit im KZ. So genau weiß das aber niemand: Sie selber machten nicht auf sich aufmerksam, aber es interessierte sich auch niemand für sie. Selbst Wissenschaftler machten bis vor einigen Jahren einen Bogen um sie.

An die bisher wenigen namentlich bekannten, als vorgeblich "Asozial" verfolgten Menschen aus Gel-senkirchen sollen bald Stolpersteine im Stadtgebiet verlegt werden. Recherchen unserer Projektgruppe u.a. in den Akten des KZ Dachau führten auf die Spuren der Leidenswege der Gelsenkirchener Josef Kendzierski aus Rotthausen, Walter Klüter aus der Feldmark, Erich Mosdzinski aus Buer und Heinrich Roth aus der Altstadt, die von den Nazis als "Asozial" gebrandmarkt in Konzentrationslagern ermordet wurden. Das diesen Menschen geschehene Unrecht darf nicht vergessen werden. Zur Finanzierung dieser Stolpersteine werden noch Stolperstein-Paten gesucht, Info per: Email. Stolpersteine Gelsen- kirchen: → Stigma "Asozial" - Erinnerung an Ausgegrenzte


Schalker Fan-Initiative poliert Stolpersteine  

Schalker Fan-Initiative poliert Stolpersteine in Schalke

Andreas Jordan | 3. Februar 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Die Schalker Fan-Ini hat sich am Sonntag auf den Weg gemacht um die Stolpersteine im Orts- teil Schalke zu polieren. Darunter auch die ab- gebildeten Stolpersteine, die an der Gewerken- straße/Schalker Markt an Julie Lichtmann, Berta Moss (geb. Lichtmann) und das Ehepaar Sally und Henriette Meyer erinnern. Die Fan-Ini hatte 2013 mit der Übernahme einer Patenschaft für den Stolperstein, der an Sally Meyer erinnert, auch die Finanzierung dieses Steines übernom- men. Unter der damaligen Adresse Schalker Markt 9 betrieb Sally Meyer zusammen mit sei- ner Schwägerin Julie Lichtmann in den 1930er Jahren das Textilkaufhaus "Julius Rode & Co" (Vormals Kaufhaus Gebrüder Hochheimer).

Der Fußballer Fritz Szepan, Spieler des FC Schalke 04, "erwarb" das Kaufhaus 1938 zu- sammen mit seiner Frau Elise im Zuge der staatlich legitimierten Enteigung und "Arisierung" jüdischen Eigentums mit Hilfe aus dem Umfeld des Schalke 04 - hier sind im besonderen die Thiemeyer-Erben zu nennen - zu einem Spottpreis in Höhe von nur 7.000 RM, den er angeblich bar gezahlt haben wollte. Einen Nachweis dafür konnte Szepan jedoch nach 1945 nicht beibringen. Das Ehepaar Szepan führte das Geschäft dann unter dem Namen "Kaufhaus Szepan am Schalker Markt" weiter. Während Fritz Szepan als Arisierungsgewinnler im Rahmen der so genannten "Entjudung" ein gutes Geschäft ge- macht hatte, wurden die ehemaligen jüdischen Eigentümer des 'Kaufhaus Szepan' von den NS-Behörden ständig weiter ausgeplündert und drangsaliert. Verzweifelt versuchten sie Deutschland zu verlassen. Noch 1939/40 hatten Julie Lichtmann und auch das Ehepaar Meyer versucht, aus Deutsch- land nach Chile zu fliehen.

Es gelang ihnen jedoch nicht mehr, Deutschland zu verlassen. Im Januar 1942 wurde das Ehepaar Meyer zusammen mit 357 Gelsenkirchener Juden, darunter auch Julie Lichtmann und weitere 147 Juden aus umliegenden Städten, zunächst in das eigens für die anstehende Deportation eingerichtete temporäre "Judensammellager" in der Ausstellungshalle an der Wildenbruchstraße unter unmensch- lichen Bedingungen zusammengepfercht. Der Deportationstransport verließ schließlich in den frühen Morgenstunden des 27. Januar 1942 Gelsenkirchen mit dem Ziel Riga - auch für Julie Lichtmann und das Ehepaar Meyer eine Reise in einen gewaltsamen Tod.


Nachfahren der Familie Ramer besuchen Stolpersteine ihrer Familie 

Nachfahren der Familie Ramer besuchen Stolpersteine ihrer Familie

Andreas Jordan | 30. Januar 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Im Dezember 2014 verlegten wir gemeinsam mit Bildhauer Gunter Demnig und Nachfahren die Stolpersteine, die in Gelsenkirchen an Jakob, Lisa und Hannah Ramer erinnern. Heute be- suchte Chava Moskowitz, die Tochter der 1939 mit einem Kindertransport geretteten Hanna Ramer ein weiteres Mal Gelsenkirchen, die Hei- matstadt ihrer Mutter Hannah

Eigentlich waren die beiden Frauen aus New York auf dem Weg zu einer Austellungseröff- nung über die Kindertransporte in Köln, be- schlossen jedoch dann, einen Abstecher nach Gelsenkirchen zu machen. Chava Moskowitz wollte ihrer Nichte Tziril Yurman unbedingt die Stolpersteine vor dem Musiktheater in Gelsen- kirchen zeigen, die an Tzirils Urgroßeltern erin- nern. Im Anschluß daran begaben wir uns ge- meinsam in Schalke und der Altstadt auf die Spuren jüdischen Lebens vor 1945, das zumeist nur noch in Form von Stolpersteinen sichtbar ist. Eine Ausnahme: an der Husemannstraße 75, am ehemaligen Haus des jüdischen Kinderarz- tes Dr. Max Meyer, der 1939 rechtzeitig aus Nazi-Deutschland fliehen konnte, ist noch heute die Stelle zu sehen, wo einst die Mesusa befestigt war. Dann suchten wir den Standort der ehemaligen Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz auf, in der sich 1942 das temporäre "Judensammellager" befand - für rund 500 deportierte Menschen eine Zwischen- station auf den Weg in ihren gewaltsamen Tod. Auch Lisa Ramer war zur Deportation bestimmt, sie entzog sich der Deportation durch Flucht, seither gab es jedoch kein Lebenszeichen mehr von ihr.

Auch der Besuch des Standortes der alten, von den Nazis zerstörten Synagoge durfte nicht fehlen. Sichtlich irritiert über den modernen Zweckbau der neuen Synagoge kam die Frage auf, warum man denn nicht im Stil der alten Syngoge neu gebaut hat oder zumindest die Frontseite dem Orginal nach- empfunden habe. "Das hätte man bei uns in New York so nicht gemacht. Das ist eine durch und durch moderne Stadt, aber wir hätten das Gotteshaus orginalgetreu wiederaufgebaut", da ist Tziril Yurman sicher. Mit einem Moment des Innehaltens am Stolperstein vor der neuen Synagoge, der an den dama- ligen Rabbiner Dr. Siegfried Galliner erinnert, endete unsere gemeinsame Spurensuche.


Stolpersteine sollen an die Familien Goldblum und Katzenstein erinnern 

Gebr. Goldblum in Gelsenkirchen, Bahnhofstrasse

Andreas Jordan | 26. Januar 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Die Kaufmannsfamilien Goldblum und Katzen- stein mussten in den späten 1930er Jahren aus ihrer Heimatstadt Gelsenkirchen fliehen, nur weil sie Juden waren. Auf Wunsch von Nachfahren sollen schon bald Stolpersteine für die Familien verlegt werden - sowohl an den Arbeitsstätten als auch vor den Wohnhäusern.

Für eine Stolpersteinverlegungen braucht es eine gewisse Vorlaufzeit - unter anderem für unsere Recherchen - so werden diese Stolper- steine in Absprache mit Bildhauer Gunter Dem- nig im nächsten Jahr verlegt. Im Ortsteil Gelsenkirchen-Schalke betrieben die Gebr. Goldblum wie auch Siegmund Katzenstein Geschäfte an der Schalker Straße. Die Brüder Goldblum waren auch Inhaber eines Geschäftes an der Gelsenkirchener Bahnhofsstraße und darüber hinaus von weiteren Filialen in Essen-Borbeck, Herne und Recklinghausen. Adolf Goldblum war nicht wie seine Brüder in der Textil- und Schuhbranche tätig, er führte geminsam mit seiner Frau ein Delikatessengeschäft in Witten.

Bereits im Frühjahr diesen Jahres werden wir mit Nachfahren aus den USA, die sich im Zuge einer Reise u.a. in Gelsenkirchen auf die Suche nach Lebenspuren ihrer Vorfahren begeben wollen, die frü- heren Lebensmittelpunkte der beiden Familien aufsuchen und auch die Verlegeorte für die Stolperstei- ne festlegen. Dabei werden wir auch den Aspekt der symbolischen Familienzusammenführung im Gedenken - sowie es Gunter Demnigs Stolperstein-Konzept vorsieht, entsprechend berücksichtigen.


Stolperstein-Verlegung 2020: "Menschen - Menschen haben das getan" 

Ankündigung Stolperstein-Verlegung 2020 in Gelsenkirchen

Andreas Jordan | 22. Januar 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Am Freitag, 20. März 2020 wird Bildhauer Gun- ter Demnig im Stadtgebiet neue Stolpersteine für Opfer des NS-Regimes in das Gehwegpfla- ster einlassen. Damit werden weitere Lebens- und Leidenswege von Menschen greifbar, die zwischen 1933-1945 aus rassistischen Motiven ermordet, ausgegrenzt oder vertrieben wurden. Demnigs Stolpersteine machen uns bewusst, wohin jede menschenverachtende rassistische Ideologie und Ausgrenzung führen kann.

Mehrere Gelsenkirchener Schulen sind an der diesjährigen Stolperstein-Verlegeaktion beteiligt, und so stehen die Verlegungen unter dem Motto "Menschen - Menschen haben das getan" - nach einem Zitat von Margot Friedländer. Zeugnis abzulegen über das, was Menschen angetan wurde, ist für die Holo- caust-Überlebende Pflicht. Bei Ihren Vorträgen vor jüngeren Menschen ist es ihr besonders wichtig zu betonen: "Ich spreche nicht nur für die sechs Millionen Juden. Ich spreche für alle, die man unschuldig umgebracht hat, politisch Verfolgte, Homosexuelle, kleine Kinder, Roma, Sinti... Menschen haben es getan, die Menschen nicht anerkannt haben als Menschen. Und das ist etwas, was ich euch predige und sage: 'Seid Menschen'. An Schülerinnen und Schüler, denen sie begegnet, richtet sie unter Hin- blick auf zunehmenden Antisemitismus, Hass und Menschenfeindlichkeit oftmals die Warnung: "So hat es damals angefangen. Seid vorsichtig!"

"Insgesamt 215 Stolpersteine sowie eine Stolperschwelle wurden seit 2009 von Bildhauer Gunter Dem- nig gemeinsam mit unserer Projektgruppe in Gelsenkirchen verlegt, nun kommen an acht Orten im Stadtgebiet weitere 23 Stolpersteine hinzu. Diese wurden von verschiedenen Vereinen, Institutionen und Privatpersonen gestiftet. Wir arbeiten bereits an den nachfolgenden Verlegeaktionen, es werden weiterhin Pat*innen gesucht, die mit ihrer Spende Stolpersteine in Gelsenkirchen finanzieren. Gemein- sam setzen wir so ein starkes Zeichen für Respekt, Vielfalt und Demokratie" sagt Projektleiter Andreas Jordan, der Gunter Demnigs Stolperstein-Projekt 2005 in unsere Stadt gebracht hat. Im Sommer 2009 bekam Gelsenkirchen dann erste Stolpersteine. Sie wollen eine Stolperstein-Patenschaft übernehmen? Infos zum Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen per E-Mail: a. jordan(ätt)gelsenzentrum.de

Diesen Menschen werden am 20. März 2020 in Gelsenkirchen Stolpersteine gewidmet:

09.00 Uhr Familie Naphtalie, Recha, Ernst, Eva, Herbert, Regina u. Gerson Hess, Ewaldstraße 42

09.45 Uhr Wolfgang Maas, Lernort Breddestr. 21

10.30 Uhr Ehepaar David u. Johanna Rabinowitsch u. Arthur Lewin, Kesselstr. 29

11.00 Uhr Familie Hermann, Ida u. Herbert Springer, Bergmannstraße 37

11.40 Uhr Familie Benjamin Posner, Karola u. Hildegard Herz, Vohwinkelstr. 12

12.15 Uhr Walter Hes, Lernort Hauptstraße 60

12.45 Uhr Familie Leopold, Auguste u. Werner Sauer, Schalker Str. 184

13.30 Uhr Ehepaar August u. Rosa Kahn, Gewerkenstraße 68

(Planen sie für ihre Teilnahme an den Verlegungen +/- 25 Minuten zu den genannten Uhrzeiten ein.)


Gelsenkirchen: Aktionen zum Holocaust-Gedenktag 2020 

"Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.*"

Gelsenkirchen: Aktionen zum Holocaust-Gedenktag 2020

Andreas Jordan | 21. Januar 2020 | Stolpersteine Gelsenkirchen

Am Holocaust-Gedenktag (27. Januar) erinnern sich Menschen an das Leiden und gewaltsame Sterben von Menschen jüdischer Herkunft, von Sinti und Roma, von Homosexuellen, Zwangs- arbeitern, Zeugen Jehovas, von Menschen mit Behinderung und denjenigen, die aufgrund ihrer politischen Haltung zu Opfern des national- sozialistischen Terrorregimes wurden.

In Gelsenkirchen will ein Aktionsbündnis (Die Partei, DKP, VVN-BdA, Jusos, DGB-Jugend, Falken und die DIE LINKE) an Tagen rund um den Holocaust-Gedenktag mit unterschiedlichen Aktivitäten Menschen sensibilisieren und auf die gesamtgesellschaftliche historische Verantwortung aufmerksam machen. Im Focus stehen dabei vor- nehmlich Gunter Demnigs Stolpersteine: Poliert werden sollen u.a. Stolpersteine in Buer, Horst und Schalke, die Veranstaltungsreihe der "Stolpersteingeschichten" wird fortgesetzt und eine antifaschis- tische Stadtrundfahrt organisiert. Am Abend des 27. Januar findet in der Synagoge eine Gedenkfeier mit Podiumsdiskussion für die Opfer des Nationalsozialismus anlässlich des 75. Jahrestages der Be- freiung von Auschwitz statt.

Die Projektgruppe Stolpersteine Gelsenkirchen ruft alle Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt auf, Stolpersteine in der näheren Umgebung des jeweiligen Wohnortes wieder zum Glänzen zu bringen. Eine Übersicht verlegter Stolpersteine nach Stadtbezirken, Stadtteilen und Straßen finden sie HIER.

*Zitat von Max Mannheimer, Holocaust-Überlebender über „Schuld und Verantwortung“

 

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Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen.

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