STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

← Startseite STOLPERSTEINE

Texte und Gedichte

Stolpersteine geben Namen zurück, sie geben Zeugnis von der millionenfachen, industriellen Menschen-vernichtung in der NS-Zeit. Auch Texte und Gedichte können Stolpersteine sein.


Wir sind ja trotz allem Menschen

plötzlich sind die menschen anders zu dir
plötzlich wirst du schief angeguckt
wirst nicht mehr gegrüßt
auf der straße rufen kinder dir nach
nun musst du ein zeichen an deiner kleidung tragen
ein alter freund kennt dich nicht mehr
dein kind wird aus der schule ausgeschlossen
auf plakaten und in der zeitung immer bösere worte
wer kann denn sowas ernst nehmen?
wer dir auf der straße entgegenkommt erwartet dass du ausweichst
oder stößt dich gleich vom bürgersteig
jeden morgen wischt du die scheiben
dein vermieter muss dich melden
deine gemeinde brennt ab
die feuerwehr löscht nicht

oft ganze gruppen die dich verfolgen
die polizei lacht
jeden morgen wischt du die scheiben
du darfst nicht mehr auf den markt gehen
bekommst essen zugewiesen
du kannst nirgendwo mehr hingehen
leute verschwinden freunde verschwinden
deinen laden hat schon lange niemand mehr betreten
du hast schon keine scheiben mehr zu wischen
du wirst übel zusammengeschlagen
das krankenhaus schickt dich weg
du kannst die miete nicht mehr zahlen
wie nur diesen monat ... wie nur diese woche
für dein kind gibt es keine schule mehr
fast eine erleichterung als sie dir den laden wegnehmen
dein name steht in der zeitung und nun?

kein weg mehr keine möglichkeit mehr
warten auf was? in die fremde gehen?
du bist hier geboren
und darfst du noch zug fahren?
deine familie soll sich dort melden
man darf nur wenig mitnehmen
einfach das beste draus machen
einfach das beste hoffen
denn sie werden ja wohl nicht
nein sie können ja nicht
es kann doch nicht sein
es darf doch nicht sein
es gibt ja schließlich
wir sind ja immerhin
wir sind ja letztendlich
wir sind ja trotz allem
wir sind ja trotz allem menschen

Jesse Krauß, 2007


Ich möchte leben

Die Bäume sind von weichem Lichte übergossen,
im Winde zitternd glitzert jedes Blatt.
Der Himmel, seidig-blau und glatt,
ist wie ein Tropfen Tau vom Morgenwind vergossen.
Die Tannen sind in sanfte Röte eingeschlossen
und beugen sich vor seiner Majestät, dem Wind.
Hinter den Pappeln blickt der Mond aufs Kind,
das ihm den Gruß schon zugelächelt hat.

Im Winde sind die Büsche wunderbar:
bald sind sie Silber und bald leuchtend grün
und bald wie Mondschein auf lichtblondem Haar
und dann, als würden sie aufs neue blühn.

Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt.
Es sind so viele schöne Bälle drin.
Und viele Lippen warten, lachen, glühn
und tuen ihre Freude kund.
Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
so breit und hell, als warte sie auf mich.
Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
die Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich.
Der Wind rauscht rufend durch den Wald,
er sagt mir, daß das Leben singt.
Die Luft ist leise, zart und kalt,
die ferne Pappel winkt und winkt.

Ich möchte leben.
Ich möchte lachen und Lasten heben
und möchte kämpfen und lieben und hassen
und möchte den Himmel mit Händen fassen
und möchte frei sein und atmen und schrein.
Ich will nicht sterben. Nein!
Nein.
Das Leben ist rot,
Das Leben ist mein.
Mein und dein.
Mein.

Warum brüllen die Kanonen?
Warum stirbt das Leben
für glitzernde Kronen?

Dort ist der Mond.
Er ist da.
Nah.
Ganz nah.
Ich muß warten.
Worauf?
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie und nie.
Ich will leben.
Bruder, du auch.
Atemhauch
geht von meinem und deinem Mund.
Das Leben ist bunt.
Du willst mich töten.
Weshalb?
Aus tausend Flöten
weint Wald.

Der Mond ist lichtes Silber im Blau.
Die Pappeln sind grau.
Und Wind braust mich an.
Die Straße ist hell.
Dann...
Sie kommen dann
und würgen mich.
Mich und dich
tot.
Das Leben ist rot,
braust und lacht.
Über Nacht
bin ich
tot.

Ein Schatten von einem Baum
geistert über den Mond. Man sieht ihn kaum.
Ein Baum.
Ein
Baum.
Ein Leben
kann Schatten werfen
über den
Mond.
Ein
Leben.
Hauf um Hauf
sterben sie.
Stehn nie auf.
Nie
und
nie.

Selma Meerbaum-Eisinger, 1941.


Ich bin ein Stern

Sterne am Himmel, ein Stern auf der Brust.
Mama, ich weiß, ich hab’s längst gewusst,
Kein Zeichen der Schande ist er, mein Stern,
Ich trag ihn mit Stolz, ich trage ihn gern.

Ein Stern als Lohn, der höchste Preis,
So war es immer, ja, Papa, ich weiß.
Es ist mir egal, was die anderen sagen,
Ich will ihn für mich und trotz allem tragen.
Ich bin ein Stern.

Wenn sie über mich lachen, wenn sie mich schelten,
für mich soll der Stern etwas anderes gelten.
Sie starren mich an, sie zeigen auf mich,
sie sind ohne Stern, der Stern bin ich.

Sie sind von G’tt, die Sterne der Nacht.
Auch mich, auch mich hat er gemacht.
Weine nicht, Mama, hör mein Versprechen,
Niemand wird meine Seele zerbrechen.
Ich bin ein Stern.

Inge Auerbacher

Jeder Mensch hat einen Namen

Jeder Mensch hat einen Namen
                           der ihm von Gott gegeben wurde
                           den ihm gaben sein Vater, seine Mutter
Jeder Mensch hat einen Namen
                           den ihm gaben seine Statur, sein Lächeln
                           den ihm gab das Gewebte
Jeder Mensch hat einen Namen
                           den ihm gaben die Berge
                           den ihm gaben seine Mauern
Jeder Mensch hat einen Namen
                           den ihm gaben die Sterne
                           den ihm gaben seine Nachbarn
Jeder Mensch hat einen Namen
                           den ihm gaben seine Sünden
                           den ihm gab seine Sehnsucht
Jeder Mensch hat einen Namen
                           den ihm gaben seine Feinde
                           den ihm gab seine Liebe
Jeder Mensch hat einen Namen
                           den ihm gaben seine Feste
                           den ihm gab seine Arbeit
Jeder Mensch hat einen Namen
                           den ihm gaben die Jahreszeiten
                           den ihm gab seine Blindheit
Jeder Mensch hat einen Namen
                           den ihm gab das Meer
                           den ihm gab
                           sein Tod

Zelda Schneersohn Mishkovsky


Erinnern wir uns

Beim Aufgang der Sonne
und bei ihrem Untergang
                           erinnern wir uns an sie;

Beim Wehen des Windes
und in der Kälte des Winters
                           erinnern wir uns an sie;

Beim Öffnen der Knospen
und in der Wärme des Sommers
                           erinnern wir uns an sie;

Beim Rauschen der Blätter
und in der Schönheit des Herbstes
                           erinnern wir uns an sie;

Zu Beginn des Jahres
und wenn es zu Ende geht,
                           erinnern wir uns an sie;

Wenn wir müde sind
und Kraft brauchen,
                           erinnern wir uns an sie;

Wenn wir verloren sind
und krank in unserem Herzen
                           erinnern wir uns an sie;

Wenn wir Freude erleben,
die wir so gern teilen würden
                           erinnern wir uns an sie;

So lange wir leben,
werden sie auch leben,
                           denn sie sind nun ein Teil von uns,
                           wenn wir uns an sie erinnern.

Aus einem Jüdischen Gebetbuch


Schwarze Wolke

Am Zyklonhimmel/ Im Feuerschein/ Fährt auf schwarzen Gleisen/
Eine Wolke ein ...

Wolke Wolke/ Wo kommst du her/ Kommst du aus den Bergen/
Oder übers Meer ...

Ich komm nicht aus den Bergen/ Ich komm nicht übers Meer/
Ich komm von schwarzen Öfen/ Und Feuergruben her ...

Wolke Wolke/ Bringst du einen Gruß/
Vom Liebsten eine Botschaft/ Oder einen Kuß ...

Ich bringe keine Botschaft/Ich bringe keinen Gruß/
Ich bringe Rauch und Totenstaub/ Und schwarzen Ruß ...

Aus den Krematorien/ Aus Knochenglut/
Von Bergen toter Kinder/ Meeren von Blut ...

Wolke schwarze Wolke/ Bleib am Himmel stehn/
Sag mir was ist mit den/ Kindern geschehn ...

Die Kinder sind erschlagen/ Kopf an die Wand/
Erwürgt erschossen/ Vergast verbrannt ...

Wolke Wolke/ Wo willst du hin/
Ich muß zu den Erbauern der Gaskammern ziehn

Wolke Wolke/ Warum willst du dahin gehen/
Ich muß an ihrem Himmel Totenwache stehn

Wolke Wolke/ Wie lange willst du bleiben/ Bei Regen und Wind/
Bis die toten Kinder/ Alt geworden sind ...

Am Zyklonhimmel/ Im Feuerschein/
Fährt eine Wolke/ In die Sonne ein

Seht auf zum Himmel/ Ich bitte euch sehr/
Könnt ihr die Wolke sehn/ Ist der Himmel leer?

Unbekannt, geschrieben in Auschwitz


Schlaflied für Daniel

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.
Und es ist Nacht.
Die Scheiben klirren im Wind,
da sind die Toten erwacht,

die Toten von Auschwitz, mein Sohn.
Du weißt es nicht
und träumst von Sternschnupp' und Mohn und Sonn- und Mondgesicht.

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.
Und es ist Nacht.
Die Toten stöhnen im Wind:
viel Menschen sind umgebracht.

Du darfst nicht schlafen, mein Sohn,
und träumen von seliger Pracht.
Sieh doch! Es leuchtet der Mohn
wie Blut so rot in der Nacht.

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.
Und es ist Nacht.
Die Toten klagen im Wind —
und niemand ist aufgewacht...

Siegfried Einstein, 1961.


Ich bleibe fest

Ich bleibe fest in meinem Glauben,
wenn die Welt auch höhnt und schreit;
ich bleibe fest in meinem Hoffen,
auf eine schöne bessre Zeit.
Ich bleibe fest in meinem Lieben,
wenn auch die Welt mit Hass mir`s lohnt;
ich bleibe fest in meiner Treue,
wenn auch die Welt der Untreu front.
Von Gottes Wort fließt die Kraft der Starken,
die auch aus Schwachen Kämpfer macht;
ich bleibe fest durch Gottes Gnade,
ich bleib es nicht aus eigener Kraft.
Ich bleibe fest, gilt`s auch mein Leben;
und geb ich meines Odems Rest,
Ihr sollt vom letzten Hauch noch hören:
Ich bleibe fest, ich bleibe fest, ich bleibe fest.“

Abschiedsgedicht, verfasst 1944 im KZ von dem zum Tode verurteilten Zeugen Jehovas Franz Wohlfahrt


Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. September 2011

↑ Seitenanfang