STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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Verlegeort MORITZ HEYMANN

JG. 1888
DEPORTIERT 1942
GHETTO WARSCHAU
ERMORDET


Verlegeort HEDWIG HEYMANN

GEB. KLEESTADT
JG. 1895
DEPORTIERT 1942
GHETTO WARSCHAU
ERMORDET


Verlegeort INGEBORG HEYMANN

JG. 1921
SCHICKSAL UNBEKANNT

Verlegeort: Bergmannstraße 43, Gelsenkirchen (Verlegung am 23. Mai 2019)

Eines von sieben Kindern des Anstreichermeisters Hartog Heymann (*1857) und seiner Frau Jetta, geb. Eisermann (*1858) war Moritz Heymann, geboren am 22. Juli 1888 in Aldenhoven, Kreis Jülich. Moritz Heymann war wie sein Vater Hartog ebenfalls Anstreichermeister. Er war mit der in der damals noch selbständigen Gemeinde Wanne am 1. Dezember 1895 geborenen Hedwig Keestadt verheiratet.

Moritz Heymann lebte um 1900 bei seinen Eltern an der Bergmannstr. 37, bevor er wie viele seiner jüdischen Glaubensbrüder für sein deutsches Vaterland in den 1. Weltkrieg zog. Den Miltärdienst leis- tete er beim Infanterie-Regiment 39, Düsseldorf. Nach seiner Rückkehr vom Militär lebte er ab dem 20. Dezember 1918 zunächst wieder im Haus seines Vaters Bergmannstraße 41. Kurze Zeit später heira- teten Moritz Heymann und Hedwig Kleestadt. Am 14. März 1921 kam Tochter Ingeborg zur Welt.[1] Auf der Einwohnermeldekarte ist auch vermerkt, das seine Frau Hedwig, von Wanne kommend, sich am 7. Juni 1920 in Gelsenkirchen anmeldete.

XX

Abb. 1: Auszug Adressbuch Stadt Gelsenkirchen, 1927

Moritz Heymann und sein Bruder Siegfried führ- ten den Malerbetrieb weiter, den Vater Hartog in Gelsenkirchen aufgebaut hatte. Ansässig war diese Firma ebenfalls an der Bergmannstr. 41 in Gelsenkirchen-Ückendorf. Das junge Ehepaar zog dann am 25. Januar 1928 in das Haus Berg- mannstraße 43.

Auf der Wahlliste vom 16. November 1930 zur Gründung der liberalen jüdischen Synagogengemeinde Gelsenkirchen ist auch Anstreichermeister Moritz Heymann verzeichnet. In der Einwohnerkarteikarte Moritz Heymann ist der Umzug, bzw. die Einweisung der Familie in das so genannte "Judenhaus" Bergmannstraße 41 - das Haus aus dem Besitz seines Vaters Hartog Heymann - unter dem Datum 27. März 1939 eingetragen.[2] Diese Angabe deckt sich mit denen zur Volkszählung 1939, dort ist unter Aufenthaltsdatum 17.5.1939 die Bergmann- straße 41 als Anschrift genannt.

Der letzte Eintrag in der Einwohnerkarte Moritz Heymann lautet verschleiernd: [Abmeldung] "31.3.1942 amtlich nach unbekannt". Die Eltern Moritz und Hedwig Heymann finden sich auf der Deportationsliste vom 31.3.1942 (Zielort Ghetto Warschau), Tochter Ingeborg ist jedoch nicht aufgeführt.

Am 31. März 1942 rollte der zweite "Sammeltransport" mit jüdischen Kindern, Frauen und Männern aus Gelsenkirchen in den "Osten". Bestimmungsort der Menschenfracht war zunächst Warschau. Planmä- ßig um 12:12 Uhr verließ der ab Gelsenkirchen eingesetzte Transportzug der Deutschen Reichsbahn "Da 6" am 31. März 1942 mit 52 Gelsenkirchener Juden die Stadt. Ein Waggon war für das Begleitkom- mando der Schutzpolizei bestimmt. In Münster wurden weitere 400, in Hannover 500 und Braunschweig 116 Juden in den Zug gezwungen. Am Morgen des 1. April 1942 erreichte der Zug das Ghetto in War- schau. Unter den am 31. März 1942 in das Ghetto Warschau Deportierten Gelsenkirchener Juden befand sich auch das Ehepaar Moritz und Hedwig Heymann. Seither fehlt von beiden jedes Lebenszeichen.

Hedwig Heymann wurde am 10. Juli 1950 durch Bescheid 11 II 186/50 des AG Gelsenkirchen für tot erklärt. Der weitere Lebensweg von Ingeborg Heymann bleibt im Dunkeln, ihr Name findet sich nach dem Stichtag der Volkszählung von Mai 1939 in keiner Datenbank, auch beim Standesamt Gelsenkir- chen liegen außer Ingeborg Heymanns Geburtsurkunde keine weiteren Urkunden vor. Auf ihrer Ge- burtsurkunde ist noch unter dem Datum 7. Januar 1939 der Vermerk über den zusätzlichen Zwangsvor- name "Sara" eingetragen so wie die Löschung dieses Eintrages unter dem Datum 24. Januar 1950. [3]

Was hat diese alte Vitrine mit Gelsenkirchen zu tun?

Mit der Geschichte des Hauses Bergmannstrasse 43 und seinen jüdischen Bewohnern, den Familien Moritz Heymann und Moritz Löwenstein, ist eine Begebenheit verknüpft, die sich im März 1939 ereig- nete und bis heute in einer Familiengeschichte in Norddeutschland eine große Rolle spielt:

Vitrine aus ehemals jüdischem Eigentum

Abb.2: Heute steht diese Vitrine aus dem Besitz einer jüdischen Familie aus Gelsenkirchen in einer Wohnung in Braunschweig.

Anneliese Scheibner geb. Schott ist heute 92 Jahre alt. Als 14jähriges Mädchen lebte sie mit ihrem Vater, dem Gesenkschmiedemeister Emil Schott und ihrer Mutter 1939/40 rund ein Jahr an der Bergmannstraße 43. In dem Haus lebten zu dieser Zeit zwei jüdische Familien, beiden stand der Zwangsumzug in eines der so genannten "Judenhäuser" Gelsenkirchens bevor, in diesem Fall in das Nebenhaus Bergmannstr. 41. Eine dieser somit freiwerdenden Wohnungen bezog Emil Schott im März 1939 mit Frau und Tochter. Laut Einwohnermelderegister lebte Emil Schott vom 25. März 1939 bis zum 29. November 1939 an der Bergmannstraße 43.

In der Familie Schott/Scheibner wurde jahrzehn- telang folgende Schilderung überliefert: "Emil Schott war allein bei der Wohnungsübergabe in Gelsenkirchen-Ückendorf, hatte dabei mit der jüdischen Familie gesprochen und dabei auch der Familie einige Möbelstücke "abgekauft": einen großen Schrank, eine Vitrine und einen Tisch mit 6 Stühlen. Es gibt nur noch die Vitrine und die hat heute ein Familienmitglied in seinem Haus. Die Juden seien dann später einfach "aus- gereist". So habe es ihre Mutter immer erzählt, schildert Uta Meyhöfer, die Tochter von Anneliese Scheibner. Daran habe sie jedoch nie glauben wollen, unsere Recherchen bestätigen ihren Verdacht, von einer "einfachen Ausreise" kann nun nicht mehr die Rede sein. Zunächst wollten sie anonym bleiben, zwischenzeitlich haben sich Mutter und Tochter jedoch dazu entschlossen, dass ihre Familienamen veröffentlicht werden sollen. Auch ein Brief, den Anneliese Scheibner im Februar 2018 an uns gerichtet hat, soll einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Nicht zuletzt deshalb, damit Licht in die dunkle Familienvergangenheit kommt und großes Un- recht nicht dem Vergessen anheim fällt. Die Patenschaften für die Stolpersteine, die an Familie Moritz Heymann erinnern, hat ihre Tochter Uta Meyhöfer übernommen.

XX

Abb.3: Aus dem Brief, den Anneliese Scheibner, geb. Schott (92) an uns schrieb: "Es ist schrecklich, was unsere Generation Deutsche an Gräuel an den Juden zu verantworten haben. Wie gut, das die "Stolpersteine" und Gedenkstätten und vieles mehr gibt, gegen das Verges- sen des Unrechts."

Quellen:
[1] ID-Nr. aus der 1939 Volkszählung VZ328093 Der Eintrag in der Online-Datenbank 'Mapping the Lives' stützt sich auf folgende Quellen: Angaben aus der Volkszählung: (1.1) Bundesarchiv, R 1509 (Reichssippenamt). Volks-, Berufs- und Betriebszählung am 17. Mai 1939. Formular der Ergänzungskarte für Angaben über Abstammung und Vorbildung, Erläuterungen zu umstehendem Fragebogen. Alle Emigrations-, Inhaftierungs-, Deportations-, und Todesdaten; weitere Angaben nur wenn vermerkt: (1.2) Bundesarchiv, Abteilung R (Deutsches Reich), „Liste der jüdischen Einwohner im Deutschen Reich 1933–1945“ (kurz: „Residentenliste“).
[2] Einwohnerkartei Gelsenkirchen, StA Gelsenkirchen
[3] Standesamt Gelsenkirchen, Geburtsregister, Nr.1200 aus 1921
Adressbücher Stadt Gelsenkirchen 1927, 1939

Abbildungen:
1: Adressbuch Stadt Gelsenkirchen 1927
2+3: Familie Scheibner/Schott


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. November 2018

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