STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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Verlegeort DR. SAMUEL HOCS

JG. 1905
FLUCHT 1933
ITALIEN
1939 SHANGAI
1943 GHETTO HONGKEW
BEFREIT/ÜBERLEBT

Verlegung 2019 geplant, Ort: Hedwigstraße 1/Alter Eingang zum Hedwig-Krankenhaus, Gelsenkirchen

Dr. Samuel Hocs, um 1957

Abb. 1: Dr. Samuel Hocs, um 1957 (ITS Archiv, Bad Arolsen)

Samuel Hocs erblickte am 4. Juni 1905 in Riga als Sohn des Ehepaars Abraham Ber Hocs, Jg. 1878, geboren in Lugansk, Russland und Chaja Hocs, Jg. 1880, geb. in Telgava, Russland das Licht der Welt. Samuel hatte drei Brüder. Die Familie Hocs war jüdisch-orthodox. Samuel Hocs besuchte in Riga von 1919 bis 1924 die II. Deutsche Mittelschule.[1] Er war ein guter Schüler, war sehr sprachbegabt und machte einen entsprechenden Abschluss. 1924 verließ Samuel Hocs Riga, um in der Schweiz an der Universität Basel Medizin zu studieren. Nach erfolgreichem Abschluss seines Studiums fand Dr. Samuel Hocs 1930 eine Anststellung als Assistenz- arzt am Gelsenkirchener Hedwig-Krankenhaus in Resse.[2] Der junge Arzt bewohnte im Kranken- haus an der Hedwigstraße 1 ein bescheidenes klei- nes Zimmer, die Einwohnermeldekarte [3] hielt den Tag seiner Anmeldung in Gelsenkirchen fest, es war der 26. Juni 1930.

Hedwig-Krankenhaus in Gelsenkirchen-Resse, um 1927

Abb.2: Hedwig-Krankenhaus mit An- und Erweiterungsbauten in Gelsenkirchen-Resse, um 1927

Einwohnermeldekarte Gelsenkirchen für Dr. Samuel Hocs

Abb. 3: Einwohnermeldekarte Gelsenkirchen für Dr. Samuel Hocs

Nach der Machtübergabe an die deutschen Fa- schisten im Januar 1933 erfolgte am 1. April 1933 der erste Schlag gegen die Juden Deutschlands. Die neuen Machthaber riefen zum landesweiten Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsan- wälte auf. Fensterscheiben wurden mit Parolen wie "Juda verrecke" oder "Deutsche, kauft nicht beim Juden" beschmiert. Hetzschriften, Aufrufe in Zei- tungen und Plakate verdeutlichten in der Öffent- lichkeit die rassistische Botschaft der Faschisten. Am 5. April 1933 wurde Dr. Hocs von den neuen Machthabern gezwungen, seine ärztliche Tätigkeit am katholischen Hedwig-Krankenhaus aufzugeben. So entschloss er sich unter dem Eindruck der anti- semitischen Geschehnisse sehr früh zu Flucht aus Deutschland, bereits am 12. April 1933 meldet er sich von Gelsenkirchen zunächst nach Mailand ab.[4] Samuel Hocs arbeitete von 1933 bis 1939 als Arzt in Neapel.[5]

1939 ging Italien das als "Stahlpakt" bezeichnete Kriegsbündnis mit dem Deutschen Reich ein. Das war wohl einer der Gründe für Dr. Hocs, von Italien weiter nach Shanghai zu fliehen. Doch auch dort waren Juden vor Verfolgung nicht sicher: zum einem gab es etablierte nationalsozialistisch organisierte deutsche Einwanderer mit ihrem gleichgeschalteten Vereins- wesen, zum anderen die japanische Armee, deren ultranationalistische Offiziere antisemitisch eingestellt waren, weil sie glaubten, die Juden unterstützten die Sowjetunion als Ausdruck einer jüdischen Verschwö- rung gegen Japan. So wurde von der japanischen Armee und Marine 1943 im Stadtteil Hongkew ein Ghetto eingerichtet, in dem vor allem jüdische Flüchtlinge festgehalten wurden. Samuel Hocs wurde nach eigenen Angaben im Februar 1943 im Ghetto Hongkew[6] interniert.

Angaben zu Inhaftierung und Aufenthalt nach dem Krieg

Abb. 4: Angaben von Dr. Hocs zu Inhaftierung und Aufenthalt nach dem Krieg. (ITS Archiv, Bad Arolsen)

Das Ghetto Hongkew war zwar nicht hermetisch abgeriegelt, aber zum Verlassen des Ghettos war ein Passierschein notwendig. Obwohl die Japaner vereinzelt das Arbeiten außerhalb des Ghettos er- laubten, verschlechterten sich die Lebensbedingun- gen weiter. Zwar gab es dort keine Mauern und keinen Stacheldraht, aber es gab Identitätskarten mit gelben Streifen, Kennzeichen und eine spezielle Wache mit ihren Willkürmaßnahmen. Hier lebte auch eine chinesische Mehrheit, aber nur die staatenlosen Flüchtlinge waren verpflichtend an die Ausgangssperren und Zwangsübersiedlungen in "Wohnungen" mit einfachster Ausstattung ohne Bad und WC gebunden. lm Kontext des Zweiten Welt- krieges hat der Begriff „Ghetto“ auch die Vorstufe zur Judenvernichtung bedeutet, was für Shanghai jedoch nicht zutraf. Die Zone wurde dennoch von fast allen Bewohnern als "Shanghaier Ghetto" be- zeichnet. Von Mai 1943 bis August 1945 lebten im Ghetto Hongkew – von den japanischen Besatzern zusammengepfercht – rund 20.000 jüdische Flücht- linge, die meisten aus Deutschland, Österreich und Polen. Sie drängten sich mit mehr als 10.000 Chi- nesen auf zweieinhalb Quadratkilometern.

Die Menschen im Ghetto litten unter den schlechten hygienischen Bedingungen und dem ständig vor- herrschenden Nahrungsmangel. Dr. Hocs erlebte seine Befreiung aus dem Ghetto Hongkew im August 1945.[7] Das Ghetto wurde offiziell am 3. September 1945 befreit – nach einiger Verzögerung, da man der Armee Chiang Kai-sheks bei der Einnahme den Vortritt lassen wollte. Mit der Gründung des Staates Israel 1948 und dem Ende Chiang Kai-sheks 1949 verließen beinahe alle Juden Shanghai. 1957 verblieben nur noch einige hundert Juden, daruter auch Dr. Samuel Hocs, der während seiner Zeit in Shanghai auch dort zeitweilig als Arzt tätig war. Wie bereits in Italien, reichten auch in China die Einkünfte aus dieser Tätigkeit nicht aus, um seine Lebensgrundlage zu sichern. So war Dr. Hocs gezwungen, zeitweilig als Kesselbauer zu arbeiten.

Ende Juli 1957 gingen Dr. Hocs und Ehefrau Tatina, geb. Semkova, die beiden hatten in Shanghai gehei- ratet, an Bord der "SS Boissevain", ein Schiff der "Royal Interocaen Line". Ziel der der Reise über Hong- kong, Singapur und Südafrika war Sao Paulo, Brasilien, das die beiden schließlich im April 1958 erreich- ten.[8] Auch in Sao Paulo arbeite Dr. Hocs, nachdem er mehrere Jahre um die Anerkennung seiner Appro- bation kämpfen musste, wieder als Arzt und Physiotherapeut. Seinem 1959 gestellten Antrag auf Entschä- digung für den erlittenen Schaden an Freiheit, wirtschaftlichen und beruflichen Fortkommen wurde schließ- lich 1962 stattgegegeben.[9]

Initiert wurden die Recherchen nach den Lebens- und Leidenswegen des jüdischen Arztes Dr. Samuel Hocs von Astrid Kramwinkel, die auch die Patenschaft für den Stolperstein übernimmt.

Quellen:
[1] Akten des UNHCR Hongkong, Teilbestand 3.2.3.2 / 81581422, ITS Digital Archive, Bad Arolsen
[2] Ebda.
[3] StA Gelsenkirchen, Einwohnerkartei
[4] Ebda.
[5] Akten des UNHCR Hongkong, Teilbestand 3.2.3.2 / 81581422, ITS Digital Archive, Bad Arolsen
[6] Ebda.
[7] Korrespondenzakte, Teilbestand 6.3.3.2 / 106958776, ITS Digital Archive, Bad Arolsen
[8] Ebda.
[9] StA Gelsenkirchen/ISG, Amt für Wiedergutmachung, Nr. 1497

Abbildungen:
1: Foto Dr. Samuel Hocs, Akten des UNHCR Hongkong, Teilbestand 3.2.3.2 / 81581424, ITS Digital Archive, Bad Arolsen
2: Verwaltung Hedwig-Krankenhaus
3: StA Gelsenkirchen, Ausschnitt Einwohnermeldekarte
4: Korrespondenzakte, Teilbestand 6.3.3.2 / 106958776, ITS Digital Archive, Bad Arolsen


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Oktober 2018

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