STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam erinnern statt Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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HIER WOHNTE

Verlegeort LEIBISCH GRÜN

JG. 1902
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET NOV. 1943

HIER WOHNTE

Verlegeort EVA GRÜN

GEB. SPIEGEL
JG. 1907
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET NOV. 1943

HIER WOHNTE

Verlegeort ESTHER GRÜN

JG. 1929
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET NOV. 1943

HIER WOHNTE

Verlegeort HELLA GRÜN

JG. 1930
FLUCHT 1938 HOLLAND
MIT HILFE
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 1943
SOBIBOR
ERMORDET 16.4.1943

HIER WOHNTE

Verlegeort HERBERT GRÜN

JG. 1931
FLUCHT 1938 HOLLAND
MIT HILFE
INTERNIERT WESTERBORK
DEPORTIERT 1942
AUSCHWITZ
ERMORDET 10.2.1944

HIER WOHNTE

Verlegeort SAMUEL GRÜN

JG. 1937
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET NOV. 1943

Verlegeort: Husemannstr. 39, Gelsenkirchen (Geplant Juni 2022)

In der Wahlliste vom 16. November 1930 zur Gründung der liberalen jüdischen Synagogengemeinde Gelsenkirchen ist auch Leibisch "Leo" Grün verzeichnet. Die Wohnanschrift wird bereits zu diesem Zeitpunkt mit "Hindenburgstraße 39" (Heutige Husemannstraße) genannt, als Beruf wird Kaufmann angegeben.

Hindenburgstr. 39-41 (Heutige Husemannstraße) in Gelsenkirchen

Abb.: Werbeanzeige der Fa. M. Rothmann & Co., Hindenburgstr. 39 u.41 Anfang der 1920er Jahre. Das linke Haus ist die Nr. 39, langjähriger Lebensmittelpunkt der Familie Grün. Eigentümer des Hauses Nr. 39 war bis zur Enteignung durch den NS-Terrorstaat die Firma Moritz Rothmann, Wiederaufbau des Hauses Nr. 39 nach 1945). Die Nr. 41 ist erhalten geblieben, das Haus gehörte der Witwe Fanny Meyer - bis sie vom NS-Staat enteignet wurde (Arisierung).

 

Exkurs: Das polnisch-ukrainische Galizien

Nach dem 1. Weltkrieg verschwand der Name Galizien von den Landkarten. Nach 1918 gehörte Westgalizien und seit 1921 auch Ostgalizien zu Polen, bis im Weltkrieg II beides zerstört wurde. Die Polen nannten es "Kleinpolen" (Malopolska). Verwaltungs- mäßig wurde es in vier Wojewodschaften (Krakau, Lemberg, Stanislau und Tarnopol) eingeteilt. Heute ist der Ostteil des ehemaligen galizischen Gebietes, bis zur sogenannten Curzon-Linie, Teil der Ukraine, der übrige Teil gehört zu Polen.

Leibisch Grün, geboren am 28. November 1902 in Wzdow (Südostpolen) war mit der aus Galizien stammenden Eva Spiegel verheiratet, geboren am 16. Mai 1907 war Eva die Mutter von vier gemein- samen, allesamt in Gelsenkirchen geborenen Kin- dern: Esther, geboren 11. Juli 1929, Hella, gebo- ren 16. Juli 1930, Herbert, geboren 31. Dezember 1931 und Samauel, geboren 22. März 1937.

Die Quellenlage bildet das Leben der Familie Grün praktisch nicht ab. Ihre Lebenswirklichkeit in Gel- senkirchen lässt nur sich im Kontext der gegen jüdische Menschen gerichtete, sich stetig radikalisierende Verfolgungsmaßnahmen darstellen. Dokumente in holländischen Archiven belegen, das Leibisch Grün und seine Frau Eva zwei ihrer vier Kinder, - Herbert und Hella - im Dezember 1938 die Flucht nach Holland er- möglichen konnten. Für sich selbst und ihre Kinder Esther und Samuel unternahmen sie den leider ver- geblichen gebliebenen Versuch, in die USA zu fliehen.

Leibisch Grün, Gelsenkirchen schreibt an das Kinder-Comité in Amsterdam

Abb.: Noch im April 1939 wendet sich Leibisch Grün an das Kinder-Comité in Amsterdam. Er bittet in dem Schreiben, seine beiden Kinder, die getrennt zunächst in Heimen in Hoogeven (Provinz Drenthe) und Driebergen (Provinz Utrecht) untergebracht waren, möglichst gemeinsam unterzubringen, da die beiden kleinen Kinder starkes Heimweh hätten.

Zum Stichtag der Volkszählung am 17. Mai 1939 lebte die Familie noch in der Hindenburgstr. 39, Ende der 1930er Jahre musste auch die Familie Grün zwangsweise in eines der Gelsenkirchener "Judenhäuser" umziehen - in das Nebenhaus Hindenburgstr. Nr.41, ehenmalige Eigentümerin war die noch im Haus wohnende Witwe Meyer. Fanny Meyer, geb. Rosenthal, Witwe von Levy "Louis" Meyer, war Inhaberin der Firma M. Rothmann & Co. in Gelsenkirchen. Die Firma stellte auf dem hinter den Häusern Hindenburgstr. 39-41 gelegen Betriebsgebäuden Arbeiterkonfektion und Wäsche her - bis zur so genannten "Arisierung" ihres Besitzes. Fanny Meyer (Jg. 1875) wurde ebenfalls am 27. Januar 1942 nach Riga deportiert und im Außenlager Riga-Strasdenhof bei einer der so genannten "Aktionen" ermordet.

Hella Grün, Karteikarte Westerbork Herbert Grün, Karteikarte Westerbork

Abb.: Karteikarten aus Westerbork. Das Kürzel "WBK 10.4.43" in der oberen Zeile nennt das Datum der Einlieferung von Hella, Herbert wurde am 11.12.42 im "Polizeilichen Judendurchgangslager Kamp Westerbork" (WBK) registriert. Die mit roten Fettstift vermerkte Notiz hält das Datum des Transportes in eines der Vernichtungslager fest. Hella wird am 13. April 1943 in das Vernichtungslager Sobibor verschleppt und dort unmittelbar nach Ankunft am 16. April 1943 in der Gaskammer ermordet. Ihr Bruder Herbert wurde am 8. Februar 1944 nach Auschwitz verschleppt und dort unmittelbar nach Ankunft am 10. Februar 1944 in der Gaskammer ermordet.

Die Eltern Grün werden mit Tochter Esther und dem kleinen Sohn Samuel zunächst im Januar 1942 in der damaligen, zum temporären "Judensammellager" umfunktionierten Ausstellungshalle am Gelsenkirchener Wildenbruchplatz zusammen mit vielen anderen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern gesammelt und am 27. Januar 1942 mit der Reichsbahn in das Ghetto Riga in Lettland deportiert. Leibisch, Eva und Samuel Grün werden bei Auflösung des Ghettos Riga Anfang November 1943 ermordet.

Die Patenschaft für den Stolpersteine, der an Hella Grün erinnern wird, hat eine 8. Klasse einer Gelsen- kirchener Schule übernommen. Im Schul-Umfeld konnten seitens der Schule weitere Spenden gesammelt werden, die nun zur Finanzierung aller sechs Stolpersteine für Familie Grün ausreichen.

Quellen:
Arolsen Archives; https://arolsen-archives.org/ (Abruf November 2021)
Joodsmonument; https://www.joodsmonument.nl/ (Abruf November 2021) dokin, Stichting duitse Oorlogskinderen in Nederland; https://www.dokin.nl/ (Dezember 2021)
Gedenkbuch Bundesarchiv; https://www.bundesarchiv.de/gedenkbuch/ (Dezember 2021)
Mapping the lifes; https://www.mappingthelives.org/ (Dezember 2021)
Ida und Max Kaufmann-Haus; https://www.gladbeck.de/kultur_tourismus/kultur/stadtarchiv/historische_orte_in_gladbeck/ida_und_max_kaufmann-haus.asp (Abruf Januar 2022)

Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Januar 2022


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