STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

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IN GELSENKIRCHEN
ERMORDET
27. FEB. 1945

Verlegeort NORMAN C. COWLEY

JG. 1923
ENGLISCHER SOLDAT
LUFTWAFFE

Verlegung 2020 geplant, Ort: Haupteingang Marienhospital (Freiheit), Gelsenkirchen-Buer

Grabstein von Norman C. Cowley auf dem britischen Sodatenfriedhof im Reichswald, Kleve

Abb. 1:Grabstein von Norman C. Cowley auf dem britischen Sodatenfriedhof im Reichswald, Kleve

Durch NSDAP-Funktionsträger, Angehörige von Kriminalpolizei und Gestapo oder "Volksgenos- sen" vollzogene Tötungshandlungen an abge- stürzten bzw. notgelandeten Besatzungen alli- ierter Flugzeuge waren in Nazi-Deutschland in den letzten beiden Kriegsjahren weit verbreitet, so auch in Gelsenkirchen. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges überlebte ein englischer Pilot den Abschuss seines Flugzeuges über Gelsenkirchen, wurde jedoch anschließend von NS-Schergen zu Tode geprügelt

An jenem Donnerstag, dem 27. Februar 1945 startete die Besatzung der Lancaster I NG175 AP-J um 11.20 Uhr auf dem Militärstützpunkt Stradishall, Suffolk an der englischen Ostküste. Der Bomberverband, zu dem sich insgesamt 149 schwere Bomber über der Nordsee sam- melten, sollte die Benzolfabrik der Kokerei Alma im Gelsenkirchener Süden angreifen.

Cowleys Maschine wurde beim Bombenabwurf über dem Zielgebiet von der deutschen Flak um 14.29 Uhr getroffen und stürzte ab, laut Aussa- ge des Zeugen Heinrich Langer im 1946 von den Englänern durchgeführten Strafverfahren ging das Flugzeug "(...) auf dem Zechengelände der Zeche Ewald 3/4 Buer Resse, Nord-Östlich der Bahngleise, nahe den beiden Wasserkühlern (...)" zu Boden. Ein mit dem Fallschirm abge- sprungenes Mitglied der Flugzeugbesatzung wurde festgenommen, ein Obergefreiter und zwei Flakhel- fer brachten den Engländer nebst seinem Fallschirm zur Wehrmeldeamt, Dienststelle Buer-Resse. Laut Aussage des Zeugen Albert Meier soll es sich dabei um den Piloten gehandelt haben.

Dienstellenleiter Oberstleutnant Schlichtweg beschimpfte den Gefangenen und schlug auf ihn ein. Hauptmann Schürholz, Major Wittermann und eine Angestellte, die als Übersetzerin fungieren sollte, gingen mit dem Engländer in Schlichtwegs Dienstzimmer. Nach Durchsuchung und "Vernehmung" sollte der Engländer dem Fliegerhorst Buer an der damaligen Hermann-Göring-Allee (Heute Adenauerallee) "zugeführt" werden. Ganz im Sinne des so genannten "Fliegerbefehls" von Albert Hoffmann, dem Gauleiter in Westfalen-Süd, wurde vom Schlichtweg befohlen, den Kriegsgefangenenn nicht mit dem Auto, sondern zu Fuß zum Fliegerhorst Buer zu bringen, damit "er dort nicht lebend ankommt". Ober- feldwebel Albert Meier sollte den Befehl ausführen, der Obergefreite und die beiden Flakhelfer sollten ihn begleiten.

Draussen vor dem Wehrmeldeamt hatte sich derweil bereits eine Menschenmenge zusammengerottet, die Festnahme des englischen Fliegers hatte sich schnell herumgesprochen. Da die Menge eine be- drohliche Haltung gegenüber Meier und den Gefangenen einnahm, entschloss sich Meier, einen zufällig vorbeifahrenden LKW anzuhalten, er und der gefangene Engländer stiegen auf und fuhren Richtung Fliegerhorst Buer. Nach etwa zwei Kilometern Fahrt sprangen sie vom LKW, als dieser abbiegen mußte. Während des weiteren Fußmarsches zum Fliegerhorst versuchte der NSKK-Scharführer Gustav Adler, den Gefangenen mi seinem Motorrad zu überfahren, was ihm jedoch nicht gelang. Den restlichen Weg zum Fliegerhorst legten Meier und der Gefangene ohne weitere Zwischenfälle zurück.

Jedoch auch dort erwartete sie bereits eine wütende Menschenmenge, die den kriegsgefangenen engli- schen Flieger lynchen wollte. In diesem Moment kam NSKK-Sturmführer Engel mit seinem Wagen an- gefahren, sprang heraus und ging sofort auf den Engländer los. Laut Meier stieß Engel den Mann in einen Bombenkrater, der etwa 40 Zentimeter hoch mit Wasser gefüllt war, schlug ihn weiter und ver- suchte ihn unter Wasser zu drücken. Schließlich ließ er von seinem Vorhaben ab. Heinrich Siebert, ein Angehöriger des Einsatztrupps beim passiven Luftschutz der SA, schlug dann weiter auf den Flieger ein. Dieser wurde dann in den Fliegerhorst gebracht und dem Feldwebel Angenendt übergeben. Einige Zeit später wurde der durch die Misshandlungen schwerverletzte Engländer in das Reservelazarett Buer gebracht, wo er an den Folgen der erlittenen brutalen Schläge starb. Auszug aus der Aussage von Hanna-Josefine Overrath, geborene Otto: (...) "Ich interssierte mich für das Schicksal des Fliegers und habe von einer Pflegerin des Marienhospitals in Buer erfahren, das er dort angeblich an Nierenbluten gestorben sein soll. Diese Pflegerin ist mir nicht per Namen bekannt, jedoch kenne ich sie dem Ansehen nach. Weiter ist mir von diesem Vorfall nichts bekannt." (...)

Das Marienhospital Gelsenkirchen-Buer war 1939-1945 Reservelazarett

Abb.2: Das Marienhospital Gelsenkirchen-Buer war 1939-1945 Reservelazarett

1946 wurde von Seiten der englischen Militärgerichtsbarkeit ein Ermittlungsverfahren wegen Mord an dem Piloten eingeleitet. So konnten Beteiligte und Zeugen ermittelt werden, zwei der Tatverdächtigen wurden des Mordes angeklagt. Im nachfolgenden Prozess konnte den Beschuldigten Johannes Engel und Heinrich Adolf Siebert ein Mord im juristischen Sinne nicht nachgewiesen werden, so wurden sie lediglich als Haupttäter zu jeweils sechs Monaten Gefängnis verurteilt. [Anm. d. Verf.: Oberstleutnant Schlichtweg starb bereis am 30. März 1945]

Die Leiche des Engländers wurde zunächst in einem Massengrab mit insgesamt 16 weiteren unbekan- nten Toten, allesamt Angehörige aliierter Flugzeugbesatzugen, auf dem Hauptfriedhof Buer verscharrt. Die Indentität des englischen Piloten konnten wir erst viele Jahrzehnte nach dem Prozess klären, es war der 22jährigen Flight Lieutenant (F/L) Norman Coatner Cowley, Angehöriger der Royal Air Force (RAF), 186 Squadron. Cowley stammt aus Old Leake, Boston (Lincolnshire) an der Ostküste Englands. Er war der Sohn von Francis Ernest und Frances Minnie Cowley. Bei dem Abschuss von Cowleys Maschine starben alle Besatzungsmitglieder: Sergeant Douglas James George Gibb, Lieutenant Nigel Paul Ethe- ridge, Lieutenant John Eric Peach und Sergeant James Sneddon. Kurz nach dem 2. Weltkrieg ordnete die britische Militärregierung die Umbettung der Leichen an, die sterblichen Überreste der Männer fan- den eine letzte Ruhestätte auf dem britischen Soldatenfriedhof im Reichswald in Kleve.

Quellen:
WO 309 Case 96. Report by War Crimes Investigation Unit BAOR, Buer-Resse, Ermittlungsakte, National War Archive, UK.
W.R. Chorley, RAF Bomber Command Losses of the Second World War, Vol.6: 1945, S.98. 1998
Chris Everitt, Martin Middlebrook, The Bomber Command War Diaries: An Operational Reference Book, 1939-45, 2014

Abbildungen:
1: Grabstein, Foto 852669, Friedhofsnr. 2845, Grablage 20b-17; Norman Coatner Cowley, *1922, died 27-02-1945, age 22, Flight Lieutenant*Pilot / RAF Volunteer Reserve. https://www.online-begraafplaatsen.nl/graf/852669/1504985/Norman-Coatner-Cowley-1922-1945 (Abruf August 2018)


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. März 2019

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