STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Ausgrenzung erinnern


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HIER WOHNTE

Verlegeort WALTER KLÜTER

JG. 1901
ALS ASOZIAL STIGMATISIERT
MEHRFACH VERHAFTET
1942 DACHAU
1944 NATZWEILER
ERMORDET 12.2.1945

Verlegung 6. März 2023 geplant, Verlegeort: Kurfürstenstr. 8

Der ledige Walter Klüter, geboren am 19. Oktober 1901 in Gelsenkirchen war Arbeiter und technischer Zeichner. Über sein Leben vor der Machtübergabe an die Nazis wissen wir fast nichts. Die Einwohnermeldekarte Walter Klüter zeigt eine Vielzahl von An- bzw. Abmeldungen zwischen 1915 u. 1941 - für sich allein genommen zunächst nicht ungewöhnlich. Das änderte sich schlagartig nach der Machtübergabe an die Nazis im Jahr 1933. Wer sich nicht in die Nazi-Schablonen pressen ließ, wurde schnell als "Asozialer" bezeichnet und verfolgt.

Der Personenkreis, der im Sinne der "Vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" bereits 1938 in einer ersten Welle inhaftiert wurde, war nicht auf die vorgeblich "Arbeitsscheuen" beschränkt, sondern wesentlich weiter gefasst. Eine Durchführungsrichtlinie der Kriminalpolizei vom April 1938 definiert als "asozial" eine Person, die durch gemeinschaftswidriges Verhalten oder geringfügige, aber wiederholte Gesetzesübertretungen zeigt, dass sie sich nicht in die Gemeinschaft einfügen und der "selbstverständlichen Ordnung" eines nationalsozialistischen Staates unterwerfen will. Dies waren namentlich Landstreicher, Bettler, Prostituierte, Zigeuner und Trunksüchtige. Auch Personen mit unbehandelten Geschlechtskrankheiten wurden dazugerechnet. Walter Klüter wurde von den Nazis bereits vergleichsweise früh als asozial stigmatisiert.

Die Eintragungen von Wohnortwechseln beginnen sich zu mehren, als Walter etwa vierzehn Jahre alt war - bis dahin gab es nur eine Anschrift in Gelsenkirchen. Die letzte Eintragung auf der Einwohnerkarte datiert auf den 15. Februar 1941: "amtl. nach unbekannt. Oftmals ein starkes Indiz für eine zu verschleiernde Einweisung in eine Haftstätte bzw. Deportation in ein KZ.

Schreibstubenkarte KZ Dachau, Walter Klüter. Arolsen Archives

Abb. 1: Schreibstubenkarte KZ Dachau, Walter Klüter

Lediglich erhaltene Täterdokumente, die in den Arolsen Archives verwahrt werden, geben einen kleinen Einblick in Walter Klüters Verfolgungs- und Leidensgeschichte. Es ist davon auszugehen, das auch Walter Klüter an seiner Häftlingsbekleidung als so genannter "asozialer" Häftling den 'Schwarzen Winkel' tragen musste.

"Schwarze Winkel"-Häftlinge standen in der KZ-Hierarchie ganz unten, die Sterberate unter diesen Menschen war besonders hoch. Anfangs wurden die Häftlinge in den einzelnen KZ noch unterschiedlich markiert, etwa durch verschiedene Kleidung, bunte Kreise und Streifen oder durch einen besonderen Haarschnitt. Ab Ende der 1930er Jahre setzte sich aber nach und nach überall die Markierung mittels verschiedenfarbiger Stoffdreiecke (Winkel) durch. Die Markierungen zeigten den "Haftgrund" an. Bei seiner Einlieferung in das KZ Dachau am 4. November 1942 musste Walter Klüter lebensgeschichtliche Angaben für einen 'Fragebogen für Häftlinge' machen. Sein damaliger Gesundheitszustand führte zur direkten Einweisung in Block 15 (ab 1940 Krankenrevier), Stube Zwei. Bei einer Größe von 168 cm wog Walter zu diesem Zeitpunkt 50 Kg - 'nackt', wie die deutsche NS-Bürokratie ausdrücklich vermerkte.

Ihm wurde als Akt der Entmenschlichung die Häftlingsnummer 38563 zugeteilt, damit war Walter Klüter in den Augen der Nazis nur noch eine Nummer, kategorisiert als so genannter AZR-Häftling (Die Häftlingskategorie 'AZR' stand für "Arbeitszwang Reich" und wurde häufig an Personen vergeben, die als "asozial" verhaftet worden waren.) Häftlinge, die von der Kriminalpolizei (Kripo) wegen vermeintlichem oder tatsächlichem sozial abweichenden Verhalten als "kriminell" oder "asozial" verhaftet wurden, fielen in die Kategorie der "Vorbeugehäftlinge". Hierunter fassten die Nationalsozialisten auch viele inhaftierte Sinti und Roma. Sie ging entweder gegen soziale Außenseiter*innen vor oder die KZ-Haft schloss direkt an die Entlassung aus einem Gefängnis an, obwohl die zu verbüßende Haftzeit abgeleistet worden war.

Den Antworten im Fragebogen ist auch zu entnehmen, das Walter Klüter von 1908-1915 die Volksschule in Gelsenkirchen besucht hat, seine Leistungen seien mangelhaft gewesen. Er sei Raucher vom 15. Lebensjahr an und Nichttrinker. Weiter gab Walter Klüter im Fragebogen an, eine Vorstrafe aus dem Jahr 1938 zu haben, das Amtsgericht Gelsenkirchen habe ihn wegen Betteln verurteilt. Zu welchem Urteil das Gericht kam, ist nicht bekannt. Sein Vater Heinrich starb im Alter von 45 jahren an Lungenentzündung, Mutter Maria, geborene Glaub wurde 44 Jahre alt, sie soll nach Walter Küters Angaben im 'Fragebogen für Häftlinge' des KZ Dachau an Grippe gestorben sein.

Mitteilung an Reichskriminalpolizeiamt Berlin und Staatliche Kriminalpolizeistelle Recklinghausen

Abb. 2: Mitteilung: Der 'Vorbeugegefangene' Klüter, Walter wird in das KZ Natzweiler überstellt.

Eine Häftlings-Transportliste aus dem KZ Dachau nach dem KZ Natzweiler (Vom Aussenkommando Allach nach Aussenkommando Markirch) vom 17. Juni 1944 verzeichnet auch Walter Klüter. Eine weitere Liste verzeichnet Überweisungen von Außenkommando Allach an die Zahlmeisterei des KZ Natzweiler, Klüter hatte ein Guthaben von 0,56 Reichsmark.

Die Sterbeurkunde des Standesamtes Dachau vom 19. Februar 1945 hält fest, das Walter Klüter, ohne festen Wohnsitz, am 12. Februar 1945 in Dachau "verstorben" ist, angebliche Todesursache: Erysipelas. (Anm. d. Verf.: Auch Wundrose genannt). Aus welchem Grund in der Sterbeurkunde nicht die bekannte Heimatanschrift in Gelsenkirchen eingetragen wurde, bleibt im Dunkeln.

Keine Rehabilitation und Entschädigung der NS-Opfer

Die als "Asoziale" Verfolgten galten nach 1945 nicht als NS-Opfer, sondern als Krimminelle und waren so von jeglicher Anerkennung und Entschädigung ausgeschlossen - nicht so ihre ehemaligen Verfolger, die sich über üppige Renten und Pensionen freuen konnten. Erst als es für die meisten der NS-Opfer schon zu spät war, führten einige Bundesländer Härtefallregelungen ein. Es haben bis heute 163 "Asoziale", 17 "Arbeitsverweigerer", 24 "Arbeitsscheue" und 1 "Landstreicher" jeweils eine Einmalzahlung in Höhe von knapp 2500 Euro erhalten - 205 Menschen von mehreren Zehntausend Verfolgten. Nicht die Tatsache des erlittenen Unrechts und der Verfolgung bzw. ihre Schwere entschied letztlich über die Einbeziehung in die "Wiedergutmachung", sondern Beweggründe der früheren Verfolger im Rahmen eines fortbestehenden gesellschaftlichen Kontextes.

Biografische Zusammenstellung: Andreas Jordan, Gelsenzentrum e.V., Januar 2023

Quellen:
Einwohnerregister, Meldekarte, Stadtarchiv Gelsenkirchen, ISG
Häftlings-Untersuchungsbogen, DocID: 10136960, Arolsen Archives
Listenmaterial, Von Aussenkommando Allach nach Aussenkommando Markirch, DocID: 128451808, ebda.
DocID: 128453596, ebda.,
DocID: 128638411, ebda.
DocID: 130610878, ebda.
DocID: 10136961, ebda.

Abbildungen:
1: Schreibstubenkarte KZ Dachau, DocID: 10679295, Arolsen Archives
2: Mitteilung Überstellung KZ Natzweiler, DocID: 3187304, ebda.


Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Januar 2023

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