STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Ausgrenzung erinnern


Stolpersteine Gelsenkirchen

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Verlegeort HENDRYK MATUSZAK

JG. 1882
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET

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Verlegeort BINE MATUSZAK

GEB. GADE
JG. 1882
DEPORTIERT 1942
RIGA
ERMORDET

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Verlegeort MAX MATUSZAK

JG. 1921
FLUCHT 1939 HOLLAND
'POLENAKTION' 1938
BENTSCHEN / ZBASZYN
ERMORDET IM
BESTZTEN POLEN

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Verlegeort HERMANN MATUSZAK

JG. 1911
DEPORTIERT 1942
TRANSIT-GHETTO IZBICA
ERMORDET

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Verlegeort IRMGARD MATUSZAK


GEB. MARCUS
JG. 1920
DEPORTIERT 1942
TRANSIT-GHETTO IZBICA
ERMORDET

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Verlegeort CHANA MATUSZAK

JG. 1940
DEPORTIERT 1942
TRANSIT-GHETTO IZBICA
ERMORDET

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Verlegeort BERL MATUSZAK

JG. 1941
DEPORTIERT 1942
TRANSIT-GHETTO IZBICA
ERMORDET

Verlegung geplant 12. März 2023, Verlegeort: Bismarckstr. 56

Hendryk Matuszak geboren am 28. Dezember 1882 in Kalisz / Polen war mit Bine, geborene Gade, geboren am 8. Oktober 1882 in Pabianice / Polen verheiratet.

Das Ehepaar Matuszak hatte acht Kinder: Hermann, geboren am 27. Juli 1911 in Kalisz / Polen, Frieda (Franja) geboren am 4. März 1913 in Kalisz / Polen, Abraham, geboren am 20. Februar 1915 in Kalisz / Polen, David, geboren am 24. Juli 1917 in Gelsenkirchen, Fanny geboren 1. Dezember 1919 in Gelsenkirchen (Später verheiratete Nachmani), Max, geboren am 26. Dezember 1921 in Pabianice / Polen, Cäcilie, geboren am 11. Mai 1923 in Gelsenkirchen und Adele, geboren 7. März 1927 in Gelsenkirchen .

Die zum orthodoxeren Teil der Gelsenkirchener Juden gehörende Familie Matuszak hatte bereits vor der Machtübergabe an die Nazis im Jahr 1933 ihren Lebensmittelpunkt im Gelsenkirchener Ortsteil Bismarck. Diese so genannten „Ostjuden", von denen 1933 etwa 56.000 in Deutschland und hier besonders im Ruhrgebiet lebten, behielten aufgrund der gesetzlichen Regelungen in Nazi-Deutschland ihre dann ablaufende polnische Staatsangehörigkeit. Aufgrund der komplizierten Fragen um die Staatsangehörigkeit und die Erlangung von Ausreisegenehmigungen war es gerade dieser Gruppe von Juden oft kaum möglich, aus dem nationalsozialistischen Deutschland zu fliehen. Hinzu kamen die oftmals eher bescheidenen Lebensverhältnisse dieser Gruppe Menschen - kurz: es fehlten zumeist auch die finanziellen Möglichkeiten, um eine Flucht aus Nazi-Deutschland zu organisieren.

Die Recherche zu dieser Familie gestaltete sich zunächst schwierig, da in den Archivalien verschiedenste Schreibweisen des Nachnamens verzeichnet sind. (Für andere Familienmitglieder finden sich auch die Schreibweisen 'Matuschak' o. 'Matusiak'.) Ein entscheidener Hinweis kam von der Stadt Essen in Person von Frau Strehlen (Alte Symagoge Essen). Unsere Rechercheanfrage beim Stadtarchiv Essen zu Hemann Matuszak - von dem nur bekannt war, das er zu einem nicht bekannten Zeitpunkt von Gelsenkirchen Ende der 1930er Jahre nach Essen verzogen sein sollte - brachte den Hinweis auf Hermann 'Mahpiak', dessen Frau Immgard, geborene Marcus und deren zwei Kinder Chana und Berl. Nach Abgleich von Geburtsdaten war klar, das es sich dabei um den gesuchten Hermann Matuszak und dessen Familie handelt. Für eine kurze Zeit vor der Deportation lebte Hermann und Familie an der Wiesenstr. 58 in Essen. In dieser Schreibweise 'Mahpiak' finden sich diese vier Menschen auf einer Deportationsliste ab Düsseldorf am 22. April 1942, Zielort des Deportationstransportes: das Transit-Ghetto Izbica, etwa 55 km südöstlich von Lublin. Hermann und seine Familie gehörten nicht zu den Überlebenden.

Mit dem nun vorhandenen Wissen um die Schreibweise des Nachnamens haben wir eine dezidierte Rechercheanfrage an die Arolsen Archives gestellt. In den alphabetisch-Phonetisch geordneten Zentralen Namenskartei der Arolsen Archives konnten so Dokumente aufgefunden werden, die weitere Stationen der Lebens- und Leidenswege von Angehörigen der Familie Matuszak aufzeigen, die bisher im Dunkeln lagen. Auch der Überlebende Abraham Matuszak hatte bereits am 2. Januar 1956 beim damaligen ITS (heute Arolsen Archives) nach seinen Angehörigen nachgefragt, der Brief liegt in Kopie vor. Seinerzeit konnte zu den Gesuchten keine Unterlagen aufgefunden werden. Lediglich eine ältere Suchanfrage zu Max Matuszak von seiner Schwester Frieda (Franja), seinerzeit in England lebend, lag vor. Später lebte sie in New York, sie starb am 31. Januar 2010 in Brooklyn/NY.

Transportziel Izbica

Zur Vorbereitung der neuen Deportationswelle des Frühjahrs 1942 wurden mit Erlass vom 31. Januar 1942 durch das Reichssicherheitshauptamt detaillierte Angaben zur Zahl der in den einzelnen Gestapobezirken vorhandenen Juden angefordert. Aus Düsseldorf war daraufhin gemeldet worden, dass bei einer Gesamtzahl von 3547 Juden noch 1238 für eine "Evakuierung" in den Osten infrage kommen würden. Hiervon sollten 1000 Menschen ursprünglich nach Trawniki in den Distrik Lublin des Generalgouvernements deportiert werden. Das Transportziel wurde kurzfristig nach Izbica, etwa 150 km südöstlich von Trawniki gelegen, verlegt. Auch die geplante Zahl der Deportierten wurde nicht erreicht. In der Abgangsmeldung heißt es: "Am Mittwoch dem 22.4.1942, 11.06 Uhr, hat Transportzug Nr. Da 52 den Abgangsbahnhof Düsseldorf-Derendorf in Richtung Izbica mit insgesamt 941 Juden verlassen."

Hermann, ältester Sohn von Hendryk und Bine Matuszak heiratete Ende der 1930er Jahre Irmgard Marcus. Das Ehepaar hatte zwei in Essen geborene Kinder, die am 8. Mai 1940 geborene Chana und den am 10. Juli 1941 geborenen Berl. Von Hermann Matuszak wissen wir, das er ein begeisterter Schachspieler war. Er war beim Turn- und Sportklub Hakoah im RjF/Schild Gelsenkirchen, mit der Gründung der Abteilung Schach im Frühjahr 1934 aktiv, steigerte seine organisatorischen und nachwuchsfördernden Aktivitäten besonders in den nachfolgenden Jahren. Bis zur Auflösung des Sportclubs im September 1938 setzte er sich besonders für Schachbegeisterte Jugendliche ein. Auch seine Schwester Fanny war als Leichtathletin (Jugend) in diesem Verein aktiv, ebenso einer der Brüder Matuszak, der dort Tischtennis spielte. Fanny konnte - wie ihre Schwester Frieda - nach England fliehen, emigrierte später nach Israel. Sie starb 2001 in Jerusalem

Max Matuszak wurde im Zuge der so geanannten "Polenaktion" Ende Oktober 1938 nach Bentschen/Zbaszyn deportiert und in der Folge im besetzten Polen ermordet. Frieda Matuszak soll in letzter Minute von Rabbi Selig Auerbach aus dem Abschiebetransport nach Bentschen (Zbaszyn) geholt worden sein mit dem Versprechen, dass sie sofort nach Belgien auszuwandert. Tatsächlich konnte sie stattdessen 1939 nach England fliehen.

Die Familienmitglieder Bine, Abraham, Adele, Cäcilie und Hermann Matuszak mussten dann zwangsweise in eines der Gelsenkirchener Ghettohäuser ('Judenhäuser') an der damaligen Hindenburgstr. 39 (Heute Husemannstr.) ziehen. Dort sind die Genannten am Stichtag der Volkszählung, dem 17. Mai 1939 gemeldet gewesen. Hendryk Matuszak lebte zum Stichtag der Volkszählung an der Karl-La-Force-Str.12. Die Ehe von Hendryk und Bine soll kurz zuvor geschieden worden sein.

Die Fahrt der Dora / Alija Bet

Neben der offiziellen und damit limitierten Einwanderung nach Palästina, setzten zionistische Organisationen ab Ende der 1930er Jahre verstärkt auch auf illegale Einwanderungsmöglichkeiten. Organisiert wurde das Ganze vom Mossad Alija Bet. Einer der ersten Transporte dieser Art aus Westeuropa war die Fahrt des Dampfers 'Dora', der im Juli 1939 aus den Niederlanden nach Palästina fuhr. Viele der Passagiere waren deutsche Chaluzim, die in den Niederlanden ihre Hachschara absolviert hatten."

Bruder David Matuszak gelang zu einem nicht bekannten Zeitpunkt die Flucht nach Holland. Zunächst lebte er kurze Zeit in Deventer (De Deventer Vereniging), dann in einer Jugendherberge in Assumburg (Heemskerk/NL). Er wurde dann mit dem Bus nach Amsterdam gebracht und ging an Bord des Dampfers Dora. Der Mossad-Agent Shmarya Zameret hatte in Juli 1939 in Holland die DORA unbemerkt mit fast 500 aus Deutschland geflohenen Juden beladen können. Am 12. August 1939 gelang dem Schiff die Landung bei Herzlia/Palästina. David Matuszak kehrte später nach Deutschland zurück, lebte in Köln. Er starb am 26. April 2004 in Köln.

Davids Bruder Abraham Matuszak, besuchte im Juli 1939 die Hachschara in Paderborn. Am 10. September 1939 wurde er als "feindlicher Ausländer" in Paderborn verhaftet, zunächst im Gerichtsgefängnis Paderborn, dann im Polizeigefängis Hamm inhaftiert und im Februar 1940 nach Sachsenhausen deportiert, wo er als Zugang am 3. Februar 1940 registriert wird. Er wird dann in das KZ Groß-Rosen überstellt, kommt in das Außenlager Geppersdorf (Heutiger Ortsname: Milęcice (PL)). Bei einer Selektion von Arbeitsunfähigen Häftlingen, die zur "Sonderbehandlung 14f13" in die Heil- und Plegeanstalt Bernburg a. d. Saale überstellt wurden, gilt er als "voll arbeitsfähig" und entkommt so der geplanten Ermordung in der Tötungsanstalt Bernburg. Am 16. Oktober 1942 wird Abraham Matuszak nach KL Auswitz überstellt. Am 11. April 1945 wird er als Zugang im Kdo. Brünnlitz registriert, wird auf der Häftlingsliste des KL Groß-Rosen/Kdo Brünnlitz v. 18. April 1945 genannt. Am 8. Mai 1945 wird Abraham Matuszak in Brünnlitz befreit. Er stand auf "Schindlers Liste" und wurde in am 8. Mai 1945 im Arbeitslager Brünnlitz (Unter Kontrolle des KZ Groß-Rosen) befreit. 1946 kehrte er nach Gelsenkirchen zurück, hier starb Abraham "Abbi" Matuszak am 6. Juni 1996.

Die Ausstellungshalle, im Januar 1942 von den Nazis als Sammellager für die Deportationen jüdischer Menschen aus Gelsenkirchen genutzt

Abb.: Die Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz, im Januar 1942 von den Nazis als temporäres Sammellager für die Deportationen jüdischer Menschen von Gelsenkirchen nach Riga genutzt.

In Gelsenkirchen werden mit dem Jahreswechsel 1941/42 organisatorische Vorbereitungen seitens der NS-Verfolgungsbehörden für den ersten Deportationstransport Gelsenkirchener Jüdinnen und Juden nach Riga getroffen. Am 27. Januar 1942 ging dieser Transport vom Gelsenkirchener Güterbahnhof ab. Zuvor wurden die von der anstehenden Deportation Betroffenen in einem temporären 'Judensammellager' in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz gesammelt. Darunter waren auch Hendryk und Bine Matuszak. Es ist davon auszugehen, das Hendryk und Bine bei der endgültigen Auflösung des Ghettos Riga (1.-2. November 1943) allein vor dem Hintergrund ihres Alters als "nicht Arbeitsfähig" ermordet wurden. Adele Matuszak wurde mit Schwester Cäcilie (Cilli) und Mutter Bine von Gelsenkirchen am 27.Januar 1942 nach Riga deportiert. Bine wurde in Riga ermordet. Mit Auflösung des KZ Kaiserwald in Riga seinen Außenkommandos im August 1944 wurden Adele und Cäcilie weiter nach dem KZ Stutthof verschleppt. Adele erlebte ihre Befreiung, ging für einige Zeit nach England, lebte dann als verheiratete Jungmann bis zu ihrem Tod in Holland. Cäcilie (Cilly), geborene Matuszak, verheiratet mit Hans Rosenheim, erlebte ebenfalls ihre Befreiung. Ihr Ehemann hingegen wurde im KZ Salaspils (Riga) ermordet. Sie lebte später in der ehemaligen DDR, starb am 3. Oktober 1969 in Ost-Berlin.

Berta Levie-Jungmann 2022 in Gelsenkirchen

Abb.2: Berta Levie-Jungmann 2022 in Gelsenkirchen

Die Stolpersteine, die bald an Familie Matuszak erinnern, sind in enger Abstimmung mit Berta Levie-Jungmann realisiert worden. Berta ist die Tochter von Adele Jungmann, geborene Matuszak. Adele starb am 17. Dezember 2019 in Enschede/NL. Es ist Bertas ausdrücklicher Wunsch, dass Stolpersteine für Angehörige der Familie Matuszak in Gelsenkirchen verlegt werden.

Schweigende Öffentlichkeit: Antisemitismus in Gelsenkirchen

Schändung der Grabstätte Matuszak auf dem jüdischen Friedhof Ückendorf in Gelsenkirchen, 1992. Der Protest aus der Stadtgesellschaft blieb fast gänzlich aus.

Abb. 2: Schändung der Grabstätte Matuszak auf dem jüdischen Friedhof Ückendorf in Gelsenkirchen, 1992. Protest aus der Stadtgesellschaft blieb fast gänzlich aus.

Quellen:
Arolsen Archives
Ebda. 11677722, Transportbuch des Polizeigefängnisses Hamm, 1.9.38-304.40 (Nordrheinwestfälisches Staatsarchiv, Münster
Ebda. 4094923, Zugangsliste des KL Sachsenhausen vom 3. Februar 1940 (Archivhauptverwaltung beim Ministerrat der UdSSR, Moskau)
Ebda. 140919, Zugänge im KL Groß-Rosen/Kdo. Brünnlitz (Herr Pemper, Augsburg)
Stadtarchiv Essen
Alte Synagoge Essen
Gedenkbuch Bundesarchiv
Deportationslisten jüdische Kultusgemeinde Gelsenkirchen
Volkszählung 1939, www.mappingthelives.org
Yad Vashem
Peiffer, Lorenz: Jüdischer Sport und Sport der Juden in Deutschland, Juli 2020
https://spurenimvest.de/2020/10/19/matuszek-franja/
https://spurenimvest.de/2022/10/01/matuszak-abraham/
Mapping the Lives - Ein zentraler Erinnerungsort für die Verfolgten in Europa 1933-1945: https://www.mappingthelives.org (Abruf 1/2023)
David Matuszak, http://danielabraham.net/tree/related/dora/ (Abruf 1/2023)
https://www.dutchjewry.org/drieluik/de_deventer_vereniging/
https://www.wlb-stuttgart.de/seekrieg/ksp/schwarzmeer/juden_flucht_schiffe.htm

Abbildungen:
[1] Gelsenzentrum e.V.
[2] Privatbesitz Berta Levie-Jungmann, mit freundlicher Genehmigung


Biografische Zusammenstellung: Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Januar 2023

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