STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam erinnern statt Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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HIER WOHNTE

Verlegeort JOSEF SCHLOSSSTEIN

JG. 1870
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET
16.9.1942

HIER WOHNTE

Verlegeort IDA SCHLOSSSTEIN

GEB. SCHNOCK
JG. 1875
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
ERMORDET IN
TREBLINKA

+ + Update 27.12.2021: Fritz und Elke Stockebrandt haben die Patenschaft für Ida, Markus Felten die für Josef Schlossstein übernommen. Geplanter Verlegeort in 2022: Gildenstraße 7

Josef und Ida Schlossstein mit ihrer Tochter Ilse, um 1906

Abb.1: Josef und Ida Schlossstein mit ihrer Tochter Ilse auf Norderney, um 1906

Josef Schloßstein, geboren am 2. November 1870 in Nürnberg, und Ida Schloßstein, geb. Schnock, geboren am 6. Juli 1875 in Rheydt, hatten eine Tochter, die am 27. September 1904 in Krefeld zur Welt gekommene Ilse Schloßstein. Diese heiratete in den Zwanziger Jahren den angesehenen Gel- senkirchener Zahnarzt Dr. Paul Eichengrün, mit dem sie zwei Kinder hatte. Dr. Paul Eichengrün war Anfang der Dreißiger Jahre 2. Vorsitzender des FC Schalke 04. Schon bald nach der Macht- übergabe an die Nazis wurde er aus dem Fuß- ballverein gedrängt - nur weil er Jude war.

Dr. Paul Eichengrün hatte ein großes Wohn- und Geschäftshaus an der damaligen Neustraße 7 (Ab 1937 "Stürmerstraße", ab 1946 Gildenstraße). In diesem Haus betrieb er seine zahnärzliche Praxis. In der zweiten Hälfte der Dreißiger Jahre zogen in das Haus auch Ilse Eichengrüns Eltern ein. Sie lebten in einer eigenen Wohnung in der ersten Etage. [1]

In der so genannten "Kristallnacht" vom 9. auf den 10. November 1938 wurde auch das Haus der Eichengrüns nicht von den Nazi-Horden verschont. Die Praxis und auch Wohnungen wurden von einem Mob, bestehend aus 20-25 Leuten, darunter auch viele ehemalige "arische" Patienten von Dr. Eichengrün, völlig zerstört. Laura Gabriel, die Tochter von Paul Eichengrün, berichtete später:" (...) Und dann kamen "Sie" in unser Haus. "Sie" waren wie wilde Tiere, fingen in der Küche an. Alles, aber wirklich alles wurde zerstört. Dann kam die Wohnung meiner Groß- eltern an die Reihe. (...) [2] Nicht-jüdische Zeitzeugen berichteten nach dem 2. Weltkrieg, das Dr. Eichen- grün aus einem Fenster seiner Wohnung die gegenüber liegende, brennende Synagoge fotografieren wollte. Daraufhin sei er von Nazi-Schergen brutal mißhandelt worden.


Dr. Paul Eichengrün mit Frau Ilse und Tochter Lore auf Norderney, um 1930


Abb.2: Ein Foto aus glücklichen Tagen: Dr. Paul Eichengrün mit Frau Ilse und Tochter Lore auf Norderney, um 1930

Von der fortschreitenden Diskriminierung, Aus- grenzung und finanziellen Ausplünderung der Ju- den war auch Dr. Paul Eichengrün betroffen. So erloschen beispielsweise zum 30. September 1938 "per Gesetz" alle Approbationen jüdischer Ärzte. Sie durften sich von nun an - sofern sie eine je- derzeit widerrufliche Genehmigung des Reichs- innenministeriums auf Vorschlag der Reichsärzte- kammer besaßen - nur noch "Krankenbehandler" nennen und ausschließlich jüdische Patienten behandeln.[3]

Nach seiner Flucht aus Nazi-Deutschland wurde Dr. Paul Eichengrün nachträglich der Doktortitel aber- kannt.[4] Die "rechtliche Grundlage" – leider muss man diesen Terminus in diesem Zusammenhang be- nutzen – bildete das "Gesetz über die Führung akademischer Grade" von 1939. Als ihrer akademischen Titel "unwürdig" wurden all jene befunden, die aus Deutschland geflohen waren und denen der Staat daraufhin die Staatsangehörigkeit entzogen hatte. [5] Das erschwerte Dr. Paul Eichengrün in die USA den beruflichen Neuanfang, er konnte lediglich eine Arbeit als Zahntechniker finden.

Karte Zentrale Transportkartei Theresienstadt, Ida Schloßstein

Abb.3: Zentrale Transportkartei Theresienstadt, Ida Schloßstein (Arolsen Archives). Von den mit diesem Menschentransport in das Vernich- tungslager Treblinka verbrachten 2005 Menschen überlebte eine Person, 2004 Menschen wurden in den Gaskammern von Treblinka ermordet.

Den Eltern von Ilse Eichengrün gelang es nicht mehr, noch rechtzeitig vor den Ende 1941, Anfang 1942 einsetzenden Deportationen jüdischer Menschen aus Deutschland herauszukommen. Nach der Pogrom- woche wurden Josef und Ida Schloßstein in eines der so genannten Gelsenkirchener "Judenhäuser" an der Klosterstraße 21 eingewiesen. Das Ehepaar Schloßstein wurde schließlich am 31. Juli 1942 gemein- sam mit anderen jüdischen Menschen mit dem dritten, größeren "Judensammeltransport" von Gelsen- kirchen in das KZ Theresienstadt deportiert. Josef Schloßstein starb unter nicht bekannten Umständen am 16. September 1942 in Theresienstadt. Ida Schloßstein wurde von Theresienstadt mit einem der Folge- transporte weiter in das Vernichtungslager Treblinka nordöstlich von Warschau verschleppt und dort noch am Ankunftstag, den 23. September 1942, in der Gaskammer ermordet. [6].

Quellen:
[1] Vgl. auch: "Kindertransport nach England und Rettung der Familie - Die Familie Eichengrün" in Stefan Goch, "Jüdisches Leben, Verfolgung-Mord-Überleben", S.157-171. Essen 2004.
[2] ebda.
[3] Vgl. auch: Jüdische Ärzte in der NS-Zeit: „Wir waren Ausgestoßene“ in Dtsch Arztebl 2006; 103(11): A-676 / B-579 / C-559
[4] Universitätsarchiv Leipzig, "Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger" vom 11. Februar 1942, darin: Mitteilung über die Aberkennung des akademischen Grades von Dr. Paul Eichengrün, veröffentlicht am 11. Februar 1942. Medizinische Fakultät, Heidelberg
[5] Thomas Röbke, "Verstoßen und Vergessen", in "DIE ZEIT", Ausgabe 31, 2006
[6] Gedenkbuch BA, Koblenz

Abb.1,2: Privatbesitz Familie Gabriel-Oakes (Eichengrün)
Abb. 3: Arolsen Archives, 1 Incarceration Documents / 1.1 Camps and Ghettos / 1.1.42 Theresienstadt Ghetto / 1.1.42.2 Card File Theresienstadt / Ghetto Theresienstadt Card File, Reference Code 11422001


Biografische Zusammenstellung: Andreas Jordan, STOLPERSTEINE Gelsenkirchen, August 2011. Editiert 12/2020

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