STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN
Die Dabeigewesenen - Gelsenkirchen 1933–1945

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Von NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Schweigenden und Zuschauer/innen
Wilhelm Rüter
 Abb.: Mitgliederkartei der NSDAP: Wilhelm Rüter
Der am 2. März 1908 in Sterkrade (Oberhausen) geborene Wilhelm Rüter trat bereits am 1.5.1933 in die NSDAP ein, Mitgliedsnummer 2863654, Ortsgruppe Oberhausen, Gau Essen.
In der Zentralkartei der NSDAP findet sich auf der Karteikarte von Wilhelm Rüter ein Porträtfoto (datiert auf den 7. Juli 1936), diese Fotos wurden im Zusammenhang mit der Ausstellung eines NSDAP-Mitgliedsbuches aufgeklebt. Ein Anspruch auf Tausch der NSDAP-Mitgliedskarte gegen ein NSDAP-Mitgliedsbuch bestand ab 1933 nach zweijähriger Mitgliedschaft in der NSDAP.

Abb.: Ausschnitt aus der so genannten "Entnazifizierungsakte" vom 6.12.1946 Rüter, Wilhelm (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Bestand NW 1015, Signatur 6770).

Abb.: Ausschnitt aus der so genannten "Entnazifizierungsakte" vom 6.12.1946 Rüter, Wilhelm (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Bestand NW 1015, Signatur 6770): Rüter verschleiert im Fragebogen ausgefüllt am 6.12.1946, das der "erworbene" Grundbesitz der Familie Gompertz aus vormaligem jüdischen Eigentum stammt. Rüter nennt im Fragebogen eine Quadratmeterzahl von 200m² für das Objekt, tatsächlich sind es rund 1000 m² umbaute Gewerbe- und Wohnfläche auf vier Etagen (zggl. Kellerräume u. Dachboden). Die in einem weiteren Fall angegebene Erben Lepehne waren ebenfalls deutsche Juden, über die Hintergründe des "Erwebs" dieser Immoblie an der Oberhausener Marktstr. 47 durch Wilhelm Rüter und seinem Bruder Alfred Rüter ist bisher von uns nicht recherchiert worden. Bruder Alfred gehörte ebenso zu den Arisierungsgewinnlern, er "kaufte" die Immobilie des Juden Hermann Fruchtzweig (1938) und des ebenfalls jüdischen Max Bein (Marktstr. 45 in Oberhausen) im Jahr 1939.

Abb.: Ausschnitt aus der so genannten "Entnazifizierungsakte" vom 27.8.1946 Rüter, Alfred (Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Bestand NW 1015, Signatur 6772): Es klingt wie Hohn, wenn Alfred Rüter u.a. behauptet "daß die Verkaufsverhandlungen niemals unter irgendeinem Druck, sondern stets in fairer Weise auf der Basis völliger Gleichberechtigung erfolgt sind." - Die in vielen Fällen als „fair“ oder „marktüblich“ getarnte Preise waren in der Regel Bruchteile des tatsächlichen Wertes, zudem wurden die Erlöse oft auf Sperrkonten blockiert, auf die die Eigentümer kaum Zugriff hatten.
Der Kaufmann Wilhelm Rüther betrieb in Gelsenkirchen ein Schuhgeschäft an der Bahnhofstraße, gegenüber dem Pelzhaus von Leo Gompertz. Im Anschluss an die beschämenden Ereignisse der so genannten "Reichskristallnacht" (9. November 1938) wurde Leo Gompertz mit weiteren Gelsenkirchener Juden in so genannte "Schutzhaft" genommen und in das Polizeigefängnis an der Ahstr. 24 / Machensplatz in Gelsenkirchen eingeliefert. Auch Leo Gompertz wurde im Gefängnis bedroht, geschlagen und gedemütigt. Am 15. November 1938 wurde Leo Gompertz wieder aus der so genannten "Schutzhaft" entlassen, zusammen mit den anderen Juden, die der damalige Kreiswirtschaftsberater der NSDAP bei der Entlassung vor dem Gefängnisgebäude antreten liess.
Bei diesem "Schlussappell" wurde u.a. auch Leo Gompertz der Befehl erteilt, unverzüglich sein Geschäft zu liquidieren und seinen Grundbesitz zu einem Bruchteil des tatsächlichen Wertes an einen bereits vor- bestimmten Interessenten zu veräußern. Zwei Tage später fand dann der "Verkauf" des Grundbesitzes Bahnhofstraße 22/Ecke Klosterstraße an Wilhelm Rüter statt. Die Auflassung lt. Grundbuch datiert auf den 17. November 1938, der "Kaufvertrag" ist auf den 18. November 1938 datiert.

Abb. Bauplan Wohn- und Geschäftshaus Bahnhofstr.22/Ecke Klosterstr., 1. u. 2. Obergeschoß. 1909 mietete Albert Gompertz sen. im Zuge der Expansion seines Pelzhauses den Gebäudekomple, einige Jahre später kaufte er das Gebäude. (Quelle: Privat/Familie Gompertz)
Im 2. Weltkrieg hat das Haus Bahnhofstraße 22/Klosterstraße 2 schwere Bombenschäden erlitten. Es wurde durch den im Rahmen des von Leo Gompertz Ende 1949 angestrengten Wiedergutmachungsverfahrens eingesetzten Treuhänder zutreffend als Totalschaden bezeichnet.
Rückgabepflichtig war der damalige Käufer und neue Besitzer Wilhelm Rüter, der von der "Arisierung" profitiert hatte. Gegen eine Nachzahlung von 35.000 DM verzichtete Leo Gompertz in einem Vergleich vom 5. September 1950 schließlich auf seine Ansprüche. Ob Leo Gompertz diese Nachzahlung dann auch tatsächlich von Wilhelm Rüter erhalten hat, ist nicht bekannt. Bekannt hingegen ist, das Rüter das Haus (Bahnhofstr. 22) wieder aufbauen ließ und es sich auch heute noch in Besitz der Familie Rüter (Rüter Schuhe) bzw. deren Nachfahren (Kirsch) befindet.
Weitere Informationen zur Familie Leo Gompertz
Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. August 2017, ed.4/2026.
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