STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

Gemeinsam gegen das Vergessen


Stolpersteine Gelsenkirchen

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Verlegeort BENJAMIN POSNER

JG. 1864
GEDEMÜTIGT/ENTRECHTET
TOT 2.3.1940




Verlegeort CAROLA HERZ

GEB. POSNER
JG. 1897
DEPORTIERT 1942
RIGA
1944 STUTTHOF
ERMORDET 5.1.1945

Verlegeort HILDEGARD HERZ

JG. 1917
VERH. BUDD
FLUCHT 1938
ENGLAND

Verlegung März 2020, Vohwinkelstraße 12

Karteikarte Reichsvereingung der Juden - Bewjamin Posner

Abb.1: Karteikarte Reichsvereingung der Juden

Der Viehhändler Benjamin Posner, geboren am 1. September 1864 in Norden, starb am 2. März 1940 in Gelsenkirchen und wurde auf dem jü- dischen Friedhof in Gelsenkirchen-Ückendorf beerdigt. Seine Frau, eine geborene Mendel, stammte aus Linnich im Kreis Jülich und wurde dort am 1. Juni 1860 geboren. Sie starb bereits vor ihrem Mann am 12. September 1933 und wurde ebenfalls auf dem jüdischen Friedhof in Gelsenkirchen-Ückendorf beerdigt.

Der Witwer Benjamin Posner hat mit Stichtag der Volkszählung im Deutschen Reich, dem 17. Mai 1939, wie seine Tochter Carola, verheiratete Herz, geboren am 13. Mai 1897 in Gelsenkirchen an der Vohwinkelstraße 12 gelebt. Carola hatte im Mai 1916 den Bochumer Metzger Max Moses Herz geheiratet, lebte vorrübergehend in Bochum am Moltke- platz (heute Springerplatz) doch die Ehe hatte keinen Bestand und wurde geschieden. Carolas Tochter Hildegard Herz, geb. am 3. September in Bochum, gelang 1938 von Gelsenkirchen die Flucht nach England. Sie heiratete und starb 101-jährig in London.

Juden vor der Deportation in einer Sammelstelle in Bielefeld

Abb.2: Juden vor der Deportation in einer Sammelstelle in Bielefeld. Auch im Gelsenkirchener Sammellager mussten die Menschen wie Tiere auf Stroh liegen, während sie auf ihre Deportation warteten.

Carola Herz wurde Ende der Dreißiger Jahre zwangsweise in eines der Gelsenkirchener "Judenhäuser", hier in das an der Von-Scheub- ner-Richter-Str. 54 (Nr. 67*)(heutige Ringstraße) eingewiesen. Am 27. Januar 1942 wurde auch Carola Posner mit dem ersten großen Depor- tationstransport, der Gelsenkirchen verließ, nach Riga in Lettland verschleppt. Zuvor waren mehr als 350 jüdische Gelsenkirchener*innen im tem- porären "Judensammellager" in der Ausstel- lungshalle am Wildenbruchplatz gesammelt und eingepfercht worden, weitere jüdische Menschen aus umliegenden Städten wurden mit Lastwagen und Bussen nach Gelsenkirchen verbracht und ebenfalls mit diesem Menschentransport deportiert. In der Ausstellungshalle mussten die Menschen entwürdigend auf Stroh kampieren, Frauen und Mädchen wurden gynäkologisch nach versteckten Wertsachen durchsucht.

Zunächst im Ghetto Riga gefangen, wurde Carola in das neu errichtete KZ Riga-Kaiserwald 'überstellt'. Mit dem Näherrücken der Roten Armee und der darauf erfolgenden Auflösung des KZ Kaiserwald und seiner Neben- und Außlager im August 1944 wird auch sie auf dem Seeweg in das KZ Stutthof bei Danzig verschleppt, wo sie schließlich am 5. Janauar 1945 ermordet wurde.

Gerettete Fotos sind einzige Lebensspuren

Helene Jaschinski, die Großmutter von Sabine Donat, war damals mit Angehörigen der Familie Posner befreundet, hat diese im "Judenhaus" an der heutigen Ringstraße regelmäßig mit Lebensmitteln unter- stützt. Sabine Donat erzählte uns anlässlich der Stolpersteinverlegung 2012: "Durch eine im Erdge- schoß des Nebenhauses gelegene Schneiderei gelangte meine Großmutter in das Haus. Die Inhaberin der Schneiderei ließ sich ihr Schweigen mit Lebensmitteln bezahlen. Auf dem Speicher des Hauses waren in der die Häuser trennenden Giebelwand einige Ziegel lose. Wenn man die heraus nahm, gelangte man in das "Judenhaus" und konnte die Lebensmittel übergeben. Wäre meine Oma erwischt worden - sie wäre wohl im KZ gelandet."

Einzig zwei alte Fotos hatte Helene Jaschinski damals kurz nach der Deportation im Januar 1942 der Familie Posner aus deren Unterkunft im "Judenhaus" retten können: Ein Hochzeitsfoto von Carl und Ella Posner und eines, auf dem Lotte Posner mit zwei anderen Kindern zu sehen ist. "Kurz nach dem Krieg kam ein junger Mann zu meiner Oma und sagte ihr, dass Familie Posner von den Nazis ermordet wor- den ist. "Oma hat in ihrer Aufregung damals nicht nach seinem Namen gefragt" erzählte Sabine Donat, "Die Fotos von Familie Posner hatte Oma all die Jahre aufgehoben. Nach ihrem Tod sind sie dann in meine Hände gelangt. Vor vielen Jahren habe ich begonnen, nach Angehörigen der Familie Posner zu suchen, wollte die Fotos übergeben - leider bisher erfolglos. Diese Erinnerungsstücke wären doch in der Familie am besten aufgehoben." Sabine Donat hat 2012 mit ihrem Mann die Patenschaft für Stolper- steine übernommen, die an der Gelsenkirchener Arminstraße 1 an einen weiteren Zweig der Familie Posner erinnern. Nun sind direkte Nachfahren gefunden, Sabine Donat plant, die geretteten Fotos bei der Verlegung im März 2020 an Nachfahren von Hildegard Budd zu übergeben - diese wollen zur Verlegung der Stolpersteine für Benjamin, Carola und Hildegard aus England anreisen.

Quellen:
Einwohnerkartei, ISG Gelsenkirchen
Listenmaterial Deportationen Gelsenkirchen, StA GE
*Liste des Wiedergutmachungsamtes Gelsenkirchen 1963, LBI, New York nennt Nr. 67

Abbildungen:
[1] Digital Collections ITS, Bad Arolsen, Bestand 1.2.4.1.: Reichsvereinigung der Juden (Kartei)
[2] Yad Vashem Fotoarchiv, 5250/36


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Januar 2020

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