STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

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Brehm, Roland

Roland Brehm (1918-2008) kam im Sommer 1941 als junger Polizeioffizier zum Polizeipräsidium Reck- linghausen, das damals auch für Gelsenkirchen zuständig war. Im September 1941 wurde er als Zugführer zum Reserve-Polizeibataillon 65 abgeordnet, das sich zu diesem Zeitpunkt "im auswärtigen Einsatz" befand. In der Sowjetunion und im besetzten Polen führte das Bataillon regelmäßig Vernichtungsaktionen gegen die jüdische Bevölkerung durch. Später gab Brehm zu, an mindestens einer Massenerschießung bei Krakau beteiligt gewesen zu sein, betonte aber, nicht selbst geschossen zu haben. Im Jahr 1943 wurde er zur Polizei-Reiterabteilung III versetzt. Diese Einheit machte im Rahmen der sogenannten "Bandenbe- kämpfung" in den Wäldern und Sumpfgebieten Polens erbarmungslos Jagd auf Partisanen und entflohene Jüdinnen und Juden, unter anderem auch auf die Menschen, die nach einem Häftlingsaufstand im Oktober 1943 aus dem Vernichtungslager Sobibor entkommen waren. Die meisten von ihnen wurden erschossen.

Nach dem Untergang des "Dritten Reiches" konnte Brehm zunächst unbeanstandet Polizist bleiben. Bis März 1946 war er Reviervorsteher bei der Stadtpolizei Gelsenkirchen, wurde dann wegen seiner Mitglied- schaft in SS und SA entlassen, aber bereits wenige Monate später wieder eingestellt. Im September 1947 erfolgte die erneute Entlassung, nachdem er durch die Militärregierung in die Entnazifizierungskategorie III eingereiht worden war. Brehm legte Berufung ein und arbeitete für einige Monate als Bergmann. Im Juni 1948 endgültig als "Entlasteter" entnazifiziert, stand seiner Rückkehr in den Polizeidienst nichts mehr im Weg. In den folgenden Jahrzehnten übernahm Brehm wichtige Posten bei der nordrhein-westfälischen Polizei, vor allem in Gelsenkirchen. Zwischen 1963 und 1972 leitete er den Schutzbereich Gelsenkirchen-Süd. In dieser Zeit ermittelten die Staatsanwaltschaften Braunschweig und Dortmund gegen Brehm wegen der Verbrechen des Reserve-Polizeibataillons 65 und der Polizei-Reiterabteilung III. Die Verfahren wurden aber eingestellt, da Brehm für sich "Befehlsnotstand" geltend machen konnte.

Seinen Karrierehöhepunkt stellte die Ernennung zum Leiter der Schutzpolizei in Warendorf ab 1972 dar. Kurz vor dem Ruhestand kehrte er noch einmal zum Polizeipräsidium Gelsenkirchen zurück. Als Brehm 1978 pensioniert wurde, würdigen ihn die Gelsenkirchener Zeitungen als vorbildlichen Polizisten. Er selbst betonte zum Abschied: "Ich habe nur meine Pflicht getan."

Von der "Pflicht" des Roland Brehm vor 1945:

Der Zeuge Josef Dargel sagte nach 1945 in einem Ermittlungsverfahren u.a. folgendes aus:

"Unter Führung von Leutnant Roland Brehm, Führer des 2. Zuges in der 1. Kompanie, der heute noch Offizier bei der Polizei Gelsenkirchen ist, fuhren wir zu einem jüdischen Krankenhaus. (...) Ich kam u.a. in ein Krankenzimmer und hier sagte mir der Arzt, es handele sich um eine frisch operierte (Blinddarm) Patientin und diese wäre nicht transportfähig. Ich antwortete ihm, dass wir aber alle Insassen abzuliefern hätten bzw. die Zahl, die auf dem Schein stand. Und wenn sie nicht mitkönne, so müsse er oder ein paar andere Ärzte mitkommen. Mit diesen Menschen, genau 46 an der Zahl, fuhren wir zu einem uns bekannten Platz im Wald.

Vorweg möchte ich noch eine traurige Geschichte zu Protokoll geben, die sich im Krankenhaus zutrug. U.a. hatten wir eine alte Krankenschwester mit zu verladen. Diese zeigte mir ein EK I aus dem I. Weltkrieg und sagte mir, dass sie im l. Krieg Krankenschwester war. Außerdem bot sie mir Geld und Schmuck an und ich sollte ihr das Leben retten. Ich konnte es doch nicht aus der dama- ligen Situation heraus. Ich nahm zwar das Geld und den Schmuck an mich und gab beides den mit anwesenden SS-Männern.

(...) Die frisch operierte Frau (...) durfte bei der Erschießung ihr Nachthemd anbehalten. Sie wurde an die Grube getragen. Ich selbst wurde durch Brehm dazu bestimmt, als Schütze in der Grube zu fun- gieren. Zuvor musste ich nämlich, ich will jetzt hier die volle Wahrheit sagen, mit als Schütze an der Grube fungieren. (...) Das Kommando war erst zur Grube gefahren. Dort war Leutnant Brehm feder- führend und SS. Es lag schon eine Vielzahl nackter Leichen in der Grube. Eine Vielzahl von Opfern lief noch entkleidet an der Grube herum. Die Toten mussten vorher noch mit Kalk beschüttet werden. Ich wurde zum Exekutionskommando eingeteilt. Geschossen wurde mit Karabinern. Feuerkom- mando wurde nicht erteilt. Es wurde wahllos auf die an der Grube knienden Opfer geschossen.

Da wir mit den Karabinern auf eine so kurze Entfernung schössen, waren wir, und so auch ich, mit Blut bespritzt und auch mit Teilen aus dem Gehirn, da wir meist auf den Kopf zielten. Es gab reichlich Schnaps und Zigaretten und gute Verpflegung. Man machte uns praktisch betrunken, damit wir dieses grausige Geschäft überhaupt durchführen konnten. Exekutiert worden ist den ganzen Tag über. (...) An der Grube spielten sich grauenhafte Szenen ab. Manche der Opfer sprangen gleich so in die Grube. Die Menschen schrieen auf die grauenhafteste Weise und so blutbespritzt wie ich war und außerdem angetrunken, konnte ich ganz einfach nicht mehr mitmachen. Ich muss, wenn ich mich heute noch erinnere, geheult haben wie ein Schlosshund. Auf Grund dieser Tatsache hat mich dann Brehm mit dem schon vorher erwähnten Kommando ins Krankenhaus geschickt."

Beteiligung am Völkermord blieb unerwähnt

Lokalpresse: Brehm wird 1978 verabschiedet

Abb.: Artikel in der Lokalpresse 1978: Roland Brehm wird verabschiedet, seine Zugehörigkeit zum Polizeibatallion 65 und seine damit verbundene Verstrickung im Völkermord blieb gänzlich unerwähnt.

Quellen: Vgl. Daniel Schmidt (Hrsg.): Gelsenkirchen im Nationalsozialismus. Katalog zur Dauerausstellung, Schriftenreihe des Instituts für Stadtgeschichte. Materialien, Band 12. Essen, 2017
Aussage Zeuge Dargel: Vgl. Stefan Klemp, "Nicht ermittelt" Polizeibatallione und die Nachkriegsjustiz. Essen 2005


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Dezember 2018.

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