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Karl Lukass

Der Lehrer und langjährige Schriftführer des FC Gelsenkirchen-Schalke 04 Karl Lukass passte sich aus Sorge um seine berufliche Stellung ebenfalls den Verhältnissen im "Dritten Reich" an. Er hatte am 28. Oktober 1895 das Licht der Welt in Herne erblickt. Nach dem Besuch der Evangelischen Volksschule in Herne von 1902 bis 1910 konnte er von 1910 bis 1913 die Evangelische Präparanden-Anstalt und anschließend das Evangelische Lehrerseminar besuchen. Als Karl Lukass dann seine durch den Einsatz als Soldat im Ersten Weltkrieg unterbrochene Lehrerausbildung abgeschlossen hatte, fand er eine Arbeitsstelle als Volksschullehrer bei der Stadt Gelsenkirchen ab 16. April 1920. Obwohl er sich durch Mittelschullehrerkurse 1926 bis 1928 weiterbildete, blieb er bis zum 30. Juni 1942 Volksschullehrer. Dann gelang ihm der Übergang zu einer auch besser dotierten Lehrerstelle. Ab 1. Juli 1942 arbeitete er als Realschullehrer in Gelsenkirchen.

Zu Zeiten der Weimarer Republik gehörte Karl Lukass der SPD an, die in Preußen regierende Partei war und gerade auch unter Volksschullehrern einige Anhänger hatte. Nach der Übergabe der Macht trennte sich Karl Lukass aber schnell von seinen alten Orientierungen. Ab 1. Mai 1934 gehörte er der NSV an und wurde ab 1. April 1937 (nach eigenen Angaben nach der Befreiung vom Nationalsozialismus) »aushilfs- weise mit der Amtsverwaltung der NSV betraut«. Dem Nationalsozialistischen Lehrerbund gehörte Karl Lukass ab 1. Juli 1935 an. In die NSDAP gelangte er aber erst nach der weitgehenden Aufhebung der Mitgliedersperre - ab 1. Mai 1937 mit der Mitgliedsnummer 4.445.224. Von der evangelischen Kirche trennte er sich 1937 "wegen Streitigkeiten in der Landeskirche" und ging zu den nationalsozialistischen »Deutschen Christen«. Im Zweiten Weltkrieg wurde Lukass vom Militärdienst wegen seines Lehrerberufs zurückgestellt. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus kehrte Lukass aus einem KLV-Lager in Oberbayern in seinen Lehrerberuf in Gelsenkirchen zurück.

Auf Anordnung der Militärregierung wurde er am 30. April 1946 vom Schulamt mit sofortiger Wirkung und bis auf Weiteres vom Schuldienst beurlaubt, ebenso wie auch die Einstellung der Zahlung der Dienstbezüge angekündigt wurde. Nach dem Beschluss des Entnazifizierungsausschusses vom 29. September 1946, der Lukass für politisch tragbar erklärt hatte, konnte dieser seine Unterrichtstätigkeit an der städtischen Knaben-Mittelschule am 17. Oktober 1946 aber wieder aufnehmen.

Mit einem Brief vom 5. Juli 1946 hatte Karl Lukass sein Verhalten während des »Dritten Reiches« gerechtfertigt: »Durch Verfügung der Militärregierung vom 30.4.1946 bin ich vom Schuldienst beurlaubt. Ich bitte, meine politische Haltung nochmals zu überprüfen und mich zum Schuldienst wieder zuzulassen. [...] 1919 trat ich in die Sozialdemokratische Partei Herne ein und war Mitbegründer und Mitglied des Sozialistischen Lehrervereins Herne. Beim Kapp-Putsch setzte ich mich aktiv für die Erhaltung der Weimarer Republik ein. Im Provinzialvorstand des Junglehrerverbandes Westfalen war ich Schriftführer und später langjährig Vorstandsmitglied des Fußballklubs Schalke 04. Bis 1933 habe ich gegen die NSDAP gesprochen und gehandelt [...] Mein Eintritt in die NSDAP zählt vom 1.5.1937. Ich war nur Parteianwärter, weil ich kein Mitgliedsbuch erhalten habe.

Ich habe keine Ideen der Partei vertreten, mich nur sozial betätigt. [Absatz] Als die Nazis zur Macht kamen, war ich wegen meiner politischen Vergangenheit in Sorge um meine Stellung. Weil man in Herne meine politische Haltung kannte, besuchte ich mein dortiges Elternhaus nur in der Dunkelheit. Auf Drängen trat ich der NSV bei und wurde dort später als Aushilfskraft ehrenamtlich beschäftigt. [Absatz] Am 1.4.37 übertrug man mir als Nichtmitglied der Partei aushilfsweise ehrenamtlich die NSV-Ortsgruppe Schalke. Ich wurde aber von der Partei im Amte nicht ernannt, nicht eingeführt, nicht bestätigt und nicht vereidigt. Einer späteren Aufforderung der Partei, Ahnentafel und politischen Fragebogen einzureichen, damit die Partei meine Bestätigung erwäge, kam ich nicht nach. Ich habe demnach kein Amt in der Partei besessen. Ich war froh, als ich mit dem Abgang in die KLV 1943 meine Tätigkeit in der NSV einstellen konnte. Der Ortsgruppenleiter Ehlen erkannte meine Stellung nicht an, weil ich kein Nationalsozialist sei. Er verbot mir jede NSV-Tätigkeit in seiner Ortsgruppe. [Absatz] Mein Beitritt zu den Deutschen Christen erfolgte auf Drängen eines einflussreichen Parteimitgliedes. Ich habe aber den Deutschen Christen nur wenige Wochen angehört und bin baldmöglichst ausgetreten.«

Der deutsche Entnazifizierungsausschuss reihte Lukass schließlich am 18. Februar 1948 in Kategorie IV als Mitläufer ein. Der Lehrer ging am 1. April 1961 in den Ruhestand, konnte aber wegen des Lehrer- mangels in dieser Zeit noch bis 1970 auf Honorarbasis weiterarbeiten. Er starb am 31. März 1976 in Gelsenkirchen.

Quelle: Stefan Goch, Norbert Silberbach: Zwischen Blau und Weiß liegt Grau. Der FC Schalke 04 in der Zeit des Nationalsozialismus, Essen 2005. S.115-116


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Juli 2017.

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