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Hermann Koriath

Innerhalb Westfalens benutzten die Schalker bei der Anreise zu Auswärtsspielen in den 1930er Jahren bereits einen Mannschaftsbus, den Hans Koriath stellte, der bis 1931 selbst für den FC Gelsenkirchen-Schalke gespielt hatte. Der am 3. Januar 1901 in Gelsenkirchen geborene, von Zuwanderern aus Neiden- burg abstammende Hermann Koriath profitierte von einer "Arisierung" und übernahm günstig ein Haus jüdischer Bürger. Einige Jahre nach seiner Zeit als aktiver Fußballspieler beim FC Gelsenkirchen-Schalke 04 kaufte der nun als Busfahrer tätige Hermann Koriath von der Familie des jüdischen Bauunternehmers Ferse ein Mehrfamilienhaus an der Margarethenstraße 6.

Die Familie Ferse betrieb ein alteingesessenes Bauunternehmen in Gelsenkirchen. Hermann Koriath kaufte das Grundstück und Gebäude Margarethenstraße 6 von Landgerichtsdirektor a.D. Dr. Hermann Ferse in seiner Eigenschaft als Testamentsvollstrecker für die Erben der verstorbenen Eheleute Bernhard und Julie Ferse. Erben waren die Kinder Bernhard Ferses Max Ferse, Dr. Hermann Ferse selbst, Martha Wertheim, geb. Ferse, sowie Johanna Stern, geb. Ferse. Koriath zahlte 1938 (Kaufvertrag vom 28. Sep- tember 1938 und Eintragung in das Grundbuch am 4. November 1938) für das Haus an der Margarethen- straße 6 einen Preis von 19.000 RM, womit der Einheitswert von 20.690 RM unterschritten wurde. Nach anderen Angaben lag der Einheitswert bei 19.380 RM. Der Verkehrswert des Grundstücks lag nach Auffassung des United Restitution Office aus den Zeit nach der Befreiung vom Nationalsozialismus mit 27.000 RM deutlich über dem Kaufpreis. Die Familie stand im Nationalsozialismus offensichtlich unter erheblichem Druck und verlor in mehreren Schritten das Unternehmen, die Immobilien und auch das Vermögen. Für Max Ferse und seine Frau Antonie ist nachgewiesen, dass sie am 27. Januar 1942 aus Gelsenkirchen in das Ghetto Riga deportiert wurden. Das Ehepaar ist dort verschollen. Auch weitere Mitglieder der Familien lebten nach der Befreiung vom Nationalsozialismus nicht mehr (Max Ferse, Dr. Hermann Ferse und Martha Wertheim).

Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus stellte zunächst die Jewish Trust Corporation als Treuhän- derin erbenlosen jüdischen Vermögens einen Antrag auf Vermögensrückerstattung aus dem Nachlass Hermann Ferses. Auch überlebende Mitglieder der Familie Ferse, überwiegend nun aus der nächsten Generation, stellten einen Rückerstattungsantrag. Am 2. August 1952 zog sich jedenfalls die JTC aus dem Rückerstattungsverfahren zurück. Im Ergebnis des nicht vollständig überlieferten Rückerstattungsver- fahrens kam es am 6. März 1953, ausgefertigt am 9. März 1953, zu einem Vergleich, nach dem Hermann Koriath 2.600 DM in Raten an die Erben Ferse zahlte, die damit auf weitere Ansprüche verzichteten und Haus und Grundstück Hermann Koriath überließen. Das Haus war allerdings im November 1944 zu 60% kriegszerstört worden.

Für den Wiederaufbau des zerstörten Hauses hatte der FC Gelsenkirchen-Schalke 04 Hermann Koriath ein Darlehen in Höhe von 9.300 DM gewährt und diesen dabei verpflichtet, nur Vereinsmitglieder als Mieter aufzunehmen. Im Januar 1952 waren dies Koriath selbst, Szepan, Kwiatkowski und Milberg. Zeitweise wohnten in dem Haus nach dem teilweisen Wiederaufbau 1948 bis 1951: Dargaschewski, Burdenski, Matczek, König, Milberg, Szepan und Kwiatkowski. Ein Hinweis auf eine Beteiligung des Fußballvereins an dem Verkauf des Hauses an Hermann Koriath findet sich in den überlieferten Unterlagen nicht, das Darle- hen kann nur als Unterstützung eines Vereinsmitgliedes aus der engeren Vereinsfamilie und als (soziale) Maßnahme für Vereinsmitglieder in Zeiten größter Wohnungsnot interpretiert werden. Mindestens der Vorgang insgesamt dürfte allerdings in der Nachkriegszeit zentralen Akteuren des Vereins bekannt gewesen sein, ein am Rückerstattungsverfahren beteiligter Rechtsanwalt war z.B. auch der spätere Vereinsvorsitzende (1953-1958) Albert Möritz.

Quelle: Stefan Goch, Norbert Silberbach: Zwischen Blau und Weiß liegt Grau. Der FC Schalke 04 in der Zeit des Nationalsozialismus, Essen 2005. S.178-180


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. August 2017.

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