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Abteilungsleiter Heinrich Beßmann

Die für die bürokratische Durchführung der Verfolgungsmaßnahmen gegen Sinti und Roma im Raum Gelsenkirchen zentrale Person im Stadtpolizeiamt war Heinrich Beßmann, der auch fast während der ganzen Zeit des "Dritten Reiches" in dieser kommunalen Behörde beschäftigt war. Heinrich Beßmann war über das Militär zu einer Beamtenlaufbahn gekommen. Am 29. Juli 1880 in Hiltrup im Kreis Münster als Sohn eines katholischen Weichenstellers geboren, hatte Heinrich Beßmann zunächst von 1886 bis 1894 die Volksschule besucht und dann fünf Jahre in einer Gärtnerei als Gehilfe gearbeitet.

In einem Kürassier-Regiment war er vom 2. Oktober 1899 bis 10. Juli 1912 Berufssoldat und war dabei u.a. an der Eroberung deutscher Kolonien, beispielsweise an den Kämpfen in Südwestafrika 1907 beteiligt. Sofort nach dem Ende seiner Militärzeit, die er in der Stellung eines Vizewachtmeister beendete, trat Beßmann am 11. Juli 1912 in die Dienste der Stadt Gelsenkirchen. Am 15. April 1913 wurde er zum Beamten auf Probe ernannt. Ein halbes Jahr später wurde er endgültig Beamter der Stadt Gelsenkirchen und arbeitete als Verwaltungsassistent beim städtischen Fuhrpark. Während des gesamten Ersten Weltkrieges, konkret in der Zeit vom 2. August 1914 bis zum 13. Dezember 1918, mußte Heinrich Beßmann dann erneut als Soldat dienen, zuletzt im Rang eines Feldwebelleutnants. Bei seiner Rückkehr zur Gelsenkirchener Stadtverwaltung am 23. Dezember 1918 wurde er bei der Schulverwaltung eingesetzt.

In den Jahren der demokratischen Weimarer Republik durchlief Heinrich Beßmann eine typische Verwal- tungslaufbahn. Nachdem er 1919 Verwaltungssekretär geworden war, wurde er 1922 Oberstadtsekretär und 1929 Büroinspektor und 1930 Stadtinspektor. Im Jahr 1932, also noch vor der Durchsetzung der Nationalsozialisten, wechselte Heinrich Beßmann in den polizeilichen Verwaltungsdienst der Stadt Gelsenkirchen. Hier war er u.a. für die Gewerbeordnung, das Marktwesen, die Viehseuchengesetzgebung, die Überwachung der Feld-, Forst-, Fischerei-und Jagdgesetze und die Fleischbeschau zuständig. Gleichzeitig erhielt Heinrich Beßmann auch Aufgaben der Obdachlosenpolizei.

Während der Weimarer Republik war Beßmann Mitglied der Zentrumspartei, in der sich vor allem das sozial heterogene Lager des politischen Katholizismus sammelte. Dieser Partei, die die Nationalsozialisten wegen ihrer überwiegenden Unterstützung der Weimarer Republik verächtlich als "Systempartei" bezeich- neten, hielt Beßmann seit 1918 bis zu ihrer Selbstauflösung und Kapitulation vor dem Nationalsozialismus am 29. Juni 1933 die Treue. Mit seiner Mitgliedschaft im Katholischen Beamtenverein Gelsenkirchen-Bulmke bekundete Beßmann auch über seine Parteimitgliedschaft hinaus seine Zugehörigkeit zum katho- lischen Lager. Nach der Übertragung der Macht an die Nationalsozialisten trat Beßmann am 26. Septem- ber 1933 der NS-Volkswohlfahrt bei, dann auch dem RLB und 1936 dem Reichskolonialbund.

Obwohl Beßmann also nicht, wie viele andere "anpassungsfähige" Beamte, mit fliegenden Fahnen zu den Nationalsozialisten überging, konnte er offenbar relativ problemlos sowohl bei der Stadtverwaltung als auch beim Stadtpolizeiamt bleiben. 1939 wurde Heinrich Beßmann dann Abteilungsleiter des Stadtpoli- zeiamtes (22/1) und leitete damit die Verwaltungspolizei. In dieser Funktion finden sich die Unterschriften Beßmanns unter nahezu allen wesentlichen Schriftstücken beim Prozeß der Verfolgung der Sinti und Roma in Gelsenkirchen.

Während des Zweiten Weltkrieges verschlechterte sich der Gesundheitszustand von Heinrich Beßmann offensichtlich erheblich. Immer wieder wurde er dienstunfähig. Vom Heeresdienst wurde er freigestellt. Noch am 11. Juli 1944, praktisch unter ständigem Bombenhagel auf Gelsenkirchen, genehmigte man Beßmann eine Kur, die dieser allerdings nicht mehr antrat. Wegen seines schlechten Gesundheitszustandes arbeitete der Beamte schließlich 1944 nur noch halbtags. Obwohl das "Dritte Reich" für alle sichtbar allmählich unterging und Gelsenkirchen in Schutt und Asche versank, fand die Organisationsabteilung der Stadtverwaltung am 2. August 1944 noch die Zeit für eine Anfrage an die NSDAP-Kreisleitung Emscher-Lippe, ob Beßmann "nach seiner bisherigen Einstellung die Gewähr dafür bietet, daß er jederzeit rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat eintritt." Die Antwort des Leiters des Kreispersonalamtes des NSDAP-Kreises Emscher-Lippe vom 25. August 1944 lautete: "Der Oben- genannte ist nicht Mitglied der NSDAP; er gehört lediglich als zahlendes Mitglied der NSV an. Auf Grund seiner starken konfessionellen Bindungen hat B. bisher jede aktive Mitarbeit innerhalb der NSDAP, oder ihrer Gliederungen abgelehnt. Den Nachweis nationalsozialistischer Einsatzbereitschaft hat er noch zu erbringen." Warum diese Anfrage zur politischen Zuverlässigkeit Beßmanns mit ihrem erstaunlichen Ergebnis durchgeführt wurde, ist wohl nicht mehr festzustellen.

Auf jeden Fall wurden Beßmann keine Schwierigkeiten gemacht, als er aus gesundheitlichen Gründen am 28. November 1944 um Versetzung in den Ruhestand bat. Im Chaos des untergehenden "Dritten Reiches" entschied die Stadtverwaltung am 6. Dezember 1945, daß Heinrich Beßmann zum 1. April 1945 in den Ruhestand treten könne. Noch am 16. März 1945, etwa zwei Wochen vor dem Einmarsch der Amerikaner in Buer, erging seitens der Stadtverwaltung eine Mitteilung an Heinrich Beßmann über dessen Pension. Nach der Versetzung in den Ruhestand verließ Beßmann Gelsenkirchen und kehrte in seinen münsterländischen Geburtsort zurück. Heinrich Beßmann starb am 17. Seprember 1964.

Quelle: Stefan Goch "Mit einer Rückkehr nach hier ist nicht mehr zu rechnen" - Verfolgung und Ermordung von Sinti und Roma während des "Dritten Reiches" im Raum Gelsenkirchen, Essen 1999. Stadtpolizeiamtsleiter Heinrich Beßmann, S.58-60.


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. Juli 2017.

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