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Dr. Hans Bludau

Der SS-Arzt Dr. Hans Bludau wurde am 20. 6. 1904 als Sohn des Oberstudienrates Aloys Bludau in Coesfeld geboren. Er machte 1925 u. a. mit Karl Bendix am Gymnasium Nepomucenum sein Abitur, studierte Medizin in Innsbruck, Kiel und Münster und absolvierte Praktika am Marienhospital Gelsen- kirchen. 1932 wurde er Assistent am Bakteriologischen Institut der Hygienischen Anstalt der Universität Jena, wo er 1935 promoviert wurde.

1937 heiratete er in Dessau Irene Studte (1914 – 1989) aus Chemnitz. Er trat am 1. 5. 1933 in die NSDAP und 1938 in die SS ein und wurde Leiter einer Sanitätsstaffel Berlin. Er wurde Mitglied des SS-Totenkopf- verbandes Sachsenhausen und stieg dann in den Stab der Sanitätsabteilung im KZ Sachsenhausen auf. Im September 1941 wurde er im Frontdienst mit der Übernahme eines Feldlabors zum SS-Sturmbann- führer ernannt und war als Leiter des bakteriologischen Feldlabors B des vom Kommandostabes "Hege- wald" betriebenen deutschen Hygieneinstituts für das Ostland in Riga direkt dem Sonderbeauftragten des Hygieneinstituts der Waffen SS Joachim Mrugowski unterstellt, der ab Januar 1942 "Seuchenkommissar für das Ostland" geworden war. Anfang Februar 1942 inspizierte Bludau wegen einer Fleckfieberseuche das Ghetto in Riga, in dem 7 Wochen zuvor die sogenannten "Reichsjuden" aus Coesfeld und Westfalen eingetroffen waren.

Bludau war für die "Entwesung" und Desinfektion der Lagerbestände und der zurückgelassenen Kleidung der vorhergehenden Ghettoinsassen zuständig, die gerade erst 2 Monate zuvor ermordet worden waren. Sein Aufenthalt in Riga zog sich bis Ende 1942 hin, am 8. September 1942 wurde dort sein Sohn Harald geboren. Er kehrte nach Berlin zurück und nahm seinen Dienst im Führungshauptamt der SS in der Amts- gruppe D wieder auf. In diesem Zusammenhang hatte sein Chef Mrugowsky, am 6. 5. 1943 Bludaus Beför- derung zum Obersturmbannführer der SS beantragt (vergleichbar mit den Militärdienstgrad Oberstleut- nant). Obergruppenführer Walter Schmitt, Leiter des Personalhauptamt lehnte zunächst die Beförderung ab, bis der Chef des Sanitätswesens der SS Brigadeführer Genzken sich für die Beförderung Bludaus aussprach, die dann am 21. 6. 1943 erfolgte. Genzken war ab 1943 sein Chef als Leiter der Amtsgruppe D im Führungshauptamt der SS. Er blieb in Berlin und am 10. Oktober 1944 wurde in Berlin seine Tochter Oda geboren. Danach, am 10. 12. 1944, erfolgte sein Versetzung vom erweiterten bakteriologischen Feldlabor des 2. Zuges zum Bakteriologischen Feldlabor im Oberabschnitt 21 "Böhmen und Mähren" der SS und der Polizei in Prag. Dort war er als Leiter dieses Labors für Hygienefragen tätig.

Am 1. Mai 1946 kommt Dr. Hans Bludau aus Kriegsgefangenschaft nach Coesfeld zurück, wo er zusam- men mit seiner Familie in Goxel 42 lebte. Wegen Zugehörigkeit zur Waffen SS wird er 1947 zu 6 Monaten Haft verurteilt. Nach Entlassung aus der Internierungshaft 1948 geht er mit seiner Familie nach Ochtrup, kehrt allerdings am 2. Mai 1949 nach Goxel zurück und zieht am 18. 2. 1950 zu seiner Mutter in die Eschstr. 8 in Coesfeld. Am 19. November 1951 schließlich meldet sich Dr. Bludau zusammen mit seiner Familie und seiner Mutter nach Gelsenkirchen in die König-Wilhelmstraße 78 ab. Er erhält eine Anstellung beim Marienhospital in Gelsenkirchen, wo er bereits nach seinem Staatsexamen 1931/32 als Medizinalpraktikant gearbeitet hatte. Dr. Hans Bludau starb am 10. April 1978 in Gelsenkirchen.

Dr. Hans Bludau war ein überzeugter Nationalsozialist. Nach seinem Eintritt in die Partei am 1. 5. 1933 - er hatte gerade eine Stelle beim Bakteriologischen Institut in Jena angetreten – war er dort von November 1934 bis August 1935 politischer Blockleiter tätig. Nach seiner Promotion und Heirat wurde er in die SS aufgenommen. Vorbehalte, die ihm gegenüber wegen seiner Zugehörigkeit zur katholischen Kirche bestanden, wurden von seinem Ortgruppenleiter Kirchfeld aus Brieselang bei Berlin in einem Schreiben vom 30. 10. 1938 an den Reichsführer SS Himmler relativiert. Er bezeichnet Bludau als einen zuverlässi- gen und treuen Menschen, der in geordneten Verhältnissen lebe. Mit Rücksichtnahme auf seine alte und sehr fromme Mutter sei Bludau der Kirche gegenüber nicht so frei, wie er es gerne sein würde. Er, Dr. L. Kirchfeld, könne den Parteigenossen Bludau nur in jeder Hinsicht empfehlen. Dies Schreiben ging am 1. 11. 1938 im Hauptamt ein und Bludau wurde am gleichen Tage in die SS aufgenommen. 1944 gab Bludau an, auch Mitglied des von der SS getragenen Vereins Lebensborn e. V. zu sein.

Da Dr. Hans Bludau, spätestens seit 1938, mit der Erforschung der Wirkung und mit dem Einsatz von Zyklon B zu tun hatte, sei hier ein kurzer Blick auf Zyklon B geworfen. Zyklon B wurde in großen Mengen (160 – 411t jährlich) als "Entwesungsmittel" zur Vernichtung von Wanzen und Läusen von der Wehrmacht und der Waffen-SS eingesetzt. Insbesondere die Läuse waren die Überträger des Fleckfiebererregers und damit Auslöser der gefürchteten Seuchen. Das Patent auf Zyklon B hatte die Degesch in Frankfurt und sie vermarktete es über die Vertriebsgesellschaften "Testa" (Tesch & Stabenow) für die geografischen Berei- che östlich der Elbe, und die "Heli" (Heerd-Lingler) für die westlichen Bereiche. Geschäftsführer bei der Degesch war der Chemiker Dr. Gerd Friedrich Peters. Zyklon B war das "Entwesungsmittel" der Wahl und wurde in Dessau und in Kolin bei Prag hergestellt. Ab 1942 wurde Zyklon B in Auschwitz auch zur mas- senhaften Ermordung von Menschen eingesetzt und damit unauflöslich mit dem Mord an den Juden verbunden. Dr. Hans Bludau war zunächst in der Amtsgruppe D des Führungshauptamtes der SS in Berlin angestellt. Ab September 1941 wurde er zum Leiter des zentralen deutschen Feldlabors für das Ostland mit Dienstsitz in Riga ernannt. Er besichtigte am 3. Februar 1942 das Ghetto in Riga und bestand zusammen mit dem "Höheren SS und Polizeiführer" Friedrich Jeckeln auf einer zügigen und gründlichen Desinfektion und "Entwesung" der Gebäude des Ghettos. Dr. Bludau, der versiert war im Umgang mit Zyklon B, bezog dieses Gas über das Hygieneinstitut der Waffen-SS. Hier arbeitete auch der später bekannt gewordene Kurt Gerstein, der die fahrbaren und stationären Desinfektionsanlagen konstruiert hatte und auch mit der Beschaffung von Zyklon B befasst war. 1942 wurde Gerstein Abteilungsleiter der Abteilung Gesundheitstechnik in diesem Hygieneinstitut.

Auch in seiner Zeit von 1943 bis 1944 im Führungshauptamt der Waffen-SS hatte Dr. Bludau mit dem Einsatz von Zyklon B zu tun. Der aus dem Zyklon B freiwerdende Cyanwasserstoff (Blausäuregas) wirkt auf Menschen wesentlich schneller tödlich als bei Läusen, so dass nur etwa vier Kilogramm Zyklon B bei der Massentötung von 1000 Menschen erforderlich war. Da also in Auschwitz nur ein relativ kleiner Teil der Zyklon B Lieferungen seit 1942 für die Tötung von Menschen eingesetzt wurde, wurde dieser bei der Beurteilung der Liefermengen für Außenstehende nicht auffällig. Da Bludau weder über die Liefermengen noch über deren Verwendung Einblick hatte, kann man eine unmittelbare Beteiligung Bludaus an der Tötung von Menschen ausschließen. Dass er aber durch die Gespräche z. B. auf der "3. Arbeitstagung der beratenden Ärzte Ost" vom 24. – 26. Mai 1943 in der Militärärztlichen Akademie Berlin, bei der er nachweislich anwesend war, mit Mrugowski, Genzken, Pfannenstiel, Ding-Schuler und Poppendick vom Missbrauch des Zyklon B erfahren hat, ist dagegen mehr als wahrscheinlich. SS-Obersturmbannführer Prof. Dr. med. Pfannenstiel aus Marburg war sogar Augenzeuge der Tötung durch Gas, als er im August 1942 an eine Besichtigungsreise mit SS Sturmführer Rolf Günther, dem Stellvertreter Eichmanns und Kurt Gerstein, dem technischen Leiter des Desinfektionsdienstes in das Vernichtungslager Belcec bei Lublin teilgenommen hatte, um die "Vernichtungsmethoden" mit Dieselabgasen und Blausäure zu vergleichen

Quelle: Dieter Westendorf, Hans-Joachim Westendorf, Schicksale der jüdischen Coesfelder zwischen Bedrohung und Ermordung 1919-1945, Coesfeld, 2013


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. August 2017.

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