STOLPERSTEINE GELSENKIRCHEN

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Emil Kirdorf

Emil Kirdorf war zeitlebens als Reaktionär für seine autoritären Ansichten bekannt. Er lehnte die Weimarer Republik ab, die er "Pöbelherrschaft" nannte, und trat gegen die Arbeiterbewegung und die Gewerkschaf- ten an. Nach seiner Überzeugung hätte der Staat und Unternehmer die soziale Ordnung festzulegen. Den demokratischen Staat bekämpfte er. Kirdorf war ein überzeugter Antisemit und Nazi, dessen Engagement und Freundschaft zu Hitler auf der einen, und dessen Kontakte zur Industrie auf der anderen Seite letzt- endlich dazu beitrugen, die Nazis an die Macht zu bringen und zwar mit allen Konsequenzen: Abschaffung der Demokratie, Errichtung einer Terrorherrschaft, Schaffung neuen Lebensraums im Osten, Vernichtung von Juden, Ausländern und Randgruppen, Zwangsarbeit, Sklaverei und Krieg.

Die vereinigten Bergwerke Rheinelbe und Alma waren die Stammzechen der von dem Industriellen Fried- rich Grillo 1873 geschaffenen "Gelsenkirchener Bergwerks-AG" (GBAG), deren Verwaltungsgebäude in Gelsenkirchen entstanden. Zentraler Akteur der GBAG wurde deren bis 1926 amtierender Generaldirektor Emil Kirdorf, der im Unternehmen und auch politisch einen autoritären Kurs vertrat, nach dem die Unter- nehmer uneingeschränkt "Herr im Haus" waren. Er organisierte das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndi- kat und auch die "Ruhr-Lade" als Fonds der Montanunternehmen gegen die Gewerkschaften.

Die GBAG wuchs mit der Konzentration der Montanindustrie zum größten Bergbauunternehmen Europas heran und wurde Ende der 1920er Jahre Teil der Montan-Holding "Vereinigte Stahlwerke". In der Weimarer Republik unterstützte Emil Kirdorf antidemokratische Kräfte. Auf Kirdorfs Veranlassung hin verfasste Hitler eine Broschüre mit dem Titel Der Weg zum Wiederaufstieg, die von Kirdorf an andere Unternehmer verteilt wurde. Daraufhin hörten sich am 26. Oktober 1927 14 „Wirtschaftsführer“ einen Vortrag Hitlers im Hause Kirdorfs an. Er förderte Hitlers Verbindungen zur Industrie, organisierte beispielsweise im August 1931 einen Meinungsaustausch Hitlers mit 30 bis 40 Vertretern der Kohle- und Stahlindustrie.

Am 27. April 1927 hielt Hitler einen Vortrag mit dem Titel "Führer und Masse" vor Wirtschaftsführern in Essen. Auch Kirdorf war anwesend. Am 4. Juli 1927 traf er sich erstmals mit Hitler und wurde bald darauf Mitglied der NSDAP. So wurde Kirdorf aktiver Förderer des Aufstiegs Adolf Hitlers. Weil ihm der Antikapi- talismus der Nationalsozialisten um Gregor Strasser zu stark erschien, trat Kirdorf schon 1928 aus der Partei aus und wandte sich wieder der DNVP zu. Den Kontakt zu Hitler pflegte er jedoch, sodass er beim Reichsparteitag in Nürnberg vom 1. bis 4. August 1929 Ehrengast war.

Joseph Goebbels machte in seinem Tagebuchunter dem 15. November 1936 die Eintragung: "Wie arm sind wir damals gewesen. Führer erzählt, wie er sich einmal erschießen wollte, weil ihm die Wechselschul- den über den Kopf wuchsen. Da hat ihm Kirdorf mit 100.000 Mark geholfen."

1934 trat Kirdorf der NSDAP wieder bei. 1937 schrieb er über Hitler: "Vor allem befreite er uns von dem mörderischen Klassenkampf. Der ganz große Gewinn im Innern ist in der Wiedererstehung und Wieder- erstarkung der Volksgemeinschaft zu erblicken." Hitler umschmeichelte Kirdorf als "nationale Legende". Dessen Geburtstage ließ er mit Fackelzügen feiern. Kirdorf war Träger des Goldenen Parteiabzeichens. Am 10. April 1937 notierte Joseph Goebbels in sein Tagebuch: "Der Führer ist sehr lieb zu Kirdorf. Er verdankt ihm aus der Kampfzeit die Rettung seiner Partei und seiner Person." Zu Kirdorfs 90. Geburtstag 1937 verlieh Hitler den Adlerschild an Kirdorf, die höchste zivile Auszeichnung des nationalsozialistischen Deutschen Reiches.

Im April 1938 führte die Stadt Gelsenkirchen das "Goldene Buch" der Stadt ein. Erster Eintrag: Geheimrat Emil Kirdorf. Wenige Monate später, am 13. Juli 1938, starb Kirdorf, der auch Ehrenbürger der Stadt Gelsenkirchen war, völlig unerwartet in Mühlheim/Ruhr. Die Trauerfeierlichkeiten zur Beisetzung von Emil Kirdorfs wurden von den Nationalsozialisten zu einer bombastischen Trauer- und Beisetzungsfeier aufge- bläht. Zwei Tage lang, am 14. und 15. Juli wurde in den Gelsenkirchener Zeitungen fast ausschließlich über den Tod Kirdorfs berichtet. Bezeichnenderweise wurde die Trauerfeier für den 1938 verstorbenen Emil Kirdorf, die im Gebäude der Zeche Rheinelbe in Gelsenkirchen-Ückendorf inszeniert wurde, der einzige Anlass, zu dem Adolf Hitler Gelsenkirchen besuchte.

Der "Nestor des deutschen Bergbaus" - so wurde Emil Kirdorf von der NS-Presse genannt, wurde in der Halle der Zeche Rheinelbe aufgebahrt. Das bot nicht nur der Stadt Gelsenkirchen, sondern auch dem NSDAP-Gau Westfalen-Nord die Möglichkeit, eine Totenfeier besonderer Art zu inszenieren. Von dieser Totenfeier erhoffte man sich eine enorme Propagandawirkung. So wurde dann auch das gigantomanische Feierszenario am 15. Juli groß in der Presse angeküngigt.

Die Gelsenkirchener Allgemeine Zeitung schrieb am 15. Juli 1938:

"Vom Beginn der Rheinelbestraße an der Bochumer Strasse bis zum Haupteingang des Verwaltungs- gebäudes (...) sind links und rechts über 60 Pylonen aufgestellt (...) Durch diese Reihe von goldenen Hoheitszeichen der Bewegung wird der Tote seine letzte Fahrt machen zur Festhalle der Schachtanlage Rheinelbe. Der Weg vom Haupteingang bis zur Halle und das ganze umgebende Zechengelände sind mit weit über 50 mächtigen Fahnenmasten ausgerüstet, an denen im Laufe des heutigen Tages die Fahnen auf halbmast gesetzt werden. Die Halle selbst, in der der große Tote Sonnabendmorgens aufgebahrt werden wird, erhält die würdigste Ausschmückung. Die Wände werden Schwarz und mit den Fahnen der Bewegung sowie mit dem Symbolen der Arbeit ausgeschlagen und ausgestattet. In diesem würdig und feierlich geschmückten Raum werden die Lebenden zum letzten Male Abschied nehmen von dem toten Wirtschaftsführer und nationalsozialistischen Altgardisten."

Die Beisetzung Kirdorfs wird instrumentalisiert und - ganz Sinne der Nazipropaganda - zur "Huldigung" an den Führer benutzt. Es gab immer noch den eigentlichen Anlass, die Beisetzung Kirdorfs, im Mittelpunkt stand jetzt jedoch viel stärker die Tatsache, dass Hitler zum ersten (und auch einzigen) Mal Gelsenkirchen besuchte. An der überdimensionierten Trauerfeier nahm Hitler persönlich teil. Bei dem anschließenden Trauerzug durch die Gelsenkirchener Innenstadt war der "Führer" jedoch nicht mehr zugegen. Der Sarg wurde von Himmler, Gauleiter Alfred Meyer und weiteren "Größen" des Regimes und Scharen von SA-Leuten begleitet. Himmler und die Naziführung drohten damit, das Stadtzentrum zu verwüsten, "weil sich dort noch immer so viele Jüdische Geschäfte befinden."


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. August 2017.

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