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Arbeitserziehungslager (AEL)

Die Verhältnisse in den AEL brutalisierten sich in der zweiten Hälfte des Krieges soweit, das sie die KZ an Bestialität teilweise noch übertrafen. Immer mehr der eingelieferten Ausländer überlebten seit 1942 ihre Haft in einem AEL nicht. Die Zahl der bei den kommunalen Standesämtern verzeichneten Sterbefälle stieg dramatisch an. Darüber hinaus muss noch mit einer hohen Dunkelziffer gerechnet werden, denn die La- gerverwaltungen meldeten längst nicht alle Toten den Behörden.

Die letzte Phase der Expansion der AEL vollzog sich seit Herbst 1943 in Form von betrieblichen und kommunalen Auffang- und Erziehungslagern. Die SS kümmerte sich nicht mehr um die neu enststehenden polizeilichen Auffanglager. Und da ihre reichsweite Vereinheitlichung ausblieb, erhielten die neuen Poli- zeihaftlager von den örtlichen Dienststellen die unterschiedlichsten Bezeichnungen. Sie wurden als Auf- fang-, Arbeitszucht-, Erziehungs-, Sonderlager oder auch als "erweiterte Polizeigefängnisse" geführt.

Der Mangel an Haftraum war längst zum alles bestimmenden Problem der Gestapo geworden. Die beste- henden AEL und Polizeigefängnisse konnten die wachsenden Massen an Häftlingen nicht mehr aufneh- men. Trotz des allgegenwärtigen Terrors flüchteten nach Schätzungen des RSHA seit Mitte 1943 jeden Monat mindestens 45.000 Ausländische Zivilarbeiter von ihren deutschen Arbeitsplätzen, mit steigender Tendenz. In beispiellosen Menschenjagden nahmen die Polizeibehörden im Rahmen der "Kriegsfahndung" monatlich mehr als 35.000 Ausländer wieder fest.

Der Werksschutz der Rüstungsgroßbetriebe sowie Oberbürgermeister und Landräte begannen daraufhin im Auftrag der Getsapo betriebliche und kommunale Auffang- oder Erziehungslager zu gründen. Als die Sicherheitspolizei Anfang 1944 auf Drängen der Rüstungsindustrie auch im besetzten Westeuropa mit der polizeilichen Fahndung und Rückführung geflohener Zwangsarbeiter begann, kam es im grenznahen rheinisch-westfälischen Industriegebiet zu einer regelrechten Gründungswelle betrieblicher Erziehungs- lager. Auch das AEL Essen-Mühlheim wurde im rheinisch-westfälischen Wehrkreis (VI) zur Drehscheibe der zwangsweisen Rückführung "vertragsbrüchiger" Niederländer in die Rüstungsgroßbetriebe des Ruhr- gebiets. Im März 1943 löste die Stapoleitstelle Münster das AEL Recklinghausen zugunsten des AEL Essen-Mühlheim auf.

Die neuen Auffang - und betrieblichen Erzeihungslager entstanden nunmehr als Unterkategorie der bis- herigen AEL an allen möglichen Orten, wie leerstehenden Schulen, Garagen oder Fabrikkellern. Sie wur- den nicht mehr von den Stapostellen selbst, sondern von deren untergeordneten Polizeistellen betrieben. Anstelle eines Gestapobeamten übernahm in den betrieblichen Erziehungslagern häufig ein Werksschutz- meister in den kommunalen Auffanglagern ein Gendarmerie, -Feuerschutz- oder Luftschutzpolizeiangehö- riger die Lagerführung.

Quellenwerk: Jan Erik Schulte (Hg.), "Konzentrationslager im Rheinland und in Westfalen 1933-1945 - Zentrale Steuerung - Regionale Initiative", darin ausf.: Gabriele Lofti, Arbeitserziehungslager im Rheinland und Westfallen, S.147-162


Andreas Jordan, Projektgruppe STOLPERSTEINE Gelsenkirchen. September 2018.

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